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Leben Fibels

Jean Paul Richter: Leben Fibels - Kapitel 24
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 6
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleLeben Fibels
pages365
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1812
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Nach der Tafelzeit gelangte er endlich ausgehungert in das Bibliothekzimmer, worin er einen bejahrten Mann ohne alle Tressen und Bamlotten im Mittags-Schlummer antraf. Statt selber niederzufallen, regte er den Mann an, sich aufzurichten, weil er sich von ihm einige Auskunft über den Fürsten versprach. »Welcher Sackermenter weckt mich da aus meinem besten Schlafe? – Wer Teufel von den Leuten hat denn Ihn hereingelassen?« schrie der Markgraf. So hatte denn Fibel als wahrer Hofmann mehr Nachdruck auf Bediente als auf den Herrn gesetzt, so wie der Tonkünstler auf die Vorschlags-Note mehr Gewicht des Ausdrucks als auf die Hauptnote legt. Hier tat er, doch mehr aus Schrecken als vor Ehrfurcht, seinen sechsten Fußfall und steckte die Hände in die Tasche nach den Abc-Büchern; kniete aber so verblüfft und sprachlos mit seinem Stirn-Ringe fort und war wie ein Schlagflüssiger unvermögend, nur die Hände aus den Taschen, geschweige damit etwas zu heben. Endlich aber, da der Fürst nach dem ersten Knallfidibus des Erwachens den knienden närrischen, an der Stirn wie von einem Postmeister rot adressierten Menschen ansah, sprang er auf und lachte unbändig. Es war ein lustiger alter Herr.

An sich ist das Niederfallen vor Fürsten-Füße nicht lächerlich, sondern gut angebracht, es sei nun, daß man sich hinwirft, wie bei dem Samielwind und dem Blitze, um etwas Ähnlichem zu entgehen, oder wie der Buzephalus, um einem Alexander untertänig und dienstbar zu sein, oder wie die Römer vor dem Papste, um gesegnet zu werden.

Von Erfahrungs-Seelenkundigen kann viel darüber geschrieben werden, daß Fibel vom markgräflichen Gelächter auf einmal etwas gehoben wurde, gleichsam als stelle durch dasselbe der Fürst den Menschen sich näher, wie etwan ein Gott, der lacht. Er trieb es bis zur Anrede und sagte, indem er die drei Bücher herauszog: »Herr Durchleucht!« Um sich noch deutlicher zu erklären, fügt' er noch bei, er wolle diese von ihm selbst geschriebenen und gefärbten Bücher den drei kleinen Herren Durchleuchten Markgräflein hiemit untertänigst dedizieret haben, damit Hoch-Wohl-Dieselben recht bald lesen lernten.

Was später ganze Länder taten, dies tat der Fürst früher um so leichter, weil ihm Fibel gar zu lächerlich vorkam: er genehmigte das ohnehin gute Buch. So fand ers, nachdem er erst ein Exemplar davon durchgelesen. Er rief sogleich seine kleinen drei Königlein aus ihrem Morgenlande herzu und gab ihnen die drei Gaben, mit deren Triklinium sie freudig entsprangen.

»Was will Er sich für eine Gnade ausbitten?« sagte der Fürst. Nun gibt es wohl auf alle Fürsten-Fragen keine schwierigere Antwort als auf diese, welche auf einmal alle Spar- und Glückstöpfe und ägyptischen Fleischtöpfe der Wünsche, alle Zuckerdosen und Zuckerinseln der Lust, Silberschränke und Silbergruben des Glanzes in langen Reihen aufgedeckt hinstellt, so daß man eigentlich nichts zu nehmen hätte als seine eigne Hand, um damit alles Geliebteste zu nehmen, wenn man in der Eile nur sogleich wüßte, was. – »Das!« wußte Fibel; denn seine Antwort war mehrere Tage älter als die fürstliche Frage – er versetzte nach Pelzens Rat: er bitte sich die Gnade aus, daß seine Werke in allen Ländern und Staaten Ihro Durchlauchtigkeit dürften einpassieren und gekauft werden, anstatt der ganz alten Abcbücher. Überall rasch, so wie scherzvoll und prunklos, resolvierte der Fürst auf der Stelle, Fibel solle davon so viel drucken, als anginge, er räume ihm drei unbrauchbare Zimmer im alten Schlosse zu Heiligengut dazu ein und werde seinem Konsistorium befehlen, durch einen Umlauf das verbesserte Abc-Buch allen Schulen des Landes vorzuschreiben.

