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Leben und Auswahl seiner Schriften

Wilhelm Ludwig Wekhrlin: Leben und Auswahl seiner Schriften - Kapitel 3
Quellenangabe
authorWilhelm Ludwig Wekhrlin
titleLeben und Auswahl seiner Schriften
publisherVerlag von Hermann J. Köppen
editorFriedrich W. Ebeling
year1869
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180709
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Erstes Buch.
Leben und Charakteristik Wekhrlin's.

———————

I.

Unter den Männern, welche sich in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts durch ihre Anstrengungen für Befreiung des Volkes aus grenzenlos erbärmlichen Zuständen, für seine Bildung, Aufklärung und materielle Wohlfahrt die größten Verdienste erworben haben, werden Justus Möser, Freiherr von Moser, Schubart und Schlözer immer obenan genannt werden. Bedeutender aber nach dem Umfange seiner Thätigkeit in dieser Richtung, nach den Erfolgen derselben, nach dem ungemeinen Aufsehen, das er weit über die Grenzen des deutschen Reiches hinaus erregte, und zugleich eine der psychologisch merkwürdigsten Erscheinungen, wie schon Lichtenberg, Reinhold, Johannes von Müller u. A. befanden: ein Sterblicher, in den – wie der preußische Minister Fürst Hardenberg schrieb und (ohne ihn zu nennen, noch anzudeuten) Ludwig Schubart wiederholte – die Natur Kräfte und Eigenheiten legte, womit ein geistiger Haushalter die dreifache Wirkung hätte hervorbringen können; ein Genie, an welches keiner der Vorgenannten hinanragte, das war der, dessen Leben und Schriften uns hier beschäftigen – Wilhelm Ludwig Wekhrlin.

Doch immerhin die zum Theil wahrscheinlich nie mehr zu überwindenden Schwierigkeiten in Anschlag gebracht, welche sich jedem Versuche einer Biographie des ewig denkwürdigen Todten, jeder erschöpfenden Charakteristik dieser markirten, so original gebildeten Individualität, daß sie kaum einen Vergleich zuläßt, entgegenstellen; wie unbegreiflich dürftig ist gleichwol das, was sich in verschiedenen zerstreuten Aufsätzen – denn vergebens sehen wir uns nach einer selbständigen Darstellung über ihn um – zur Schilderung seines Lebens und Wirkens vorfindet. Welche Unwahrheit, Verworrenheit und Oberflächlichkeit herrscht in den Mittheilungen der Literarhistoriker über den Mann, der einst, so zu sagen, alle Welt in Spannung hielt, ja wie grundverkehrt sind hie und da die Beiträge zur Kennzeichnung seines literarischen Schaffens! Grobe Unkenntniß und handwerksmäßiger Dilettantismus vornehmlich bemächtigten sich seiner, um ihn als Sternschnuppe im Dunstkreise des Schriftenthums verschwinden zu lassen, ihn, der nach Schlözer's Ausspruch als ein Komet über Deutschland aufstieg. Einigen Ruhm allerdings machte ihm noch Niemand streitig; aber wie weit ist selbst das breiteste Zugeständniß von der hohen Anerkennung entfernt, auf welche er den gerechtesten Anspruch hat, die ihm Jeder zollen muß, der mit genügender Zeitwürdigung unbefangen prüfend an ihn herantritt! Ja, man sei ehrlich, was weiß die Gegenwart überhaupt noch von diesem für Deutschlands Culturförderung so wichtigen Mann? Im Durchschnitt so viel als Nichts! Ist es uns doch sogar begegnet, daß selbst Literarischgebildete im strengern Sinne des Wortes bei Nennung seines Namens sich lediglich seines Ahnherrn, des Poeten Georg Rudolf Wekhrlin, erinnerten.

So dürfte es denn vollkommen gerechtfertigt sein, zur Seite eines ausgiebigern Materials, als es Früheren zu Gebote gestanden, Versäumtes nachzuholen, Verfehltes auszugleichen, langes Unrecht gut zu machen, so viel wir mit Bestand der Ueberzeugungslauterkeit vermögen: vollkommen gerechtfertigt, einen jener Geisteshelden unter den Urnen heraufsteigen zu lassen, von denen ein berühmter französischer Denker sagt, daß sich der Undank der Nachwelt gegen sie fast nur dadurch erkläre, weil sie den Fehler begangen, von der Mitwelt nichts oder zu wenig für sich selber erstrebt zu haben. Und indem wir den von Johannes von Müller zuerst geäußerten und seitdem von Andern oft wiederholten Wunsch zu erfüllen bemüht waren, »daß es einmal einem Manne gefallen möchte, seine Schriften kritisch zu durchlaufen, von den Schlacken des Tages zu befreien und das Beste daraus für die Nachwelt anzusammeln, denn Manches darin scheine für eine unberechenbare Ferne gedacht und gelehrt,« was sogar Gervinus indirect zugestehen mußte, der ihm am wenigsten gerecht zu werden verstand, – indem wir die Erfüllung dieses Wunsches versuchten, drückten wir unserer Aufgabe nicht blos das Siegel einer vollständigen Erfassung auf, sondern liefern damit auch wenigstens eine theilweise Probe der Art ihrer Lösung, sofern uns nicht Alles täuscht.

Forschen wir nun zuvörderst nach seinem persönlichen und gesellschaftlichen Verhalten, so sehen wir gerade darüber die widrigsten Zerrbilder in Umlauf gesetzt, indem man sein, die Barrieren spießbürgerlicher Solidität und socialer Convenienz oft, wirklich guter Sitten jeweilig eclatant überspringendes Leben ohne Rücksicht auf die Eigenartigkeit des Genies beurtheilte. Und es ist sehr begreiflich, daß man einen daraus entspringenden, einseitig moralischen Widerwillen auch des Mannes Leistungen entgelten ließ. Spottsucht, Rachsucht, Trunksucht, Wollust, Cynismus im Aeußern und Innern, frivole Freigeisterei, politische Neuerungssucht – was wäre ihm von den »Dünkelrichtern« und » In effigie-Hängern«, welche nach Jean Paul zumeist das Geschäft der geistigen Portraitmalerei treiben, nicht vorgeworfen worden! Wenn er noch einmal in dieses Dasein zurückzukehren vermöchte, könnte er sprechen wie Swift von sich im Tritical Essay upon the faculties of the mind: Ich bin in den Schriften dieser Leute hingestellt mit so vielen Wunden, als ein Aderlaßmann im »hinkenden Boten«. Und da er gleich jenem großen englischen Satiriker auf guten Schein so wenig Eifersucht empfand, daß er zur Vermeidung aller ihm gründlich verhaßten Heuchelei lieber einen bösen oder verdächtigen provocirte, so hat sich's mit ihm eben so zugetragen, daß von wenigen Menschen mehr Nachtheiliges nicht allein gesprochen, sondern auch geglaubt worden ist. Seine eigenen Bekenntnisse aber liefern eine hinreichende Handhabe zur Säuberung seines Lebensbildes von den verunstaltenden Farben, welche beschränkte Anschauung, Verleumdung und geistesträge Nachtretung aufgetragen haben.

 

II.

Wekhrlin wurde nicht, wie Ludwig Schubart in ganz grundloser Eingenommenheit für seine biographischen Brosamen, dann Schlichtegroll, Vocke, Baur, Raßmann und Andere angaben, 1743 oder gar erst 1753, wie die Kanzlei des Cantons Glarus meldete, und auch nicht zu Obereßlingen in Württemberg, sondern am 7. Juli 1739 zu Bothnang unweit Stuttgart geboren, wo sein Vater die Predigerstelle innehatte, welche er drei Jahre später gegen die Pfarrei zu Obereßlingen vertauschte. Um des Knaben auffallend gute Anlagen nicht durch ungeschickte Pädagogen im Keime ersticken oder verkümmern zu lassen, leitete dessen Erziehung der Vater bis zum vollendeten dritten Lustrum selbst, worauf er ihn der Gelehrtenschule zu Stuttgart überwies. Hier weilte er zwei Jahre, um dann nach Tübingen geschickt zu werden und dem elterlichen Willen gemäß die Rechtswissenschaft zu ergreifen, nicht weil man etwa glaubte, daß sie seinem Geiste den weitesten Spielraum eröffnen könnte, sondern weil es damals nichts Bequemeres und Einträglicheres als eine klüglich geführte Procuratur gab, und die Jurisprudenz außerdem eine Leiter war, mittels welcher die bestbesoldeten und einflußreichsten Aemter erreicht wurden. Allein der unwissenschaftliche Schlendrian jener Facultät, »welche durch ihre Rechtsrathschläge Processe verurtheilter Hexen verewigte, die sogar die Verhandlungen eines Urban Grandier überbieten,« widerte Wekhrlin's hellen, beweglichen und vielverlangenden Geist so sehr an, daß er noch vor vollendetem Cursus und nicht achtend des Bruches mit seinem Vater, gegen den er sich unumwunden aussprach, diese Universität, »diese Klopffechterschule der Unwissenheit, welche bis zum Jahre 1774 die Satire der Sachsen und der übrigen deutschen Nationen war,« verließ und, von jenem zur Strafe für den bewiesenen Ungehorsam aller Subsistenzmittel beraubt, eine sich zufällig darbietende Hauslehrerstelle in einem adeligen Hause in Strasburg annahm.

Zwei Jahre in dieser Eigenschaft thätig, verwandte er alle freie Zeit zur Befriedigung eines Wissensdurstes, von dem einer seiner Stuttgarter Lehrer gemeint hatte, er sei ein unnatürlicher und – schädlicher. Dann aber riß er sich los aus einer Sphäre, welche ihm laut eigenen Geständnisses mehr und mehr lästig geworden: er ging im Herbst 1768 nach Paris. Und hier entschied sich sein Bildungsgang; hier faßte er, nachdem er schon im Knabenalter seinen Geist »an der Quelle der gallischen Pieriden genährt,« jene hervorstechende Liebe zur französischen Literatur, welcher er außer den Geistesthaten der Griechen und Römer nur wenige schriftstellerische Erzeugnisse aller andern Völker ebenbürtig erachtete. Hier studirte er Voltaire, Linguet, Diderot, Montesquieu – in der Folge sein Lieblingsautor, dessen Esprit des loix nie von seinem Pulte kam –, Raynal, Mercier, Montaigne, Galiani u. A., die zugleich seinen angeborenen Hang zur Satire höchsten Maßes entwickelten, einen Witz und Humor in ihm reiften, deren Vielseitigkeit, Fülle, Treffung und Tiefe von keinem zeitgenössischen Schriftsteller, Lichtenberg ausgenommen, überboten worden.

Die Informatorstelle in Straßburg hatte ihm jedoch nur wenig erübrigen lassen, so daß er zur Bestreitung der dringendsten Bedürfnisse sich, wie er selbst sagt, zu jedem ihm dargebotenen Dienst und Erwerb bereit zeigen mußte. Indeß währte es nicht lange, daß er den geringfügigsten Beschäftigungen, z. B. Schreiberdiensten oblag; er fand Gelegenheit Unterricht im Deutschen, Englischen und Italienischen zu ertheilen, und sein Geist und seine persönliche Liebenswürdigkeit führten ihn bald nicht blos in die geachtetsten literarischen Kreise, sondern auch in hocharistokratische Regionen. Ein paar politische Artikel, die wir indeß nicht näher zu bezeichnen vermögen, lenkten sogar die Aufmerksamkeit des Hofes auf ihn. Unter seinen vornehmsten Gönnern in der französischen Hauptstadt führt er namentlich den Prinzen Aloys von Gonzaga-Castiglione an, und unter den Staatsmännern war es kein anderer als der große Choiseul selbst, der sich auf's Lebhafteste für ihn interessirte. Es lag lediglich an Wekhrlin, daß er in Paris nicht für immer Posto faßte.

Indeß weder Noth, welche niemals großen Eindruck auf ihn machte und die er übrigens auch nur kurze Zeit kennen gelernt hatte, noch Veränderungssucht, sondern einzig und allein Sehnsucht nach dem Vaterlande und der Wunsch diesem nützlich zu werden, trieben ihn zur Rückkehr dahin an. Mit dem Titel eines französischen Legationsrathes, den er aber öffentlich seinem Namen nie angehangen, reiste Wekhrlin nach einem neunjährigen Aufenthalte zu Paris, der nur durch eine kurze Anwesenheit in London unterbrochen worden war, im Frühjahr 1772 über die Schweiz und Italien nach Wien, ausgestattet mit dem lebendigsten Geiste, den umfassendsten Kenntnissen und jener Versatilität des persönlichen Benehmens, wie man sie damals nur in der wol ewig ersten Stadt der modernen Welt erwarten konnte. Sein Plan ging dahin, in der österreichischen Metropole eine angesehene Stellung zu erringen und zu dem Zwecke zunächst das Terrain zu sondiren. Es ward ihm auch nicht schwer in den distinguirtesten Cirkeln Zutritt zu erhalten; doch gerade hier stieß er auf so Vieles, was ihn seinen Plan aufgeben hieß und seinen Satyr erweckte, der ihn, den an ein geistreiches, witziges und ungenirtes Gebahren Gewöhnten, für die Unbehaglichkeit der höfischen Steifheit und pedantischen Etiquette des Adels trösten mußte. Doch wäre es nur dies gewesen. »Ich fand«, schrieb er einem Freunde, »kaum ein Dutzend Menschen, welche sich auf die französische Sprache verstanden, ja noch mehr, man sprach nicht einmal deutsch, die hochdeutsche Mundart wurde verachtet. Man hat eine insigne Anekdote von einem jungen Herrn aus einem der ersten Häuser. Sein erlauchter Vater schickte ihn zum Erstaunen der Wiener Welt auf eine sächsische Universität. Voll Grazie und Vollkommenheit kam er nach zwei Jahren zurück. Alles flog ihm entgegen, ihn zu empfangen. Wie sehr erstaunte man aber, als er den Mund öffnete: er sprach eine völlig fremde Sprache. Sein Vater erklärte den versammelten Adligen, es sei hochdeutsch, wie man es zu Leipzig und Berlin rede. Die Gesellschaft verstummte; einige der Damen schmutzten und persiflirten den jungen Grafen, Andere bedauerten ihn, daß er sich so barbarisirt hätte: kurz er war geraume Zeit für Wien eine Fabel. – – Der Adel taugte zu nichts als bei feierlichen Gelegenheiten Espaliers von Perücken zu machen. Der dickste Bauch und das reichste Kleid waren das hauptsächlichste Verdienst. Man brauchte nicht den Mann, nur seinen Namen, sein Ordensband, seine Allongenperücke, seine Equipage. Es war ganz die Zeit der spanischen Etiquette, das ist die Zeit der Unwissenheit, des Hochmuthes, der Steifheit, der Barbarei, Niemand frug nach Kenntnissen, nach Geschmack, nach Witz, nach Büchern. Die Großen flohen die Pedanterei, worunter sie die Wissenschaft verstanden, und ohne etwas von Wissenschaft zu haben, waren sie selber die gröbsten Pedanten. Die Materie der Gesellschaft bestand in Hofneuigkeiten, Predigten, Gesandteneinzügen, Prozessionen und Spiel. Zwar fehlte es auch nicht an Leuten, welche sich zum öffentlichen Dienst im Pantheon Minervens stellten, um den Volkslehrer, Geschmacksrichter und Schriftsteller zu spielen, aber ihre Zahl ist nicht nur gering sondern auch matt. Einige wenige ausgenommen blieb ein Gezücht von albernen Zungendreschern, Klopffechtern und Luftspringern übrig: Volkslehrern denen es sehr an Kopf und noch mehr an Herz fehlte. – – Allerdings fing man schon an die Pariser Galanterie nachzuahmen, aber sie erzeugte in Wien nur Bastarde. Zu Paris erscheint ein Frauenzimmer, welche verliebte Bündnisse unterhält, selten in öffentlicher Gesellschaft für diejenige, die sie ist, sofern sie nur einigermaßen weiß was guter Ton ist. In Wien hingegen erscheint sie noch für etwas mehr. Selten kommt zu Paris ein Liebesverständniß zum öffentlichen Gerede, es sei denn durch einen besondern Zufall oder durch Unbescheidenheit der Männer. Hier kündigt man seine glücklichen Affairen öffentlich aus, man erzählt sie aller Welt. Wo wäre die Frau zu Paris, die es wagen dürfte, sich zum Beispiel in einer Loge mit einem fremden Manne allein sehen zu lassen, ohne sich allgemeinem Tadel auszusetzen? Hier geschieht dies täglich. Inmittelst ist dies, näher betrachtet, weniger ein Fehler des Naturells als eine Wirkung der gesellschaftlichen Einrichtung und des Ortes selbst. Zu Paris und in Italien giebt es wenig öffentliche Gesellschaften; die feine Welt lebt größtentheils en Coterie. Die Vorsicht, mit der man zu diesen geschlossenen Cirkeln gelassen wird, sichert Verschwiegenheit. Zu Wien, wo der Adel zahlreicher ist, läßt sich dies nicht thun, die Cirkel sind nicht so zusammen zu bringen wie dort. Folglich haben die Verhältnisse Liebender mehr Beobachter und werden leichter entdeckt. Ich rede indeß nur von der großen Welt. In der bürgerlichen lebt man wie überall. Die Frau oder Tochter vom Hause wählt sich ihren Schäfer, wenn ihn nicht der Gemahl oder die Eltern ihr geben. Dieser ist öffentlich erklärt, folglich privilegirt. Allen übrigen ist die Hausthür verschlossen.« Bei solchen und ähnlichen Zuständen war es denn kein Wunder, daß es ihn besser dünkte eine unscheinbare Unabhängigkeit zu bewahren, welche ihm doch alle Annehmlichkeiten des Lebens verschaffte, als »durch die unvermeidliche Pforte der visigothischen Seelen des Wiener Adels hindurch ein Beamten-Lotterkissen zu erschnappen«, auf welchem nur »gemeine Brotfröhner, dumme Tintenlecker und andere Mauseköpfe« sanft zu ruhen vermochten. Wir haben an einem andern zwar minder genialen aber doch überaus talentvollen Manne, an Riedel bereits gesehen, wie sich dem die Pfingsttage in eine Passionswoche verwandelten, der sich dem Zopfthum der tonangebenden Klassen nicht zu unterwerfen wußte. S. Meine Geschichte der komischen Literatur I. 400 f. Wekhrlin beschäftigte sich literarisch und ertheilte Unterricht in fremden Sprachen, was ihm eine bedeutende Einnahme gewährte. Daß er auch Gelegenheitsgedichte, Liebesbriefe für Geld gefertigt und den Winkel-Advokaten gemacht habe, beruht theils auf falscher Darstellung einiger scherzhaften Vorfälle theils auf müßigem Geklätsch. Im Uebrigen zog er sich mehr und mehr aus den vornehmen Kreisen zurück, sie um so stärker zur Zielscheibe seines Spottes benutzend, woraus ihm der Vorwurf erwuchs, daß er sein Glück nicht zu verwerthen verstände und ein Mensch sei, der noch keine gesellschaftliche Schicklichkeit erlernt habe. Es mag wahr sein, daß Wekhrlin in seinem ferneren Umgange nicht sehr wählerisch verfuhr, daß er oftmals seinen Zeitvertreib »unter Spielern, Pflastertretern, Müßiggängern aller Art und zweideutigen Frauenzimmern« gesucht; allein er schuldete Niemand irgend welche Verbindlichkeiten, Niemand hatte das Recht ihn deshalb zu tadeln, er wollte durchaus nichts von der sogenannten guten Gesellschaft in Wien, und man vergaß, daß er wie Lessing ganz der Charakter war, der jeden Augenblick seine Würde hintansetzen oder wegwerfen konnte, um sie in jedem nächsten Augenblicke wieder voll aufzunehmen.

Hatte er bereits hie und da, in diesem und jenem Flugblatte, auch in den »Caraibischen Briefen« die Aristokratie und andere bevorzugte Kreise immer schärfer und durchdringender ausgepfiffen und gegeißelt, »um nicht blos seine Gelder sondern auch seine Langeweile anständig zu verzehren«, der äußerste, in allen Phasen sich tummelnde Spott traf sie in seinen anonym veröffentlichten »Denkwürdigkeiten von Wien« (Nördlingen 1777). Die Wirkung derselben ward eine ungeheure, sie setzte fast die ganze Residenz in Bewegung; und nachdem man sich zu des Verfassers höchstem Ergötzen schier athemlos um Ermittelung desselben abgemüht, da nannte er sich allwärts selbst als solchen. Feigheit gehörte nie zu seinen Schwächen, er stand stets für sein Thun ein. Doch liefen diesmal die Folgen gegen seine Erwartung: man verurtheilte ihn zu einer halbjährigen Gefangenschaft und wies ihn dann aus der Stadt. Er hatte, wie er selbst gesteht, leichtsinnig und übermüthig die Wahrheit gesprochen, und mußte dafür die Begründetheit des Lichtenberg'schen Spruches erfahren, daß gewissen Leuten ein Mann von Kopf ein fataleres Geschöpf ist als der declarirteste Schurke, und daß sich vom Wahrsagen wohl leben lasse, aber nicht vom Wahrheitsagen. Natürlich nannten die Getroffenen jene »Denkwürdigkeiten« eine Schandschrift. Wenn jedoch Ludwig Schubart, Schlichtegroll, Jördens u. A. diese Bezeichnung adoptirten, so waren ihnen entweder die Verhältnisse oder das Buch selbst, vielleicht auch Beides, fremd.

Wekhrlin's Ziel hieß nun Regensburg. Der in Wien fallen gelassene Gedanke, in der diplomatischen Atmosphäre seinen Platz zu suchen, ward wieder aufgegriffen. Wirklich gelang es ihm durch den jedem Talente zugänglichen kaiserlichen Prinzipal-Commissarius, den Fürsten von Thurn und Taxis, wünschenswerthe Aussichten eröffnet zu erhalten und auch bei dem Freiherrn von Erthal und dem Grafen Neipperg günstig aufgenommen zu werden; aber einige sarkastische Aeußerungen über den »melancholischen Reichsverfassungskörper« und die übrigen Gesandten, welche er mit Lampen unter Hornblenden verglich, wie das Bekanntwerden seines Schicksals zu Wien, verdarben ihm ein Spiel, das er nunmehr für immer aufgab.

So zog er denn weiter, nach Augsburg, da Regensburg selber, diese »in sich vertiefte Stadt«, nichts Fesselndes bot. Hier in Augsburg, heißt es, wären Alle zur höchsten Anerkennung seines Genies und seiner sonstigen guten Eigenschaften bereit gewesen. Man hätte ihn angestaunt, auf Händen getragen, ihm freudig Herz und Börse geöffnet. Quand-même! Mächtiger aber als Erkenntlichkeit für wohlwollendes Entgegenkommen war in ihm der Widerwille gegen Beschränktheit, Unwissenheit, althergebrachte sociale Convenienz und jene Protections-Hoffärtigkeit, die sich ihm so oft aufdrängte und auch einem Manne von geringerem Selbstgefühle auf die Länge unerträglich geworden wäre, mächtiger der Drang jenem Widerwillen durch Witz und Spott, wobei er freilich weder sehr erwäglich noch glimpflich verfuhr, Luft zu machen. Er war eine jener Durchbruchsnaturen, welche schlechterdings selbst auf die Bestmeinenden gewitterhaft niederplatzen müssen, sobald sich der Stoff dazu in ihnen angesammelt hat. Wenn daher die guten Augsburger glaubten, daß er für alle Gunst, die sie und besonders die Weiber ihm erwiesen, bei denen er überhaupt aller Orten stets ungemein wohl gelitten, auch ihre Bevormundung, ihren Krämerstolz, ihre übertünchte Uncultur ruhig ertragen oder gar lobpreisen würde, so irrten sie sich sehr. Dennoch ist die Veranlassung, die sein Verweilen dort endete, nicht recht klar, und nur so viel gewiß, daß eine keineswegs zarte, im Gegentheil plumpe und beleidigende Hindeutung auf genossenes Gute seinen Satyr neuerdings entfesselte. Und in einem nirgend näher gekennzeichneten »Pasquill« gegen einen angesehenen Bürger, dem er auffallende Verbindlichkeiten geschuldet, soll die Sünde bestehen, die ihm alle Gnade verwirkt, seinen Abzug beschleunigt hätte, wofür dann ganz Augsburg von ihm zur Buße verurtheilt worden sei, nämlich in der »Schand- und Schmähschrift«: »Anselmus Rabiosus Reise durch Ober-Deutschland« (Salzburg und Leipzig [Nördlingen] 1778, Nachdruck Nürnberg 1778).

