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Leben Fibels

Jean Paul Richter: Leben Fibels - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 6
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleLeben Fibels
pages365
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1812
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7. Zwirnwickler

Der Smaragd

Der alte Vogler ließ jedem, also auch dem Sohne seinen Lauf und Flug; man kann, sagt' er, nichts anders werden, als was man ist, und wens treibt, der heckt, und da mag er von seinen Eiern leben. Auch hatt' er, wie jeder gemeine Mann, eine anbetende Hochachtung für Geschriebenes, vorzüglich Unlesbares. – »Und es schadet ja einem Soldaten nichts, wenn er auch noch so viel weiß und sein tartarisches Vaterunser versteht.«

Dafür aber hatt' er eine andere Sorge. Da seine Frau bisher dem Erstgebornen immer einen stärkern Nachtrab von Verwandten nachgeboren, die ohne Namen die Welt verließen, weil sie ohne Leben auf sie kamen; und da sie einmal Zwillinge, dann einmal Drillinge geboren und begraben, so machte Siegwart, besonders nach den jetzigen Schwangerschafts-Nöten, sich auf nichts gefaßt als auf Vierlinge – vier letzte Dinge auf einmal, auf einen Postzug, der ihn leichter in die Tiefe als in die Höhe zog. Ein schwacher Ersatz war es, daß sie nicht getauft wurden; sie mußten doch immer so gut begraben werden wie der echteste Christ.

In der Tat ists auf der einen Seite hart, daß gerade die Armen – nach allen Bemerkungen der Ärzte und Naturforscher – die meisten Kinder nicht nur nacheinander, sondern auch auf einmal bekommen – zumal wenn man die dürftige Wiege, die Wickelschnur und die Brust und die Kasse berechnet, die nun wider Erwarten sich in vier Teile und Zöglinge zerteilt. Aber auf der andern Seite ists eben trefflich, daß gerade hier das Gesetz sich menschlich wiederholt, welchem zufolge im Reiche der Tiere die verfolgten und furchtsamsten, z. B. Fische und Hasen, die fruchtbarsten sind, so daß sich ebenso im menschlichen Reiche die Untertanen mehr vermehren als die Oberherrn.

Als das Entbinden Engeltrutens anfing, ersah Siegwart schon aus zwei toten Zwillingen wie an Vorläufern, was nachkomme; und ging den kleinen Leichen aus dem Wege und in den Wald, seine Seelen-Freistatt, und überlegte die Stol-Gebühren.

– – Ständ's nicht im Zwirnwickler beglaubigt: so müßt' ich mich schämen, der Welt die Seltsamkeit zu berichten; aber diesmal gleicht das Wickelpapier, um welches eine Frau ihre Garnkugel aufgezwirnt hat, dem naturphilosophischen Schreibpapier, welches die Schreiber zum Granitkern der Weltkugel machen. Die Sache ist wahr:

Als nämlich der arme Vogler, der bisher nichts Außerordentliches erlebt hatte, als was er selber gezeugt, sinnend saß: hört' er sich oben im Blau mit menschlichen, obwohl ausländischen Worten anreden: filou, bourreau, diable sacre etc.; und zu gleicher Zeit fiel ein goldner Ring vor seine Füße nieder. Er hob ihn auf und sah in die Höhe – – ein grüner Vogel, so groß wie ein Papagei (wahrscheinlich auch einer), flog über ihn hin und nahm mit dem Antritts-Gruße filou Abschied. Aber vermutlich war der Vogel selber, so wie die Elstern, Dohlen und andere sprachkundige Vögel, welche gern zwei benachbarte Gebote, das 8te und das 7te, zugleich übertreten, der Haus-Dieb des Ringes gewesen. Gott weiß aber wo. Als Siegwart den Ring näher besah, fand er etwas in ihm, was er zum Zauber-Ring und Fischer-Ring seiner ausgeleerten Zukunft machen konnte, nämlich einen in kleine Brillanten gefaßten unschätzbaren Smaragd, wiewohl freilich der im Kloster Reichenau von 28¾ Pfund größer ist.Von Karl V. geschenkt. Keyßlers Reisen. Vor Überraschung verhörte er, was der Vogel noch pfiff; im ganzen schiens ein sehr unregelmäßiges springendes Durcheinanderpfeifen der verschiedensten Vogelweisen.

Mit diesem grünen Stein der Weisen ging er eine Viertelstunde im Walde auf und ab, um sich einen Gebrauchszettel desselben zu entwerfen. Dieser lief auf einen Nicht-Gebrauchszettel hinaus; er wollte der Frau kein Wort davon sagen – Fibeln ohne Golddünger aufschießen lassen zum Rekruten oder auch zum Schreiber und nach nichts in der Welt mehr fragen als nach seinen Vögeln. Nur einen Aufwand wollt' er machen, sich einen Papagei kaufen, als den Chorführer oder schottischen Meister und Lehrer der untern Klassen des Sprachgevögels.

