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Leben des Benvenuto Cellini

: Leben des Benvenuto Cellini - Kapitel 44
Quellenangabe
typeautobio
authorBenvenuto Cellini
titleLeben des Benvenuto Cellini
publisherInsel Verlag
editorJohann Wolfgang von Goethe
translatorJohann Wolfgang von Goethe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Achtes Kapitel

Der Herzog fängt mit den Bewohnern von Siena Krieg an. Der Verfasser wird mit andern zu Ausbesserung der florentinischen Festungswerke angestellt. – Wortstreit zwischen ihm und dem Herzog über die beste Befestigungsart. – Cellinis Händel mit einem lombardischen Hauptmann, der ihm unhöflich begegnet. – Entdeckung einiger Altertümer in Erz in der Gegend von Arezzo. – Die verstümmelten Figuren werden von Cellini wiederhergestellt. – Er arbeitet in des Herzogs Zimmern daran, wobei er Hindernisse von seiten der Herzogin findet. – Seltsamer Auftritt zwischen ihm und Ihrer Hoheit. – Er versagt ihr die Gefälligkeit, einige Figuren von Erz in ihrem Zimmer aufzustellen, wodurch das Verhältnis zwischen beiden verschlimmert wird. – Verdruß mit Bernardo, dem Goldschmied. – Der Verfasser endigt seine berühmte Statue des Perseus; sie wird auf dem Platze aufgestellt und erhält großen Beifall. – Der Herzog besonders ist sehr zufrieden damit. – Cellini wird von dem Vizekönig nach Sizilien berufen, will aber des Herzogs Dienste nicht verlassen. – Sehr vergnügt über die gelungene Arbeit, unternimmt er eine Wallfahrt von wenig Tagen nach Vallombrosa und Camaldoli.

Zu der Zeit entstand der Krieg von Siena, und der Herzog, der Florenz befestigen wollte, verteilte die Tore unter geschickte Bildhauer und Baukünstler. Mir teilte man das, Tor al Prato zu und das Torchen am Arno, das nach den Mühlen gehet; dem Kavalier Bandinell das Tor bei San Friano; Pasqualino von Ancona ward bei dem Tor San Pier Gattolini angestellt; Julian von Baccio d'Agnolo, der Zimmermeister, bei St. Georg; Particino, der Zimmermeister, bei St. Nikolas; Franziskus von San Gallo, den Bildhauer, Margolla genannt, beim Kreuze, und Johann Baptista, Tasso genannt, bei dem Tore Pinti. Und so wurden andere Bastionen und Tore andern Ingenieuren übergeben, deren ich mich nicht erinnere und die auch auf meine Geschichte keinen Einfluß haben.

Der Herzog, der wirklich immer die besten Einsichten zeigte, ging selbst um die Stadt, und da Seine Exzellenz alles wohl überlegt und sich entschlossen hatte, rief er Lattanzio Gorini, seinen Kassierer, der sich auch ein wenig mit dieser Profession abgab, und ließ ihn alle die Art und Weise zeichnen, wie die Stadt und gedachte Tore befestigt werden sollten, und schickte einem jeden sein gezeichnetes Tor.