In der That stellte der Rath zu Augsburg seinem Verstande das glänzendste Zeugniß aus, indem er diese 152 Seiten füllende Schrift für ein rachsüchtiges, auf sich gemünztes Pasquill erklärte, die Confiscation darüber verhängte und den Verleger Beck in Nördlingen zur Auslieferung aller noch vorräthigen Exemplare gegen mäßige Entschädigung nöthigte, weil 18, sage achtzehn Seiten davon sich mit diesem erleuchteten Magistrate und seinen Schutzbefohlenen beschäftigten! Mit demselben Rechte aber hätten die Behörden des darin geschilderten Nieder-Baiern, Württemberg und Baden das Buch vervehmen, mit größerem die Oesterreicher es als eine Satire auf sich und ihre Regierung betrachten können, denn letzteren sind 32 Seiten darin gewidmet. Eine willkommnere Maßregel konnte jedoch weder den Verfasser noch Drucker treffen, denn das Aufsehen der Schrift stieg dadurch in's Ungemeine, so daß in kürzester Frist drei Auflagen reißenden Absatz fanden. Und auch die von dem berüchtigten Obscuranten und Augsburger Hofrath Georg Wilhelm Zapf dagegen gerichteten »Bemerkungen« (Ohrdruf 1778) bewirkten das gerade Gegentheil ihrer Bestimmung.

Trotzdem ist die Bekanntschaft mit diesem inzwischen ziemlich selten gewordenen Buche eine in der Gegenwart sehr spärliche, und wenn die Literaturgeschichtschreiber in das Verdict des Augsburger Magistrats und seiner Freunde einstimmen, so erkennen wir darin den triftigsten Beweis, daß ihnen das corpus delicti, freilich wie so häufig, ein objectum incognitum geblieben. Selbst Jördens hat sich offenbar nur für die ersten drei Seiten interessirt, das heißt um die von ihm zum Abdruck gebrachte Inhaltsübersicht. Einiges Verweilen bei diesen Skizzen ist deshalb hier ganz am Orte. Im Allgemeinen aber schicken wir voraus, daß von allen Reisebildern der letzten Jahrzehnte des verflossenen Jahrhunderts nur wenige es so verstanden, in großen Contouren das Bemerkenswertheste mit ebenmäßiger Vertheilung von Licht und Schatten besonnen und dennoch pikant darzustellen, und daß bei einiger Kenntniß der ehemaligen Zustände jener Länder, selbst bei flüchtigem Vergleich anderweitiger Schilderungen derselben, woran es wahrlich nicht mangelt, und welche zugleich Verständniß und Beurtheilung verschiedener Details in Obigem ermöglichen, Wekhrlin's Buch weder ein den Thatsachen widersprechendes oder unerhörtes noch unverdienstliches genannt werden durfte. Culturhistoriker sollten es unbedingt ihrer Einsicht würdigen.

Unser Reisender beginnt seine Tour in Linz, und eilt über Ips, St. Pölten und Neustadt nach Wien, um sich dort mit der Sittengeschichte Oesterreichs unter Maria Theresia zu beschäftigen, mit welcher der Tag in Oesterreich, bis dahin hinter den Jesuiten-Collegien verborgen, zu grauen angefangen habe. Er begrüßt die Errichtung von Normalschulen als eine der wichtigsten Wohlthaten, und sagt von der Regierung der Kaiserin, daß sie der Weisheit der Alten um so viel näher gerückt sei, als man der Bildung der Nation den Vorzug vor dem ökonomischen Nutzen des Staats ertheilt hätte. In Betreff des österreichischen Provinzial-Charakters beklagt er es, des rechten Mediums zur ausreichenden Beurtheilung desselben zu entbehren; denn nicht in seinem Lande werde ein Volk ganz und recht erkannt, sondern in seinem Bewegen unter fremden Himmelsstrichen. Nun aber verließ damals der gemeine Mann die heimatlichen Grenzen höchst selten, und die Sitten der »Herrengattung« waren so »unbestimmt und zusammengetragen wie ihr Geblüt.« Allgemeinhin befindet er das Naturell der Osterreicher aufrichtig, gutmüthig und biegsam. Für ihren Fleiß spreche Vieles, nur der Zustand der Feldwirthschaft erwecke keine günstige Meinung und habe wenig bessere Aussicht, so lange das junge Volk in den kleineren Orten und auf dem platten Lande nach Wien laufe, um Livrée zu tragen, in Ställen, Küchen und Zimmern Dienste zu nehmen und bei ihrer Heimkehr Ekel vor jeder schweren Arbeit mitzubringen, ingleichen eine Verfeinerung ihrer kleinen Personen, welche für beide Geschlechter die nachtheiligsten Folgen habe. Ein anderer Maßstab zur Beurtheilung des Charakters eines Volkes, sagt Wekhrlin unanfechtbar, ist die Statistik seiner Verbrechen. Er hatte sich die seit mehreren Jahren in Wien gefällten Bluturtheile vorlegen lassen und gefunden, daß in der Hauptstadt durchschnittlich jährlich 6¼ öffentliche Hinrichtungen vollstreckt wurden, wozu die Oesterreicher 4¼, das Ausland 2 Individuen lieferten. Verbrechen der absichtlichen Vergiftung, des Meuchelmordes, der Rache, der Brandlegung und Sodomie hatten seitens der Einheimischen keine stattgefunden, Kindesmord je einmal, Diebstähle und alle Verbrechen, welche als Wirkungen des Elends und der Armuth zu betrachten sind, je dreimal. Und auch des Aberglaubens, setzt er hinzu. Denn was die geistige Cultur der Oesterreicher anlange, so seien nach Beseitigung der Tyrannei der Jesuiten nicht Philosophie und Naturwissenschaften eingezogen, sondern zu allem Unglück die Schöngeisterei und Kunstrichterei, für das Alter der Literatur in Oesterreich zwei Früh- und Fehlgeburten. Um so mehr rühmt unser Tourist die Maßregeln der Regierung zur Förderung der inneren Sicherheit, der Landesökonomie und des Handels. »Nichts ist vollkommner als die Landstraßen in Oesterreich, welche mit Recht den Namen Kaiserstraßen verdienen. Das Monopol ist abgeschafft, die Zünfte werden von dem Unsinne und Wust gereinigt, der sie in ganz Europa drückt, und zur Hebung des einheimischen Handels steuert der Hof einen jährlichen Beitrag von 1,650,000 Gulden. Im Jahre 1775 ließ die Kaiserin zur Aufmunterung des Fleißes dem ganzen Kaufmannsstande in Wien den Adel anbieten. Und es ist wahr, Alles lief herbei, jeder Gewürzkrämer und Buchdrucker. Aber die Residenz konnte nur Einen Baron Fries schaffen. Unendlich glücklicher waren dagegen die Provinzen. Böhmen, Tyrol, Steyermark und Kärnthen wiesen eine Anzahl Männer auf, deren Genie dem Staate Nutzen, deren Reichthümer dem Vaterlande Ehre brachten.« Rühmend spricht er ferner von der tüchtigen Finanz-Verwaltung des Reichs. »Wer sollte glauben, daß die Staatseinkünfte des Hauses Oesterreich heute um 18¼ Millionen größer sind als zu den Zeiten, wo der Hof noch die Kronen Spanien und Neapel, und die Goldgruben von Peru und Mexiko mit seinen Ländern vereinigte? So wahr ist die Maxime, daß nicht ein Uebermaß von Kräften das Glück eines Staats ausmacht, sondern der richtige Gebrauch derselben.« Rühmend weist er auch auf die Reformen in der Armee hin, das Werk des Feldmarschalls Lacy. Wer sie noch aus der Zeit des Prinzen Eugen, des Feldmarschalls Khevenhüller und selbst des Feldmarschalls Daun kenne, müsse über die Umwandlungen staunen. »Man sieht keine nimmersatten Kriegscommissare mehr, nicht mehr aus Fleischern und Proviantbäckern gnädige Herren werden, keine Lieferanten in sechsspännigen Wagen fahren und ihre Töchter an Fürsten verheirathen. Diese Elenden sind es, welche mit Beihilfe eines Haufens Blechschmiede, Riemer, Büchsenschäfter, Schneider und anderer Geschöpfe den Feldmarschall Lacy verfluchen.« Voll kühner Entwürfe habe dieser große Minister auch die alten Vorurtheile abzuschaffen und neue Begriffe einzuführen sich angestrengt. »Wie schwer mußte es aber nicht halten, Leuten aus den Zeiten der Menzel und Trenk beizubringen, daß der Ruhm eines Offiziers nicht allein darin bestehe, daß er seinen Rockärmel zurückstreife und der Vorderste beim Einhauen sei, daß dies höchstens ein Verdienst der Wachtmeister und Sergeanten wäre. Wie unbegreiflich mußten diesen Leuten Lehrsätze erscheinen als: Gehorsam ist ebenso als Tapferkeit eine militairische Tugend; um Muth zu bekommen, soll der Offizier nicht nöthig haben erst eine Flasche Tokayer zu trinken; er muß ebenso mit der Feder wie mit dem Degen umzugehen wissen, und um sich unter den Kameraden auszuzeichnen braucht man sich nicht mit ihnen zu duelliren.« Ungeachtet mancher begründeter Vorwürfe, welche der Gesammtverwaltung des Reichs gemacht wurden, verkennt Wekhrlin nicht die Fortschritte gegen frühere Zustände, und rügt vorzugsweise den Fehler, den ein Einfall des Reichshofrathspräsidenten, Grafen Windischgrätz, bestens bezeichne. »Wollen Sie,« sagte dieser eines Tags zum preußischen Gesandten, »die Langsamkeit unseres Expeditionswesens kennen lernen, so lassen Sie sich eine Anweisung auf sofortige Ertheilung von fünfzig A....prügeln geben, und dann sehen Sie zu, wer sie Ihnen bei uns vor Ablauf eines Vierteljahrs auszahlt,« Allein gerade der ungemeinen Verzögerung, diesem Erbstücke des deutschen Nationalgenius, meint der Erzähler, habe man es vielleicht zu danken, daß die Regierung in Oesterreich von weit schlimmern Lastern, welche andere Staaten drückten, als da wären: Vergewaltigung, Erschleichung, Zweideutigkeit und Widerrufung der Gesetze, frei sei. Auf die Landesgewohnheiten übergehend bemerkt er: »Gute Tage sind selten bei einem Volke, das größtentheils entweder unter Pfaffen oder Edelleuten lebt. Wenn sich der Oesterreicher einen guten Tag machen wollte, so ging er wallfahrten. Er versah sich mit Geld und ging nach Mariataferl, oder nach Mariazell, oder nach Marialanzendorf. Hatte er gebeichtet und seine Seele ausgesöhnt, so sprach er auf dem Rückwege von der Kirche im Wirthshause ein, und schwelgte bis er nicht mehr konnte. So lange noch die ordentlichen Caravanen an gewissen Festtagen auszogen, gesellten sich die Frauenzimmer sehr häufig dazu. Es war eine Art Lustpartie. Man unterhielt sich, man belustigte sich, man stiftete Bekanntschaften, man kehrte des Nachts zusammen im Wirthshause ein, und Eine Kirchfahrtbekanntschaft war eine so gesetzmäßige Sache, daß sich der Ehemann nicht darüber aufhalten durfte, ohne den Wohlstand der Kirchfahrt und deren geheiligte Rechte zu beleidigen. Seitdem die Regierung aber diese Caravanen verboten oder wenigstens beschränkt hat, haben die Kirchfahrten viel von ihren Annehmlichkeiten verloren. Es ist nicht mehr erlaubt anders als für sich selbst zu wallfahrten. Die Heiligen befinden sich freilich dabei etwas in Verlegenheit, und ihre Sachwalter, die Mönche und Gastwirthe, haben nicht ermangelt nachdrückliche Vorstellungen zu machen. Allein man hat sie abgewiesen, weil in den Processen zwischen den Menschen und den Heiligen die Verhandlungen peremtorisch sind. Die Oesterreicher,« fährt er fort, »lieben zuweilen gute Gesellschaft. Sie lassen keine feierliche Gelegenheit vorbeigehen, ohne sich zu versammeln und Gastmahle zu veranstalten. Bei diesen ist es Regel, daß jedesmal ein Lustigmacher zugegen sein muß. Hiezu wählt man gemeiniglich einen Franciscaner. Diese sind die geselligsten und witzigsten Geschöpfe in Oesterreich. Es wäre des Pinsels eines Petron würdig, ein Gastmahl zu beschreiben, das aus einem halben Dutzend Verwaltern und ihren Frauen, aus einem Dutzend Pflegern, Braumeistern, Pächtern und einem Franciscaner bestünde. In der Regel setzt man den Mönch zwischen die zwei schüchternsten Frauenzimmer. Diese neckt er zu ungemeiner Belustigung der Tafelgesellschaft unaufhörlich mit Zweideutigkeiten und verblümten Einfällen. Manchmal treibt man noch einen zweiten lustigen Kopf auf, den man dem ersten gegenüber setzt, um seinen Witz zu balanciren; alsdann übertrifft die Lustbarkeit sich selbst.« Zum Schluß dieses Abschnittes die Literatur besprechend, entwirft er freilich ein klägliches Bild von derselben. Allein theils widerstreitet es nicht der Wahrheit, theils thut er es mit den eigenen Worten eines der gerühmtesten Wiener Schriftsteller. Wenn die Polizei, sagt er selber, die Journalisten nicht höher achte, als die Schweinebeschauer in Westphalen geachtet würden, so sei dies nicht ihre Schuld. Ein junger Gelehrter hätte allerdings einmal den Entwurf zu einem Blatte eingereicht, dessen Zweck Kenntniß und Verständniß der Landesgesetze gewesen, aber da sei flugs der Edle von Trattner, ein Buchdrucker, mit einem Veto dagegen erschienen, dessen Kern der gewesen, daß er ein persönliches Privilegium habe, die Dummheit der Nation zu verewigen.

Dies ist kurzdurchlaufen Wekhrlin's Capitel über Oesterreich. Bieten Inhalt und Ton aber die Merkmale einer »Schmäh- und Schandschrift«? In keiner Weise!

Und nun, wie gemäßigt, wie Gutes und Schlimmes in richtigem Verhältniß hervorhebend, wie einsichtig, wie wahr, wie so vielseitig bestätigt ist das, was er über Land, Leute, Institutionen und Regierung von Niederbaiern, Württemberg und Baden berichtet!

Aber Augsburg!

Wohlan, lassen wir einen Augenblick die Ungereimtheit gelten, daß das Wesen des Ganzen von seinem kleinsten Theile bestimmt werde, gelten die Thorheit, daß man um Eines Käufers willen einen Jahrmarkt abhalte, und hören wir Wekhrlin selbst.

» Troja suit!« hebt er an. »So seufzt man, wenn man sich zu Augsburg befindet. Diese Stadt, welche ehemals einen so schmeichelhaften Rang unter den europäischen Handelsplätzen hatte, ist sich nicht mehr ähnlich. Sie gleicht einem von der Abzehrung ergriffenen Körper, der mit sich selber kämpft. Auswärts von einem mächtigen Nachbar, im Innern von Nahrungsmangel bedrängt, ist sie ihr eigener Raub.

Die Häuser sind schön. Es sind einige darunter, welche sich in Rom und Genua auszeichnen würden. Aber sie sind öde und unbevölkert. Es ist wahr, der Pöbel giebt sich alle Mühe, die Bevölkerung zu befördern: nirgends werden mehr Bastarde erzeugt als hier. Aber es ist, als wenn Juno einen Fluch auf die Werke ihres Enkels gelegt hätte: die meisten sterben in der Geburt.

Die Stadt hat ihr meistes Ansehen den Fuggers zu danken, welche die berühmtesten Weber in Europa waren. Davon erhält sie noch den Charakter. Beim Eintritte spürt man sogleich den Weberaufzug und -Einschlag: die Enden stechen in allen Gassen hervor.

Augsburg ist eine Reichsstadt – und dies ist keines der geringsten ihrer unglücklichen Schicksale. Es unterwirft sie dem Eigensinne ihres Nachbarn. Der Kurfürst von Baiern, der ihr Luft und Wasser versagen kann, beherrscht sie unumschränkt. Er betrachtet die Stadt als einen Wechselbrief, auf den er ziehen kann so oft ihm beliebt.

Die unbesonnenen Schritte, wodurch sie sich in verschiedenen Fällen das Mißvergnügen des österreichischen Hofs zugezogen, hat sie eines nachdrücklichen Schutzes von dieser Seite beraubt, und der Stolz, der sich in ihre Geschäfte mit andern Reichsstädten mischt, macht sie des Mitleids derselben unwürdig.

Die Künste, welche einige Zeit in Augsburg ihren Wohnsitz aufgeschlagen, haben viel für die Stadt gethan. Man findet unsterbliche Meisterstücke der Malerei und Bildhauerkunst. Seitdem sie aber weggezogen, ist die gröbste Barbarei an ihren Platz getreten. Nichts ist z. B. unerträglicher als der Anblick der übermalten Kanonen im Rathhause. Sie sind aus Bronze gegossen: um ihnen etwas Eigenthümliches zu verleihen, ließ der Magistrat die Läufe mit grüner Oelfarbe anstreichen.

Die Bevölkerung theilt sich in drei Klassen, welche eben so viele Rangordnungen sind: in Patrizier, Kaufleute und Pöbel.

Die Ersteren, welche einen Theil des hohen Magistrats ausmachen, zählen einige vornehme Geschlechter unter sich: die Stetten, die Weiser, die Imhof, die Rehling. Aber da die Patrizier mit dem Geblüt ihrer Vorfahren das Gewerbe derselben verändert haben, so schleichen die meisten derselben in einer melancholischen Armuth dahin, welche sie der Geringschätzung der Bürgerschaft aussetzt. Man muß sich nicht durch die Almanachs von Augsburg irre machen lassen. Man wundert sich bei jedem Wappen Herr auf Goldberg und Silberthal, Erbherr von Diamantbruch und Perlengrube zu lesen, denn diese glänzenden Güter gehören ihnen längst nicht mehr. Sie haben ebendenselben Antheil daran, wie der König von Frankreich am Königreich Cypern, oder wie der türkische Kaiser an den Ländern der Sonne und des Mondes, welche diese Souveraine in ihren Titeln besitzen.

Die Kaufmannschaft, welche nach dem Adel den zweiten Rang prätendirt und deswegen eine besondere Zechstube dicht an der der Patrizier hat, ist eigentlich der nahrhafte Theil des Publicums. Ungeachtet indeß wenige unter ihr sind, die sich mit ihren Vorfahren, den Fuggers, Rauners, Welsers, vergleichen können, besitzen sie doch deren Ansprüche ganz. Sie halten Equipagen, Lusthäuser und verkehren im Hoftone.

Der Pöbel bringt sein Leben in Verwünschungen über die Obrigkeit, im allerschimpflichsten Müßiggange und der verzweifeltsten Armuth hin. Da das Geld in den Händen einiger vornehmen Familien concentrirt ist, besteht der Rest der Einwohner aus einem Bettlerhaufen, der um eine Kanne Bier tanzt.

Dies ist das Bild von Augsburg. Doch noch nicht ganz.

Zu Augsburg ist's, wo man den Drachen der Parität in Lebensgröße sehen kann. Seit dem Religionsfrieden herrschen beide Religionen, die katholische und lutherische in gleicher Stärke hier neben einander. Diese Verfassung, eine der Hauptconstitutionen der Stadt, nennt man Parität. Sie würde verehrungswürdig sein, wäre sie ein Product der Tugend, wäre sie dem Grundsatze der Toleranz und Menschenliebe entsprossen. Aber sie ist nichts als ein Werkzeug der Politik, sie besitzt durchaus nichts von der Tugend ihres Namens.

Die Parität zu Augsburg erstreckt sich nicht blos auf ein Ebenmaß der Religionsparteien, der Kirchengebräuche und des Gottesdienstes, sie bezieht sich auch auf alle bürgerliche Einrichtungen, auf die Bedienstungen im Civil- und Militairetat, auf die Oekonomie der Republik, auf die Gleichheit der Stimmen in den Beratschlagungen des Senats: kurz sie ist ein Instrument, das eine oder die andere Partei in jedem Falle bereit hält, eine politische Unternehmung zu hindern oder zu betreiben.

Diese Parität ist so weit ab von ihrem wahren Charakter, dem Duldungsgeist, daß jede der zwei Parteien jeden Augenblick bereit steht, der andern den Hals zu brechen, sofern der Magistrat nicht in beständiger Wachsamkeit bliebe. In der That kann man bei so unglücklicher Stellung des Publicums die Grenzen nicht scharf genug hüten.

Das Gleichgewicht der Parität wird auf der einen Seite von dem Reichthume, auf der andern von der Bevölkerung erhalten. Die evangelische Partei hat die reichsten und mächtigsten Patrizier an der Spitze; die Katholiken hingegen, deren Adel arm und unmächtig ist, befinden sich in desto größerer Anzahl.

Daß die Parität unendlich viel heilsamen und neuen Einrichtungen hinderlich gewesen, ist wahrscheinlich. Die Vermehrung der Spitäler und allgemeinen Zufluchtsorte des Elends, die Erweiterung der Zünfte, die Wahl der tauglichsten Subjecte zur Verwaltung des öffentlichen Wohls, die Ansiedelung einzelner Künste, der Gebrauch der Arbeitstage leiden darunter. Diese Krankheit ist so sichtbar, daß man behauptet, die evangelischen Religionsverwandten besäßen eine heimliche Nothkasse, um etwas, das auf ihrer Seite gesucht wird, durch Bestechung zu unterstützen.

Der Geist der Menge ermangelt gänzlich der Cultur. Da der Fleiß unter den Einwohnern erloschen ist, so geht die Kunst betteln. Die Büchercensur, eine Muse, die hierorts auf einem Auge blind ist, verscheucht den Tag. Der Kaufmannsgeist, dessen Regungen Geiz und Sparsamkeit sind, läßt die Literatur darben, und die Polizei vollendet die Barbarei, indem sie geschickten aber vermögenslosen Leuten den Aufenthalt versagt.

Inmitten dieses Elends macht sich unter den Einwohnern ein Stolz breit, der sie von der lächerlichsten Seite der Welt bildet. Unter den charakteristischen Untugenden der Augsburger ist die Lästersucht die vomehmlichste. Nichts ist besonders weiter getrieben, als der Spott, den beide Religionsparteien über einander pflegen.

So oft man der Katholiken spotten will, fällt man gemeiniglich auf die Bilder ihrer Heiligen. Schlagt aber das Gesangbuch eines lutherischen Bürgers zu Augsburg auf, oder besucht einen Patrizier in seinem Cabinet: es ist nicht ein einziger von all den kleinen schwarzröckigen Herren, die am Predigtamt der Stadt gestanden, dessen Bild ihr nicht en taille douce von Nilson oder Haid gestochen antreffen werdet, und darunter: M. Immanuel Christoph Fadus, Candid. Minist. Aet. XXVI, oder: Frau Susanna Beata Frommännin, Helferin bei St. Jacob, geb. den 16. Jan. 1728, vermählt 18. Jul. 1747, hat Kinder erzeugt 19. Diese Küpferchen küssen die Betschwestern mit Ehrfurcht, und die Kinder bezeichnen ihre Lectionen im Katechismus damit.

Wenn ein Maler den h. Georg oder die h. Walburgis fünfhundert Jahre nach ihrem Tode abbildet, weil die ganze Welt ihre Namen kennt, und weil sich etwas im Leben dieser Personen findet, was auf die allgemeine Geschichte Bezug hat, so betrachtet man diese Bilder mit Zufriedenheit. Aber wenn sich ein junger Geistlicher einer unbedeutenden Stadt bei lebendigem Leibe in Kupfer stechen läßt, weil er in einigen Predigten verschiedene loci communes gesprochen hat, und wenn die Gemeinde diese Bilder im Wettstreite kauft und in goldene Rahmen fassen läßt, so weiß man nicht, ob man mehr mit dem Hochmuthe eines solchen Heiligen oder mit der Einfältigkeit seiner Verehrer Mitleid haben soll.

So oft man der Evangelischen spotten will, bezieht man sich zuerst auf die Frauen ihrer Geistlichen. Nun muß man gestehen, daß sich die Gemahlinnen des evangelischen Clerus zu Augsburg sehr bescheiden aufführen. Wenn sie Gunstbezeugungen von ihren Herren erhalten, verbergen sie diese im Innern ihrer Schlafgemächer. Aber wenn man ein junges lustiges Mädchen auf den Straßen, in den Kirchen und Gesellschaften herumflattern sieht, wie sie ein Domherrnkreuz an der Brust trägt und zu Jedermann spricht: es ist vom Grafen X., meinem Amanten, ich habe es ihm im Scherze geraubt: und wenn dann der Pöbel niederfällt und dies Kreuz an dem verbuhlten Busen küßt, so wünscht man lieber den Domherrn verheiratet und das Kreuz bei einem Juden zu sehen. Gleichwohl ist es eine Anekdote dieser Stadt.

Wenn die Jesuiten zu Augsburg einen Umzug mit ihren Schülern halten, so ist kein Lutheraner, der nicht vor Lachen ersticken möchte. Seht da, die heilige Komödie, ruft man.

Die Katholiken denken viel billiger, wenn die Kinder eben dieser Spötter an gewissen Festtagen unter Anführung ihrer Schulmeister und Schulmeisterinnen in Prozession in der Stadt umherziehen, mit Trommeln, Pfeifen und einem Harlekin an der Spitze, der tausend lächerliche Sprünge und Geberden macht. Der Ekel steigt vollends aufs Höchste, wenn man diese Prozession in einem Garten endigen sieht, wo sich die Jugend lagert und allen Arten von Ausschweifung überläßt. Nichts ist ärgerlicher als der Anblick betrunkener Kinder.

