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Leben des Benvenuto Cellini

: Leben des Benvenuto Cellini - Kapitel 63
Quellenangabe
typeautobio
authorBenvenuto Cellini
titleLeben des Benvenuto Cellini
publisherInsel Verlag
editorJohann Wolfgang von Goethe
translatorJohann Wolfgang von Goethe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectidef16ece3
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XVI. Über die Grundsätze, nach welchen man das Zeichnen erlernen soll

Unter andern wundersamen Kunstfertigkeiten, welche in dieser unserer Stadt Florenz ausgeübt worden und worin sie nicht allein die Alten erreicht, sondern gar übertroffen hat, kann man die edelsten Künste der Skulptur, Malerei und Baukunst nennen, wie sich künftig an seinem Ort wird beweisen lassen.

Aber weil mein Hauptvorsatz ist, über die Kunst, ihre wahren Grundsätze, und wie man sie erlernen soll, zu reden, ein Vorhaben, welches auszuführen meine Vorfahren große Neigung gehabt, sich aber nicht entschließen können, einem so nützlichen und gefälligen Unternehmen den Anfang zu geben, so will ich, obgleich der geringere von so vielen und vortrefflichen Geistern, damit ein solcher Nutzen den Lebenden nicht entgehe, auf die beste Weise, wie die Natur mir es reichen wird, dieses Geschäft übernehmen und mit aller Anstrengung, doch so faßlich, als es sich nur tun läßt, diesen ruhmwerten Vorsatz durchzuführen suchen.

Es ist wahr, daß manche zu Anfang eines solchen Unternehmens eine große Abhandlung zur Einleitung schreiben würden, weil so eine ungeheure Maschine zu bewegen man sehr viele Instrumente nötig hat.

Solche große Vorbereitungen erregen jedoch mehr Überdruß als Vergnügen, und deshalb wollen wir den Weg einschlagen, der uns besser dünkt, daß wir von denen Künsten reden, welche andern zum Grunde liegen, und so nach und nach eine jede in Tätigkeit setzen, wie sie eingreift. Auf diese Weise wird man alles in einem bessern Zusammenhang im Gedächtnis behalten. Deshalb wir auch ohne weiteres mit Bedacht zu Werke gehen.

Ihr Fürsten und Herren, die Ihr Euch an solchen Künsten vergnügt, Ihr vortrefflichen Meister und Ihr Jünglinge, die Ihr Euch noch erst unterrichten wollt, wisset für gewiß, daß das schönste Tier, das die Natur hervorgebracht, der Mensch sei, daß das Haupt sein schönster Teil und der schönste und wundersamste Teil des Hauptes das Auge sei.

Will nun jemand ebendeshalb die Augen nachahmen, so muß er darauf weit größere Kunst verwenden als auf andere Teile des Körpers. Deshalb scheint mir die Gewohnheit, die man bis auf den heutigen Tag beibehält, sehr unschicklich, daß Meister ihren armen zarten Knaben gleich zu Anfang ein menschliches Auge zu zeichnen und nachzuahmen geben. Dasselbe ist mir in meiner Jugend begegnet, und ich denke, es wird andern auch so gegangen sein.

Aus oben angeführten Ursachen halte ich aber für gewiß, daß diese Art keineswegs gut sei und daß man weit schicklicher und zweckmäßiger leichtere und zugleich nützlichere Gegenstände den Schülern vorlegen könne.

Wollten jedoch einige stöckische Pedanten oder irgendein Sudler gegen mich rechten und anführen, daß ein guter Fechtmeister seinen Schülern zu Anfang die schwersten Waffen in die Hände gibt, damit ihnen die gewöhnlichen desto leichter scheinen, so könnte ich gar vieles dagegen auf das schönste versetzen; allein das wäre doch in den Wind gesprochen, und ich, der ich ein Liebhaber von Resultaten bin, begnüge mich, ihnen mit diesen Worten den Weg verrannt zu haben, und wende mich zu meiner leichtern und nützlichern Methode.

