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Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski

Georg Weerth: Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski - Kapitel 4
Quellenangabe
typesatire
booktitleLeben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski
authorGeorg Weerth
firstpub1849
year1972
publisherEulenspiegel Verlag
addressBerlin
titleLeben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski
created20050608
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II.
Troppau

Zu den Eigenschaften eines Ritters ohne Furcht und Tadel gehört nicht nur ein kleiner Fuß, eine weiße Hand, ein kohlschwarzer Schnurrbart, ein herausforderndes Profil, eine halbe Million, ein Dutzend Liebschaften – nein, auch ein Duell.

Ein glücklich überstandenes Duell verleiht dem Menschen einen eigentümlichen Reiz. Ich rate einem jeden, sich wenigstens einmal in seinem Leben auf 14 Schritt mit Pistolen zu schießen. Das ist eine herrliche Sache. Die Frauen werden ihm artiger und die Männer werden ihm höflicher entgegenkommen. Man weiß, er hat seine Sporen verdient, er hat den Kugeln getrotzt, er hat sich als Mann gezeigt – kann man den Frauen ein größeres Vergnügen machen, als wenn man ihnen beweist, daß man ein Mann ist?

So auch dachte der Ritter Schnapphahnski, als er nach seinem unsterblich schönen Abenteuer mit der Gräfin S. wohlweislich den Weg zwischen die Beine nahm und sich auf eine unglaublich schnelle Weise aus dem Staube machte. Halte Gott vor Augen und im Herzen! heißt es in der Bibel. Halte die Lakaien des Grafen S. vor Augen und im Herzen! summte es in die Ohren Schnapphahnskis. Er sah ein, daß ihm in Schlesien weder Rosen noch Lorbeeren, sondern nur Hasel- und Heinebüchenstöcke sprießen würden, daß er in der Gegend von O. nie auf einen grünen Zweig kommen, sondern daß die grünen Zweige oder vielmehr die grünen Prügel nur auf ihn herunterkommen würden, und er zweifelte aus diesem Grunde daran, daß er es länger als Freiwilliger des 4. (braunen) Husarenregiments in O. aushalten könne, und, mit einem Worte, der edle Ritter entfernte sich, Schnapphahnski nahm Reißaus.

Ach! Noch so jung und doch schon so unglücklich! Der edle Ritter hätte über sich selbst weinen mögen. Aber was war gegen das häßlich-unerbittliche Schicksal zu machen? Der allmächtige Schöpfer Himmels und der Erden kann das Geschehene nicht ungeschehen machen; selbst der Kaiser Nikolaus ist ohnmächtig in diesem Punkte . . . Schnapphahnski begriff, daß er die schöne Gräfin S. keck entführt und daß er sie feige verlassen hatte. Die Schande stand über seinem Leben so offenbar, wie die Sonne leuchtend über der Welt steht, und es handelte sich nur noch darum, wie man diese Sonne der Schmach am besten in den undurchdringlichsten blauen Dunst der Lüge verstecken könnte.

Ein Mann wie Schnapphahnski, wenn er eine Flasche Champagner getrunken, drei Zigarren geraucht und sich sechsmal verliebt im Spiegel angesehen hat, ist nie um eine erbauliche, glaubhafte Lüge verlegen.

Der edle Ritter war keineswegs ein solcher Narr, daß er schon von vornherein an seinem erfinderischen Haupte verzweifelte. »Bin ich nicht Schnapphahnski, ein Mann wie ein Engel?« rief er, den jugendlichen Schnurrbart streichend und das ganze Firmament messend mit den flammenden Blicken. Unser Ritter hatte recht. Gewandt und hübsch machte er aus dem Abenteuer mit der Gräfin S. die schönste Duellgeschichte, eine Geschichte, so verwickelt, so verteufelt verzwickt, daß zuletzt niemand mehr daraus klug wurde – die Lakaien des Grafen S. ausgenommen. Die überstandene Gefahr eines erlogenen, aber nichtsdestoweniger frech ausposaunten Duells sollte die nackte Schmach eines feigen Entrinnens in etwa verhüllen. Die Welt sollte glauben, daß der edle Ritter unglücklich geliebt und daß er sich furchtbar geschossen habe – mit einem Worte, Schnapphahnski tat alles, was ein ehrlicher Mann tun kann, um aus einer schlechten Sache eine brillante Historie zu machen, und keck stürzte er sich wieder in den Strudel der vornehmen Welt – natürlich eben nicht in der Nähe der Lakaien des Grafen S.

Mit ihrem Erfinder reiste auch die Fabel in die Welt hinein, und wie sie von Mund zu Munde ging, da nahm sie natürlich auch an Abenteuerlichkeit zu, so daß unser Schnapphahnski nach kaum einem Vierteljahre schon weit und breit als einer der wütendsten Raufbolde, als einer der schrecklichsten Duellanten seiner Zeit bekannt war.

