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Leben des Benvenuto Cellini

: Leben des Benvenuto Cellini - Kapitel 6
Quellenangabe
typeautobio
authorBenvenuto Cellini
titleLeben des Benvenuto Cellini
publisherInsel Verlag
editorJohann Wolfgang von Goethe
translatorJohann Wolfgang von Goethe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünftes Kapitel

Der Autor findet Händel und nimmt eine Ausforderung eines der Leute des Rienzo da Ceri an. – Er arbeitet große Kardinalssiegel, nach Art des Lautizio. – Die Pest bricht in Rom aus; während derselben hält er sich viel in den Ruinen auf und studiert dort nach den architektonischen Zieraten. – Geschichte des Herrn Jakob Carpi, berühmten Wundarztes. – Begebenheiten mit einigen Vasen, welche Benvenuto gezeichnet. – Nachdem die Pestilenz vorbei war, treten mehrere Künstler zusammen, Maler, Bildhauer und Goldschmiede, sich wöchentlich zu vergnügen. – Angenehme Beschreibung eines dieser Bankette, welches der Autor durch einen glücklichen Einfall verherrlicht.

Da ich mein Leben beschreiben will, so muß ich andere Dinge, die sich zwar nicht auf meine Profession beziehen, doch im Vorbeigehn bemerken. Am Feste unsers Patrons St. Johann aßen viele Florentiner zusammen, von verschiedenen Professionen, Maler, Bildhauer und Goldschmiede; unter andern angesehenen Leuten waren Rosso, der Maler, und Penni, Raphaels Schüler, dabei. Ich hatte sie eigentlich zusammengebracht. Sie lachten und scherzten, wie es geschieht, wenn viele Männer beisammen sind, die sich eines gemeinsamen Festes erfreuen. Zufällig ging ein tollköpfiger junger Mensch vorbei, der Travaccio hieß und Soldat unter Rienzo da Ceri war. Da er uns so lustig hörte, spottete er auf eine unanständige Weise über die florentinische Nation. Ich hielt mich für den Anführer so vieler geschickten und braven Leute und konnte das nicht hingehen lassen; still, und ohne daß es jemand bemerkte, erreichte ich ihn noch. Er ging mit seiner Liebsten, und um sie zum Lachen zu bringen, setzte er sein albernes Geschwätze fort. Ich stellte ihn zur Rede und fragte ihn: ob er der Freche sei, der schlecht von der florentinischen Nation spreche? Er antwortete schnell: Ich bins! Drauf schlug ich ihn ins Gesicht und sagte: Das bin ich! und sogleich waren unsere Degen gezogen. Aber kaum war der Handel begonnen, als sich viele dazwischen legten und, da sie die Sache vernahmen, mir recht gaben.

Den andern Tag wurde mir eine Ausforderung von ihm zugestellt; ich nahm sie freudig an und sagte: damit wollte ich wohl eher als mit einem Werke meiner andern Kunst fertig werden. Sogleich ging ich zu einem Alten, der Bevilacqua hieß; er hatte den Ruf, der erste Degen von Italien gewesen zu sein, denn er hatte sich wohl zwanzigmal geschlagen und war immer mit Ehren aus der Sache geschieden. Dieser brave Mann hatte viel Freundschaft für mich, er kannte mich und mein Talent in der Kunst und hatte mir schon bei fürchterlichen Händeln beigestanden. Er pflegte zu sagen: Mein Benvenuto! wenn du mit dem Kriegsgott zu tun hättest, so bin ich gewiß, du würdest mit Ehren bestehen; denn so viel Jahre ich dich kenne, habe ich dich noch keinen ungerechten Handel anfangen sehen. So nahm er teil an meinen Unternehmungen und führte uns auf den Platz, wo wir, doch ohne Blutvergießen, mit Ehren den Streit endigten. Ich übergehe viele schöne Geschichten dieser Art, um von meiner Kunst zu reden, um derentwillen ich eigentlich schreibe, und ich werde darin nur zu viel zu sagen haben.

