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Leben des Benvenuto Cellini

: Leben des Benvenuto Cellini - Kapitel 41
Quellenangabe
typeautobio
authorBenvenuto Cellini
titleLeben des Benvenuto Cellini
publisherInsel Verlag
editorJohann Wolfgang von Goethe
translatorJohann Wolfgang von Goethe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünftes Kapitel

Die Eifersucht des Bandinello legt unserm Verfasser unzählige Schwierigkeiten in den Weg, wodurch der Fortgang seines Werks durchaus gehindert wird. – In einem Anfall von Verzweiflung geht er nach Fiesole, einen natürlichen Sohn zu besuchen, und trifft auf seinem Rückweg mit Bandinello zusammen. – Erst beschließt er, ihn zu ermorden; doch da er sein feiges Betragen erblickt, verändert er den Sinn, fühlt sich wieder ruhig und hält sich an sein Werk. – Unterhaltung zwischen ihm und dem Herzog über eine antike Statue, die der Autor zum Ganymed restauriert. – Nachricht von einigen Marmorstatuen Cellinis, als einem Apoll, Hyazinth und Narziß. – Durch einen Zufall verliert er fast sein Auge. – Art seiner Genesung.

So hielt ich mich zu Hause, zeigte mich selten im Palast und arbeitete mit großer Sorgfalt, mein Werk zu vollenden. Leider mußte ich dabei die Arbeiter aus meinem Beutel bezahlen, denn der Herzog hatte mir durch Lattanzio Gorini etwa achtzehn Monate lang gewisse Arbeiter gut getan: nun währte es ihm zu lange, und er nahm den Auftrag zurück. Hierüber befragte ich den Lattanzio, warum er mich nicht bezahle? Er antwortete mir mit seinem Mückenstimmchen, indem er seine Spinnenfinger bewegte: Warum endigst du nicht das Werk? Man glaubt, daß du nie damit fertig werden wirst! Ich sagte darauf erzürnt: Hol Euch der Henker und alle, die glauben, daß ich es nicht vollenden könne! So ging ich verzweiflungsvoll wieder nach Hause zu meinem unglücklichen Perseus, und nicht ohne Tränen, denn ich erinnerte mich des glücklichen Zustandes, den ich in Paris im Dienste des verwundernswürdigen Königs verlassen hatte, der mich in allem unterstützte, und hier fehlte mir alles.

Oft war ich im Begriff, mich auf den Weg der Verzweiflung zu werfen. Einmal unter anderm stieg ich auf ein schönes Pferd, nahm hundert Scudi zu mir und ritt nach Fiesole, meinen natürlichen Sohn zu besuchen, den ich bei einer Gevatterin, der Frau eines meiner Gesellen, in der Kost hatte. Ich fand das Kind wohl auf und küßte es in meinem Verdrusse. Da ich wegwollte, ließ er mich nicht fort, hielt mich fest mit den Händen unter einem wütenden Weinen und Geschrei, das in dem Alter von ungefähr zwei Jahren eine äußerst verwundersame Sache war.

Da ich mir aber vorgenommen hatte, den Bandinell, der alle Abend auf ein Gut über San Domenico zu gehen pflegte, wenn ich ihn fände, verzweiflungsvoll auf den Boden zu strecken, riß ich mich von meinem Knaben los und ließ ihn in seinen heftigen Tränen. So kam ich nach Florenz zurück, und als ich auf den Platz von San Domenico gelangte, kam Bandinello eben an der ändern Seite herein, und ich, sogleich entschlossen, das blutge Werk zu vollbringen, eilte auf ihn los. Als ich aber die Augen aufhob, sah ich ihn ohne Waffen auf einem Maultier wie einen Esel sitzen; er hatte einen Knaben von zehn Jahren bei sich. Sobald er mich sah, ward er leichenblaß und zitterte vom Kopf bis zu den Füßen. Da ich nun diesen niederträchtigen Zustand erblickte, sagte ich: Fürchte nichts, feige Memme! du bist meiner Stiche nicht wert. Er sah mich mit niedergeschlagenen Augen an und sagte nichts. Da faßte ich mich wieder und dankte Gott, daß er mich durch seine Kraft verhindert hatte, eine solche Unordnung anzurichten, und fühlte mich befreit von der teuflischen Raserei. Ich faßte Mut und sagte zu mir selber: Wenn mir Gott so viel Gnade erzeigt, daß ich mein Werk vollende, so hoffe ich damit alle meine Feinde zu ermorden, und meine Rache wird größer und herrlicher sein, als wenn ich sie an einem einzigen ausgelassen hätte. Und mit diesem guten Entschluß kehrte ich ein wenig munterer nach Hause.

