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Leben des Benvenuto Cellini

: Leben des Benvenuto Cellini - Kapitel 47
Quellenangabe
typeautobio
authorBenvenuto Cellini
titleLeben des Benvenuto Cellini
publisherInsel Verlag
editorJohann Wolfgang von Goethe
translatorJohann Wolfgang von Goethe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
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Elftes Kapitel

Cellini, nach seiner Genesung, wird besonders von Don Francesco, des Herzogs Sohn, begünstigt und aufgemuntert. – Großes Unrecht, das er von dem Magistrat in einem Prozeß erduldet, den er mit Sbietta führt. – Er begibt sich zum Herzog nach Livorno und trägt ihm seine Angelegenheit vor, findet aber keine Hülfe. – Das Gift, das er bei Sbietta bekommen, anstatt ihn zu zerstören, reinigt seinen Körper und stärkt seine Leibesbeschaffenheit. – Fernere Ungerechtigkeit, die er in seinem Rechtsstreite mit Sbietta durch den Verrat des Raphael Schieggia erfährt. – Der Herzog und die Herzogin besuchen ihn, als sie von Pisa zurückkommen. – Er verehrt ihnen bei dieser Gelegenheit ein trefflich gearbeitetes Kruzifix. – Der Herzog und die Herzogin versöhnen sich mit ihm und versprechen ihm alle Art von Beistand und Aufmunterung. – Da er sich in seiner Erwartung getäuscht findet, ist er geneigt, einem Vorschlag Gehör zu geben, den Katharina von Medicis, verwitwete Königin von Frankreich, an ihn gelangen läßt, zu ihr zu kommen und ihrem Gemahl, Heinrich II., ein prächtiges Monument zu errichten. – Der Herzog läßt merken, daß es ihm unangenehm sei, und die Königin geht von dem Gedanken ab. – Der Kardinal von Medicis stirbt, worüber am florentinischen Hof große Trauer entsteht. – Cellini reist nach Pisa.

Um diese Zeit war der Herzog verreist, um seinen Einzug in Siena zu halten, wohin Ammannato schon einige Monate vorher gegangen war, um die Triumphbögen aufzurichten. Ein natürlicher Sohn von ihm war in der Loge bei der Arbeit geblieben und hatte mir einige Tücher von meinem Modell des Neptuns, das ich bedeckt hielte, weggezogen. Sogleich ging ich, mich darüber bei Don Francesco, dem Sohn des Herzogs, zu beschweren, der mir sonst einiges Wohlwollen bezeigte. Ich sagte: sie hätten mir meine Figur aufgedeckt, die doch unvollkommen sei; wenn sie fertig wäre, so hätte es mir gleichgültig sein können. Darauf antwortete mir der Prinz mit einer unzufriedenen Miene: Benvenuto! bekümmert Euch nicht, daß sie aufgedeckt ist, denn sie haben es zu ihrem eignen Schaden getan; wollt Ihr aber, daß ich sie soll bedecken lassen, so soll es gleich geschehen. Außer diesen Worten sagte Seine Exzellenz noch manches zu meinen Gunsten in Gegenwart vieler Herren; ich aber versetzte: er möge doch die Gnade haben und mir Gelegenheit verschaffen, daß ich das Modell endigen könnte, denn ich wünschte, sowohl mit dem großen als dem kleinen ihm ein Geschenk zu machen. Er antwortete mir, daß er eins wie das andere annehme, und ich solle alle Bequemlichkeit haben, die ich verlange. Diese geringe Gunst richtete mich wieder auf und war Ursache, daß ich wieder nach und nach gesund wurde; denn der viele Verdruß und die großen Übel hatten mich dergestalt niedergedrückt, daß ich irgendeiner Aufmunterung bedurfte, um nur wieder einige Hoffnung fürs Leben zu schöpfen.