Man weiß, wie ich mit einem löblichen Wetteifer die Art und Kunst des Lucagnolo zu übertreffen suchte und dabei die Geschäfte eines Juweliers nicht versäumte; ebenso bemühte ich mich, die Geschicklichkeiten anderer Künstler nachzuahmen. Es war zur selbigen Zeit in Rom ein trefflicher Peruginer, mit Namen Lautizio, der nur eine Profession trieb, in dieser aber auch einzig war. Es ist gewöhnlich, daß in Rom jeder Kardinal sein Wappen im Siegel führt. Diese Siegel sind groß, wie die ganze Hand eines zehnjährigen Knaben, und da in dem Wappen viele Figuren vorkommen, so bezahlt man für ein solches hundert und mehr Scudi. Auch diesem braven Manne wünschte ich nachzueifern, obgleich seine Kunst sehr von den Künsten entfernt war, die ein Goldschmied auszuüben hat; auch verstand Lautizio nichts zu machen als nur diese Siegel. Ich aber befleißigte mich nebst andern Arbeiten auch dieser, und so schwer ich sie auch fand, ließ ich doch nicht nach, weil ich zu lernen und zu verdienen geneigt war.

Dann befand sich in Rom ein andrer trefflicher Künstler, von Mailand gebürtig, mit Namen Caradosso; er arbeitete bloß getriebene Medaillen von Metallblech und andere Dinge dieser Art. Er machte einige Friedensbilder in halberhobener Arbeit, auch Kruzifixe, einen Palm groß, von dem zartesten Goldblech auf das vortrefflichste gearbeitet, und ich wünschte ihn mehr als jemanden zu erreichen. Überdies fanden sich andere Meister, welche Stahlstempel, wodurch man die schönen Münzen hervorbringt, verfertigten. Alle diese verschiedenen Arbeiten übernahm ich und suchte sie unermüdet zur Vollkommenheit zu bringen. Die schöne Kunst des Emaillierens ließ ich mir gleichfalls angelegen sein und nahm mir darin einen unserer Florentiner, der Amerigo hieß, den ich niemals persönlich gekannt hatte, zum Vorbild. Niemand hat sich, daß ich wüßte, seiner göttlichen Arbeit genähert. Auch diese schweren Bemühungen legte ich mir auf, wo man sein Werk und die Frucht seines Fleißes zuletzt dem Feuer überlassen muß, das alles wieder verderben kann; aber die Freude, die ich daran hatte, machte, daß ich die großen Schwierigkeiten für ein Ausruhen ansahe. Denn Gott und die Natur haben mir die glücklichste Gabe, eine so gute und wohlproportionierte Komplexion gegeben, daß ich damit frei alles, was mir in den Sinn kam, ausrichten konnte. Was ich in diesen so ganz verschiedenen Professionen geleistet habe, werde ich an seinem Orte anzeigen.

Zu dieser Zeit (ich war ungefähr dreiundzwanzig Jahr alt) wütete in Rom eine pestilenzialische Krankheit; viele Tausende starben jeden Tag, und dadurch geschreckt, gewöhnte ich mich zu einer gewissen Lebensart, die ich gemütlich fand, und zwar durch folgenden Anlaß. An Festtagen ging ich gewöhnlich nach Altertümern aus und studierte nach ihnen, entweder in Wachs oder mit Zeichnen. Weil sich nun viele schöne Sachen in den Ruinen finden und dabei viele Tauben nisten, fand ich Vergnügen, meine Büchse gegen sie zu brauchen. Nun gab ich öfters, aus Furcht vor der Pest und um allen menschlichen Umgang zu fliehen, meinem Paulin das Gewehr auf die Schulter. Wir gingen allein nach jenen Altertümern aus und kamen gewöhnlich mit einer großen Beute nach Hause. Ich lud immer nur eine Kugel in das Gewehr und vergnügte mich, durch Kunst und Geschicklichkeit große Jagd zu machen. Ich hatte mir selbst meine Büchse eingerichtet, sie war von außen und innen spiegelglatt; dazu machte ich mir selbst das feinste Schießpulver, wobei ich Geheimnisse fand, die noch niemand entdeckt hatte: ich will nur diesen Wink geben, daß ich mit dem fünften Teil des Gewichts der Kugel von meinem Pulver auf zweihundert Schritte einen weißen Punkt traf, worüber sich die, welche das Handwerk verstehen, gewiß verwundern werden.

So ein großes Vergnügen fand ich an dieser Übung, daß sie mich manchmal von meiner Kunst und von meinen Studien zu entfernen schien; allein ich zog von der andern Seite daraus wieder großen Vorteil: denn ich verbesserte dadurch meine Lebenskräfte, und die Luft war mir sehr heilsam, da ich von Natur zur Melancholie geneigt bin. Dieses Vergnügen erfreute mir gleich das Herz, ich ward geschickter zur Arbeit, und mein Talent zeigte sich mehr, als wenn ich immer bei meinen Studien und Übungen blieb, so daß mir am Ende meine Büchse mehr zum Vorteil als zum Nachteil gereichte.

