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Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski

Georg Weerth: Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski - Kapitel 14
Quellenangabe
typesatire
booktitleLeben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski
authorGeorg Weerth
firstpub1849
year1972
publisherEulenspiegel Verlag
addressBerlin
titleLeben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski
created20050608
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XII.
Die Herzogin

Wie ein begossener Pudel, bleich, zitternd, kaduk, verließ unser Ritter Berlin. Es war ihm zumute wie weiland in den Pyrenäen, als er, ein flüchtiger Landsknecht, bespritzt von altspanischem Landstraßendrecke, das Weite suchte und aus Verzweiflung Autor wurde, ja, Schriftsteller – das Schlimmste, was einem Menschen im Leben passieren kann.

Es fröstelte unsern Helden. Die Zukunft dehnte sich vor seinen Blicken wie ein langer trüber Regentag. Gläsernen Auges stierte er hinaus in die Leere seines Daseins, einem zerlumpten Auswanderer gleich, der müßig über das wüste, einförmige Wogen des Meeres schaut und mit sich zu Rate geht, ob er die Reise in eine neue Welt wagen oder ob er sich lieber hintereinander ersäufen soll.

Die ekelhafteste, hündischste Phase des Unglücks ist die, in der man gleichgültig und dumm wird. Ein Unglücklicher, der weint und wimmert wie ein verliebter arkadischer Schäfer, er kann schön sein, man wird ihn lieben können, und blonde Poeten werden ihn besingen und Stanzen und Sonette auf ihn dichten, und blauäugige Mädchen werden an ihn denken noch manchen stillen Sonntagnachmittag. Ein Mensch, der sich, wie ein Laokoon, schmerzgefoltert durch die Schlangen des Mißgeschickes windet: er wird unsere Herzen mit sich fortreißen, und ein großer Meister wird ihn in Marmor hauen, und ein zweiter Lessing wird vielleicht eine unsterbliche Kritik darüber schreiben, und kunstsinnige Könige und klassische Schulmeister werden sich daran erbauen bis an den Jüngsten Tag. Und ein Mann endlich, der jenem Römer gleich, mit kalt-heroischer Trauer auf den Trümmern einer Welt sitzt: er wird uns fesseln durch die Ruhe seines Adlerauges, durch die Allgewalt seines Schicksals. – Herr von Schnapphahnski schnitt aber leider weder ein Gesicht wie ein arkadischer Schäfer noch wie der große Laokoon, noch wie ein alter Römer; er glich einem Unglücklichen, den man zehn Jahre lang in einem Zellengefängnis marterte, der sich allmählich für den einzigen Menschen auf der Welt hielt, weil er niemand anders als sich sah; ja, der sich endlich einbildete, daß er längst gestorben wäre und daß der Tod nur in dem Leben eines Zellengefängnisses bestehe, und der sich immer mehr mit seinem Schicksale aussöhnte, bis er zuletzt vor freudigem Wahnsinne stupide lachte, ja, bis seine Seele so gespenstisch durch die eingefallenen Augen schaute wie eine verwelkte Rose durch das zerbrochene Fenster eines Hauses, das morsch und menschenverlassen ist und über Nacht zusammenstürzen wird in Staub und Asche.

Genug, unser Ritter war ein verlorener Mann, eine leichtsinnige Fliege, die ins Licht flog und sich Kopf, Beine und Flügel verbrannte. Ja, noch mehr. Unser Held hatte sich blamiert; er hatte sich lächerlich gemacht; er war »unmöglich« geworden, in jeder Beziehung (ridicule et impossible).

Wir wollen es nicht versuchen, die Monologe unseres Helden wiederzugeben – die Monologe, die er zwischen Berlin und der Wasserpolackei hielt, wenn er bald die Götter bat, ihn in das räudigste Schaf zu verwandeln, das hypotheziert auf seinen Triften ging, und bald wieder wünschte, seinen Kopf in beide Hände nehmen zu können, um ihn gleich einer Bombe in den Olymp zu schleudern, daß der alte Olympos platze mit all seinen Göttern. Schuldbeladen saß unser Held auf seinen verschuldeten Gütern. Seine Häuser, seine Felder, seine Schafe hatte er den Juden und den Christen verpfändet. Ihn selbst hypothezierte das Schicksal. Schnapphahnski war nicht mehr der alte Schnapphahnski. Man sagt, er habe in jenen Tagen manchmal in der Bibel gelesen – – erst nach geraumer Zeit sollte aus der melancholischen Puppe wieder der lustige Schmetterling springen. Diese Wendung in dem Trauerweidenleben unseres Ritters trat dadurch ein, daß ihm einst ein guter Freund aus alten Tagen ermunternd auf die Schulter klopfte und ihn darauf aufmerksam machte, daß er durch die Liebe unglücklich geworden sei und daß er folglich auch suchen müsse, durch die Liebe wieder auf den Strumpf zu kommen. Ein tiefer Sinn lag in diesen Worten, und als der wohlmeinende Freund unseres Ritters noch hinzusetzte, daß sich ganz in der Nähe eine gewisse steinreiche Herzogin aufhalte, die zwar ein höchst dornenvolles, jedenfalls aber ein ungemein ergiebiges Feld der Eroberung darbiete, da erwachte unser Held plötzlich aus seiner Lethargie und faßte den Entschluß, seinen letzten großen Coup zu wagen – –