Nach Verlauf von drei Tagen vernahm ich, daß meine Gevatterin mir meinen einzigen Sohn erstickt hatte, worüber ich solche Schmerzen fühlte, daß ich niemals einen größern empfunden habe. Dessenungeachtet kniete ich nieder und nach meiner Gewohnheit nicht ohne Tränen dankte ich Gott und sagte: Gott und Herr! du gabst mir ihn und hast mir ihn nun genommen: für alles danke ich dir von Herzen. Und obschon der große Schmerz mich fast ganz aus der Fassung gebracht hatte, so machte ich doch aus der Not eine Tugend und schickte mich so gut als möglich in diesen Unfall.

Um diese Zeit hatte ein junger Arbeiter den Bandinell verlassen, er hieß Franziskus, Sohn Matthäus des Schmiedes. Dieser Jüngling ließ mich fragen, ob ich ihm wollte zu arbeiten geben? Ich war es zufrieden und stellte ihn an, die Figur der Meduse auszuputzen, die schon gegossen war. Nach vierzehn Tagen sagte mir dieser junge Mensch: er habe mit seinem vorigen Meister gesprochen, der mich fragen lasse, ob ich eine Figur von Marmor machen möchte, er wolle mir ein schönes Stück Stein dazu geben. Darauf versetzte ich: Sag ihm, daß ich es annehme, und es könnte ein böser Stein für ihn werden, denn er reizt mich immer und erinnert sich nicht der großen Gefahr, der er auf dem Platze San Domenico entronnen ist. Nun sag ihm, daß ich den Stein auf alle Weise verlange. Ich rede niemals von dieser Bestie, und er kann mich nicht ungehudelt lassen: fürwahr, ich glaube, er hat dich abgeschickt, bei mir zu arbeiten, um nur meine Handlungen auszuspähen! Nun gehe und sag ihm, ich werde den Marmor auch wider seinen Willen abfordern, und du magst wieder bei ihm arbeiten.

Ich hatte mich viele Tage nicht im Palaste sehen lassen. Einst kam mir die Grille wieder, und ich ging hin. Der Herzog hatte beinah abgespeist, und wie ich hörte, so hatte Seine Exzellenz des Morgens viel Gutes von mir gesprochen, besonders hatte er mich sehr über das Fassen der Steine gelobt. Als mich nun die Herzogin erblickte, ließ sie mich durch Herrn Sforza rufen, und da ich mich ihr näherte, ersuchte sie mich, ihr eine kleine Rosette in einen Ring zu passen, und setzte hinzu, daß sie ihn immer am Finger tragen wolle. Sie gab mir das Maß und den Diamant, der ungefähr hundert Scudi wert war, und bat mich, ich solle die Arbeit bald vollenden. Sogleich fing der Herzog an, mit der Herzogin zu sprechen, und sagte: Gewiß war Benvenuto in dieser Kunst ohnegleichen; jetzt, da er sie aber beiseitegelegt hat, wird ihm ein Ring, wie Ihr ihn verlangt, zu viel Mühe machen. Deswegen bitte ich Euch: quält ihn nicht mit dieser Kleinigkeit, die ihm, weil er nicht in Übung ist, zu große Arbeit verursachen würde! Darauf dankte ich dem Herzog und bat ihn, daß er mir diesen kleinen Dienst für seine Gemahlin erlauben solle. Alsbald legte ich Hand an, und in wenig Tagen war der Ring fertig; er paßte an den kleinen Finger und bestand aus vier runden Kindern und vier Masken. Dazu fügte ich noch einige Früchte nebst Bändchen von Schmelz, so daß der Edelstein und die Fassung sich sehr gut ausnahmen. Sogleich trug ich ihn zur Herzogin, die mir mit gütigen Worten sagte: ich habe ihr eine sehr schöne Arbeit gemacht, und sie werde an mich denken. Sie schickte gedachten Ring dem König Philipp zum Geschenk und befahl mir nachher immer etwas anders, und zwar so liebevoll, daß ich mich immer anstrengte, ihr zu dienen, wenn mir gleich auch nur wenig Geld zu Gesichte kam. Und Gott weiß, daß ich es brauchte, denn ich wünschte nichts eifriger, als meinen Perseus zu endigen.