Bei dieser Gelegenheit hatte ich auch die Bekanntschaft mit Antiquitätensuchern gemacht, die den lombardischen Bauern aufpaßten, welche zu bestimmten Zeiten nach Rom kamen, um die Weinberge zu bearbeiten und im Umwenden des Erdreichs immer alte Medaillen, Achate, Prasem, Karneole und Kameen fanden; manchmal hatten sie sogar das Glück, Edelsteine, zum Beispiel Smaragde, Saphire, Diamanten und Rubinen auszugraben. Jene Aufsucher kauften gewöhnlich solche Dinge von den Bauern für geringes Geld, und indem ich sie öfters auf der Stelle antraf, zahlte ich ihnen wohl so viele Goldgulden, als sie Julier gegeben hatten. Ich verhandelte diese Dinge wieder, und ob ich dabei gleich wieder zehen für eins gewann, so machte ich mir doch dadurch fast alle Kardinale zu Freunden.

Um nur von den seltensten Stücken zu reden, die mir in die Hand fielen, nenne ich den Kopf eines Delphins, groß wie eine mäßige Bohne, in dem schöngefärbtesten Smaragd; einen Minervenkopf in Topas, einer starken Nuß groß; einen Kamee mit Herkules und Cerberus, ein Werk, das unser großer Michelagnolo höchlich bewunderte. Unter vielen Münzen erhielt ich einen Jupiterskopf von der größten Schönheit, und auf der andern Seite waren einige gleich treffliche Figuren gebildet.

Daß ich hier noch eine Geschichte erzähle, die früher vorfiel! Es kam ein großer Chirurgus nach Rom, der Meister Jakob da Carpi hieß; dieser treffliche Mann kurierte unter andern besonders desperate französische Übel. Er verstand sich sehr auf Zeichnung, und da er eines Tags vor meiner Werkstatt vorbeiging, sah er zufälligerweise einige Handrisse, worunter sich wunderliche Vasen befanden, die ich zu meinem Vergnügen erfunden hatte; sie waren ganz verschieden von allem, was bis dahin gesehen worden war. Meister Jakob verlangte, ich sollte sie ihm von Silber machen, welches ich äußerst gern tat, weil ich dabei meinen Grillen folgen konnte; er bezahlte mir sie gut, aber hundertfach war die Ehre, die sie mir verschafften. Denn die Goldschmiede lobten die Arbeit über die Maßen, und ich hatte sie nicht sobald ihrem Herrn übergeben, als er sie dem Papst zeigte und den andern Tag verreiste. Er war sehr gelehrt und sprach zum Erstaunen über die Medizin. Der Papst verlangte, er sollte in seinen Diensten bleiben, aber er sagte: er wolle in keines Menschen Dienste treten, und wer ihn nötig hätte, sollte ihn aufsuchen. Es war ein verschlagner Mann, und er tat wohl, von Rom wegzugehn, denn wenige Monate darauf befanden sich alle, die er kuriert hatte, viel schlimmer als vorher; sie hätten ihn umgebracht, wenn er geblieben wäre.

Er zeigte meine Gefäße dem Herzog von Ferrara und vielen andern Herren, auch unserm durchlauchtigsten Herzog, und sagte: er habe sie von einem großen Herrn in Rom erhalten, den er nur unter der Bedingung, daß er ihm diese Gefäße abträte, habe kurieren wollen. Der Herr habe sich sehr geweigert, ihm versichert, daß sie antik seien, und ihn gebeten, er möchte lieber alles andere verlangen; er aber sei darauf bestanden und habe die Kur nicht eher begonnen, als bis er die Gefäße erhalten.

Dieses erzählte mir Alberto Bendidio, der mir mit großen Umständen einige Kopien wies, die in Ferrara in Ton gemacht worden waren. Ich lachte und sagte nichts weiter. Der stolze Mann erzürnte sich und rief: Du lachst, und ich sage dir, seit tausend Jahren ist keiner geboren, der sie nur zeichnen könnte! Ich war still, um ihnen den großen Ruf nicht zu rauben, und schien sie selbst zu bewundern.

Viele Herren in Rom, und darunter auch einige meiner Freunde, sprachen mit Verwunderung von diesen Arbeiten, die sie selbst für alt hielten: ich konnte meinen Stolz nicht verbergen und behauptete, daß ich sie gemacht habe; man wollte es nicht glauben, und zum Beweis machte ich neue Zeichnungen, denn die alten hatte Meister Jakob klüglich mitgenommen.