Weil nun das Wichtigste eines solchen Talentes immer die Darstellung des nackten Mannes und Weibes bleibt, so muß derjenige, der so etwas gut machen und die Gestalten gegenwärtig haben will, auf den Grund des Nackten gehen, welches die Knochen sind. Hast du dieses Gebäude gut im Gedächtnis, so wirst du weder bei nackten noch bekleideten Figuren einen Irrtum begehen, welches viel gesagt ist. Ich behaupte nicht, daß du dadurch mehr oder mindere Anmut deinen Figuren verschaffst: es ist hier die Rede, sie ohne Fehler zu machen, und dieses, kann ich dich versichern, wirst du auf meinem Wege erreichen.

Nun betrachte, ob es nicht leichter sei, einen Knochen zum Anfang zu zeichnen als ein Auge?

Hierbei verlange ich, daß du zuerst den Hauptknochen des Beines zeichnest. Denn wenn man einen solchen dem Schüler von dem zartesten Alter vorlegt, so wird er einen Stab zu zeichnen glauben. Fürwahr! in den edelsten Künsten ist es von der größten Wichtigkeit, wenn man sie überwinden und beherrschen will, daß man Mut fasse, und kein Kind wird so kleinmütig sein, das ein solches beinernes Stäbchen, wo nicht auf das erste, doch auf das zweite Mal nachzuahmen sich verspräche, wie solches bei einem Auge nicht der Fall sein würde. Alsdann wirst du die kleine Röhre, welche wohl über die Hälfte dünner ist als die große, mit dem Hauptknochen gehörig zusammenfügen und also nachzeichnen lassen. Über diese beiden setzest du den Schenkelknochen, welcher einzeln und stärker ist als die beiden vorhergehenden.

Dann fügst du die Kniescheibe zwischenein und lassest den Schüler diese vier Knochen sich recht ins Gedächtnis fassen, indem er sie von allen Seiten zeichnet, sowohl von vorn und hinten als von den beiden Profilen. Sodann wirst du ihm die Knochen des Fußes nach und nach erklären, welche der Schüler, von welchem Alter er sei, zählen und ins Gedächtnis prägen muß.

Daraus wird sich ergeben, daß, wenn sich jemand die Knochen des ganzen Beines bekannt gemacht, ehe er an den Kopf kömmt, ihm alle andern Knochen leicht scheinen werden, und so wird er nach und nach das schöne Instrument zusammensetzen lernen, worauf die ganze Wichtigkeit unserer Kunst beruht.

Laß nachher den Schüler einen der schönen Hüftknochen zeichnen, welche wie ein Becken geformt sind und sich genau mit dem Schenkelknochen verbinden, da, wo dessen Ende gleich einer Kugel an einen Stab befestigt ist. Dagegen hat der Beckenknochen eine wohl eingerichtete Vertiefung, in welcher der Schenkelknochen sich nach allen Seiten bewegen kann, wobei die Natur gesorgt hat, daß er nicht über gewisse Grenzen hinausschreite, in welchen sie ihn mit Sehnen und andern schönen Einrichtungen zurückhält.

Ist nun dieses gezeichnet und dem Gedächtnis wohl eingedrückt, so kommt die Reihe an einen sehr schönen Knochen, welcher zwischen den beiden Hüftknochen befestigt ist. Er hat acht Öffnungen, durch welche die Meisterin Natur mit Sehnen und andern Vorrichtungen das ganze Knochenwerk zusammenhält. Am Ende von gedachtem Bein ist der Schluß des Rückgrates, welcher als ein Schwänzchen erscheint, wie er es denn auch wirklich ist.

Dieses Schwänzchen wendet sich in unsern warmen Gegenden nach innen; aber in den kältesten Gegenden, weit hinten im Norden, wird es durch die Kälte nach außen gezogen, und ich habe es vier Finger breit bei einer Menschenart gesehen, die sich Iberni nennen und als Monstra erscheinen. Es verhält sich aber damit nicht anders, als wie ich gesagt habe.

