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Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski

Georg Weerth: Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski - Kapitel 11
Quellenangabe
typesatire
booktitleLeben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski
authorGeorg Weerth
firstpub1849
year1972
publisherEulenspiegel Verlag
addressBerlin
titleLeben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski
created20050608
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IX.
Wien

Ich habe mir oft im Leben Feinde gewünscht, bitterböse Feinde in Menge. Nichts schien mir langweiliger, als mit der ganzen Welt auf gutem Fuße zu stehen.

Nun ich älter werde, begreife ich allmählich, daß mein Wunsch in Erfüllung gehen mag, ja, ich glaube an Vater Goethes Worte, und sinnend schaue ich hinaus in die Zukunft.

Was wird sie bringen? Wer wird mein Feind sein? Schütze mich Gott vor den Weibern!

Ja, ihr unsterblichen Götter, beschützt mich vor dem Haß der Weiber! Kränkt mich mit falschen Freunden, plagt mich mit tobenden Gläubigern, hetzt mir alle Windhunde der Literatur auf den Leib und alle Erzengel der Gerechtigkeit – es wird mir einerlei sein; nur bringt mich nicht um die Liebe der Weiber! – Oh, ein Weib kann entsetzlich sein.

Wehe, wenn eine schöne Frau dir Rache geschworen! Du bist verloren; sie wird dich verderben. Lachen magst du, wenn sie mit dem kleinen Fuße den Boden stampft; lachen, wenn sie die Lilienfinger zu zorniger Faust ballt; lachen, wenn sie errötet bis über den Busen; lachen, wenn ihre Augen Schmerz und Erbitterung funkeln; lachen, wenn sie gebrochnen Lautes dich verflucht und verdammt, und lachen, wenn sie groß, schlank und gebieterisch sich erhebt, um dir höhnisch die blendenden Zähne zu zeigen. Ja, lachen magst du für einen Augenblick, für einen Monat, für ein Jahr; aber kommen wird endlich der Tag, wo ihr Zorn dich erreicht, wo sie mit grausamen Händen dein zitterndes Herz packt, wo sie dein Herz aus der ruchlosen Brust reißt und das blutrote Herz helljubelnd in die Luft wirft und es wieder auffängt wie einen Ball, ja, Ball mit deinem Herzen spielt, bis es gebrochen und verblutet ist, dein armes blutrotes Herz . . .

Herr von Schnapphahnski hatte nicht das Glück, von einer schönen jungen Frau gehaßt zu werden, was aber noch weit schlimmer war: es haßte ihn eine Frau, die früher einmal schön und jung gewesen.

Von München hatte sich unser Ritter nach Wien gewandt. Es war im Februar 1840. Voran eilten ihm wieder Graf K. und General R., die bankrotten Genossen der spanischen Kriege, um ihrem Herrn und Meister den Weg zu bereiten. Wenn sie den Ruhm unseres Helden in München ausgeflüstert hatten, so suchten sie ihn in Wien auszuposaunen. Alle Springfedern wurden wieder in Bewegung gesetzt. Graf K. und General R. wetteiferten in Erfindung der märchenhaftesten Aventüren. Ein Louvet hat seinem Chevalier keine interessanteren Streiche angedichtet als die beiden Landsknechte des Don Carlos unserem trefflichen Junker.

Weit vor den Gaskonaden der beiden sinnreichen Herolde flog indes unserm Ritter ein solcher Ruf von Unausstehlichkeit und Impertinenz, von Indiskretion und Effronterie vorher, daß sich schon längst, ehe er in Wien eintraf, eine wahre Ligue in der Wiener Gesellschaft gebildet hatte, die fest entschlossen war, unsern Helden weder zu sehen noch zu empfangen. Die Geschichte mit der Gräfin S., die jedermann bekannt war, trug viel zu dieser allgemeinen Abneigung bei. Man fragte sich erstaunt, wie es ein Edelmann noch wagen könne, öffentlich aufzutreten, wenn er sich jeden Augenblick den Stöcken der gräflichen Lakaien aussetzen müsse, und mit stillem Hohngelächter sah man der Ankunft des Ritters entgegen. Endlich erschien er, schön wie immer.

