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Leben Taten und Meinungen des sehr berühmten russischen Detektivs Maximow

Heinrich Lautensack: Leben Taten und Meinungen des sehr berühmten russischen Detektivs Maximow - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorHeinrich Lautensack
titleLeben Taten und Meinungen des sehr berühmten russischen Detektivs Maximow
publisherEdition Sirene
year1991
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Der Beschluss des zweiten Buches

Vor der Abreise aus Kiew – Telegramm an Sonjas Wirtin.

Und Sonjas Wirtin war pünktlich zur Ankunft Maximows am Bahnhof.

»Der von Ihnen eingeforderte briefliche Bericht–«

»Schon gut, schon gut! Jener Graf in Kiew hat unerwartet schnell gestanden; also berichten Sie mir nun mündlich auf dem Weg nach meiner Wohnung –«


Sonjas Verhalten nach der Abreise Maximows war ursprünglich ein durchaus korrektes. Sie ging regelmäßig zur Musikakademie und blieb sonst stets zu Hause. – Nur Frau Markow sprach einige Male vor, wurde aber allemal unter dem Vorwand, das junge Mädchen sei ausgegangen, abgewiesen. Dieser häufige Mißerfolg schien diese Dame zu ärgern. Plagte sie doch offenbar eine ganz gewisse Neugierde: die Wahrheit über Maximows Liebesroman, der als Gerücht alle Frauengemüter beschäftigte, zu erfahren. Und schließlich gelang es ihr, Sonja auf dem Wege von der Musikakademie nach Hause abzufangen und – – bald war das vernachlässigte Freundschaftsverhältnis erneuert.

Sonjas Wirtin: Der Kleinen »Traurigkeit« und der Kleinen »Sehnsucht«, das waren gleich von Anfang nur etwas schönere Namen für – Langeweile. Sonja langweilte sich ohne Sie! Also kam ihr jene Entführung durch Frau Markow im Grunde sehr gelegen.

Und gegen meine Vorwürfe verteidigte sie sich mit Argumenten, die mir als ihr von Frau Markow eingeflüsterte vorkamen.

Und später einmal kam Sonja nach Hause und meinte, daß sie nun quasi berühmt sei. Indem daß alle das Wesen zu sehen verlangten, das es verstanden hatte, einen Mann wie Maximow auf so lange zu fesseln! – Und all meine Versuche, ihr das Lächerliche dieser Situation klarzumachen, blieben erfolglos. Sonja wurde gegen mich ganz und gar mißtrauisch und verschlossen und ich war in ihren Augen wohl nichts als eine neidische alte Tunte.


Da tauchte zur rechten Zeit ein Schwindler namens Abendstern auf. –

Maximow: »Abendstern? –«

Sonjas Wirtin: »Der sich als Professor der Graphologie ausgab. Und aus der Handschrift nicht nur den Charakter, sondern auch die Zukunft lesen wollte. – Ich hab' dieses natürlich nicht von Sonja, sondern erfuhr's auf einem andern Wege! – Der Schwindler erfreute sich bald einer gewissen Beliebtheit und Frau Markow gehört sogleich zu seinen eifrigsten Anhängerinnen.«

Maximow: »Also – Abendstern!«

Sonjas Wirtin: »Bestimmt weiß ich nur noch, daß dieser Abendstern häufig in Frau Markows Salon verkehrt. – Über das Weitere weiß ich nichts Positives mehr. Es sei denn, daß dies Gerücht auf Wahrheit beruht: daß eine Dame aus der Gesellschaft Abendstern bestochen haben soll, die Freundin des Maximow für sich zu gewinnen.«

Maximow: »Aus Eifersucht?«

Sonjas Wirtin: »Und wünschend – jawohl – den von Sonja so lang besetzten Platz dann selber einzunehmen.«

Lange Pause.

Der Wagen hielt.

Maximow: »Kommen Sie, bitte, mit herauf –«

Iwan strahlte.

Maximow: »Dann wollte die betr. Dame der Gesellschaft damit also den Status quo wiederherstellen – – – –.«

Sonjas Wirtin: »Welchen status quo?«

Maximow verstummte.

Iwan kam.

Iwan ging.

Sonjas Wirtin: »Sonja zeigte, wie alle verliebten Frauen, diesem Abendstern wohl die Briefe von Ihrer Hand –«

Maximow: »Ich danke Ihnen für Ihre Bemühungen. Ich denke, ich weiß genug.«

Und Sonjas Wirtin ging.


Ob eine von den schönen Petersburgerinnen den status quo nun wirklich wiederherstellen wollte oder nicht – das eine war sicher: Sonja hatte wie alle verliebten Frauen diesem Abendstern die Briefe von Maximows Hand zu deuten und damit sich selber weggegeben. Mit mehr oder weniger Widerstand – gleichviel. Und damit war Maximow in Sonjas Augen zum frivolen Mädchenjäger geworden. Mit mehr oder weniger Selbstüberredung – ebenfalls gleichviel. Und über solchem Einfluß und solcher Selbstbeeinflussung war dann jener Abschieds-, Droh- und Erpresserbrief entstanden . . .

Hier galt kein langes Überlegen. Maximow beschloß, den Graphologieprofessor unverzüglich aufzusuchen. Er stellte sich Abendstern unter falschem Namen vor und trat als gläubiger Klient auf, der Aufschluß über die Zukunft haben wollte.

Und der elegante Besucher zog im Verlauf der Unterredung ein Hundertrubelbillett aus der Tasche und spielte damit. Und durch den Anblick des Geldes, das er für sein Honorar hielt, fasziniert, vergaß der Schwindler jede Vorsicht. Und es entging ihm sogar, daß er die Unterschrift bereits gesehen und – gedeutet hatte. Und das Ende war: daß es einen zweiten edlen Charakter wie den Schreiber dieser Zeilen auf der ganzen weiten Gotteswelt nicht mehr gibt.

Und diese Deutung wurde auf ausdrücklichen Wunsch des Klienten, der angeblich diese Urteil seiner Braut zeigen wollte, von Abendstern schriftlich fixiert, und zwar, um einen jeden späteren Anstreit auszuschließen, direkt auf den Bogen, darauf die Schriftprobe stand.

Und Abendstern überreichte dem Klienten das Gutachten und Maximow bezahlte statt mit dem Hundertrubelbillett mit seinem wahren Namen. Und ließ ihm nur die Wahl zwischen sofortiger Verhaftung oder Einstellung aller weiteren Chantageversuche.

Ein widerwärtiges Gewinsel und die Versicherung hündischster Ergebenheit war die Antwort.


Sonja zu bestrafen, widerstrebte Maximow. Die war mit diesem Schwindler bestraft genug. Erschossener noch als Tatiana!

Und Maximow beschloß, alles Geschehene zu vergessen und – o status quo! – sein Leben seiner Arbeit und . . . seiner Karriere zu widmen.

Doch darüber lese man im Ersten Kapitel des Ersten Buches ein Mehreres nach.


Das Ende des zweiten Buches

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