Es hatten sich gewisse Gesellen gefunden, die mir halfen, die ich aber von dem Meinigen bezahlen mußte, und ich fing von neuem an, mich mehr im Palast sehen zu lassen als vorher. Eines Sonntags unter anderm ging ich nach der Tafel hin, und als ich in den Saal der Uhr kam, sah ich die Garderobentür offen, und als ich mich sehen ließ, rief der Herzog und sagte mir auf eine sehr freundliche Weise: Du bist willkommen! siehe, dieses Kästchen hat mir Herr Stephan von Palestrina zum Geschenke geschickt, eröffne es und laß uns sehen, was es enthält! Als ich das Kästchen sogleich eröffnet hatte, sagte ich zum Herzog: Gnädiger Herr! das ist eine Figur von griechischem Marmor, die Gestalt eines Kindes, wundersam gearbeitet. Ich erinnere mich nicht, unter den Altertümern ein so schönes Werk und von so vollkommener Manier gesehen zu haben; deswegen biete ich mich an, zu dieser verstümmelten Figur den Kopf, die Arme und die Füße zu machen, und ich will einen Adler dazu verfertigen, damit man das Bild einen Ganymed nennen kann. Zwar schickt sich nicht für mich, Statuen auszuflicken (denn das ist das Handwerk gewisser Pfuscher, die ihre Sache schlecht genug machen), indessen fordert mich die Vortrefflichkeit dieses Meisters zu solcher Arbeit auf. Der Herzog war sehr vergnügt, daß die Statue so schön sei, fragte mich viel darüber und sagte: Mein Benvenuto! erkläre mir genau, worin denn die große Fürtrefflichkeit dieses Meisters bestehe, worüber du dich so sehr verwunderst. Darauf zeigte ich Seiner Exzellenz, so gut ich nur konnte und wußte, alle Schönheiten und suchte ihm das Talent, die Kenntnis und die seltne Manier des Meisters begreiflich zu machen. Hierüber hatte ich sehr viel gesprochen und es um so lieber getan, als ich bemerkte, daß Seine Exzellenz großen Gefallen daran habe.

Indessen ich nun den Herzog auf diese angenehme Weise unterhielt, begab sichs, daß ein Page aus der Garderobe ging, und als er die Tür aufmachte, kam Bandinello herein. Der Herzog erblickte ihn, schien ein wenig unruhig und sagte mit ernsthaftem Gesichte: Was wollt Ihr, Bandinello? Ohne etwas zu antworten, warf dieser sogleich die Augen auf das Kästchen, worin die aufgedeckte Statue lag, und sagte mit einem widerwärtigen Lächeln und Kopfschütteln, indem er sich gegen den Herzog wendete: Herr! das ist auch eins von denen Dingen, über die ich Eurer Exzellenz so oft gesprochen habe. Wißt nur, daß die Alten nichts von der Anatomie verstunden, deswegen auch ihre Werke voller Fehler sind. Ich war still und merkte nicht auf das, was er sagte, ja ich hatte ihm den Rücken zugewendet. Sobald als die Bestie ihr ungefälliges Gewäsch geendigt hatte, sagte der Herzog zu mir: Das ist ganz das Gegenteil von dem, was du mit so viel schönen Gründen mir erst aufs beste bewiesen hast; verteidige nun ein wenig deine Meinung! Auf diese herzoglichen Worte, die mir mit so vieler Anmut gesagt wurden, antwortete ich sogleich: Eure Exzellenz wird wissen, daß Baccio Bandinello ganz aus bösen Eigenschaften zusammengesetzt ist, so wie er immer war, dergestalt daß alles, was er auch ansieht, selbst Dinge, die im allerhöchsten Grad vollkommen gut sind, sich vor seinen widerlichen Augen sogleich in das schlimmste Übel verwandeln; ich aber, der ich zum Guten geneigt bin, erkenne reiner die Wahrheit: daher ist das, was ich Eurer Exzellenz von dieser fürtrefflichen Statue gesagt habe, vollkommen wahr, was aber Bandinell von ihr behauptet, das ist nur ganz allein das Böse, woraus er zusammengesetzt ist.