– Beiläufig! Sollte nicht eine Konsistorial-Anstalt, die ein ganzes Land zum Findelhause eines vielgebärenden Kopfes auftut, wie z. B. die baireuthische längst für Dr. Seilers Religionsschriften als Muster getan, viel öfter, als geschieht, für geistarme Geistliche, welche schreiben, durch solche Einfuhr-Gebote sorgen, gleichsam wahre gezwungene Leser-Anlehen, welche ja geistarme weit mehr als geistreiche, die sich selber einführen und bezahlen, bedürfen.

– Fibels Erstaunen darüber war vielleicht das größte nach dem Falle Adams, wenn nicht noch größer als das paradiesische adamitische, denn Er stieg, aber Adam nicht. – Dennoch war sein Stolz auf die Umarbeitung des Staats oder gar der drei Markgrafen nicht so groß, als er hätte sein dürfen; vielleicht war bei letzterem Untertanen-Demut im Spiele, vielleicht auch die Betrachtung, wie ohnehin gewöhnlich es von jeher war, daß die Thronhöhen und Thronbühnen immer von unten her, von den mittlern Ständen, erhellet werden, wie das Theater (oft besetzt von größten Königen) nur durch Lichter von unten herauf erleuchtet oder durch den so tief sitzenden Vorhelfer und Einbläser (Souffleur) belehrt wird.

Aus Behagen an Fibels Luft- oder Äthersprüngen der Entzückung oder an dessen unbeholfenem Eiertanz zwischen den unausgebrüteten Eiern seiner aufwiegenden Zukunft behielt ihn der Fürst zum Abendessen bei sich, das er gewöhnlich ohne Damen und Rang nur mit frohen Genossen genoß, unter welche auch der Rektor magnifikus seiner Residenz und Universität gehörte. Übrigens litt es seine jovialische Gutmütigkeit nie, daß ein Gast irgendeine andere mitessende Seele in ein lächerliches Licht setzte als diese sich selber; eben dadurch gewann Fibel die Freiheit, sich selber rein darzustellen und auszusprechen und wie eine unschuldige bescheidne Jungfrau ohne Selbstwissen durch sein ganzes Wesen zu ergötzen; er konnte (er war dazu aufgefodert) sein verlebtes Leben seinem Landesherrn vortragen, ohne zu erraten, in welche lachende Stimmung er damit diesen so wie mehrere Große des Reichs in der Stube versetze.

Aber so viele Freude leidet der Teufel an keinem Menschen; auch hier folgte der Satan seinem alten Naturell, nach welchem er an jeden Wiener Apollosaal der Freude gern ein kleines Zucht- und Totenhaus derselben anlegt, neben jeden Freuden-Tempel eine Begräbnis-Kapelle. Es waren nämlich damals noch die Zeiten, daß Markgrafen, Herzoge und andere Standespersonen Tabak rauchten, so wie Rektores magnifizi; der Landesherr präsentierte daher dem Studenten so gut wie dem Rektor magnifikus den Pfeifenkopf. Fibeln nun konnt' es jetzt keinen Vorschub tun, daß er niemals in seinem Leben geraucht. Denn da er dessenungeachtet den Pfeifenkopf heiter genug ansetzte – weil er es für Majestäts-Verbrechen hielt, seinem Regenten und dessen Beispiele nicht nachzufolgen und nachzurauchen –: so mocht' er kaum zehn bis zwölf Züge getan haben, als fremde Dinge in seinem Kopfe, in seinem Herzen, in seinem Magen vorgingen und aufstanden, welche ich nur sehr matt und unklar darstelle, wenn ich sie mit den bekannten Umwälzungen des berühmten Stein- und Kunstkenners Stosch zusammenhalte, welche in diesem Kenner walteten, als ihm in Paris, nachdem er als echter Kunstfreund im großen Kunstkabinett das berühmte Angelos-Petschaft weniger wie ein anderer den Goethe als wie Johannis das Buch verschlungen hatte, nämlich wirklich und ohne Metapher, als diesem Kunstfreunde, sag' ich, ein Brechmittel vom höflichen zarten Aufseher des Kabinetts (weil er nicht zum besten aussehe, sagte der menschen- und petschaftsfreundliche Mann) ordentlich aufgedrungen wurde, welches ihm und seinem Magen nichts kostete und nahm als eben nur das – Petschaft, das so für ihn aus einem geschnittenen Stein zu einem schneidenden wurde; – – und doch vergleich' ich Stoschen nicht mit Fibeln.

Der treffliche Markgraf, ein fertiger Gesichter-Leser, zumal wenn sie, wie feuer-speiende Berge, rauchten, tat nur einfach die Frage an Helf, ob er etwan sich an andern Tabak gewöhnt habe; der Rauch-Schüler beteuerte: er kenne gar keinen bessern als diesen.

