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Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski

Georg Weerth: Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski - Kapitel 9
Quellenangabe
typesatire
booktitleLeben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski
authorGeorg Weerth
firstpub1849
year1972
publisherEulenspiegel Verlag
addressBerlin
titleLeben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski
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VII.
Herzog C.

In Brüssel verfolgte unsern Helden ein eigenes Mißgeschick. Kaum den Händen eines erbosten bürgerlichen Ehemannes entronnen, fiel er in die Riesenfäuste eines noch weit erbitterteren Aristokraten. Der Ritter war an seinem Malheur selbst schuld, denn durch seinen Hochmut, durch seine Arroganz, kurz, durch seinen Schnapphahnskismus brachte er jedermann gegen sich auf. Ganz besonders haßte ihn damals ein Franzose, ein gewisser Herzog von C . . ., und mehr als einmal ließ er die bedeutungsvollen Worte fallen: »Nun, wenn mir der Mensch einmal in die Hände gerät – –«, der Herzog begleitete diese Phrase stets mit dem verständlichsten Gestus.

Herzog C., dem unser Ritter zu mißfallen das Unglück hatte, war ein sehr liebenswürdiger und durchaus anständiger Mann, beiläufig bemerkt in Besitz einer Taille von weit über 6 Fuß; ungefähr die Hälfte im Durchmesser – – Die Abneigung des Herzogs war unserm Ritter keineswegs entgangen; mochte er aber glauben, daß die großen Hunde die kleinen niemals beißen oder daß sie gar feige sind: genug, er suchte den herzoglichen Riesen durch Arroganz einzuschüchtern und verdoppelte sie daher stets in seiner Gegenwart.

Eines Tages treffen sie in einer Gesellschaft zusammen. Sie sprechen von Kriegen, Kampagnen, Schlachten und zuletzt von Duellen. »Wieviel Duelle haben Sie schon gehabt, Ritter?« fragte der Herzog gleichgültig. – »Die Masse –!« erwiderte Schnapphahnski – »Aber ich müßte mich eigentlich nie schlagen, denn wer so sicher ist, seinen Gegner stets zu töten, wie ich es bin, der begeht fast einen Mord. Nichtsdestoweniger macht es mir aber Vergnügen, mich zu schlagen –« – »Bah!« sagt der Herzog, »wieso?« – »Sehn Sie«, versetzt der Ritter, »wenn ich mich rächen will, so fordre ich meinen Gegner auf Säbel, et il est un homme mort. Will ich ihn dagegen nur strafen, so fordre ich ihn auf Pistolen, car je suis sûr de loger ma balle où je veux –« –«Bah!« erwidert nochmals der Herzog und empfiehlt sich ganz untertänigst.

Kurze Zeit nach dieser Unterredung kam eine sehr berühmte Pianistin, Madame P., nach Brüssel, und tous les beaux der Hauptstadt wetteiferten um die Gunst der schönen Virtuosin. Ein gewisser Gesandter, Graf . . ., der damals noch nicht verheiratet war, stellte sich in die ersten Reihen.

Eines Tages wurden die Salons der Gesandtschaft prächtig mit Blumen verziert, glänzend illuminiert – ein lukullisches Mahl angerichtet. Wer sollte dazu erscheinen? Eine Hoheit, eine Majestät? Nein – die schöne Konzertgeberin. Alle Dandys, Lions, Tigres – kurz, die ganze fashionable Menagerie der Hauptstadt wurde zu diesem Feste eingeladen. Unter ihnen befand sich auch unser Ritter, der Herzog und ein gewisser Oberst C., ein alter Haudegen, der, unter Soldaten erzogen und auf Schlachtfeldern ergraut, sich bei weitem behaglicher in einem Corps de Garde als in einem Salon fühlte.

Nach Tische, als der Champagner bereits das Blut im Kreise trieb und der Kaffee der Vernunft den letzten Stoß geben sollte, entfernten sich die Damen. Die Herrengesellschaft begab sich in einen Rauchsalon. – Der Herzog, den diese Gesellschaft ziemlich langweilen mochte, setzte sich ans Klavier und präludierte darauf. Schnapphahnskis unglücklicher Stern brachte ihn ganz in seine Nähe.

