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Frida von Kronoff: Lebensart - Kapitel 16
Quellenangabe
typetractate
authorFrida von Kronoff
titleLebensart
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firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150825
projectid79dc494a
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15. Das Benehmen in Konzert und Theater.

Genieße still, dein Wesen zu vertiefen!
Wenn all die andern lachten oder schliefen
Dieweil du dich erbaust: dir gilt es gleich:
was in dir ist, macht glücklich dich und reich.

a) Beim Betreten des Theaters.

Eine grobe Unsitte ist das Zuspätkommen des Publikums, so daß der erste Akt des Schauspiels, das Eröffnungsstück der Oper schon fast vorüber ist. Viele glauben dies ihrem Ansehen schuldig zu sein, wähnen es vornehmer, spät zu kommen und vorzeitig zu gehen, gleichsam als gehörten Anfang und Ende gar nicht zum Ganzen, als brauchten sie, die Belesenen, an geistige Genüsse Gewöhnten nur den Rahm derselben wegzunaschen.

Dies ist grundfalsch. Wer Genuß oder Belehrung sucht, nehme das Ganze in sich auf, wer keinen Sinn dafür hat, verzichte lieber darauf, anstatt anderen den erhofften Genuß zu verkümmern.

Ist eine Verspätung aus triftigen Gründen unvermeidlich, so trete man leise ein und warte eine Pause ab, um seinen Platz aufzusuchen. Beim Durchschlüpfen durch die Bankreihen kehre man den gefällig aufstehenden und belästigten Zuschauern das Gesicht zu, eine Regel, die wenig bekannt scheint oder doch häufig außer acht gelassen wird.

Die Oberkleider werden in der Garderobe zurückgelassen, die nötigen Bürstenstriche, das Zurechtzupfen verschobener Schleifen und Spitzen ebenda abgemacht.

Die in den hinteren Bankreihen befindlichen Zuschauer haben Anspruch auf unverkümmerte Aussicht. Es empfiehlt sich daher für Damen, eine unauffällige Haarfrisur zu tragen, den Hut abzulegen, oder besser noch, Schleier oder Kapuze zu wählen, die man auch selbst zur Hand behalten kann.

b) Das Benehmen während der Vorstellung.

Opernglas, Theaterzettel und Textbuch sind notwendige Ausrüstungsstücke für jeden Theater- oder Konzertbesucher; er verlasse sich dabei nur auf sich selbst, denn der Mangel derselben bedeutet eine Beeinträchtigung seines Genusses, andere darum zu behelligen, wäre unfein und aufdringlich.

Der einmal eingenommene Platz wird still beibehalten; Veränderungen, weil etwa ein anderer, unbesetzter günstiger oder bequemer erscheint, sind unzulässig.

Der Gebrauch des Opernglases sei maßvoll; unbeschränkt natürlich für Bühne und Podium, denn dazu dient es, im Zuschauerraum indes möglichst wenig angewandt, namentlich gehört das Fixieren einzelner Personen keineswegs zum guten Ton.

Wird eine Dame auffällig durch Opernglas oder Lorgnette beobachtet, so vertiefe sie sich scheinbar ahnungslos in ihr Textbuch oder mache eine Wendung, die dem Taktlosen den Spaß verdirbt. Selbst die strengste Höflichkeitsregel kann nicht verlangen, daß sie zum Schaustück diene.

c) Während der Vorstellung.

Die Vorstellung darf durch keine lautgeführte Unterhaltung, Lachen oder halblaute Bemerkungen unterbrochen werden, ebenso vermeide man heftiges, geräuschvolles Umschlagen der Textblätter, es wirkt – von so vielen zumal ausgeführt, – wie ein stark knatterndes, überaus störendes Geräusch.

Bekannte werden während des Spiels nur mit leichtem Kopfneigen begrüßt, auch in den Pausen vermeide man störendes Aus- und Eindrängen, laute Begrüßungen und Bemerkungen.

Von der Bühne zum Zuschauerraum und von diesem zur Bühne darf selbst mit Blicken kein Verkehr gepflogen werden. Es sind nicht etwa Privatpersonen, sondern die Verkörperungen der dichterischen Gebilde, die wir dort vor uns sehen, das vergesse man nur nicht!

Beifallsspenden während des Spiels sind als geschmacklos zu unterlassen. Nach der Szene braucht der verdiente Beifall nicht vorenthalten zu werden, bewege sich aber in schicklichen Formen. Starkes, andauerndes Klatschen, – ist Anlaß dazu vorhanden, – bleibt stets Sache des männlichen Publikums; Damen klatschen nur leicht und kurz.