Da ich nun diejenigen Risse betrachtete, die man mir zugeschickt hatte, schien es mir, daß sie keinesweges nach den Umständen eingerichtet, sondern äußerst fehlerhaft wären. Sogleich eilte ich, mit der Zeichnung in der Hand, meinen Herzog aufzusuchen, und als ich Seiner Exzellenz die Mängel dieser Arbeit zeigen wollte, hatte ich kaum zu reden angefangen, als der Herzog sich ergrimmt zu mir wendete und sagte: Wenn die Rede ist, wie man treffliche Figuren machen soll, so will ich dir nachgeben, aber in dieser Kunst mußt du mir gehorchen; drum befolge die Zeichnung, die ich dir gegeben habe! Auf diese kurzen Worte antwortete ich so gelind, als ich in der Welt nur wußte, und sagte: Gnädiger Herr! auch die gute Art, Figuren zu machen, habe ich von Eurer Exzellenz gelernt, denn wir haben immer ein wenig darüber gestritten. Nun ist die Rede von der Befestigung Eurer Stadt, einer Sache von viel größerer Bedeutung als Figuren zu machen: deshalb bitte ich Eure Exzellenz, mich anzuhören, und wenn ich so mit Ihnen spreche, werden Sie mir die Art und Weise zeigen, wie ich Ihnen zu dienen habe. Diese meine gefälligen Worte nahm der Herzog sehr gütig auf und fing an, mit mir über die Sache zu disputieren: ich zeigte sodann mit lebhaften und deutlichen Gründen, daß die Art, die man mir vorgeschrieben hatte, nicht gut sei. Darauf sagte der Herzog: Nun gehe und mache selbst eine Zeichnung! und ich will sehen, ob sie mir gefällt. So machte ich ein paar Zeichnungen von der wahren Art, wie die beiden Tore befestigt werden mußten, und brachte sie ihm; er unterschied das Wahre vom Falschen und sagte mir sehr freundlich: Nun gehe und mach es nach deiner Art! ich bin es zufrieden. Da fing ich denn mit großer Sorgfalt an.

Die Wache des Tors al Prato hatte ein lombardischer Kapitän von schrecklicher, starker Gestalt und von gemeinen Redensarten; dabei war er eingebildet und äußerst unwissend. Dieser fragte mich sogleich: was ich machen wollte? Darauf ließ ich ihm gefällig meine Zeichnungen sehen, und mit der äußersten Mühe erklärte ich ihm die Art, nach der ich verfahren wolle. Nun schüttelte die Bestie den Kopf, wendete sich da- und dorthin, trat von einem Bein aufs andere, wickelte seinen ungeheuren Knebelbart, strich sich am Kinn, zog die Mütze über die Augen und sagte nur immer: Zum Henker! ich verstehe das alles nicht. Verdrießlich über diese Bestie, sagte ich: So laßt es mich machen, der ichs verstehe! Dabei wendete ich ihm den Rücken, das er höchst übelnahm und sagte: Du willst gewiß, daß ich mit dir aufs Blut rechten soll. Ich wendete mich erzürnt herum und sagte: Es sollte mir lieber sein, mit dir als mit der Bastion zu tun zu haben. Sogleich legten wir Hand an die Degen; wir hatten sie aber nicht einmal ganz gezogen, als sich viele wackere Leute von unsern Florentinern und andern Hofleuten dazwischenlegten. Der große Teil schalt ihn aus und sagte: er habe unrecht; ich sei ein Mann, es mit ihm aufzunehmen, und wenn es der Herzog erführe, sollte es ihm übel bekommen. Nun bekümmerte er sich um seine Geschäfte, und ich fing meine Bastion an. Als ich nun die gehörige Anstalt getroffen hatte, ging ich zu dem kleinen Tor am Arno, wo ich einen Kapitän von Cesena fand, den artigsten Mann, den ich jemals von dieser Profession gekannt hatte. Äußerlich zeigte er sich wie ein zierliches Mädchen, und im Notfalle war er einer der bravsten und tödlichsten Menschen, die man sich denken kann. Dieser Edelmann beobachtete mich so genau, daß er mir oft Nachdenken erregte, er wünschte meine Arbeit zu verstehen, und ich zeigte ihm alles aufs gefälligste. Genug, wir wetteiferten, wer sich gegen den andern freundlicher bezeigen könne, so daß ich diese Bastion weit besser als jene zustande brachte.

