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Leben Taten und Meinungen des sehr berühmten russischen Detektivs Maximow

Heinrich Lautensack: Leben Taten und Meinungen des sehr berühmten russischen Detektivs Maximow - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorHeinrich Lautensack
titleLeben Taten und Meinungen des sehr berühmten russischen Detektivs Maximow
publisherEdition Sirene
year1991
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Das erste Buch

Das erste Kapitel

(Nachdem wir aus dem reichen Material, das uns vorliegt, mit ziemlichem Talent – wie wir uns schmeicheln – denjenigen Punkt ausgewählt haben, an dem die Geschichte – nach ein paar einleitenden Worten nur – sogleich einsetzen kann, fassen wir den ganzen verbleibenden Rest des Kapitels unter diesem neckischen Schlagwort zusammen:
Rekonvaleszenz und Liebe.)

Von allen den »Beamten zu besonderen Aufträgen im Ministerium des Innern zu St. Petersburg« war Maximow einer der eifrigsten; und – nicht nur wegen dieses seines Eifers – einer der erfolgreichsten. Bei seinen Vorgesetzten sehr gut angeschrieben, bei seinen Kollegen und Untergebenen – trotzdem – nicht minder beliebt, schien ihm eine sehr, sehr glänzende Karriere gesichert. – Aufrichtige Betrübnis mußte daher im gesamten Ministerium die Nachricht hervorrufen: Maximow – der mehr denn gewiegte Kriminalist – in Odessa – wohin zur Lösung eines besonders schwierigen Kriminalfalles abkommandiert – meuchlerisch überfallen – lebensgefährlich verwundet. – Ja, einmal u. a. gar wollte man wissen – »tot« – –

Indes, eine selten glückliche Natur – wir übersetzen diese Stelle aus einem schier einstimmigen Bericht aller Blätter Wort für Wort – trug schließlich den Sieg davon; und nach etwelcher Zeit konnte Maximow – spaltenlang begrüßt – nach St. Petersburg zurückkehren.

Ärztliches Zeugnis drang auf halbjährigen Urlaub. – Nunmehr flossen dem Rekonvaleszenten die Tage ruhig und angenehm dahin. Unser Maximow trieb Studien – mit Muße; aß ausgesucht – mit Muße; und pflegte Theater und Gesellschaften – Genüsse, die er in den kleinen unzivilisierten Nestern, dahin der Dienst ihn so oft verschlug, schmerzlich entbehrt hatte. O über das Gefühl, einmal ganz Herr seiner Zeit zu sein . . .!

Und namentlich die Damen (wie ja wohl vorauszusehen war) huldigten ihm nun – eine jede auf ihre Weise (was dann gleichwohl ein wenig uniform ausfiel). War er quasi doch Mode geworden. – Herren entwickeln in solchen Fällen meist eine Art, die außer einem Händedruck nicht viel mehr zu sagen weiß als: »Sie müssen uns – gelegentlich – mehr von allem erzählen« – oder gar nur: »Die Gazetten haben ja ziemlich ausführlich darüber geschrieben – Sie Glücklicher« –; je dennoch bei der Damenwelt erregte seine heldische Tapferkeit anläßlich jenes Odessaer Attentats – er hatte, obgleich längst und schwer verwundet, doch noch die beiden Meuchlerischen niedergeschossen – die weitgehendste Bewunderung.

Wobei ihm freilich dieses noch sehr zustatten kam: daß Maximow entschieden ebenso hübsch wie elegant genannt zu werden verdiente. Die Nähe des hübschen Elegants und eleganten Hübschlings machte in den Damen jenes wollüstige perverse Grauen sich rühren, das sonst nur der Anblick eines Tigers in sicherem Käfig gewährt. Das war aus weiblich Augenwinkeln jäh ein Blitzen und hart unterm Decolleté-Rand ein Brustwarzen-Sichspitzen: An deinen Händen – du – klebt Blut. – – –

Wie Maximow dazu sich verhielt? Politisch – mit einem Wort. Er verfuhr – allen Verehrerinnen gegenüber – vor der Öffentlichkeit heißt das – gleich höflich und korrekt. Und versuchte eine einmal, ihn bei einer Gesellschaft gänzlich mit Beschlag zu belegen, da konnte er – über die Gebirge etwa auf dem Mond – so lange einen Vortrag halten, bis die Bedrängerin gelangweilt den Rückzug antrat.

Nicht daß er einem Keuschheitsbunde angehört hätte, unser Maximow. – Diese scheinbare Kälte und Zurückhaltung, sowie ein anderes sich erhitzte und sich selber gar nicht mehr zurückhalten konnte oder wollte, dieses wirkte erst recht aufreizend – und sollte es z. T. wohl auch. So daß – unter dem Vorwand, juristischen Rat sich zu holen – keine kleine Anzahl von Damen ihn in seiner Wohnung aufsuchte. Und da – – und dann – – nein, nein Maximow, der war viel eher das Gegenteil von prüde. Nur: er genoß eine Frau gern mit derselben ruhigen Selbstverständlichkeit, mit der du ein gutes Glas Wein trinkst. Und – daß du dabei nicht stets von der gleichen Marke dir wünschest – darin kamen ihm ja die Damen in ihrer Unterschiedlichkeit ebenfalls entgegen. – Eins aber muß bei alledem sehr betont werden: Der ganzen Gattung dieser modernen leichtlebigen Frauen galt seine Liebe – keiner einzlen.