Der Herzog stand und hörte mit vielem Vergnügen zu, und indessen, als ich sprach, verzerrte Bandinell seine Gebärde und machte die häßlichsten Gesichter seines Gesichts, das häßlicher war, als man sichs in der Welt denken kann. Sogleich bewegte sich der Herzog, und indem er durch einige kleine Zimmer ging, folgte ihm Bandinell; die Kämmerer nahmen mich bei der Jacke und zogen mich mit. So folgten wir dem Herzog, bis er in ein Zimmer kam, wo er sich niedersetzte. Bandinell und ich standen zu seiner Rechten und Linken. Ich hielt mich still, und die Umstehenden, verschiedne Diener Seiner Exzellenz, sahen den Bandinell scharf an und lächelten manchmal einer zum andern über die Worte, die ich in den Zimmern oben gesagt hatte. Nun fing Bandinell zu reden an und sagte: Als ich meinen Herkules und Kakus aufdeckte, wurden mir gewiß über hundert schlechte Sonette darauf gemacht, die das Schlimmste enthielten, was man von einem solchen Pöbel erwarten kann. Gnädiger Herr! versetzte ich dagegen, als Euer Michelagnolo Buonarroti seine Sakristei eröffnete, wo man so viele schöne Figuren sieht, machte diese wundersame und tugendreiche Schule, die Freundin des Wahren und Guten, mehr als hundert Sonette, und jeder wetteiferte, wer etwas Besseres darüber sagen könnte. Und so wie jener das Gute verdiente, das man von ihm aussprach, so verdient dieser alles das Übel, was über ihn ergangen ist. Auf diese Worte wurde Bandinell so rasend, daß er hätte bersten mögen, kehrte sich zu mir und sagte: Und was wüßtest du noch mehr? Ich antwortete: Das will ich dir sagen, wenn du so viel Geduld hast, mir zuzuhören. Er versetzte: Rede nur!

Der Herzog und die ändern, die gegenwärtig waren, zeigten große Aufmerksamkeit, und ich fing an: Wisse, daß es mir unangenehm ist, dir die Fehler deines Werkes herzuerzählen, aber ich werde nichts aus mir selbst sagen, vielmehr sollst du nur hören, was in dieser trefflichen Schule von dir gesprochen wird.

Nun sagte dieser ungeschickte Mensch bald verdrießliche Dinge, bald machte er mit Händen und Füßen eine häßliche Bewegung, so daß ich auch auf eine sehr unangenehme Weise anfing, welches ich nicht getan haben würde, wenn er sich besser betragen hätte. Daher fuhr ich fort: Diese treffliche Schule sagt, daß, wenn man dem Herkules die Haare abschöre, kein Hinterkopf bleiben würde, um das Gehirn zu fassen, und was das Gesicht betrifft, so wisse man nicht, ob es einen Menschen oder Löw-Ochsen vorstellen solle. Er sehe gar nicht auf das, was er tue; der Kopf hänge so schlecht mit dem Hals zusammen, mit so wenig Kunst und so übler Art, daß man es nicht schlimmer sehen könne. Seine abscheulichen Schultern glichen, sagt man, zwei hölzernen Bogen von einem Eselssattel, die Brust mit ihren Muskeln sei nicht nach einem Menschen gebildet, sondern nach einem Melonensacke, den man gerade vor die Wand stellt; so sei auch der Rücken nach einem Sack voll langer Kürbisse modelliert. Wie die beiden Füße an dem häßlichen Leib hängen, könne niemand einsehen; man begreife nicht, auf welchem Schenkel der Körper ruhe oder auf welchem er irgendeine Gewalt zeige. Auch sehe man nicht, daß er etwa auf beiden Füßen stehe, wie es manchmal solche Meister gebildet haben, die etwas zu machen verstunden; man sehe deutlich genug, daß die Figur vorwärtsfalle, mehr als den dritten Teil einer Elle, und das allein sei der größte und unerträglichste Fehler, den nur ein Dutzendmeister aus dem Pöbel begehen könne. Von den Armen sagt man, sie seien beide ohne die mindeste Zierlichkeit heruntergestreckt, man sehe daran keine Kunst, eben als wenn Ihr niemals lebendige nackte Menschen erblickt hättet; an dem rechten Fuße des Herkules und des Kakus seien die Waden ineinander versenkt, daß, wenn sich die Füße voneinander entfernten, nicht einer, sondern beide ohne Waden bleiben würden. Ferner sagen sie, einer der Füße des Herkules stecke in der Erde, und es scheine, als wenn Feuer unter dem andern sei.