Unglücklicher Schnapphahnski! – Der Hafer stach ihn mehr als gewöhnlich, und keine fünf Minuten verstrichen, da machte er auch schon über das Spiel des Herzogs einige ebenso kecke als boshafte Bemerkungen, indem er namentlich hervorhob, wie es fast unbegreiflich sei, daß man mit einer so großen Hand spielen könne, ohne zu fürchten, alle Tasten gleich zu zertrümmern. Der Pianist L., der voraussah, daß die Geschichte eine üble Wendung nehmen könne, beeilte sich, unserm Ritter zu erwidern, daß man mit einer großen Hand recht gut spiele, daß er viele Virtuosen kenne usw. – aber Schnapphahnski wollte nicht ruhen. Den schöngelockten Kopf kokettierend auf die Schulter legend, die Zigarre nachlässig an die Lippen führend und mit der höchsten Nonchalance über dem Klavier hängend, fuhr er fort, seiner Laune den Zügel schießen zu lassen, indem er sich durch jeden freundlichen Einwurf der umherstehenden Gäste nur zu neuen, beißenderen Bemerkungen hinreißen ließ.

Der Herzog, der sich bis zum letzten Augenblick sehr ruhig benahm, spürte doch mit der Zeit Lust, dem Gespräche ein Ende zu machen. Mehrere leise Andeutungen waren schon in dem Humor des Ritters verlorengegangen: er sah sich daher genötigt, etwas verständlicher zu werden, und als unser Held wiederum eine Phrase hinwarf, die durch ihre liebenswürdige Unverschämtheit alles Frühere hinter sich ließ, hob er den Kopf etwas feierlicher empor und versetzte mit sehr bestimmtem Tone: »Wissen Sie, Ritter, ich kann auch einen gewissen Walzer spielen, dem niemand widersteht. Ja, wenn ich den spiele, so muß man tanzen, wie ich es befehle!«

Herr von Schnapphahnski hatte die Bonhomie, auch dieses nicht zu verstehen. Der Herzog verstummte. Der Ritter setzte seine Bemerkungen fort, und auf den Gesichtern der Zunächstweilenden konnte man deutlich lesen, daß sie sich in einer ziemlich peinlichen Stimmung befanden. Wer weiß, wie lange indes die Katastrophe des Abends noch hinausgeschoben worden wäre, wenn der arme alte Oberst, dessen Anwesenheit wir früher schon erwähnten, nicht plötzlich zum Losplatzen des Sturmes auf eine ebenso unvorhergesehene als höchst komische Weise Veranlassung gegeben hätte. Wir müssen bekennen, wir sind in einiger Verlegenheit: wir werden die Geschichte schwerlich so erbaulich erzählen können, wie sie in der Wirklichkeit geschehen sein mag. Die Verlegenheit der Menschen verrät sich auf verschiedene Weise. Der eine errötet, der andre schlägt die Augen nieder, der dritte hustet, der vierte nimmt eine Prise. Unsere Verlegenheit verrät sich dadurch, daß wir plötzlich den Faden der Erzählung verlieren . . .

Ein Westfale reiste nach England. Er war sehr unglücklich, wie alle Westfalen auf Reisen. In Köln verlor er seinen Regenschirm, in Ostende wurde ihm der Mantel gestohlen, in Dover fiel er beim Ausschiffen ins Meer, auf der Douane konfiszierte man ihm den zigarrengefüllten Koffer, der Droschkenkutscher prellte ihn entsetzlich, und höchst kalt und unkomfortabel langte unser Westfale in Norfolk Street, Strand, London an. Norfolk Street ist eine totenstille Nebenstraße. Nachdem er um das schlechteste Zimmer gebeten hatte – für das er natürlich geradesoviel bezahlen mußte wie für das allerbeste –, und nachdem er, mehr aus ökonomischen als aus Gesundheitsrücksichten, von dem aufgetragenen Beef und Mutton weniger als ein Kanarienvogel gegessen hatte – um natürlich geradesoviel dafür zu zahlen wie für ein Mittagsmahl des Riesen Goliath –, legte sich unser Westfale in sein teures, aber schlechtes Bett, faltete die Hände, betete zu Gott dem Allmächtigen und Allwissenden und schlief schnarchend dabei ein, wie mancher Gerechte vor ihm. Als er am nächsten Tage erwachte und nach seiner Uhr griff, überzeugte er sich davon, daß die Uhr mit dem Regenschirm, dem Mantel, dem Koffer usw. bereits den Weg alles Irdischen gegangen sei, und schüchtern schlich unser Freund daher an den Rand der Treppe und fragte mit zitternder Stimme: »Könnten Sie mir nicht sagen, Herr Kellner, was die Glocke gefälligst geschlagen hat?« – »Three o'clock!« rief der Kellner in barschem Tone. Es war 3 Uhr nachmittags. Bei dem abscheulichen Nebel, der verfinsternd über der Stadt lag, meinte der gute Westfale aber nicht anders, als daß es 3 Uhr morgens sei, und er als rücksichtsvoller Fremder zurück ins Zimmer kroch, um, nach einigen Unterbrechungen und schweren Träumen, abermals bis zu einem nächsten Tage im Bette zu liegen, wo er, da der Nebel noch immer fortdauerte, gewiß bis zu einem dritten Tage geweilt hätte, wenn er nicht durch den Hunger so sehr gepeinigt worden wäre, daß er sich schließlich ein Herz faßte und hinunter in die Gaststube stolperte.

