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Leben Taten und Meinungen des sehr berühmten russischen Detektivs Maximow

Heinrich Lautensack: Leben Taten und Meinungen des sehr berühmten russischen Detektivs Maximow - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorHeinrich Lautensack
titleLeben Taten und Meinungen des sehr berühmten russischen Detektivs Maximow
publisherEdition Sirene
year1991
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Das zweite Buch

Das erste Kapitel

(Wir haben beschlossen, das, was wir hier zwischen Klammern sagen wollten, lieber an die Spitze des eigentlichen Textes zu setzen . . . von solcher Wichtigkeit erscheint es uns!)

Es sollten längst all' solche Erzählungen, wie diese unserige eine ist, einer größeren Übersichtlichkeit nicht mehr ermangeln dürfen. Aber wieviele wenn nicht alle Schriftsteller von Beruf tun, als ob das die Hauptaufgabe ihres Berufes ausmache: auf dem Wege ihrer Geschichte grad als wie auf dem Wege aus dem brennenden Sodom recht nach dem Beispiele Lots und seiner Töchter dahinzueilen. »Errette deine Seele, und siehe nicht hinter dich; auch stehe nicht in dieser ganzen Gegend. Auf den Berg rette dich, daß du nicht umkommest.« Wo steht denn dies scheinbar höchste Gebot für Schriftsteller geschrieben? Wo steht denn geschrieben, daß es gut sei, einem Publikum, das sowieso sehr leicht vergißt, das Vergessen nur noch leichter zu machen? Sieh dich um, Leser, und du o Leserin sieh hinter dich – auf die Gefahr hin wie einstens Lots Weib zur Salzsäule zu werden! Denk an mein Wort von der Landschaft der Seele – sexualperspektivisch lerne zu schau'n! Laß deine bloße Neugierde hungern zugunsten tieferer Wissenschaft! Und daß mein Werk ein wahres Diptychon sei – erkenn' und bemiß es danach! Und so möcht' ich denn erklären, daß ich keinen Schritt weiter tue, eh' sich nicht ein jeder noch einmal völlig darüber orientiert hab':

wie Maximow erst durch – sagen wir getrost Vielweiberei für eine Weile ganz verrückt monogam geworden, aber nicht weil's eine kranke Laune seines Geistes, sondern weil's ein gesunder Wille seines Fleisches heischte – und wie nach Ablauf der – von uns nach sehr unbekannten Gesetzen vorausdiktierten – Frist dieser selbige Maximow aus dieser monogamischen Verliebtheit und verliebten Monogamie, sodann ebenso naturnotwendig sich wieder heraussehnte.

Daß der Ablauf dieser Frist eben mit dem Ablauf seines Urlaubs zusammenfiel, das mag man meinetwegen einen vom Dichter gewaltsam gefügten Zufall schelten. Doch sollte ein Teil der Leser wenigstens über soviel Erklärungen zu soviel Einsicht gelangt sein, daß Maximow in dem einen andern Fall vielleicht noch einmal »aus freien Stücken« zu seinem Arzt gegangen wäre, um sich mit Ablauf der verliebten Frist auch ein kürzer gestecktes Ende seines Urlaubs zu sichern.

Als einen also rücksichtslosen, weil also ehrgeizigen Menschen kennen wir ihn doch nun schon zur Genüge!

Oder?

Doch damit wollen wir wieder einmal für eine Weile genug »Anatomie der Liebe« getrieben haben . . .


Nein, Maximow war froh, war seelensfroh, da er erst einmal im Kupee saß und der Train – schier unhörbar erst – anfing, davonzurollen.

Kupee? Train? – kaum daß Maximow seinen Dienst neu angetreten hatte, da hatte er auch schon den Befehl in der Tasche, der einer Auszeichnung gleichkam: sich nach Kiew zu begeben, um dort einen Mord – oder war's ein Selbstmord? – aufzuklären.