Als ich mit meinen Festungswerken fertig war, hatten die Völker des Herrn Peter Strozzi im Lande gestreift, und das ganze Gebiet von Prato war so in Furcht gesetzt, daß alles ausräumte und flüchtete. Nun kamen sie mit allen ihren Karren herbei, und jeder fuhr seine Habe in die Stadt: ein Wagen berührte den andern, und es war eine unendliche Menge. Da ich nun solche Unordnung sah, sagte ich zur Torwache: sie sollten achthaben, daß unter dem Tore nicht das Unglück begegne wie in Turin, wo das Fallgatter, als man es brauchen wollte, von einem solchen Wagen in die Höhe gehalten wurde und seinen Dienst nicht leisten konnte. Als das Ungeheuer von Kapitän diese meine Worte hörte, wendete er sich mit Schimpfreden gegen mich, die ich ihm sogleich zurückgab, so daß es zwischen uns hätte schlimmer als vorher werden können; doch trennte man uns wieder. Da ich nun meine Bastion vollendet hatte, erhielt ich unerwartet vieles Geld, mit dem ich mir wieder aufhalf und mich wieder an die Arbeit begab, um meinen Perseus zu vollenden.

In diesen Tagen hatte man einige Altertümer in der Gegend von Arezzo ausgegraben, worunter sich auch die Chimära befand, nämlich der eherne Löwe, den man in den nächsten Zimmern am großen Saal des Palastes noch sehen kann, und zugleich hatte man viele kleine Statuen von Erz gefunden, die ganz mit Erde und Rost bedeckt waren, und einer jeden fehlte entweder der Kopf, die Hände oder die Füße. Der Herzog hatte Vergnügen, sie selbst mit gewissen Grabsticheln rein zu machen, und einst, als ich mit Seiner Exzellenz sprach, reichte er mir einen Hammer, womit ich auf die Meißelchen, die er in der Hand hielt, schlug, so daß die Figuren von Erde und Rost gereinigt wurden. So vergingen einige Abende, und der Herzog veranlaßte mich, daß ich die fehlenden Glieder wiederherstellte, und da er so viel Vergnügen an dem wenigen Meißeln hatte, so ließ er mich auch des Tages arbeiten, und wenn ich mich verspätete, so mußte ich gerufen werden. Öfters gab ich Seiner Exzellenz zu verstehen, daß ich mich von meinem Perseus abzöge und daß daraus gar manches Unangenehme entstehen könnte. Erstlich fürchtete ich, daß die lange Zeit, die ich zu meinem Werke brauchte, zuletzt Seiner Exzellenz verdrießlich fallen möchte, wie es denn auch wirklich nachher geschah; das andere war, daß meine Arbeiter, wenn ich mich nicht gegenwärtig befand, mir teils mein Werk verdarben, teils so wenig als möglich arbeiteten. Darauf begnügte sich der Herzog, daß ich nur beim Einbrüche der Nacht in den Palast kommen sollte. Seine Exzellenz war äußerst sanft und gütig gegen mich geworden, und jeden Abend, den ich zu ihm kam, nahmen die Liebkosungen zu.