Hier angekommen, betrachtete man den foreign Gentleman mit so sonderbaren Augen, daß er, an seinen Mantel, an den Regenschirm, an den Koffer und an die Uhr gedenkend, plötzlich auf die gerechtesten Befürchtungen für seinen Frack und die Hosen empfand. Er faßte daher den heroischen Entschluß, lieber das heiß ersehnte Frühstück im Stich zu lassen, gleich zu bezahlen und dann rasch das Haus zu verlassen. Dieser Gedanke schien dem Zweifelnden endlich der beste. Nicht ohne Bangen näherte er sich daher einem andern Fremden, den er für den Wirt hielt, und fragte mit möglichster Fassung, indem er das Gold schon in den Händen hielt: »How much?«

»Goddam!« erwiderte dieser und streifte die Ärmel empor und würde gewiß auf unsern Westfalen losgeboxt haben, wenn sich der Landlord nicht noch zur rechten Zeit ins Mittel gelegt und dem erschrockenen Westfalen die Nota überreicht hätte. Die Rechnung war short and sweet, kurz und süß, wie folgt:

1 Supper £ 3 S. 6 d
2 Board and Lodging £ 9 S. 10 d
Waiter £ 2 S. – d
Boots and Chambermaid   £ 3 S. – d

£ 18 S. 4 d

Der Westfale hatte den Verlust des Regenschirms, der Uhr, des Mantels und Koffers verschmerzen können. »Gestohlen und verloren werden kann alles –«, sagte er sich. Daß man ihm aber für ein Abendessen und für einen Schlaf 18 Schillinge und 4 Pence, mit anderen Worten: 6 Taler, 3 Silbergroschen und 6 Pfennige Preußisch Kurant anrechnete, nein, das war zu stark, das beleidigte die Seele eines Biedermannes zu tief, und mit einiger Entrüstung bemerkte er daher:

»Aber nein, Herr Wirt, sagen Sie mal, das ist denn doch gefälligst ein bißchen zuviel –«

»Very moderate, Sir!«

»Aber nein, ich habe ja nur eine Nacht geschlafen.«

»Two nights, if you please, Sir.«

»Aber nein, ich habe ja gar nichts mehr gegessen.«

»All included, Sir.«

»Aber nein, das kann ich unmöglich bezahlen –«

Aber der Wirt hatte das einzige und letzte Goldstück seines Gastes schon in der Hand, und ärgerlich den Überschuß von 1 Schilling und 8 Pence auf den Tisch werfend, überließ er den Westfalen seinem Nachdenken, der noch immer nicht begreifen konnte, wie man für 6 Taler, 3 Groschen und 6 Pfennig: in einer Nacht zwei Nächte schlafen könne – und endlich trübselig davonschritt.

Von Norfolk Street bis zu St. Paul sind es nach Londoner Maß nur wenige Schritte, d. h., es ist noch ziemlich weit. Unser Westfale stand daher erst nach geraumer Zeit vor der gewaltigen Kirche, und da er sein Morgengebet noch nicht gestammelt hatte, so schritt er mit brünstiger Seele die große Treppe hinauf und trat durch die offene Tür unter Meister Wrens herrliche Wölbung.