Die Pest war vorüber, und ich hatte mich glücklich durchgebracht, aber viele meiner Gesellen waren gestorben. Man suchte sich wieder auf und umarmte freudig und getröstet diejenigen, die man lebend antraf. Daraus entstand in Rom eine Gesellschaft der besten Maler, Bildhauer und Goldschmiede, die ein Bildhauer von Siena, namens Michelagnolo, stiftete. Er durfte in seiner Kunst sich neben jedem andern zeigen, und man konnte dabei keinen gefälligern und lustigern Mann finden. Er war der älteste in der Gesellschaft, aber der jüngste nach der Gesundheit seines Körpers. Wir kamen wöchentlich wenigstens zweimal zusammen; Julius Romano und Franziskus Penni waren von den Unsern.

Schon hatten wir uns öfters versammelt, als es unserm guten Anführer beliebte, uns auf den nächsten Sonntag bei sich zu Tische zu laden; jeder sollte seine Krähe mitbringen (das war der Name, den er unsern Mädchen gegeben hatte), und wer sie nicht mitbrächte, sollte zur Strafe die ganze Gesellschaft zunächst zu Tische laden. Wer nun von uns mit solchen Mädchen keinen Umgang hatte, mußte mit großen Kosten und Anstalten eine für den Tag sich aufsuchen, um nicht beschämt bei dem herrlichen Gastmahl zu erscheinen. Ich dachte wunder, wie gut versehen ich wäre, denn ein sehr schönes Mädchen, mit Namen Pantasilea, war sterblich in mich verliebt; ich fand mich aber genötigt, sie meinem besten Freunde Bachiacca zu überlassen, der gleichfalls heftig in sie verliebt war. Darüber gab es einigen Verdruß, denn das Mädchen, als sie sah, daß ich sie so leicht abtrat, glaubte, daß ich ihre große Liebe schlecht zu schätzen wisse; darüber entstand mir ein böser Handel in der Folge, dessen ich an seinem Ort gedenken will.

Schon nahte sich die Stunde, da jeder mit seiner Krähe in die treffliche Gesellschaft kommen sollte. Bei einem solchen Spaße mich auszuschließen, hielt ich für unschicklich, und dann hatte ich wieder Bedenken, unter meinem Schutz und Ansehn irgendeinen schlechten, gerupften Vogel einzuführen. Alsbald fiel mir ein Scherz ein, durch den ich die Freude zu vermehren gedachte. So entschlossen, rief ich einen Knaben von sechzehn Jahren, der neben mir wohnte, den Sohn eines spanischen Messingarbeiters; er hieß Diego, studierte fleißig Latein, war schön von Figur und hatte die beste Gesichtsfarbe. Der Schnitt seines Gesichts war viel schöner als des alten Antinous, ich hatte ihn oft gezeichnet und in meinen Werken große Ehre dadurch eingelegt. Er ging mit niemand um, so daß man ihn nicht kannte, war gewöhnlich sehr schlecht gekleidet und nur in seine Studien verliebt. Ich rief ihn in meine Wohnung und bat ihn, daß er die Frauenkleider anlegen möchte, die er daselbst vorfand. Er war willig, zog sich schnell an, und ich suchte mit allerlei Schmuck sein reizendes Gesicht zu verschönern: ich legte ihm zwei Ringe mit großen schönen Perlen an die Ohren (die Ringe waren offen und klemmten das Läppchen so, als wenn es durchstochen wäre), dann schmückte ich seinen Hals mit goldnen Ketten und andern Edelsteinen, auch seine Finger steckte ich voll Ringe, nahm ihn dann freundlich beim Ohr und zog ihn vor meinen großen Spiegel. Er erstaunte über sich selbst und sagte mit Zufriedenheit: Ists möglich! das wäre Diego?

Ja! versetzte ich, das ist Diego, von dem ich niemals eine Gefälligkeit verlangt habe. Nur gegenwärtig bitt ich ihn, daß er mir den Gefallen tue, mit diesen Kleidern zu jener vortrefflichen Gesellschaft zu Tische zu kommen, von der ich ihm so oft erzählt habe. Der ehrbare, tugendsame und kluge Knabe schlug die Augen nieder und blieb eine Weile stille, dann hob er auf einmal sein himmlisches Gesicht auf und sagte: Mit Benvenuto komme ich! laß uns gehen! Darauf schlug ich ihm ein großes seidnes Tuch über den Kopf, wie die Römerinnen im Sommer tragen.

