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Frida von Kronoff: Lebensart - Kapitel 20
Quellenangabe
typetractate
authorFrida von Kronoff
titleLebensart
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firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150825
projectid79dc494a
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IV. Der gute Ton in der Familie.

19. Das Verhalten der Eltern und Kinder.

Erziehung ist nicht Form allein und fromme Lehre,
Wo bliebe der Erfolg, wenn nicht das Beispiel wäre?

a) Über den Beginn der Erziehung.

Hinsichtlich des Beginns der Kindererziehung gehen die Meinungen im allgemeinen weit auseinander, die Schwachheit der Mutterliebe möchte denselben recht weit hinausschieben, wohlmeinende Pädagogen, denen der werdende Mensch mehr gilt als die weichliche Schonung des Kindes, bezeichnen den ersten Lebenstag als richtigen Erziehungsbeginn.

Und sie allein haben recht: wo das Wort noch nicht fruchten kann, wo die Begriffe noch unentwickelt und verworren sind, da wird das Beispiel der Eltern, wird die Stimmung der ganzen Umgebung doch von nicht zu unterschätzender Bedeutung bei der Heranbildung des jungen Lebewesens sein.

Lachende, freundliche Gesichter, muntere Laune, hübsche Dinge, schimmernde Farben, Sonnenschein und Blumenduft unterscheidet das Kind schon früh genug, unbewußt wendet sich sein ganzes Sein der Heiterkeit, dem Lichte, der Schönheit und Anmut zu, ein herrliches Wandergeschenk für den künftigen Lebensweg. Ungefähr im sechsten Lebensjahre soll das Kind aber noch Wichtigeres, und zwar mit vollem Bewußtsein unterscheiden, nämlich: Gutes und Böses, Lüge und Wahrheit, heitere und üble Laune, Unredlichkeit, Schmeichelei, kleine Listen. Ebenso soll es hinsichtlich des äußeren Verhaltens sein, wirkliche Verstöße gegen den guten Ton, soweit er kindlichem Wesen entspricht, dürfen nicht mehr nachgesehen werden.

Der natürliche Frohsinn des Kindes braucht darunter keineswegs notzuleiden, allein Bitten und Danken, bescheidenes Zurücktreten vor anderen und Älteren, unbedingte Folgsamkeit, Freundlichkeit, gute Laune, das sind Grundregeln, die bis zu dieser Altersgrenze wohl beigebracht, aufgefaßt und festgehalten werden können.

Freilich macht die Form allein noch nicht den edlen Menschen; wo es sich zu bewähren gilt, fällt die falsche Tünche rasch genug ab und offenbart die schlechtverhüllte Gesinnungslosigkeit, Hohlheit oder Roheit; um so wohltuender aber wirken des Herzens reinste und schönste Regungen, wenn sie der anmutenden Form nicht ermangeln.

Man sagt: »Das Kind erzieht die Eltern!« und diesem Satz liegt eine unbestreitbare Wahrheit zugrunde. Die Eltern werden sich mehr und mehr der erzieherischen Bedeutung des Beispiels bewußt, und während sie dem Kinde zugleich mit dem äußeren Anstand auch Herzens- und Geistesbildung einzuprägen suchen, werden sie selbst die schöne Form und den feinen Takt pflegen, ihre Grundsätze vertiefen, ihre Gefühlsäußerungen beherrschen und Ton und Sprache veredeln lernen.

b) Gute Angewöhnung des Kindes.

Man lehre das Kind sorgsam, deutlich und richtig reden; falsche Angewöhnungen sind schwer auszumerzen.

Ist dies erreicht, so soll das Kind freundlich grüßen und Adieu sagen, bitten und danken, ohne erst daran gemahnt zu werden; Dank und Bitte sind überdies nicht nur draußen und bei Fremden anzuwenden, sondern ausnahmslos auch bei Eltern, Geschwistern, Bediensteten und selbstredend bei Besuchen.

