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Leben Fibels

Jean Paul Richter: Leben Fibels - Kapitel 36
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 6
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleLeben Fibels
pages365
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1812
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Jetzt hatt' er mich selber auf die Bahn zu meinem Reise-Ziel gebracht. »Bester Herr Bienenroder,« hob ich an, »in diesem Heiligengut, das Sie also kennen, hab' ich eben das Leben des seligen Herrn Gotthelf Fibel, der das berühmte Abcbuch gemacht, verfertigt und beendigt, und mir geht nur noch dessen Abgang mit Tod ab.« (Hier lächelte das Herrlein und nickte sehr tief.) »Niemand kann wohl seinen Tod besser wissen als Sie, und überhaupt sind Sie der einzige, der mir seltene Züge aus seiner Kindheit zuschanzen und bescheren könnte, zumal da jede ins kindliche Gehirn geschriebne Geschichte, wie eingeschnittene Namen in einem Kürbis, mit den Jahren größer bis zur Fraktur anwächst, indes spätere Einritzungen bald verquellen. Sagen Sie mir um des Himmels willen alles, was Sie vom seligen Manne wissen; denn in der Michaelis-Messe 1811 muß sein Leben in Nürnberg bei Schrag heraus.«

Er antwortete: »Exzellentes Genie – Literator – Man of Genius – homme de lettres – autor clariss.....« Da ich vermutete, der Greis ziele auf mich: so wollt' ich abwehren; er ließ sich aber nicht halten, denn er hatte sich selber gemeint. »Wie, gesagt,« (fuhr er fort) »für alles dieses und für mehrere prächtige Titel, die ich alle deshalb auswendig gelernt, hab' ich mich zwar sonst gehalten, als ich noch jener verblendete eitle Fibel war, der das gedachte, fast mittelmäßige Abcbuch gemacht und drucken lassen.«.........

Das alte Herrlein ist der selige Fibel! – – Hundertundfünfundzwanzig, ja eintausendachthundertundelf Ausrufungszeichen, hintereinander gesetzt, malen nur schwach mein Verwundern darüber vor, wenn man das stärkere dagegen hält, in welchem jetzt auf diesem Blatte ganze kalte ernste Lager von Literatoren wie Körke aus lange versperrten Flaschen in die Höhe fahren und sich die Hände reiben vor unermeßlicher Freude, daß die Sache so ist. – Beinahe hätt' ich in der ersten Dummheit des Jubel-Sturms große Freude über sein jetziges Deutsch gezeigt und mich verwundert, daß ein Mann wie Fibel, von dessen bearbeitetem Leben ich eben herkäme, so gut spreche. Aber ich kehrte mich bald zur Besinnung und zum Lobe Fibels um. »So weiß ich denn nicht,« versetzt' ich, »was mir in diesem Jahrhundert Froheres und Vorteilhafteres hätte aufstoßen können als gerade der lebendige Held selber einer Lebensbeschreibung, in welche noch eilig so manches nachzutragen ist, da sie Herr Schrag schon in diesem Herbste verlegt. Glauben Sie mir, mehr als einen Irrtum über Sie reut' ich nun leicht in meinem Werkchen aus, z. B. den seit jetzt erst erklärlichsten, daß ein gewisser Konrektor Bien-Rod in Wernige-Rode Ihr Werk solle geschrieben haben.«

»So müßte ich auch davon wissen« (versetzte das Herrlein) – »Aber meinen guten lateinischen Namen Fibel, so schön er sich auch mit Bibel reimt, tauscht' ich willig gegen den deutschen eines ganzen Dorfs weg und hieß mich nur den Bienenroder, um dem Hoffartsteufel in mir ein und das andere Horn und Bein zu brechen, weil leider alle Welt, den vorigen Fibel zu sehen, gefahren kam und mich mitten in jeder Demut störte. Diese Übersetzung eines lateinischen Namen in einen deutschen ist, hoff' ich ja, die entgegengesetzte Übersetzung eines deutschen in einen lateinischen, z. B. Schwarzerde in Melanchthon, welche so oft von der Eitelkeit gemacht wurde.« –

