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Leben des Benvenuto Cellini

: Leben des Benvenuto Cellini - Kapitel 42
Quellenangabe
typeautobio
authorBenvenuto Cellini
titleLeben des Benvenuto Cellini
publisherInsel Verlag
editorJohann Wolfgang von Goethe
translatorJohann Wolfgang von Goethe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sechstes Kapitel

Der Herzog zweifelt an Cellinis Geschickelichkeit, in Erz zu gießen, und hat hierüber eine Unterredung mit ihm. – Der Verfasser gibt einen hinreichenden Beweis seiner Kunst, indem er den Perseus gießt. – Die Statue gerät zu aller Welt Erstaunen und wird unter vielen Hindernissen mit großer Anstrengung vollendet.

Als der Guß meiner Meduse so gut geraten war, arbeitete ich mit großer Hoffnung meinen Perseus in Wachs aus und versprach mir, daß er ebensogut wie jene in Erz ausfallen solle. So ward er in Wachs wohl vollendet und zeigte sich sehr schön. Der Herzog sah ihn, und die Arbeit gefiel ihm sehr wohl. Nun mochte ihm aber jemand eingebildet haben, die Statue könne so von Erz nicht ausfallen, oder er mochte sich es selbst vorgestellt haben, genug, er kam öfter, als er pflegte, in mein Haus und sagte mir einmal unter anderm: Benvenuto! die Figur kann dir nicht von Erz gelingen, denn die Kunst erlaubt es nicht. Über diese Worte war ich sehr verdrießlich und sagte: Ich weiß, daß Eure Exzellenz mir wenig vertrauen, und das mag daher kommen, weil Sie entweder denen zu viel glauben, die von mir Übels reden, oder daß Sie die Sache nicht verstehen. Er ließ mich kaum ausreden und versetzte: Ich gebe mir Mühe, mich darauf zu verstehen, und versteh es recht gut. Darauf antwortete ich: Ja, als Herr, aber nicht als Künstler! denn, wenn Eure Exzellenz es auf die Weise verstünden, wie Sie glauben, so würden Sie Vertrauen zu mir haben, da mir der schöne Kopf von Erz geraten ist, das große Porträt von Eurer Exzellenz, das nach Elba geschickt wurde, und da ich den Ganymed von Marmor mit so großer Schwierigkeit restauriert und dabei mehr Arbeit gehabt habe, als wenn ich ihn ganz neu hätte machen sollen; so auch, weil ich die Meduse gegossen habe, die Eure Exzellenz hier gegenwärtig sehen. Dies war ein sehr schwerer Guß, wobei ich getan habe, was niemand vor mir in dieser verteufelten Kunst leistete. Sehet, gnädiger Herr, ich habe dazu eine ganz neue Art von Ofen gebaut, völlig von den ändern verschieden. Denn außer manchen Abänderungen und kunstreichen Einrichtungen, die man daran bemerkt, habe ich zwei Öffnungen für das Erz gemacht, weil diese schwere und verdrehte Figur auf andere Weise niemals gekommen wäre, wie es allein durch meine Einsicht geschehen ist und wie es keiner von den Geübten in dieser Kunst glauben wollte. Ja gewiß, mein Herr, alle die großen und schweren Arbeiten, die ich in Frankreich unter dem wundersamen König Franziskus gemacht habe, sind mir trefflich geraten, bloß weil dieser gute König mir immer so großen Mut machte mit dem vielen Vorschuß und indem er mir so viel Arbeiter erlaubte, als ich nur verlangte, so daß ich mich manchmal ihrer vierzig, ganz nach meiner Wahl, bediente. Deswegen habe ich in so kurzer Zeit so eine große Menge Arbeiten zustande gebracht. Glaubt mir, gnädiger Herr, und gebt mir die Beihülfe, deren ich bedarf, so hoffe ich ein Werk zustande zu bringen, das Euch gefallen soll. Wenn aber Eure Exzellenz mir den Geist erniedrigt und mir die nötige Hülfe nicht reichen läßt, so ist es unmöglich, daß weder ich noch irgendein Mensch in der Welt etwas leisten könne, das recht sei.

