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Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski

Georg Weerth: Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski - Kapitel 10
Quellenangabe
typesatire
booktitleLeben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski
authorGeorg Weerth
firstpub1849
year1972
publisherEulenspiegel Verlag
addressBerlin
titleLeben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski
created20050608
sendergerd.bouillon
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VIII.
München

Das Spiel ist eine schöne Sache.

Als acht- oder zehnjähriger Knabe nimmt man die Karten gewöhnlich zum ersten Male in die Hand – an langen Winterabenden, wenn draußen der Schnee auf den Bergen liegt und die Flamme rätselhaft im Kamine emporsteigt, flackernd und knisternd. Man spielt »Schwarzen Peter«. – Agnes, Bertha, Paul und Mathilde sitzen um den runden Tisch, und wer verliert, der bekommt einen schwarzen Strich, und wenn Paul dreimal verliert, da bekommt er auch drei Striche, und fängt er an zu weinen: da lacht man ihn aus, und Agnes fällt ihm um den Hals und küßt ihn trotz seines Schnurrbarts, und der Abend verstreicht unter Scherz und Jubel, und es gibt kein schöneres Spiel als der »Schwarze Peter«.

Herr von Schnapphahnski trieb es nicht so unschuldig. Wie wir schon erzählten, saß er in Aachen am Grabe Karls des Großen und spielte Roulette –

Beiläufig bemerkt, war Aachen bis in die neueste Zeit hinein ein höchst unbekannter Ort. Erst vor kurzem wurde er durch Heinrich Heine entdeckt und nach Verdienst besungen. Die Schönheiten Aachens sind erst durch Heine recht ans Licht gekommen. Man hatte früher nur eine dunkle Ahnung davon. Man wußte nur, daß Karl der Große, seliger, dort verstorben und vergraben sei, daß die Bauern der Umgegend alle sieben Jahre zu der Kunstausstellung des heiligen Hemdes und die Bonner Studenten jeden Sonntag zu dem naturgrünen Tische der Redoute wallfahrteten – die Bauern, um mit reuigem Herzen, mit verzückten Augen und gebeugten Knien vor dem wundertätigen Hemde ihre Andacht zu verrichten und von Not und Fegefeuer erlöst zu werden, – die Studenten, um im Schmuck der goldenen Locken an den grünen Altar der Croupiers zu treten und erst recht in Not und Fegefeuer hineinzugeraten. Das war indes auch alles, was jedem Kinde von Aachen bekannt war. Aber jetzt? Man kennt jeden Lieutenant auf der Straße, man kennt den Adler über dem Posthause, man weiß genau, womit sich die Hunde, die armen langweiligen Hunde, in Aachen beschäftigen. Genug, man kennt die winzigsten Kleinigkeiten, und wenn der ehrwürdigen Stadt jemals etwas Menschliches passieren sollte, wenn sie je einmal unterginge durch Pestilenz, Brand und Hunger: da wird man nur Heines »Wintermärchen« aufzuschlagen haben, um den Feuer- oder Lebensversicherungsgesellschaften die beste Anleitung zu geben, in welcher Weise sie das Zerstörte zu ersetzen haben, sei es an Häusern, Menschen oder Vieh. Nie hatte Aachen glänzendere Tage als bei der Anwesenheit des Herrn von Schnapphahnski. Der edle Ritter ließ die Aachener Bank aber auch gehörig für die Ehre seines Besuches zahlen, und mit gefüllter Kriegeskasse reiste er dann nach München.

Nicht ohne Zittern und Zagen geschah indes diese Reise. Denn wenn in München auch nicht wie in Berlin jeder Gardelieutenant mit dem Finger auf unseren Ritter zeigen und seinen Kameraden fragen konnte, ob jener Herr von Schnapphahnski derselbe Schnapphahnski sei, der einst die schriftliche Erklärung gab, daß er sich in der berühmten Liebesaffäre mit Carlotta höchst unzweideutig benommen habe, so war doch wenigstens immer die Möglichkeit vorhanden, daß dem edlen Ritter selbst in dem bayrischen Babylon ein Lakai des Grafen S. aus O. in Schlesien begegnete, und Herr von Schnapphahnski hatte nun einmal eine entschiedene Abneigung vor den Haselstöcken dieser Ungeschlachten. ›Und nähmst du die Flügel der Morgenröte und bettetest dich am äußersten Meere, die Arme der Lakaien aus O. in Schlesien können dich doch noch erreichen!‹ – Also dachte unser Ritter, und es versteht sich von selbst, daß er auch in München nicht auf der Stelle mit der alten Keckheit aufzutreten wagte.

Jedenfalls tat er das, was auch jeder andere vernünftige Mensch in seinem eignen wohlverstandenen Interesse getan haben würde. Er suchte nämlich seinem Erscheinen in München vor allen Dingen einen angenehmen Geruch vorhergehen zu lassen, um auf diese Weise jeder möglichen Gefahr wenigstens in etwas vorzubeugen.

Der sinnreiche Junker hatte bereits durch die Herausgabe seiner Memoiren ein gewaltiges Stück in diesem Punkte vorgearbeitet. Indem er nämlich seine spanischen Abenteuer schilderte und sich dabei von Gottes und Rechts wegen in ein ungemein günstiges Licht stellte, hatte er wirklich die trostlosen Ereignisse früherer Jahre vorteilhaft zu balancieren gewußt. Gewöhnliche Vergehen würden gänzlich durch die spanischen Lorbeeren unsres Helden gesühnt worden sein; aber Herr von Schnapphahnski begriff, daß er ein zu interessanter Sünder sei, als daß nicht noch einige außerordentliche Mittel zu seinem Heile angewandt werden müßten.