In diesen Tagen baute man an jenen neuen Zimmern gegen die Löwen, so daß Seine Exzellenz, um abgesondert zu sein, sich in den neuen Gemächern eine kleine Wohnung einrichten ließ; mir aber hatte er befohlen, ich sollte durch seine Garderobe kommen, da ich denn heimlich über die Galerie des großen Saals ging und durch gewisse Schlupflöcher zu jenem Gemach gelangte. Wenige Tage darauf brachte mich die Herzogin um diese Zugänge und ließ alle diese Türen verschließen, so daß ich alle Abende, wenn ich in den Palast kam, eine Weile warten mußte, weil sie sich selbst in diesen Vorzimmern befand, wo man vor ihrer Bequemlichkeit vorbei mußte, und weil sie nicht wohl war, so kam ich niemals, ohne sie zu stören. Nun warf sie deswegen und wegen der schon bekannten Ursache den äußersten Groll auf mich und konnte mich auf keine Weise weder sehen noch leiden. Doch mit aller dieser großen Not und diesem unendlichen Verdruß fuhr ich gelassen fort hinzugehen. Der Herzog hatte ausdrücklich befohlen, daß man mir, wenn ich an die Tür pochte, sogleich aufmachen sollte, und so ließen sie mich, ohne mir etwas weiter zu sagen, durch alle Zimmer. Nun begegnete es manchmal, wenn ich ruhig und unerwartet durchging, daß ich die Herzogin bei ihrer Bequemlichkeit fand, die sich denn mit einem so wütenden Zorne gegen mich herausließ, daß ich mich entsetzte. Sie sagte mir immer: Wann wirst du denn einmal mit den kleinen Figuren fertig sein! dein Kommen wird mir allzu lästig. Darauf antwortete ich mit der größten Gelassenheit: Gnädige Frau und einzige Gönnerin! ich verlange nichts mehr, als Ihnen mit Treue und äußerstem Gehorsam zu dienen. Die Werke, die mir der Herzog befohlen hat, werden mehrere Monate brauchen; wenn aber Eure Exzellenz nicht will, daß ich mehr hierher kommen soll, so werde ich auch nicht kommen, es rufe mich, wer will, und wenn der Herzog zu mir schickt, so will ich sagen, daß ich krank bin, und Sie sollen mich auf keine Weise hier wieder sehen. Darauf versetzte sie: Ich sage nicht, daß du dem Herzog nicht gehorchen sollst, aber mir scheint, daß deine Arbeit kein Ende nehmen wird. Mochte nun der Herzog hievon etwas gemerkt haben oder auf andere Weise veranlaßt worden sein, genug, wenn vierundzwanzig Uhr herbeikam, so ließ er mich rufen, und der Bote sagte jederzeit: Verfehle nicht zu kommen! der Herzog erwartet dich. Und so fuhr ich fort, mit ebendenselben Schwierigkeiten mehrere Abende hinzugehen. Einmal unter anderm, als ich nach meiner Gewohnheit hereintrat, sprach der Herzog wahrscheinlich von geheimen Dingen mit seiner Gemahlin und wendete sich mit heftigem Zorne gegen mich, darüber ich einigermaßen erschreckt eilig zurückgehen wollte; er aber sagte schnell zu mir: Komm herein, mein Benvenuto! gehe an deine Arbeit, und ich werde bald bei dir sein. Indessen ich vorbeiging, nahm mich Prinz Grazia, ein Kind von wenigen Jahren, bei der Jacke und trieb so artige Scherze, als ein solches Kind nur machen kann. Der Herzog verwunderte sich darüber und sagte: Was ist das für eine anmutige Freundschaft, die meine Kinder zu dir haben?

Indessen ich nun an diesen Kleinigkeiten arbeitete, waren die Prinzen Don Giovanni, Don Arnando und Don Grazia den ganzen Abend um mich herum und stachen mich, ohne daß es der Herzog sah, ich aber bat sie, ruhig zu sein. Sie antworteten: Wir können nicht! und ich versetzte: Was man nicht kann, will man auch nicht! drum laßt mich ruhen! Darüber fingen der Herzog und die Herzogin an laut zu lachen.