Ja, Maximow war froh, war wirklich seelensfroh. Um so mehr, als er bei seiner offiziellen Rückkehr von seiner angeblichen Krimreise bemerkt zu haben glaubte, daß die verschiedensten Personen seiner Bekanntschaft ein sehr sonderbares Lächeln für ihn parat hatten. – In diesem selben Kupee noch, während der Train wie auf Gummirädern rollte, stieg's heiß in ihm auf: Sollten die allzusamm irgendwie Verdacht geschöpft haben? Verd –! Und nun um ihn und Sonja genau Bescheid wissen? In diesem Augenblick wie in manchen vorhergehenden, seit er wieder im Dienst sich fühlte, haßte er Sonja schier! Diesen – diesen – die – die – diesen Betthasen . . . – Und war eiliger noch abgereist, als es der Dienst geboten hätte!

Nicht natürlich ohne vorher noch diese zwei Dinge schnellstens zu erledigen. Erstens einmal – da nur Markows Sonja richtig kannten, sie allein also die Möglichkeit besaßen, das junge Mädchen auszuforschen, so sollte auf seinen Wunsch die Kleine den in der letzten Zeit ohnehin stark vernachlässigten Verkehr mit ihnen für diese Kiewer Zeit wenigstens gänzlich abbrechen. Und zweitens einmal – Sonjas neuer Wirtin befahl er, auf das schärfste aufzupassen.

Sonjas Augen aber waren derweil – vor soviel Eile und immer nur fort fort fort fort trachten! – wie mit einem ganz feinen Häutchen überzogen gewesen.

»Ich . . . ich . . . ich kann nicht weinen –«

»Immer nur fort! fort! fort! fort! fort!«

»Ich . . . ich . . . ich kann nicht weinen –«

Maximow war froh, so froh, so seelensfroh wie einer, der einer unangenehmen Sache kurz vor'm Augenblick des Ausbrechens einen Aufschub auf lange hinaus doch noch – grad' wie eine Schlappe – beibringen konnte.

Dieser Betthase, dieser Betthase, dieser Betthase, dieser Betthase – sang ihm der Train. Und darüber schlief er ein. Ein sehr medisantes Gesicht einer seiner Bekannten malträtierte ihn im Traum und ließ ihn wieder aufwachen. Und wach aber sagte er sich dann wieder, daß er froh sei, seelensfroh . . .


Seine sieben, acht ersten Briefe aber aus Kiew, die waren dann so fiebernd-eifersüchtig allgemein gehalten, daß den neunten oder oder zehnten Tag ein Schreiben Sonjas kam:

Sie – Sonja – hielt's nun nimmer und nimmer aus: Eine liebende Natur wie sie möchte doch auch etwas Detailliertes von derselbigen Kiewer Aufgabe wissen – möchte daran teilnehmen als an etwas, das des geliebten Mannes Sinnen und Trachten doch mindestens 18 von 24 Stunden eines jeden Tages voll und ganz in Anspruch nehme! Womit sie übrigens keineswegs auch nur wieder eifersüchtig geschrieben haben wollte, so wie andere Weiber schreiben und wie Maximow selber schriebe: »Was tust du und was treibst du dort den ganzen Tag?« – total unbegründete Eifersüchteleien, die die Adressatin sowohl wie auch den Adressanten in hohem Maße ungerecht quälen würden – sondern womit sie verstanden werden wolle, so wie sie es als wirklich liebende Natur gemeint habe.

Und diese Wirkung war eine so blitzartige, wie es die Postverhältnisse nur erlaubten.

Welcher Brief Sonjas uns übrigens als ein rechtes Dokument mitfühlendster Weiblichkeit dünken würde, wenn – – ja, wenn Sonjas Augen damals nicht wie mit einem ganz feinen Häutchen überzogen gewesen wären.

Wir wollen dem Gang der Geschehnisse nicht unnötig vorgreifen, aber soviel sei immerhin verraten, daß dieser Brief Sonjas auch noch etwas anderes als ein rechtes Dokument mitfühlendster Weiblichkeit gewesen sein kann.