Als wir an dem Platz ankamen, waren schon alle beisammen und gingen mir sämtlich entgegen. Michelagnolo von Siena, zwischen Julius Romano und Penni, nahm den Schleier meiner schönen Figur ab, und wie er der allerlustigste und launigste Mann von der Welt war, faßte er seine Freunde zu beiden Seiten an und nötigte sie, sich so tief als möglich zur Erde zu bücken. Er selbst fiel auf die Knie, flehte um Barmherzigkeit, rief alle zusammen und sagte: Sehet nur, so sehen die Engel im Paradiese aus! Man sagt immer nur Engel, aber da sehet ihr, daß es auch Engelinnen gibt. Dann mit erhobener Stimme sprach er: O schöner Engel, o würdiger Engel, beglücke mich, segne mich! Darauf erhob die angenehme Kreatur lächelnd ihre Hand und gab ihm den päpstlichen Segen. Michelagnolo erhub sich und sagte: Dem Papst küsse man die Füße, den Engeln die Wangen! Und so tat er auch. Der Knabe ward über und über rot, und seine Schönheit erhöhte sich außerordentlich.

Als wir uns weiter umsahen, fanden wir in dem Zimmer viele Sonette angeschlagen, die jeder von uns gemacht und dem Michelagnolo zugeschickt hatte. Das schöne Kind fing an, sie zu lesen, und las sie alle mit so viel Ausdruck, daß jedermann erstaunen mußte. Auf diese Weise wurde viel gesprochen, und jeder zeigte seine Verwunderung, davon ich nur die Worte des berühmten Julius erwähnen will. Nachdem er alle die Anwesenden und besonders die Frauen angesehen hatte, sagte er: Lieber Michelagnolo! wenn Ihr die Mädchen Krähen benennt, so habt Ihr diesmal doppelt recht, denn sie nehmen sich noch schlimmer aus als Krähen neben dem schönsten Pfau.

Die Speisen waren aufgetragen, und Julius erbat sich die Erlaubnis, uns die Plätze anzuweisen. Als es ihm gestattet war, nahm er die Mädchen bei der Hand und ließ sie alle an einer Seite und die meine in der Mitte niedersitzen, alsdann die Männer an der andern Seite und mich in der Mitte, mit dem Ausdruck, daß ich diese Ehre wohl verdiente. Im Rücken unserer Frauenzimmer war eine Wand von natürlichen Jasminen, worauf sich die Gestalten, und besonders meiner Schönen, über alle Begriffe herrlich ausnahmen, und so genossen wir eines Gastmahls, das mit Überfluß und Zierlichkeit bereitet war. Gegen Ende des Tisches kamen einige Singstimmen zugleich mit einigen Instrumenten, und da sie ihre Notenbücher bei sich hatten, verlangte meine schöne Figur, gleichfalls mitzusingen. Sie leistete so viel mehr als die andern, daß Julius und Michelagnolo nicht mehr wie vorher munter und angenehm scherzten, sondern ernsthaft wichtige und tiefsinnige Betrachtungen anstellten.

Darauf fing ein gewisser Aurelius von Ascoli, der sehr glücklich aus dem Stegreif sang, mit göttlichen und herrlichen Worten an, die Frauenzimmer zu loben. Indessen hörten die beiden Frauen, die meine schöne Figur in der Mitte hatten, nicht auf, zu schwätzen. Die eine erzählte, wie es ihr übel ergangen, und die andere fragte mein Geschöpfchen: wie sie sich geholfen hätte? wer ihre Freunde wären? wie lange sie sich in Rom befände? und andere Dinge der Art. Indessen hatte Pantasilea, meine Liebste, aus Neid und Verdruß auch allerlei Händel erregt, die ich der Kürze willen übergehe. Endlich wurden meiner schönen Figur, welche den Namen Pomona führte, die abgeschmackten Zudringlichkeiten zur Last, und sie drehte sich verlegen bald auf die eine, bald auf die andere Seite. Da fragte das Mädchen, das Julius mitgebracht hatte: ob sie sich übel befinde? Mit einigem Mißbehagen sagte meine Schönheit: Ja! und setzte hinzu: sie glaube, seit einigen Monaten guter Hoffnung zu sein, und fürchte, ohnmächtig zu werden. Sogleich hatten ihre beiden Nachbarinnen Mitleid mit ihr und wollten ihr Luft machen: da ergab sichs, daß es ein Knabe war! Sie schrien, schalten und standen vom Tische auf. Da erhub sich ein lauter Lärm und ein unbändiges Gelächter. Michelagnolo verlangte die Erlaubnis, mich bestrafen zu dürfen, und erhielt sie unter großem Geschrei. Er soll leben! rief der Alte aus; wir sind ihm Dank schuldig, daß er durch diesen Scherz unser Fest vollkommen gemacht hat. So endigte sich dieser Tag, von dem wir alle vergnügt nach Hause kehrten.

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