Ein kleines Mädchen soll hübsch und freundlich knicksen, sobald es angeredet oder zum Gruß zugelassen wird. Es soll aufstehen und mit artigem Gruß das Zimmer verlassen, wenn Besuch kommt. Älteren Leuten soll es freundlich Platz machen, herzutragen, was sie bedürfen. Der Mutter und besuchenden Damen hat es Stuhl und Fußbank bereitzustellen, ein Rückenkissen anzubieten, dem Vater Hut, Schirm und Stock abzunehmen, die Hausschuhe, kurz alles, was seine Bequemlichkeit bedingt, herbeizuholen.

Kleine Knaben sind durchaus nicht minder tributpflichtig, und es ist von großem Vorteil, dies stets festzuhalten, da sie sich gern um Höflichkeitspflichten herumdrücken. Bei Begegnungen mit Bekannten soll der Knabe ungemahnt seine Mütze artig abnehmen; hat er Antwort oder Auskunft zu erteilen, so behalte er die Mütze in der Hand. Betritt er das Gesellschaftszimmer, so hat er die Anwesenden mit einer kleinen Verbeugung zu grüßen; Damen und ältere Leute, aber auch Mutter und Schwester, läßt er stets vorangehen, er schreitet an ihrer linken Seite, ist bemüht, durch kleine hilfreiche Verrichtungen und Handreichungen, durch rasches Aufnehmen herabgefallener Gegenstände, durch Besorgungen und dergleichen gefällig zu sein.

Kinder haben zu schweigen, wenn Besuch da ist, wenn ältere Leute reden, wenn sie von Bekannten nicht direkt angeredet werden. Auf Fragen antworten sie bescheidenen Tones, doch verständlich, ja nicht allzu schüchtern, doch auch nicht allzu keck.

Schlechte Gesellschaft verdirbt gute Sitten, in dieser Hinsicht können selbst kleine Schulkamerädchen schon viel verderben. Man achte daher, sobald das Kind die Schule besucht, doppelt sorgsam auf die Art und Sprache des Kindes, häßliche Redensarten, Schimpfworte, gemeine Ausdrücke, verstümmelte Worte, halbfertige Sätze, Grimassen und ähnliche Unarten dürfen niemals geduldet werden.

Die Eltern sind des Kindes höchste Autorität, zu der es liebend und verehrend emporblickt; darum schau auf dich selbst mit prüfendem Auge, was du von deinem Kinde verlangst, mußt du selbst tun und lassen können.

An deinem guten Beispiel lernt es den aufsteigenden Mißmut und Jähzorn bezwingen, es lernt freundlich nachgeben, sich bescheiden, die Gemeinschaft als über dem einzelnen stehend, anerkennen.

Kinder sollen ihre kleinen Gäste freundlich begrüßen, ihnen neidlos ihr Spielzeug zur Verfügung stellen, die besten Bissen gönnen, ihren Wünschen nachgeben und ihr Vergnügen in jeder Weise zu erhöhen suchen. Unter solcher Voraussetzung kann selbst eine Kindergesellschaft, in einfachen Grenzen, von Vorteil sein, notwendig ist sie jedoch nicht, um die Kindheit zu bereichern; Kinderhand ist bald gefüllt.

c) Was einem Kinde nicht zukommt.

Das Kind darf sich keine üble Laune, kein herrisches Wesen, keine Befehlshaberei und Übelnehmerei angewöhnen.

Es darf andere, besonders Schwache, Arme und Gebrechliche nicht nachahmen oder verhöhnen, dies zeugt von Herzensroheit. Eigenheiten seiner Lehrer oder sonstiger Respektspersonen darf es niemals besprechen oder verlachen.

Es darf nicht streitsüchtig und zänkisch, grob oder mürrisch sein, weder gegen seine Geschwister noch im Freundeskreise.

Es wechsle die Freunde nicht nach Laune; necke nicht in ausgelassener, unartiger Stimmung; im Spiel darf es keine Regel verletzen, nicht täuschen, nicht die Hauptperson sein wollen.