Der Herzog hörte meine Worte und Gründe nicht gern und wendete sich bald da-, bald dorthin, und ich Unglücklicher, Verzweifelter betrübte mich äußerst, denn ich erinnerte mich des schönen Zustands, den ich in Frankreich verlassen hatte. Darauf versetzte der Herzog: Nun sage, Benvenuto, wie ist es möglich, daß der schöne Kopf der Meduse da oben in der Hand des Perseus jemals kommen könne? Sogleich versetzte ich: Nun sehet, gnädiger Herr, daß Ihr es nicht versteht! denn wenn Eure Exzellenz die Kenntnis der Kunst hätte, wie Sie behauptet, so würde Sie keine Furcht für den schönen Kopf haben, der nach Ihrer Meinung nicht kommen wird, aber wohl für den rechten Fuß, der da unten so weit entfernt steht.

Auf diese meine Worte wendete sich der Herzog halb erzürnt gegen einige Herren, die mit ihm waren: Ich glaube, Benvenuto tut es aus Prahlerei, daß er von allem das Gegenteil behauptet. Dann kehrte er sich schnell zu mir, halb verächtlich, worin ihm alle, die gegenwärtig waren, nachfolgten, und fing an zu reden: Ich will so viel Geduld haben, die Ursache anzuhören, die du dir ausdenken kannst, damit ich deinen Worten glaube. Ich antwortete darauf: Ich will Eurer Exzellenz so eine wahre Ursache angeben, daß Sie die Sache vollkommen einsehen soll. Denn wisset, gnädiger Herr, es ist nicht die Natur des Feuers, abwärts, sondern aufwärts zu gehen, deswegen verspreche ich, daß der Kopf der Meduse trefflich kommen soll; weil es aber, um zu dem Fuße zu gelangen, durch die Gewalt der Kunst sechs Ellen hinabgetrieben werden muß, so sage ich Eurer Exzellenz, daß er sich unmöglich vollkommen ausgießen, aber leicht auszubessern sein wird. Da versetzte der Herzog: Warum dachtest du nicht dran, es so einzurichten, daß er ebensogut als der Kopf sich ausgießen möge? Ich sagte: Ich hätte alsdann einen weit größern Ofen machen müssen und eine Gußröhre wie mein Fuß, und die Schwere des heißen Metalls hätte es alsdann gezwungen, da jetzt der Ast, der bis zu den Füßen hinunter diese sechs Ellen reicht, nicht stärker als zwei Finger ist; aber es hat nichts zu bedeuten, denn alles soll bald ausgebessert sein. Wenn aber meine Form halb voll sein wird, wie ich hoffe, alsdann wird das Feuer von dieser Hälfte an nach seiner Natur in die Höhe steigen und der Kopf des Perseus und der Meduse werden aufs beste geraten, wie ich Euch ganz sicher verspreche. Da ich nun meine gründlichen Ursachen gesagt hatte, nebst noch unendlich vielen andern, die ich nicht aufschreibe, um nicht zu lang zu werden, schüttelte der Herzog den Kopf und ging in Gottes Namen weg.

Nun sprach ich mir selbst Sicherheit und Mut ein und verjagte alle Gedanken, die sich mir stündlich aufdrangen und die mich oft zu bittern Tränen bewegten und zur lebhaften Reue, daß ich Frankreich verlassen hatte und nach Florenz, meinem süßen Vaterland, gekommen war, nur um meinen Nichten ein Almosen zu bringen: nun sah ich freilich für eine solche Wohltat den Anfang eines großen Übels vor mir. Dessenungeachtet versprach ich mir, daß, wenn ich mein angefangenes Werk, den Perseus, vollendete, sich meine Mühe in das größte Vergnügen und in einen herrlichen Zustand verwandeln würde, und griff mutig das Werk mit allen Kräften des Körpers und des Beutels an. Denn ob mir gleich weniges Geld übrig geblieben war, so schaffte ich mir doch manche Klafter Pinienholz, die ich aus dem Walde der Serristori zunächst Monte Lupo erhielt. Und indem ich darauf wartete, bekleidete ich meinen Perseus mit jenen Erden, die ich verschiedene Monate vorher zurecht gemacht hatte, damit sie ihre Zeit hätten, vollkommen zu werden, und da ich den Überzug von Erde gemacht, ihn wohl verwahrt und äußerst sorgfältig mit Eisen umgeben hatte, fing ich mit gelindem Feuer an, das Wachs herauszuziehen, das durch viele Luftlöcher abfloß, die ich gemacht hatte: denn je mehr man deren macht, desto besser füllt sich nachher die Form aus.

