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Leben des Benvenuto Cellini

: Leben des Benvenuto Cellini - Kapitel 9
Quellenangabe
typeautobio
authorBenvenuto Cellini
titleLeben des Benvenuto Cellini
publisherInsel Verlag
editorJohann Wolfgang von Goethe
translatorJohann Wolfgang von Goethe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Achtes Kapitel

Der Autor kehrt nach Florenz zurück und kauft seinen Bann ab. – Orazio Baglioni möchte ihn zum Soldatenstand bereden; aber auf seines Vaters Bitten geht er nach Mantua. – Er findet seinen Freund Julius Romano daselbst, der seine Kunst dem Herzog empfiehlt. – Eine unvorsichtige Rede nötigt ihn, von Mantua zu gehen. – Er kommt nach Florenz zurück, wo sein Vater indes und die meisten seiner Bekannten an der Pest gestorben. – Gutes Verhältnis zwischen ihm und Michelagnolo Buonarroti, durch dessen Empfehlung er bei seinen Arbeiten sehr aufgemuntert wird. – Geschichte Friedrichs Ginori. – Bruch zwischen Papst Clemens und der Stadt Florenz. – Der Autor folgt einem Rufe nach Rom.

Wenig Tage darauf kam die Kapitulation zustande, und ich machte mich mit Herrn Orazio Baglioni auf den Weg nach Perugia, wo mir derselbe die Kompagnie übergeben wollte. Ich mochte sie aber damals nicht annehmen, sondern verlangte, meinen Vater zu besuchen und meine Verbannung von Florenz abzukaufen. Herr Orazio, der eben in florentinische Dienste getreten war, empfahl mich einem ihrer Abgeordneten als einen von den Seinigen, und so eilte ich mit einigen andern Gesellen in die Stadt. Die Pest wütete gewaltsam in derselben, und meine Ankunft machte dem alten Vater große Freude; er glaubte, ich sei bei der Verheerung Roms umgekommen oder würde doch wenigstens nackt zu ihm zurückkehren. Schnell erzählte ich ihm die Teufeleien von der Verheerung und Plünderung und steckte ihm eine Anzahl Scudi in die Hand, die ich auch auf gut soldatisch gewonnen hatte, und nachdem wir uns genug geliebkost, gingen wir zu den Achten, um den Bann abzukaufen. Es war derselbige Mann noch darunter, der mich ehemals verdammt und meinem Vater die harten Worte gesagt hatte. Mein Alter ließ nicht undeutlich merken, daß die Sache jetzt ganz anders stehe, und bezog sich auf die Protektion des Herrn Orazio mit nicht geringer Zufriedenheit. Ich ließ mich dadurch verleiten, ihm zu erzählen, daß Herr Orazio mich zum Hauptmann erwählt habe, und daß ich nun daran denken müsse, die Kompagnie zu übernehmen. Mein Vater, über diese Eröffnung bestürzt, bat mich um Gottes willen, von diesem Vorsatz abzulassen: er wisse zwar, daß ich hierzu, wie zu größern Dingen, geschickt sei; sein anderer Sohn, mein Bruder, sei aber schon ein so braver Soldat, und ich möchte doch die schöne Kunst, die ich so viele Jahre getrieben, nicht auf einmal hintansetzen. Er traute mir nicht, ob ich gleich versprach, ihm zu gehorchen; denn als ein kluger Mann sah er wohl ein, daß, wenn Herr Orazio käme, ich, sowohl um mein Versprechen zu erfüllen als auch aus eigner Neigung, mich in den Krieg begeben würde, und so suchte er mich auf eine gute Art von Florenz zu entfernen. Er gab mir bei der entsetzlichen Pest seine Angst zu bedenken, er fürchte immer, mich angesteckt nach Hause kommen zu sehen, er erinnere sich einiger vergnügter Jugendjahre in Mantua und der guten Aufnahme, die er daselbst gefunden. Er beschwur mich, je eher je lieber dorthin zu gehen und der ansteckenden Seuche auszuweichen. Ich war niemals in Mantua gewesen und mochte überhaupt gern die Welt sehen; daher entschloß ich mich zu reisen, ließ den größten Teil meines Geldes dem Vater und empfahl ihn der Sorge einer Schwester, die Cosa hieß und die, da sie sich zum ehelichen Stand nicht entschließen konnte, als Nonne in das Kloster Sant' Orsola gegangen war; sie sorgte dabei für den alten Vater und nahm sich einer jüngern Schwester an, die an einen Bildhauer verheiratet war. So empfing ich meines Vaters Segen und machte auf einem guten Pferde den Weg nach Mantua.

