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Leben des Benvenuto Cellini

: Leben des Benvenuto Cellini - Kapitel 4
Quellenangabe
typeautobio
authorBenvenuto Cellini
titleLeben des Benvenuto Cellini
publisherInsel Verlag
editorJohann Wolfgang von Goethe
translatorJohann Wolfgang von Goethe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Drittes Kapitel

Peter Torrigiani, ein italienischer Bildhauer, kommt nach Florenz und sucht junge Künstler für den König von England. – Der Autor wird mit ihm bekannt und wirft einen Haß auf ihn. – Der Autor befleißigt sich, nach den Kartonen von Michelagnolo und Leonard da Vinci zu studieren. – Um sich in seiner Kunst zu vervollkommnen, geht er nach Rom, begleitet von einem jungen Gesellen, namens Tasso. – Er findet in dieser Hauptstadt große Aufmunterung sowie mancherlei Abenteuer. – Nach zwei Jahren kehrt er nach Florenz zurück, wo er seine Kunst mit gutem Erfolg treibt. – Seine Mitkünstler werden eifersüchtig über seine Geschicklichkeit. – Streit zwischen ihm und Gherardo Guasconti. – Verfolgt, weil er seinen Gegner geschlagen und verwundet, kleidet er sich in eine Mönchskutte und flieht nach Rom.

Zu dieser Zeit kam ein Bildhauer nach Florenz, der Peter Torrigiani hieß. Er hatte sich lange in England aufgehalten und besuchte täglich meinen Meister, zu dem er große Freundschaft hegte. Da er meine Zeichnungen und meine Arbeiten angesehen hatte, sagte er: Ich bin zurückgekommen, um so viel junge Leute als möglich anzuwerben, und da ich eine große Arbeit für meinen König zu machen habe, so will ich mir besonders meine Florentiner zu Gehülfen nehmen. Deine Arbeiten und deine Zeichnungen sind mehr eines Bildhauers als eines Goldschmieds, und da ich große Werke von Erz zu machen habe, so sollst du bei mir zugleich geschickt und reich werden. Es war dieser Mann von der schönsten Gestalt und von dem kühnsten Betragen: er sah eher einem großen Soldaten als einem Bildhauer ähnlich; seine entschiedenen Gebärden, seine klingende Stimme, das Runzeln seiner Augbraunen hätten auch einen braven Mann erschrecken können, und alle Tage sprach er von seinen Händeln mit den Bestien, den Engländern. So kam er auch einmal auf Michelagnolo Buonarroti zu reden, und zwar bei Gelegenheit einer Zeichnung, die ich nach dem Karton dieses göttlichsten Mannes gemacht hatte. Dieser Karton war das erste Werk, in welchem Michelagnolo sein erstaunliches Talent zeigte; er hatte ihn in die Wette mit Leonard da Vinci gemacht, der einen andern in die Arbeit nahm. Beide waren für das Zimmer des Konseils im Palast der Signorie bestimmt; sie stellten einige Begebenheiten der Belagerung von Pisa vor, durch welche die Florentiner die Stadt eroberten. Der treffliche Leonard da Vinci hatte ein Treffen der Reiterei unternommen, dabei einige Fahnen erobert wurden, so göttlich gemacht, als man sichs nur vorstellen kann. Michelagnolo dagegen hatte eine Menge Fußvolk vorgestellt, die bei dem heißen Wetter sich im Arno badeten; der Augenblick war gewählt, wie unverhofft das Zeichen zur Schlacht gegeben wird und diese nackten Völker schnell nach den Waffen rennen: so schön und vortrefflich waren die Stellungen und Gebärden, daß man weder von Alten noch Neuen ein Werk gesehen hatte, das auf diesen hohen und herrlichen Grad gelangt wäre. So war auch die Arbeit des großen Leonard höchst schön und wunderbar. Es hingen diese Kartone, einer in dem Palast der Medicis, einer in dem Saale des Papstes, und solange sie ausgestellt blieben, waren sie die Schule der Welt. Denn obgleich der göttliche Michelagnolo die große Kapelle des Papstes Julius malte, so erreichte er doch nicht zur Hälfte die Vortrefflichkeit dieses ersten Werks, und sein Talent erhob sich niemals zur Stärke dieser früheren Studien wieder. Um nun wieder auf Peter Torrigiani zu kommen, der meine Zeichnung in der Hand hatte und sagte: Dieser Buonarroti und ich gingen als Knaben in die Kirche [Santa Maria] del Carmine, um in der Kapelle des Masaccio zu studieren, und Buonarroti hatte die Art, alle zu foppen, die dort zeichneten. Eines Tages machte er sich unter andern auch an mich, und es verdroß mich mehr als sonst; ich ballte die Faust und schlug ihn so heftig auf die Nase, daß ich Knochen und Knorpel so mürbe fühlte, als wenn es eine Oblate gewesen wäre, und so habe ich ihn für sein ganzes Leben gezeichnet. Diese Worte erregten in mir einen solchen Haß, da ich die Arbeiten dieses unvergleichlichen Mannes vor Augen hatte, daß ich, weit entfernt, mit Torrigiani nach England zu gehen, ihn nicht wieder ansehen mochte. Und so fuhr ich fort, mich nach der schönen Manier des Michelagnolo zu bilden, von der ich mich niemals getrennt habe, und zu gleicher Zeit ging ich mit einem liebenswürdigen jungen Menschen um, zu dem ich die größte Freundschaft faßte. Er war von meinem Alter, gleichfalls ein Goldschmied und der Sohn des trefflichen Malers Filippo di Fra Filippo. Wir liebten uns so sehr, daß wir uns weder Tags noch Nachts trennen konnten; sein Haus war voller schöner Studien, die sein Vater nach den römischen Altertümern gezeichnet hatte, die in mehreren Büchern aufbewahrt wurden. Von diesen Dingen war ich ganz hingerissen, und fast zwei Jahre arbeiteten wir zusammen. Alsdann machte ich eine erhabene Arbeit in Silber, so groß wie eine kleine Kindshand; sie diente zum Schloß für einen Mannsgürtel, wie man sie damals zu tragen pflegte. Es war auf demselben, nach antiker Art, eine Verwicklung von Blättern, Kindern und artigen Masken zu sehen. Ich machte diese Arbeit in der Werkstatt eines Francesco Salimbene, und die Gilde der Goldschmiede, der sie vorgezeigt wurde, erklärte mich für den geschicktesten Gesellen.