Mich dünkt, ich befinde mich auf dem St. Moritzplatze zu Augsburg. Auf der einen Seite geht eine Prozession Jesuiterschüler, die mit großer Mühe hölzerne Figuren wälzen und einen traurigen Gesang dabei anstimmen. Auf der andern Seite zieht eine Prozession lustiger Kinder mit Trommeln, Pfeifen und Harlekinen vorbei, unablässig jauchzend: lo Bacche! Die Anführer auf beiden Seiten versichern mich, daß es ein Kirchfest bedeute. Was für einen Unterschied soll ich im Tadelhaften finden? Will man seine Gegner beschämen, so muß man sie übertreffen, zum mindesten ihre Fehler nicht nachahmen.

Ich würde ermüden, alle Beobachtungen über den Stolz der Augsburger aufzuzeichnen. Er ist einestheils die Wirkung des Einflusses einer eingebildeten republikanischen Hoheit, die schwache Seite aller Reichsstädte, anderntheils wird er von einem eingebildeten Adel erzeugt. Von beiden Seiten macht er im höchsten Grade ungesellig, und der Mangel an guter Lebensart allein beweist schon, wie wenig Anspruch auf Adel man machen kann.

In der That, diese sogenannte Noblesse besteht in einer Anzahl Kaufleute und Krämer. Hierunter sind einige, welche durch ihre Einsichten und ihren Fleiß ihren Stand ehren, als die Schülin, Schwarz, Obwerer und Lieber. Der Geist der meisten übrigen dagegen erstreckt sich nicht weit über den eines Theewrackers zu Amsterdam. Nichtsdestoweniger gebahren sie sich wie Cavaliere. Sie tragen Brillanten an den Fingern und sprechen fortwährend von der großen Welt, wahrscheinlich weil einige unter diesen gnädigen Herren jährlich zweimal zur Marktzeit nach Wien kommen, wo sie unter den hölzernen Ständen in der Bognergasse und auf dem Kohlmarkte feil halten.

Die Vergnügungen der zwei ersten Klassen bestehen in Gesellschaftgeben, Concertbesuch und in Theater. Zur Carnevalszeit kommt eine Redoute hinzu. Von dem Werthe der Gesellschaften kann man sich einen Begriff machen. Da ihnen alle gute Erziehung und die Gebräuche der feinen Welt mangeln, sind ihre Cirkel für Fremde nicht practikabel. Ich war in ihrem Concert, dem Sammelpunkt der schönen Welt. Ich sah in der That eine Menge Stutzer, die einander die artigsten Verbeugungen machten. Dann hörte ich einige Symphonien, die ich für das Miserere des Allegri hielt, und begab mich hinweg.

Im vergangenen Jahre (1777) fiel der Magistrat auf den Gedanken, ein Schauspielhaus zu bauen, um gegen die Jesuiten, auf deren Theater bisher die Schauspiele aufgeführt wurden, in keiner Verbindlichkeit mehr zu sein. Man schickte einige Bauverständige nach München, um die Architectur des dortigen Schauspielhauses zu copiren. Nach ihrer Zurückkunft fing man das Werk an, und mittelst eines Aufwandes von 15,000 Fl. war es binnen sechs Monaten fertig. Kaum wollte die herbeigerufene Truppe ihre erste Vorstellung beginnen, so entdeckte man die Unbrauchbarkeit des Theaters. Die Baumeister hatten sich im Maßstabe geirrt; es war weder ein richtiges Verhältniß in der Bühne, noch im Zuhörerraum. Die Fehler schienen unabhelflich zu sein.

Dies Schicksal war aber unvermeidlich bei einem Völkchen, das zu viel Stolz besitzt, um Fremde zu Rath zu ziehen, und zu wenig Genie, um etwas von selbst gut herzustellen. Nichtsdestoweniger spielte man fort, und der Augsburger, der nichts als Gelegenheit zum Müßiggange sucht, vergaß sich selbst und setzte einige Zeit die Bierbank bei Seite, um das Schauspiel zu besuchen.

Die Ursachen der Nahrungslosigkeit der Stadt sind moralisch. Die Kaufmannschaft verabsäumt den ökonomischen Handel, um der Speculation mit baarem Gelde nachzuhängen. Diese Art Speculation trägt den Fehler, daß sie dem Publicum nichts nützt. Geld ist nur ein Zeichen des Reichthums, eine Million Zeichen machen aber noch keine Waare, und hier liegt der Grund zu der traurigen Theuerung, welche in Augsburg herrscht. Man hat Zeichen, doch die Waare fehlt.

Die Augsburger athmeten dem beabsichtigten Congresse von 1760 entgegen, als einem Mittel, das ihrem Elende abhelfen, sie auf einige Zeit glücklich machen würde. Allein das Schicksal ordnete die Dinge anders. Der Congreß unterblieb, und dies schenkte Europa den Frieden.

Nichts ist abgeschmackter als die berühmte augsburgische Tracht. Man sieht sie nur noch bei dem Bürgerstande, denn die Vornehmen tragen sich französisch. Die Kleidung der bürgerlichen Frauen besteht in einem fischbeinenen Harnisch, der die Brust einkerkert und den Bauch hervorpreßt. An diesem Harnisch hängt ein Röckchen, das bis an die Spitze des Knies geht. Da nun die Natur den Augsburgerinnen keinen Busen, indeß sehr große Füße gegeben hat, so ist keine Ursache vorhanden, eine Mode zu beneiden, wobei das Auge nichts zu gewinnen und die Tugend nichts zu verlieren vermag.

Ich könnte meine Beschreibung schließen, wenn ich nach so vielen Unvollkommenheiten dem Verdienste nicht eine Forderung abzutragen schuldig wäre. Die Nahrung der Stadt besteht wie bemerkt in Nichts. Trotzdem ist der Pöbel zahlreich; die Zunft der Weber allein wird auf dreitausend Mitglieder geschätzt. Diese dreitausend Seelen wären aber verloren, ohne die Großmuth eines sehr merkwürdigen und sehr erleuchteten Mannes, des Eigenthümers einer der berühmtesten und größten Cotonfabriken in Deutschland, Johann Heinrichs von Schülin.«

Mit der Lebensgeschichte dieses in der That bedeutenden Mannes schließt Wekhrlin seine Abschweifung über Augsburg.

Und nun lese man, was über diese und andere Reichsstädte Cremeri, Rebmann, Spach u. A. aus eigener Anschauung berichteten, und behaupte noch, daß auch nur eine Lästerung im vorigen enthalten wäre!

In Nördlingen, wohin sich Wekhrlin zunächst gewendet, spielte das alte Lied von Neuem. Anfänglich bewundert und von Freunden umringt, verfing sich der Zopf des Bürgerthums in der Freisinnigkeit und dem Rechtsgefühle des Gastes sehr bald. Kaum hatte er sein »Felleisen«, eine politische Zeitung, die wir leider nicht gesehen, begonnen, als er über die Haltung derselben mit dem Verleger in Differenzen gerieth, welche schnell stadtkundig wurden. Wie über alle unsere modernen Begriffe unmeßbar die Engherzigkeit und Bornirtheit des süddeutschen Städtelebens, wie lächerlich und jammervoll dort der Geist der Bürgerschaft, können wir schon der constatirten Thatsache entnehmen, daß die Nördlinger sofort deshalb gegen ihn Partei ergriffen, weil er ein Fremder, blos Geduldeter sei, dem es nicht wohl anstehe, sich mit Eingesessenen zu überwerfen und gütlicher, nachgebender Ausgleichung mit diesen zu entziehen. Als er sich dann vollends mit dem Bürgermeister Tröltsch Damals noch nicht nebst seinen beiden Brüdern in den Freiherrnstand erhoben, sondern erst 1791. entzweite, der ihm trotz Abrathens von Augsburg her Domicil in Nördlingen verstattet hatte, da unterlag es gar keinem Zweifel mehr, daß Wekhrlin ein böser, unverträglicher Mensch sei, unwürdig des genossenen Schutzes. Uns hingegen ist es nichts Befremdliches, daß er die Stadt eine nasenlange Welt, die Bürger Cimmerier schalt, also mit jenem Volke verglich, bei dem es nach Plinius immer nebelig gewesen sein soll, und sie die Geißel seines Unwillens empfindlich fühlen ließ. Natürlich schnitt er sich damit die Wege zur Aussöhnung ab, ihn traf des Rathes Ausweisungsbefehl.

Ueberdrüssig aber einer Welt, deren gleißende Hohlheit und Erbärmlichkeit er hinreichend geschmeckt hatte, einer Umgebung, in welche sich sein unabhängiger, oppositioneller Sinn so wenig zu schicken vermochte, andererseits hoffend, »in der Landluft ein Mittel gegen eine Krankheit zu finden, wider welche weder Vipernsuppen noch Seifenpillen noch Assa fötida helfen,« von rheumatischen und anderen Schmerzen befreit zu werden, die ihn »mit verborgenen Schlingen verfolgten«, zog er sich (1778) nach Baldingen, einem fürstlich Oettingen-Wallersteinschen Dorfe in Nördlingens Nachbarschaft, zurück. Und hier, kürzlich aus dem väterlichen Vermögen zu einer Jahresrente von 400 Gulden gelangt, im Genusse einer schönen Natur, im Umgange mit seinen Büchern, Journalen und einigen gutherzigen Landleuten, sammelte sein Geist eigenthümliche Ideen über das Wesen der Religion, Staaten und Geschichte, welche er unter dem Schutze eines freisinnigen, charaktervesten und obgleich nicht mächtigen, dennoch, zumal in Wien und Berlin, hochangesehenen Landesherrn in freien Heften zu veröffentlichen sich entschloß. So entstanden die »Chronologen« (Frankfurt und Leipzig [Nürnb.] 1779-83, XII.), denen »Das graue Ungeheuer« (o. O. [Nürnberg] 1784-87, XII.), »Hyperboreische Briefe« (o. O. [Nürnberg] 1788-90, VI.) und »Paragrafen« (o. O. [Nürnb.] 1791, II.) folgten. Außerdem gab er in dieser Zeit noch heraus: »Ueber Wasers zweite Verurtheilung. Von einem Unbekannten« (o. O. [Nürnberg] 1781). Untergeschoben ist ihm: »Die Eremitage oder nichts ohne zureichenden Grund. Eine spanische Geschichte mit Wekhrlins Prolog« (Frankf. a. M. 1782) und das »Taschenbuch der Philosophie auf das Jahr 1783« (Nürnb. 1782): »Ich protestire gegen die mir aufgewälzte Autorschaft dieses Almanachs,« machte er bekannt, »nicht weil er von der gelehrten Mauth abgestriegelt worden, was mich wahrlich nicht abschrecken könnte, sondern weil ich nur einen sehr kleinen Beitrag dazu hergegeben habe. Für alles Uebrige ist ein Anderer verantwortlich, den ich aber nicht nenne, weil ich keine Erlaubniß dazu habe.«

 

III.

Inzwischen existirte Wekhrlin zu Baldingen in der ungezwungensten Weise.

                   

»Gleich fern von Dürftigkeit wie stolzem Ueberfluß,
Glückselig weil er's ist, nicht weil die Welt es wähnt,
Bringt Phanias in neidenswerther Ruh
Ein unbeneidet Leben zu,«

schreibt er von sich selbst an den Banquier von Strolendorf in Wien. Vergebens sprach man ihm von den verschiedensten Zeiten zu, in die große Welt zurückzukehren, er zog »die Schatten Tarent's dem Glanze Rom's« vor; vergebens stellte man ihm die lockendsten Anerbietungen:

                   

»Dieu fit la douce illusion
Pour les heureux sous du bel âge:
Pour les vieux sous l'ambition
Et la retraite pour le sage,«

versetzte er darauf. Es war ihm genug, von seinem »Dunkel« aus zahllose Gemüther mit bitterem Ernste und heiterem Spotte aus den Angeln zu heben, ungemein viel »Minister der Publicität« zu sein, und er hatte nichts weiter zu beklagen, als daß gerade die unschuldigsten Scheidemünzen seines Witzes fast immer die Wirkung vergifteter Pfeile hervorbrachten oder als solche verleumdet und verketzert wurden. Die Kirche des Dorfs besuchte er freilich blos, um die gehörte Predigt Abends vor den Bauern im Wirthshause zu kritisiren und zu persifliren, so daß, wie es in Nördlingen von Mund zu Mund ging, die Baldinger beinahe ohne Ausnahme sich allmälig in vollständige Freigeister umwandelten. Sonst, hieß es dort, pflege die Freigeisterei aus den Städten auf das Land zu wandern, hier dagegen ziehe sie vom Lande in die Stadt. Witzelnd und scherzend nannte er Baldingen sein Rittergut, denn er lebte ja dort wie ein Freiherr in des Wortes engster Bedeutung, und es machte ihm Vergnügen, gerade in Briefen an Edelleute zu sagen, er verbringe just alle Zeit auf seinem »Rittersitz«. So geschah es, daß manche Zuschrift an den »Ritter von Wekhrlin« adressirt einging. Hin und wieder bezeichnete er seine Heimstätte »Pathmus«, und mehr als einmal erfuhr er durch andere Hand, daß dieser und jener adelige Herr diesen Ort vergebens auf den Karten und in den geographischen Handbüchern über Deutschland gesucht hätte. Oft traf es sich, daß man den vermeintlichen Rittergutsbesitzer persönlich aufsuchte, und dann war man erstaunt in eine von allem Comfort entblößte Wohnung zu treten, wo kaum vier Menschen Platz fanden, und den ebenso berühmten als gefürchteten und gehaßten Bewohner, der mit demselben Gleichmuthe wechselsweise wie Aristipp und Diogenes, lucullisch und fastend, wie Epikur und der heilig gesprochene Landstreicher Rayner sein Dasein hinbrachte, in der nachlässigsten und armseligsten Kleidung zu erblicken: einen breitkrempigen Tyrolerhut auf dem Kopfe, um den Hals ein grobes Tuch locker umgeschlungen, enganliegende Beinkleider mit Strümpfen bis über das Knie, massive, nägelbeschlagene Schuhe mit vernutzten Bändern und einen völlig verschlissenen Rock. Waren die Besucher heimliche Gegner, entwarfen sie in der Regel die abschreckendste Schilderung von seinem faunischen und höhnischen Wesen; allgemein aber verschrie man jenen harmlosen Scherz als den Ausfluß der Prahlsucht und eines frechen Lügengeistes. Einige verglichen seine äußere Erscheinung mit einem Besen, worauf man hätte erwidern können, was Lady Berkeley zu ihrer Verwunderung eines Tages in Boyle's Meditationen las – der Schalk Swift hatte es hineinpracticirt –, daß gerade die schmutzigsten Hände einen Besen angriffen, und der schmutzigste Besen immer noch bestimmt sei andere Dinge zu fegen und zu reinigen. Uebrigens gehörte es zu Wekhrlin's Ergötzungen sich der beschriebenen Kleidung gerade dann zu bedienen, wenn ihm seine Magd »vornehme« Gäste anmeldete, gerade diese in einem bäurisch schmucklosen Gemach zu empfangen. Denn er entbehrte weder der feinen französischen Garderobe, noch glich sein Arbeitszimmer dem Aufenthalte eines Tagelöhners; doch nur Wenigen gestattete er den Zutritt zu letzterem.

Die Vormittage pflegte er gewöhnlich im Bett zuzubringen. Hier las er Bücher und Blätter, excerpirte markante Stellen, hier kam ihm der Impuls zur Arbeit, die literarische Begeisterung. Bisweilen, wird erzählt, producirte er während einer Woche nichts zum Drucke. Schlug aber die glückliche Stunde leichten Geistesflusses, so hatte er ein Heft in einer Zeit gefertigt, wo es Andere kaum zu lesen vermochten. Daß keine Störung im regelmäßigen Erscheinen seiner periodischen Schriften vorgefallen, wäre nach Schlichtegroll das Verdienst seines gelehrten Mitarbeiters gewesen, dessen Namen zu ermitteln dem rastlosen Nekrologenschreiber von Interesse erschien.

Durchblättert man indeß auch nur die Register der »Chronologen« und des »grauen Ungeheuers« – die der »hyperboreischen Briefe« lassen ohne den betreffenden Aufschluß und den »Paragrafen« hing er keines an –, so ist unbegreiflich, wie man jemals auf den Irrthum gerathen konnte, daß er blos Einen Mitarbeiter gehabt. Etliche sind namentlich aufgeführt, auf noch andere deuten jene zweifellos hin, und wir wissen nun aus seinem literarischen Nachlaß wie aus den Briefen von Personen, die engen Umgang mit ihm gepflogen, daß sich verhältnißgemäß viele Korrespondenten um ihn schaarten, nachdem er im 1. Stücke des 5. Bandes der »Chronologen« dazu aufgefordert: Correspondenten aus allen Ländern Europa's, deren begehrte Anonymität er in der gewissenhaftesten Weise wahrte, so daß er ihre Briefe größtentheils vernichtete, die zum Druck eingesandten Aufsätze aber, was auch Schlözer befolgte, eigenhändig abschrieb, um ihre Verfasser durch nichts zu verrathen. »Wenn man wüßte,« erklärte er einmal öffentlich, was seinen Biographen offenbar entgangen, »wer meine Mitarbeiter sind, so würden einige Herren der literarischen Marechaussee deren Artikel dreimal lesen und sich mit ihrem Urtheile zehnmal besinnen.«

Wir sind in der Lage eine ziemlich zahlreiche Mitarbeiterliste geben zu können, welche gleichwol keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben darf, vielleicht weit davon entfernt sein mag. Aeußere Rangordnung erfordert dabei, daß wir den Herzog Karl zu Sachsen-Meiningen vorauf nennen. Von ihm gingen durch dritte Hand zwei Beiträge zu Wekhrlin's Monatsschriften ein. Ihm anzureihen ist dann in alphabetischer Folge Bonaventura Andreß, Professor der Eloquenz und klassischen Literatur an der Universität Würzburg; der Dichter Karl Theodor Beck von Würzburg; Euphrosine Beck, dessen Gattin; der Hessen-Casselsche Legationssecretair Johann Wolfgang Brenk; Gottfried August Bürger; der geistreiche Biograph Sobiesky's, Abbé Coyet; Licentiat Georg Wilhelm Dachsberg in Frankfurt a. M.; Michael Denis; der Historiker von Dohm; der Ingolstädter Illuminat und Universitätsbibliothekar Anton Drexel; Joh. Georg Adam Forster; der berühmte und verdienstvolle Theaterprinzipal Großmann; der Oberprediger Herbig in Bernburg; Dr. J. C. G. König in Nürnberg; Abbé Letellier in Kehl; Georg Christoph Lichtenberg; Ferdinand Freiherr von Meggenhoffen, bairischer Regiments-Auditeur zu Burghausen; Johann Heinrich Merck; Johannes von Müller; C. F. W. Nopitsch, Musikdirector zu Nördlingen; Petermann; Gottlieb Jacob Planck; der berühmte Kantianer Karl Leonhard Reinhold; der Bischof Michael Sailer, damals noch in Dillingen, »die trotz aller erfahrenen Unbilden wohldenkendste und liebenswürdigste Menschenseele, welche Adam's Same trug«; der Pädagog Salzmann; J. A. Schlettwein; Schlözer; Freiherr von Schönemarck; Thevenin, »Secretair des Freiherrn von Rothenhahn zu Rentweinsdorf«; Moritz August von Thümmel; der Historiker Lorenz von Westenrieder, der in späteren Jahren in das Lager der politischen und religiösen Reaction überlief, und endlich der kühne Dichter Professor Andreas Zaupser in München. Diese sind von uns zuverlässig ermittelt.

Daß nicht Alle gleichmäßig thätig waren, bedarf übrigens keiner ausdrücklichen Erwähnung. Die meisten lieferten nur sogenannte Gelegenheitsartikel. Ständiger und sehr eifriger Beitragsspender war allein Reinhold; aus seiner Feder flossen die meisten philosophischen Aufsätze in den »hyperboreischen Briefen« und die »Bekenntnisse eines Freimaurers« in den »Paragrafen«.

 

IV.

Zehn Jahre vergingen, ohne daß sich etwas Wesentliches in Wekhrlin's Privatleben störend eindrängte. Zwar verbreiteten die Zeitungen im Jahre 1786 die Nachricht, er sei nach Wien abgeführt worden, um wegen einiger Zeilen seines »Ungeheuers« zur Verantwortung gezogen zu werden, worin ein Geheimniß des österreichischen Cabinets verrathen wäre; allein diese Nachricht war nichts als eine der vielen plumpen Lügen, welche Finsterlinge über ihn ausheckten. Unterdessen mußte ihm die benachbarte Stadt neuen Anlaß zu Spott und Zorn gegeben haben, denn plötzlich ließ er in Straßburg (1788) einen bittern Angriff gegen den Nördlinger Magistrat drucken und in einzelnen Packeten durch die Post an die Bürgerschaft versenden. Es ist schlechterdings unglaubhaft, daß er sich blos, wie behauptet worden, für die ihn unaufhörlich wurmende Unbill der erhaltenen Ausweisung habe revanchiren wollen. Dazu wartet ein Mann, den man der Rachsucht beschuldigt, nicht zehn Jahre, zumal das Mittel dasselbe war, was ihm ja gleich zu Gebote stand. Es sind unbedingt neue Motive vorauszusetzen: wir sagen vorauszusetzen, da wir von jenem Angriffe selber nichts kennen, noch anderwärts Positives finden. So gern, heißt es nun, der Magistrat die Sache unterdrückt und seinen ganzen Verkehr mit Wekhrlin durch dessen Verweisung als beendigt angesehen hätte, so laut forderten ihn Klugheit und die Art des Angriffs zur Ahndung auf. Denn nicht blos einige der angesehensten Personen der Stadt wären in dem Pamphlet empfindlich compromittirt, sondern auch die Bürgerschaft schier unverhüllt zur Empörung gegen ihre Obrigkeit aufgefordert worden. Der Rath ließ daher jenes Flugblatt öffentlich verbrennen und den Fürsten von Wallerstein bitten, den Verfasser in Untersuchung zu nehmen.

Voll Hochschätzung für Wekhrlin hatte der Fürst, »den die Liebe zu den Musen und alle Grazien des Geistes und des Herzens anbetenswerth machten«, wiederholt doch immer umsonst an ihn die dringendsten und schmeichelhaftesten Einladungen gerichtet, von Baldingen wegzuziehen und auf dem Oberamtsschlosse Hochhaus, »zwölf Meilen von Augsburg, eben so weit von Nürnberg und, was sehr zu beachten, im Mittelpunkte dieser Poststraßen gelegen«, als sein Gast zu leben. Jetzt benutzte der Fürst die Gelegenheit seinen Wunsch verwirklichen zu können: er ließ ihn verhaften, um ihn auf Hochhaus sofort in alle Freiheit der Bewegung und des Thuns wiederum einzusetzen, unter der einzigen Bedingung, sich nicht ohne seine Zustimmung von ihm zu trennen.

Obschon wir indeß nichts mit Bestimmtheit von dem Anlaß wissen, der Wekhrlin's Aufgebrachtheit gegen Nördlingen neue Nahrung lieh, so sind wir doch nicht ohne Vermuthungen, welche sich mit großer Wahrscheinlichkeit als die Quelle jener letzten Feindseligkeit darthun und zugleich ziemlich evident belegen, daß, wenn ihm die Stadtverweisung jemals irgend einen Kummer bereitet, er sie doch längst verschmerzt hatte. Es ist nichts weniger als überflüssig diesen Vermuthungen hier Raum zu gönnen: sie dienen zur Charakteristik der Zeit und Wekhrlin's.