Ich hätte viel zu erzählen, wenn ich beschreiben wollte, wie es mir unterweges gegangen ist; denn die Welt war voll Pest und Krieg, so daß ich diese kleine Reise nur mit vieler Schwierigkeit zurücklegte.

Sobald ich anlangte, sah ich mich nach Arbeit um und ward von Meister Nikolaus von Mailand, dem Goldschmiede des Herzogs, aufgenommen. Einige Tage hernach ging ich, den trefflichen Julius Romano zu besuchen, den ich von Rom aus kannte, der mich auf das freundlichste empfing und übelnahm, daß ich nicht bei ihm abgestiegen war. Er lebte als ein großer Herr und baute für den Herzog außen vor der Stadt ein herrliches Werk, das man noch immer bewundert.

Julius säumte nicht, mit dem Herzog von mir aufs ehrenvollste zu sprechen, der mir auftrug, ein Modell zu machen zu einem Kästchen, um das Blut Christi darin aufzunehmen, von welchem sie sagen, daß Longin es nach Mantua gebracht habe. Darauf wendete er sich zu Herrn Julius und sagte: er möchte mir eine Zeichnung zu gedachter Arbeit machen. Herr Julius aber antwortete: Benvenuto ist ein Mann, der keiner fremden Zeichnungen bedarf, und Sie werden es, gnädiger Herr, selbst gestehen, sobald Sie sein Modell sehen werden. Ich machte also zuerst eine Zeichnung zum Reliquienkästchen, in welches man die Ampulle bequem setzen konnte, dann machte ich ein Modellchen von Wachs für eine Figur oben drauf. Sie stellte einen sitzenden Christus vor, der in der linken erhöhten Hand ein Kreuz hielt, woran er sich lehnte, mit der rechten schien er die Wunde der Brust zu eröffnen. Dieses Modell gefiel dem Herzog außerordentlich; er bezeigte mir darüber die größte Gunst und gab mir zu verstehen, daß er mich in seinem Dienste zu behalten wünsche.

Indessen hatte ich seinem Bruder, dem Kardinal, meine Aufwartung gemacht; dieser erbat sich von dem Herzog, daß ich ihm sein großes Siegel machen dürfte, welches ich auch anfing. Unter der Arbeit überfiel mich das viertägige Fieber, und der Paroxysmus machte mich jederzeit rasend: da verfluchte ich Mantua und seinen Herrn und jeden, der daselbst zu verweilen Lust habe. Diese Worte wurden dem Herzog durch einen Goldschmied hinterbracht, der ungern sah, daß der Fürst sich meiner bediente, und über diese meine kranken Worte zürnte der Herr mit mir. Ich war dagegen auf seine Residenz verdrießlich, und wir hegten also beide einen Groll gegeneinander. In vier Monaten hatte ich mein Siegel geendigt, sowie andere kleine Arbeiten für den Herzog, unter dem Namen des Kardinals. Dieser bezahlte mich reichlich, bat mich aber, daß ich nach Rom, in jenes herrliche Vaterland zurückkehren möchte, wo wir uns erst gekannt hatten.

Mit einer guten Summe Scudi reiste ich von Mantua und kam nach Governo, wo der tapfere Herr Johann von Medicis umgekommen war. Hier ergriff mich ein kleiner Fieberanfall, der aber meine Reise nicht verhinderte; denn die Krankheit blieb an dem Ort und war mir nicht wieder beschwerlich.

In Florenz eilte ich sogleich nach meines Vaters Haus und klopfte stark an: da guckte ein tolles, bucklichtes Weib aus dem Fenster, hieß mich mit vielen Scheltworten fortgehen und beteuerte, daß ich angesteckt sei. Ich sagte darauf: Verruchter Buckel! ist niemand anders im Hause als du, so solls dein Unglück sein. Laß mich nicht länger warten! rief ich mit lauter Stimme. Über diesem Lärm kam eine Nachbarin heraus, die mir sagte: mein Vater und alle vom Hause seien gestorben, meine jüngere Schwester Liperata, die auch ihren Mann verloren habe, sei nur noch allein übrig und sei von einer frommen Dame aufgenommen worden. Ich hatte schon so etwas vermutet und erschrak deswegen weniger.