Ruhig trug er seine Theaterkasse künftiger Spiele in seinem Pfeifenkopfe mit Deckel nach Hause. Doch da das Feuer seiner Augen graue Asche geworden war – bei ihm ein Zeichen entweder der Entrüstung oder der Entzündung –: so erriet ihn doch die matte Mutter von vier Leichen und fragte, was ihm fehle. – »Nichts«, sagt' er.

Ich wollte, man könnte öfter so wie wir Lebensbeschreiber den Menschen in der ersten Stunde beschleichen, wo er in die Goldgrube einer goldenen Zukunft fällt. Großes Glück ist die Feuerprobe des Menschen, großes Unglück nur die Wasserprobe; denn jenes schließt die Zukunft auf, dieses nur zu; und folglich zeigt nur jenes das keckere Herz in mehreren und freieren Bewegungen.

Als Siegwart ruhig die quadrinomische Wurzel in die Erde gesenkt (die Leichen-Vierlinge), gleichsam die vier Ahnen, die man in Adelsbriefen einem Bürgerlichen unterbettet: untersuchte er den goldnen Ring genauer; die Jahrszahl 1666 konnt' er lesen, aber nicht die Zuschrift: pour l'amour de mon Dieu et de ma Déesse Ph. Ch. Th. Er brach nun das Gestein aus dem Golde (wie Bergleute Gold aus dem Gestein), weil er den Juwel wollte schätzen lassen, ohne die Ringschrift irgendeinem Spitzbuben zu zeigen, der zum ganzen Eigentum sich als Eigner angetragen hätte. Nach mehreren Wochen trug – als er nur allein zu Hause war – ein Kleider-Jude den Handelsack seiner Trödelbude in sein Haus, um einige Lumpen zu erhandeln. Siegwart führte ihn ins zweite Stockwerk und erschreckte den Handelsmann ordentlich mit dem Frühlingsglanze des Steins. Da der Jude verhoffte, er habe ihn gestohlen, so wünschte er am Diebstahle teilzunehmen und bot zwei Taler – dann sogleich das Doppelte, weil Siegwart lachte – dann das Dreifache und schwur, er tue es bloß, weil er den Stein als Arznei gegen einen eingeseßnen Magenkrampf einzunehmen vorhabe. »Noch einen, den letzten Taler!« rief er und verschluckte vor dem angaffenden Vogler den Stein.

Siegwart faßte vor der Hand erst des Juden Rechte und Linke und sah ihn mit erloschenem grauen Blick ins spitz-eckige Gesicht. Dann drückte er ihm die Gurgel zu und sagte, während der Patient schwarz anlief wie eine Trauerschnalle, er werde ihn entweder erdrosseln oder das Genicke brechen, sobald er rufe und nicht stillhalte, bis er den Stein wieder aus ihm herausgeholt. Der stumme Jude bot alles, was er von Professor Engels Mimik besaß, auf, um Ja zu sagen. Darauf nahm Siegwart aus dem Gesangbuch seiner Frau eine schöne Pfauenfeder – wie auch auf großen Tafeln Pfauenfedern mit Silber-Griffe zu gleichem Gebrauche bereit liegen –, spannete ihm den Mund stark über die natürlichen Schranken auseinander und scheuerte und krauete mit der weichen Feder linde die Zungenwärzchen, den Kehldeckel und Schlundkopf des Schnurr-Juden, um dessen Magen zu umgekehrten Bewegungen und zur Edition eines so wichtigen Dokuments anzuspornen. Der Jude bewegte sich zwar heftig, doch kam nichts, sein Magen hatte so gut wie ein Ring den Stein gefaßt, und der Smaragd wurde ein Ladenhüter, der nicht abgehen wollte. Endlich sagte der Jude, wie wär' es auch anders möglich, da er seit gestern keinen Bissen über die Zunge gebracht und nichts im Magen habe als das Steinchen. Hierauf reichte der Vogler ihm den nächsten Stettinerapfel, der auf dem Kleiderschrank stand, und einen Schluck reines Wasser, worin sich die schönsten Blumen schon wochenlange erhalten hatten. Sobald der Steinfresser die Henkers-Mahlzeit hinunterhatte, setzte der Vogler seine Feder wieder an, um jene wieder emporzuheben und damit den wichtigsten Impost des Hafens. Endlich gelang es der Feder, wie einer diplomatischen, dem Raubnest des Magens einen Zessionstraktat abzupressen. Mit weißen Farben und kühlen Schweißen und Magenkrämpfen zog der Jude von dannen.

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