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Frida von Kronoff: Lebensart - Kapitel 17
Quellenangabe
typetractate
authorFrida von Kronoff
titleLebensart
publisher
year
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150825
projectid79dc494a
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16. Das Verhalten in der Kirche, in Museen usw.

»Kirchengehen säumet nicht!«
Diesem Lieblingsspruch der Alten
Soll man unter Lust und Last
Stets ein Pförtlein offen halten.

a) Das Verhalten in der Kirche.

Festtäglich, jedoch bescheiden und unauffällig sei der Kirchenanzug gewählt, die Kirche ist nicht der Ort, mit den neuesten Modeerzeugnissen zu prunken. Erhoben sei der Geist, allen irdischzerstreuenden Kram hinter sich lassend, festlich geschmückt Herz und Seele, denn sie empfinden und erfassen des Sonntags heiligste Weihe.

Schon während des Kirchganges enthalte man sich weltlicher Einflüsse und Interessen; gesammelt in Schritt und Haltung, habe man nur das eine Ziel vor Augen.

Spätkommen suche jedes nach Tunlichkeit zu vermeiden. Auf keinen Fall darf die Predigt gestört werden. Beim Eintritt während des Gesangs oder Eingangsgebetes verharre man in stiller Andacht bis zur folgenden Pause, um dann erst den gewohnten Platz einzunehmen.

Ist dieser bereits zuvor besetzt, so ist unauffälliger Verzicht geraten, Abonnementssitze gibt es in der Kirche nicht. Namentlich ältere oder sichtlich schwache Personen lasse man ruhig im Besitz desselben; doch ist auch der anspruchsvollen Jugend gegenüber stummer Verzicht besser als ein wenn auch lautloser Streit um das gefährdete Recht. Bei anderer Gelegenheit und an anderem Orte läßt sich unnachsichtlich nachholen, was man hier der rücksichts- und gedankenlosen Jugend hingehen lassen muß.

Vor dem Niederlassen wird unter demütiger Hauptbeugung ein kurzes, stilles Gebet verrichtet. Das Platznehmen geschieht geräuschlos, unter Vermeidung auffälligen Kleiderrauschens. Nebensitzende werden durch leichtes Kopfneigen begrüßt.

Beim Erblicken bekannter Personen wird nur ein leichter, gehaltener Gruß gewechselt.

Gemeindegesang ist kein Kunstgesang, die Beteiligung daran ist also jedem ermöglicht, möge er nun Stimmbegabung besitzen oder nicht. Wer nicht zu singen vermag, erbaue sich während des Gesanges wenigstens an den schönen, gehaltvollen Liedertexten.

Ein Umherblicken in der Kirche oder Flüstern mit den Banknachbarn verbietet sich von selbst an heiligem Orte. Die gesammelte Anteilnahme an der Predigt findet ihren Ausdruck durch Aufblicken zum Geistlichen oder stilles Vorsichniedersehen.

Vor gespendetem Segen soll die Kirche nicht verlassen werden, es sei denn wegen plötzlich eintretenden Übelbefindens.

Das Kirchenopfer entspreche den persönlichen Mitteln; man bedenke, daß man sich leichter eines nichtigen Tandes enthalten kann, als der Teilnahme an kirchlichen Werken.

Jeder Ort, jedes Land hat seine eigenen Gebräuche; es wäre falsch und verletzend, diese zu mißachten, weil sie etwa unseren gewohnten Glaubensformen nicht entsprechen.

Passend ist es, Gebräuche Andersgläubiger mitzumachen, nimmt man an ihrem Gottesdienste teil; doch kann man sich auch abgesondert halten und so die üblichen Formen unauffällig übergehen.

Zeremonien, die unserem Gefühle widersprechen oder deren tieferer Sinn uns verborgen ist, dürfen wir keineswegs bekritteln oder verkleinern; allein es steht uns frei, uns vor Ausübung derselben zurückzuziehen.

Man bedenke, daß allem Formenwesen der wahre Gehalt, die Religion zugrunde liegt.

b) Das Verhalten in Museen und Kunstausstellungen.

Kunstwerke aller Art sind ganz besonders dem Schutze des Publikums empfohlen, man merke sich daher vor allem:

Hut und Stock werden im Vorraum zurückgelassen.

Nur die Augen sind genußberechtigt, nicht die Hände; alles Berühren von Kunstgegenständen ist ausdrücklich verboten.

In Kunsthandlungen zur Ansicht aufliegende Kunstblätter werden vorsichtig nur am Rande angefaßt; Kartonränder wie Karten nur an der Schärfe des Schnittes. Nicht der weiße Rand besitzt Kunstwert, er kann erneuert werden und dient zum Schutze.

Der Kunstverständige und Gebildete verrät sich sowohl in der Art, ein Bild zu halten als auch es zu betrachten.

Unverlangtes Urteil halte man ebenso weise zurück wie unverständige Bemerkungen.

Zum richtigen Verständnis der Ausstellung gehört ebenso notwendig ein Katalog wie ein Textbuch zur Oper.

Man darf sich mit Andacht und Interesse in ein Kunstwerk vertiefen, allein nicht dauernd anderen den ungestörten Anblick vorenthalten.

Viele glauben, in der Menge des Gesehenen bestehe der gehabte Genuß. Das ist jedoch grundfalsch, denn Überfülle verwirrt, während einzelne genau betrachtete und verstandene Stücke dauernden Eindruck hinterlassen und so das Wissen bereichern.

Im allgemeinen taugen Kinder nicht zum Besuch von Kunstausstellungen und Museen. Allzuviel Verwirrendes und Unverständliches bestürmt ihr noch unentwickeltes Begriffsvermögen. Doch gibt es auch gelegentliche Ausstellungen, die dem kindlichen Interessenkreise entsprechen, dort mögen sich durchaus bescheidene, gesittete Kinder immerhin ergötzen.

c) Allgemeines über Kirchenbesuch.

Nicht der Rang oder die persönliche Beliebtheit des Geistlichen macht den Gehalt der Predigt aus.

Man folge mit Ernst und Andacht der Predigt, erfasse sie in ihrer Tiefe und Bedeutung, und selbst Unvollkommenes wird darin untergehen.

Sei kein Modechrist, sondern ein demütig Bittender vor Gottes Thron, der nicht Rang noch Reichtum, weder äußeren Prunk noch gute Werke zur Schau trägt. Aus Herzensgrund steige dein Gebet empor, ist doch all dein Tun und Wollen eitel Stückwerk vor dem prüfenden Auge des Allmächtigen.

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