»Four pence, if you please, Sir!« sagte da jemand, indem er unserm Freund auf die Schulter klopfte. Der Westfale blickte erschrocken zurück:

»Aber nein, dies ist ja eine Kirche –«

»Four pence to be paid, Sir!«

»Aber nein, ich habe noch nie in Münster Entrée in der Kirche bezahlt.«

»Four pence!« wiederholte der Küster zum dritten Male, und so gewiß, wie der Wirt in Norfolk Street zwei Nächte auf die Note gesetzt hatte, so gewiß mußte der Westfale schließlich 4 Pence Entrée bezahlen. Mit seinem letzten Schilling und mit einem so heißen Gebete, wie es je ein Gläubiger gesprochen hat, kniete da der Westfale auf den Marmorboden nieder. Wer weiß, wie lange er sich mit Gott unterhalten haben würde, wenn nicht plötzlich der Küster mit einem Bund Schlüssel in der Hand und mit einem Schweif von vielen Herren und Damen quer durch die Kirche gerannt wäre. Der Betende sah aufmerksam empor. Was soll das bedeuten? Schließt man die Kirche zu? Mit dem Schrei des Entsetzens sprang er empor, und der Gesellschaft nachlaufend, war er bald der nächste hinter dem Küster. Richtig! Die Riegel knarrten, die erste Tür fiel rasselnd ins Schloß.

»One Shilling, if you please, Sir!«

Der Westfale war abermals wie vom Donner gerührt. »Aber nein, bezahlt man hier auch beim Hinausgehn?«

»One Shilling to be paid, Sir!«

»Aber nein, ich habe noch nie in Münster bezahlt, wenn ich aus der Kirche ging.«

»One Shilling!«

Der Küster sprach dies mit so viel anglikanischer Würde und mit so unendlich kategorischem Episkopalernst, daß der arme Westfale vor Schrecken in den Boden zu sinken meinte und unwillkürlich in die Tasche der grünplüschenen Weste griff und ach, seinen letzten Schilling herausholte. Es mußte wohl so sein, denn alle übrigen bezahlten ebenfalls. Nachdem die Sache berichtigt war, schritt der Küster vorwärts. Der Westfale folgte ihm auf dem Fuße, seine Knie zitterten, er schnappte nach Luft, und in der Angst und Verwirrung achtete er gar nicht darauf, daß man, statt die Treppe hinunter nach der Straße zu gehen, die Treppe hinauf nach dem Turm schritt. Erst in der Mitte der ersten Windung bleibt er entsetzt stehen. Ein neuer Betrug! Er will zurück, er macht kehrt – aber ach, wenigstens zwanzig Menschen sind schon hinter ihm; keiner kann an dem andern vorüber, zu schmal ist der Gang, und »Follow me!« ruft der Küster vor ihm, und »Go on!« schreit die Menge hinter ihm, und weiter muß der Unglückselige, von einem Tritt zum andern, immer vorwärts, immer hinauf, unter Ächzen und Stöhnen, bis er endlich schweißtriefend oben in der Kuppel der Kirche anlangt.

Herren und Damen sind indes nachgerückt; immer voller wird der Raum, der eine drängt den andern, und unser Westfale sieht sich genötigt, eine kleine Erhöhung zu besteigen, von der man zu der höchsten Öffnung der Kuppel hinaufreichen kann. Sowie die Gesellschaft das Innere der Kuppel betrat, hatte sie alle Fenster und Luken in Beschlag genommen. Die Öffnung, welcher unser Freund zunächst stand, war bald allein noch unbesetzt, und man winkte ihm hinauszusehen und dann für andere Platz zu machen. Unwillkürlich faßte er daher rechts und links an die Seiten der Öffnung, und vom Boden emporspringend, hob er sich mit dem Oberkörper über das Dach hinaus, auf die Hände gestützt, die Beine noch immer baumeln lassend. Welch ein Anblick! Aus dem stillen Westfalen plötzlich auf die Spitze der St.-Pauls-Kirche! Ein kalter Schauder durchfuhr unsres Freundes Rücken: vor ihm ausgebreitet lag die Riesin London im heitersten Sonnenglanze. Des dichten Nebels wegen hatte der Westfale nur das bemerkt, was auf sechs Schritt zu bemerken war.