Vieles haßte und verfolgte er mit der ätzenden Schärfe einer gründlichen Erbitterung, viele verdorbene Zustände traf seine zerfleischende Ironie; beständig aber saß er namentlich der Intoleranz auf den Fersen. Wie diese in allen Reichsstädten ihr Haupt mehr oder weniger erhob, so auch in Nördlingen, und wenn der Humanitätswächter zu Baldingen jahrelang gegen die breitspurige Unduldsamkeit des Nachbarorts geschwiegen, so erklärt sich dies aus seiner Maxime, alle Uebel vorzugsweise an ihren Hauptlagern aufzusuchen; und es erklärt, daß ihm jenes krähwinkelige Consilium abeundi nicht sehr zu Gemüth gegangen sein konnte. Als jedoch die Nördlinger Intoleranz von anderer Hand an den Pranger gestellt wurde, und letztere dafür in Schlözer's »Staatsanzeigen«, die bei aller verdienstvollen Freisinnigkeit so manchen Einseitigkeiten und Nichtsnutzigkeiten das Wort redeten, eine thatsachenverdrehende Züchtigung erdulden mußte, da schien ihm eine »Grausamkeit« verübt zu sein, welche einen Gegenschlag erheische, da schien es ihm nothwendig die Facta zu beleuchten, welche das Unrecht und die Bornirtheit der Nördlinger gegen ihre katholischen Einwohner, denen sie blos in der Woche, nicht aber Sonntags Gottesdienst gestatteten, unwiderleglich bestätigten. »Ich wohne«, rückte er in das 2. Heft des 5. Bandes seines »grauen Ungeheuers« (1785) ein, »in Nördlingen's Nachbarschaft. Seit sechs Jahren habe ich Gelegenheit seine Verfassung, seine Politik, seine Situation zu beobachten. Ich bekenne mich weder zu Baal noch Israel, meine Religion ist: Gott und die Duldung! Wenn ich mich also zwischen dem Ankläger und seinem Gegner in's Mittel schlage, so ist es nichts Anderes, als was man von mir zu erwarten berechtigt ist; wenn ich das Publicum in den wahren Hellpunkt zu setzen suche, so folge ich eben meinem Berufe. Allerdings, Nördlingen ist ein unbeträchtlicher Ort, sein Name kann keine sonderliche Aufmerksamkeit erregen; aber es handelt sich ernstlich um eine Frage des Menschenrechts.«

Die nun folgenden Details und deren Erörterungen, welche wir füglich bei Seite lassen, dürften den Nördlingern minder empfindlich gewesen sein, als gewisse Einflechtungen und die Schilderung zum Schlusse des betreffenden Artikels. »Vielleicht«, heißt es u. a., »ist es keine persönliche Leidenschaft, welche den heutigen Rath, oder die zwölf Bürger, die man so zu nennen beliebt, abhält die katholischen Kirchthüren zu öffnen. Imbecillität ist es. Sogar von der Bürgerschaft würde er keinen Vorwurf zu wagen haben; blos die Canaille, obschon das Evangelium, ihre Regimentsfahne, ausdrücklich spricht: Was Du willst, daß Dir die Leute thun sollen, das thue ihnen zuvor, – die Präceptoren, Schulmeister, Karrenschieber, Weiber u. s. w. würden vielleicht darüber schreien.« Und der Schluß: » Fuimus Tröes. Dies könnte man mit mehr Recht über die Thore zu Nördlingen setzen, als es vom deutschen Museum über Oettingen gesetzt wurde, Einst war ein Augenblick, wo Nördlingen's Horizont sich aufzuheitern begann. Als die Schöpperlin und die Thilo und ein Arzt Geßner existirten, damals schien das Licht vor den Thoren der Stadt zu stehen. Aber mit dem Tode dieser Männer Geßner lebte noch zu Rothenburg a. d. Tauber. ging es ganz wieder unter. Laßt sehen, wohin es ist: 25 Leser, 1 Schreiber und 2 Denker machen die Republik der Vernunft zu Nördlingen aus. Dabei ist kein Museum, keine Bibliothek, keine einzige literarische Hilfsquelle vorhanden. Es giebt zwar etwas, was man die Schulbibliothek nennt, sie ist aber in dem Zustande, in welchem Karl Martell die visigothische Bibliothek zu Rom fand. Zu Nördlingen hat man weder einen Geometer, noch einen Physiker, noch einen Maler, noch einen Sprachmeister, noch einen mechanischen Künstler. Die Stadt kennt kein Theater, keinen Club; selbst ein Kaffeehaus, der allgemeine Sammelpunkt vieler großen und kleinen Städte, fehlt. Es ist lediglich Nichts für den Geist gethan. Keine einzige Erfindung schreibt sich von Nördlingen her, kein einziges mechanisches Kunstwerk ist daraus hervorgegangen. Die Theologie ist vielleicht von würdigen Männern vertreten, aber sie ist ja nichts als Handwerk. Die Heilkunst besteht in einer Partie Aerzte, Apotheker und Bader, deren Symbol lautet: purgare et clystare! Die Rechtsgelehrsamkeit ist in den Händen zweier Procuratoren, die mit der Nähnadel auf dem Aermel plaidiren. Es existirt sicher zu Nördlingen nicht Ein Exemplar von Sulzer's Theorie: Büsching wird nicht über zweimal in der ganzen Stadt sein, Lessing und Engel höchstens einmal; dafür aber auch keine französische, keine englische, keine welsche Zeile. So erstaunlich ist die Unwissenheit zu Nördlingen, daß man einem Fremden nicht einmal die Stelle der berühmten gleichnamigen Schlacht mehr zeigen kann. Den noch berühmtern, lange vergeblich gesuchten Grabstein des Marschalls Marsillac, der in dieser Schlacht fiel, fand man unlängst an der Ecke eines Gerberladens, wo er zum Schweinetrog diente. Zwar ist ein Buchladen vorhanden, aber die Langeweile bringt ihn fast um. Ohne den Zuspruch der Fremden müßte der Besitzer verhungern; denn die Journal-Gesellschaft, welche seit einigen Monaten besteht, ist ein bloses Gevatterwerk. Und nach so langer Zeit, da der Mann seinen Mitbürgern Geld zutrug, war es endlich billig, auch ihm Etwas zu lösen zu geben. Er schlug eine Lesegesellschaft vor, und man ging darauf ein, theils par revanche, theils par air. Und in solchen Umständen will man sich noch über Andere erheben? Wenn Nördlingen erst die heilsamen Folgen der Toleranz begreifen gelernt, wenn sein Herz von den Regungen der Menschlichkeit, des Gesellschaftsrechts, der Brüderliebe durchdrungen ist; wenn es fähig ist, schönen Beispielen nachzufolgen, Gefühl für Ehre zu haben, mit Andern um Einsicht und Großmuth zu wetteifern: dann mag es von Aufklärung sprechen, dann werden wir ihm das Verdienst derselben nimmer streitig machen.«

In den beiden nächsten Jahren aber (1786/87) brachen Zwistigkeiten zwischen den Nördlingern und dem Fürsten von Wallerstein über gewisse beiderseits beanspruchte Gerechtsame aus, die einen starken Schriftenwechsel hervorriefen, Wekhrlin hingegen zur Veröffentlichung einer Deduction veranlaßten, welche streng objectiv aber schlagend die Unbegründetheit der Ansprüche der ersteren nachwies. Kaum jedoch war dies geschehen, als vom Nördlinger Rath eine fulminante Epistel an den Fürsten einging, welche das abschreckendste Conterfey von dem Verfasser jener Deduction entwarf und dessen Ausweisung aus dem Oettingschen Lande unmaßgeblich als heilsame Maßregel anrieth. Den Fürsten amüsirte es, Wekhrlin eine Abschrift davon übersenden zu lassen.

»Das ist der Trank für die Pille wegen der Intoleranz«, meinte der Oberamtmann auf Hochhaus, Freiherr v. Schönemarck. Und in der That wäre die maßlose Wuth jener kleinbürgerlichen Souveraine ob einer ruhigen, ja trocknen staatsrechtlichen Darlegung, trotzdem sie zu ihren Ungunsten resultirte, unverständlich ohne die Annahme, daß der obige Artikel ihnen eine Galle in die Köpfe getrieben, auf welche der geringfügigste Zusatz als vomisicum medicamen wirken mußte. Und diese Wirkung lediglich betrachten wir als die Ursache der Straßburger »Invective«.

Nicht also wie ein Gefangener, sondern als längstersehnter Gast sah sich Wekhrlin auf Hochhaus behandelt. Vier Jahre verlebte er im Wesentlichen dort unter schriftstellerischen Arbeiten, in vertrautem Umgange mit dem Fürsten und einigen aufgeklärten und ihm von jeher wohlgesinnten Männern, als der eben erwähnte Schönemarck, Hofrath Preu, Regierungspräsident von Ruesch, Superintendent Lang u. A., und in schärfster Beobachtung des Ganges der französischen Revolution, deren Hauptheerd er auf einige Wochen (1789) persönlich, betrat. Bis an das Ende seiner Tage gedachte er sein Stillleben fortzuführen. Dort, auf Hochhaus, wo er »erhaben über die Pfeile des Neides und der Kabale im seligen Genusse der Unabhängigkeit sein Held, sein eigner König« war, wollte er dem Tode in's Auge schauen. »Ehren, Würden, Güter,« ruft er, »eure Täuschungen lernte ich kennen; entschlossen entrann ich euren vergoldeten Ketten.« Er lobte sich sein Schicksal um so mehr, als er sich die Kunst angeeignet, seine Wünsche nach seinen Mitteln abzuwägen. »Die ihr unter euren schimmernden Dächern meiner Einfalt spottet, wißt, daß ich euch längst nimmer beneide. Mich verfolgt der Lebensekel, euer geschworner Feind, nicht. Ohne Furcht und ohne Unruhe sehe ich von Weitem in's Weltgetümmel; von diesem Bilde fliehe ich zu der Natur, und von der Natur zur Arbeit. Wenn es gefährlich ist, mit den Launen des Glücks zu leben, so ist's Weisheit, seine Touren und sein Spiel zu beobachten.« Zwar gefiel er sich oft im Erträumen einer besseren politischen Zukunft; »sooft ich aber«, schrieb er, »die Pflichten bei mir überlege, die ich der Vorsehung schuldig bin, so danke ich ihr doch, daß sie mein Leben in die letzte Periode des achtzehnten Jahrhunderts fallen ließ, um das Reich der Philosophie und Toleranz, wonach so viele tausend vergangene Geschlechter umsonst schmachteten, in der Ferne zu sehen; um die Morgenröthe der wahren Religion, der einzigen, ewigen, der allgemeinen Religion zu erblicken – der Religion der Natur; um ein Zeitgenosse Friedrich II. und Voltaire's zu sein; um einen Augenblick zu erleben, wo ein raisonnables Gefühl von Freiheit in ganz Europa erwacht, und ein Zeuge von dem Umschwunge in Frankreich zu sein, von wo aus der erste Nationalcodex und vielleicht die Anfangslinien zu einem wahren, der Gesellschaft anpassenden Gesetzsystem datiren dürften.«

Indeß die preußische Besitznahme der beiden Fürstenthümer in Franken und das blitzschnell in ihm auftauchende Project einer großen, von Ansbach aus zu bewerkstelligenden rein politischen Zeitung hieß ihn doch seine bisherige Existenz aufgeben, so dringend ihn sein hoher Protector und seine Freunde davon abmahnten. Er stellte sich dem Fürsten von Hardenberg vor, der seiner Thätigkeit alle Achtung zollte, bekam die Erlaubniß zur Ausführung des vorgelegten Planes, übertrug einem Ansbach'schen speculativen Gasthofsbesitzer Verlag und Spedition, und unternahm, mit beträchtlichem Vorschuß von diesem versehen, zum drittenmal eine Reise nach Straßburg und Paris, diesmal um geeignete Correspondenten zu gewinnen. Er kam zurück. Seine Freunde warnten ihn wiederholt, sie sahen in einem Momente der äußersten Erregung der Gemüther und der schroffsten Sonderung der Parteien die größten Verdrüßlichkeiten für ihn und keinen langen Bestand des Unternehmens voraus. Brachten ihn indeß die gutgemeinten Rathschläge nicht von der Sache ab, so bewirkten sie doch einen modificirten und moderirten Charakter derselben, und auch erst nach längerem Zaudern (im Juli 1792) begann er die Zeitung unter dem Titel: »Anspachische Blätter«, um sie wider Willen und Berechnung schon im October mit Nr. 34 zu schließen.

Das Vorhergesehene erfüllte sich in unvorhergesehener Weise. So lange er nämlich unter dem Schutze des preußischen Ministers stand, hatte es keiner seiner Gegner in Ansbach gewagt offen wider ihn hervorzutreten. Als dieser aber einstmals abwesend war, erscholl das lächerliche Gerücht, die Franzosen seien im Anmarsch, Wekhrlin, ein geheimer Jacobiner, habe die Stadt verrathen. Der aufgewiegelte Pöbel rottete sich zusammen, der Verdächtigte, kaum vor Mißhandlungen zu schützen, erhielt Stubenarrest, und alle seine Papiere wurden in Beschlag genommen, um der strengsten Untersuchung als Unterlage zu dienen. Sie erwies sich vollkommen gegenstandslos. Gram und Zorn aber bemeisterten sich seiner über diese Vorgänge, er verfiel in Krankheit und erlag ihr rasch am 24. November 1792. Seine letzten Stunden waren mit trüben Betrachtungen über Deutschland erfüllt. Sonst aber sah er lächelnd dem Augenblick entgegen, »wo der Vorhang über die Farce, welche man Leben nennt, fällt.« Zwei Geistliche gedachten ihm durch religiösen Zuspruch das Sterben zu erleichtern. »Wenn sie das wollen,« antwortete er, »so mögen sie mich mit ihrem Besuche nur verschonen.«

» Non habuit unde efferetur.« Fürst Hardenberg ließ ihn daher auf seine Kosten bestatten und geleitete ihn auch auf seinem letzten Gange. Nicht in aller Stille ward er beerdigt, wie ein Journal jener Tage meldete, sondern unter dem Zudrange fast der ganzen Bevölkerung von Ansbach. Nur die große, damals modische Lüge der Ablesung eines von allen Tugenden strotzenden, von keinem Makel getrübten Lebenslaufes unterblieb an seiner Gruft, da ein Geistlicher, der dies Geschäft zu verrichten hatte, an derselben nicht stand.

Fürst Ludwig von Wallerstein errichtete ihm eine Bildsäule im Parke zu Hochhaus, aber sie ist untergegangen; Fürst Hardenberg stiftete ihm einen Grabstein, aber er ist längst verwittert.

 

V.

Nach der Schilderung von Zeitgenossen, wobei wir jedoch die regierenden Herren des Cantons Glarus, die, wie wir unten sehen werden, eine sehr absurde Beschreibung seiner Persönlichkeit in die Welt sandten, nicht im Sinne haben, war Wekhrlin eine fast hohe, imposante, in den letzten Jahren etwas starkbeleibte Erscheinung mit sokratischer Kopf- und Gesichtsbildung, ruhigen, durchdringenden Auges, dessen Glanz einen eigenthümlichen Schein über ein stereotypes Lächeln breitete, in welchem die Einen Gutmüthigkeit, die Andern Sarkasmus, noch Andere selbstbewußte Ueberlegenheit lasen, und von jener hofmännischen Geschmeidigkeit, die auf den Mann von Weltbildung immer Anziehungskraft ausübt. Brustbilder von ihm in Bock und Moser's »Sammlung von Bildnissen« und im 1. Bande der »Reisenden für Länder- und Völkerkunde« (1788) von Küfner in punktirter Manier nach Schweigländer. Beide sollen aber in der Aehnlichkeit zu wünschen übrig lassen. Wir selber sahen diese Bilder nicht. Als allseitig unterrichteter Gesellschafter und hinreißender Erzähler wäre er dann vollends aller Kreise versichert gewesen. Aber die Menge seiner Fehler und Unarten, die er zum Theil bisweilen dergestalt verborgen, daß auch der schärfste Prüfer an ihm zu Schanden geworden, hätte schnell die ersten bezwingenden Eindrücke wieder aufgehoben.

Im Vorigen schon streiften wir unvermeidlich an die Licht- und Schattenseiten seines individuellen Verhaltens. Es gilt jetzt der näheren oder ergänzenden Beschauung der wesentlichsten derselben.

Wahr, sein Leben bietet so Manches dar, was sich eben nicht zur Nachahmung empfiehlt; jeder große geniale Mann aber ist in der Realität oft klein, hat mancherlei Schwächen und Gebrechen, ist niedrigen Regungen unterworfen, mehr als der hausbackene Verstand, und Wekhrlin wollte nichts weniger als Andern ein Sittenmuster sein. Allein die beschränkte Menge will der anderartigen Erkenntniß des Genie's, der ideellen Größe nicht blos keine Concessionen machen, sie verlangt sogar von dem Sänger einer Messiade, daß er selber ein Messias sei, und schilt ihn einen Judas, wenn er es nicht ist. Eben so wahr ist indeß auch, daß Wekhrlin Tugenden besaß, an denen das Beurtheilungsvermögen der gemeinen Weltleute oder Philister ebenfalls fehl ging, Tugenden, welche in solchem Umfange zu bethätigen wiederum nur der geniale Mensch vermag.

Wekhrlin bekennt selber, in frühern Jahren der Liebe und dem Wein zu freigebig geopfert zu haben. »Es giebt keine wahre Philosophie ohne den Genuß des Vergnügens,« rief er, aber es ward Zeit, daß er seinen Leidenschaften Einhalt gebot, denn wenn auch die Götter die Wollust für den Weisen geschaffen, so gäbe es doch eine Hefe, welche nur Narren »söffen«. Schon fühlte er, daß er die Grenze überschritten, für »die Göttlichkeit der Liebe« abstumpfe; und statt »der Scherze und jener heitern Genien,« in deren Umgange sein Leben sonst hingeflossen, besuchten ihn »Kopfweh, Fieber, Rheumatismus und das ganze Gefolge des Spleens.« Das klagte er im Alter von 36 Jahren. Darum ward er jedoch weder Hypochonder noch Enkratit. Mit der größten Ruhe und Heiterkeit ertrug er die Leiden, womit Bacchus und Venus ihre allzueifrigen Verehrer strafen; und wenn er zur Entledigung derselben nur selten noch Libationen darbrachte, in zäher Willenskräftigkeit strenge Diät beobachtete, so war, obgleich fern von aller platonischen Schwärmerei und romantischen Duselei, seiner geistigen Unermüdlichkeit die Liebe doch eine zu unentbehrliche Anregung, als daß er mit einer stetigen Sinnennüchternheit sich hätte befreunden können. »Wirst du nicht aufhören, Plagegeist?« personificirte er in jenen Tagen den ihn quälenden Husten. »Warum zu mir? Giebt's nicht Stubenhocker, Menschenfeinde und faule Bäuche genug, die dir abwarten können? Warum zu mir, der Arbeit und freie Luft liebt? Oder bist du etwa mit meinem Arzt einverstanden? Der Barbar! Er verdammt mich zum Thee – nicht zum Burgunder. So sind sie, diese Henker: sie müssen ihre Grausamkeit selbst dann zeigen, wenn sie uns das Leben lassen. Noch mehr: ich soll Nanchen meiden, so lange er dich bei mir einlogirt hat. Seid ihr klug, ihr Beide? Ich – acht Tage ohne Kuß leben! Ihr irrt euch. Allen Katarrhen und der Hektik selbst zum Trotz gehe ich aus und suche mein Mädchen auf. Ich werde sie in die Laube führen, die diesen Sommer für uns grünt, dort werde ich mich über euch lustig machen. Wie: indem Andere küssen und trinken, soll ich fasten? Indem der Mond strahlt, soll ich die Nacht hindurch in meinem Bette liegen, just so traurig wie ein Ehemann neben seinem Weibe? Nein, grausame Furie. Flieh hin und besuche meinetwegen jenen Prälaten. Er hat nichts zu thun als dir abzuwarten. Während er seine Schachpartie spielt, kannst du ihn ruhig quälen. Setze dich in die Schlafhaube seiner Nachbarin, der Frau Pfarrerin, die kein Gefühl für Freude hat. Von dir ungehindert, kann sie ihre Hühner füttern und ihre Mägde auszanken. Oder geh zu Orbil, der nicht weiß was mit seiner Zeit anzufangen. Du wirst ihm zur Unterhaltung dienen. Mich aber verschone – mich, der ich das Vergnügen liebe, mich, der trinken und küssen kann. Gönnt mir diesen Becher, ihr Beide. Ich verspreche, ihn auf das Leben der Medicin zu leeren. Ja, an den rothen Lippen und dem blühenden Busen Nanchens will ich der Gesundheit eine Lobrede halten. Soll mir aber weder vom Doctor noch Katarrh Gnade beschieden sein, ach, so gewährt mir, Grausame, gewährt mir die Bitte, daß der Eine ohne den Andern zu mir komme.«

Die hier Genannte kehrt vornehmlich in seinen Briefen aus den Jahren 1778 bis 1788 so oft wieder, daß wir wol nicht irren, wenn wir annehmen, daß sie während seines Baldinger Aufenthalts seine beständige Geliebte gewesen. Näheres fehlt jedoch über sie. Eben so herrscht über etwaige Verbindungen dieser Art aus den letzten vier Jahren, in denen er sich »einer seltenen Gesundheit der Nerven« erfreute, gänzliches Schweigen. Zur Ehe entschloß er sich nie, so hoch er diese hielt, so ersprießlich, ja vernünftig er eine Besteuerung aller Hagestolzen erachtete, um arme Mädchen damit auszustatten und die Heirathen in den sogenannten arbeitenden Klassen zu mehren. Aber nur einmal hatte er eine Liebschaft von so langer Dauer, er bedurfte, wie das bei seinem Naturell erklärlich, der Abwechselung; doch finden wir nirgend einen Nachweis, daß er, wie seine Feinde wollten, seine galanten Abenteuer auch unter den Priesterinnen der Venus vulgiviva, bestanden hätte. Wenn er die »Freudenmädchen« gegen den Rigorismus einer altväterischen Begriffsdumpfheit, gegen brutale Kleinmeisterei und widersprüchliche Polizeimaßregelei in Schutz nahm, so verstand er darunter nicht jene elenden Dirnen, welche aus der geschlechtlichen Hingabe ein liebeleeres aber möglichst einträgliches Gewerbe machen, sondern lediglich jene Klasse von Mädchen, die einzig der Befriedigung ihrer sinnlichen Triebe nachhängen, ohne sie zum Lebensunterhalt auszunutzen, eine Klasse, welche er unter den Pariser Grisetten zahlreich vertreten gefunden. »Diese«, sagt er, »sind keine so verächtlichen Geschöpfe als ihr denkt. Die Wollust ist allerdings das verzogene Kind der Natur, aber wisst, daß ihr die Gesellschaft bisweilen mehr zu danken hat als eure Tugend. Und so lange eure Gesellschaft noch so beschaffen ist, daß Menschen gezwungen sind im Cölibat zu leben, so lange wird und muß es Freudenmädchen aller Art geben.« »Hurkinder«, wendet er bei einer andern Gelegenheit ein, »nennt ihr die Kinder der Liebe! Warum nennt ihr sie nicht richtiger Gesellschaftskinder, Vaterlandskinder?« Sein Cynismus habe sich die öffentliche Vertheidigung der Bordelle erlaubt, plauderten die Allerweltsklätscher. Wo? fragen wir; man zeige uns die Stelle! Gerade umgekehrt! »Die Gesellschaft«, heißt es bei ihm, »leidet an unheilbaren Krankheiten, und da muß man wenigstens Palliative gebrauchen. Für ein solches hält man auch die Bordelle. Allein sie taugen gar nichts. Anstatt zur Bequemlichkeit, zur Vermittelung, zur Zerstreuung des Vergnügens zu dienen, führen sie zum Ekel, zur Ausschweifung und Entkräftung. Jedes Bordell ist eine Schule wenn nicht für's Zuchthaus, so doch für's Lazareth. Weg mit ihnen! Bis auf die Grundsteine bauet sie ab!«

Weil aber die Einrichtungen des Staats und der bürgerlichen Gesellschaft eine Enthaltsamkeit auferlegen, welche die Natur nicht verträgt, so daß sie sich auf unerlaubte und illegale Weise zu ihrem Rechte verhilft, folglich doch ein Palliativ unvermeidlich wird, macht er zur Verhütung immer weiter um sich greifender Entsittlichung und Entnervung einen Vorschlag, der in abstracto ziemlich beifallswerth erscheint, aber in der Verwirklichung so außer allem Zweifel dieselben Nebel, dasselbe Verderben fördern würde, die er zu beseitigen oder wenigstens in Schranken zu halten bestimmt ist, daß wir kaum glauben können, es sei einem hellsichtigen Kopfe wie Wekhrlin damit voller Ernst gewesen.