Es war nun ein Jahr vorbei, daß ich jenes Gut von Sbietta auf gedachte Weise besaß, und ich mußte nun nach ihren Giftmischereien und andern Schelmstreichen bemerken, daß es mir so viel nicht eintrug, als sie mir versprochen hatten. Da ich nun außer dem Hauptkontrakte von Sbietta selbst noch eine besondere Handschrift hatte, wodurch er mir vor Zeugen die bestimmten Einkünfte zusagte, so ging ich zu den Herren Räten, welche derzeit Averardo Serristori und Friedrich Ricci waren. Alfonso Quistello war Fiskal und kam auch mit in ihre Sitzung; der Namen der übrigen erinnere ich mich nicht, es war auch ein Alessandri darunter, genug, alles Männer von großer Bedeutung. Als ich nun meine Gründe den Herren vorgelegt hatte, entschieden sie alle mit einer Stimme, Sbietta habe mir mein Geld zurückzugeben. Der einzige Friedrich Ricci widersprach, denn er bediente sich zur selbigen Zeit meines Gegners in seinen Geschäften. Alle waren verdrießlich, daß Friedrich Ricci die Ausfertigung ihres Schlusses verhinderte und einen erstaunlichen Lärm machte, indem Averardo Serristori und die andern Widerpart hielten. Dadurch ward die Sache so lange aufgehalten, bis die Stunde der Session verflossen war. Nachdem sie auseinander gegangen waren, fand mich Herr Alessandri auf dem Platze der Nunziata und sagte ohne Rücksicht mit lauter Stimme: Friedrich Ricci hat so viel über uns andere vermocht, daß du wider unsern Willen bist verletzt worden!

Darüber mag ich nun nichts weiter sagen, denn der oberste Gewalthaber der Regierung müßte darüber unruhig werden: genug, mir geschah eine so auffallende Ungerechtigkeit, bloß weil ein reicher Bürger sich jenes Hutmanns bediente.

Zur Zeit, da der Herzog in Livorno war, ging ich, ihm aufzuwarten, in Absicht eigentlich, mir Urlaub von ihm zu erbitten, denn ich fühlte meine Kräfte wieder, und da ich zu nichts gebraucht wurde, so tat es mir leid, meine Kunst so sehr hintanzusetzen. Mit diesen Entschließungen kam ich nach Livorno und fand meinen Herzog, der mich aufs beste empfing. Ich war verschiedene Tage daselbst und ritt täglich mit Seiner Exzellenz aus; denn gewöhnlich ritt er vier Miglien am Meer hin, wo er eine kleine Festung anlegte, und er sah gern, daß ich ihn unterhielt, um die große Menge von Personen dadurch von ihm abzuhalten.

Eines Tags, als er mir sehr günstig schien, fing ich an, von dem Sbietta, nämlich von Peter Maria von Anterigoli zu sprechen, und sagte: Ich will Eurer Exzellenz einen wundersamen Fall erzählen, damit Sie die Ursache erfahren, warum ich das Modell des Neptuns, woran ich in der Loge arbeitete, nicht fertigmachen konnte. Ich erzählte nun alles aufs genauste und nach der vollkommensten Wahrheit, und als ich an den Gift kam, so sagte ich: wenn mich Seine Exzellenz jemals als einen guten Diener geschätzt hätten, so sollten Sie den Sbietta oder diejenigen, welche mir den Gift gegeben, eher belohnen als bestrafen, weil der Gift, indem er nicht so stark gewesen, mich umzubringen, mir als ein gewaltiges Mittel gedient habe, den Magen und die Gedärme von einer tödlichen Verschleimung zu reinigen, die mich vielleicht in drei bis vier Jahren umgebracht hätte. Durch diese sonderbare Medizin aber bin ich wieder auf zwanzig Jahre lebensfähig geworden, wozu ich denn auch mehr als jemals Lust habe und Gott von Herzen danke, da er das Übel, das er über mich geschickt, so sehr zu meinem Besten gewendet hat. Der Herzog hörte mir über zwei Miglien Wegs mit Aufmerksamkeit zu und sagte nur: O die bösen Menschen! Ich aber versetzte, daß ich ihnen Dank schuldig sei, und brachte das Gespräch auf andere angenehme Gegenstände.