Und so gelangte denn nun an Sonja eine ganze Reihe von Briefen, die wir aber keineswegs alle hier abdrucken wollen. Haben wir doch mit unserer russischen (und vielleicht gerade deswegen auf unsere eigene Veranlassung eingestampften) Ausgabe da eine bittere Erfahrung gemacht. – Genauer ausgedrückt: es war in jener russischen Ausgabe auch für den Leser (nicht nur für den Detektiv selber) ein Verwirrendes, diese ganze Mordaffäre ungleich mehr mit den Augen des eifersüchtigen Liebhabers denn mit den Augen des besonnenen Detektivs gesehen und danach geschildert zu erhalten.

Möge jeder einzelne Leser sich diese Tatsache lieber in seiner Phantasie grad soweit rekonstruieren als er es für just noch nicht verwirrend und – auf die Dauer nicht gerade für langweilig findet: chacun à son goût.

Das mag für den Leser schwer sein – uns ist es dadurch leichter.

Und deckt sich übrigens glänzend mit der von uns eingangs aufgestellten Behauptung: »Man kann's dem Lesepublikum nicht schwer genug machen, noch dazu wenn es dem Autor dadurch leichter gemacht wird.«

(Intermezzo.)

Die Verhaftung des Grafen Studnitski wegen Mordverdachts erregte weit über Kiew hinaus ungeheuerliches Aufsehn. Und da in den Adern des Angeschuldigten polnisches Magnatenblut rollte, so sah man ihn vielfach nur als das neueste Opfer russischer Regierungsintrige an.

Der Graf Studnitski hatte seit Jahren eine gewisse Tatiana ausgehalten. Das von Tatiana allein bewohnte zu ebener Erde gelegene Logis bestand aus Schlafzimmer, Salon, Eßzimmer, Badekabinett und Küche. Ihre beiden Dienstboten – Köchin und Stubenmädchen – hatten die Dachstube über drei Stiegen inne. Eine elektrische Klingel führte aus der Wohnung bis zu ihnen hinauf. Außer diesen drei Personen schlief niemand im Hause. Alle übrigen Lokalitäten dienten zu Bürozwecken.

Der Graf Studnitski hatte – nach seiner eigenen Aussage – an dem kritischen Abend gegen 10 Uhr wie gewöhnlich Tatiana besucht. Und Haus und Wohnung so wie stets auch diesmal mit seinem Schlüssel geöffnet. Er fand die Freundin im Salon mit Briefeschreiben beschäftigt.

Sie wechselten einige gleichgültige Worte. Wobei ihm nichts Außergewöhnliches aufgefallen. Tatianas Benehmen verriet keinerlei Nervosität oder sonstige Aufregung. Und da er, der Graf Studnitski, schläfrig gewesen, so hatte er sich entkleidet und war zu Bett gegangen. Sie – sie wollte erst noch die Korrespondenzen erledigen und dann nachkommen.

Irgend etwas schreckte den Grafen auf. Er hatte längst fest geschlafen. Nun rief er Tatiana. Erhielt aber keine Antwort. Im Nebenzimmer brannte noch Licht.

Er begab sich dahin. Und zu seinem sprachlosen Entsetzen lag da die Freundin vor dem Schreibtisch tot am Boden. Und daneben der Revolver. Er – der Graf – meldete das Vorgefallene sofort telephonisch der Polizei. Und zur selbigen Zeit auch weckte er vermittels der elektrischen Klingel die Dienstboten.

Nach dem Motiv der Tat befragt, gab der Graf an: es sei ihm alles miteinander vollkommen unbegreiflich. Nur plötzliche geistige Störung könne es gewesen sein. Denn er und Tatiana hätten sich doch so sehr geliebt und wären so glücklich miteinander gewesen! Nur plötzliche geistige Störung also – wie gesagt. Tatiana hätte ja auch wiederholt Anfälle von religiösem Wahnsinn gehabt. Wo sie dann permanent geistliche Lieder singen, unmotiviert weinen und sich geißeln konnte bis aufs Blut. Wie die Striemen an ihrem Körper übrigens beweisen könnten. Unter solchen Anfällen, da konnte sie auch zuweilen Selbstmordgedanken äußern. Den Revolver? den wisse er schon lange in ihrem Besitz! nur wo und von wem sie ihn einst gekauft haben mochte, das sei ihm durchaus nicht bekannt.