Was wiederum mehr seiner Politik denn seinem Naturell von Haus aus entsprang. (Von jenem gegenwärtigen rekonvaleszenten Körperzustand nicht zu reden; denn unser Rekonvaleszent schien sich tatsächlich einer »selten glücklichen Natur« zu erfreuen.) – Maximow – immer unter der Maske, nur der Gesellschaft und dem Vergnügen zu leben – versuchte es nicht nur, sondern verstand es wirklich meisterhaft: Verbindungen anzuknüpfen, die seinem Avancement dienen konnten. Nicht nur die Petersburger Damen aber betrachten alle unverheirateten hübschen eleganten Männer als ihr Allgemeingut, das vorübergehend einer jeden, dauernd indes keiner einzigen zugehören soll – als einen Wanderpreis, höchstens auf Wochen, lieber aber nur auf Tage. Und nichts nehmen nicht nur die Petersburgerinnen einem jungen Mann so übel, als wie wenn er sich in Fesseln begibt und dadurch allen zugunsten einer einzigen verloren geht. Der kluge junge Beamte, der Karriere machen will, achtet dieses ungeschriebene Gesetz; und es geht eine Variante von einem Sprichwort: Frauengunst zwar baue den Beamten Häuser, Frauenhaß aber reiße sie mit verdoppelter Sicherheit nieder . . .

Nein nein nein nein; Maximow besaß neben vielen anderen Talenten noch dieses eine Talent: in Wollust nicht zu erschlaffen, sondern vermittels Wollust sich zu – – trainieren.

Geistig wie körperlich.


Gleichwohl (liegt uns doch nichts ferner, als unsern Helden – und wenn auch nur sexual – zu einer Art Übermensch zu stempeln) . . . gleichwohl versagt eine jede Fähigkeit irgendeinmal. Droht zumindest zu versagen. Und signalisiert dieserhalb (also weise ist die Natur) dieses Bedrohliche irgendwie. – Dabei kann ein solches Signal entweder sofort sehr richtig verstanden oder – wenn auch unabsichtlich – bös falsch ausgedeutet werden. Je nachdem. – Das Letztere – etwas wie einen ahnungslosen Selbstbetrug – sind wir geneigt, bei Maximow anzunehmen.

Daß dieser bei den vielen Damen doch nie den Erobernden, sondern stets nur den Eroberten zu spielen bekam (auf Haarspaltereien wie: »Aber ich wollte mich ja doch erobern lassen!« gehen wir lieber gar nicht erst ein) – das hatte er über einer gewissen Eitelkeit, schlechthin der umschwärmteste Punkt zu sein, total vergessen. Und indem er noch dazu (es ist ein Heikles, darüber zu reden – gewiß doch; allein es dünkt uns ein ungeheuer Wichtiges, dieses Thema zum wenigsten zu streifen) . . . indem er also noch dazu – liebes-physikalisch genommen – bei all den amoureusen Strapazen bislang einen solchen Widerstand aufgebracht hatte, daß der eigentlich nur nach Pferdekräften auszurechnen ginge, so erhöhte sich die vorhin erwähnte an sich schon nicht geringe Portion Eitelkeit dadurch noch um ein gar Erhebliches. Also daß die Situation nun diese war: Maximow hätte einen jeden einfach ausgelacht, der ihm da von einer höchstbaldig eintretenden (eintreten müssenden) Reaktion auf diese letzten sechs oder sieben Wochen gesprochen hätte. Einfach brutal ausgelacht. Er glaubte nun einmal an keine Reaktion in irgendwelchem Betracht. Er hätte um keinen Preis daran geglaubt, daß sein durch Passivität malträtierter Körper es etwa satt hatte, immer nur diesen Passiven zu spielen (worauf er – Maximow – als auf ein Zeichen von immer noch genügend gesunder Männlichkeit im übrigen doch gewißlich hätte stolz sein können); um wieviel weniger noch war er gar geneigt gewesen, anzunehmen, wie daß sein leiblicher Zustand ein solch gesundes Reagens etwa nur posieren würde, um eine nahende Impotenz von sich selber wegzulügen (eine entschieden viel ungesundere Machenschaft). – Ach, der Detektiv in seiner übermäßig gestrafften Eitelkeit (»Eine wie so breite Brust ich doch kriege!« sagte er des öftern sich blähend und gebläht zu seinem Diener) ahnte nicht, daß seine körperliche Konstitution etwas wie eine – – – Bilanzverschleierung vornahm!

