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Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski

Georg Weerth: Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski - Kapitel 2
Quellenangabe
typesatire
booktitleLeben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski
authorGeorg Weerth
firstpub1849
year1972
publisherEulenspiegel Verlag
addressBerlin
titleLeben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski
created20050608
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Vorspiel

Als der Verfasser des Lebens und der Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski die ersten Arabesken seiner wundervollen affen- und ebenteuerlichen Geschichte schrieb, da fiel es ihm im Traume nicht ein, daß zur Belohnung für all die herrlichen Erzeugnisse seines unsterblichen Geistes einst ein Gerichtsvollzieher bei ihm erscheinen werde, um ihn mit würdiger Miene, aber in sehr nachdrücklichem Tone vor den Herrn Instruktionsrichter des Königlich-Preußischen Landgerichtes in Köln zu zitieren.

Der Verfasser des Schnapphahnski hielt sich bisher für einen der unschuldigsten Menschen unseres verderbten Jahrhunderts. Er hatte sich oft darüber geärgert – denn nichts ist langweiliger und uninteressanter als die Unschuld. Als er aber den Gerichtsvollzieher sah und den Erscheinungsbefehl, in dem es klar und deutlich zu lesen war, daß er sich binnen zwei Tagen in dem Verhörzimmer des Richters melden solle, widrigenfalls nach der ganzen Strenge der Gesetze gegen ihn verfahren werde – kurz, als er sich davon überzeugte, daß man ihn für nichts mehr und nichts weniger als einen – Verbrecher halte: da sprang er empor mit dem Schrei des Entzückens, mit dem Jubel der Freude ob der endlich verlorenen Unschuld – er warf den Sessel um und den Tisch und alles, was darauf stand, und wäre fast dem Gerichtsvollzieher um den Hals gefallen, um ihn zu herzen und zu küssen, und ein über das andere Mal frohlockte er: »Ich bin ein Verbrecher! ein Verbrecher! Verbrecher!«

Die Freude des Verfassers hat sich seitdem in etwa gelegt. Er erschien nämlich wirklich vor Gericht, und es wurde ihm plötzlich sehr seltsam zumute. Das heilige Gerichtsgebäude der fröhlichen Stadt Köln machte trotz alledem einen unangenehmen Eindruck auf ihn. Mit den zwei nach vorn gekrümmten Seitenflügeln schien es ihn wie mit zwei abscheulichen Armen ergreifen und nicht wieder loslassen zu wollen. Und als nun gar rechts einige Erzengel der Gerechtigkeit mit langen Schleppsäbeln und großen häßlichen Schnurrbärten aufmarschierten und links Advokaten, Instruktionsrichter und Landgerichtsräte – alles Leute, die am Abend, im Wirtshause, bei einer Flasche Wein ganz manierlich aussehen – in langen wallenden Talaren, mit weißen Beffchen und altmodischen, höchst schauerlichen Mützen vorbeispazierten: da regte sich mit einem Male eine gewisse Stimme in der Seele des Angeklagten und sprach: »Wehe dir, wenn du etwas Böses getan hast; mit der heiligen Themis ist nicht zu spaßen!« Doch was soll ich meinen Lesern die Gemütsbewegungen des unglücklich-glücklichen Verfassers noch weiter schildern –? Was geht meine Leser der Verfasser an? – Wenden wir uns daher zu dem Prozesse selbst.

Die Anklage lautet auf Verleumdung. Cervantes verleumdete den Don Quijote, Louvet verleumdete den Chevalier Faublas, ich soll den Ritter Schnapphahnski verleumdet haben. Das ist schrecklich! Hat man den Cervantes gehängt? Nein. Hat man den Louvet guillotiniert? Nein. Wird man mich köpfen? Wer weiß es? Es wäre schade um mich. Es gibt nichts Schlimmeres auf Erden, als wenn man den Kopf verliert.

Einstweilen besitze ich ihn noch, und hin und her habe ich mich besonnen, ob es wohl schon etwas gegeben hat, was dem Prozesse Schnapphahnski ähnlich sah. Die heilige Justiz möge mir verzeihen, wenn ich ihr unrecht tue – ich konnte noch nichts finden. Und nähmt ihr die Flügel der Morgenröte und flögt bis zum äußersten Meere: ihr fändet noch keinen zweiten Prozeß Schnapphahnski.