Die zwei Dienstboten – als die dann vernommen wurden: Selbstmordabsichten sowie auch Spuren religiösen Wahnsinns – von so etwas hätten sie nie an der Herrin auch nur das geringste bemerkt. Schuß? war von ihnen (wie vom Grafen) nicht gehört worden; erst das Klingeln (des Grafen) hätte sie geweckt. Revolver? nie von allen beiden im Besitz der Herrin gesehn.

Und sowie all dieses die beiden Dienstboten, wenn auch getrennt, vollständig übereinstimmend aussagten – so auch noch: daß der Graf, da sie herunterkamen, vollständig angekleidet gewesen wäre.

Des fernern: ihren Wahrnehmungen nach hätten die Herrschaften ja wohl glücklich miteinander gelebt. Und die Tat, die erscheine auch ihnen beiden unbegreiflich. Um so mehr als Tatiana noch in der allerletzten Zeit die verschiedensten Pläne, was Neuanschaffungen für den Haushalt usw. usw. anging, nicht nur einmal, sondern viele Male geäußert.

Der Amtliche Bericht: – 4 Uhr 20 Minuten morgens der Selbstmord telephonisch mitgeteilt – Schlag 5 Uhr Polizei in Begleitung eines Arztes am Tatort erschienen – Graf und die beiden Dienstboten anwesend – Leiche vor dem Schreibtisch auf dem Boden – Revolver daneben. – Weiter: – Der sofort vorgenommene ärztliche Befund gibt die Möglichkeit eines Selbstmordes zu – die vielen Striemen und Narben, die den ganzen Körper bedecken, verschiedenen sowohl älteren wie auch jüngeren Datums – das Mädchen zweifelsohne häufig mißhandelt worden – der Tod vor ca. fünf Stunden erfolgt. –

Auf dem Schreibtisch ein Abschiedsbrief: »Verzeiht, liebe Eltern, doch ich konnte nicht anders! – Euere unglückliche Tochter!«

Trotz dieses Schriftstücks aber erschien der Polizei die Angelegenheit ziemlich mysteriös. Man rief den Untersuchungsrichter. Und der traf gegen 8 Uhr ein.

Die Aussagen der Dienstboten und der ärztliche Befund waren Studnitski natürlich unbekannt, denn die Polizei hatte selbstredend jede Person einzeln im Speisezimmer verhört. Und die Beamten, die hüteten sich wohlweislich, den Grafen auf die Widersprüche aufmerksam zu machen.

Und auch dem Untersuchungsrichter kam – nach Einsicht in die Protokolle und nach Abnahme des polizeilichen Rapports – die Sache ziemlich verdächtig vor. Die Wohnung wurde genau besichtigt. Das Bett schon gleich, das schien unbenutzt und nur wie mit Absicht zerwühlt. Und alle Gegenstände in Schränken wie in Schiebladen sehr durcheinandergeworfen. Und auch alle Bilder, Teppiche und Möbel verschoben.

Schmucksachen und Geld hingegen alles unberührt jedes an seinem Platz. Kein Dieb also. Und aber auch Tatiana konnte unmöglich als Anrichterin all dieser Unordnung in Betracht kommen. Denn wenn die wirklich vorher noch nach etwas Verlegtem gesucht hätte – so sucht man gemeinhin doch nicht dann hinter Bildern und Möbeln! – Und dieser Punkt erinnerte die Polizei grad zur rechten Zeit noch, daß das Gerücht ging: Der Graf habe Tatiana in England geheiratet – doch wollte der Graf, daß das strengstes Geheimnis bliebe. Wie? wenn nun Tatiana das nun auf einmal nicht mehr gewollt, und sich des Trauscheins glücklich bemächtigt hätte, eine Pression auf den Grafen damit auszuüben und der Graf sie dann nur ermordet hätte, um sich des Trauscheins neu zu bemächtigen, und ihn dann aber nicht oder erst hinter einem Bild, unter einem Teppich oder hinter einem Möbel gefunden.