»Zierlich saß ihm Rock und Höschen,
Doch noch zierlicher die Binde. –«

Beau Brummell, der Dandy König Georgs IV., tändelte nicht koketter durch das Drawing-room seines Herrn als Herr von Schnapphahnski durch die Wiener Gassen. Aber ach, vergebens war alle Liebenswürdigkeit unseres Ritters. Umsonst ließ er alle Minen springen. Das ganze Pulver seiner Frechheit verschoß er Schuß auf Schuß; aber er schoß keine Bresche in die Wiener Gesellschaft. Ein einziger Mann, ein Löwe der Wiener Salons, Fürst H . . ., nahm sich zuletzt aus Mitleid seiner an, und vielleicht hätte der große Kredit dieses Mannes ihn »durchgesetzt«, wenn sich nicht plötzlich wieder eine andere Jugendsünde unseres Helden, ganz im Stile seines Abenteuers mit Carlotten, auf eine schreckliche Weise an ihm gerächt hätte.

Die kleine Historie, die wir jetzt erzählen werden, greift so tief in das Wiener Leben ein und berührt so weitbekannte Personen, daß wir uns, um nicht indiskret zu werden, lieber aller Ausschmückungen enthalten wollen, um uns rein an die vorliegenden, von sehr guter Hand geschriebenen Aktenstücke zu halten.

Prahlend hatte nämlich einst ein Herr von Schnapphahnski bei seinem Aufenthalt in Paris einigen Freunden das Porträt der Fürstin . . ., der Gemahlin jenes Mannes, vorgezeigt, der noch bis vor kurzem die Geschicke so vieler Völker in seinen Händen hatte und der vielleicht in diesem Augenblick mit dem alten Usurier der Tuilerien auf dem Schachbrett jenes Spielchen wieder aufnimmt, was er auf dem Felde der Politik jüngst so schmählich verlor.

Herr von Schnapphahnski rühmte sich, daß er in der Gunst dieser Dame gestanden habe.

»Die Fürstin, hinlänglich blasiert darüber, wenn man sich ihrer Liebesgunst rühmte, wo diese wirklich gespendet wurde, wollte es gleichwohl nicht dulden, daß ihr Ruf leide, wo sie keine Gegenleistung erhalten hatte.« – Ich führe diese Passage wörtlich aus den vorliegenden Manuskripten an, da sie von zu köstlicher Naivität ist, als daß auch nur ein Jota daran verändert werden dürfte. Wohl zu merken: die Fürstin will ihrem Gemahle nur deswegen keine Hörner von unserm Ritter aufgesetzt wissen, weil sie keine »Gegenleistung« von ihm erhalten hat!

Gibt es eine feinere Wendung des Stiles? Gegenleistung, ja, Herr von Schnapphahnski, Gegenleistung! Prägen Sie sich das tief ins Gedächtnis. Gegenleistung; that's the Job! Leisten Sie etwas, Herr von Schnapphahnski. Um Gottes willen, leisten Sie etwas, ehe Sie sich Ihrer Eroberungen rühmen, sonst wird man auf allerlei seltsame Vermutungen kommen. Man verlangt nicht von Ihnen, daß Sie ein Maximin sind, ein Mann wie jener kräftige Jüngling in goldener Rüstung, von dem alle römischen Damen Mutter zu werden wünschten und der auch viele Schmachtende zu trösten wußte, ehe sein abgeschlagenes Haupt gleich einem »schönen Gespenste« von dem Gitter seines Palastes sah. Man verlangt auch nicht, daß Sie dem Stuhlrichter Warga, jenem Graner Repräsentanten, gleichen, gegen dessen Zulassung zum ungarischen Parlamente man im verflossenen Juli in Pest so sehr protestierte, weil der glückliche Mann während seiner zehnjährigen Amtsdauer 4000 Mädchen verführte . . ., nein, auch mit den handfesten Lakaien des Grafen S. aus O. in Schlesien will man Ihnen gern den Wettstreit lassen; aber lieber, teurer Ritter, leisten Sie etwas, etwas, etwas! Denn bei all Ihren Liebschaften, die wir erzählen, sind Sie noch nicht bis zu dem Punkte gekommen, der gerade die Pointe jeder Liebschaft ist . . ., weder bei der Gräfin S., noch bei der Schwester des Grafen G., noch bei Carlotten, ja, leisten Sie etwas, und das recht bald, sonst werden Ihnen alle Ihre trefflichen Reden nichts nützen, sonst werden trotz aller Ihrer angenehmen Manieren die Geister der Unweisen auf der Galerie sitzen und über Sie lachen, sonst wird man trotz alledem jenen hübschen Vers auf Sie anwenden, daß sehr oft die