Ich komme jetzt im Laufe meiner Erzählung zum ersten Male an eine Stelle, wo ich unwillkürlich stutze und zurückschrecke. Die Feder versagt mir fast den Dienst; ich möchte sie gern wegwerfen; ich bin unschlüssig, ob ich überhaupt noch fortfahren soll: ich bin in der peinlichsten Verlegenheit. Meine freundlichen Leserinnen werden meine Not begreifen, wenn ich ihnen rundheraus sage, daß ich dazu gezwungen bin, mich über eine Dame auszulassen, deren Schicksale so wenig an das Leben einer Heiligen erinnern, daß ich wirklich nicht weiß, ob nicht manche Lilienwange über meine Schilderung leise erröten und manche kleine Hand diese Blätter zornig zerreißen wird in tausend Stücke. – Was soll ich tun?

Bin ich nicht bisher immer höflich gegen die Frauen gewesen? Suchte ich nicht die Ehre der trefflichen Gräfin S., jener schönen, edlen Frau, in jeder Weise zu wahren? Verteidigte ich nicht die Schwester des Grafen G.? Habe ich nicht von Carlotta die lautere Wahrheit gesagt? Nahm ich nicht die Tänzerin in Schutz, und schilderte ich nicht die Wiener Damen in ihrer ganzen sonnigen Hoheit? – Ach, und nun soll ich mit einem Male von einer Frau erzählen, deren Reize so unendlich zweideutig sind, daß ich durch meine Schilderung beim besten Willen und bei der äußersten Zartheit doch mitunter gegen das Gefühl des Anstandes und der Galanterie aufs gröbste verstoßen muß, wenn ich nur einigermaßen der Wahrheit getreu bleiben will, der Göttin der Wahrheit, die bisher meine Feder führte mit unerbittlicher Strenge. Doch wage ich es! Es sei! Möge der Stil meinen Gegenstand retten! Die Form ist alles!

Die Dame, auf welche Herr von Schnapphahnski sein Augenmerk richtet, ist die achtundfünfzigjährige Herzogin – – meine Leser müssen verzeihen; ich werde dies später erzählen.

Die Herzogin ist achtundfünfzig Jahre alt – also fast zweimal »schier dreißig«. Man muß gestehen, unser Ritter hatte plötzlich sehr seltsame Gelüste bekommen. »Unser Leben währet kurze Zeit; siebenzig Jahre, wenn's hoch kommt: achtzig –«, meint der Psalmist; achtundfünfzig Jahre ist schon ein hübsches Alter; ohne unhöflich zu sein, darf man von einer Achtundfünfzigjährigen sagen: »c'est une dame d'un certain âge.« – Die Herzogin ist klein. Sie ist äußerst zart gebaut; ja, man könnte sie – mager nennen, wenn dieser Ausdruck nicht gar zu unangenehm wäre. Unter vier Augen würde man sich sogar gestehen, daß die Herzogin mager wie ein Skelett ist.

Ich bitte sehr um Entschuldigung! Die Herzogin trägt falsche Waden – ich stoße immer wieder auf Schwierigkeiten. Falsche Hüften – ich verwickle mich immer mehr. Einen falschen Cul – aber jetzt höre ich auf. Mit der Toilette einer Dame ist nicht zu spaßen. Die Toilette ist etwas sehr Ernstes. Die Toilette ist alles! Namentlich bei der Herzogin.