Zu der Zeit entzweite ich mich wieder mit meinem Vater über das Blasen, und ein gewisser Holzschneider, den man Tasso nannte, hatte sich auch mit seiner Mutter überworfen. Ich sagte zu ihm: Wenn du nur der Mensch wärst, anstatt vieler Worte etwas zu unternehmen! Er antwortete mir: Hätte ich nur so viel Geld, um nach Rom zu kommen, so wollte ich nicht einmal umkehren, um meine armselige Werkstatt zu verschließen. Darauf sagte ich: wenn ihn weiter nichts hindere, so hätte ich so viel bei mir, als wir beide bis Rom brauchten.

Da wir so im Gehen zusammen sprachen, fanden wir uns unvermutet am Tore St. Peter Gattolini. Darauf sagte ich: Mein Tasso, das ist göttliche Schickung, daß wir, ohne daran zu denken, an dies Tor gekommen sind! Nun, da ich hier bin, ist mirs, als wenn ich schon die Hälfte des Weges zurückgelegt hätte. Wir gingen weiter und sprachen zusammen: Was werden unsere Alten diesen Abend sagen? Dann nahmen wir uns vor, nicht weiter daran zu denken, bis wir nach Rom gekommen wären, banden unsre Schurzfelle auf den Rücken und gingen stillschweigend bis nach Siena.

Tasso hatte sich wund gegangen, wollte nicht weiter und bat mich, daß ich ihm Geld borgen sollte, um wieder zurückzukehren; ich antwortete: Daran hättest du denken sollen, ehe du von Hause weggingst. Ich habe nur noch so viel, um nach Rom zu kommen; kannst du zu Fuße nicht fort, so ist da ein Pferd, das zurück nach Rom geht, zu haben, und du hast keine weitere Entschuldigung. Ich mietete das Pferd, und da er mir nicht antwortete, ritt ich gegen das römische Tor zu. Als er mich entschlossen sah, kam er murrend und hinkend hinter mir drein. Am Tore wartete ich mitleidig auf ihn, nahm ihn hinter mich und sagte zu ihm: Was würden morgen unsere Freunde von uns sagen, wenn wir den Entschluß, nach Rom zu gehen, nicht weiter als Siena hätten festhalten können? Er gab mir recht, und weil er ein froher Mensch war, fing er an zu lachen und zu singen, und so kamen wir immer lachend und singend nach Rom.