Das einzige, was ihm entfernt ähnlich sieht, finden wir aufgezeichnet in dem 11. und 12. Kapitel des 2. Buches der »Erschrecklichen Heldentaten und Ebenteuer Pantagrueli, der Dipsoden König, in sein ursprünglich Naturell wiederhergestellt durch Meister Alcofribas, der Quintessenz Abstraktor«. Ich brauche meinen Lesern nicht zu bemerken, daß Alcofribas niemand anders ist als: Meister Franz Rabelais, der Arzenei Doktoren.

Meister Franz schildert uns in dem erwähnten Kapitel seines unübertrefflichen Werkes, für das er ebenfalls weder gehängt, guillotiniert noch geköpft wurde: den Prozeß Leckebock-Saugefist. Um meinen Lesern einen Vorgeschmack von dem möglicherweise zum wirklichen Ausbruch kommenden Prozeß Schnapphahnski zu geben, führe ich das Plädoyer jenes merkwürdigen Falles wörtlich an:

»Da sprach Pantagruel zu ihnen: Seid ihr es, die ihr den großen Streit mit einander habt? – Ja, gnädiger Herr, antworteten sie. – Und welcher von euch ist der Kläger? – Ich bin's, sprach Herr von Leckebock. – Nun, mein Freund, so erzählet uns also Punkt für Punkt euren Handel rein nach der Wahrheit: denn bei dem hohen Sakrament! wo ihr auch nur ein Wort dran lügt, hol ich den Kopf euch von den Schultern, und will euch weisen, daß man in Rechten und vor Gericht nur die lautere Wahrheit sprechen soll. Darum hütet euch also wohl, eurer Sache etwas zuzusetzen oder davonzutun! Saget an.

Da begann denn Leckebock wie folgt: Gnädigster Herr, es ist wohl wahr, daß eine brave Frau meines Hofes Eier zu Markte trug – bedeckt euch, Leckebock, sprach Pantagruel. – Großen Dank, Herr, sagt' der Junker: doch weiter im Text: zwischen den beiden Wendezirkeln kam sie sechs Kreuzer zenithwärts und einen Stüber, in Betracht daß die Riphäischen Berg dies Jahr sehr unfruchtbar an Gimpel-Schneisen gewesen waren, mittels eines Aufruhrs, der sich zwischen den Kauderwelschen und den Accusirnern erhoben, wegen der Rebellion der Schweizer, die sich Pumpzig an der Zahl zum Heereszug gen Neuennadel versammelt hatten, im ersten Loch des Jahres, da man die Supp den Ochsen, und den Jungfrauen den Kohlenschlüssel zum Haberschmaus für die Hund verabreicht'. Die ganze Nacht ward (Hand am Pot) nichts weiter geschafft, als daß man Bullen expediert auf Posten zu Fuß und Knecht zu Roß, um alle Kähn in Beschlag zu nehmen, denn die Schneider wollten ein Blaserohr aus den gestohlenen Flecken machen, den Ocean zu überdachen, der damals nach der Heubinder Meinung mit einem Krautgemüs schwanger ging. Aber die Physici meinten, es wär an seinem Wasser kein Zeichen zu sehen so deutlich wie am Fuß des Trappen, Hellebarden mit Senf zu pappen, wofern nicht die Herren Oberrichter der Syphylis aus Be Moll verböten hinter den Laubwürmern drein zu stoppeln, und also während des Gottesdiensts spazieren zu gehen. Ha, ihr Herren, Gott helf uns weiter nach seinem Rat, und, wider des Unglücks böse Tück zerbrach ein Kärrner nasenstüblings sein Peitsch: denn das Gedächtniß verrauchet oft, wenn man die Hosen verkehrt anzeucht. – Hier sprach Pantagruel: Sacht, mein Freund, nur sacht! sprecht langsam, ereifert euch nicht. Ich versteh den Kasus; fahret fort.«

Und Leckebock fuhr fort, noch eine halbe Stunde lang zu reden, in bisheriger Weise. Nachdem er sich aber aller seiner Weisheit entledigt hatte, setzte er sich und murmelte: »Demnach, Gestrenger, bitt ich schön, Euer Hoheit woll in dieser Sach erkennen und sprechen was Rechtens ist, nebst Kost, Zinsen und Schadenersatz.«