An Zeichen des Mißfallens beteiligt sich eine Dame nicht anders als durch Schweigen. Bei unerwartet anstößigen Stellen oder unsittlichen Einlagen darf sie jedoch schroff aufstehen und den Raum verlassen. Hier wäre rücksichtsvolles Selbstbeherrschen gleich stillschweigendem Wohlgefallen und kann von keinem Rechtdenkenden verlangt werden.

Auch Herren seien maßvoll im Bezeigen ihres Mißfallens, nur eine vorlaute Claque sollte ausgezischt werden. Die sittliche Reinheit des Dargebotenen braucht indes bei Herren nicht weniger ins Gewicht zu fallen als bei Damen. Theater und Konzert gelten als Bildungsmittel erlesener Art, die nicht unterschätzt werden dürfen.

d) Im Zwischenakt.

Der Zwischenakt, gleichsam die Ruhepause, welche dem Geist die erhaltenen Eindrücke vertieft, ihn für die kommenden empfänglich macht, wird von der Mehrzahl der Zuschauer zum Begrüßen von Bekannten oder kurzem Rundgang im Vorsaal benützt.

Das Naschen von Süßigkeiten, Obst und dergleichen gehört nicht in den Zuschauerraum; will man etwas genießen, so suche man in den Pausen den Erfrischungsraum auf.

Der Herr, welcher eine Dame ins Theater begleitet hat, darf dieselbe auch ins Foyer führen und wird die etwa gewünschte Erfrischung bereitwilligst besorgen. An der Dame ist es indes, einen diesbezüglichen Wunsch auszusprechen, doch wird sie dies zumeist taktvoll unterlassen.

Als Begleiter einer Dame stellt sich der Herr ihr über die ganze Dauer der Vorstellung zur Verfügung; Bekannte oder eine andere Dame in den Pausen aufzusuchen, verbietet sich alsdann von selbst.

Ist der Herr allein, so kann er indes wohl eine bekannte Dame in ihrer Loge aufsuchen, auch auf vorausgegangene Einladung während eines Teiles der Spielzeit dort verweilen.

Damen gebührt der Vorzug der vorderen Logensitze, auch dann, wenn die Plätze im Einzelverkauf erworben sind. Verzichtet die Dame auf den, seitens eines Herrn höflich angebotenen Vorzugsplatz, so bedarf es keines erneuten Andrängens.

e) Beim Verlassen des Theaters.

Der Unart, Konzert oder Theater vor beendigter Darstellung zu verlassen, haben wir bereits gedacht, es sei an dieser Stelle jedoch ganz nachdrücklich darauf hingewiesen, daß dies nicht nur ein Zeichen mangelnder Lebensart, sondern auch grober Rücksichtslosigkeit gegen andere ist. Wahre Kunstfreunde leben sich mit der Einleitung in den Geist des Dargebotenen ein, lassen mit den letzten Akkorden den Weihemoment in sich ausklingen!

Auch die Künstler haben Anspruch auf diese naturgemäße Rücksicht, ja diese erst recht, geben sie doch mit ihrer Darbietung ein bedeutendes Stück Geistesarbeit und Seelenleben hin.

Die Steigerung des Stückes oder des Programmes ist selbstredend gegen den Schluß hin verlegt, auch das Publikum erwärmt sich mit jeder Nummer mehr und mehr; folglich werden die Darsteller um den Gesamteindruck ihrer Leistung, die Zuhörer um den wirksamen Schlußeffekt betrogen durch die Rücksichtslosigkeit jener Blasierten, die ihr wichtiges Ich allem voranstellen.

Beim Aufbruch vermeide man das erste aufgeregte Gedränge; namentlich Damen verharren am besten auf ihrem Platze oder in einer geschützten Nische, bis der Raum übersichtlich geworden. Der begleitende Herr mag die Garderobesachen zur Stelle besorgen; in Ermangelung eines Begleiters ist ruhiges Abwarten des geeigneten Zeitpunktes anzuraten, oder man bediene sich überhaupt nur eines Schals und der Kapuze, die man leicht ohne Störung bei sich behalten kann.

Der späte Nachhauseweg gestaltet sich für Damen ohne Begleitung am mißlichsten. Erlauben es die Verhältnisse und Ortsgelegenheit, so bediene man sich eines Wagens oder der Straßenbahn. Andernfalls mag Abholung oder Anschluß an eine wenn auch nur oberflächlich bekannte Dame sich empfehlen.