»Die Herzogin gleicht einem ausgestopften Raubvogel.« Ich wasche meine Hände in Unschuld. Ich habe dies nicht gesagt. Es steht wörtlich so in meinen Manuskripten. Die Herzogin gehört also nach dieser Aussage in das Britische oder in das Leydener Museum. »Die Herzogin trägt auch die Physiognomie desselben, nämlich des Raubvogels: enorme geierartige Nase, Geieraugen, groß wie ein Teller – in früheren Zeiten von hoher Schönheit.« – Die holde Persönlichkeit der Frau Herzogin wird immer deutlicher. »Sehn Sie hier, meine Herren und Damen«, würde etwa ein Wärter des Britischen oder des Leydener Museums sagen, »hier sehen Sie den großen Raubvogel (jetzt käme irgendein lateinischer Name), jenes berühmte Tier, das auf den höchsten Höhen der menschlichen Gesellschaft nistet. Der Zahn der Zeit hat sehr merklich an diesem Vogel gerupft. Trotzdem werden Sie aber an der großen gebogenen Nase und an den grimmigen Augen dieses Tieres bemerken können, daß er von außerordentlich rein adeliger Rasse ist. In seiner Jugend machte dieser Vogel die kühnsten Flüge; er horstete mit den männlichen Raubvögeln des Jahrhunderts in der Nähe aller europäischen Throne, auf allen Ambassaden moderner Völker. Er lebte mit Adlern, mit Steinadlern, mit Geiern, mit Lämmergeiern, mit Falken und Kranichen; ja, er ließ sich später sogar zu Raben und Elstern herab, zu gewöhnlichen Haushähnen und ähnlichem gemeinbürgerlichem Geflügel. In jüngster Zeit assoziierte sich unser Vogel aber noch einmal mit einem Männchen aus dem berühmten Geschlechte der Schnapphahnski, und Gott weiß, welch ein naturhistorischer Druckfehler aus dieser Liaison hervorgegangen wäre, wenn nicht ein naseweiser Schriftsteller das alte Tier plötzlich mit seinem Geschosse erlegt hätte, so daß es nun hier in dem Kasten des Museums prangt, ein wahres Kabinettstück, bewundert von allen reisenden Engländern und vielfach besucht von allen wißbegierigen Bürgerschulen.«

Die Herzogin ist also eine geiernasige und geieräugige, aus Kunst und Natur zusammengesetzte achtundfünfzigjährige kleine Dame. Wir wünschen Herrn von Schnapphahnski von ganzem Herzen Glück. »Der Teint der Herzogin ist gelb verwittert«, setzt das Manuskript hinzu, »die Herzogin hat höchst scharfe Züge. Ihr ganzes Angesicht gleicht aber der Brandstätte der Leidenschaften.«

Brandstätte der Leidenschaften!

Seit wir diesen Vergleich haben, brauchen wir unsere Herzogin weiter nicht mehr zu schildern. Es ist unnötig, wenn wir noch hinzusetzen, daß unsere Heldin sich stets sehr jugendlich kleidet, daß sie eine zweireihige Garnitur falscher Zähne besitzt und daß sie einen total haarlosen Kopf hat und deshalb auch schon seit undenklichen Zeiten eine vollständige Perücke trägt . . .

Die kahlen Köpfe waren in der Familie der Herzogin von jeher en vogue. Die älteste Schwester unserer Heldin, eine ausgezeichnete Dame, die sich von vier Männern scheiden ließ und eigentlich in der ganzen Familie einzig und unerreicht dasteht, beschäftigte sich während der zweiten Hälfte ihres schönen Lebens fast ununterbrochen mit der Auffindung irgendeines Mittels, das die letzten Reste des herzoglichen Familienhaares konservieren könne.

Pythagoras entdeckte seinen Lehrsatz; Kolumbus entdeckte Amerika, und die Herzogin von . . . entdeckte die berühmte schwarze Haartinktur. Ich weiß nicht, ob die Herzogin den Göttern Hekatomben schlachtete, nachdem sie die Tinktur erfunden hatte; jedenfalls ist es aber für gewiß anzunehmen, daß sie den Augenblick der Entdeckung für den wichtigsten ihres Lebens hielt.

Das Unglück, keine Haare mehr auf dem Kopfe zu besitzen, ist so groß, daß es eigentlich nur dann zu ertragen ist, wenn man Haare auf den Zähnen hat. Ein Mensch, der sie weder da noch dort trägt, ist sehr zu bedauern. Er ist ein kahles Feld, ein entlaubter Baum; die Sonne seines Lebens hat sich in einen Mond verwandelt. Der Abend ist hereingebrochen, und bald wird die Nacht kommen, und am andern Morgen wird der arme Mond tot sein, mausetot. Wenn man seinen kahlen schneeweißen Kopf mit einer vollen kohlschwarzen Perücke krönt, so erlebt man mit seinem Monde gewissermaßen eine Mondfinsternis. Aber eine Mondfinsternis ist vergänglich. Der Wind kann eine Perücke davontragen, und man hat eigentlich den Vorteil davon, daß der Tod vielleicht einst nur die Perücke faßt, wenn er uns nach dem Schopf greift, und daß der wirkliche Kerl davonläuft – à revoir – sterben Sie wohl, Herr Tod!