Nun hatten diese Worte den Mann so ungeduldig gemacht, und er wollte nicht erwarten, daß ich auch noch die großen Fehler des Kakus anzeigte. Denn ich sagte nicht allein die Wahrheit, sondern ich machte sie auch dem Herzog und allen Gegenwärtigen vollkommen anschaulich, so daß sie die größte Verwunderung zeigten und einsahen, daß ich vollkommen recht hatte. Auf einmal fing dagegen der Mensch an und sagte: O du böse Zunge! und wo bleibt meine Zeichnung? Ich antwortete: Wer gut zeichnet, kann nichts Schlechtes hervorbringen; deswegen glaub ich, deine Zeichnung ist wie deine Werke. Da er nun das herzogliche Gesicht und die Gesichter der andern ansah, die ihn mit Blicken und Mienen zerrissen, ließ er sich zu sehr von seiner Frechheit hinreißen, kehrte sein häßlichstes Gesicht gegen mich und sagte mit Heftigkeit: O schweige still, du Sodomit! Der Herzog sah ihn auf diese Worte mit verdrießlichen Augen an, die ändern schlossen den Mund und warfen finstere Blicke auf ihn, und ich, der ich mich auf eine so schändliche Weise beleidigt sah, obgleich bis zur Wut getrieben, faßte mich und ergriff ein geschicktes Mittel. O du Tor! sagte ich, du überschreitest das Maß. Aber wollte Gott, daß ich mich auf eine so edle Kunst verstünde! denn wir lesen, daß Jupiter sie mit Ganymeden verübte, und hier auf der Erde pflegen die größten Kaiser und Könige derselben; ich aber als ein niedriges und geringes Menschlein wüßte mich nicht in einen so wundersamen Gebrauch zu finden. Hierauf konnte sich niemand halten: der Herzog und die übrigen lachten laut, und ob ich mich gleich bei dieser Gelegenheit munter und gleichgültig bezeigte, so wisset nur, geneigte Leser, daß mir inwendig das Herz springen wollte, wenn ich dachte, daß das verruchteste Schwein, das jemals zur Welt gekommen, so kühn sein sollte, mir in Gegenwart eines so großen Fürsten einen solchen Schimpf zu erzeigen. Aber wißt: er beleidigte den Herzog und nicht mich! denn hätte er diese Worte nicht in so großer Gegenwart ausgesprochen, so hätte er mir tot auf der Erde liegen sollen.

Da der schmutzige, dumme Schurke nun sah, daß die Herren nicht aufhörten zu lachen, fing er an, um dem Spott einigermaßen eine andere Richtung zu geben, sich wieder in eine neue Albernheit einzulassen, indem er sagte: Dieser Benvenuto rühmt sich, als wenn ich ihm einen Marmor versprochen hätte. Darauf sagte ich schnell: Wie? hast du mir nicht durch Franzen, den Sohn Matthäus des Schmieds, deinen Gesellen, sagen lassen, daß, wenn ich in Marmor arbeiten wollte, du mir ein Stück zu schenken bereit seist? Ich habe es angenommen und verlange es. Er versetzte darauf: Rechne nur, daß du es nicht sehen wirst! Noch voll Raserei über die vorher erlittene Beleidigung, verließ mich alle Vernunft, so daß ich die Gegenwart des Herzogs vergaß und mit großer Wut versetzte: Ich sage dir ausdrücklich, wenn du mir nicht den Marmor bis ins Haus schickst, so suche dir eine andere Welt, denn in dieser werde ich dich auf alle Weise erwürgen! Sogleich kam ich wieder zu mir, und als ich bemerkte, daß ich mich in Gegenwart eines so großen Herzogs befand, wendete ich mich demütig zu Seiner Exzellenz und sagte: Gnädiger Herr! ein Narr macht hundert. Über der Narrheit dieses Menschen habe ich die Herrlichkeit von Eurer Exzellenz und mich selbst vergessen; deswegen verzeiht mir! Darauf sagte der Herzog zum Bandinell: Ist es wahr, daß du ihm den Marmor versprochen hast? Dieser antwortete: es sei wahr. Der Herzog sagte darauf zu mir: Geh in seine Werkstatt und nimm dir ein Stück nach Belieben! Ich versetzte: er habe versprochen, mir eins ins Haus zu schicken. Es wurden noch schreckliche Worte gesprochen, und ich bestand darauf, nur auf diese Weise den Stein anzunehmen.