Eines Tages trat ich sodann mit Vorsatz zu ihm, und als ich ihn in guter Stimmung fand, bat ich, er möchte mir Urlaub geben, damit ich nicht einige Jahre, worin ich noch etwas nütze wäre, untätig verlebte; was das Geld betreffe, das ich an der Summe für meinen Perseus noch zu fordern habe, so könne mir dasselbe nach Gefallen ausgezahlt werden. Dann dankte ich Seiner Exzellenz mit umständlichen Zeremonien, worauf ich aber keine Antwort bekam, vielmehr schien es mir, als wenn er es übelgenommen hätte. Den andern Tag begegnete mir Herr Bartholomäus Concino, einer von den ersten Sekretären des Herzogs, und sagte mir halb trotzig: Der Herzog meint, wenn du Urlaub willst, so wird er dir ihn geben; willst du aber arbeiten, so sollst du auch zu tun finden, mehr als du gedenkst. Ich antwortete, daß ich nichts Besseres wünsche als zu arbeiten, und Seiner Exzellenz mehr als irgend jemand, er möchte Papst, Kaiser oder König sein, ja, lieber wollte ich Seiner Exzellenz um einen Pfennig dienen als einem andern für einen Dukaten. Dann sagte er: Wenn du so denkst, so seid Ihr einig ohne weiteres. Drum gehet nach Florenz zurück und seid gutes Muts! denn der Herzog will Euch wohl. Und so ging ich nach Florenz.

In dieser Zeit beging ich den großen Fehler, daß ich mit obgedachtem Sbietta nicht allein einen veränderten Kontrakt einging, sondern daß ich ihm auch noch eine Hälfte eines andern Gutes abkaufte; das letzte geschah im Dezember 1566. Doch ich will weiter dieser Sache nicht gedenken und alles Gott überlassen, der mich so oft aus manchen Gefahren gerissen hat.

Ich hatte nun mein marmornes Kruzifix geendigt, nahm es von der Erde auf und brachte es in einiger Höhe an der Wand an, wo es sich viel besser als vorher ausnahm, wie ich wohl erwartet hatte. Ich ließ es darauf jeden sehen, wer kommen wollte. Nun geschah es nach Gottes Willen, daß man dem Herzog und der Herzogin auch davon sagte, so daß sie eines Tages nach ihrer Rückkehr von Pisa unerwartet mit dem ganzen Adel ihres Hofes in mein Haus kamen, nur um das Kruzifix zu sehen. Es gefiel so sehr, daß beide Herrschaften sowohl als alle Edelleute mir unendliche Lobeserhebungen erteilten.

Da ich nun sah, daß Ihre Exzellenzen so wohl zufrieden mit dem Werke waren und es so sehr lobten, auch ich niemand gewußt hätte, der würdiger gewesen wäre, es zu besitzen, so machte ich ihnen gern ein Geschenk damit und bat nur, daß sie mit mir in das Erdgeschoß gehen möchten. Auf diese Worte standen sie gefällig auf und gingen aus der Werkstatt in das Haus. Daselbst sah die Herzogin mein Modell des Neptuns und des Brunnens zum erstenmal, und es fiel ihr so sehr in die Augen, daß sie sich mit lautem Ausdruck von Verwunderung zum Herzog wendete und sagte: Bei meinem Leben! ich hätte nicht gedacht, daß dieses Werk den zehnten Teil so schön sein könnte. Der Herzog wiederholte darauf verschiedenemal: Hab ichs Euch nicht gesagt? So sprachen sie untereinander zu meinen Ehren lange Zeit und schienen mich gleichsam um Vergebung zu bitten. Darauf sagte der Herzog: ich solle mir einen Marmor nach Belieben aussuchen und eine Arbeit für ihn anfangen. Auf diese gütigen Worte versetzte ich: Wenn Sie mir dazu die Bequemlichkeit verschaffen wollten, so würde ich Ihnen zuliebe gern ein so schweres Werk unternehmen. Darauf antwortete der Herzog schnell: Du sollst alle Bequemlichkeit haben, die du verlangst, und was ich dir von selbst geben werde, soll noch viel mehr wert sein. Mit so gefälligen Worten gingen sie weg und ließen mich höchst vergnügt zurück. Als aber viele Wochen vergingen, ohne daß man meiner gedachte, und ich nun wohl sah, daß man zu nichts Anstalt machte, geriet ich beinah in Verzweiflung.