Da ich nun alles Wachs herausgezogen hatte, machte ich einen Ofen um gedachte Form herum, den ich mit Ziegeln auf Ziegeln aufbaute und vielen Raum dazwischen ließ, damit das Feuer desto besser ausströmen könnte; alsdann legte ich ganz sachte Holz an und machte zwei Tage und zwei Nächte Feuer, so lange, bis das Wachs völlig verzehrt und die Form selbst wohl gebrannt war. Dann fing ich schnell an, die Grube zu graben, um meine Form hereinzubringen, und bediente mich aller schönen Vorteile, die uns diese Kunst anbefiehlt.

Als nun die Grube fertig war, hub ich meine Form durch die Kraft von Winden und guten Hanfseilen eine Elle über den Boden meines Ofens, so daß sie ganz frei über die Mitte der Grube zu schweben kam. Als ich sie nun wohl gerichtet hatte, ließ ich sie sachte hinunter, daß sie dem Grunde des Bodens gleichkam, und stellte sie mit aller Sorgfalt, die man nur denken kann. Nachdem ich diese schöne Arbeit vollbracht hatte, fing ich sie mit eben der Erde, woraus der Überzug bestand, zu befestigen an, und so wie ich damit nach und nach heraufkam, vergaß ich nicht, die Luftkanäle anzubringen, welches kleine Röhren von gebrannter Erde waren, wie man sie zu den Wasserleitungen und ändern dergleichen Dingen braucht. Da ich sah, daß die Form gut befestigt war und meine Art, sie mit Erde zu umgeben sowohl als die Röhren am schicklichsten Orte anzubringen, von meinen Arbeitern gut begriffen wurde, ob ich gleich dabei ganz anders als die übrigen Meister dieser Kunst zu Werke ging, so wendete ich mich, überzeugt, daß ich trauen konnte, zu meinem Ofen, in welchem ich vielen Abgang von Kupfer und andere Stücke Erz aufgehäuft hatte, und zwar kunstmäßig eins über das andere geschichtet, um der Flamme ihren Weg zu weisen. Damit aber das Metall schneller erhitzt würde und zusammenflösse, so sagte ich lebhaft, sie sollten dem Ofen Feuer geben.

Nun warfen sie von dem Pinienholze hinein, das wegen seines Harzes in dem wohlgebauten Ofen so lebhaft flammte und arbeitete, daß ich genötigt war, bald von einer, bald von der andern Seite zu helfen. Die Arbeit war so groß, daß sie mir fast unerträglich ward, und doch griff ich mich an, was nur möglich war. Dazu kam unglücklicherweise, daß das Feuer die Werkstatt ergriff und wir fürchten mußten, das Dach möchte über uns zusammenstürzen. Von der andern Seite gegen den Garten jagte mir der Himmel so viel Wind und Regen herein, daß mir der Ofen sich abkühlte. So stritt ich mit diesen verkehrten Zufällen mehrere Stunden und ermüdete mich dergestalt, daß meine starke Natur nicht widerstand. Es überfiel mich ein Fieber, so heftig, als man es denken konnte, daß ich mich genötigt fühlte, wegzugehen und mich ins Bette zu legen. Da wendete ich mich sehr verdrießlich zu denen, die mir beistanden, das ungefähr zehen oder mehrere waren, sowohl Meister im Erzgießen als Handlanger und Bauern, ingleichen die besondern Arbeiter meiner Werkstatt, unter denen sich Bernardino von Mugello befand, den ich mir verschiedene Jahre durch angezogen hatte. Zu diesem sagte ich, nachdem ich mich allen empfohlen hatte: Siehe, lieber Bernardin, beobachte die Ordnung, die ich dir gezeigt habe; halte dich dazu, was du kannst, denn das Metall wird bald gar sein, du kannst nicht irren. Die andern braven Männer machen geschwind die Kanäle, und mit diesen beiden Eisen könnt ihr die Löcher aufstechen, und ich bin gewiß, daß meine Form sich zum besten anfüllen wird. Ich empfinde ein größeres Übel als jemals in meinem Leben, und gewiß, in wenigen Stunden wird es mich umbringen. So ging ich höchst mißvergnügt von ihnen weg und legte mich zu Bette. Dann befahl ich meinen Mägden, sie sollten allen zu essen und zu trinken in die Werkstatt bringen, und setzte hinzu: ich würde den Morgen nicht erleben. Sie munterten mich auf und sagten: dieses große Übel würde vorbeigehen, das mich nur wegen zu gewaltsamer Anstrengung überfallen habe! und so litt ich zwei ganze Stunden, ja ich fühlte das Fieber immer zunehmen und hörte nicht auf zu sagen: ich fühle mich sterben.