Sodann lassest du den wunderbaren Rückgrat folgen, der über gedachtem heiligen Bein aus vierundzwanzig Knochen besteht. Sechzehen zählt man bis dahin, wo die Schultern anfangen, und acht bis zur Verbindung mit dem Haupte, welchen Teil man den Nacken nennt. Der letzte Knochen hat eine runde Vertiefung, in welcher der Kopf sich trefflich bewegt.

Von diesen Knochen mußt du einige mit Vergnügen zeichnen, denn sie sind sehr schön. Sie haben eine große Öffnung, durch welche der Strang des Rückenmarks durchgeht.

An dieses Knochenwerk des Rückens schließen sich vierundzwanzig Rippen, zwölf auf jeder Seite, so daß man das Zimmerwerk einer Galeere zu sehen glaubt. Dieses Rippenwesen mußt du oft zeichnen und dir wohl von allen Seiten bekannt machen. Du wirst finden, daß sie sich am sechsten Knochen, vom heiligen Bein an gerechnet, anzusetzen anfangen. Die vier ersten stehen frei. Von diesen sind die beiden ersten klein und ganz knöchern. Die erste ist klein, die zweite größer, die dritte hat ein klein Stückchen Knorpel an der Spitze, die vierte aber ein größeres, die fünfte ist auch noch nicht mit dem Brustknochen verbunden wie die übrigen sieben. Dieser Knochen ist porös wie ein Bimsstein und macht einen Teil des ganzen Rippenwerks aus.

Einige dieser sieben Rippen haben den dritten, einige den vierten Teil Knorpel, und dieser Knorpel ist nichts anders als ein zarter Knochen ohne Mark. Auf alle Weise läßt er sich mehr einem Knochen als einer Sehne vergleichen, denn der Knochen ist zerbrechlich, der Knorpel auch, die Sehne aber nicht.

Nun verstehe wohl! wenn du dieses Rippenwesen gut im Gedächtnis hast und dazu kommst, Fleisch und Haut darüberzuziehen, so wisse, daß die fünf untersten freien Rippen, wenn sich der Körper dreht oder vor- und rückwärts biegt, unter der Haut viele schöne Erhöhungen und Vertiefungen zeigen, welches eben die schönen Dinge sind, welche an dem Körper des Menschen unfern des Nabels erscheinen.

Diejenigen, welche nun diese Knochen nicht gut im Gedächtnis haben, wie mir einige einbildische Maler, ja Schmierer vorgekommen sind, die sich auf ihr Gedächtnislein verlassen und ohne ander Studium als schlechter und oberflächlicher Anfänge zur Arbeit rennen, nichts Gutes verrichten und sich dergestalt gewöhnen, daß sie, wenn sie auch wollten, nichts Tüchtiges leisten können: mit diesem Handwerkswesen, wobei sie noch der Geiz betört, schaden sie denen, die auf dem guten Wege der Studien sind, und machen den Fürsten Schande, die, indem sie sich von solcher Behendigkeit betören lassen, der Welt zeigen, daß sie nichts verstehn. Die trefflichen Bildhauer und Maler verfertigen ihre Arbeiten für viele hundert Jahre, zum Ruhme der Fürsten und zur größten Zierde ihrer Städte. Da solche Werke nun ein so langes Leben haben sollen, so erwarte nicht, mächtiger und würdiger Fürst, daß man sie geschwind vollbringe! Die gute Arbeit braucht vielleicht nur zwei oder drei Jahre mehr als die schlechte. Nun bedenke, ob sie nicht, da sie so viele Jahre leben soll, diesen Aufschub verdient!

Habe ich mich nun ein wenig von meinem Hauptzwecke entfernt, so kehre ich gleich dahin wieder zurück. Über diesem Rippenbau befinden sich noch zwei Knochen außer der Ordnung, die sich beide auf den Brustknochen auflegen und mit einiger Wendung sich mit den Schulterknochen verbinden. Du brauchst sie nicht besonders zu zeichnen wie mehrere der andern, sondern zugleich mit dem Rippenkasten mußt du dir sie wohl in das Gedächtnis eindrücken. Es sind dieses die Schlüsselbeine.