Eine Hypothese? – Ei gewiß nun freilich vorläufig wenigstens nichts als eine Hypothese – indes – – – –

Indes, eine Hypothese, die immerhin manches, ja, die immerhin vieles – – – –

Aber, um nur dies Eine zu nennen, der ärztliche Befund mit seiner Möglichkeit des Selbstmordes! – Eine Möglichkeit eines Selbstmordes ist noch lange kein Beweis, daß ein solcher dann unbedingt vorliegen müsse! Nein nein. Ein solches Gutachten kann schließlich nur sagen, daß nach dem Schußkanal und der aus der mehr oder minder starken Verbrennung des Einschußwundrandes berechneten Entfernung der Waffe vom Körper im Augenblick der Entladung zu urteilen, u. a. auch die physische Möglichkeit bestehe, wie daß Tatiana die Waffe selber abgedrückt habe.

Nichts weiter.

Aber diese Behauptung des Grafen hingegen, er habe unmittelbar nach der Tat an die Polizei telephoniert – während der nach 40 Minuten erschienene Doktor feststellte: daß der Tod seit ca. fünf Stunden eingetreten sein müsse . . .!

Was sagt man dazu?

Während jener fünf bzw. vier Stunden und zwanzig Minuten hatte der Graf allenthalben das Papier gesucht, denn eine solch günstige Gelegenheit kehrte voraussichtlich niemals wieder!

Was den Untersuchungsrichter dann auch gleich noch der Ansicht machte: daß auch der angebliche Abschiedsbrief Tatianas an ihre Eltern – von Graf Studnitskis Hand herrühren müsse!

Kurz und gut: der Verdachtsmomente waren zuviele. – Die Striemen am Körper des unglücklichen Mädchens, die nach ärztlichem Befund nicht von eigener Hand herrührten – wie roh mußte der Graf mit der Geliebten umgesprungen sein! Und der religiöse Wahnsinn? – ein Märchen! – Auf all diese Verdachtsmomente hin erfolgte Graf Studnitskis sofortige Verhaftung. Aber trotz der sogleich vorgenommenen Körpervisitation ward der Trauschein nicht bei ihm gefunden. Und die Haussuchung – verlief ebenso resultatlos.

Offenbar hatte er das Papier bereits vernichtet.

Dann opponierten Graf Studnitski wie seine Verwandten sehr energisch gegen die ihrer Behauptung nach gänzlich ungerechtfertigte wie überdem noch äußerst schikanös geführte Untersuchung. Und wandten sich wiederholt mit telegraphischen Beschwerden direkt an den Minister. So daß aus diesem Grunde wohl – trotz der scheinbar bewiesenen Schuld ein »Beamter zu besonderen Aufträgen« abkommandiert wurde.

Welcher kein anderer als – Maximow.


Und Maximow war bald ebensosehr überzeugt, daß der Untersuchungsrichter irrte, wie er überzeugt sein wollte, daß der Untersuchungsgefangene log.

Eine Doppel-Überzeugung übrigens, wie sie Beamte zu besonderen Aufträgen gern schon von St. Petersburg mitzubringen belieben. Denn wenn ein Untersuchungsgefangener die Wahrheit sagt, dann braucht ein Untersuchungsrichter nicht recht viel länger mehr zu irren und umgekehrt, wenn's schon einmal so lange angestanden hat, daß ein Untersuchungsrichter nicht mehr irrt, dann steht's auch nicht mehr lange an, daß der Untersuchungsgefangene die Wahrheit sagt. Was nebenbei ein Scherz ist, der sogar Sonja für einige Augenblicke erheiterte, da Maximow ihn ihr schrieb.

Maximow war der Ansicht, daß von einem fortgesetzt roh mit dem Mädchen umspringen, was dann schließlich gar mit Mord enden sollte, keine Rede sein konnte. Dieses ganze Liebesverhältnis hatte vielmehr auf sadistischer Grundlage basiert. Die Striemen am Körper der Leiche bewiesen es. Selbstverständlich war dieses perverse Moment vom Untersuchungsrichter um so mehr nicht geahnt worden als Graf Studnitski es – mit allen Mitteln – verheimlichte.