Wie ich bereits bemerkte, trägt unsere Heldin eine Perücke . . . Dies schien mir von hoher Wichtigkeit zu sein; ich sah darin den bedauerlichsten Widerspruch mit der von der älteren Schwester erfundenen Tinktur. Pflichtgetreu stellte ich die genauesten Nachforschungen an, und leider hat sich dadurch herausgestellt, daß der Schädel unserer Heldin sogar der berühmten herzoglichen Familientinktur siegreich widerstanden hat und daß sich unsere Freundin dabei beruhigen muß, eine Perücke auf dem kahlen Kopfe und kein Haar auf den falschen Zähnen zu besitzen. Es tut mir leid, daß ich nicht näher auf die Tinktur eingehen darf. Man könnte Bände darüber schreiben. Es kommt unendlich viel auf das Haar an. Einer der ersten Künstler der Welt bezeichnete seine hinterlassenen Perücken mit vollem Recht als den Hauptschatz seines Nachlasses.

Doch nun noch etwas über den Fuß der Herzogin!

Goethe behauptete stets, ein schöner Fuß sei der einzig dauernd schöne Teil an einem Weibe, er bleibe immer reizend, wenn er einmal reizend sei; er verändere selten seine Form. Der alte Herr hatte von jeher gern mit den Füßen zu tun; er hörte nichts lieber, als eine Frau in Pantoffeln mit hohen Absätzen klipp, klapp einen langen hallenden Korridor hinunterschreiten. Ich bin natürlich mit dieser hohen Autorität durchaus einverstanden. Auch unsere Herzogin hatte aus den Tagen der Jugend einen Fuß gerettet, der wenigstens zu einem schönen Schuh Veranlassung gab. In vielen Fällen wird man nach der Form des Fußes den ganzen Menschen beurteilen können; auf die Rasse kann man stets danach schließen. Es verhält sich mit den Füßen wie mit den Zähnen und den Fingerspitzen. Ich mache mich verbindlich, nach der Weiße und der Reinheit der Zähne und der Fingerspitzen eines Menschen genau zu sagen, wievielmal er in der Woche ein reines Hemd anzieht. Die Fingerspitze steht aber in genauem Zusammenhange mit dem Zahne, der Zahn mit dem Hemde und das Hemd mit dem ganzen Menschen.

Seit Benvenuto Cellini aus den schönen Zähnen seines erschlagenen Nebenbuhlers eine Kette für die lächelnde Herrin arbeitete, hat es wohl keine bessern Kinnladen gegeben als die der neulich am Kap verunglückten englischen Offiziere. Sie wurden von den Kaffern ermordet; nach einigen Tagen fand man sie in der Tiefe des Waldes. Geld, Uhr und Waffen: alles hatte man ihnen gelassen. Man nahm ihnen nur das Leben und die – Zähne. Die Engländer sind die reinlichsten Leute. Nach Liebig verbrauchen die Engländer die meiste Seife; dann kommen die Franzosen, dann die Deutschen usw., zuletzt die Russen. Die Engländer haben die reinsten Hände, die saubersten Zähne und die weißeste Wäsche. Die Engländer sind die Herren der Welt.

Geieraugen, Geiernase, ein ausgestopfter Raubvogel, und im Antlitz die Brandstätte aller Leidenschaften: das ist unsere Herzogin. In unsern Notizen finden wir noch ausdrücklich bemerkt, daß die Herzogin nur Leute, die in der engsten Intimität mit ihr stehen, bei Tage empfängt. In den meisten Fällen nimmt sie nur abends Besuche an, wie sie sich denn überhaupt auch nur bei Abend zeigt, da sie nur zu wohl weiß, wie sehr sie des Lampenlichtes bedürftig ist.

Armer Schnapphahnski! Teurer Mann, du gehst mit einem heroischen Entschluß um!

»Und würfst du die Krone selber hinein
Und sprächst: Wer mir holet die Kron,
Der soll sie tragen und König sein –
Mich gelüstete nicht nach dem teuern Lohn!«

Ja, armer Schnapphahnski.