Unterweges nach dem Wirtshause fand ich zufälligerweise einen Freund, an dessen Hause ich abstieg. Wir gingen sodann auf den Markt, wo ich erfuhr, daß mein Bruder noch lebte und sich bei einem Bekannten aufhielt. Wir suchten ihn sogleich und hatten beide unendliche Freude, uns wiederzusehen, denn jedem war die Nachricht von des andern Tod zugekommen. Alsdann lachte er, nahm mich bei der Hand und sagte: Komm, ich führe dich an einen Ort, den du nicht vermutest! Ich habe Schwester Liperaten wieder verheiratet; sie hält dich auch für tot. Unterweges erzählten wir einander die lustigsten Geschichten, die uns begegnet waren, und als wir zu meiner Schwester kamen, war sie über die unerwartete Neuigkeit dergestalt außer sich, daß sie mir ohnmächtig in die Arme fiel. Niemand sprach ein Wort, und der Mann, der nicht wußte, daß ich ihr Bruder war, verstummte gleichfalls. Mein Bruder erklärte das Rätsel; man kam der Schwester zu Hülfe, die sich bald wieder erholte, und nachdem sie den Vater, die Schwester, den Mann und einen Sohn ein wenig beweint hatte, machte sie das Abendessen zurecht. Wir feierten auf das anmutigste ihre Hochzeit und sprachen nicht mehr von Toten, sondern waren lustig und froh, wie es sich bei einem solchen Feste geziemet.

Bruder und Schwester baten mich gar sehr, in Florenz zu bleiben und mich von meiner Lust, nach Rom zu gehen, nicht hinreißen zu lassen. Auch mein alter Freund Peter Landi, der mir in meinen Verlegenheiten so treulich beigestanden hatte, riet mir, in meiner Vaterstadt zu verweilen, um zu sehen, wie die Sachen abliefen; denn man hatte die Medicis wieder verjagt, und zwar Herrn Hippolyt, der nachher Kardinal, und Herrn Alexandern, der Herzog ward. Ich fing an, auf dem neuen Markt zu arbeiten, faßte viel Juwelen und gewann ein ansehnliches Geld.

Zu der Zeit war ein Saneser, Marretti genannt, aus der Türkei, wo er sich lange aufgehalten hatte, nach Florenz gekommen. Er bestellte bei mir eine goldene Medaille, am Hute zu tragen. Er war ein Mann von lebhaftem Geist und verlangte, ich solle ihm einen Herkules machen, der dem Löwen den Rachen aufreißt. Ich schritt zum Werke, und Michelagnolo Buonarroti kam, meine Arbeit zu sehen, und teils weil ich mir alle Mühe gegeben hatte, die Stellung der Figur und die Bravour des Löwen auf eine ganz andere Weise als meine Vorgänger abzubilden, teils auch weil die Art zu arbeiten dem göttlichen Michelagnolo gänzlich unbekannt war, rühmte er mein Werk aufs höchste, so daß bei mir das Verlangen, etwas Wichtiges zu machen, auf das äußerste vermehrt wurde. Darüber ward mir das Juwelenfassen verleidet, so viel Geld es auch eintrug.

Nach meinem Wunsche bestellte bei mir ein junger Mann, namens Friedrich Ginori, gleichfalls eine Medaille. Er war von erhabenem Geiste, war viele Jahre in Neapel gewesen und hatte sich daselbst, als ein Mann von schöner Gestalt und Gegenwart, in eine Prinzessin verliebt. Er wollte den Atlas mit der Himmelskugel auf dem Rücken vorgestellt haben und bat den göttlichsten Michelagnolo, ihm eine kleine Zeichnung zu machen. Dieser sagte: Gehet zu einem gewissen jungen Goldschmied, der Benvenuto heißt, der Euch gut bedienen wird und meiner Zeichnung nicht bedarf. Damit Ihr aber nicht denkt, daß ich in einer solchen Kleinigkeit ungefällig sein könne, will ich Euch eine Zeichnung machen; Benvenuto mag indessen ein Modell bossieren, und das Beste kann man alsdann ins Werk setzen.