Während er unten auf den Marmorstufen der Kirche betete, hatte aber der Wind den Nebel zerstreut, und alle Gegenstände der unermeßlichen Stadt traten jetzt aus dem Dunkel hervor und leuchteten in grandiosen Umrissen am entwölkten Horizonte. Dort die Yorksäule, die Nelsonsäule, die Türme der Westminsterabtei, St. James, die Bäume von Hyde Park und Palast an Palast bis hinaus in die weiteste Ferne. Nach der andern Seite die City mit ihren tausend und aber tausend verschlungenen und verworrenen Gassen und Gängen, mit den hochgegiebelten Häusern, vollgepfropft mit allen Schätzen des Erdballs, halb noch in bläulichen Rauch gehüllt, der sich in düstern Massen hinauswälzt bis in die entlegensten Felder. Und die Themse dann. Auf bläulicher Flut die schneeweißen Segel und Mast an Mast, so weit das Auge reichte, vom Tower bis hinab zur wogenden See. Dazu das Rasseln der Wagen, das Lärmen der Fußgänger, das Geräusch der Werkstätten und hunderterlei Stöhnen, Schreien, Murren, Brummen und Poltern, das in tollem Gemisch zu der Kuppel der Kirche emporklang – es schwindelte den armen Westfalen, krampfhaft faßte er den Rahmen der Luke, er dachte nicht mehr an den verlorenen Schirm, an den gestohlenen Mantel, an die verschwundene Uhr, an den konfiszierten Koffer, an die Rechnung des Wirts, an das Entrée der Kirche und an den letzten Schilling – nein, er dachte an nichts mehr, er sah nur, mit aufgerissenen Augen, mit offenem Munde, mit Nase und Ohren, er staunte, er glotzte, und wie seine Kraft durch die schwebende Haltung immer mehr schwand und wie er zuletzt nicht mehr wußte, ob er sich nach hinten zurückfallen lassen sollte, um irgendeiner Dame auf den Kopf zu stürzen, oder ob er nach vorn springen sollte, um selbst den Hals zu brechen, und wie es ihm plötzlich gelb und grün vor den Augen wurde und wie der kalte Schweiß auf seine Stirn trat und ein Zittern durch alle Glieder fuhr; oh, da preßte ihm die Mutter Natur plötzlich einen jener heimischen Laute aus, der wie ein Pistolenschuß in der Kuppel der Kirche widerklang, und einer Leiche ähnlich sank der Unglückliche hinab, zwischen die nach allen Seiten auseinanderstiebenden Genossen, deren er sicher im Niedersinken mehrere zerschmettert hätte, wäre der Laut nicht so herrlich à propos gekommen, so voll, so donnernd – doch kehren wir zurück zu Schnapphahnski. Der alte Oberst C. war in demselben Falle wie unser Westfale. Das herrliche Diner, der Wein, die Lichter, Hitze, Musik, alles das hatte ihn schon in eine Schwulität versetzt, wie sie ihm in der mörderischsten Schlacht nicht vorgekommen war. Als er nun aber gar noch in das Rauchzimmer geriet, um die Konversation, die jeden Augenblick pikanter und beißender wurde; als er die Verlegenheit der übrigen Gesellschaft bemerkte, eine Verlegenheit, die er selbst nicht recht begriff, und als es ihm immer mehr einleuchtete, daß er sich eigentlich gar nicht an seinem Platze befinde – nun, da wurde ihm geradeso zumute wie dem Westfalen auf dem Gipfel der Paulskirche; es schwindelte ihm, es wurde ihm rosenrot vor den alten Augen; wie der Westfale meinte er die Themse zu sehen und den Tower und die Westminsterabtei, der Angstschweiß trat ihm auf die Stirn, und ach, was der Westfale hoch oben über ganz London riskiert hatte, das riskierte der alte Oberst in dem Salon der höchsten Brüsseler Gesellschaft:

Brrrr – um! und alles fuhr erschrocken zusammen. Es war geschehn. Aber man hatte zuviel bon sens, um den armen Alten für seinen Verstoß büßen zu lassen, und schon machte man Miene, das Unglück des ehrwürdigen Mannes mit lächelndem Stillschweigen zu übergehen, als Herr von Schnapphahnski plötzlich so unvorsichtig war, dem Beispiele des alten Oberst mit einem ähnlichen Laute im raschesten Tempo zu folgen –

Die Katastrophe des Abends war gekommen. Der Herzog endete sein Klavierspiel mit der schrecklichsten Dissonanz, und rasch emporfahrend, wandte er sich zu dem Oberst und dem Ritter. »Ihnen, Herr Oberst, verzeiht man manches, denn man muß es Ihnen verzeihen; Sie, Ritter, sind einer der erbärmlichsten Burschen, welche die Welt je getragen hat!« – Eine Totenstille entsteht.