Einen andern Abend, als ich jene vier Figuren von Erz fertig hatte, die an der Base des Perseus angebracht sind, nämlich Jupiter, Merkur, Minerva und Danae, Mutter des Perseus, mit ihrem kleinen Knaben zu Füßen, hatte ich sie zusammen in gedachtes Zimmer bringen lassen, wo ich abends arbeitete, und sie in eine Reihe, ein wenig höher als das Auge, gestellt, wo sie sich wirklich sehr gut ausnahmen. Der Herzog, der es gehört hatte, kam etwas früher als gewöhnlich, und weil die Person, die ihm die Nachricht brachte, diese Arbeiten über Verdienst gerühmt und gesagt hatte, sie seien besser als die Alten, und mehr solche Dinge, so kam nun der Herzog mit der Herzogin und sprach mit Zufriedenheit von meinen Werken; ich aber stand geschwind auf und ging ihm entgegen. Er hob darauf nach seiner fürstlichen und edlen Art die rechte Hand auf, worin er eine Birn hielt, so groß und schön, als man sie nur sehen kann, und sagte dabei: Nimm hier, mein Benvenuto, und bringe diese Birn in den Garten deines Hauses! Darauf antwortete ich gefällig: O gnädiger Herr! ist es Ihr Ernst, daß ich die Birn in den Garten meines Hauses legen soll? Der Herzog sagte von neuem: In den Garten des Hauses, das dein ist! Verstehst du mich recht? Darauf dankte ich Seiner Exzellenz und der Herzogin mit den besten Zeremonien, die ich nur in der Welt zu machen wußte. Dann setzten sie sich gegen die Figuren über und sprachen über zwei Stunden von nichts als von denselben, so daß die Herzogin ein unmäßiges Verlangen darnach empfand und zu mir sagte: Ich will nicht, daß du diese schönen Figuren da unten auf dem Platz verschwendest, wo sie in Gefahr kämen, verdorben zu werden; vielmehr sollst du sie mir in einem meiner Zimmer anbringen, wo ich sie aufs beste will halten lassen, wie ihre seltne Tugend verdient. Gegen diese Worte setzte ich mich mit unendlichen Gründen, weil ich aber sah, wie fest sie entschlossen war, daß ich die Figuren nicht an die Base, wo sie sich jetzo befinden, aufstellen sollte, so wartete ich den andern Tag ab und ging um zweiundzwanzig in den Palast, und als ich fand, daß der Herzog und die Herzogin ausgeritten waren, ließ ich die Figuren hinuntertragen, und weil ich an der Base schon alles zurechte gemacht hatte, so lötete ich sie sogleich ein, wie sie bleiben sollten. Als die Herzogin es hörte, wurde sie so zornig, daß sie mir, wenn ihr Gemahl nicht gewesen wäre, gewiß vieles Übel zugefügt hätte. Nun kam dieser Verdruß noch zu jenem wegen der Perlen, und sie wirkte so viel, daß der Herzog sein weniges Vergnügen aufgab. Ich kam also abends nicht mehr hin, denn ich fand alle die vorigen Schwierigkeiten, wenn ich in den Palast wollte.

Ich wohnte nun, wo ich meinen Perseus schon hingebracht hatte, und arbeitete an seiner Vollendung unter allen den Hindernissen, deren ich schon erwähnt habe, das heißt: ohne Geld und unter so vielen andern Vorfällen, deren Hälfte schon einen Mann von Diamant zur Verzweiflung gebracht hätte. Als der Herzog vernahm, daß ich den Perseus schon als geendigt zeigen konnte, kam er einen Tag, das Werk zu sehen, und gab auf eine deutliche Art zu erkennen, daß es ihm außerordentlich gefalle. Darauf wendete er sich zu gewissen Herren, die mit ihm waren, und sagte: Ob uns gleich dieses Werk sehr schön vorkömmt, so muß es doch auch dem Volke gefallen. Deswegen, mein Benvenuto, ehe du die letzte Hand anlegst, wünschte ich, daß du mir zuliebe diese vordere Tür nach meinem Platze zu öffnetest, um zu sehen, was das Volk dazu sagt; denn es ist keine Frage, daß es ein Unterschied sein muß, es frei oder in einer solchen Enge zu sehen, und es wird sich gewiß anders als gegenwärtig zeigen. Auf diese Worte sagte ich demütig zu Seiner Exzellenz: Es wird gewiß um die Hälfte besser aussehen. Erinnern sich Eure Exzellenz nicht, es in dem Garten meines Hauses gesehen zu haben, wo es sich so gut zeigte? Ja sogar Bandinello, der es daselbst sah, war genötigt, ungeachtet seiner bösen Natur Gutes davon zu reden, er, der sein ganzes Leben lang von niemand Gutes gesprochen hat! und ich fürchte, Eure Exzellenz trauen ihm zu viel.