In dieser Zeit schickte die Königin von Frankreich (Katharina von Medicis) Herrn Baccio del Bene an unsern Herzog, um von ihm in Eile eine Geldhülfe zu verlangen, womit er ihr auch aushalf, wie man sagt. Gedachter Abgesandte war mein genauer Freund, und wir sahen uns oft. Als er mir nun die Gunst erzählte, die Seine Exzellenz ihm bewies, fragte er mich auch: was ich für Arbeit unter den Händen habe? Darauf erzählte ich ihm den Fall mit dem Neptun und dem Brunnen. Er aber sagte mir im Namen der Königin: Ihre Majestät wünsche sehr, das Grab Heinrichs (des Zweiten), ihres Gemahls, geendigt zu sehen. Daniel von Volterra habe ein großes Pferd von Erz unternommen, sein Termin aber sei verlaufen, und überhaupt sollten an das Grab die herrlichsten Zieraten kommen: wollte ich nun nach Frankreich in mein Kastell zurückkehren, so wolle sie mir alle Bequemlichkeit verschaffen, wenn ich nur Lust hätte, ihr zu dienen. Darauf versetzte ich gedachtem Baccio: er solle mich vom Herzog verlangen, und wenn der es zufrieden sei, so würde ich gern nach Frankreich zurückkehren. Darauf sagte Herr Baccio fröhlich: So gehen wir zusammen! und nahm die Sache als schon ausgemacht an. Den andern Tag, als er mit dem Herzog sprach, kam auch die Rede auf mich, worauf er denn sagte, daß, wenn Seine Exzellenz es zufrieden wären, so würde sich die Königin meiner bedienen. Darauf versetzte der Herzog sogleich: Benvenuto ist der geschickte Mann, wofür ihn die Welt kennt, aber jetzt will er nicht mehr arbeiten! worauf er sogleich das Gespräch veränderte. Den andern Tag sagte mir Herr Baccio alles wieder, ich aber konnte mich nicht halten und sagte: Wenn ich, seitdem mir Seine Exzellenz nichts mehr zu arbeiten gibt, eines der schwersten Werke vollendet habe, das mich mehr als zweihundert Scudi von meiner Armut kostet, was würde ich getan haben, wenn man mich beschäftigt hätte! Ich sage, man tut mir sehr unrecht. Der gute Mann erzählte dem Herzog alles wieder, dieser aber sagte: das sei nur Scherz, er wolle mich behalten. Auf diese Weise stand ich verschiedene Tage an und wollte mit Gott davongehen. Nachher wollte die Königin nicht mehr in den Herzog dringen lassen, weil es ihm unangenehm zu sein schien.

Zu dieser Zeit ging der Herzog mit seinem ganzen Hof und allen seinen Kindern, außer dem Prinzen, der in Spanien war, in die Niederungen von Siena und von da nach Pisa. Der Gift jener bösen Ausdünstungen ergriff den Kardinal zuerst: er verfiel in ein pestilenzialisches Fieber, das ihn in wenig Tagen ermordete. Er war des Herzogs rechtes Auge, schön und gut, es war recht schade um ihn. Ich ließ verschiedene Tage vorbeigehen, bis ich glaubte, daß die Tränen getrocknet seien; dann ging ich nach Pisa.

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