Friedrich Ginori kam zu mir und sagte mir seinen Willen, zugleich auch, wie sehr Michelagnolo mich gelobt hatte. Da ich nun vernahm, daß ich ein Wachsmodell machen sollte, indessen der treffliche Mann zeichnete, gab mir das einen solchen Trieb, daß ich mit der größten Sorgfalt mich an die Arbeit machte. Da sie geendigt war, brachte mir ein genauer Freund des Michelagnolo, der Maler Bugiardini, die Zeichnung des Atlas, alsdann wies ich ihm und Ginori mein Modell, das ganz verschieden von der Zeichnung des großen Mannes war, und beide beschlossen, daß das Werk nach meinem Modell gemacht werden sollte. So fing ich es an, Michelagnolo sah es und erteilte mir und meinem Werk das größte Lob. Die Figur war aus Goldblech getrieben und hatte den Himmel als eine Kristallkugel auf dem Rücken, auf welcher der Tierkreis eingeschnitten war. Beides hatte einen Grund von Lapislazuli und nahm sich äußerst reizend aus. Unten standen die Worte: Summum tulisse juvat. Ginori war sehr zufrieden, bezahlte mich aufs freigebigste und machte mir die Bekanntschaft von Herrn Ludwig Alamanni, der sich eben in Florenz aufhielt, brachte ihn oft in mein Haus und war Ursache, daß ich mir dieses trefflichen Mannes Freundschaft erwarb.

Indessen hatte der Papst Clemens der Stadt Florenz den Krieg angekündigt. Man bereitete sich zur Verteidigung, und in jedem Quartier richtete man die Bürgermiliz ein. Ich equipierte mich reichlich und ging mit den größten Florentinischen von Adel um, die sich sehr bereit und einig zur Verteidigung der Stadt zeigten. Nun fanden sich die jungen Leute mehr als gewöhnlich zusammen, und man sprach von nichts als von diesen Anstalten. Einmal, um die Mittagsstunde, stand eine Menge Menschen, worunter sich die ersten jungen Edelleute befanden, um meine Werkstatt, als ich einen Brief von Rom bekam. Es schrieb mir ihn ein Mann, der Meister Jakob vom Kahn genannt wurde, weil er zwischen Ponte Sisto und [Ponte] Sant Angelo die Leute übersetzte. Dieser Meister Jakob war ein sehr gescheiter Mann und führte die gefälligsten und geistreichsten Reden. Er war ehemals in Florenz ein Verleger beim Tuchmacherhandwerk gewesen; Papst Clemens war ihm sehr günstig und hörte ihn gerne reden. Als er sich eines Tages mit ihm unterhielt, kamen sie auch auf die Belagerung der Engelsburg zu sprechen; der Papst sagte viel Gutes von mir und fügte hinzu: wenn er wüßte, wo ich wäre, möchte er mich wohl wieder haben. Meister Jakob sagte: ich sei in Florenz. Der Papst trug ihm auf, mich einzuladen, und nun schrieb er mir: ich sollte wieder Dienste beim Papst nehmen, es würde mein Glück sein.

Die jungen Leute wollten wissen, was der Brief enthalte; ich aber verbarg ihn, so gut ich konnte, schrieb an Meister Jakob und bat ihn, er möchte mir weder im bösen noch im guten schreiben und mich mit seinen Briefen verschonen. Darauf ward seine Begierde nur noch größer, und er schrieb mir einen andern Brief, der so ganz und gar das Maß überschritt, daß es mir übel bekommen wäre, wenn ihn jemand gesehen hätte. Es ward mir darin im Namen des Papstes gesagt, daß ich sogleich kommen solle. Meister Jakob meinte dabei: ich täte wohl, wenn ich alles stehen und liegen ließe und mich nicht mit den rasenden Narren gegen den Papst auflehnte.

Der Anblick dieses Briefes erregte in mir eine solche Furcht, daß ich schnell meinen lieben Freund Landi aufzusuchen eilte. Er sah mich mit Verwunderung an und fragte, was ich habe, da ich ihm so sehr in Bewegung schien. Ich sagte, daß ich ihm mein Anliegen nicht eröffnen könne; ich bat ihn nur, die Schlüssel zu nehmen, die ich ihm überreichte, und daß er Edelgesteine und Gold diesem und jenem, den er auf meinem Buch würde geschrieben finden, zurückgeben sollte. Dann möchte er meine Sachen zu sich nehmen und sie nach seiner gewöhnlichen liebevollen Art verwahren; in wenig Tagen wollte ich ihm melden, wo ich mich befände.

Vielleicht stellte er sich selbst die Sache ungefähr vor und sagte: Lieber Bruder, eile nur jetzt; dann schreibe mir, und wegen deiner Sachen sei völlig unbesorgt. So tat ich denn auch und hatte recht, mich ihm zu vertrauen; denn er war der treueste, weiseste, redlichste, verschwiegenste, liebevollste Freund, den ich jemals gehabt habe.

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