Ach, ach, unser Detektiv hatte jenes Signal, von dem weiter vorn die Rede war, eben total mißverstanden! – Beweis? – Diese folgende Meditation, die er auf dem Weg zum Hause seines Kollegen Markow anstellte – Zigaretten schmauchend, die ihm zu schwer wurden, in seinen schweren Pelz eingemummelt, der ihm heute zu heiß zu werden schien –:

»Wirklich! Das muß man sagen: ich bin zu sehr an ernste Arbeit gewöhnt, um auf die Länge dieses faule, dieses nur dem Genuß und der Intrige gewidmete Dasein zu goutieren. Und ich fühle es ja auch, ich fühl's – wie ich mich nach den Aufregungen und Strapazen des Dienstes förmlich sehne.«

»Übrigens, das Petersburger Leben zirkuliert schnell . . . man jagt, man hascht stets nach etwas Neuem und Sensationellem; ich will mich daher zurückziehn, solange ich noch der gefeierte Held bin . . . schon um nicht Gefahr zu laufen, daß ich vorher aus der Mode komme. – Für den Zweck, Karriere zu machen – hab' ich da nicht genügend Verbindungen bis jetzt angeknüpft, Verbindungen, die durch längeres Verweilen mir höchstens wieder verloren gehen könnten –?«

»Im Gedächtnis deiner Bekannten, mein lieber Maximow, bleibt die gesellschaftliche Stellung haften, die du bei deiner Abreise einnahmst. Gehst du jetzt, so bist du bei deiner Rückkehr noch genau die berühmte Persönlichkeit – und auf ein Neues stehen dir alle Türen offen. – Da die »Beamten zu besonderen Aufträgen« eigentlich stets unterwegs sind, so komm' ich, wenn ich wieder Dienst tue, selten und auch dann nur für ein paar Tage nach St. Petersburg; und diese Zeit genügt, die Beziehungen aufrecht zu erhalten, in demselben Maße, in dem sie zu knapp bemessen ist, die nützlichen Verbindungen durch Überdruß lockerer zu machen.«

»Also weiß ich, was ich tu!« sagte Maximow bei Markows angekommen, zu seinem Freunde Markow: »Ich geh von dir dann stracks zu meinem Arzt, mir auf eine letzte rein-förmliche Untersuchung hin das Gutachten zu verschaffen, daß ich meinen Dienst lang vor Ablauf meines Urlaubs wiederanzutreten imstande bin!« und war so froh, seines Pelzes heut' ledig zu sein, wie er glücklich sein wollte, den Urlaub loszuwerden.

Der aber, der sein Freund Markow war, versetzte nichts als: »Sie ist natürlich wieder da!« Woraus jeder Halbeingeweihte – aus dem mürrischen Ton allein schon, mit dem das vorgetragen wurde – auf der Stelle wußte, daß damit nur Sonja gemeint sein konnte.

»Sonja?« – Und etwas zwang Maximow in demselbigen Augenblick zu diesem Namen hinzuzusetzen: »Diese arme Kleine kann einem zwiefach leid tun! Erstens darum, daß du sie überhaupt nicht riechen magst; und zweitens darum, daß ich sie – wenn ich schon einmal in Laune bin – nichts als ärgere.«

Aber da wurde Markow gradaus wütend: »Nun, so ärgere sie doch – meintswegen – von nun an nicht mehr!«

»Ich glaub'« versetzte Maximow; »ich glaub' wahrhaftig, ich hab' sie immer nur geärgert, um dir damit eine Freude zu machen!«

»Und selbst dies Bißchen soll nun ein Ende haben?« ergrimmte Markow nur noch mehr.

Aber da trat Sonja ein. – Maximow, der fast täglich im Hause seines Kollegen Markow verkehrte, kannte dieses junge Mädchen aus der Provinz (aus Wassilkow? ja! Richtig! drei Stunden von Kiew!), das von seinen Eltern (sehr schlichten Bürgersleuten) nach St. Petersburg zur Absolvierung der Musikakademie geschickt und eine Freundin der Frau des Markow war . . . Maximow kannte dieses junge Mädchen schon lange. Trotz ihrer großen schlanken Figur konnte man »die arme Kleine« nicht als hübsch bezeichnen; und auch besonders amüsant zu sein, war ihr letzter Fehler. Obgleich er es wie gesagt sehr häufig bei Markows traf, beachtete Maximow das junge Ding kaum; neben den vielen pikanten Damen schien es ihm stets nur ein reizloses Gänschen. Bloß manchmal, in Ermangelung eines Bessern, wie auch um Markow eine kleine Freude anzutun, neckte er es; und die ungewandten Antworten machten ihm Spaß. – Was das junge Mädchen anbetraf, so empfand es für den glänzenden geistreichen Kavalier ungleich mehr Respekt als Sympathie.

Heute indes machte Maximow dieser Sonja schier den Hof. Schier den Hof. – Und das geschah nicht so sehr, um Markow damit einen Tort anzutun als . . . als wie . . . als wie vielmehr . . . nun? . . . na??


Ach, ach, ach, unser Maximow wußte es sich selber nicht im geringsten zu erklären!

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