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Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski

Georg Weerth: Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski - Kapitel 16
Quellenangabe
typesatire
booktitleLeben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski
authorGeorg Weerth
firstpub1849
year1972
publisherEulenspiegel Verlag
addressBerlin
titleLeben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski
created20050608
sendergerd.bouillon
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XIV.
Der Graf

Ich führe meine Leser in das geräumige Gemach eines alten schlesischen Schlosses. Es ist Abend geworden. Der letzte Strahl des Tages bricht durch die schweren seidenen Vorhänge und treibt sein Spiel mit den Flammen des Kamins, der immer lustigere Streiflichter auf den grünen Teppich wirft, auf die kolossalen Spiegel der Wände und auf eine Reihe vornehm adliger Köpfe, die aus goldenen Rahmen ernst und feierlich niedersehn.

Die Luft des Gemaches ist duftig warm. Der Rauch der besten Havanna-Zigarren zieht in blauen Wölkchen vorüber, und auf dem Marmorgesims des Kamins dampft Punsch und Grog aus kristallenen Gläsern. Zur Rechten und zur Linken des Feuers bemerken wir in zwei großen Sesseln zwei junge Männer, die Beine dem Feuer behaglich entgegenstreckend.

Der eine, den Ellenbogen in die Lehne des Sessels drückend, stützt den schönen schwarzgelockten Kopf auf die schneeweiße Hand. Die Flammen des Kamins spiegeln sich in seinem dunklen Auge. Er scheint in tiefes Sinnen versunken. Minutenlang liegt er regungslos da; aber plötzlich fährt er zusammen, er streicht die Locken von der Stirn, und die halberloschene Zigarre aufs neue an die Lippen führend, lacht er und zeigt unter dem kohlschwarzen Schnurrbart eine Perlenreihe der schönsten Zähne.

Der zweite der jungen Raucher bildet den besten Kontrast zu dem ersteren. Er ist lang, dünn, trocken, blondhaarig, mit kahler Glatze – eine etwas ruinierte Erscheinung, die durch fashionable Manieren den frühen Verlust aller übrigen körperlichen Reize wiedergutzumachen strebt. Der Blonde weiß sehr graziös zu rauchen, aber nur selten greift er nach seinem Grog, den er, statt zu trinken, wie aus Langerweile nachlässig in den Kamin schüttet. Mit einem ironischen Lächeln blickt er auf den sinnenden Freund.

»Trösten Sie sich«, beginnt endlich der Blonde, »trösten Sie sich, Ritter, Sie werden die Herzogin jedenfalls noch heute abend zu Gesichte bekommen. Sie werden eine geistreiche Dame kennenlernen.«

Der Schwarzgelockte hebt sich langsam im Sessel empor: »Sagen Sie mir zum zwanzigsten Male, Graf, glauben Sie wirklich, daß ich reüssieren werde?«

»Das hängt einzig und allein von Ihnen ab: Übrigens werde ich Sie nach Kräften unterstützen –«

»Ich schenke Ihnen meinen schönsten Hengst!«

»Einen Hengst! für eine Herzogin! Es tut mir nur leid, daß ich nicht mehr so gut wie früher mit ihr stehe.«

»Wieso, Graf?«

»Ich sagte der Herzogin einst, daß ich aus reiner Sympathie eine kahle Glatze trüge: und sehen Sie, das konnte sie mir nie vergessen.«

»Armer Mann – –«

»Ja, wahrhaftig, hüten Sie sich davor, die leiblichen Schönheiten der Herzogin näher zu besprechen. Loben Sie nur ja nicht ihre glänzenden schwarzen Haare, ihre herrlichen Zähne oder ihren eleganten Wuchs – die Herzogin würde dies für die abscheulichste Ironie halten, denn alles Lob fiele auf den Perruquier zurück, auf den Zahnarzt und auf ähnliche nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft.«

»Aber was soll ich tun –?«

»Ich setze voraus, daß Sie nicht von der Herzogin benutzt zu werden wünschen, sondern daß Sie die Herzogin benutzen wollen?«