Den andern Morgen brachte man mir den Marmor ins Haus. Ich fragte: wer mir ihn schicke? Sie sagten: es schicke ihn Bandinello, und es sei das der Marmor, den er mir versprochen habe. Sogleich ließ ich ihn in meine Werkstatt tragen und fing an, ihn zu behauen, und indessen ich arbeitete, machte ich auch das Modell: denn so groß war meine Begierde, in Marmor zu arbeiten, daß ich nicht Geduld und Entschluß genug hatte, ein Modell mit so viel Überlegung zu machen, als eine solche Kunst erfordert. Da ich nun gar unter dem Arbeiten bemerkte, daß der Marmor einen stumpfen und unreinen Klang von sich gab, gereute es mich oft, daß ich angefangen hatte. Doch machte ich daraus, was ich konnte, nämlich den Apollo und Hyazinth, den man noch unvollendet in meiner Werkstatt sieht. Indessen ich nun arbeitete, kam der Herzog manchmal in mein Haus und sagte mir öfters: Laß das Erz ein wenig stehen und arbeite am Marmor, daß ich dir zusehe! Darauf nahm ich sogleich die Eisen und arbeitete frisch weg. Der Herzog fragte nach dem Modell; ich antwortete: Dieser Marmor ist voller Stiche, dessenungeachtet will ich etwas herausbringen, aber ich habe mich nicht entschließen können, ein Modell zu machen, und will mir nur so gut als möglich heraushelfen.

Geschwind ließ mir der Herzog von Rom ein Stück griechischen Marmor kommen, damit ich ihm jenen antiken Ganymed restaurieren möchte, der Ursache des Streites mit Bandinell war. Als das Stück Marmor ankam, überlegte ich, daß es eine Sünde sei, es in Stücke zu trennen, um Kopf, Arme und das Beiwesen zum Ganymed zu verfertigen. Ich sah mich nach anderm Marmor um, zu dem ganzen Stücke aber machte ich ein kleines Wachsmodell und nannte die Figur Narziß. Nun hatte der Marmor leider zwei Löcher, die wohl eine viertel Elle tief und zwei Finger breit waren: deshalb machte ich die Stellung, die man sieht, um meine Figur fern davon zu erhalten. Aber die vielen Jahre, die es darauf geregnet hatte, so daß die Öffnungen immer voll Wasser standen, war die Feuchtigkeit dergestalt eingedrungen, daß der Marmor in der Gegend vom obern Loch geschwächt und gleichsam faul war. Das zeigte sich nachher, als der Arno überging und das Wasser in meiner Werkstatt über anderthalb Ellen stieg. Weil nun gedachter Marmor auf einem hölzernen Untersatz stand, so warf ihn das Wasser um, darüber er unter der Brust zerbrach, und als ich ihn wiederherstellte, machte ich, damit man den Riß nicht sehen sollte, jenen Blumenkranz, den er unter der Brust hat. So arbeitete ich an seiner Vollendung gewisse Stunden vor Tag oder auch an Festtagen, nur um keine Zeit an meinem Perseus zu verlieren, und als ich unter anderm eines Morgens gewisse kleine Eisen, um daran zu arbeiten, zurechte machte, sprang mir ein Splitter vom feinsten Stahl ins rechte Auge und drang so tief in den Augapfel, daß man ihn auf keine Weise herausziehen konnte, und ich glaubte für gewiß, das Licht dieses Auges zu verlieren. Nach verschiedenen Tagen rief ich Meister Raphael Pilli, den Chirurgus, der zwei lebendige Tauben nahm und, indem er mich rückwärts auf den Tisch legte, diesen Tieren eine Ader durchstach, die sie unter dem Flügel haben, so daß mir das Blut in die Augen lief, da ich mich denn schnell wieder gestärkt fühlte. In Zeit von zwei Tagen ging der Splitter heraus, ich blieb frei, und mein Gesicht war verbessert. Als nun das Fest der heiligen Lucia herbeikam (es war nur noch drei Tage bis dahin), machte ich ein goldnes Auge aus einer französischen Münze und ließ es der Heiligen durch eine meiner sechs Nichten überreichen. Das Kind war ungefähr zehn Jahr alt, und durch sie dankte ich Gott und der heiligen Lucia. Ich hatte nun eine Zeitlang keine Lust, an gedachtem Narziß zu arbeiten; denn da ich den Perseus unter so vielen Hindernissen doch so weit gebracht hatte, so war ich entschlossen, ihn zu endigen und mit Gott hinwegzugehen.

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