»Wir errichten«, sagt er nämlich, »Arbeitshäuser, Findelhäuser, Geburtshäuser, Heilhäuser, mit einem Worte Zufluchtshäuser für alle Bedürfnisse des Lebens: laßt uns ein Bevölkerungshaus daneben stellen – ein Haus, wo unter dem Schatten einer weisen Polizei die Liebe das ungekränkte Recht einer feinen und honneten Herrschaft auszuüben möge. Man sieht, wohin ich ziele. Ein Tempel der Grazien und des Geschmacks müßte es sein, mitten im Haine der Geheimnisse errichtet: ein den schönsten unter den animalischen Functionen der Gesellschaft gewidmetes Heiligthum, ein dem Staate geweihtes Institut, ein Asyl für isolirte Herzen, leidende Ehemänner und Frauen, für die gereinigten Freuden des Lebens, für überdrüßige Wittwer und schmachtende Wittwen, eine Vorbereitungsschule für angehende Eheleute, eine Akademie der Sitten und des Vergnügens – eine Menschenfabrik – ein Bevölkerungshaus – wie ihr's immer nennen wollt. Hier müßte der empfindsame und gesellige Mensch eine Freiheit finden, in der Stille dem Vergnügen zu opfern; hier müßte der Bürger sich unter dem Schutze des Staats den Freuden des Gebens überlassen, sein Dasein vervielfältigen und also den Pflichten der Natur und der Menschheit huldigen können. Der in mißvergnügter Ehe lebende Mann oder die mit einem kränkelnden Gatten gestrafte Frau müßten hier Gelegenheit antreffen sich mit dem Schicksale wieder auszusöhnen; der kräftige Jüngling, der unfreiwillige Hahnrei müßten eine Garantie gegen die Krankheiten der Enthaltsamkeit finden. Ohne Zweifel müßte das Laster, das über den Anblick unseres Instituts erblassen würde, mit allen seinen Gefährten der Lüderlichkeit, der Ausschweifung, dem Taumel, der Päderastie, der Lustseuche u. s. w. fliehen und dem wahren Genuß das Feld überlassen. – Sollte es ein Paradox sein zu behaupten, daß eine solche Anstalt unter gehöriger Einrichtung eine Pflanzschule der Sitten und Bevölkerung werden könnte? Sage ich zu viel, wenn ich glaube, daß ein öffentlicher Tempel der Liebe, wo nur Delicatesse und Geschmack Gesetze gäben, der Debauche aber gänzlich die Thüre verschlossen wäre, eine Anstalt geben könnte, Ehen zu stiften, glückliche Sympathien und Verbindungen zu erwecken, den Cölibat zu verekeln und wohldenkende Bürger zu bilden?«

Schon in dem Tone dieses originellen, übrigens unausgedachten, blos hingeworfenen Planes, meinen wir, liegt etwas, das ihn als halbe Ironie vorstellt, uns glauben macht, der Erfinder habe bei sich selber die guten Erfolge desselben bezweifelt.

Auch zieht er unsers Erachtens diesen Vorschlag damit wieder zurück, daß er späterhin bei der Betrachtung des Wesens der Ehe vollsten Ernstes anstatt der Monogamie die facultative Polygamie verlangt, und in überraschender Weise zur Begründung dieser Forderung Ansichten entwickelt, welche sich nachmals in den Doctrinen der Communisten, mit denen er sonst nicht das Mindeste gemein hat, wiederfinden und ihren Niederhalt noch in neuester Zeit erhielten. Nicht ist es die Polygamie, wie sie sich in den Anfängen des Völkerlebens zeigt und im Orient fortdauert, welche Wekhrlin meint, und nicht durch einen Beschluß oder ein Gesetz will er sie eingeführt wissen: es ist Polygamie und Monogamie in reiner Form und neuem Charakter zugleich, und dahin werde sich die Ehe in Zukunft wahrhaft menschenwürdig von selbst gestalten und endlich die geschlechtlichen Verhältnisse von allem ihnen anklebenden Schmutze befreien. Nur wird es bei ihm nicht recht klar, wie diese neue Ehe, welche eines und das Andere zugleich sein soll, bei der Freiheit der Individuen und ihren Qualitäten an der Klippe der Polyandrie ungefährdet vorüber soll.

Daß Wekhrlin aber die Liebe kein bloses vulgäres Sinnenbedürfniß war und noch weniger in Verirrungen eines Gefühlsmysticismus bestand, vielmehr ein seinen Geist erholendes und doch in Bewegung erhaltendes Moment, das geht aus zahlreichen Stellen seiner gedruckten Schriften und Briefe ganz unzweideutig hervor, selbst aus der schlüpfrigen Schilderung seines Besuchs einer Kirmes (Paragraphen I, 193 ff.), dem einzigen obscönen Stück seiner Werke. Das geht endlich aus seinem zum öftern manifestirten Widerwillen gegen alle Sentimentalität hervor. So schalt er den »Siegwart« eine Dummheit, »Werther's Leiden« eine sehr schädliche Plattitüde, ohne des Verfassers Genius zu verkennen. So widerten ihn auch die Liebeslieder der »Starkgeister« an und besonders die Idyllendichter. »Es giebt,« schrieb er, »keine silbernen Bäche und keine goldenen Aehren; die Wolken sind nimmer aus Purpur gewebt, und nie tröpfelte Ambra von einem Rosenstrauch. Alles das sind Jämmerlichkeiten. Aber es giebt Wolken, Fluren und Quellen von namenlosem Reiz. Mehr als einmal bemühte ich mich die Dichter mit der Natur zu vereinigen. Diese Leute haben aber so wie die Theologen das Unglück immer entweder unter oder über ihr zu sein. Ich nehme bisweilen Spenser, Kleist oder Virgil mit in's Feld. Wie schwach, wie geziert finde ich sie indeß gegen die Natur. Ich werfe sie dann weg, kreuze die Arme und rufe mit Lessing aus: Natur, Natur, wie groß bist du! Noch kein Dichter, von Theokrit an bis auf den Abbé de Lille hat sie getroffen. Ich entzweie mich deswegen gemeiniglich mit ihnen auf meinen ländlichen Wanderungen.« Und so erkennt man denn die arge Leichtfertigkeit, mit welcher leider neun Zehntel aller Menschen, der schreibenden wie blos lesenden, in Fragen der Moralität bei der Hand sind, ihn einen Sclaven der Sinnlichkeit, einen durch lüderliche Sitten an Gesundheit und Geist zerrütteten Menschen zu nennen und mit Naturen wie Günther, Bürger, Schubart und diesen Aehnlichen, besonders mit letzterem zu vergleichen, mit einem Manne, dessen Ausschweifungen grenzenlose und permanente waren, dessen Charakter ein absolut sittlich unfreier und unsteter, dessen Ueberzeugungen und Bestrebungen ohne Consequenz und Treue, dessen ganzes Dasein ein zerklüftetes. Nein, bei allem Libertinismus, dem Wekhrlin huldigte, hielt er sich doch von dem Schmutze und der Gemeinheit eines Schubart fern, er ist durch Einheitlichkeit der Lebensanschauung und Bildung noch erträglich, es ist in seiner Lüderlichkeit noch Besonnenheit, ja Idealität. Und als er, niemals willenloser Spielball seiner Leidenschaften, die Fehler seines Wandels berichtigte, da eben erst begann seine geistige Größe und seine Bedeutung für Deutschland.

Begründet ist dagegen der Vorwurf, daß Wekhrlin im geselligen Verkehr nicht immer die nöthige Herrschaft über seine Worte übte, daß er vornehmlich seinem Hange zur Satire allzusehr nachgab, darin eine Schwachheit an den Tag legte, die ihm die empfindlichen und beschränkten Leute um ihn her als ein Laster deuteten, das in Bosheit und Rachsucht wurzele. Aber, sagt der »Eremit in der Dorftenne« – wie er sich in einigen Briefen unterzeichnete – »ich würde unglücklich sein, wenn ich Jemand Ursache gegeben hätte, mit Recht an meinem Herzen zu zweifeln. Auf meinem ganzen Wege durch die Welt habe ich es immer rein erhalten; und so oft ich so unglücklich war, meine Freunde durch die Fehler meines Verstandes zu beleidigen, erwarb mir der Charakter meines Herzens ihre Verzeihung.« Andermals: »Bei einer Menge Fehler meines Verstandes muß man mir wenigstens ein ehrliches, zur Freundschaft gestimmtes Herz lassen. Wie sollte mich nun Bosheit beseelen? Wie sollte es irgend mein Vorsatz sein können, Jemand um seine Ruhe, um ein Gut zu bringen, das ich ihm nicht zu ersetzen wüßte und gleichwol unentbehrlich für ihn halte?« Wiederholt betheuert er: »Der Himmel weiß, daß mein Gewissen auch von aller literarischen Bosheit rein ist.« Und in der That ist uns kein Schriftsteller bekannt, der selbst den übelwollendsten und unvernünftigsten Kritikern solche Ruhe, solchen Gleichmuth entgegengesetzt hätte.

Als zwei der vermeintlich schlagendsten Beweise seiner Bosheit und Rachsucht hat man sein Verhalten in dem unfreiwilligen Rencontre mit den regierenden Herren zu Glarus und die Veröffentlichung eines Pseudo-Schubart'schen Briefes sammt Beilage bezeichnet. Doch gerade Diejenigen, welche so sehr auf den ersterwähnten Zusammenstoß pochen, sind am schlechtesten davon unterrichtet, und überhaupt sind die interessanten Details desselben so wenig bekannt, daß es sich lohnt ihrer hier in angemessener Kürze zu gedenken.

Im Jahre 1782 hatte der reformirte Magistrat des genannten Cantons eine Magd Namens Anna Göldin als Hexe einziehen, foltern und endlich hinrichten lassen. Wekhrlin nahm eine Darstellung dieses Prozesses in den 10. Band seiner »Chronologen« auf, und knüpfte daran die Apostrophe, wie sehr ein Volk zu bedauern sei, dessen Leben in den Händen solcher Richter wäre, wo solche »schandvolle Auftritte« noch stattfinden könnten. Fünf Monate darauf zeigte die Wallersteinsche Regierung dem Herausgeber an, daß eine Aufforderung vom Rathe zu Glarus eingetroffen sei, ihn zur Angabe des Einsenders jenes Artikels anzuhalten. Die Zumuthung ward aber mit dem Bemerken abgelehnt, man möchte erst die Unwahrheit der angegebenen Thatsachen beweisen, und die Regierung fand dies in der Ordnung. Darauf erging von der Rathsversammlung zu Glarus eine Ladung an Wekhrlin, sich »Dienstags den 15. Heumonats neuerer Zeit persönlich zu stellen, um gewärtig zu sein, was Urtheil und Recht geben wird.« Natürlich war der Geladene kein Tollhäusler, und so blieb er zurück von der Schranke, wo Kläger und Richter in Einer Person saßen. »Ich war eben im Begriff«, erzählt er, »die Ladung zu beantworten, als sich ein Fremder bei mir melden ließ. Ein freundliches, bürgerliches Wesen erschien, welches zum Ueberfluß versicherte, daß er ein rechtlicher Mann und Käsehändler vom Freiflecken Glarus wäre. Ich empfing ihn mit Offenheit. ›Mein Herr‹, sagte er ungefähr, ›Sie können mich und meine Mitbürger glücklich machen. Ihre Nachricht vom Göldinschen Malefizprozeß erregt Gährung im Publicum. Das Volk will wissen, was es für eine Obrigkeit habe. Ich bin von gewisser Hand beauftragt, Ihnen sechs Dublonen, und wenn es nöthig ist mehr anzubieten, wenn Sie uns in Ihre Correspondenz einweihen.‹ Ich lächelte. Plötzlich aber fiel mir die Idee ein, ob sich dieser Umstand nicht benutzen ließe, um auf die Schwächen meiner Gegner einen desto stärkern Schatten zu werfen. Ich schmeichelte mir, wenn ich meiner Regierung einen Beweis vorlegen könnte, daß man sich auf Corruption lege, während man noch Unterhandlungen mit ihr pflege, so müßte sie von der Unwürdigkeit der Magistratur zu Glarus desto mehr überzeugt sein. Allein ich wohne auf dem Dorfe; ich lebe isolirt; ich hatte kein geeignetes Subject zur Hand, um zum Zeugen der mir gemachten Proposition zu dienen. Ich erwiderte also Herrn Joachim Legler et Comp. (so gab er mir seine Adresse an), daß ich nicht ungeneigt sei ihm zu dienen, nur müßte er mir bis morgen Zeit geben, weil ich die fraglichen Papiere einige Meilen weit versendet hätte. Er schien es sich, wiewol mit Zwang, gefallen zu lassen. Er hätte aber gewünscht, das Geschäft auf der Stelle abschließen zu können, weswegen er auf zwölf Dublonen stieg. Allein ich blieb consequent, und so schieden wir von einander. Vergebens schmachteten ich und der Freund, den ich zum Frühstück gebeten, nach Herrn Legler et Comp. Er war verschwunden; blos aus dem Gasthofe erhielt ich die Botschaft, er wäre abgereist und würde mich das Weitere schriftlich wissen lassen. Hieraus erwuchs ein kleiner Briefwechsel zwischen mir und dem Manne, der von beiden Seiten mit der äußersten Verstellung und Falschheit geführt wurde. Kurz, mein Vogel war entwischt und alle Lockspeise vergebens. Wirklich scheint es, das Ministerium von Glarus habe nur gewartet, was dies Negotium für eine Wendung nehme; denn sobald es aufgegeben, erschien ein neues Schreiben an die Regierung meines Horizonts, worin es u. A. wörtlich heißt: ›Uebrigens mußten Wir uns sehr wundern, daß W. von Uns einen Legitimationsact Processus fordern darf, über einen Fall, den Wir als eine souveraine Obrigkeit bei Eiden beurtheilt, und dafür Niemand als Gott Rechenschaft zu geben haben; stellen Uns aber wohl vor, daß er solches nur zur Deckung seiner Ausschweifungen anzubegehren versucht habe, hoffentlich sich wohl einbildende, daß Wir als Obrigkeit gegen ihn Uns nicht so niederträchtig stellen, und ihm Rechenschaft von Unsern Handlungen abgeben werden, wie Wir auch seine beigefügte Anerbietung, solchenfalls den Namen seines Correspondenten in seinen Blättern zu publiciren, nicht verlangen, noch Uns um seine Recaution bewerben. Unsere Beschwerde ist einzig über die Kühnheit des W. Sein übriges Geschmiere, worein er die Sache kleidet, kommt uns gleichgiltig und lächerlich vor.‹ Auf's Nachdrücklichste wird schließlich wiederholt: ›Wofern er sich noch weigern sollte, seinen Einsender anzugeben, so werden Wir ihn für den Urheber dieser schimpflich ausgestreuten S. V. Lügen halten, und ersuchen Unsere etc. dem W. gerichtlichen intimiren zu lassen, sich auf den 19. kommenden Monats August auf Unserm Rathhause zu stellen, in nicht erscheinendem Fall aber zu erwarten, was Urtheil und Recht über ihn erkennen wird.«

Dies Schreiben ist vom 26. Juni 1783; vierzehn Tage vorher aber war vom hohen Rathe zu Glarus beschlossen worden, das betreffende Heft der Chronologen durch Henkershand öffentlich verbrennen zu lassen. Und der ganzen Frechheit und Dummheit der souverainen Herrlein setzte Wekhrlin nichts weiter entgegen, als daß er, von jenem Beschlusse heimlich benachrichtigt, dem Landschreiber der Republik, Melchior Kubli, alsbald seine Silhouette übersandte mit der Bitte, sie oben auf den Scheiterhaufen zu legen, »um so das Festin zu vollenden und zu verherrlichen.« Dieser Scherz mag jedoch nicht wenig zur Steigerung der Wuth gegen ihn beigetragen haben, denn am 20. Dezember 1783, nachdem sich die Wallersteinsche Regierung jede fernere Insinuation der Glarner in dieser Angelegenheit entschieden verbeten hatte, veröffentlichte die » Chancellerie de Glaris« folgenden ridicülen Steckbrief in der »Berner Zeitung«.

» Anna Goeldin ayant été jugée et condamnée par LL. EE. et executée le 13. Juin 1783, après une procedure criminelle; Ludwig Wehrlin de la Jurisdiction du Prince de Wallenstein, manquant indignement à tout respét envers le Souverain a eu l'audace d'inserer dans sa chronologie un libelle atroce faux et calomnieux contre la dite sentence. Il a été cité plusieurs fois et n'a point comparu. Cet infame libelle a donc été brulé le 1. de ce mois par la main de bourreau. Et on prie tous les cantons confédéres de faire saisir le dit Wehrlin par tout oû il pourrait l'être. Leurs Excellences donneront cent écus neufs à quiconque le livrera à la justice. Le dit Ludwig Wehrlin est agé de 30 ans, visage pâle et maigre, taille petite, jambes minces, et en général la figure très désagreable. Donne le 2. Dec. 1783.«

Auch dieser letzte Schritt weckte nichts weniger als Wekhrlin's Zorn, im Gegentheil seinen Humor. Er druckte den Steckbrief in seinem »grauen Ungeheuer« (Aprilheft 1784) ab, und begnügte sich zu foppen, daß die »Grausamkeit« der Souveräne von Glarus gegen ihn nicht darin bestehe, daß man ihn vogelfrei erkläre und seinen Kopf taxire – ein Erfolg von ungemeiner Seltenheit, da nur wenige Schriftsteller zu sagen vermöchten, was sie werth wären –, sondern daß die dortigen »Cabinetsmaler« ihn um allen Credit bei dem schönen Geschlechte zu bringen versuchten, und mit einer solchen Figur, wie er in dem Signalement hingestellt worden, ihm sicherlich »in den Melkstuben der Schweizer-Cantone das Glück der Liebe nie lächeln würde.«

Um nun auf Schubart zu kommen, so erinnern wir uns aus seiner Selbstbiographie nicht, daß er bis zum Jahre 1787 in irgend eine Beziehung zu Wekhrlin getreten wäre, und auch in dessen Schriften und hinterlassenen Papieren, so viele der letzteren uns zur Einsicht vorgelegen, führt keine Spur auf eine literarische oder persönliche Anknüpfung des einen oder des anderen. Denn das im 11. Bande der »Chronologen« enthaltene Gedicht: »Ein Familienstück. Reliquie von Schubart« war bereits anderwärts gedruckt. Eben aber mit der Redaction des ersten Heftes der »hyperbolischen Briefe« beschäftigt, erhielt deren Herausgeber von Stuttgart aus einen Beitrag, den er sofort noch aufnahm, und zwar, wie es ausdrücklich gewünscht wurde, unter der Aufschrift: »Fenrik der Barde an's Ungeheuer«. Dieser Beitrag bestand aus zwei Zuschriften; die eine an den Herausgeber jener Briefe gerichtet und mit dem Namen Schubart unterzeichnet, die andere an den unglücklichen Dichter – eine aus Frankfurt a. M. datirte anonyme Verunglimpfung der gemeinsten Art, charakteristisch für eine gewisse Klasse von Menschen, welche wol niemals aussterben wird. Die erstere lautet:

»Dir, tausendäugiges Ungeheuer, sei's geklagt, wie man mit einem rechtlichen Schriftsteller umgeht. Hast so manches Unbild gerügt, so manchen Erdensohn unter den Schutz deiner scharfgestählten Klaue genommen; solltest du Germaniens drangvollstem Barden minder wohlwollen? Nimm – und lies! Dies verdient man, wenn man unter Deutschen mit hohem Muth Wahrheit kündet, sich bemüht, mit genialischer Flugkraft den Pöbel der Zeitungsschreiber zu überholen. Staunst? Knirschest mit den Zahnen? Sträubst deine keilschwangere Mähne, um den Frevler zu nußknacken? Halt ein, edles Thier? Verschonung dem Elenden! Laß mich die Beleidigung meiner Feinde im Christussinne nehmen. Genug sei, wenn du das Schandblatt vor Deutschlands Publicum öffentlich annagelst, auf daß es für den Verfasser erröthe und über ihn ausspucke. Weiß, daß du's thust. Bin ja auch ein Schwabe, und du ein so biederes, vaterländisches Thier. – Du aber, fernsehender Phoibos-Kronos, wende dein lichtbestrahltes Auge von dem Anblicke hinweg, daß sich Tuiskon's Söhne untereinander schimpfen wie Häringsweiber.«

Die Schmutzepistel aber also:

»Man verzeiht es Ihnen gern, Herr Kraftbarde, daß Sie des lieben Brods wegen die alltäglichsten und fadesten Sachen in Ihrer sogenannten vaterländischen Chronik aufwärmen und solche mit einer anderen als der gewöhnlichen Brühe auftischen. Wenn Sie aber die Ihnen gesetzten Schranken überschreiten und diejenige Mäßigung vergessen, die jeder Journalist, besonders aber Sie bei Ihrer Lage, zu beobachten verpflichtet ist: dann verdienen Sie beim Ohr gezupft und Ihrer, den Verlust der Ihnen so nöthigen Gefälligkeit des Publicums unmittelbar bewirkenden Unbescheidenheit erinnert zu werden. Im 39. Stück Ihrer Chronik, das, unter uns gesagt, gerade dazu gemacht zu sein scheint, um die von Niemand contestirte Tapferkeit der preußischen Heerführer und ihrer Truppen lächerlich zu machen, erwähnen Sie auch des Rheingrafen von Salm auf eine Art, die jedem Ihrer Leser von Ihren Sitten (Ihren Charakter kennt man) einen sehr zweideutigen Begriff machen muß. Da Sie, so viel ich weiß, Ihre Vierzig haben, so sollte Ihnen auch nicht mehr unbekannt sein, daß Sie jeder Standesperson, vornehmlich aber denjenigen vom Range des Rheingrafen von Salm, Ehrfurcht schuldig sind. Und von einem Manne von Ihrer Erfahrung, der sich schon einmal bei einem ähnlichen Falle die Finger so fürchterlich verbrannte, hätte man billig eine solche Ungezogenheit um so weniger erwarten sollen, als der Rheingraf meines Wissens Ihnen weder was zu Leid noch zu Gut gethan. Doch, dieser Mangel an Sitte möchte allenfalls in Hinsicht Ihrer vormaligen Lebensart und Ihres Aufenthalts auf dem A(sper)g einigermaßen entschuldigt werden, wo Sie, wie leicht zu begreifen, die Regeln des Wohlanstands zu lernen wenig Gelegenheit gehabt. Wenn aber auch noch boshafte Lügen dem treuherzigen Schwaben als Wahrheiten verkauft werden wollen, dann ist es ein wenig zu arg. Wer, mein lieber Barde, hat Ihnen denn gesagt, daß der Rheingraf an seinem französischen Kamin die holländischen Steckbriefe schaudernd durchlese? Etwa Ihr Genius, der die Gegenstände nur durch's Weinglas, folglich in einem gefärbten Licht, zu betrachten pflegt? Der Rheingraf war die Zeit seines kurzen Aufenthaltes in Grumbach vor allen in Ihrem Gehirn entstandenen holländischen Steckbriefen weit sicherer, als Sie zu Stuttgart vor den Folgen Ihrer Ungezogenheit sind. Und kennen Sie denn diesen Rheingrafen, dem Sie außer dem Prädicat des Feldmarschalls auch noch jenes eines Zwergen beilegen? Dieser Zwerg würde es vielleicht mit Ihnen nicht aufnehmen wollen, wenn von Versemachen – und auch das kann er ziemlich gut – von Wodanseichen, von Riesenthaten, von eisernen Betten und dergleichen Ungeheuern die Rede ist; das aber versichere ich Sie, daß, wenn ein Barde in jedem anderen Verhältniß mit einem Salm auftreten könnte und müßte, Jener eine sehr erbärmliche Rolle spielen würde. Denn glauben Sie mir, dieser Cavalier besitzt seltene Verdienste, Talente und Handlungen, die Sie zu beurtheilen zu klein sind. Lassen Sie also Ihre Satire über ihn immer ruhen, weil sie sonst eine fühlbare Wirkung nach sich ziehen könnte. Wie leicht könnte es zum Exempel geschehen, daß ein Freund des Rheingrafen – und deren hat er – sich verleiten ließe, ein Experiment anzustellen, ob es mittelst Geldes eben so wenig schwer sein möchte, Einem mitten in Stuttgart eine Tracht Jagdhiebe beizubringen, als es, Ihrer Behauptung nach, leicht ist, mit jenem Hilfsmittel selbst in die Hölle zu brechen. Dieser großmüthige Wink sei Ihnen zur Nachricht für künftig. Er kommt von Jemand, der mit dem Rheingrafen nicht im mindesten Verhältniß steht, der ihn aber persönlich kennt und schätzt, und dem es auffallen mußte, wenn ein Zeitungskritzler, um Materie zu haben, seinen Bettlermantel zu flicken, sich einfallen läßt, einen Herrn zu mißhandeln, gegen den er – in jeder Beziehung – ein elender Wicht ist.«

Kein Mensch bezweifelte die Aechtheit beider Documente, bis sie endlich Schubart selbst für Mißbrauch und Betrug erklärte; für Mißbrauch, weil er selber den allerdings authentischen Schmähbrief an Niemand zum Abdruck befördert habe, und als Betrug, weil er überhaupt nicht an Wekhrlin geschrieben. Dieser entgegnete aber, daß, wenn hier ein Versehen, eine Fälschung vorliege, er wohl zu entschuldigen wäre, da er nicht verpflichtet sein könne, die Identität seiner Correspondenten zu untersuchen und er nicht die Ehre gehabt hätte, eine Schubartsche Handschrift zu erhalten, um Vergleiche anzustellen.

Diese Rechtfertigung wollen indeß die Gegner des Hyperboräers nicht gelten lassen. Sie behaupten, er selber sei der Autor des kraftgenialischen Falsificats gewesen, um dem nachfolgenden Pasquill eine pikantere Wirkung zu verschaffen, und die ganze Einrückung nur in der Absicht geschehen, sich für die Nachlässigkeit zu rächen, daß Schubart von seiner Empfehlung eines Wallersteinschen Cancellisten, der mit einem Württembergschen Truppentheile nach der Capstadt zu gehen wünschte, nicht blos keine Notiz genommen, sondern auch die Antwort auf Wekhrlin's Brief schuldig geblieben.