Unsere Herzogin ist niemand anders als die Herzogin von S., die jüngste Tochter des Herzogs von K., die Gespielin eines »talentvollen« Königs, mit dem sie erzogen wurde und mit dem sie sich duzt. Die Herzogin heiratete den Prince de D., den Neffen jenes berüchtigten Diplomaten, der gerade soviel Eide brach, als er Eide schwur. Nach einigen Jahren trennte sie sich aber, zwar nicht auf gerichtlichem Wege, von ihrem jetzt noch lebenden Mann und zog zu eben dem alten Fuchs, den wir in diesem Augenblick erwähnten, mit dem sie ein Verhältnis hatte, und machte in seinem Hause die Honneurs etc. Da ihr indes die Anwesenheit des Fürsten D. in Paris lästig war, so mußte der alte T. ihm unter der Bedingung Geld geben, daß er sich sofort entferne und nach Florenz gehe. Nachdem dies geschehen, zog unsere Heldin mit T. auf allen seinen Ambassaden herum, bekannt wegen ihres Verstandes, unendlich mehr berühmt aber wegen ihres ausschweifenden Lebenswandels. Ja, der Flug ihrer raffinierten Phantasie verleitete sie zu so abenteuerlichen Spaziergängen der Wollust, daß ihr unter Karl X. der Hof verboten wurde.

Bemerken muß ich noch, daß die Herzogin beim Einrücken der Alliierten in Paris dem ersten Kosaken hinten aufs Pferd sprang und, frohlockend über den Sturz Napoleons, die ganze Parade der Truppen mitmachte. Sie soll bei dieser Gelegenheit vor Freude außer sich gewesen sein und ihren Kosaken mit Liebkosungen überhäuft haben.

Schon lange getrennt von ihrem Manne, fühlte sie sich einst Mutter werden. Es schien eine Unmöglichkeit, das Kind noch auf Rechnung des abwesenden Gemahls zu bringen. Und doch war sein Name für dasselbe notwendig. Die Herzogin ist in keiner kleinen Verlegenheit; sie besinnt sich hin und her, zuletzt entschließt sie sich kurz: sie faßt ein Herz und reist zu ihrem Gemahle. Spät am Abend läßt sie sich bei ihm melden; er ist nicht zu Hause. Ohne weiteres läßt sie sich daher auf sein Zimmer führen. Um Mitternacht kommt der harmlose Gemahl endlich zurück, nicht ahnend, was ihm bevorsteht. Er ist natürlich im höchsten Grade überrascht über den unerwarteten Besuch und sucht seinem Erstaunen in den trefflichsten Ehemannsphrasen Luft zu machen.

Das eine Wort gibt das andere, und bald sind sie im besten Zuge, sich recht gemütlich zu zanken. Der holde Gatte merkt gar nicht, daß das Antlitz der Herzogin immer freudiger zu strahlen beginnt, während sein eigenes immer länger und länger wird. Mit jeder Minute wachsen die Hörner des zärtlichen Mannes; da ist eine Stunde herum, und die Herzogin springt plötzlich auf, indem sie erklärt, daß sie jetzt gehen werde. Vor ihrer Abreise, setzt sie hinzu, wolle sie ihm indes sagen, welches der Grund ihres Besuches gewesen sei – der ehrenwerte Gatte erhebt seinen Hornschmuck und spitzt die Ohren. Nichts ist interessanter als das Bekenntnis einer schönen Seele. Vertraulich legt die Herzogin ihre Hand auf den Arm des horchenden Mannes und teilt ihm leise flüsternd mit, daß sie sich Mutter fühle – sie habe getrennt von ihm gelebt, jetzt könne sie durch alle Hausleute beweisen, eine Stunde in der Nacht bei ihm gewesen zu sein. Ihr sei geholfen. Adieu, mon ami! »Den Seinen schenkt's der Herr im Traum. Weiß nicht, wie dir geschah.« –

Der Gemahl der Herzogin legte sich mit dem beruhigenden Bewußtsein zu Bette, auch nicht im geringsten etwas Böses getan zu haben. Die Herzogin entfernte sich aber so rasch als möglich, und hell klang ihr glückliches Lachen.

»Das Kind, für dessen Legitimität so weise gesorgt wurde, war eine Tochter, die später den Grafen C. heiratete. Der alte T. hielt sich für den Vater dieser Tochter und vermachte derselben bei seinem Tode 80 000 Revenue. Sein ganzes übriges Vermögen vermachte er der Herzogin, die, so glänzend bezahlt, nun selbst zu bezahlen anfing.« –

Auf das Gerücht hin, daß die Herzogin bezahle: erscheint Schnapphahnski.

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