Unser Ritter war glücklich; aber ach, er hatte vergessen, daß es nichts Gefährlicheres auf Erden gibt als Ruhm. Unberühmte Leute können die besten Gedichte machen, die schlechtesten Prozesse gewinnen und die ausgezeichnetsten Reden halten: man verzeiht ihnen das alles; aber wehe dir, wenn du ein bekanntes Haupt bist, da paßt man dir auf die Finger, und du magst dich drehen und wenden, wie du willst, es sitzt dir irgendein Teufelskind im Nacken und erinnert dich daran, daß du ein sehr sterblicher und vergänglicher Mann bist.

Der edle Ritter Schnapphahnski fand sein Teufelskind, den Kobold seines Lebens, in einem gewissen Grafen, in einem Manne, der zeit seines Lebens die Menschen lieber lebendig als tot fraß, lieber mit Haut und Haar als gestooft oder abgekocht, lieber roh und ohne alle Zutat als mit Essig, Öl, Pfeffer, Salz und Mostert. Graf G. ist womöglich noch einer der kühnsten und ehrlichsten Degen, die der preußische Adel aufzuweisen hat; ein Mann, der auf seinem Roß die steilste Treppe hinangaloppiert, der seine Pistole so sicher schießt wie der alte Lederstrumpf seine lange Flinte und der den Säbel mit einer solchen Gewissenhaftigkeit zu führen weiß, daß ich ihn, nämlich den Herrn Grafen G., hierdurch aufs höflichste gebeten haben will, mir doch stets drei Schritte vom Leibe zu bleiben, sintemalen ich nicht die geringste Lust verspüre, ihm zu fernerer Erprobung seines schauerlichen Handwerks an meinem Leibe Gelegenheit zu geben.

Graf G. hörte von den Taten Schnapphahnskis, und es versteht sich von selbst, daß ihn sofort die Eifersucht stachelte, um aus der Haut zu fahren, um verrückt zu werden, überall, wo er ging und stand, immer Schnapphahnski und ewig Schnapphahnski! Graf G. geriet zuletzt in ein wahres Delirium, in einen St. Veitstanz, wenn man ihn nur im entferntesten an unsern Ritter erinnerte; seine Hengste spornte er blutig, er prügelte Hunde und Bediente, und alles nur wegen des verfluchten Schnapphahnski.

Am allerbegreiflichsten ist es indes, daß Graf G. zuletzt keinen anderen Wunsch mehr auf Erden kannte, als unserm Ritter einmal auf den Zahn zu fühlen.

Leider wollte sich hierzu aber nie eine Gelegenheit finden. Schnapphahnski war der liebenswürdigste Mensch von der Welt, betörend bei den Weibern und schlau bei den Männern. Er war allmählich zu der Überzeugung gekommen, daß das Leben kostspielig ist, sehr kostenspielig. Trotz aller äußeren Bravour glaubte er in der Tiefe seiner Seele an den 10. Vers des 90. Psalms, wo da geschrieben steht, daß unser Leben siebenzig Jahre währt, und wenn's hoch kommt, achtzig, und daß es köstlich gewesen ist, wenn es Mühe und Arbeit gewesen, und daß es schnell dahinfährt, als flögen wir davon.

Dachte er aber gar an den Grafen G., so ging es ihm nicht anders wie mir: er hätte sich lieber mit dem Pferdefuß des Satans herumgeschlagen als mit der Klinge jenes fürchterlichsten aller modernen Menschenfresser.

Aber was hilft es, wenn die Unsterblichen nun einmal beschlossen haben, daß einem das Schicksal ein Bein stellen soll?

Schnapphahnski hatte eines Abends die Unvorsichtigkeit begangen, seinem treuesten Freunde unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit mitzuteilen, daß die Schwester des Grafen G. – meine Leser müssen entschuldigen, wenn ich ihnen eine der galantesten Lügen neuerer Zeit nicht zu wiederholen wage – genug, unser Ritter ließ sich durch seine Phantasie zu einer Mitteilung verleiten, die, eben weil sie unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit geschah, auch schon am nächsten Morgen von dem treuesten aller Freunde dem Grafen in ihrer ganzen Frische wieder überbracht wurde.

Graf G. fluchte wie ein Christ und wie ein Preuße. Er nahm seinen Säbel von der Wand, und er nahm seine Pistolen – o armer Schnapphahnski! Doch was soll ich weiter erzählen? Es versteht sich von selbst, daß Graf G. in der Wohnung unseres Ritters eher den Vater Abraham hätte treffen können als den Herrn von Schnapphahnski.

Ja wahrhaftig, wie der edle Ritter einst dem ehrenwerten schlesischen Menelaos die Landstraße geräumt und die liebenswürdigste Frau überlassen hatte, so ließ er diesmal dem kriegerischen Grafen G. die Überzeugung zurück, daß ein Mann wie Schnapphahnski eine viel zu feine Nase hat, um nicht das Pulver auf wenigstens tausend Schritt zu riechen – mit einem Worte: Mensen Ernst hätte nicht schneller davonlaufen können als der berühmte Ritter Schnapphahnski.