Diese Auslegung wird jedoch dadurch vollkommen haltlos, daß der Herausgeber der »hyperboreischen Briefe« die Felseckersche Buchhandlung in Nürnberg ersuchte, bei Uebersendung eines Exemplars des ersten Heftes derselben an Schubart in seinem Namen über den Erfolg jener Empfehlung anfragen zu wollen, worüber er noch ohne alle Auskunft sei. Da also die Schubartsche Vernachlässigung ihm noch nichts Positives war, konnte er auch den Gedanken an eine Vergeltung dafür nicht hegen; die Anfrage beweist, daß er eine absolute Erfolglosigkeit seiner Empfehlung nicht erwartete, und damit fällt die obige Verdächtigung in Nichts zusammen.

Ueberdies würde ein Mann von so krampfiger Galligkeit, daß er zum ruhigen Ertragen selbst der geringfügigsten Zurücksetzung untüchtig gewesen wäre, seinen Unmuth drastischer beschwichtigt haben. Wer aber einen gegen ihn erlassenen Steckbrief mit ungetrübtem Humor weiter verbreiten hilft, die gehässigsten Angriffe von Recensenten ohne die geringste Gemüthsbewegung recapitulirt, beständig darauf hinweisend, daß Schimpfen und Schnauben sich selber richte, der konnte unmöglich in der Veröffentlichung jener Frankfurter Epistel eine empfindliche oder nachtheilige Züchtigung erblicken.

Es ist gewiß, daß ein unbekannter Feind Schubart's, der in seiner unmittelbaren Nähe gelebt haben dürfte, Wekhrlin mystificirte.

Endlich scheint es das Verhängniß aller hervorstechenden Satiriker zu sein, von der Andichtung der Bosheit und Rachsucht betroffen zu werden. Wenigstens ist uns keiner bekannt, der ihr entschlüpft wäre.

In logischem Zusammenhange damit steht der Vorwurf der Undankbarkeit. Wer sich aber der Bereitwilligkeit nicht verschließt, mit welcher Wekhrlin jede menschliche Tüchtigkeit anerkennt, nicht verschließt der Wärme und Innigkeit, mit welcher er einer Reihe von Männern aus dem Kreise seines Privatlebens zum Oeftern gedenkt, der wird bald auf die Vermuthung gerathen, daß ihm Dankbarkeit nur da eine schwere Last geworden, wo im Kelche der Verbindlichkeiten auch der Bodensatz hoffärtiger Ueberschätzung, der Anmaßung und engherzigen Spießbürgerlichkeit dargereicht wurde. Ferner will uns bedünken, daß man ihm jene selbstgefühlige Delicatesse übel angerechnet, die sich zur Vermeidung jeglichen Scheines von Zudringlichkeit jedem größeren Maße von Verpflichtungen schweigend entzieht. Diese Tugend wird so leicht verkannt, weil sie sich so selten zeigt.

Einstimmig hingegen wird Wekhrlin's Kunst des persönlichen Umganges gerühmt. Unter Vornehmen war er Aristokrat, unter Bürgerlichen ein Bürgerlicher, gegen Niedere vertraulich, gegen Fremde zuvorkommend. Alles jedoch überbot seine Wohlthätigkeit, seine unbegrenzte, das eigene Ich hintansetzende Freigebigkeit. Er wartete nicht, daß die Bedürftigkeit an seine Thür klopfte, er suchte sie freierdings auf. Und so kam es, daß er bei einer schriftstellerischen Einnahme von fünfzehnhundert Gulden, welche er seit 1779 regelmäßig bezog, und einer Jahresrente von vierhundert Gulden so zu sagen nie bei Kasse war, daß er um Anderer Entbehrungen zu heben häufig selbst entbehrte. Ja er trug kein Bedenken bei momentanem Mangel an eigenen Mitteln Vorschüsse und Darlehne zu Gunsten Bedrängter und Nothleidender aufzunehmen oder bemittelte Freunde »zur Erfüllung ihrer Menschenpflichten zu pressen«. Ostensible Unterstützungsgelegenheiten aber mied er grundsätzlich.

Er hatte so oft das Haupt manches seiner Nebenmenschen sanft gebettet; allein das hinderte die gemeinklügelnden Weltleute nicht, auch daran die Sturmleiter ihrer bösen Nachrede zu legen, weil er selber nicht hatte, wovon ihm das letzte Lager bereitet werden konnte: »Er war in Allem ein schlechter Wirthschafter.«

 

VI.

Wekhrlin ist meistentheils als Zeitungsschreiber oder Journalist im modernen Sinne aufgefaßt worden. Allein das »Felleisen«, die »Chronologen« sammt deren periodischen Fortsetzungen sind allenfalls nur Uebergänge zu den eigentlichen Zeitungen (die »Anspachschen Blätter« können unmöglich den Ausschlag geben), und er selber lehnte jenen Namen entschieden von sich ab, jenen Beruf in einer Weise schätzend, daß seinerzeit Niemand sagen konnte, er fülle ihn aus. Um die Annalen der menschlichen Republik zu schreiben, müsse man das Talent eines Smith, Linguet's Genie und Sterne's Laune besitzen, und damit die Einbildungskraft eines Möser, den Reichthum und das Interesse eines Schlözer, Wieland's Geschmack, Mendelssohn's Stil und die Eleganz eines Sturz vereinigen. Seine Schriften sollten Fragmente, Kinder des Zufalls, der augenblicklichen Eingebung und der Phantasie sein; Jettons, rief er denen zu, welche der Name »Chronologen« befremdete, Spielpfennige an der Schnur der heutigen Geschichte; denkwürdige Geschichtsfälle mit einem Raisonnement begleitet, historische Discurse, Recensionen aus der neuesten Geschichte etc. Man sage übrigens Prolog, Monolog, Dialog u. s. f., warum dann nicht Chronolog? Flüchtige Erzeugnisse auf der Basis der socialen, literarischen und politischen Tagesgeschichte, bündige Betrachtungen der Sitten, Begebenheiten und Fortschritte der verschiedenen Nationen, um Menschen heranzubilden, bedürfte man, nicht nur wuchtige Werke sauersten Fleißes, keiner umfänglichen, systematischen Bücher lediglich, um Gelehrte zu ziehen, – dieser wären schon genug, an jenen mangele es! Wenn wir nur Producte bekommen hätten wie die Schriften des Aristoteles, Montesquieu und Leibnitz, so würde das Volk, die ungeheure Mehrheit, vermuthlich noch Vieh sein. Wir müßten Schriftsteller haben, welche in raschen Zügen auf den Charakter des Volks einzuwirken suchten. Große Geister in starken Charakteren würden zwar nirgend auf der Landstraße gefunden, aber in Deutschland hätte man solche zu erziehen ganz vergessen. Er will versuchen, ob er dazu etwas beitragen könne. Fragmentist oder Rhapsodist will er jedoch heißen, wenn man ihm durchaus ein Prädicat geben wolle.

Frei von aller Ueberschätzung seiner Kräfte, ja mit einer Bescheidenheit, deren Naivetät seinen Feinden eine willkommene Waffe bot, führte er sich ein. Nicht aus dem rühmlichen Eifer, der Welt zu nützen, habe er ursprünglich zu schreiben begonnen, das Schreiben sei ihm ein Bedürfniß. »Mein Loos macht mich nicht glücklich genug ein Handwerk zu verstehen, meine Organe sind aber zu lebhaft, um nicht eine Beschäftigung zu verlangen. Ich fliehe zur Feder wie die Käfer vor meinem Fenster aus Ennui vom Schlafe zum Spiel fliehen.« Nur hämische oder blödsichtige Beurtheilung konnte hieraus folgern, daß er die Schriftstellerei des blosen Gelderwerbes halber treibe. Dazu hätte er sich eine gemächlichere Aufgabe wählen können als die der »Menschheit Rechte zu vertreten, einen Kampf mit Löwen und Tigern zu wagen, der Wahrheit den Sieg zu verschönern«. Aber »indem sein Herz an seinen Schriften mehr Antheil habe als sein Genie«, sei er um so leichter Abwegen preisgegeben gewesen, zumal man sich niemals leichter verirre, als wenn man allein lebe. »Stünde es in meiner Wahl, so möchte ich statt mit Windmühlen zu turnieren und Schutt abzutragen, um dem Flusse das Bett zu bereiten, lieber etwas im Geiste der Montaigne, Horaz oder Chaulieu schaffen. Doch umsonst streitet man wider seinen Beruf. Jupiter verkürzte dem Stiere die Hörner, weil er nicht fechten, sondern pflügen sollte.«

Unwiderstehlich zur literarischen Thätigkeit getrieben und an sie gefesselt, ward Menschenbildung, Verbreitung socialer Aufhellung und Hebung der politischen Zustände die unverrückbare Tendenz derselben, welche er energisch und rücksichtslos bis an sein Lebensende verfolgte. Alle unsere Schriften, klagte Schubart, haben das Gepräge unseres sclavischen Jahrhunderts und die Zeitungen am meisten. Unter allen kriechenden Creaturen des Erdbodens ist der Zeitungsschreiber die kriechendste. Er selber aber bethätigte eine rühmliche Ausnahme und noch weit mehr Wekhrlin. Freilich meinte Gervinus, bei aller Freimüthigkeit dürfe man dennoch nichts in dessen Schriften suchen, was nur so viel Rücksichtslosigkeit verriethe, wie unsere spätern Oppositionsblätter in Literatur und Politik; alles Freiere wäre gar zu vorsichtig in Anekdoten, Fabeln, Visionen und dergleichen gekleidet, die Behutsamkeit laure hinter jedem Gedanken, den die Freiheit eingegeben. Damit bewies er jedoch, daß er selber in seinen Schriften nicht gesucht, sondern nur geblättert, namentlich Eignes und Beigetragenes nicht zu scheiden vermocht hatte. Jedes Stück seiner Periodicitäten reißt uns zur Bewunderung freien Herausstürmens hin, vornehmlich gegen Duckmäuser, Frömmler, Pfaffen, Tyrannen, politische Afterheilige und Phantasten. Und wenn wir auf eine im Verhältniß zum Ganzen geringe Anzahl verkleidender Erzählungen, Anekdoten, Fabeln, Allegorien und Visionen stoßen, so muß man, ungerechnet das wohlzuberücksichtigende Interesse des Amusements, Zeit und Land vergessen, in denen er schrieb, Willigkeit und Fähigkeit seiner Leser übersehen, um jene zu unterschätzen. »Um die Herrschaft der Vernunft auszubreiten«, sagt Wekhrlin, »ist es nicht genug sie zu predigen, es gehort noch ein Schritt dazu, den, sie gefällig zu predigen.« Er hebt ausdrücklich hervor, daß der Zweck seiner Schriften auch in der Unterhaltung bestanden, doch in einer Unterhaltung, welche »den Philosophen wie den Bürger, den Künstler wie den Publicisten anziehe, nicht blos Futter für den Lesehunger und Zeitvertreib für Käsebuden wäre.« »Als ich meine Blätter anlegte, prägte sich mir die Idee ein, die große Kunst sei nicht blos ein Buch zu schreiben, sondern es auch lesen zu machen. Demzufolge glaubte ich, mein Plan müsse auch ein Gemälde von Bizarrerien, eine Gruppe von Callot's und Le Brun's enthalten. Es ist so angenehm manchem Leser schwieriges Nachdenken zu ersparen und ihm nützliche Thatsätze in interessanter Manier zu zeigen.« Ist Jemand unter den großen Publicisten der Zeit, dem Behutsamkeit, Verhüllen und Verclausuliren freier Meinungen und gewisser Resultate des Forschens vorzurücken, so ist es Moser und noch mehr Schlözer, Wekhrlin am wenigsten. Ja wir vernehmen von ihm so manches Wort, was selbst heute nicht ungestraft veröffentlicht werden dürfte.

Nein, Vorsicht war es wahrlich nicht, was ihm Feinde schuf, im Gegentheil schlug man Alarm über die »Keckheit« seiner Lehren, die um so verächtlicher und auch gefährlicher wären, als sie, nach der Meinung einiger Leute, von einem Manne ausgingen, der weder Herr noch Diener, weder Gatte noch Vater, weder Bürger noch Unterthan zu sein verstünde. Es grenzt wirklich an's Unglaubliche, mit welcher Dummheit und Böswilligkeit gegen ihn argumentirt ward.

Mit welcher eminenten Rücksichtslosigkeit und Unerschrockenheit er nun auch die Gebrechen der Zeit nach allen Seiten hin aufdeckte, wie wenig Ausnahmen er von der Behauptung gestattete: »Alle unsere Tugenden, unsere Begriffe und unsere Gesetze sind mit sich selbst im Widerspruch,« so war er doch namentlich in politischen Dingen kein Radicaler im Sinne unserer Zeit. Er bekannte sich ganz und gar zu dem, was man unter Real-Politik versteht. Im Codex der Staatskunst ist ihm das erste Argument die Nothwendigkeit auf der Grundlage der vorhandenen Zustände, das zweite die Convenienz. Von diesen Gesichtspunkten aus lobt er an den Regierungen, was zu loben, tadelt er, was zu tadeln ist. Gründlich verhaßt sind ihm alle abstracte Theorien. »Einige Strudelköpfe«, schreibt er während der französischen Revolution, »verlangen eine Freiheit, die niemals existirt hat und existiren wird. Ein Staat mag sich einrichten wie er will, er mag noch so frei sein, dem Einzelnen noch so viel Spielraum gewähren, immer wird er Beschränkungen auferlegen müssen, die mit einer absoluten Freiheit im Widerspruch stehen. Absolute Freiheit! Was ist das? Ein Ding, das niemals in der Welt war und niemals darin sein kann, ein Phantom. Ich behaupte, sobald sich die Menschen in Gesellschaft begaben, hörte die Freiheit für immer auf. Jede Gesellschaft bedarf der Macht, ohne diese ist das Gesetz ein leerer Begriff, und ohne Gesetz keine Gesellschaft. Nun heiße die Macht Krone, Constitution, Parlament, Congreß, wie sie wolle, beständig vernichtet sie den Begriff der Freiheit.« Lächerlich erscheint ihm jeder Streit über die beste Regierungsform. »Man gebe uns unser Recht – Denk- und Redefreiheit, Preßfreiheit und Glaubensfreiheit, mit diesen vier Freiheiten ist jede Regierungsform gut.« Wer den Unterschied zwischen Monarchie und Demokratie abwäge, der frage eigentlich nur, was erträglicher sei, die Leidenschaften eines Fürsten oder eines Volkes. Unter allen Umständen müsse er sich für die erstere erklären, reine Demokratie sei Pöbelherrschaft. Nirgends denke der Pöbel, und wenn er denke, denke er falsch; er schenke seine Bewunderung nur dem, was seinen Neigungen, seiner Geldgier, seinen Lastern schmeichele, und verwechsele beständig das Außerordentliche mit dem Großen und Weisen. Die schlechteste und lasterhafteste aller Staatsformen ist Wekhrlin die demokratische Republik, wo die Plutokraten, die reichgewordenen Gerber, Bierbrauer und Speculanten, ehrsüchtige und halsabschneiderische Advocaten, Gevatter Schneider, Seifensieder und Handschuhmacher und dergleichen »Gesindel« die Winkelkönige spielten. »Alle diese Leute sind überzeugt, daß man weder Schuster noch Apotheker sein könne, ohne das Handwerk erlernt zu haben; aber zum Regieren – der Kunst aller Künste – hält sich jeder Spießbürger fähig.« Kein Joch, sagt er, ist insolenter als was das sogenannte Volk auferlegt, »diese ungeprägte Münze.« »Jan Hagel lernt eher am Seile tanzen als vernünftig regieren. Besser unter der superben Klaue eines Löwen als unter dem gemeinen Zahne der Wölfe.« Wo Republiken einmal bestünden, würde sich das aristokratische System am besten und längsten bewähren. Das rein demokratische System sei mit einem Worte »Canaillokratie.« Vornehmlich ist er, wie Schlözer, ein heftiger Gegner aller kleinen Republiken. Große Republiken aber würden stets die Beute der Herrschsucht Einzelner, des Nepotismus und der Parteiungen.

Unter allen Verfassungen des Continents zollte er der englischen den meisten Beifall. Dennoch war er kein Bewunderer des Parlamentarismus im Allgemeinen, und erklärte namentlich das vermeintliche Gleichgewicht der drei Regierungsfactoren – Krone, Lords und Gemeine – als eine Chimäre. Wer das Parlament beherrsche, sei eben Meister der drei Gewalten. Die englische Krone wäre erst von dem Tage an unbeschränkt geworden, an welchem ihr ein Parlament entgegengesetzt sei, das heiße, seitdem ihr ein Instrument geboten, mit welchem sie, wenn sie es verstünde, Alles bewerkstelligen könne. Sie brauche nur dem Rathe zu folgen, den bei Ovid die Sonne ihrem Sohne gebe. »Man lasse sich doch nicht durch gewisse Parlamentsreden täuschen. Die Gewohnheit, gegen die Regierung zu declamiren, ist eine Maxime aller Zeiten. Die großen Redner wissen, daß der Pöbel durch starke Redensarten getroffen, nicht aber durch schlichte Vernunftgründe bewegt wird. Kluge und kräftige Regierungen aber erschüttert kein rhetorisches Unwetter.«

Bei solchen politischen Ansichten ist es begreiflich, daß er über die nordamerikanische Revolution beinahe ebenso ungünstig dachte als Schlözer. »Die Amerikaner«, schrieb er, »jagen einem Schatten nach. Es wird eine Zeit kommen, wo sie Großbritannien beneiden werden. Nordamerika, ein Polyphem ohne Auge, schickt sich an, der Despotie das Fundament zu bereiten.« Eben so verhielt er sich sehr antipathisch zu den holländischen Unruhen, die in den Jahren 1782-85 besonders von den Städten ausgingen, um dem erblich gewordenen Statthalter gegenüber »gewisse Seifenblasen-Freiheiten« der Communen wieder zu erringen. Er vertheidigte ferner die Theilung Polens als geschichtliche und politische Nothwendigkeit. »Noch hundert Jahre, und es existirt nichts als die Erinnerung an dieses Reich, das sich zu jeder Völkeraufgabe unfähig erwiesen hat.« Auch der Schweiz weissagte er das Schicksal Polens. Wann die Vernichtung ihrer selbständigen Existenz eintreten werde, wolle er nicht mit Ziffern berechnen, aber daß sie der Untergang ereile, sei gewiß. Ihr Loos sei vermuthlich das des achäischen Bundes: sie wäre zur letzten Eroberung der continentalen Mächte Europas aufbewahrt. Mit einem Divinationsvermögen, das man eines Tages ein bewunderungswürdiges, ein immenses nennen dürfte, schreibt er drei Monate vor seinem Tode: »Vielleicht klingt es wahnwitzig, aber Europa geht den gewaltigsten staatlichen Umwälzungen entgegen, Umänderungen, welche seine Karte so leer machen, als sie heute bunt ist. Die französische Revolution hat den Anstoß zu Erschütterungen gegeben, die sich in unserm Erdtheile in immer kürzern Zeiträumen in der mannigfaltigsten Weise wiederholen werden. In hundert Jahren wird man den Kindern in den Schulen lehren: Europa besteht aus folgenden Reichen: Rußland, Schweden, Deutschland, Hungarn, Türkei, Wälschland, Frankreich, Spanien-Portugal und England. Alles was heute dazwischen und darunter liegt und noch einen Namen hat, wird verschlungen sein und keinen Namen mehr haben. Alle übrigen Länder werden nicht mehr sein, neun Könige oder Kaiser werden Europa beherrschen.« Freilich befindet sich dieser Prozeß seit Wekhrlin's Tode noch auf halbem Wege, aber schon das Geschehene erfüllt uns ob seiner politischen Vorhersicht mit Erstaunen, und kaum Einer wird dermalen die Möglichkeit der vollen Verwirklichung seiner Vorhersagung bezweifeln. Für Oesterreich dürfte sich fast der Zeitraum genau ausmessen lassen, in dem sich seine Auflösung vollzogen erweist, und befremdlich allein möchte die der Türkei verkündete Zukunft däuchten. Schon zu Wekhrlin's Zeit drangen alle Blätter »auf eine sicilianische Vesper über den untauglichen Stamm Mahmud's,« Alles »läutete die Türkenglocke«; aber nachdem die Vermehrung des Reiches Christi aufgehört habe ein triftiger Beweggrund zur Unterjochung von Staaten zu sein, und die Griechen alle Bedingungen zu einer gesunden Selbständigkeit verloren hätten, würden die europäischen Mächte immer deutlicher erkennen, daß in der Existenz der Türkei eine Garantie für das Gleichgewicht des Abendlandes, dem sie sich auf die Länge doch werde accommodiren müssen, enthalten wäre. »Die Türken aus Europa jagen ist der durch nichts berechtigte Wunsch aller Dummköpfe und Tollen. Weder Sitten noch Gesetze, weder Handel noch Aufklärung, noch bürgerliche Freiheit werden dadurch gewinnen. Wenn der Strom unserer Cultur sich in den europäischen Orient ergossen hat, und dies ist unausbleiblich, dann wird man für seine Erhaltung noch Messen lesen.«

Daß Wekhrlin von der französischen Revolution die segensreichsten Folgen für die gesammte civilisirte Menschheit erwartete, deuteten wir schon an, ingleichen, daß er trotzdem sich keineswegs mit allen Forderungen derselben einverstanden erklärte. Als Desmoulins in der Nationalversammlung den Antrag auf Aufhebung der Geistlichkeit und des Adels eingebracht hatte, schrieb er: »Wenn ich die Ehre hätte mich dem Zirkel des Herrn Desmoulins zu nähern, wenn ich zum Exempel im Café de Foy eine Stimme hätte, würde ich mich so erklären: Die Pfaffen zum Teufel jagen! In der That eine sublime Idee! Aber, meine Freunde, ist sie praktisch? Hui! Schaffen wir dies Gesindel ab, so ist die Religion selbst nur ein Haar breit von ihrem Falle. Was liegt daran? fragen Sie, sie taugt ohnehin nichts, wir wollen bald eine neue haben! Gut, meine Freunde, aber in dieser Zwischenzeit? Drei Stunden, wo Frankreich ohne Religion wäre, müßte es unrettsam verloren gehen. Nie wird es der Philosophie gelingen, sie zu ersetzen: der große Haufe will keine Philosophie, er braucht Religion. Mag sie eine Fabel, ein Taschenspiel der alten Gesetzgeber sein. Dies Taschenspiel gelang ihnen aber, wie wir sehen. Lassen Sie uns daher eben so pfiffig sein, lassen Sie uns von dieser Erfindung profitiren. Geben Sie zu, daß wir die Religion nicht entbehren können und daß diese nicht ohne Priester bestehen kann, denn sie verwaltet sich eben so wenig durch sich selbst als die Justiz und das Finanzwesen. Dafür trete ich Ihnen die Besitzthümer der Geistlichkeit ab. In der That, die Gesellschaft kann noch nicht ohne Religion, aber die Religion kann ohne Güter sein. Lassen Sie sich nicht irre machen durch die Chrien, die man dem Reformationssystem entgegensetzt. Versetzen Sie schlechtweg: ›mein Reich ist nicht von dieser Welt.‹ Gewiß, was ist der Geist aller dieser Stiftungen? Die Welt gab ihre Güter in die Hände der Kirche, damit sie desto sorgfältiger verwaltet würden. Die Heiligenkasse der Apostel, die der Typus aller geistlichen Güter und ihrer Rechte ist, war weder Kammergut, noch Bisthum, noch Priorat noch Convent: sie war der Sparbeutel der Gemeinde. Petrus war weder Abbé commandataire, noch Fiscal, er war der Hausvogt der christlichen Familie. Dies gab der Nachwelt die Idee, daß man sein Gut in Klöstern und Kirchen niederlegte, um es vor der Zerstreuung zu sichern, damit man es im Falle der Noth wieder antreffen könne. Ein schlichter Blick in die Geschichte überzeugt uns davon. Die Perioden der öffentlichen Gefahr, der Kriege, des Faustrechts, der Tyrannei u. s. w. sind es, woher sich meistens Güter der Geistlichkeit datiren, was sogar den Bettlern in Spanien bekannt ist. Wenn diese irgendwo bei einem Kloster oder einer Abtei anklopfen, so sprechen sie: wir fordern nichts als das Unsrige; Sie, meine Patres, sind nichts als die Vormünder, welche uns unsere Ahnherren setzten, damit Diejenigen in der Familie, die unglücklich würden, wüßten, wer ihnen Unterstützung schuldig sei.«

Seine Begriffe über den Adel hatte er bereits früher kund gethan, freilich nicht ohne dabei in geschichtliche Irrthümer zu gerathen. So behauptete er, die Welt sei ihm die Freiheit schuldig, welche sie besitze. Hätten die Osmanen einen Adel gehabt, wäre ihre Regierung niemals despotisch geworden. Immer sei er der Schrecken der Tyrannen und der Schutz der Gesetze gewesen. Dies ist aber eine Grille, die er von Montesquieu angenommen. Denn allenthalben beförderte ja der Adel den Despotismus, indem er sich selbst despotisch betrug und dadurch die Völker aufrührerisch machte die ganze Staatsgewalt den Fürsten in die Hände zu spielen, wodurch der Adel dann eben so abhängig wurde als das Volk. Es werden außerdem eine Menge unleugbarer Verdienste des Adels aufgezählt, die sich indessen weit mehr im Bürgerstande vorfinden, so daß sie unmöglich für die Nothwendigkeit gerade des Adels beweisen, dessen Aufrechterhaltung Wekhrlin vertheidigt. Er läßt sich verleiben, Tugend und gute Grundsätze immer sicherer im Adelstand als unter den Bürgerlichen antreffen zu wollen, und dringt zur Wahrung seiner Würde und seiner Ansprüche auf strenge Beobachtung der Unvermischtheit des Bluts. Nun hat aber die Würde an sich mit der Geburt nichts zu thun, und weder in Frankreich, noch in England, noch in Dänemark gingen durch sogenannte Mißheiraten irgendwelche Ansprüche verloren. Es ist gewiß, daß die Angriffe, welche dem »ersten Stande« damals (1787) im »Deutschen Museum« widerfuhren, Wekhrlin zu Uebertreibungen reizten, und er gesteht ein, daß die Menschenbildung allmälig zu einer Stufe des Fortschrittes gelangen werde, wo der Adel »aufhören« müsse.