»So ganz aus ähnlicher Eitelkeit« – bracht' ich selber aus meiner kleinen Kenntnis bei – »übersetzte sich ja Neumann in Neander – Schmidt in Faber – Horn in Ceratinus – Herbst in Oporinus – und eine Menge, die ich recht gut kenne, wie ich mich denn selberVerfasser dieses heißt ursprünglich Johann Paul Friedrich Richter. , aber freilich als angehender Autor und also aus Demut, ins Französische verdeutscht habe. – Sie übrigens sind freilich überhaupt stark berühmt, und die größten Städte in Vogtland und Reußen bildeten sich Ihrem Werke nach – Nachfolger, nämlich Nachschreiber Ihres Abc's haben Sie längst unglaublich viele gehabt – Sogar Ihr Bilder-Abc bekam an einem Herrn Bertuch (ein Legations-Rat wie ich) einen Nacharbeiter, dessen Sie sich gar nicht zu schämen brauchen, da er Ihr Werk in seinem Bilderbuch, wiewohl ohne alle Dichtkunst, in Ihrem Geiste fortsetzt, wenn auch viel kostspieliger und dickbändiger, doch minder fühlbar bei bloßer heftweiser Lieferung. – Und das Leben eines so wichtigen Mannes habe ich aus 40 Bänden der Pelzischen Vierziger ausgezogen, so viel mir nämlich der letzte Krieg noch Bruchreste davon gönnen wollen.«

»Es war der siebenjährige«, sagte der Greis, welcher ganz wie der alte schwache Pütter den letzten französischen mit jenem verwechselte.

»Ungefähr« – versetzt' ich –; »aber desto größer ist mir der kleinste Nachtrag von den Lippen des Helden selber; und besonders sind mir mehrere alte späte Jahre nötig, um gehörig in der Michaelismesse zu schließen. O Gott, wie viele Autoren oft einem einzigen Buch zum Großsäugen unentbehrlich sind, zumal einem großen, nicht etwan wie dem Jupiter Ziegen, Bienen, Bärinnen als Ammen, oder etwan wie mir ein Pelz, Pompier und Fuhrmann, kurz wie viele Autoren oft einem Autor nötig sind, davon weiß ein Autor ein Wort zu sagen.«

– »Fast« – fing Fibel, aber mit unbeschreiblicher Milde, an – »sollt' ich Sie, Herr Legations-Rat, für Pelz den zweiten halten, so lieblich Sie auch aussehen und aussprechen; aber nur der erste bestach mich stark mit Loben. Es mag denn sein! Es ist mir jetzo vieles auf der Erde gleichgültig, ausgenommen der Himmel darüber; und ich sehe jetzunder nur gar zu deutlich ein, wie eitel ich sonst von meinen Gaben gedacht. Wer der Erde abstarb – nicht der Welt, denn dazu gehören mehrere Leben, wenn nicht gar eine ganze Ewigkeit; ja der Ewige selber ist ja nicht dem All abgestorben, vielleicht weil er ihm ewig-ur-vorgeboren ist..... Ach mein alter Kopf wollte etwas anderes sagen – «

Nach diesen letzten Worten wurd' ich noch neubegieriger auf die Erklärung der Metallverwandlung oder Brotverwandlung des vorigen unscheinbaren Fibels in dieses glänzende Herrlein, und ich bat ihn, mir seinen Übertritt in diesen neuen Charakter zu erklären und zu motivieren. Ihm freilich konnte das Motivieren seines Charakters gleichgültig sein, da er ihn schon hatte, aber nicht dem Leser, der es von mir wissen will. Fibel versetzte: nachher recht gern, aber jetzt sei es schon spät.

Er ging in sein Gartenhäuslein – ich ihm nach –; und er tat einen Pfiff; sogleich kam sein schwarzes Eichhörnchen von einem Baume, worauf es mehr zur Lust als zur Kost war – mehrere Vögel, Nachtigallen, Drosseln, Staren (die Vogel-Pudel), flogen von ihren Gipfeln in die offnen Fenster zurück – ein von Alter aus Rot- zu Schwarzwildpret angelaufner Gimpel trabte im Stübchen einher, närrische Laute von sich gebend, die er selber nicht erklären konnte – der Hase trommelte auf Hinterfüßen den Abend aus mit Vorderfüßen – es gab kein Hündchen im Häuschen, das nicht in froher, menschenliebender Laune hineingesprungen kam, und ich hebe statt aller nur das Alertchen aus; doch am frohesten trat wohl der Pudel an, welcher schon wußte, was die Glocke geschlagen, daß er nämlich jetzt eine blecherne Büchse mit Schieber an den Hals bekomme, worin der Speise-Zettel des Abendbrotes liege, das er aus dem Bienenroder Wirtshause zu holen habe. Er war Fibels Küchen-Geschäftsträger oder Küchenwagen – dessen Vertumnus und Feldpost – und Ambassadeur in Bienenroda und Indroducteur des Ambassadeurs im Wäldchen (durch Anbellen meiner als Legationsrat). – Fibels übrige dienende Brüder und Schwestern waren nur Kinder, die ab- und zuliefen.