Er mietete daher einige seiner alten spanischen Genossen, mehrere seiner Kameraden unter Don Carlos, die nach ihrer Rückkehr aus Spanien an der Wüstenleere der Taschen litten, und sandte sie als Herolde seines Ruhmes oder besser als die Rosenölflaschen, die ihm den erwünschten Geruch bereiten möchten, voraus nach München. Die zwei hauptsächlichsten dieser Ruhm- und Rosenölflaschen waren der Königl. . . . Oberst Graf K. und der frühere Königl. . . . General von R., zwei Leute, die des blanken Geldes geradeso dringend bedurften wie Herr von Schnapphahnski des guten Geruches.

Einmal engagiert, waren Graf K. und General von R. viel zu ehrliche und gewissenhafte Spießgesellen, als daß sie nicht alles aufgeboten hätten, um den Sold ihres Meisters auch wirklich zu verdienen. Sie zogen von Haus zu Haus, agitierend und intrigierend, und als vierzehn Tage herum waren, da duftete auch schon ganz München nach dem Ruhme des trefflichsten aller Ritter, nach den Lorbeern des Herrn von Schnapphahnski.

Endlich erschien unser Held in eigner Person, und es war nicht anders, als ob ein zweiter Frühling über der Biermetropole emporstiege. – Die Männer zitterten, die Weiber erröteten, und gewandt wie ein Wiesel wedelte und scharwenzelte der edle Ritter durch alle Salons. Man kann wirklich sagen, daß unser Held in diesem Augenblicke seine schönsten Triumphe feierte.

Meine Leser werden es mir hoffentlich erlassen, dieselben weitläufig zu schildern. Es wäre auch unmöglich, den edlen Ritter ganz naturgetreu zu zeichnen. Herr von Schnapphahnski strahlte von Anmut und Lügenhaftigkeit; nach kurzem war er schon wieder ganz der alte, und wenn er morgens, mittags und abends in den Spiegel sah, da verbeugte er sich vor seinem eignen Antlitz und gestand sich, die Hand aufs Herz legend, daß er der schönste Mann seines Jahrhunderts sei.

In München weilte damals in der Nähe des kunstsinnigsten aller christlichen Germanen ein gewisser Herzog von . . ., ein Mann, den die Mainzer und Koblenzer Bajaderen besser als alle züchtigen Weiber der Gegenwart zu schätzen wissen werden. Wenn sie ihren Freund auch einst inkognito an die frische Luft setzten, so machte dies wenig aus. Der Herzog versöhnte sich wieder mit seinen alten Bekanntinnen, und die guten Mainzer und Koblenzer wissen von dem freudenfreundlichen Manne viel galante Affenteuer zu erzählen.

Es konnte nicht fehlen, daß der Herzog bei seinem Münchener Aufenthalt auch auf den Ritter Schnapphahnski stieß . . . Tagtäglich hörte er von der ruhmreichen Vergangenheit unsres Helden erzählen, und es versteht sich von selbst, daß er schließlich vor Eifersucht zu zerspringen meinte. Als man daher einst seinen trefflichen Rivalen wieder bis in den Himmel erhob, strich der Herzog nachlässig den Schnurrbart und meinte, daß er nach den Antezedenzien des edlen Ritters nicht leicht an seine hohe Bravour glauben könne. Wie ein Nadelstich traf diese Äußerung das fröhliche Herz unsres armen Ritters, und kaum davon in Kenntnis gesetzt, läßt er den Herzog auch schon wegen seiner unerquicklichen Äußerung zur Rede stellen. Er bemerkt ihm, daß alles nur auf Unkenntnis beruhen könne und daß er, der edle Ritter Schnapphahnski, sich wegen seines unvergleichlichen Heldentums auf das Zeugnis des – Generals von R. berufe, den der Herzog jedenfalls als kompetent anerkennen werde . . ., vor allen Dinge möge der Herzog seine Äußerung zurücknehmen.

Der Freund der Mainzer und der Koblenzer Bajaderen weigert dies, und im Nu verbreitet sich die Geschichte durch alle Salons.

Herr von Schnapphahnski sieht sich daher in die unangenehme Notwendigkeit versetzt, dem Herzoge mit der ganzen unerbittlichen Frechheit eines Ritters ohne Furcht und Tadel auf den Hals zu steigen, und als er ihn furchtsam findet: fordert er ihn.

Selten hatte unserm Helden der Stern des Glückes heller gestrahlt als dieses Mal. Der Herzog will sich nämlich nicht schlagen; er verkriecht sich hinter seine Souveränität und behauptet, daß im unglücklichen Falle alle Bäche und Flüsse, von den Tränen seiner Untertanen zu reißenden Strömen angeschwemmt, Häuser und Weingärten hinwegreißen würden, daß sein etwaiger Tod das europäische Gleichgewicht stören könne usw., kurz, je mehr sich der Herzog weigert, auf ein Duell einzugehen, desto gewaltiger schwillt unserm Falstaff-Schnapphahnski der Kamm, und als der Herzog endlich sein letztes Wort gegeben, da erklärt ihm der edle Ritter, daß der Herzog, wenn er sich wirklich dauernd hinter seiner Souveränität verstecke, auch in seinem Herzogtum bleiben und sich mit einer chinesischen Mauer umgeben müsse, denn an jedem andern Orte werde Se. Hochgeboren so frei sein, den unübertrefflichen Souverän mit der Hundspeitsche zu bedienen.

Münchens kunstsinnigster Barde, dem diese Äußerung überbracht wurde, nahm sie im höchsten Grade übel, und unser Ritter hatte das Pech, zwar nicht in ein Kirchenfenster des Kölner Doms, wohl aber aus den heiligen Bierstaaten Sr. Majestät für immer verbannt zu werden.

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