Jetzt faßte er die Frage von einer andern Seite an, allein immer noch einseitig, immer noch mit einer von Thatsachen ununterstützten Ueberschätzung. »Wenn unsere Vorurtheile gegen Religion und Priesterthum offenbar unpolitisch sind, so sind die gegen den Adel wenigstens um nicht viel besser. Adam war kein Edelmann, meine Herren, Sie haben Recht. Wir kennen weder einen Marquis Alcibiades noch einen Grafen Mäcenas. Mit einem Worte: wir brauchen, wenn Sie wollen, keinen Adel, aber wir brauchen Ehre.« In der Ehre, welche keine Empfindung der Natur, sondern eine Erfindung der Erziehung sei, wurzele die Institution des Adels. »Sein Endzweck war vermuthlich der einer Schule der Sitten und der Verdienste. In der Folge wurde er erblich, weil man glaubte, daß nichts fähiger sei Nachstrebung zu erwecken, als eine zusammenhängende Reihe von Mustern. Was ist Tugend? ein leerer Ton. Was ist Selbstliebe? ein dem menschlichen Thiere eingedrückter Charakter. Lasst die Tugend ohne Reiz, und sie stirbt aus Langeweile; weist der Selbstliebe Genuß, und sie thut Wunder. Es ist also natürlich, daß sich mit dem Adel Vorzüge und Reichthümer verbanden. In der That, sollte der Adel das beweisen, was sein Name mit sich brachte, nämlich Großmuth, Aufopferung, Menschenliebe, Patriotismus etc., so mußte man ihm die dazu nöthigen Hilfsquellen öffnen; wollte man sich seiner Vaterlandsliebe versichern, so mußte er durch Würden und Besitzthümer an den Staat gebunden werden. Dies ist, dünkt mich, die Logik der Politik unserer Voreltern, die kürzeste Geschichte des Adels.« Daß sie gut gewesen, daß sie noch anschlage, dafür gäbe »der größte und weiseste Mann des Jahrhunderts« – Friedrich II. von Preußen – den Beweis. »Wir brauchen«, fährt er fort, »Künstler und Soldaten, aber wir brauchen auch Leute, die sich an die Spitze der Künste und Armeen stellen, denen das Phantom Ehre ihr Gott ist, welche Helden aus Enthusiasmus und unbestechliche Richter aus Eitelkeit sind. Wollten Sie«, fragt er sehr ungerecht gegen das Bürgerthum, »dergleichen Leute im gemeinen Haufen finden? Die Ehre ist die Religion der Regierung, und der Adel ist das Priesterthum der Ehre. Lassen wir dem Christenthum seine Diener, so ist die Kirche gesichert; erweisen wir dem Adel Achtung, so haben wir eine immer fertige Partei zur Beschützung des Throns. Beide vertheidigen ihre Altäre.– Ungleichheit ist nun einmal ein originelles und unheilbares Gebrechen der Welt, worauf wir wohnen. Der ganze Witz unserer Stände wird niemals ein Gleichgewicht der Klassen erzielen können. Legen Sie, Herr Desmoulins, die Hand auf's Herz, und sagen Sie, ob Mißbrauch gegen Mißbrauch gesetzt, die Herrschaft der Ehre nicht noch erträglicher sei als die der Reichthümer? Und diese müsste sich an die Stelle des Adels setzen, wofern das demokratische System, in das man sich verliebt hat, durchdränge.«

Wir kennen den Erfolg solcher und ähnlicher Declamationen, und höhnisch fordert daher unser Redner in einem von Satire überströmenden Artikel die Pariser Nationalversammlung auf, durch ein Gesetz die Thiere unter die Menschheit zu versetzen, nachdem sie den Adel zur Menge herabgebeugt hätte.

Fast scheint es aber, als ob er auch aus unüberwindlicher Antipathie gegen die Bourgeoisie, deren Mangel an Nationalsinn, deren schnöde herzenshärtige Selbstsucht und geistige Verkrustung er hinreichend kennen gelernt hatte, und aus einem horrenden Eigensinn sich zum Verfechter eines Standes aufgeworfen, den er dadurch wieder bekämpft, daß er das starre Festhalten an den Schranken, welche Geburt und Lebensberuf errichteten, wankend zu machen sucht und den Firniß der Edelgebornen mit der schärfsten Lauge überschwemmt. Ja, zuletzt spricht er es mit dürren Worten aus, daß Tugenden und Verdienste nicht vererbt werden könnten, daß es auf dem ganzen Erdenrunde keine Familie gäbe, wo sich die Vorzüge des Herzens und des Geistes ununterbrochen fortgepflanzt hätten, daß der Rang, den Herkunft und Reichthümer gewährten; auf einem armseligen Vorurtheile beruhe, beide von der Erziehung ersetzt und überflügelt würden. »Wenn die Regierung eines Staats der Meinung ist, daß ein Stand mehr zu gelten habe als der andere, so kehrt sie alle bürgerliche Ordnung um und zerstört damit die allgemeine Wohlfahrt.«

Wurden seine Freunde infolge der Apologie des Adelstandes an ihm irre, so doch nicht durch seine Reden gegen die Juden, gegen ein Ferment, das die christliche Gesellschaft in den germanischen Staaten von sich hätte fern halten sollen, ihr aber nunmehr eine Perspective eröffnet, über welche der Genius der wahren Humanität blutige Zähren weint. »Die Juden in Deutschland,« sagte Wekhrlin, »dürfen an unsere Menschenliebe appelliren, aber nicht an unsere Gerechtigkeit; sie mögen bitten, aber sie haben nichts zu fordern.« Er macht darauf aufmerksam, daß es durchaus nicht die Religion sei, welche ihnen gleiche Rechte mit den Christen einzuräumen verbiete, sondern ihre Race. Diese allein sei dem germanischen Wesen schädlich. »Die Juden in Deutschland sind nicht die Nachkommen der Krieger, die unter Gideon und den Maccabäern fochten, nicht die Enkel der Künstler, welche den Tempel Salomo's bauten, sie sind keine ächten Juden, sondern nur der elende Rest vom Stamme Benjamin, während die Juden in Spanien, Portugal, England und Holland von jenen Abrahamiten abstammen, die Nebucadnezar gefangen an die Küste des Euphrat führte.« Gerade die wenigen leuchtenden Namen, welche die in Deutschland schachernde und betrügende Judenschaft aus ihrer Mitte heraus hervorgegangen sehe, zeugten gegen das Judenthum im Allgemeinen.

Wenn nun Wekhrlin, um darauf zurück zu kommen, die erbliche Monarchie jeder andern Staatsform vorzieht, und demnach in dem Ausspruche, mit Denk- und Rede-, Preß- und Glaubensfreiheit sei jede Regierungsform gut, sich keineswegs, wie man meinen dürfte, allenfalls auch ein republikanisches Staatswesen gefallen lassen will, so geht doch aus verschiedenen zerstreuten, gelegentlich eingeflochtenen Bemerkungen, denn einen zusammenhängenden Bau irgend einer Staatsverfassung, ein fertiges Modell hat er nicht aufgestellt, hervor, daß er jedes absolute Regiment verwirft, das Königthum, die Einherrschaft vielmehr demokratisirt.

Wie Schlözer zieht er das erbliche Regiment der Wahlherrschaft vor, weil die Interessen des ersteren leichter mit denen des Volkes verschmölzen als bei der anderen, denn der Erbfürst sehe sich gleichsam in der Lage des Eigenthümers einer Domaine, der Wahlherrscher nur in der Lage eines Pachters, und die Gefahr selbstsüchtiger Ausbeutung stehe also hier viel näher. Die Rechte und Pflichten seien aber für beide dieselben, entweder durch ausdrücklichen oder stillschweigenden Vertrag. Sie hätten die Gesetze zu hüten und müßten selber den Gesetzen unterworfen sein. Die origo Majestatis a Deo oder das »Von Gottes Gnaden« sei eine erschwindelte und unduldbare Maxime, »damit den Fürsten die Krallen nicht abgestumpft würden.« Alle Majestät ruhe beim Volke und sei dem Regenten nur übertragen. Er selber könne das Verbrechen der beleidigten Majestät und des Hochverraths begehen. Er ist der oberste Richter des Staats und die Nation sein Richter. Er kann keinem Einzelnen verantwortlich sein, aber er muß sich auf Verlangen vor der Gesammtheit rechtfertigen. Niemand hat das Recht für sich selber einen Tyrannen, einen Staatsverderber zu beseitigen, oder ihm den Gehorsam zu verweigern, aber die Nation ist befugt ihn zu richten, zu verurtheilen, zu entsetzen, zu verbannen oder sonst zu strafen.

Das Oberhaupt des Staats soll die vollziehende Gewalt vertreten, im Namen der Nation handeln, Verträge schließen, Krieg und Frieden machen. Dem Rechte des Vertragsabschlusses wird das Recht des Austausches von Landestheilen »innerhalb der Nationalität und unbeschadet der bürgerlichen Freiheit« involvirt. Der Souverain kann seine Krone jederzeit niederlegen, aber er darf sie niemals willkürlich übertragen. Er soll regieren durch Räthe, welche, um die Bedürfnisse des Volks kennen zu lernen, verschiedene Organe desselben, Stände, in regelmäßigen Fristen um sich versammeln und deren Meinung anhören. Diese Organe wären zu wählen aus dem Adel, den Bürgern und den Bauern, oder, wie ein andermal gesagt wird, aus dem Range, dem Reichthume und der Intelligenz, und zwar so, daß jeder Stand seine eigenen Sprecher wähle. Das Priesterthum sei ein erbettelter, blos scheinbarer Stand, könne keine Substanz der Regierung sein, dürfe keinerlei vermittelnde Macht haben. Außer der Function indeß, eine gute Gesetzgebung zu vermitteln, wird den Ständen das Recht der Geldbewilligung und Geldverweigerung zugeeignet. »Ohne den Willen des Volks darf keine Regierung auch nur einen Kreuzer verausgaben, und ohne den Willen des Volks keinen Kreuzer an Steuern einziehen.« Die beste Ratification der Regierung hingegen und der Stände übe die unbehinderte Publicität.

In das Schema eines gut regierten, die allgemeine Wohlfahrt erstrebenden Staates gehöre inzwischen auch die möglichste Vereinfachung der Regierungsgeschäfte. Die Kunst ist nicht, Aemter für Männer zu schaffen, sondern Männer für nothwendige Aemter zu finden. Von den Beamten hängt nur zu viel ab, sagt unser Publicist unwiderleglich. Oberster Grundsatz müsse sein, nicht fünfzig Gießer bei einer Form anzustellen, wenn Einer genug wäre, und nicht die Routine, sondern das Genie müsse dabei den Ausschlag geben. Ein Genie thue in drei Stunden Wunder, die blose Beamtenroutine gar nichts. »Die meisten Beamten sind dermalen weiter nichts als Insecten, von der Sonne Auf- bis zum Niedergang beflissen in der unnützesten Weise am Fett des Bürgers zu zehren.« »Je größer ein Collegium ist, desto gewisser ist's, daß Eigensinn, Neid, Unordnung, Schlendrian, Widerspruchsgeist in seiner Mitte herrscht. Nicht in der Organisation des Körpers, sondern in der Organisation des Geistes der Regierung besteht die Seele der Ordnung, auf die man sich unermüdlich beruft. Cäsar, der Regent eines halben Dutzend Welten, hielt nicht mehr als zwei Secretaire. Aber der armseligste Fürst unserer Tage, der mit zwei Capriolen über die Grenzen seines Landes hinweg ist, macht mit einem Minister, oder einem Kanzler, einem Kammerdirector und einer Garnitur Räthe Toilette.« »Säet Köpfe, ihr Fürsten, aber nicht Hände, diese wachsen von selber!«.

Vereinfachung der Geschäfte habe Wohlfeilheit der Verwaltung zur Folge, und mithin geringe Steuerlast. »Steuern gehören zur Natur unseres Staatswesens, es mag sein wie es wolle; sie sind eine eben so nothwendige als traurige Thatsache. Es giebt aber nur Eine vernünftige und zu billigende Steuer, das ist die Steuer vom reinen Ertrage oder Einkommen. Die schändlichste und unsittlichste Steuer ist die Kopf- oder Personalsteuer.« »Dem gesunden Charakter eines Staats unbedingt widerstrebend sind Anleihen. Jeder Credit wird neue Credite nöthig machen, einmal endet jedoch die Kette, und dies letzte Glied ist das Verderben eines Staats auch ohne Krieg.« Kein Mittel zur Befriedigung der Staatsbedürfnisse sollen Zölle sein. »Staaten namentlich, welche zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse nicht das Ausland entbehren können, löschen mittelst der Zölle ihren Durst mit ihrem eigenen Blute.« Endlich ruft unser Politiker auch: »Wollt ihr eine raisonnable Freiheit auf die Spitze bringen, so werdet reich; reich wird aber keine Nation, welche nicht den Handel und die Industrie von allen Fesseln befreit.«

Wann einmal irgendwo ein vollkommen befriedigendes Staatswesen entstehen werde, sei unvorhersehbar. Doch »sicher wird eine Zeit kommen, wo die Pfeiler einer guten bürgerlichen Verfassung ihre Grundveste finden und die Welt einsieht, daß nichts als freiwirkende Vernunft und in Ehren gehaltene Menschennatur ihr gesellschaftliches Glück machen können. Einst wird man erkennen, daß nur diejenige Staatsverfassung die schönste und sicherste sei, welche man stündlich dem Urtheile des allgemeinen Menschenverstandes unterziehen kann. Allein diese Zeit fällt vermuthlich in den letzten Sonnenlauf der Cultur der Menschheit.«

Wir brauchen es nicht mehr zu sagen, daß Wekhrlin nicht blos die besonderen Zustände des Vaterlands behandelte, um das Volk über seine natürlichen und gesetzlichen Rechte zu belehren, der Unterdrückung und Gewaltthätigkeit zu steuern, sondern daß er von einer gründlichen Einsicht geleitet die bemerkenswerthesten Vorgänge aller Länder zum Gegenstande belehrender Betrachtungen machte. Seine Journale, wenn man seine periodischen Schriften so nennen will, thuen es darin selbst den Schlözerschen zuvor. Nicht wie diese verschließen sie sich so manchen geistigen und materiellen Erregungen, sie haben lebhaftes Auge und beredtes Wort für Alles: nicht wie jene schonen sie die mächtigern Uebel, um die kleinern desto härter zu strafen. Stets wird der gleiche Mannesmuth gezeigt. Es existirt kein Gebiet, das sie nicht beträten, zwar nie erschöpfend, was sie auch nicht wollten, doch beständig anregend. Sie sind häufig ihrer Zeit weit voraus. Daß trotzdem manche Meinung verfochten wird, über welche wir heute lächeln, kann nicht Wunder nehmen, und daß der Kampf gegen manche Dinge mit einer Nachhaltigkeit und Gravität geführt wird, die Vielen jetzt überschwänglich und komisch erscheinen dürfte, weil diese Dinge glücklicherweise längst und für immer überwunden am Boden liegen, versteht sich eben so von selbst, als daß es nicht ohne Irrthümer, Einseitigkeiten und Widersprüche abgehen konnte.

So redet Wekhrlin dem schrankenlosesten Luxus der Römer unter Anwendung auf die Gegenwart in einer Weise das Wort, welche keiner unserer nationalökonomischen Rechenkünstler gutheißen würde. Verworfen wird das Prinzip der Arbeitstheilung, weil es einseitige, unfertige Menschen schaffe. Den Ursatz, daß der Reichthum eines Landes mit seiner Bevölkerung wachse, weist er für kleine und blos ackerbautreibende Staaten als Schiefheit ab. Hier gälte: »Fünfzig wohlgenährte und gutgewärmte Bürger sind mehr werth als fünfhundert Hallunken.« Er eifert gegen die Todesstrafe, dafür die »Verheimlichung«, das heißt, das plötzliche Verschwinden des Verbrechers vorschlagend, weil Ungewißheit im feigen Gemüthe des Pöbels unendlich größere Wirkung hervorrufe als öffentliche Hinrichtung eines Missethäters, mithin einen Ersatz anrathend, den jeder Psycholog verwerfen mußte. Er stellt an Schule und Haus Anforderungen, welche ihm die Feindschaft aller heutigen Pädagogen zuziehen könnten; indeß eröffnete er doch manche vortreffliche Gesichtspunkte für eine vernünftige Erziehung, und er hatte durchaus Recht der Pädagogik zu sagen, sie solle sich nicht überschätzen und sich nicht einbilden jemals von entscheidendem Einfluß auf das rein menschliche wie bürgerliche Leben werden zu können. »Wenn ihr«, wirft er ferner den Träumereien gewisser Erziehungskünstler ein, »nun wirklich einige Menschen erzöget, die mit der Redlichkeit des Cato den Kopf eines Sokrates, die Brust eines Brutus und das Herz eines Trajan vereinigten, was würde die Folge sein? Die Welt würde ihnen zur Last werden, es bliebe ihnen nichts übrig als sich der Verzweiflung zu ergeben. Solche Menschen kämen um ein paar Jahrtausende zu früh.« Einseitig erscheint er uns auch in der Verurtheilung der Mode und der Befürwortung der Nationaltracht, welche von größtem Gewicht für Stärkung des Nationalgeistes sei. Wäre das Scepter der Mode zerbrochen, könne man einen Schelm nicht empfindlicher züchtigen, als daß man ihm den landesüblichen Rock verböte. Uns dünkt, das Vorurtheil liege hier auf der Hand.

Wekhrlin war der erste deutsche Schriftsteller, der die Lehre vom thierischen Magnetismus in Schutz nahm. Die Perfidie schloß aus der Wärme, mit welcher es geschah, daß er von Mesmer bestochen worden sei. Wofür er diesen aber nachmals hielt, ist deutlich genug im 13. Artikel des zweiten Buches vorliegenden Werkes zu lesen. »Ich habe den Magnetismus vertheidigt«, sagt unser ›Natur- und Menschenforscher‹, »nicht sowohl, weil ich anfänglich daran glaubte, als weil ich ein Partisan der Toleranz bin. Jede Erfindung verdient Beachtung; ist sie falsch und betrügerisch, so wird sich's schon finden«. In der That, den Vorwurf, den man Schlözer begründeter Weise machte, daß seine Feder der Bestechung zugänglich, und er nicht immer aus den ehrenhaftesten Gründen Partei für oder gegen eine Sache ergriffen, diesen konnte man Wekhrlin gegenüber nicht erhärten. »Wo ist der Mann«, frägt er, »der reich genug wäre mich gegen meine Ueberzeugung zu erkaufen?« Er ist aber auch der erste deutsche Schriftsteller, der auf die übereinstimmenden Charaktere der Vierhänder hinwies und den Ursprung der europäischen Menschheit mehr nach Afrika als Asien verlegte, in Verbindung mit Hypothesen, die sich in unseren Tagen als neu angekündigt haben. Fragen aus dem Gebiete der Naturwissenschaften, einschließlich der Heilkunde und Gesundheitslehre, beschäftigten ihn mit kaum minderem Behagen als Aufgaben der Geschichte, Politik und Rechtswissenschaft, des Handels und der Industrie. Der Heilkunst prophezeite er, sie würde einst die meisten Schüler haben, weil es unzweifelhaft dahin käme, daß jeder Mensch sein eigener Arzt und eigener Apotheker sein wolle. Von diesem Zeitpunkte an würden sich die Tabellen der Gestorbenen vermindern und die der Gebornen vermehren. »Die Menschheit leidet, so lange es monopolisirte Aerzte und Juristen giebt, denen es wohl geht.«

Absonderliche Vorliebe zeigte er aber für die Behandlung rein philosophischer Probleme und Untersuchungen über Moral und Religion, damals stärkere Triebwerke der Versittigung denn in der Gegenwart. Seine Philosophie ist eklektisch, mit vorherrschender Richtung auf einen idealen Materialismus, und parfümirt mit jener graciösen Petulanz, die er aus Frankreich importirt hatte; seine Religion naturalistische Theophilanthropie, deren Spindel nicht Glaube und Frömmigkeit, sondern Sittengesetz und Werkthätigkeit, welche auch ohne die Kirche, ihm eine politische Institution, gedeihen, ja gerade ohne diese besonders gedeihen. Jene »uralte Leidenschaft«, welche sich aus der Empfindung allgemeinen Elends und des Bedürfnisses nach einer Abhilfe, die man sich selber nicht gewähren kann, eine Religion schafft, überläßt er dem Pöbel. Von allen Volksreligionen sei diejenige die beste, welche die wenigsten Geheimnisse und die wenigsten Zeremonien habe. Sittlichkeit ist ihm die innere Vernünftigkeit der freien persönlichen Selbstbestimmung, Moral zweckmäßige, auf Vernunft und Erfahrung gegründete Anweisung zu weisem Lebensgenuß. Zu den letzten Consequenzen seiner Philosophie und religiösen Meinungen gelangt er indessen nicht, oder er verschweigt sie absichtlich. Die äußerste Pointe des Epigramms, das wir Leben nennen, zeigt sich ihm nicht im Diesseits oder Tod, sondern setzt sich als ewig unauflösbares Räthsel fort. Er hat so zu sagen den Himmel, aber er verschmäht doch jede Richtung dahin, um keinerlei Beziehungen zur Erde zu verkümmern. Bald hält er an der christologischen Unsterblichkeit fest, bald behandelt er sie als dialektische Spiegelfechterei, bald treibt er Spott mit ihr. »Wer sollte,« schrieb er an den Grafen Alexander von Gersdorf, späteren Pascha von Kahira, »an der Unsterblichkeit zweifeln? Ich bin gewiß, einst an Ihrer Seite mit Horaz und Vater Abraham eine Schale Austern mit Cyperwein im Paradiese zu verzehren.« Und so verräth er entweder einen Zwiespalt oder es verläßt ihn seine gewöhnliche Kühnheit. Unablässig zieht er gegen den Wunderglauben zu Felde, doch Ein Wunder statuirt er ernstlich, das Wunder der Schöpfung.

Von Kant sprach er anfänglich geringschätzig. Er nannte ihn einen untergeordneten Denker, und seine Kritik der reinen Vernunft apokalyptischen Unsinn. Reinhold belehrte ihn zwar eines ganz Andern, aber nie begeisterte er ihn für den Königsberger Philosophen.