Da erhob sich Herr von Saugefist; er räusperte sich vierundsechzigmal und erwiderte: »Gnädigster Herr, und ihr andern Herren, wenn die Bosheit der Menschen so leicht nach kategorischem Urtheil erkannt würd', als man die Mücken im Milchnapf sieht, so würd' das Vier-Ochsen-Land von den Ratzen nicht so zerfressen sein als es ist, und manche zu schimpflich gestutzte Ohren würden annoch auf Erden sein. Denn obschon was die Geschicht des Facti und den Buchstaben anbetrifft, des Gegners Bericht auf ein Härlein wahr ist, so sieht man doch gleichwohl, meine Herren, die Listen, Schlich und die feinen Häklein, und sieht wo der Hund begraben liegt. Ey heilige Dam! man kann den Schnabel nicht mit Kuhmist heitzen, ohne sich Winterstiefel zu kaufen, und die Schaarwach kriegt ein Klystier-Decoct oder den Kackstoff. Muß man derhalb die hölzernen Bratspieß schmoren? Doch der Mensch denkt und Gott lenkt, und wenn die Sonne hinunter ist, sitzt alles Vieh im kühlen Schatten. Anno sechsunddreißig kaufte ich mir einen Fuchsschwanz. Er stand fein hoch und kurz: die Woll' so ziemlich, aber gleichwohl hing der Notar sein Cetera daran.

Ich bin kein Studierter, aber im Buttertopf, wo die vulkanischen Instrument besiegelt wurden, ging das Gerücht, der gepökelte Ochs, der spüret den Wein in stockfinsterer Mitternacht ohn Licht aus, und stäcke er auch zu unterst im Sack des Kohlenbrenners. Zwar ist an dem, daß die vier Ochsen, von denen die Rede ist, einigermaßen ein kurzes Gedächtniß hatten, doch was die Murrner anbetrifft, so hätten sie auch bei der Hundshochzeit zum Garaus geblasen und der Notar hätte auf kabbalistisch seinen Rapport darüber erstattet, daß sechs Morgen Wiesenland keine drei Flaschen Dinte geben.« So sprach auch Saugefist noch eine lange Weile. Als er aber ebenfalls ausgeredet, »erhub sich Pantagruel, rief alle Präsidenten, Räth und Doctores zusammen, und sprach zu ihnen: Wohlan ihr Herren, ihr habt nun vivae vocis oraculo den Handel gehört, davon die Red ist; was dünkt euch dazu?

Und sie antworteten: Freilich haben wir's gehört, aber wir verstanden für'n Teufel auch nicht ein Wörtlein davon. Bitten Euch demnach una voce unterthänigst um die Gunst, daß Ihr nach Eurer Einsicht wollt das Urtheil sprechen.«

Da nahm Pantagruel das Wort und sprach: »Auf Vernehmen, Anhörung und reifliches Erwägen des Streites der Herren von Leckebock und Saugefist, erkennt das Gericht, daß in Betracht dessen und in Erwägung, daß die Glas-Molken auf nächsten Mai in Mitten August zahlbar sind, und die Guttural-Beinschellen durch Heu verstopft werden müssen, jene zu leisten schuldig sind und Freund wie vor, ohne Kosten, aus Ursach. Also lautete die Fällung des Urtheils und beide Theile gingen zufrieden mit dem Bescheid von dannen, welches schier ein unglaublich Ding war: denn seit dem großen Regen hätt' man noch nicht erlebt und wird's auch schwerlich in dreizehn Jubeljahren erleben, daß zwo uneinige Parteien in einem Rechtsstreit ebenmäßig das Endurtheil gut heißen sollten.

Die übrigen anwesenden Räthe und Doctoren aber saßen dort wohl noch an drei Stunden steif und starr in stummer Verzückung, außer sich für Staunen ob des Pantagruels übermenschlicher Weisheit, welche sie aus Entscheidung dieses so schweren und kitzlichen Handels klar erkannten. Und säßen noch allda, wenn man nicht Essig und Rosenwasser die Fülle gebracht hätte, zu Erweckung ihrer fünf Sinne und Lebensgeister, da denn Gott ewig Lob für sei. –«

So weit Alcofribas, der Quintessenz Abstraktor.

Vor dem Prozeß der Herren Leckebock und Saugefist gab es keinen ähnlichen: und nach ihm gab es nur den des berühmten Ritters Schnapphahnski.

Erwarten wir von ihm das Möglichste. Öffentlich werde ich an den meistbietenden Advokaten die Ehre, mich zu verteidigen, verkaufen lassen.

Unsterblich kann er sich machen durch meine Verteidigung! Denn meinen Prozeß werde ich besingen, in Jamben, in Daktylen, in Trochäen,

»In Spondeen und Molossen,
In antiken Verskolossen –«,

der Gegenwart zur Lust, der Nachwelt zu unauslöschlichem Gelächter.

Köln, Dezember 1848
Georg Weerth
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