Brachte man die einzelnen Punkte auf diese allein richtige Basis zurück, so erstand vieles in wesentlich anderem Licht. Daß Tatiana an religiösem Wahn litt, das behauptete der Graf z. B. nur, um die Entstehung der Striemen einigermaßen plausibel zu machen.

Auch daß seine Angaben über den Zeitpunkt des Todes von den Feststellungen des Arztes abwichen, erschien so eher begreiflich. Nach dem »Selbstmorde« mochte der Graf getrachtet haben, alle Briefe, die einen Aufschluß über die Art des Liebesverhältnisses gegeben hätten, zu beseitigen. Und dazu braucht man wohl Zeit. Und daß er bei dieser Haussuchung dann so gründlich vorging, das ließ sich wohl teilweise auf große Überspanntheit zurückführen.

Sadisten sind eben anormale Menschen. Der Tod (sagen wir immerhin Selbstmord) des Mädchens erfolgte zweifelsohne bald nach Graf Studnitskis Kommen, und zwar zu einem Zeitpunkt, da er noch gar nicht gedacht hatte, sich schlafen zu legen. Darum die Darstellung, als ob er erst 4 Uhr 20 durch den Schuß aufgeweckt worden – und darum das verwühlte Bett: er hatte all die Zeit und darum auch vollständig angekleidet, wie die Dienstboten aussagten – nach Briefen und anderen Dokumenten gesucht.

Übrigens – was sollte es denn so gar unmöglich sein, daß Tatiana einen Revolver besaß – und diesen Umstand aber den Dienstboten absichtlich verschwieg. Das Halten von Schießwaffen ist in Rußland ohne spezielle schwer zu erlangende polizeiliche Erlaubnis strengstens verboten, und jede Übertretung wird ebenso streng geahndet. Und dieser Toten, das stand fest, war nie eine Waffenlizenz ausgestellt worden.

Den Abschiedsbrief des Mädchens, den hielt Maximow für echt. Und auch sonst glaubte er nicht recht, daß Graf Studnitski die Geliebte ermordet habe. Das psychologische Moment hiezu fehlte gänzlich. Aus welchem Grunde sollte er ein Wesen, das all seine perversen Launen willig ertrug und ihm zu ersetzen daher schwer fallen mochte, erschossen haben. Ja, was denn für eine andere gab sich denn gleich wieder zu sowas her?!

Die Annahme des Untersuchungsrichters, daß das Mädchen den Grafen chantagierte und dieser sie deshalb beseitigte – diese Annahme schien Maximow unbedingt falsch. Damen diesesFsieben Metiers pflegen bei »Szenen« nicht gerade allzu feinfühlig zu sein und solche Erpressungen verlaufen nie ohne heftige Auftritte. Also hätten die Dienstboten dann unbedingt etwas merken und ihre Aussagen über das glücklich miteinander leben der Herrschaften doch ziemlich anders lauten müssen.

Maximow ließ Tatianas Abschiedsbrief photographieren und die so gewonnene Reproduktion stark vergrößern. Eine starke Vergrößerung läßt den Unterschied – ob eine Schrift echt oder gefälscht ist – stark zutage treten. Und durch dieses Verfahren wurde die Echtheit des Abschiedsbriefes zur Evidenz festgestellt. – Zwar gibt es einzelne Fälscher von Profession, die eine Schrift so lange studieren, bis sie sie dann wirklich geläufig schreiben. Doch sind solche Verbrechergenies also selten, daß man in der Praxis kaum mit ihnen zu rechnen braucht.