Die böse Welt erzählt von einer großen unerbittlichen Hetzjagd, die jetzt ihren Anfang nahm. Fabelhaft war die Wut des Grafen G., aber noch unglaublicher war die Eile des Ritters Schnapphahnski. Wie die brennende Sonne den bleichen Mond verfolgt, so folgte der zornglühende Graf dem angstblassen Ritter. Da war kein Hotel, kein Salon zwischen Dresden, Berlin und Wien, da war kein Ort in dem ganzen östlichen Deutschland, der nicht untersucht wurde, in dem man sich nicht aufs angelegentlichste nach Sr. Hochgeboren, dem Ritter Schnapphahnski, erkundigte. Doch die Distanz wurde immer kleiner; immer näher rückte der Graf auf des Ritters Pelz – in Troppau in Östreich stehen unsere Helden endlich mit den krummen Säbeln in den Fäusten einander gegenüber.

Der edle Ritter kann seinem Schicksal nicht mehr entrinnen. Graf G. versteht keinen Spaß. Der Kampf beginnt. Seit Sir John Falstaff auf der Ebene von Shrewsbury mit dem Schotten Douglas aneinander war, gab es kein so famoses Treffen mehr auf der Welt als das unserer Helden in Troppau.

»So fiel ich aus, und so führt ich meine Klinge!« hatte der edle Ritter manchmal renommiert, wenn er den Damen seine Abenteuer schilderte. Jetzt war die Stunde gekommen, wo er das in der Tat und in der Wahrheit durchmachen sollte, was er früher so oft im Geiste und in der Lüge erlebte.

Schnapphahnski empfahl sich dem allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erden, er setzte den einen Fuß vor, er erhob den Säbel, und die Paukerei ging los. Graf G. schlug drein wie der leibhaftige Teufel. So ein Eisenfresser hat kein Mitleid – armer Schnapphahnski! Der edle Ritter fühlt, daß er es mit dem Bruder einer schönen Schwester zu tun hat, aber er wehrt sich, so gut er kann. Da fehlt er zum ersten Male, und die Klinge seines Gegners fährt ihm über den Leib, so nachdrücklich, so impertinent unhöflich, daß Graf G. nicht anders meint, als daß der Ritter ins Gras beißen und das Zeitliche segnen müßte. Schnapphahnski denkt aber nicht daran; ein leises Frösteln rieselt ihm über den Nacken, er schüttelt sich, und wiederum steht er da in der alten Parade: »So fiel ich aus, und so führt ich meine Klinge!«

Graf G. macht da den zweiten Ausfall; abermals klirren die Säbel, und zum zweiten Male besieht unser Schnapphahnski einen Schmiß, der dem besten Korpsburschen Heulen und Zähneklappen verursacht haben würde, vor dem unser Ritter aber nur leise stutzt und momentan zurückweicht, um sich sofort wieder zu sammeln und seine frühere Stellung einzunehmen. Graf G. ist über das zähe Leben seines Feindes nicht wenig erstaunt; er kennt doch die Force seines Säbels, er weiß, was in frühern Jahren seinen Hieben zu folgen pflegte, und schäumend vor Wut, daß seine besten Schläge ohne Erfolg bleiben, stürzt er zum dritten Male in den Kampf, und wiederum rasseln die Klingen, daß die Lüfte schwirren, daß allen beiden Kämpfern Hören und Sehen vergeht.

Da trifft der Säbel des Grafen zum letzten Male, und Schnapphahnski taumelt totenbleich zu Boden – o armer Mann! Die Klinge hat den Kopf nicht berührt, sie machte eine Reise über Schulter und Brust, die Kleider hängen in Fetzen herunter – o unglückseliger Ritter! Fallen in der Blüte der Jugend, ein Mann, so schön und so glücklich – es ist hart! Da kniet der Graf an seinem Opfer nieder und reißt die Kleider seines Gegners auf; er erwartet nicht anders als eine klaffende Wunde von ein bis zwei Zoll, es wundert ihn, daß nicht das Blut schon hervorspritzt. Da ist er mit dem Losknöpfen des Rockes fertig, zu seinem Entsetzen zieht er – ein nasses seidnes Sacktuch aus dem Busen seines Feindes. Er weiß nicht, was dies bedeuten soll; noch immer kein Blut; er greift abermals zu – ein zweiter Foulard! Zum dritten Male untersucht er – ein drittes Sacktuch! Und so: ein, zwei, drei, sechs, acht, zieht der erstaunte Graf einen nassen Lappen nach dem andern vom Körper des Ritters, bis zuletzt unser guter Schnapphahnski, seiner Hülle bar, als ein vollkommen unverletzter, höchst liebenswürdiger junger Mann am Boden liegt. – O Reineke, Reineke! O berühmter Ritter Schnapphahnski! Du hattest dein zweites Abenteuer überstanden. Zuerst die Gräfin S., und dann der Graf G. O denke an die Lakaien zu O. in Schlesien, o denke an das Duell von Troppau!

Man erzählt, Graf G. sei unwillig aufgesprungen; er habe ausgespuckt, sich auf sein Pferd geworfen und das Weite gesucht. Schnapphahnski gewann nach einiger Zeit die Besinnung wieder; er sammelte die umherliegenden Tücher und steckte sie vorsichtig in die Taschen. Sein Bedienter brachte ihn, leiblich sehr erschöpft, aber geistig ungemein heiter, in die nächste Herberge.

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