Es darf seine Gäste nicht beleidigen oder lässig behandeln, keine Bevorzugung oder Mißachtung zeigen, darf als Gast nicht anspruchsvoll oder unbescheiden, mißlaunig oder allzudreist auftreten.

Kinder können viel Zank und Unfrieden zwischen Bewohnern desselben Hauses entfachen. Man dulde daher niemals lärmendes, trotziges, unhöfliches Gebaren in der Wohnung oder im Treppenhause, wilde, geräuschvolle Spiele, lautes Lachen, Rufen, Poltern, Trappen, Türzuschlagen usw.

Unwahre oder ungenaue Antworten und Angaben dürfen nicht geduldet werden, Ausreden, Besprechen und Beurteilen anderer Personen ebensowenig, jedes gehörte Wort soll buchstäblich, nicht verändert, entstellt oder aufgebauscht, wiedergegeben werden.

Erhaltene Befehle dürfen nicht umgangen, den Geschwistern aufgebürdet oder verschoben werden.

Tierquälerei jeder Art oder die Vernachlässigung zur Pflege überwiesener Hunde, Katzen, Kanarienvögelchen und anderer Tiere muß aufs strengste geahndet werden, sie sind der Urquell roher und grausamer Gesinnung. Ein gegen Tiere liebloses Kind wird sich auch mit seinen Geschwistern und Spielgenossen herumbalgen und sie schlagen, kleinere Kinder ängstigen und quälen.

Unhöflichkeit des Kindes gegen Dienstboten und Untergebene, Dreistigkeit gegen Erwachsene, Fremde und Besucher, Respektmangel gegen Lehrer und Geistliche oder gar gegen die Eltern muß gleich im allerersten Anfang scharf gerügt werden, Liebe und Ehrfurcht können und müssen sowohl von seiten der Eltern wie der Erzieher vom Kinde gefordert werden.

d) Allgemeines: Eltern und Kinder.

Das Selbstgefühl des Kindes soll nicht unvorsichtig geweckt und genährt werden, doch ist sein Ehrgefühl zu schonen.

Man darf Kinder nicht vor Fremden strafen und schelten; auch der Tadel verrate die bekümmerte Liebe.

Man soll Kinder nicht vor anderen bloßstellen oder in ihrer kindischen Anschauungsweise lächerlich machen.

Lobsprüche überhaupt, besonders vor Besuchern, sind zu vermeiden. Lob in geringem Maße und nur für gute Handlungen und Fleiß, niemals wegen bestechender Äußerlichkeit, ist wohltuend und fördernd, doch muß es mäßiger noch als Zuckerkonfekt gereicht werden.

Die Talente des Kindes sollen in der Stille gepflegt und sorgfältig ausgebildet werden; dieselben vor Fremden vorzuführen, wäre mehr als geschmacklos.

Ungemahnt soll das Kind sich zurückziehen, sobald Fremde anwesend sind oder Erwachsene gemeinsame Unterhaltung pflegen. Niemals darf es den Hauptunterhaltungsgegenstand bilden; seine guten Eigenschaften mögen die Eltern in der Stille erfreuen, Fremde werden sie lieber ungerühmt wahrnehmen, als sie preisen hören.

Der Name, die Verhältnisse und Eigenschaften oder Eigenheiten Dritter dürfen niemals vor Kindern erwähnt werden, am allerwenigsten rede man Schlimmes von anderen in ihrer Anwesenheit.

Kinderohren sind scharf, kindlichreines Empfinden ist leicht verletzt; darum, liebe Eltern, leget jedes Wort auf die Wagschale des Gewissens, damit diese holde Unschuld nicht zerstört werde!

Reden die Eltern nur in ziemlichen Ausdrücken, so werden sich auch die Kinder scheuen, rohe, unpassende, gemeine Worte zu gebrauchen.

Im Hause herrsche Frieden und Eintracht, sie sind der Sonnenschein, in dessen Licht und Wärme das Kind gedeiht. Bittere, herbe, anklagende Worte greift es auf und hält sie in der Erinnerung fest; naturgemäß nimmt es bald Partei; wem soll es sich zuneigen, wem entfremden?

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