Ich zählte neunzehn Jahre, wie das Jahrhundert, und begab mich gleich in die Werkstatt eines Meisters, der Firenzuola di Lombardia hieß und in Gefäßen und großen Arbeiten höchst geschickt war. Ich zeigte ihm das Modell des Schlosses, das ich gearbeitet hatte; es gefiel ihm außerordentlich, und er sagte zu einem Florentiner Gesellen, der schon einige Jahre bei ihm stand: Das ist ein Florentiner, ders versteht, und du bist einer von denen, die's nicht verstehen. Ich erkannte darauf den Menschen und wollte ihn grüßen, denn wir hatten ehemals oft miteinander gezeichnet und waren viel miteinander umgegangen; er aber, höchst mißvergnügt über die Worte seines Meisters, behauptete, mich nicht zu kennen noch etwas von mir zu wissen. Ich antwortete ihm mit Verdruß: O Gianotto! ehemals mein Hausfreund, mit dem ich da und da zusammen gezeichnet, auf dessen Landhaus ich gegessen und getrunken habe, ich brauche dein Zeugnis nicht bei diesem braven Manne, deinem Meister, und hoffe, daß meine Hände ohne deinen Beistand beweisen sollen, wer ich bin. Hierauf wendete sich Firenzuola, der ein lebhafter und wackrer Mann war, zu seinem Gesellen und sagte: Schlechter Mensch! schämst du dich nicht, einem alten Freund und Bekannten so zu begegnen? Und mit eben der Lebhaftigkeit wendete er sich zu mir und sagte: Komm herein und tue, wie du gesagt hast! Deine Hände mögen sprechen, wer du bist. Und sogleich gab er mir eine schöne Silberarbeit für einen Kardinal zu machen. Es war ein Kästchen nach dem porphyrnen Sarg vor der Türe der Rotonde. Was ich von dem Meinen dazu tat und womit ich die Arbeit bereicherte, die Menge schöner kleiner Masken, erfreuten meinen Meister höchlich, der das Werk überall zeigte und sich rühmte, daß ein solches aus seiner Werkstatt ausgegangen sei. Das Kästchen war ungefähr eine halbe Elle groß und eingerichtet, das Salzfaß bei Tafel aufzunehmen.

Das war mein erster Verdienst in Rom. Einen Teil schickte ich meinem Vater, von dem andern lebte ich, indessen ich nach den Altertümern studierte. Endlich, da mir das Geld ausging, war ich genötigt, mich wieder an die Arbeit zu begeben. Tasso aber, mein Geselle, kehrte bald nach Florenz zurück.

Da meine neue Arbeit geendigt war, kam mich die Lust an, zu einem andern Meister zu gehen. Ein gewisser Mailänder, Paul Arsago, hatte mich an sich gezogen. Darüber fing Firenzuola mit ihm große Händel an und sagte ihm in meiner Gegenwart beleidigende Worte. Ich nahm mich meines neuen Meisters an und versetzte, daß ich frei geboren sei und auch frei leben wolle; ich habe mich nicht über ihn und er sich nicht über mich zu beklagen, vielmehr habe er mir noch einiges herauszuzahlen, und als ein freier Arbeiter wolle ich hingehen, wohin es mir gefiele, weil ich dadurch niemand ein Leid täte. Auch mein neuer Meister sagte ungefähr dasselbe und versicherte, daß er mich nicht verleitet habe, und daß es ihm angenehm sein werde, wenn ich zu meinem ersten Meister zurückginge. Auf das sagte ich: ich wollte niemanden schaden; ich hätte meine angefangenen Arbeiten geendigt, würde immer nur mir selbst und niemand anders angehören, und wer mich brauchte, möchte mit mir übereinkommen.

Ich habe nichts mehr mit dir zu tun, versetzte Firenzuola, du sollst mir nicht mehr unter die Augen kommen! Da erinnerte ich ihn an mein Geld, worauf er mir spöttisch antwortete. Aber ich versetzte: Hab ich Stahl und Eisen gebraucht, um deine Arbeiten zu machen, so sollen sie mir auch zu meinem Lohn verhelfen. Als ich so sprach, blieb ein alter Mann am Laden stehen, der Meister Antonio von San Marino hieß, der erste, vortrefflichste Goldschmied von Rom und Meister des Firenzuola; er hörte meine Gründe an, gab mir recht und verlangte, daß Firenzuola mich bezahlen solle.