Diejenige, die meinem ganzen Hauswesen vorstand und den Namen Frau Fiore von Castell del Rio hatte, war die trefflichste Person von der Welt und zugleich äußerst liebevoll. Sie schalt mich, daß ich so außer mir sei, und suchte mich dabei wieder auf das freundlichste und gefälligste zu bedienen; da sie mich aber mit diesem unmäßigen Übel befallen sah, konnte sie den Tränen nicht wehren, die ihr aus den Augen fielen, und doch nahm sie sich so viel als möglich in acht, daß ich es nicht sehen sollte.

Da ich mich nun in diesen unendlichen Nöten befand, sah ich einen gewissen Mann in mein Zimmer kommen, der von Person so krumm war wie ein großes S. Dieser fing mit einem erbärmlichen und jämmerlichen Ton, wie diejenigen, die den armen Sündern, die zum Gericht geführt werden, zusprechen, an zu reden und sagte: Armer Benvenuto! Euer Werk ist so verdorben, daß ihm in der Welt nicht mehr zu helfen ist. Sobald ich die Worte dieses Unglücklichen vernahm, tat ich einen solchen Schrei, daß man ihn hätte im Feuerhimmel hören mögen. Ich stand vom Bett auf, nahm meine Kleider und fing an, sie anzulegen, und wer sich näherte, mir zu helfen, Mägde oder Knabe, nach dem trat und schlug ich. Dabei jammerte ich und sagte: O Ihr neidischen Verräter! dieses Unheil ist mit Fleiß geschehen, und ich schwöre bei Gott, ich will es wohl herausbringen, und ehe ich sterbe, will ich noch so ein Beispiel auf der Welt lassen, daß mehr als einer darüber erstaunen soll. Als ich angezogen war, ging ich mit schlimmen Gedanken gegen die Werkstatt, wo ich alle Leute, die ich so munter verlassen hatte, erstaunt und höchst erschrocken fand. Da sagte ich: Nun versteht mich! weil ihr die Art und Weise, die ich euch angab, weder befolgen wolltet noch konntet, so gehorchet mir nun, da ich unter euch und in der Gegenwart meines Werkes bin. Niemand widersetzte sich mir, denn in solchen Fällen braucht man Beistand und keinen Rat. Hierauf antwortete mir ein gewisser Meister Alessandro Lastricati und sagte: Sehet, Benvenuto! Ihr bestehet vergebens darauf, ein Werk zu machen, wie es die Kunst nicht erlaubt und wie es auf keine Weise gehen kann. Auf diese Worte wendete ich mich mit solcher Wut zu ihm und zum Allerschlimmsten entschlossen, so daß er und alle die übrigen mit einer Stimme riefen: Auf! befehlt uns nur! wir wollen Euch in allem gehorchen und mit allen Leibes- und Lebenskräften beistehn. Diese freundlichen Worte, denk ich, sagten sie nur, weil sie glaubten, ich würde in kurzem tot niederfallen.

Sogleich ging ich, den Ofen zu besehen, und fand das Metall stehend und zu einem Kuchen geronnen. Ich sagte zwei Handlangern, sie sollten zum Nachbar Capretta, dem Fleischer, gehen, dessen Frau mir einen Stoß Holz von jungen Eichen versprochen hatte, die schon länger als ein Jahr ausgetrocknet waren, und als nur die ersten Trachten herankamen, fing ich an, den Feuerherd damit anzufüllen. Diese Holzart macht ein heftiger Feuer als alle andern, und man bedient sich des Erlen- und Fichtenholzes zum Stückgießen, weil es gelinderes Feuer macht. Als nun der Metallkuchen dieses gewaltige Feuer empfand, fing er an zu schmelzen und zu blitzen. Von der andern Seite betrieb ich die Kanäle, andere hatte ich auf das Dach geschickt, dem Feuer zu wehren, das bei der großen Stärke des Windes wieder aufs neue gegriffen hatte; gegen den Garten zu ließ ich Tafeln, Tapeten und Lappen aufbreiten, die mir das Wasser abhalten sollten. Nachdem ich nun alles dieses große Unheil so viel als möglich abgewendet hatte, rief ich mit starker Stimme bald diesem, bald jenem zu: Bringe dies! nimm das! so daß die ganze Gesellschaft, als sie sahe, daß der Kuchen zu schmelzen anfing, mir mit so gutem Willen diente, daß jeder die Arbeit für drei verrichtete. Alsdann ließ ich einen halben Zinnkuchen nehmen, der ungefähr sechzig Pfund wiegen konnte, und warf ihn auf das Metall im Ofen, das durch allerlei Beihülfe, durch frisches Feuer und Anstoßen mit eisernen Stangen in kurzer Zeit ganz flüssig ward.