Darauf sagte der Herzog ein wenig verdrießlich, aber mit gefälligen Worten: Tue es, mein Benvenuto, zu meiner geringen Genugtuung!

Als er weg war, machte ich mich daran, die Statue aufzudecken; weil aber noch ein wenig Gold fehlte und ein gewisser Firnis und andere Kleinigkeiten, die zu Vollendung eines Werks gehören, murmelte ich verdrießlich, schalt und betrübte mich und verwünschte den verfluchten Tag, der mich veranlaßt hatte, nach Florenz zu gehen. Denn ich sah freilich den großen Verlust, den ich mir zugezogen hatte, indem ich Frankreich verließ, und sah und wußte noch nicht, was ich Gutes von meinem Herrn in Florenz erwarten sollte; denn alles, was ich vom Anfang bis zur Mitte und bis zum Ende getan hatte, war alles zu meinem größten Schaden geschehen. Und so mit größtem Verdrusse deckte ich die Bildsäule des folgenden Tags auf.

Nun gefiel es Gott, daß, sobald als sie gesehen wurde, sich ein unmäßiges Geschrei zum Lobe des Werks erhub, wobei ich mich ein wenig getröstet fühlte. Die Leute hörten nicht auf, immerfort Sonette an die Türgewände anzuheften, wodurch gleichsam ein festliches Ansehen entstand. Indessen suchte ich, das Werk zu vollenden, und arbeitete an demselben Tage daran, an welchem es mehrere Stunden aufgedeckt blieb und mehr als zwanzig Sonette zum unmäßigen Lobe meiner Arbeit angeheftet wurden. Das hörte nicht auf, nachdem ich sie wieder zugedeckt hatte, alle Tage fanden sich neue Gedichte, lateinische Sonette und griechische Verse; denn eben waren Ferien auf der Universität Pisa, und alle die vortrefflichsten Lehrer und Schüler bemühten sich um die Wette. Was mir aber das größte Vergnügen machte und mir die größte Hoffnung wegen der Gesinnung des Herzogs gab, war, daß die von der Kunst, nämlich Maler und Bildhauer, gleichfalls wetteiferten, wer das meiste Gute davon sagen könnte, und unter andern der geschickte Maler Jakob von Pontormo. Am höchsten aber schätzte ich das Lob des trefflichen Bronzino, des Malers, dem es nicht genug war, verschiedene Gedichte öffentlich anheften zu lassen, sondern der mir derselben auch noch ins Haus schickte, worin er so viel Gutes auf seine seltene und angenehme Weise sagte, daß ich mich wieder einigermaßen beruhigte. Und so hatte ich das Werk wieder bedeckt und suchte es mit allem Fleiß zu vollenden.