Es gibt indes nicht wenig völlig alleinstehende Damen, denen zeitweilig geistiger Genuß zum unabweisbaren Bedürfnis geworden, der ihnen durch allzu engherzige Vorschrift auch wohl nicht verkümmert werden darf. Ihnen diene die Allgemeinheit zum Schutze. Unweit größerer heimkehrender Zuschauergruppen werden sie, rasch und zielbewußt dahinschreitend, schwerlich irgend welcher Unbill ausgesetzt sein oder doch rasch Beistand erhalten.

Das Geleite eines fremden Herrn ist abzulehnen, im Notfalle darf jedoch der Beistand eines unbekannten, vertrauenerweckenden Herrn unbedenklich angerufen werden, dann ist auch sein schützendes Geleite erlaubt.

f) Im Konzert.

Natürlich gilt auch hier als erste Regel zeitiges Erscheinen. Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige, – ein nachahmenswertes Beispiel!

Zuspätkommende haben den Saal geräuschlos zu betreten und die nächste Vortragspause abzuwarten, bevor sie ihren Platz aufsuchen.

Platzwechsel aus Rücksicht für eine Dame ist im Konzert nicht geboten; doch werden durch irgendwelche mißliche Umstände in ihrem Genuß verkürzte Damen solche Rücksicht stets dankbar anerkennen.

Unterhaltung während des Vortrags oder das leise Intonieren der Melodie ist scharf zu rügen, das Publikum soll hier noch mehr als im Theater »ganz Ohr« sein.

Nicht jedem sind die Musen hold, d. h. unter den Hörern befindet sich stets eine beträchtliche Anzahl solcher, die mehr um des guten Tones oder der Zerstreuung willen das Konzert besuchen, ohne irgend welches musikalische Empfinden zu besitzen. Sie langweilen sich, ganz besonders bei klassischer oder nur fachmännisch verständlicher Musik. – Allein auch hier verlangt das Gesetz der Höflichkeit ruhiges Verhalten mit Rücksicht auf diejenigen, welche vollgenießend jeden Ton in sich aufnehmen. In einer Pause mögen sie sich unauffällig entfernen; das Ausharren bis zum Schluß ist nicht unbedingt nötig.

Zwischen Künstlern und Publikum besteht während des Konzerts keinerlei Verbindung; es sind vollständig getrennte Parteien: Darbietende und Genießende, die Schöpfung des Ton- und Textdichters Vermittelnde und dieselbe in sich Aufnehmende, alle Privatinteressen treten zurück.

g) Allgemeines über Konzert und Theater.

Fragen, Flüstern, Kichern, Selbstgespräch während der Darbietung ist verboten.

Desgleichen abfällige Bemerkungen oder Spott über Darsteller und Dichter. Bedenke, daß ihr Lebensberuf, ihre Existenz das Gebäude ist, an dem du rüttelst, und daß du dich selbst in deinem Können, deiner Leistungsfähigkeit nicht antasten ließest!

Man kümmere sich um das Publikum nicht mehr als notwendig ist, um keinen Schicklichkeitsfehler zu begehen. Das geflissentliche Zurschautragen und Mustern großer Toilette ist durchaus nicht guter Ton.

Die Ergriffenheit weichmütiger Platznachbarn bespöttle nicht, die eigene beherrsche; besser sich nach innen vertiefen als nach außen zersplittern.

Das Lachen ist ein untrüglicher Verräter; nur der Tor lacht bei Derbheiten und Dummheiten, nur der moralisch Unwerte bei sittlich anstößigen Stellen. Der feine Witz will verstanden, der echte Humor empfunden sein.

Dränge deinen empfangenen Eindruck, dein Urteil keinem anderen auf; es sieht doch jeder durch seine eigene Brille.

Logenbesuche verlangen Takt im Verkehr; zahllose Augen sind zur Beobachtung bereit, wozu also Theater im Theater?

Nach besonders eindrucksreichen Stellen wird das Schweigen der Ergriffenheit dem Künstler ehrender sein als ein tosender Beifallssturm.

Bei etwa ausbrechender Panik suche man die Wandseite zu gewinnen, um nicht im wildentfesselten Gedränge Not zu leiden. Kühle Besonnenheit und Ruhe sind der wirksamste Schutz, vor allem überzeuge man sich, ob nicht blinder Lärm der Verwirrung zugrunde liegt.

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