Nun glaubte ich einen Toten auferweckt zu haben, triumphierte über den Unglauben aller der Ignoranten und fühlte in mir eine solche Lebhaftigkeit, daß ich weder ans Fieber dachte noch an die Furcht des Todes. Auf einmal hörte ich ein Getöse, mit einem gewaltsamen Leuchten des Feuers, so daß es schien, als wenn sich ein Blitz in unserer Gegenwart erzeugt hätte. Über diese unerwartete fürchterliche Erscheinung war ein jeder erschrocken, und ich mehr als die andern. Als der große Lärm vorbei war, sahen wir einander an und bemerkten, daß die Decke des Ofens geplatzt war und sich in die Höhe hob, dergestalt, daß das Erz ausfloß. Sogleich ließ ich die Mündung meiner Form eröffnen und zu gleicher Zeit die beiden Gußlöcher aufstoßen. Da ich aber bemerkte, daß das Metall nicht mit der Geschwindigkeit lief, als es sich gehörte, überlegte ich, daß vielleicht der Zusatz durch das grimmige Feuer könnte verzehrt worden sein, und ließ sogleich meine Schüsseln und Teller von Zinn, deren etwa zweihundert waren, herbeischaffen und brachte eine nach der andern vor die Kanäle; zum Teil ließ ich sie auch in den Ofen werfen, so daß jeder nunmehr das Erz auf das beste geschmolzen sah und zugleich bemerken konnte, daß die Form sich füllte. Da halfen sie mir froh und lebhaft und gehorchten mir, ich aber befahl und half bald da und bald dort und sagte: O Gott, der du durch deine unendliche Kraft vom Tode auferstanden und herrlich gen Himmel gefahren bist, verschaffe, daß meine Form sich auf einmal fülle! Darauf kniete ich nieder und betete von Herzen. Dann wendete ich mich zu der Schüssel, die nicht weit von mir auf einer Bank stand, aß und trank mit großem Appetit, und so auch der ganze Haufen. Dann ging ich froh und gesund zu Bette (es waren zwei Stunden vor Tag), und als wenn ich nicht das mindeste Übel gehabt hätte, war meine Ruhe sanft und süß.

Indessen hatte mir jene wackre Magd aus eigenem Antrieb einen guten, fetten Kapaun zurechte gemacht, und als ich aufstund, war es eben Zeit zum Mittagessen. Sie kam mir fröhlich entgegen und sagte: Ist das der Mann, der sterben wollte? Ich glaube, Ihr habt das Fieber diese Nacht mit Euren Stößen und Tritten vertrieben; denn als die Krankheit sah, daß Ihr in Eurer Raserei uns so übel mitspieltet, ist sie erschrocken und hat sich davongemacht aus Furcht, es möchte ihr auch so gehen. So war unter den Meinigen Schrecken und Furcht verschwunden, und wir erholten uns wieder von so saurer Arbeit. Ich schickte geschwind, meine zinnernen Teller zu ersetzen, nach Töpferware, wir aßen alle zusammen fröhlich zu Mittag, und ich erinnere mich nicht, in meinem Leben heiterer und mit besserem Appetit gespeist zu haben. Nach Tische kamen alle diejenigen, die mir geholfen hatten, erfreuten sich und dankten Gott für alles, was begegnet war, und sagten, sie hätten Sachen gesehen und gelernt, die alle andern Meister für unmöglich hielten. Ich war nicht wenig stolz und rühmte mich mit manchen Worten über den glücklichen Ausgang; dann bedachte ich das Nötige, griff in meinen Beutel, bezahlte und befriedigte sie alle.