Als mein Herzog die Gunst erfuhr, welche mir die treffliche Schule bei diesem kurzen Anblick erzeigt hatte, sagte er: Ich freue mich, daß Benvenuto diese kleine Zufriedenheit gehabt hat, so wird er desto geschwinder die Arbeit vollenden; aber er denke nur nicht, wenn sie ganz aufgedeckt ist, daß die Leute noch immer auf gleiche Weise sprechen werden. Es werden dann auch alle Fehler, die daran sind, aufgedeckt sein, und man wird andere, die nicht daran sind, hinzutun: so mag er sich mit Geduld waffnen. An diesen Reden war Bandinell schuld, denn er hatte bei dieser Gelegenheit die Werke des Andrea del Verrocchio angeführt, der den schönen Christus und St. Thomas von Erz gemacht hatte, die man an der Fassade Orsanmichele sieht, und noch andere Werke, sogar den verwundernswürdigen David des göttlichen Michelagnolo Buonarroti, von dem er auch behauptete, er zeige sich nur von vorn gut. Dann sprach er von seinem Herkules und seinen unendlichen Sonetten, die daran geheftet wurden, und sprach alles Übel vom Volk. Der Herzog hatte ihn zu diesen Reden veranlaßt und glaubte wirklich, die Sache werde auch so ablaufen, denn der neidische Bandinell hörte nicht auf, Übles zu reden. So sagte auch einmal in der Gegenwart des Herzogs der Schurke Bernardone, der Mäkler, nur um dem Bandinell zu schmeicheln: Wißt, gnädiger Herr, große Figuren zu machen ist eine andere Kost, als kleine zu arbeiten! Ich will nicht sagen, daß er die kleinen Figürchen nicht gut gemacht habe, aber Ihr werdet sehen: die große gelingt ihm nicht. Und unter diese hämischen Worte mischte er nach seiner Spionenart noch andere und häufte Lügen auf Lügen.

Nun gefiel es aber meinem glorreichen Herrn und unsterblichen Gott, daß ich meine Statue vollendete und sie an einem Donnerstag ganz aufdecken konnte. Alsobald (es war noch nicht ganz Tag) vereinigte sich eine solche Menge Volks, daß es nicht zu zählen war, und alle wetteiferten, das Beste davon zu sprechen. Der Herzog stand an einem niedern Fenster des Palastes, das über der Türe war, und so vernahm er, halb verborgen, alles, was man sagte. Als er nun einige Stunden zugehört hatte, stand er mit so viel Zufriedenheit und Lebhaftigkeit auf, wendete sich zu Herrn Sforza und sagte: Sforza! geh zu Benvenuto und sag ihm von meinetwegen, daß er mich mehr, als ich hoffte, befriedigt hat, ich will ihn auch zufriedenstellen, er soll sich verwundern, und sag ihm, er soll gutes Muts sein. Herr Sforza brachte mir diesen ruhmvollen Auftrag, wodurch ich äußerst gestärkt ward und denselben Tag sehr vergnügt zubrachte, weil das Volk auf mich mit Fingern wies und mich dem und jenem als eine neue und wundersame Sache zeigte. Unter anderm waren zwei Edelleute, die der Vizekönig von Sizilien an unsern Herzog in Geschäften gesendet hatte. Als man mich diesen beiden gefälligen Männern auf dem Platze zeigte, kamen sie heftig auf mich los, und mit ihren Mützen in der Hand hielten sie mir eine so umständliche Rede, die für einen Papst zu viel gewesen wäre. Ich demütigte mich, soviel ich konnte, aber sie deckten mich dergestalt zu, daß ich sie inständig bat, mit mir vom Platze wegzugehn, weil die Leute bei uns stillstanden und mich schärfer ansahen als unsern Perseus selbst. Unter diesen Zeremonien waren sie so kühn und verlangten, ich möchte nach Sizilien kommen, da sie mir denn einen solchen Kontrakt versprachen, mit dem ich zufrieden sein sollte. Sie sagten mir: Bruder Johann Angiolo von den Serviten habe ihnen einen Brunnen gemacht, mit vielen Figuren verziert, aber sie seien lange nicht von der Vortrefflichkeit wie der Perseus, und er sei dabei reich geworden. Ich ließ sie nicht alles, was sie sagen wollten, vollenden, sondern versetzte: Ich verwundere mich sehr, daß ihr von mir verlangt, daß ich einen Herrn verlassen soll, der die Talente mehr schätzt als irgendein andrer Fürst, der je geboren wurde, um so mehr, da ich ihn in meinem Vaterlande finde, der Schule aller der großen Künste. Hätte ich Lust zu großem Gewinn, so wäre ich in Frankreich geblieben, im Dienste des großen Königs Franziskus, der mir tausend Goldgülden für meinen Unterhalt gab und dazu die Arbeit meiner sämtlichen Werke bezahlte, so daß ich mich alle Jahre über viertausend Goldgülden stand; nun bin ich aber doch weggegangen und habe den Lohn meiner Werke von vier Jahren in Paris zurückgelassen. Mit diesen und andern Worten schnitt ich die Zeremonien durch, dankte den Herren für das große Lob, das sie mir gegeben hatten, und versicherte sie, das sei die größte Belohnung für jeden, der sich ernsthaft bemühe. Ich setzte hinzu: sie hätten meine Lust, gut zu arbeiten, so vermehrt, daß ich in wenigen Jahren ein anderes Werk aufzustellen hoffte, mit dem ich der vortrefflichen florentinischen Schule noch mehr als mit diesem zu gefallen gedächte. Die beiden Edelleute hätten gerne den Faden der Zeremonien wieder angeknüpft, aber ich, mit einer Mützenbewegung und einem tiefen Bückling, nahm sogleich von ihnen Abschied.