Noch einige Zeit sah die Tabagie auf seinem Gesichte das Mienen-Gefecht immer hitziger werden, wodurch er – aber sittlicher als andere – das Seinige zu behalten suchte: als endlich der Fürst dem Leibhusaren einen Wink gab, den tapfern Gesichts-Fechter in die benachbarte Bibliothek abzuführen. – Fibel gehorchte Fürsten, geschweige fürstlichen Bedienten und folgte sogleich.

In dieser nahen Bibliothek wies ihn der Leibhusar auf den Leibstuhl an, zeigend auf einen der größten Folianten, in welchem jemals ein Blatt war; so sehr maskieren Große nicht nur Batterien, oder sich, oder Schönheiten des Parks, oder durch Tapetentüren Schönheiten des Kabinetts, sondern auch alles. Aber Fibel wurde weder von seinem Magen mit dessen Krebsgängen, noch von seinem Kopfe mit dessen kartesianischen Wirbeln auf die Sprünge des Husaren gebracht, sondern er dachte ganz anders und nahm an: »da ein Foliant vielleicht das Größte ist, was je geschrieben worden – wieviel mehr dieser da, der noch größer ist!« Als er vollends dessen schönen Rückentitel las: »Compendieuse Hand-Bibliothèque und Repertorium gelehrter Sachen«, konnt' er da wohl als ein vernünftiger Mann sich einbilden, daß der Foliant der Feind aller Folianten sei – und die Untiefe so mancher strandenden Unsterblichkeit – der Kassationshof der gelindesten Rezensionen – die papinianische Maschine und das Gebeinhaus sowohl theologischer als philosophischer Skelette – der Judenkirchhof der Akten – die Schneiderhölle von Depeschen – kurz daß der große Foliant und Polyphem nur eine kleinere Allgemeine deutsche Bibliothek und Oberdeutsche Literaturzeitung sei, welche bloß die Gefährten des Ulysses verzehrt? Hieße dies nicht (mußt' er annehmen) den Bock zum Gärtner der umherstehenden Bücher, sogar aller seiner Abcbücher setzen?

Da endlich der Husar sah, daß Fibel die Sache nicht herausbrachte: so deckte er ihm das, was zum Verständnis des Folianten nötig war, auf und ging, ihn seiner eignen Einsicht überlassend, davon.

Nüchtern, leicht, aber gebleicht, als hab' er unterirdische Erscheinungen gehabt, kam Fibel ins heitere Zimmer zurück und rauchte mit frischen Kräften die Pfeife gar aus. Übrigens spielte er den ganzen Abend den Mann von Lebensart durch, so daß – weil er wußte, wie sehr ein Gast dem Wirte jede Mühe abzunehmen habe – er fleißig die Wachslichter schneuzte. Wenn indes Fibel Abendstunden lange den Mann von Welt in einem solchen Grade vorstellte, daß nichts an ihm auszusetzen war als höchstens der Dorf-Insasse, der einem ledernen Schlauche gleicht, von welchem dem feinsten geistigsten Wein, den man in Spanien darin aufbewahrst, einiger Leder-Geschmack nachbleibt, wenn er, sag' ich, sich so poli benahm: so übertreibe man dennoch nicht sein Lob; ihm wurde ja der Mann von Lebensart leichter als andern, die von Fürsten etwas zu suchen haben, denn er hatte schon gefunden; für ihn war der Fürst eine Uhrfeder, die seine schöne Zukunft in Gang erhielt, nicht eine Uhrfeder, womit ein Gefangener sich aus den Ketten sägt.

Als ihm zuletzt der Fürst die Einweisungs-Akte auf die drei Zimmer des alten Schlosses besiegelt und unterschrieben mitgab: so – dies ist Tatsache; denn jedes Pferd war ihm eine Schnecke – rannte er zu Fuße nach Hause. Welche glückliche Inseln und Rosentäler er da ausgepackt, konnte man noch um drei Uhr nachts sehen; so lange blieb das Haus erleuchtet, überall brannten Lichter, sowohl in der Stube als in der Kammer, in jeder eines – Pelz und Pompier tanzten miteinander eine Brautmenuett, und Pelz sagte, morgen sag' er noch etwas – Die Mutter weinte freudig über ihren begrabnen Mann, weil er noch früher den Markgrafen gesehen – und Drotta besah das Siegel des Befehls an den Schloßverwalter. Nur Fibel war bei sich, freilich die einfältigste Stelle oder Person, bei welcher er in solchen Verhältnissen sein konnte.

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