Schlözer pries die Franzosen als das erste Volk der Welt, Wekhrlin hoffte von dem Einflusse der französischen Literatur, daß die Deutschen es werden würden. Weit mehr ihm als dem Vorigen verargte man solche Erwartungen. Verachtung der Franzosen war damals gäng und gäbe. Zornig bricht er dagegen aus (1779): »Wißt eure Geschichte, ihr Verächter der Franzosen! Eure Väter waren einst so dumm und pedantisch, als ihr jetzt stolz und vielwissend seid. Die französische Nation hatte längst ihre Corneille, ihre Arnaud und Bossuet, als jene noch Thesen, Concordanzen, Commentare und Systeme schrieben. Deutschland war am längsten das Reich der Schulfüchse, der Silbenstecher und Mückentödter. Ein Mann entstand, der wahren Anspruch auf die Hochachtung seines Vaterlandes hat, dem ihr aber mit Undank begegnetet. Er suchte euch von eurem schwärmerischen Hange zur Schulgelehrsamkeit abwendig und auf die Werke der Neueren aufmerksam zu machen. Mit unermüdeter Faust lieferte er euch Uebersetzungen der berühmtesten Schriftsteller des glänzenden Jahrhunderts Ludwig's XIV. Ihr fielt wie die Kinder darauf. Die Begierde, womit ihr Alles, was aus Frankreich kam, verschlangt, bewies die Armuth eures Geistes und den Hunger eurer Seele. Man hatte in Frankreich bereits die Briefe des Pascal, die Oden des Rousseau, die Lustspiele des Molière, den ›Geist der Gesetze‹, als ihr noch an den Romanen des Urfe, an der ›Tausend und eine Nacht‹ und den Märchen des Marivaux hingt. Endlich fingt ihr an nachzuahmen. Eure erste Arbeit bestand in Romanen, und zwar mit geringem Glück, weil sich euer schulmäßiger Verstand noch nicht über die Schranken einer steifen Logik und hölzernen Dialektik zu erheben getraute. Kaum waret ihr glücklicher – dies trat um die Periode der Canitz, der Hagedorn, der Cronegk ein – so zeigte sich eure Unterwerfung unter das französische Genie sichtbarlich. Alles was ihr dachtet und schriebt, hatte französischen Schimmer. Euer sclavischer Gang auf den Bahnen der Franzosen bezeugte, daß ihr sie für eure Meister erkanntet. So sehr ihr aber eure Werke mit französischem Flitter immerhin verbrämtet, so verriethen sie doch niemals Anderes, als den Charakter ängstlichster Nachahmung. Ihr glicht dem Junker Hans, der in einem Lyoner Gallonen-Kleide neuesten Geschmackes aus Paris nach Hause kam, und bei dessen Anblick die Dorfjungen riefen: das ist ja Junker Hans, er schlenkert mit dem Fuße noch. Diese Periode der Knechtschaft dauerte bis zum Alter der Literaturbriefe, der Lessing, Klopstock, Bodmer, Wieland etc. Hier bildet sich eine Art von Nationalgeistesform. Noch ist sie aber nicht original, noch ist sie eine Verschmelzung von französischem, englischem und griechischem Geschmack. Während dieses ganzen Zeitraums brachtet ihr nicht eine einzige eigene Erfindung hervor. Die besten Werke sind aus den Ideen der Franzosen und anderer fremder Nationen entstanden. Die Idyllen eines Geßner sind aus den Quellen der Griechen geschöpft. Wieland's Musarion trägt ein Gewand halb griechischen halb gallischen Stoffs. Hagedorn und Gellert gestehen öffentlich, daß sie den Geist La Fontaine's suchten. Mosheim, Cramer und Spalding zogen ihre Beredtsamkeit aus den Mustern des Fenelon und Bourdalou. Kurz alle heutigen Früchte des deutschen Parnasses sind Verpflanzungen vom französischen Boden. Das weinerliche Schauspiel, der empfindsame Roman sind von französischer Erfindung. Die Berliner Literaturbriefe, die mit so vielem Geräusch in Deutschland herrschten und eine Art Epoche des deutschen Geistes bezeichnen, sind nichts als Nachahmung des Année litteraire oder vielmehr der Lettressur quelques écrits de ce temps des Freron. Die Iris und der deutsche Mercur, so wie das ganze Geschlecht der Journale, Bibliotheken und Gelehrtenzeitungen von französischem Geblüt: erstere nach dem Journal des Dames der Frau von Maisonneuve, der Mercur nach dem Mercure de France. Der Musenalmanach, der in Deutschland Epoche machte, ist das Nachbild des Almanac des Muses, der 1766 in Frankreich zum erstenmal erschien. Die Encyklopädien, die politischen Romane, die ganze Modelectüre Deutschlands bis auf die Vignetten und die grünen und rothen Schmutztitel sind aus Frankreich gebürtig. So wahr und wahrhaftig ist es, daß wenn die Franzosen der deutschen Muse Alles wieder abnehmen sollten, was sie von ihnen geborgt hat, sie dastehen würde wie die Krähe des Aesop. Und ihr wollt die Franzosen erniedrigen, wollt eine Nation unterschätzen, der ihr Alles schuldig seid? Ihr, die ihr noch nicht einmal eine Nationalsprache habt, wie euch schon Möser vorgehalten? Ihr, die ihr die Erbärmlichkeiten eines Guibert übersetzet, die ihr fortwährend neue Auflagen von Till Eulenspiegel, Robinson Crusoe, Doctor Faust und anderen Dummheiten ankündigt, ihr erkühnt euch, Voltaire anzutasten? Wenn es wahr ist, daß die Franzosen von euch gering sprachen, so hatten sie Recht; schaut nur eure politische und literarische Geschichte an! Aber wenn ihr zur Wiedervergeltung die Franzosen verachten wollt, auf welches Recht pocht ihr dabei? Wo sind die großen Männer, die ihr den Corneille's, Racine's, D'Agesseau's, Rousseau's, Bossuet's, Buffon's, Montesquieu's und Voltaire's an die Seite stellen dürftet? Man darf ohne Scheu behaupten, daß Deutschland keinen einzigen berühmten Mann in irgend einem Fache hat, neben welchen die französische Nation nicht einen Aehnlichen stellen könnte, und daß sogar Frankreich mehr als Einen besitzt, gegen den Deutschland nicht Seinesgleichen aufzubringen vermag. Wer sind die deutschen Männer, die wir den Franzosen in der Geschichte, der Politik, in der Beredtsamkeit, in der Naturforschung, in den schönen Wissenschaften entgegenstellen können? Unglücklich das Geschlecht, das seinen Ruhm auf die Verachtung eines andern gründet!« Noch zehn Jahre später blieb Wekhrlin dabei: »Ich mißkenne die trefflichen Schriftsteller unseres Vaterlandes nicht, aber ich frage, ob nicht die vorzüglichsten theils im Schoße des Auslands, theils durch Vertiefung in die griechischen, italischen und hesperischen Musen sich gebildet haben. Von dorther allein kam ihnen das schöne Feuer, das ihre Seelen durchglühte und ihren Producten Leben und Farbe gab.«

Stiefmütterlich bedachten seine Schriften die schönen Künste. Die Einseitigkeit, daß er das Praktische und Nützliche, die mechanischen Künste höher stellte, begreift sich aus der Vernachlässigung des Ersteren in seiner Zeit und die Entartung des Schönen zum niedrig Ergötzlichen. Schlözer dagegen war ein vollkommener Barbar, da er nicht blos gar keinen Sinn für schöne Kunst besaß, sondern sie sogar verspottete: »Die schönen Künste,« sagte unser Autor, »sind kein Wahrzeichen der Bildung und Aufklärung eines Volks, sie sind nur das Schnitzwerk daran.« Hoch schätzte er besonders die Musik, »die einzige Kunst, welche das Gemüth nicht verdirbt.« Mit allem erdenklichen Hohn übergießt er namentlich das schon damals stark wuchernde Virtuosenthum. »Werdet lieber Schneider und Schuster,« barscht er das vagabondirende Künstlerthum an. Er scandalisirt sich über die Orden, Ehren und Reichthümer, welche diesem von weltlichen und geistlichen Fürsten in den Schoß geworfen wurden. »Pflegt die Humanität, decorirt und fördert die Heroen der Menschlichkeit«, ermahnt er sie. Vom Theater verlangt er, daß es Staatsanstalt werden müsse, solle es seinen Zweck erfüllen. »Die Schaubühne ist ihrem Ursprunge nach ein Spiegel des Lebens, aber die Komödienunternehmer verderben das Glas.« Im Allgemeinen ist seine unerschütterliche Ueberzeugung, daß das kirchliche Christenthum die Entwicklung der Künste wie der Wissenschaften gehemmt habe, und der Flor derselben mit der Entfernung vom Christenthum steigen werde. Was er zur Begründung dafür an verschiedenen Stellen vorbringt, ist Folgendes: Einer der hauptsächlichsten Antriebe jener sei die Wißbegierde; nun stehe aber im Evangelium, Christum lieb haben sei besser denn alles Wissen. Ein zweiter Antrieb wäre der Zweck der Wahrheit; die Religion verbiete inzwischen das Grübeln. Die Künste sind Kinder des Luxus und ihre Nährmutter der Reichthum, das Symbol des Christenthums heiße dagegen: Einfalt und Armuth. Je thätiger das Christenthum sich im Menschen erweise, um so mehr tödte es die Schaffungskraft. Baco, Newton, Galilei, Hervey wären mit strenger Frömmigkeit unmöglich gewesen, man wisse, wie sie die Religion chicanirt habe. Die Anatomie hätte man geraume Zeit excommunicirt, die Chemie tausend Schwierigkeiten gefunden. Höchst wahrscheinlich sei, daß Spanien niemals das Land, wo die Electricität hätte erfunden werden können, und der Geist des 13. und 14. Jahrh. wäre für die Erfindung der Luftbälle oder Flugmaschinen untauglich gewesen. Das Christenthum spreche nicht diejenigen selig, die sich mit der Gesetzgebung, der politischen Rechenkunst, dem Ackerbau befaßten, sondern: Trachtet nach dem was oben ist und nicht nach dem, was zur Erde gehört. Es bestimme nicht das Himmelreich für einen Montesquieu, Boerhave, Keppler oder Buffon, sondern »heiligen Taugenichtsen, frommen Müßiggängern, gottseligen Pinseln, glorreichen Bettlern, dem ganzen Schwarme der Märtyrer, Beichtiger, Büßer und andächtigen Verschwender.« Die Künste erforderten Phantasie und üppigen Geist, womit sich die Lehre von der Demuth, der Verachtung zeitlicher Dinge und der Gefangennehmung der Vernunft nicht reime. »Warum sehen wir uns von den Alten fast in allen Künsten übertroffen? Warum hebt sich der Verfall der Wissenschaften beinahe vom Ursprunge, wenigstens von der Cultivirung des Christenthums an?« »Nichts ist gewisser, als daß wir uns in den Künsten lediglich keines Vorzugs vor den Heiden rühmen dürfen. Alles war schon da. Das Einzige, was das Evangelium Neues stiftete, ist die ausübende Moral; denn was die Theorie der Sitten betrifft, die hatten die Alten längst. Es ist bewiesen, daß kein Spruch in der Bibel, der der Urwelt unbekannt war, oder der wenigstens nicht gedacht und erfunden werden konnte ohne Offenbarung.« »Vergebens behilft man sich mit dem Einwande: was das Christenthum zur Cultur beigetragen habe oder nicht, lasse sich nicht bestimmen, weil man nicht wisse, auf welcher Stufe wir ohne das Christenthum stehen würden. Nichts ist seichter. Die Cultur ist ein Resultat des Handels, der von ganz anderen Federn geleitet wird als religiösen. Man beruft sich auf die Geschichte der Kreuzzüge, die den Geschmack zum Handel und zu den Künsten nach Europa gebracht haben sollen. Haben sie dies gethan, so trug das Christenthum gegen seinen Willen zur Aufklärung bei. Man beruft sich auf die Meisterstücke der Michel Angelo, Titian, Jomelli, Raphael. Aber wann waren diese Genies am glücklichsten? so oft sie aus den Mustern der Alten, aus den Quellen der Mythologie, den römischen und griechischen Dichtern schöpften, so oft sie den Geist des Apelles, Praxiteles, der Plutarche und Ovide anriefen. Mengs behauptet, daß sich ihre Werke um so mehr der Vollkommenheit nähern, je weniger das Sujet geistlich ist.« »Wie kommt's, daß der Barometer der Wissenschaften in jenen Ländern am tiefsten steht, wo die Orthodoxie am stärksten ist, z. B. in Italien, Spanien, Dänemark, Polen, der einen Hälfte Deutschlands? Ohnstreitig giebt es Meisterstücke der Baukunst, Bildnerei, Tonkunst, unermeßliche Bibliotheken, Sammlungen, Observatorien u. s. w. in der Kirche; aber sie sind ihr Dasein dem Reichthum, dem Ueberfluß, dem Luxus derselben schuldig, nicht dem religiösen Lehrgebäude. Wenn die Religion zuweilen etwas auf die Künste verwendet hat, ließ sie sich solches theuer bezahlen, indem sie ihnen eine Zeitlang die besten Köpfe entzog.«

Aus allem Bisherigen ist zu ersehen, welche Auswahl von Angriffspunkten Wekhrlin seinen Gegnern darbot, und keiner blieb unangetastet. Von den Titeln seiner Schriften an, welche außer dem Verfasser kein Oedipus enträthseln könne, bis zum letzten Buchstaben war nicht das Mindeste, das ausnahmslosen Beifall erlangt hätte. Und was man nicht Verwerfliches darin fand, das dichtete man hinein. Er selbst sagt: »Vermeintliche Kenner sprechen, ich wäre nicht zum Scribenten geboren; Leuten von gewissem Geschmack gefallen meine Anekdoten nicht; für die schöne Welt habe ich nicht Grazie genug; den Frömmlern bin ich viel zu frei; den Heuchlern zu schwächlich; den Regierungen zu frech; den Republikanern zu sclavisch; den Groß zu naiv; den Priestern zu gefährlich; den Gelehrten bin ich nicht solid genug; die Philosophen halten mich nicht für consequent; und den Recensenten? die machen wie immer viel Worte und sagen gar nichts.« Schon bemerkten wir, daß er sich gegen das Urtheil der letztern sehr gleichgiltig verhielt. Nur einmal entlockten ihm die »Allgemeine deutsche Bibliothek« und die »Jenaische Literaturzeitung«, die sich übrigens keineswegs beständig abfällig gegen ihn ausließen, die unmuthige Glosse: »Die Pythia dieser Herren wird, wie alle Hexen, wenn sie sich auf den Dreifuß setzen, von unten auf begeistert: ihre natürliche Verrichtung ist also – pissen.« Seine geschworensten Feinde waren aber die Beamten aller Grade, die regierenden Herren der kleinen Reichsstädte und das Gros der Geistlichkeit. In Oesterreich setzten letztere das Verbot des »grauen Ungeheuers« durch, doch erst bei Ausgabe des 35. Heftes.

Am verdientesten war wol der Vorwurf, der in noch vollerem Maße Mosern traf, daß seinen Schriften die schöne Form mangele, seine Sprache nicht auf der Höhe der Zeit stehe. Und er selber tadelt seinen bisweilen unbeholfenen, von ungebräuchlichen Fremdwörtern und Gallicismen vielgeplagten Stil. »Die Chronologen« – diese geht es hauptsächlich an – »erreichen nicht einmal meine eigenen Begriffe von der Kunst zu schreiben, und ich fühle, wie weit sie unter Dem sind, was ich täglich lese.« »Ich bin,« entschuldigt er sich, »zu einer Zeit geboren, wo es in Deutschland noch sehr finster war, und in einem Lande, das auf der Bahn zum Lichte eines der spätesten ist. Eine frühzeitige und geraume Entfernung von meinem Vaterlande machte mich mit dem Gange seiner Literatur und selbst seiner Sprache unbekannt. Als ich die Schriftstellerbahn betrat, war's bereits zu spät beim Alphabet anzufangen. Die Zeit schien mir zu kostbar zu sein; ich hatte genug zu thun nachzulesen, um mich auf dem vaterländischen Parnaß zu orientiren. So musste ich vorerst schlecht debütiren. Allein ich suchte mich zu bessern; ich fing an meinen Stil zu putzen. Man pfiff mich aus. Ich schrieb Andern nach: man klopfte mich auf die Finger. Man tadelte meine eigenen Federn, und wollte mir doch keine fremden erlauben. So überließ ich Andern das Schönschreiben und hielt mich an's Schöndenken.« Schreib, sagt er ein andermal, hätte die Grazie gesprochen, aber ohne mich. Nach diesem Verdammungsspruche wäre er immer unter sich selbst geblieben. Damit war er jedoch ungerecht gegen sich selber. Von den Chronologen bis zu den hyperboräischen Briefen steigt die Vervollkommnung seines Stils so ungemein, daß sich im Vergleich zu den übrigen Schriftstellern der Zeit nur wenig noch daran aussetzen lässt; im Ganzen ist er gefällig, fließend, oft auf Flügeln getragen, ja hinreißend.

Satire und Humor leckern übrigens die Kost der meisten seiner Aufsätze. Er verstand sich vortrefflich auf die Handhaben der Komik. Bisweilen ist seine Art das Lächerliche darzustellen eine eben so einzige als die Unbarmherzigkeit in der Verfolgung von Thorheit und Ungerechtigkeit, und wenn wir Lichtenberg nach Originalität und Fruchtbarkeit des Witzes den Vorrang einräumen, wenn wir schon an einem andern Orte nachwiesen, daß das vorige Jahrhundert einen größern Satiriker als letzteren nicht aufzuweisen vermag, so überragt ihn Wekhrlin doch als Humorist, da er nicht wie jener zwischen Realismus und Idealismus, zwischen dem mathematischen Gedanken und den Forderungen des Gemüths hin und her schwankte, sondern in sich festgestellt jene freie Höhe subjectiver Weltanschauung und idealer Ironie erstieg, von welcher aus die rechte humoristische Projectirung der Dinge allein zu Stande kommt.

Wenn nicht überhaupt das schwächste so doch in sich ungleichartigste Product sind die »Paragrafen«: ein seltsames Gemisch von Gedankentiefe und attischem Salz einerseits, Wiederholungen und Schalheiten andererseits. Man fühlt es ihnen ab, daß der Herausgeber nach zwölfjährigem, wahrhaft gigantischem Ringen und Kämpfen in ein Stadium der Ermüdung gekommen. Sie ist aber nicht aus einem Nachlassen seiner geistigen Spannkraft, sondern aus einem andern Grunde zu erklären.

War die Zahl seiner Feinde, wie ein Zeitgenosse behauptete, Legion, so die seiner Freunde, Gönner und Bewunderer kaum geringer. Man konnte von ihm beinahe sagen, was Graf Narbonne von Napoleon: die Einen betrachteten ihn wie einen wohlthätigen Genius, den Andern schien er ein Teufel, jedem ein außergewöhnlicher Mensch. Feinde wie Freunde stürzten gierig über seine Hefte her, es gab kein Cabinet, keine Amts- und Arbeitsstube, keinen Ort, wo sie nicht gelesen worden wären. In einzelnen Dörfern wurden sie auf Gemeindekosten gehalten. So weit deutsche Zunge reichte kannte man sie. Der Verleger konnte nicht Exemplare genug schaffen. Unaufhörlich gingen dem Verfasser von den verschiedensten Seiten her Briefe des Dankes und der Ermuthigung zu, welche zugleich Beweise seines ungeheuren Einflusses vornehmlich in Süddeutschland enthielten. Er allein durfte sich den Urheber der Beseitigung vieler Uebelstände nennen. Wenn einzelne Behörden öffentlich vor den Rathschlägen des »unpraktischen Politicus«, wie ihn ein Regierungsfiscal in Schwerin schalt, warnten, so beeilten sich andere mit der Ausführung derselben, wenn auch nur aus Furcht gebrandmarkt zu werden. Die auf höchsten Befehl im Sommer 1783 in Württemberg erfolgte Einführung der Blitzableiter ist sein Werk; er rieth sie dem Herzoge nach der großen Feuersbrunst zu Göppingen an, und dieser ertheilte sogleich dem Professor Hemmer in Mannheim Auftrag die herzoglichen Schlösser und alle öffentlichen Gebäude des Landes mit solchen »Instrumenten« zu versehen, trotzdem die meisten Beamten in ihrer Unwissenheit und Abneigung vor allen Neuerungen darüber »schnurrten«. Kirchheim, Rothweil, Tübingen und andere Städte trafen gleichzeitig dieselben Veranstaltungen. In nicht wenigen Ortschaften schnitten die Zünfte einzelne ihrer Zöpfe ab, um von dem »Ungeheuer« künftig verschont zu bleiben. Für die Einführung einer vernünftigern Wanderordnung in mehreren Ländern oder Ländchen hätten sich die Handwerksburschen lediglich bei ihm bedanken müssen. Wir könnten eine lange Liste von Einzelheiten seines erfolgreichen Eingreifens in die verrotteten Zustände Deutschlands anfertigen, theilen jedoch nur noch folgenden Brief einer aus sehr angesehenen Männern gebildeten Lesegesellschaft zu München mit, den man gleichsam als das Original zu vielen Copien betrachten darf.

»Sehr oft, würdiger Mann, weihten wir Ihnen im Stillen unsere ganze Hochachtung für all das unverkennbare Gute, was Sie seit zehn Jahren mit Ihren periodischen Schriften im deutschen Vaterlande gestiftet haben. Frappante Beispiele könnten wir Ihnen anführen, wie manche heilsame Winke, manche gute Vorschläge zum Menschenwohl und zur Ausrottung schädlicher Vorurtheile in der Staatsverfassung und im Reiche der Sitten und der Religion, die Sie in Ihren Schriften gaben, von Obrigkeiten unserer Gegend sowol als von Privatpersonen in dem Kreise, worin wir leben, benutzt worden sind, wenn es uns jetzt nicht angelegener wäre, Ihnen von ganzem Herzen für die Revolution zu danken, die Sie in unsern eigenen Kenntnissen und Ueberzeugungen gewirkt haben. Seitdem Sie so freimüthig als edel mit der Fackel der Wahrheit so viele der Menschheit wissenswürdige Gegenstände beleuchtet, seitdem ist es auch bei uns innerer Tag geworden. Und wenn wir Ihnen gleich offenherzig gestehen müssen, daß in manchen, besonders metaphysischen Dingen unsere Ideen mit den Ihrigen contrastiren: so erklären wir uns doch auf der andern Seite sehr gern für Ihre dankbaren Schüler in Allem, was Sie über Philosophie des Lebens, über die Staatskunde Europa's, über unterdrückte Menschheit, und über mehrere andere eben so wichtige Gegenstände so schön als wahr geschrieben haben.

Fahren Sie fort, edler deutscher Mann, so wie bisher Licht in die Finsterniß zu tragen, Menschenwerth und Menschenwürde den unzähligen großen und kleinen Tyrannen unseres gemeinschaftlichen Vaterlands anschaulich zu machen, Irrthümer und Vorurtheile zu bekriegen, und die Nation auf ihr wahres Interesse hinzuleiten. Und es wird Ihnen, außer Ihrem eigenen Bewußtsein, überschwänglich der Beifall so mancher Menschenfreunde lohnen, die, wenn auch im Stillen, aber darum nicht minder theilnehmend, Ihren Bemühungen für wahre Aufklärung Heil und Segen wünschen.«

Alle Erfolge, aller Einfluß mögen ihn jedoch nicht gänzlich mit der Dickhirnschaligkeit, auf welche er allwegs stieß, ausgesöhnt haben. Seine Waffen und die Wahrheit sollten größere Siege feiern. Denn er klagt, daß er von der Lesewelt seines Jahrhunderts einen »allzuhohen Begriff gehabt,« um anzunehmen, daß er ihn geradezu entgegengesetzt deuten könne; daß man sich im Irrthum befunden, wenn er sein Zeitalter reif genug erachtete, »den Spelt vom Weizen zu sichten.« Und so, dünkt uns, ist die Ermüdung zu erklären, die sich in den Paragraphen zeigt. Nicht unbefriedigter Ehrgeiz oder verletzte Eitelkeit erschlafften ihm auf eine Weile die Hand. Er für seine Person verlangte weder von der Gegenwart noch Zukunft Ruhm. Es gehört nicht viel Verstand dazu, sagt er einmal, von der herrschenden Meinung zu sein; wenn aber seine Eigenliebe etwas begehren könnte, so wäre es das, nicht Paradoxien sondern Meinungen geäußert zu haben, zu denen sich die Welt nach dreißig Jahren bekenne. Es war ihm genug das Gute erstrebt zu haben; er wollte nichts als das Zugeständniß, daß wenn er dabei in Täuschungen verfallen, doch nichts für die Absichtlichkeit derselben zeuge. Er wünschte nichts als, so der Zufall ein Blättchen seiner Schriften der Nachwelt zuwehe, daß eine unparteiische Seele sprechen möchte, »dieser Prediger in der Wüste war ein ehrlicher Mensch.«

Nur Einmal scheint er sich einem berauschenden Traume von dem Fortleben in dem Gedächtnisse der Nachwelt hingegeben zu haben; allein es war kein freudequellendes, sondern ein resignirendes Bild, das jener zurückließ.

»Und nun hebe ich die Augen auf zu Dir, Du kleiner Hügel, den dort der Schatten der Cypresse und grauliches Moos decken, auf den jetzt noch der letzte Stern von seiner Höhe herniederschaut, nachdem alle Fackeln des Himmelsdomes schon erloschen sind, der Stern des Hügels meiner Ruhe. Nach Jahrhunderten wird ein anderer Erdenpilger sich hier niederlassen. Wenn dann des Mondes freundlicher Strahl die ernste Scene umsilbert, die Lüftchen des Abends im schwirrenden Rohre lispeln und Nachtschauer den einsamen Waller ergreifen, dann wird er vielleicht sprechen: Hier ruht, wie eine alte Sage will, ein Einsiedler jenes Berges da drüben, dessen längst verhallten Namen keine Grabschrift nennt. Wie oft, wie oft mag der Schatten dieser Bäume ihn gekühlt, wie oft diese krystallene Quelle ihn gelabt haben! Dann vergaß er wol das Leiden Anderer, die Unvollkommenheit dieses Daseins, und dankte dem unergründlichen Wesen der Natur für sein Loos.«

 

 

 

Zweites Buch.
Auswahl der Schriften Wekhrlin's.

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