»Allerdings!«

»Sie müssen daher die Herzogin zu unterjochen suchen.«

»Sehr richtig!«

»Und es stehen Ihnen zwei Wege zu diesem Ziele offen.«

»Welche?«

»Entweder müssen Sie als Tyrann auftreten – oder als harmloser Schäfer. Das eine Mal werden Sie durch Ihre Keckheit, durch Ihre Unverschämtheit die Eitelkeit der Herzogin in so barbarischer Weise aufstacheln, daß sie es sich zur Ehrensache macht, Ihnen nur nach dem fürchterlichsten Kampfe das Feld zu räumen. Ein wahres Gemetzel von Blicken, Worten, Ränken und Intrigen wird sich zwischen Ihnen entwickeln. Sie werden, ohne die Eitelkeit der Herzogin zu verletzen, jede ihrer Frechheiten durch eine eklatantere Bosheit zu überbieten wissen. Ihre List werden Sie durch List umgehen, ihrer Lüge werden Sie durch noch größere Lügen imponieren, die Renommage mit ihren galantesten Sünden werden Sie durch die Erzählung galanterer Abenteuer zu paralysieren suchen. Malt die Herzogin grau, so malen Sie schwarz; malt sie rot, so malen Sie purpurrot, und ist es zuletzt nicht mehr möglich, sie im Raffiniertsein zu überbieten, da schlagen Sie plötzlich in das ganz Entgegengesetzte um und vernichten Ihre Gegnerin durch das Einfache. Sie treiben die Herzogin bis auf den Chimborasso des Unerhörten und lassen sie plötzlich in die Sahara des Allergewöhnlichsten fallen, und ich bin gewiß, daß Sie zuletzt siegen, daß das raffinierte Alter der raffinierten Jugend weichen muß, daß die Herzogin zum Rückzug bläst, ja, daß sie enttäuscht zusammensinkt, daß sie ächzt und winselt – aber dann erst ist der Augenblick gekommen, wo Sie Ihrem Feldzuge die Krone aufsetzen.

Denn statt den Fuß siegend auf ihren Nacken zu setzen, verzichten Sie plötzlich auf den Ruhm der gewonnenen Schlacht; statt zu triumphieren, machen Sie ihren Triumph zu dem Triumph der Herzogin: während sie Ihnen zu Füßen fallen will, kommen Sie der Herzogin zuvor und fallen ihr zu Füßen, ein sentimentaler Satan, ein verliebter Nero, so daß Sie Ihre fallende Gegnerin mit den Armen auffangen und sie emporrichten, sie maßlos erstaunend durch Ihre Überlegenheit und zum Danke rührend durch Ihre unbeschreibliche Galanterie. Seien Sie versichert, Ritter, durch ein solches Spiel werden Sie die Herzogin durchaus gewinnen – sie wird alle Ihre Schulden bezahlen – –«

»Und den andern Weg?« fragte der Ritter, indem er sich aufmerksamer emporrichtete.

»Nun, der ist bei weitem einfacher, vielleicht zu einfach, als daß Sie sicher und gewiß damit zum Ziele kommen. Soweit ich Sie zu beurteilen verstehe, werden Sie die Rolle eines Roués besser spielen können als die eines Gimpels; die zweite Manier, die Herzogin zu erobern, besteht nämlich wie gesagt darin, daß Sie eben als harmloser, unerfahrener Jüngling auftreten, um die Herzogin durch Ihre Naivität zu besiegen, durch das Reizende einer unerhörten Unbefangenheit, durch eine bis zum Exzeß getriebene Heuchelei der tugendhaftesten, uneigennützigsten Liebe. Sie wissen, in welcher Verlegenheit sich die Herzogin befindet, wie sie alle Ressourcen des Vergnügens erschöpft hat, wie sie längst von ihren erträglichsten Anbetern im Stich gelassen wurde – – Sie wissen alles. Jede neue Aventüre würde ihr willkommen sein, aber schwärmen, schwärmen wie früher würde sie nur für den, der den Frühling des Lebens wieder in ihr Alter hineinzauberte, der durch die jugendlichste Hingebung, wenn auch nicht das Reelle eines jugendlichen Umgangs, so doch wenigstens die Erinnerung an die Lust der Vergangenheit bei ihr heraufbeschwöre, um sie auf diese Weise das Durchlebte scheinbar aufs neue erleben zu lassen. Brächten Sie diese Täuschung bei der Herzogin zuwege, so glaube ich, daß sie wahnsinnig vor Freude würde. Die Herzogin würde nicht nur Ihre Schulden bezahlen, nein, sie würde ihre Schlösser in Brand stecken und ihre Diamanten ins Meer werfen, wenn Sie es wünschten: alles, alles würde Sie Ihnen zu Gefallen tun – wählen Sie, lieber Ritter!«

»Ich wähle das letztere!« rief der Ritter, indem er das eben gefaßte Kristallglas zu tausend Scherben an die nächste Wand schleuderte und seinen blonden Freund so stürmisch umarmte, daß der unglückliche Graf wie von dem Stich einer Tarantel laut schreiend zusammenfuhr. »Ich wähle das letztere! Mein Plan ist gefaßt!«

Arm in Arm wandelten Graf und Ritter über den Teppich des weiten Gemaches.

Herr von Schnapphahnski – denn niemand anders war der schwarzgelockte Gast des blonden Grafen – war jetzt in demselben Falle wie unser Berliner Professor: es stand ihm etwas sehr Außerordentliches bevor. Nichts hätte ihn mehr aufregen können als das bevorstehende Zusammentreffen mit der Herzogin von S. Die bösen Geister der Vergangenheit zankten sich in seinem Innern mit der Hoffnung eines endlichen Triumphes. Alle Wunden, die ihm das Mißgeschick in Berlin, in Wien, in München und an zwanzig andern Orten schlug, sollte das Glück bei der Herzogin wiedergutmachen. Nach wochenlanger Niedergeschlagenheit fühlte er aufs neue alle seine Muskeln und Nerven in fieberhafter Bewegung. Er war endlich wieder der alte Schnapphahnski, er war wieder ein schöner Mann vom Scheitel bis zur Zehe, doppelt schön, weil er etwas wagte – er glich einem Spieler, der nach tausend Verlusten aus seiner Lethargie erwacht und die letzte Goldrolle hohnlachend auf den grünen Tisch wirft.