Auf diese Weise ließ ich zwei Tage vorübergehen, und als ich sah, daß das große Lob immer zunahm, entschloß ich mich, meinem Herzog aufzuwarten, der mit großer Freundlichkeit zu mir sagte: Mein Benvenuto! du hast mich und das ganze Volk zufriedengestellt; aber ich verspreche dir, daß ich dich auch auf eine Weise befriedigen will, über welche du dich verwundern sollst, und ich sage dir: der morgende Tag soll nicht vorübergehen! Auf diese herrlichen Versprechungen wendete ich alle Kräfte der Seele und des Leibes in einem Augenblick zu Gott und dankte ihm aufrichtig; zugleich hörte ich meinen Herzog an, und halb weinend vor Freude küßte ich ihm das Kleid und sagte: Mein glorreicher Herr, freigebig gegen alle Talente und gegen die Menschen, die sie ausüben! ich bitte Eure Exzellenz um gnädigen Urlaub auf acht Tage, damit ich Gott danken möge. Denn ich weiß wohl, wie übermäßig ich mich angestrengt habe, und bin überzeugt, daß mein fester Glaube Gott zu meiner Hülfe bewogen hat. Wegen diesem und so manchem andern wunderbaren Beistand will ich acht Tage als Pilgrim auswandern und meinem unsterblichen Gott und Herrn danken, der immer demjenigen hilft, der ihn mit Wahrheit anruft.

Darauf fragte mich der Herzog: wohin ich gehen wollte? und ich versetzte: Morgen frühe will ich weggehen, auf Vallombrosa zu, von da nach Camaldoli und zu den Eremiten, dann zu den Bädern der heiligen Maria und vielleicht bis Sestile, weil ich höre, daß daselbst schöne Altertümer sind. Dann will ich über San Francesco della Vernia zurückkehren, unter beständigem Danke gegen Gott und mit dem lebhaften Wunsch, Eurer Exzellenz weiter zu dienen. Darauf sagte mir der Herzog mit heiterem Gesichte: Geh und kehre zurück! Wirklich, so gefällst du mir. Lasse mir zwei Verse zum Andenken und sei unbesorgt! Sogleich machte ich vier Verse, in welchen ich Seiner Exzellenz dankte, und gab sie Herrn Sforza, der sie dem Herzog in meinem Namen überreichte. Dieser empfing sie, gab sie sodann zurück und sagte: Lege sie mir täglich vor die Augen! Denn wenn Benvenuto zurückkäme und seine Sache nicht ausgefertigt fände, ich glaube, er brächte mich um. Auf diese scherzhafte Weise verlangte der Herzog, erinnert zu werden. Diese bestimmten Worte sagte mir Herr Sforza noch selbigen Abend, verwunderte sich über die große Gunst und sagte mir auf eine sehr gefällige Weise: Geh, Benvenuto, und komme bald wieder! ich beneide dich.

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