Erst nachdem er angemerkt: »man sollte auch den engen Tieren so weit bildend nachhelfen, als man kann, da man gewissermaßen ihr Herrgott ist, und man solle sie zu guten Sitten abrichten, da sie wohl nach dem Tode fortleben könnten; Gott und Vieh sei immer gut, aber der Mensch nicht« – da ließ er sich auf mein Erinnern zu seinem bringen. Greise geben, wie alles Körperliche, so auch das Geistige mit zitternder Hand, die die Hälfte verschüttet; dennoch bekam ich folgendes unverschüttet: Er mochte etwan erst hundert Jahr alt sein, als er in einer sein Leben wiedergebärenden Nacht von neuem zahnte und unter Schmerzen wilde Entwicklungs-Träume durchlebte. Vor Mitternacht erschien seine verstorbne Frau und sagte ihm, sie sei seinetwegen von Toten auferstanden, um ihn auszuschelten und zu benachrichtigen, daß Pelz ein Spottvogel gewesen und er selber ein Gimpel. Dann träumte er nach Mitternacht: er halte ein breites Sieb in Händen und müsse durchaus dessen Geflecht auseinanderziehen; das fest geflochtne Sieb und der Holz-Rand ängstigten ihn unsäglich, und nichts konnt' er zerreißen als träumend sich selber, bis er endlich plötzlich statt des Siebes die ganze große lichte Sonne in seinen Händen hielt, welche ihm blendend ins Gesicht schien. – Er erwachte neugeboren und entschlief wie auf wogenden Tulpen wieder. Da träumte er, er sei ein Jahr alt nach dem Hundert – und sterbe als ein schuldloses einjähriges Kind ohne Erden-Weh und Erden-Schuld und finde droben seine Eltern, welche ihm einen ganzen Zug von seinen Kindern entgegenführten, die ihm auf der Erde unsichtbar geblieben, weil sie bloß wie helle Engel ausgesehen.

Er stieg aus dem Bette nicht nur mit nahen neuen Zähnen, sondern mit neuen Ideen. Der alte Fibel war abgebrannt, und der rechte Phönix stand da und sonnte die Farben-Schwingen. Er war verklärt auferstanden aus keinem andern Grabe als aus dem Körper selber. Die Welt wich zurück; der Himmel sank heran.

Als er mir die Sachen erzählet hatte: sagte er mir, ohne auf den diensthabenden Pudel zu warten, ohne weiteres gute Nacht und zeigte mir mit den zum Beten gefalteten Händen den Weg. Ich ging ab, zog aber lange im Obstwäldlein umher, das bloß aus Kernen gewachsen, die er eingesteckt. Er aß nämlich selten eine Kirsche, ohne den Kern – oft zum Verdrusse der Bauern, welche auf ihren Rainen nichts hohes haben wollten – einzuschwärzen und in die Erde zum Verklären zu begraben. »Ich kann«, sagte er, »keinen Kern umbringen; reißt auch nachher der Bauer das Bäumchen heraus, nun so hatt' es doch ein bißchen gelebt und war als Kind gestorben.«

Im Wäldchen hört' ich ein Abendlied orgeln und singen; – und ich brauchte nur zurück an Fibels Fensterchen zu treten, um zu sehen, daß er darin eine Drehorgel langsam umdrehte, welche er durch seine Singstimme mit einem sanften Abendlied begleitete. In der eintönigen Einsamkeit und bei seinem Abschnitzel von Stimme reichte diese noch mehr als eine Voglersche simplifizierte Orgel schon zu seiner Haus-Andacht zu; und ich ging nachsingend nach Hause.

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