». . . gens d'esprit, d'ailleurs très estimables
Ont fort peu de talent à former leurs semblables.«

Die Fürstin . . . wollte also nicht, daß unser Held sich ihrer Liebe rühme, ohne ihr Gegenleistung gewährt zu haben. Armer Schnapphahnski, das war Pech! – Gott weiß es, heißt es in den betreffenden Dokumenten weiter, wie der Ritter zu dem Porträt der Fürstin gekommen war. Sicher ist, daß er die Gunst jener hohen Frau nie genossen und daß er sich derselben mit vollkommenem Ungrund rühmte, übrigens ist die Fürstin seine . . . und er kann daher auf verwandtschaftlichem Wege leicht zu dem Miniatur-Porträt gekommen sein, das er als Beweis-pièce vorzeigte.

Madame . . ., der die freche und grundlose Kompromittierung von seiten unsres Helden längst zu Ohren gekommen war, wurde natürlich sehr lebhaft daran erinnert, als sie den edlen Ritter plötzlich in eigner Person nach Wien hinübervoltigieren sah, und es war hauptsächlich durch ihre Vermittlung, daß jene League entstand, welche Sr. Hochgeboren den Zutritt zu der Wiener Gesellschaft à tout prix zu verbarrikadieren suchte.

Man verbrüderte sich förmlich, um ihn weder zu empfangen noch um irgendein Haus zu besuchen, wo er empfangen wurde. Einer Dame, bei welcher er seinen Besuch durch den Fürsten H . . . bewerkstelligte, wurde ohne weiteres notifiziert, daß sie auf alle andern Besuche verzichten müsse, wenn sie den Ritter Schnapphahnski bei sich empfange.

Die Anstrengungen des Grafen K. und des Generals v. R. waren nutzlos; ihre besten Anekdoten blieben ohne Erfolg; der Ruf unsres Helden war für immer untergraben, und unerbittlich schlossen sich vor ihm alle Türen.

Herr von Schnapphahnski überzeugte sich davon, was es heißt, mit wütenden Frauen zu tun zu haben. Gegen ein feindlich gesinntes Weib helfen weder Säbel noch Pistolen; ein Weib, das dich vernichten will, ist gefährlicher als alle falschen Freunde, als alle wütenden Gläubiger, als alle bezahlten literarischen Windhunde, als tausend Sbirren; eine Frau, die dich haßt, wird dich eher niederwerfen als ein Regiment Dragoner, als eine Batterie Vierundzwanzigpfünder – ein Weib ist allmächtig. Wehe dir, wenn sie mit ihren schwachen Händen in die Räder deines Schicksals greift: zitternd wirst du zum Stillstand kommen! Und wäre auch bei der Dauer des Kampfes das Rot ihrer Lippen verblichen, der Glanz ihres Auges erloschen und das Braun ihrer Haare silberweiß geworden: kommen wird die Stunde, wo sie ihren Fuß auf deinen Nacken setzt, wo sie sich königlich schön erhebt, wo sie in der Majestät des Glückes mitleidig auf dich hinablächelt und wo du fühlst, daß du ein Leben der Schmach hinter dir hast, ein Leben der Schande, weil du dich vergingst, ja, weil du gesündigt hast an einem Weibe. –

Wie gesagt, Herr von Schnapphahnski machte in Wien vollständig Fiasko. Aus München hatte man ihn ausgewiesen, weil er so heroisch war, sich an einer furchtsamen Souveränität zu vergreifen; aus Wien wurde er durch die Abneigung der Damen verjagt, die alle bei dem Gedanken zitterten, daß sie sich bei der geringsten Berührung mit dem herrlichen Ritter auch schon nach kurzem in ein süßes Verhältnis mit ihm verwickelt hören müßten.

Ingrimmig verließ Se. Hochgeboren Wien. Aber wie er nie damit zufrieden war, eine einfache Niederlage erlitten zu haben, so konnte er auch dieses Mal nicht umhin, einem Unglück noch eine Jämmerlichkeit hinzuzufügen. Er suchte nämlich die Fürstin . . . dadurch zu strafen, daß er über den wirklichen Geliebten derselben, über den spanischen Chevalier . . ., eine Infamie erdichtete und veröffentlichte, eine Infamie, von der er seinen Bekannten selbst eingestand, daß er sie nur fingiert habe, um sich an der Fürstin zu rächen. Glücklicherweise brachte ihm diese Niederträchtigkeit eine wohlverdiente Züchtigung.

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