Der Ritter, so direkt interpelliert, setzt den Hut auf den Kopf, um sich recht das Ansehen eines Marquis léger zu geben, tritt dem Herzog gerade unter die Nase und fragt: »Ist das Ernst oder Spaß?«

»Ich bin nicht gewohnt, daß man mit dem Hut auf dem Kopfe zu mir spricht!« erwidert der Herzog, und seine Hand berührt die Wange des Ritters zu gleicher Zeit in so unsanfter Weise, daß der Hut des Getroffenen hoch in die Luft fliegt. Doch damit nicht zufrieden, ergreift er den taumelnden Ritter auch noch beim Kragen, hebt ihn mit eiserner Faust empor, rüttelt und schüttelt ihn, daß ihm Hören und Sehen vergeht, spricht: »Nun beginnt der Walzer!«, öffnet dann die Tür, trägt den Unglücklichen wie eine Katze hinaus und schleudert ihn die Treppe hinab, um dann ruhig, als wenn nichts geschehen sei, ins Zimmer zurückzukehren, wo die Gäste stumm und bestürzt einander anschauen. Wir müssen gestehen, unser Herz beschleicht ein inniges Bedauern, indem wir dieses niederschreiben. Unser Schmerz ist gerechtfertigt, denn mit seinem Helden soll der Autor fühlen und empfinden.

Fast wörtlich haben wir den Hauptinhalt dieses Kapitels aus den uns vorliegenden Manuskripten wiedergegeben. Geben wir jetzt nur noch einfach den Schluß. Kaum in den Salon zurückgekehrt – heißt es in unseren Notizen weiter –, erblickt der Herzog den Hut des Ritters. Er hebt ihn vom Boden auf, und indem er avec toute la courtoisie possible hinzusetzt: »Aber mein Gott, der Ritter kann ja nicht ohne Hut nach Hause gehn« – wirft er ihn auf die Treppe seinem Eigentümer nach.

Sie glauben vielleicht, daß nach solch einer Katastrophe der Herzog am andern Tage nicht mehr zu den Lebenden zu zählen war – Sie irren sich. Er lebt noch bis auf den heutigen Tag. Aber pro forma kam der Sekundant des Ritters, um die Bedingungen des Zweikampfes zu ordnen.

»Mein Gott«, sagt der Herzog gleichgültig, »der Ritter sagte mir vor wenigen Tagen, daß er den Degen wählt, wenn er jemanden mit dem Tode bestrafen will. – Nun, ich glaube, daß er alle Ursache hat, mich zu bestrafen.« – –

Bedenken Sie nur, daß des Herzogs Arm übermenschlich lang war und daß acht Menschen denselben nicht biegen konnten – armer Schnapphahnski! Aber es sagt bei uns ein altes Sprichwort: Wer hängen soll, der wird nicht ertrinken. Wer weiß, welches Los unserm Ritter reserviert ist!

Vor allen Dingen erschien am selben Tage auch noch der Gesandte, Graf . . ., bei Herzog C.

»O mon dieu, que faire? Was wird man sagen, wenn es heißt, daß man in dem . . . Gesandtschafts-Hotel Fêten für Personen zweideutigen Rufes gibt, bei denen man sich betrinkt, f . . . und sich ohrfeigt – Was wird Se. Majestät sagen! Was der Premier! Ich bin verloren –«

»Aber lieber Graf, was wollen Sie, daß ich dabei tue?« erwiderte der Herzog mit der größten Höflichkeit.

»Liebster, bester Herzog, erklären Sie dem Ritter, daß Sie ihn nicht beleidigen wollten – –«

»Aber kann ich das?« sagte der Herzog, berstend vor Lachen.

»Es ist nur der Form wegen –«

»Nun gut, wenn der Ritter damit zufrieden ist – mir ist es einerlei.«

Und so geschah's.

Am anderen Morgen kommen die beiden Kämpfer zu einer heldenmütigen Versöhnung zusammen. Schnapphahnski tritt dem Herzog mit der ritterlichsten Miene und mit allen seinen Orden wie ein spanischer Maulesel behangen entgegen. »Unter Männern so hohen Standes können keine Beleidigungen vorkommen«, sagt der Ritter, »und kommen sie vor, so dürfen sie nicht als solche angesehen werden.«

Der Herzog macht eine ironische Verbeugung.

Die Memoiren des berühmten Ritters Schnapphahnski waren fast vollendet. Er verließ Brüssel . . .

Zunächst finden wir ihn in Aachen. Tiefsinnig sitzt er am Grabe Karls des Großen und spielt – Roulette.

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