»Machen Sie die Herzogin, ich werde den jugendlichen Verliebten spielen!« rief der erfindungsreiche Ritter, indem er plötzlich im Gehen innehielt, den Arm des Freundes fahren ließ und sich mit der zierlichsten Verbeugung vor den Grafen pflanzte. »Ich weiß nicht mehr recht, wie ich mich seinerzeit als brauner Husar in O. in Schlesien betragen habe. Ich muß mich einmal darin üben. Damals war ich wirklich ein harmloser Junge, ein schönes Kind, und alle alten Damen wollten mich auf den Schoß nehmen, mit Stiefeln und Sporen, um mich zu küssen. Wenn ich vor der Herzogin nur halb so naiv erscheine wie einst vor der Gräfin S., da haben wir gewonnenes Spiel, und ich versetze meiner Dulcinea in einem einzigen Jahre die Hälfte ihrer Waldungen – alle meine Schafe werden enthypotheziert.«

Der Ritter riß die Decke von dem nächsten Tisch und hing sie nolens volens über die Schulter des Grafen – Uhr und Vasen rollten auf den Boden.

»Drapieren Sie Ihre Reize so hübsch als möglich mit diesem Lappen! Sie sind die Herzogin, ich bin der sechzehnjährige Schnapphahnski!«

Ritter und Graf standen einander gegenüber.

»Gnädige Frau –«, begann der Ritter.

»Ach, guten Tag, Herr Ritter!« erwiderte der Graf.

»Gnädige Frau, in tiefer Demut beuge ich mich vor Ihrer welthistorischen Persönlichkeit.«

»Es freut mich von Herzen, Sie kennenzulernen, Herr Ritter – ich habe schon viele lose Streiche von Ihnen gehört.«

»Halten Sie die losen Streiche meiner Jugend zugut, aber seien Sie versichert, gnädige Frau, daß ich nur dem Ideale entgegenstrebe, welches mir in diesem wichtigen Momente vor Augen schwebt.«

»Sie haben Ihre Laufbahn jedenfalls früh begonnen; schon als brauner Husar in O. in Schlesien parodierten Sie die Iliade mit so viel Glück, daß die Bauern des Gebirges bereits eine Sage aus Ihnen gemacht haben.«

»Allerdings, gnädige Frau! Ich hatte gehört, daß Sie, kaum verheiratet, schon den Kosaken hinten aufs Pferd sprangen – ich glaubte, in der Romantik nicht hinter Ihnen zurückbleiben zu dürfen. Ihr Bild wollte nicht aus des feurigen Knaben Gedächtnis.«

»Und in Troppau hatten Sie dann Ihr famoses Duell: die Säbel schwirrten, und der Ruf des jungen Helden verbreitete sich durch alle Lande.«

»In demselben Lebensjahre war es, wo Sie sich, gnädige Frau, zum ersten Male mit Ihrem Gemahl so eklatant brouillierten. Die Locken flogen, und die Geschichte machte Furore in allen Pariser Salons.«

»Und nach Berlin eilten Sie dann.«

»Sie machten Ihre diplomatische Reise.«

»Daß Sie unglücklich mit Carlotten waren, Herr Ritter, ich habe es nie geglaubt.«

»Und wenn Ihre Untergebenen oft seltsame Dinge erzählten, gnädige Frau, so war es reine Verleumdung.«

»Jedenfalls wurden Sie aus Berlin durch den Zorn der Götter vertrieben –«

»Und Ihnen wurde unter Karl X. der Hof untersagt.«

»Aber Sie machten sich nichts daraus; Sie gingen nach Spanien, Lorbeeren zu pflücken unter Don Carlos.«

»Sie, gnädige Frau, reisten unter den interessantesten Umständen nach Florenz, Ihren unschuldigen Gatten aufzusuchen, und schon nach wenigen Monaten beschenkten Sie die Welt mit der lieblichsten Tochter –«

»Verzeihen Sie, Herr Ritter – –«

»Entschuldigen Sie, gnädige Frau – –«

»Aber Sie werden anzüglich, Herr Ritter!«

»Aber Sie werden verletzend, gnädige Frau!«

»Ich glaubte einen anspruchslosen Knaben in Ihnen zu finden –«

Beide Freunde lachten laut auf und sanken einander in die Arme.

»Wir sind aus der zweiten in die erste Rolle gefallen!« rief der Graf.

»Aus der harmlosen in die maliziöse!« erwiderte der Ritter.

Da wurde die Türe geöffnet. Man meldete die Ankunft der Herzogin von S.

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