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Leben und Tod des kleinen Rothkäppchens

Ludwig Tieck: Leben und Tod des kleinen Rothkäppchens - Kapitel 4
Quellenangabe
typetragedy
booktitleSchriften, Zweiter Band
authorLudwig Tieck
year1828
firstpub1800
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleLeben und Tod des kleinen Rothkäppchens
pages37
created20130505
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweite Scene.

Der Jäger tritt auf.

Jäger. Immer und ewig ein Jäger zu seyn,
Das will mir gar nicht den Kopf hinein;
Bei Tag und Nacht den Wald durchrennen,
Wenn andre zu Hause sitzen können,
Im Schnee, in der Kält' und Hitze,
Ist dem gesundesten Körper nichts nütze.
Heut ist im Dorfe kein so armer Flegel,
Der nicht seine etliche Stämme kegelt,
Am Abend sitzet bei den Wenzeln,
Und ich muß mich hier im Wald rum hänseln,
Einem Wolf auf die Spur zu gerathen,
Was noch am Ende dient zu meinem Schaden. –
Wärst du nicht, Toback,
Wär das Leben gar ärmlich,
Es stände um uns Lumpenpack
Dann warlich gar zu erbärmlich.
        Er schlägt sich Feuer zur Pfeife an.
Wunderlich! wie das Feuer im Stein
Und Stahle muß verborgen sein!
Worauf der Mensch doch nicht gekommen!
Wie alle Kunst ihren Ursprung genommen!
Es ist erstaunlich, was im Menschen liegt,
Und wie er alles zu seinem Nutzen fügt;
Und alle Tage bringt mans weiter,
Unsre Kinder werden noch gescheidter,
Der Kopf wird den Leuten gar zu voll,
Man begreift nicht, wo's mit all dem Verstande hin soll.

Rothkäppchen kömmt.

Jäger Ei Rothkäppchen, sei tausendmal willkommen!
Bist du schon so früh ausgegangen?

Rothkäppchen. Ich bin von meiner Großmutter gekommen.
Ihr jagt heut?

Jäger.                   Ja, es gilt dem Rangen,
Dem Wolf, der hier im Walde ist,
Und manch unschuldig Lämmchen frißt.

Rothkäppchen. So ists doch wahr, was die Leute sagen?
So dürfte sich ein Wolf so nahe wagen?

Jäger. Sie sind unverschämte Gesellen,
Die sich gern aller Orten einstellen.

Rothkäppchen. Fürchtet ihr euch nicht, ihm zu nahe zu kommen?

Jäger. Ich hab' ihn schon längst aufs Rohr genommen.
Ihn fürchten? Da wär' ich ein rechter Wicht!
Ich fürchte den leibhaftgen Teufel nicht.

Rothkäppchen. O sprecht nicht so, wenn er nun käme,
Und euch so unversehens nähme.

Jäger. Ein Jäger muß haben firmen Muth,
Ein großes Herz, ein braves Blut,
Keine Gefahr nicht achten, kein Wetter scheun,
Sonst sollt' er zum Ofensitzer besser sein.

Rothkäppchen. Ihr seid heut in der neuen Jacke,
Darzu glänzt auch der Hirschfänger schon.

Jäger. Wenn ich den Monsieur Wolf nur packe,
So ists gewiß um ihn geschehn.
Kleidt michs nicht gut, das neue Tuch?

Rothkäppchen. Es ist für so was gut genug.

Jäger. Was hast du daran auszusetzen?

Rothkäppchen. Die Jacke würde euch noch besser sitzen,
Wär' sie schön roth, wie meine Mütze.

Jäger. Die ganze Welt kann doch nicht wie deine Mütze sein,
Es muß auch andre Farben geben;
Die grüne Farbe, bei meinem Leben,
Die macht einen allerliebsten Schein.

Rothkäppchen. Grün ist ganz gut und dient zur Noth,
Doch geht keine Farbe über Roth.

Jäger. Der Wald ist grün, die Erde ist grün,
Wo du nur wendest dein Auge hin, –
Es ist was in der Farbe, – ein Wesen, –
Ein Glanz, – versteh, – ein gewisses Wesen –

Rothkäppchen. Das Grün ist wie geringe Leut,
Man findet es so allerwege,
Auf jedem Busch, jedwed Gehege
Da wächst es; ach du liebe Zeit!
Doch ist von da zu Roth noch weit.
Das Roth macht gleich die Augen rege;
Wie viel bekömmt ein Kind nicht Schläge,
Daß ihn das Naschen wohl gereut.
Wo sich was Rothes läßt erblicken
Ist auch die rothe Lippe da
Und ißt, und wärs ein unreif Häppchen.
Wie selig, wem es mochte glücken,
Daß er auf seinem Kopfe sah
Wie ich, ein schönes rothes Käppchen.

Jäger. Du bist ein Närrchen, gieb mir einen Kuß.

Rothkäppchen. O geht, der Toback macht mir nur Verdruß.

Jäger. Du Schelm, willst du nicht Toback riechen,
Wirst du nimmermehr einen Ehmann kriegen. Geht ab.

Rothkäppchen. Die meinen immer, daß wenn man sie nicht nimmt,
Man eben gar keinen Mann bekömmt,
Hat einer nun vollends eine neue Jacke angezogen,
So denkt er gar, ihm ist jeder gewogen.

Zwei Rothkehlchen fliegen vom Baum und springen um sie her.

Die Vögel. Rothkäppchen! Rothkäppchen!

Rothkäppchen. Was wollen die Vögel von mir?

Die Vögel. Schön guten Tag! Wo gehst du von hier?

Rothkäppchen. Nach Hause. Ei sieh die artigen Dinger,
Wie sie auf den kleinen Beinchen springen!
Die haben auch Roth um den Hals und die Brust;
So'n Vögelchen ist eine herrliche Lust!

Die Vögel. Du bist ein Rothkehlchen,
Wir sind wie Rothkäppchen,
Das macht uns Freuden:
Wir sind dir gut,
Freundliches Blut,
Magst du uns leiden?

Rothkäppchen. Ach, ihr lieben Gesellen,
Hat euch nicht Gott der Herr eben
Selbst rothe Mützchen gegeben?
Wer wollte solch Urtheil fällen,
Daß er an den lieblichen hellen
Bunt Farben und lustigem Leben,
Nicht hätte Gefallen so eben
Wie an dem Traurigstellen?
Den Kummer laß ich fahren,
Ich glaube dreist daran,
Ich darf es immer wagen:
Komm ich zu erwachsenen Jahren,
Zieh ich, wie es beliebt, mich an,
Will auch dann ein rothes Käppchen tragen! Sie geht ab.

Die Vögel. Rothkäppchen, Rothkäppchen ist unser Freund!
Wie lieblich warm die Sonne scheint! Fliegen fort.


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