Sogleich suchte mein tödlicher Feind, der abscheuliche Haushofmeister des Herzogs, mit großer Sorgfalt zu erfahren, was alles begegnet sei, und die beiden, die ich im Verdacht hatte, als wenn sie am Gerinnen des Metalls schuld seien, sagten ihm: ich sei kein Mensch, sondern eigentlich ein großer Teufel, denn ich habe das verrichtet, was der Kunst unmöglich sei. Das brachten sie nebst viel andern großen Dingen vor, die selbst für einen bösen Geist zu viel gewesen wären. Sowie sie nun wahrscheinlich mehr, als geschehen war, vielleicht um sich zu entschuldigen, erzählten, so schrieb der Haushofmeister geschwind an den Herzog, der sich in Pisa befand, noch schrecklicher und noch wundersamer, als jene erzählt hatten.

Als ich nun zwei Tage mein gegossenes Werk hatte verkühlen lassen, fing ich an, es langsam zu entblößen, und fand zuerst den Kopf der Meduse, der sehr gut gekommen war, weil ich die Züge richtig angebracht hatte und weil, wie ich dem Herzog sagte, die Wirkung aufwärts ging; dann fuhr ich fort, das übrige aufzudecken, und fand den zweiten Kopf, nämlich den des Perseus, der gleichfalls sehr gut gekommen war. Hierbei hatte ich Gelegenheit, mich noch mehr zu verwundern: denn wie man sieht, ist dieser Kopf viel niedriger als das Medusenhaupt, und die Öffnungen des Werks waren auf dem Kopfe des Perseus und auf den Schultern angebracht. Nun fand ich, daß grade auf dem Kopfe des Perseus das Erz, das in meinem Ofen war, ein Ende hatte, so daß nicht das mindeste drüber stand, noch auch etwas fehlte, worüber ich mich sehr verwunderte und diese seltsame Begebenheit für eine Einwirkung und Führung Gottes halten mußte. So ging das Aufdecken glücklich fort, und ich fand alles auf das beste gekommen, und als ich an den Fuß des rechten Schenkels gelangte, fand ich die Ferse ausgegossen sowie den Fuß selbst, so daß ich mich von einer Seite ergötzte, die Begebenheit aber mir von der ändern Seite unangenehm war, weil ich gegen den Herzog behauptet hatte, der Fuß könne nicht kommen. Da ich aber weiter vorwärts kam, ward ich wieder zufriedengestellt, denn die Zehen waren ausgeblieben und ein wenig von der vordem Höhe des Fußes, und ob ich gleich dadurch wieder neue Arbeit fand, so war ich doch zufrieden, nur damit der Herzog sehen sollte, daß ich verstehe, was ich vornehme. Und wenn viel mehr von diesem Fuß gekommen war, als ich geglaubt hatte, so war die Ursache, daß viele Dinge zusammenkamen, die eigentlich nicht in der Ordnung der Kunst sind, und weil ich auf die Weise, wie ich erzählt habe, dem Guß mit den zinnernen Tellern zu Hülfe kommen mußte, eine Art und Weise, die von andern nicht gebraucht wird.

Da ich nun mein Werk so schön geraten fand, ging ich geschwind nach Pisa, um meinen Herzog zu finden, der mich so freundlich empfing, als sichs nur denken läßt. Desgleichen tat auch die Herzogin, und obgleich der Haushofmeister ihm die ganze Sache geschrieben hatte, so schien es Ihren Exzellenzien noch viel erstaunlicher und wundersamer, die Geschichte aus meinem Munde zu hören, und als ich zuletzt an den Fuß des Perseus kam, der sich nicht angefüllt hatte, wie ich Seiner Exzellenz voraussagte, so war er voll Erstaunen und erzählte der Herzogin, was zwischen uns vorgefallen war. Da ich nun sah, daß meine Herrschaft so freundlich gegen mich war, bat ich den Herzog, er möchte mich nach Rom gehen lassen: da gab er mir gnädigen Urlaub und sagte mir, ich möchte bald zurückkommen, seinen Perseus zu endigen. Zugleich gab er mir Empfehlungsschreiben an seinen Gesandten, welcher Averardo Serristori hieß. Es war in den ersten Jahren der Regierung Papst Julius des Dritten (1550,1551).

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