Diejenigen Knochen, mit welchen sie sich hinterwärts verbinden, haben die Form zweier Schaufeln. Es sind sehr schöne Knochen, die, weil sie gewisse Erhöhungen haben, unter der Haut erscheinen und daher von deinem Schüler anstatt des Auges zu zeichnen sind. Es kömmt viel darauf an, daß er sie recht kenne. Denn wenn ein Arm einige Gewalt brauchen will, so macht dieser Knochen verschiedene schöne Bewegungen, welche der, so es versteht, auf dem Rücken wohl erkennen kann, weil sich diese Knochen sehr von den Muskeln auszeichnen. Man nennt sie Schulterblätter.

An diesen sind die Armknochen befestigt, welche den Beinen ähnlich, obgleich viel kleiner sind. Wenn du dich mit diesen beschäftigst, so brauchst du es gerade nicht auf ebendie Art zu tun, wie du es mit den Füßen gehalten hast. Denn wenn du in der Ordnung, wie ich dir angezeigt habe, bis zu den Armen gelangt bist, so kannst du diese alsdann gewiß zugleich mit der Hand zeichnen, welches eine künstliche und schöne Sache ist. Auch diese Teile mußt du genugsam nach allen Seiten hin zeichnen, und zwar sowohl die rechte als die linke.

Bist du so weit gelangt, so kannst du dich gleichsam zum Vergnügen an dem wundersamen Knochen des Schädels versuchen, den du alsdann, wenn du fleißig und anhaltend die untern Teile studiert hast, mit Ernst vornehmen magst. Hast du ihn nun von irgendeiner Seite gezeichnet und deine Arbeit gefällt dir, so mußt du suchen, ihn mit den untern Teilen zu verbinden und dieses von allen Seiten und in allen Wendungen tun. Denn wer die Knochen des Schädels nicht gut in Gedanken hat, der wird keinen Kopf, er sei von welcher Art er wolle, mit einiger Anmut ausführen können.

Das beste wäre, daß du während der Zeit, wenn du das menschliche Knochengerüste zeichnest, nichts weiter vornähmest, um dein Gedächtnis nicht zu beschweren. Nun mußt du noch dieses wissen, daß du auch das Maß aller dieser Teile dir bekannt zu machen hast, auf daß du mit mehr Sicherheit Sehnen und Muskeln darüberziehen könnest, womit die göttliche Natur mit so vieler Kunst das schöne Instrument verbindet.

Wenn du nun diese Knochen messen willst, so mußt du sie so aufstellen, als wenn es ein lebendiger Mensch wäre, zum Beispiel: der Fuß muß sich in seiner Pfanne befinden, welche Richtung er auch nehme.

Den Körper kannst du daher kühnlich zurechte rücken, daß er auf zwei Beinen stehe, und den Kopf ein wenig zur Seite wenden. Auch kannst du dem Arm einige Handlung geben.

Nachher magst du das Gerippe, hoch oder niedrig, sitzen lassen und ihm verschiedene Wendungen und Bewegungen geben. Dadurch wirst du dir ein wundersames Fundament bereiten, das dir die großen Schwierigkeiten unserer göttlichen Kunst erleichtern wird. Damit ich dir ein Beispiel zeige und den größten Meister anführe, so betrachte die Werke des Michelangelo Buonarroti, dessen hohe Weise, die von allen andern und von allem, was man bisher gesehen, so sehr verschieden ist, nur darum so wohl gefallen hat, weil er das Gefüge der Knochen genau betrachtete. Dich hievon zu überzeugen, betrachte alle seine Werke, sowohl der Skulptur als Malerei, wo die an ihrem Ort wohlbezeichneten Muskeln ihm kaum so viel Ehre machen als die sichere Andeutung der Knochen und ihres Übergangs zu den Sehnen, wodurch das künstliche Gebäude des Menschen erst entschieden Gestalt, Maß und Verbindung erhält.‹

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