Aber die chemische Untersuchung ergab dann: daß das Schriftstück bereits zirka – – vier Wochen alt, also zumindest zwanzig Tage vor ihrem Tode von Tatiana angefertigt worden sei! Und so verständlich Maximow es schien, daß Selbstmörder Abschiedsbriefe an ihre Angehörigen hinterlassen – so unbegreiflich war ihm, besonders bei einer Dame, der Umstand, daß sie ein Schreiben solchen Inhalts schon zwanzig Tage vor der Tat verfaßt haben sollte! Dunnerlittchen! . . . in solchen Schreiben will man doch gemeinhin seinen unmittelbar letzten Gefühlen Ausdruck geben – und sollte bei dieser perversen und schon deshalb hypernervösen Person der Seelenzustand stets derselbe geblieben sein? Und wenn schon unerklärlicherweise ja – unterschätzte sie dabei so ganz und gar die Gefahr, das Schriftstück lang vorher schon irgendwie zu verlieren usw. usw.? – Maximow hatte bis jetzt stets angenommen, Tatiana konnte sich nur in einer augenblicklichen Überspanntheit erschossen haben. Und nun auf einemal – wie von langer Hand vorbereitet? Das war ihm unbegreiflich. Sollte also trotz des echten Abschiedsbriefes dennoch ein Mord und kein Selbstmord mehr in Frage kommen? Dann bildeten aber sadistische Motive, da an der Leiche sonst keine Verstümmelungen wahrnehmbar, jedenfalls nicht die Grundlage!

Herrgott, Herrgott! da war er nun richtig in einem Kreis gelaufen und stand nun wieder da, wo er zu allem Anfang gestanden!


Hier festzustellen, ob Selbstmord oder Verbrechen, verflucht nochmal! hielt das doch schwer! – Maximow wollte, durch eine spanische Wand verdeckt, einem Verhör des Angeschuldigten beiwohnen. Aber da erwies sich der Untersuchungsrichter gänzlich unfähig. Dessen Taktik bestand lediglich darin, den Grafen Studnitski anzubrüllen. Und natürlich schwieg dieser dann verbittert . . .

Damit war es also nichts. – Aber dafür förderten – unter Maximows Leitung – die polizeilichen Erhebungen weitere interessante Neuigkeiten zutage.

Als wie:

Vor der Bekanntschaft mit dem Angeschuldigten hatte die bereits recht verlebte Tatiana ihr Dasein – man muß schon sagen recht kümmerlich gefristet; und erst von da ab – also von der Bekanntschaft mit dem Grafen – großen Luxus getrieben. So sehr, daß ihre Ausgaben in keinem Einklang zu Graf Studnitskis Einnahmen standen und die Vermögensverhältnisse des Grafen daher recht zerrüttet wurden.

Ferner:

Das Gerücht von der Eheschließung in England der beiden schien unwahr. Alle Recherchen hierüber verliefen gänzlich resultatlos. – Weder wußten frühere Bekannte des Angeschuldigten noch solche der Ermordeten etwas von perversen Neigungen der beiden. Vielleicht bestritten sie aber auch nur diese Kenntnis, um sich nicht selber zu kompromittieren. – Graf Studnitski jedenfalls, der galt bei den Damen der Halbwelt, die er vor der Zeit mit Tatiana stark frequentierte, als ziemlich geizig. – Wo der Revolver, mit dem der Selbstmord oder Mord verübt wurde, gekauft sein konnte, ließ sich nicht ermitteln. – Der Versuch, Zeugen zu eruieren, die den Schuß etwa gehört haben konnten, schlug fehl . . .

Allgemein hingegen herrschte die Ansicht, daß Graf Studnitski und Tatiana, seit sie sich kannten, einander stets die Treue bewahrt.

Und auch diesbezügliche polizeiliche Erhebungen gelangten zu keinem entgegengesetzten Resultat.

Die Bemühungen Maximows, der nun schon schier drei Wochen in Kiew weilte, einen positiven Beweis für die Schuld – oder die Unschuld des Angeschuldigten zu erbringen, blieben erfolglos. Und unsers Helden Laune war daher die denkbar miserabelste. – Ewig konnte man doch nicht, gestützt nur auf die paar schwachen Indizien, die Untersuchungshaft aufrecht erhalten! Die Sache aber, die soviel Staub aufgewirbelt, nunmehr einfach im Sande verlaufen zu lassen – das hielt ebenfalls wer weiß wie schwer!

Tja tja tja tja, das hielt ebenfalls wer weiß wie – wer weiß wie schwer – – – – Na und dann noch obenein diese – diese Sonja!!

Vier – fünf – sechs – nein, sieben – — – nun an die sieben Tage keinen Brief mehr . . .!

Das fehlte gerade noch! – Wie? »fehlte«?

– Nein! Vielmehr. –

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