Man stritt sich lebhaft, denn Firenzuola, ein weit besserer Fechter als Goldschmied, wollte nicht nachgeben; doch zuletzt fand die Vernunft ihren Platz, und meine Festigkeit verschaffte mir Recht: er bezahlte mich, und in der Folge erneuerten wir unsere Freundschaft. Er bat mich sogar, bei ihm Gevatter zu stehn.

Unter meinem neuen Meister verdiente ich genug und schickte den größten Teil meinem guten Vater. Dessenungeachtet lag dieser mir immer an, nach Florenz zurückzukehren, und am Ende von zwei Jahren tat ich ihm seinen Willen. Ich arbeitete wieder bei Salimbene, verdiente viel und suchte immer zu lernen; ich erneuerte meinen Umgang mit Francesco di Filippo, und ob mir gleich das verwünschte Blasen viel Zeit verdarb, so unterließ ich doch nicht, gewisse Stunden des Tags und der Nacht zu studieren.

Ich machte damals ein silbernes Herzschloß – so nannte man einen Gürtel, drei Finger breit, den die Bräute zu tragen pflegten; er war in halberhobener Arbeit gemacht und einige runde Figuren dazwischen, und ob ich gleich äußerst schlecht bezahlt ward, so war mir doch die Ehre, die ich dadurch erlangte, unschätzbar.

Indessen hatte ich bei verschiedenen Meistern gearbeitet und sehr wohldenkende Männer, wie zum Beispiel Marcone, darunter gefunden. Andere hatten einen sehr guten Namen und bevorteilten mich aufs äußerste. Sobald ich es merkte, machte ich mich von ihnen los und hütete mich vor diesen Räubern. Als ich nun fortfuhr zu arbeiten und zu gewinnen, besonders da ein Meister, Sogliani genannt, freundlich seine Werkstatt mit mir teilte, waren jene gehässigen Leute neidisch, und da sie drei große Werkstätten und viel zu tun hatten, druckten sie mich auf alle mögliche Weise. Ich beklagte mich darüber gegen einen Freund und sagte: es sollte ihnen genug sein, daß sie mich unter dem Schein der Güte beraubt hätten. Sie erfuhren es wieder und schwuren, ich sollte meine Worte bereuen; ich aber, der ich nicht wußte, was die Furcht für eine Farbe hatte, achtete ihre Drohungen nicht. Eines Tages trat ich an den Laden des einen: er hatte mich gerufen und wollte mich schelten und gegen mich großtun; dagegen sagte ich: sie möchten sichs selbst zuschreiben, denn ich hätte von ihren Handlungen gesprochen, wie sie wären.

Indessen da ich so sprach, paßte ein Vetter, den sie wahrscheinlich angestiftet hatten, heimtückisch auf, als ein Maultier mit Ziegeln vorbeigetrieben wurde, und schob mir den Korb so auf den Leib, daß mir sehr wehe geschah. Schnell kehrte ich mich um, sah, daß er lachte, und schlug ihn mit der Faust so tüchtig auf den Schlaf, daß er für tot zur Erden fiel. Dann rief ich seinen Vettern zu: So behandelt man feige Spitzbuben euresgleichen! und da sie Miene machten, so viel ihrer waren, auf mich zu fallen, zog ich in der Wut ein Messer und rief: Kömmt einer zum Laden heraus, so laufe der andere zum Beichtvater, denn der Arzt soll hier nichts zu tun kriegen. Sie erschraken hierüber so sehr, daß keiner von der Stelle ging.

Als ich weg war, liefen Väter und Söhne zu dem Collegio der Achte und klagten: ich habe sie mit bewaffneter Hand angefallen, das in Florenz unerhört sei. Die Herren Achte ließen mich rufen und machten mich tüchtig herunter, sowohl weil ich in der Jacke gelaufen kam, da die andern Mäntel umgenommen hatten, als weil die Herren schon zu Hause einzeln durch meine Gegner eingenommen waren, welches ich, als ein unerfahrner Knabe, versäumt hatte, der ich mich auf mein vollkommenes Recht verließ.

Ich sagte, daß ich, aufgebracht durch die große Beleidigung, dem Gherardo nur eine Ohrfeige gegeben hätte und deshalb keinen so heftigen Ausputzer verdiente.

Kaum ließ mich Prinzivalle della Stufa, der von den Achten war, das Wort Ohrfeige aussprechen, so rief er: Keine Ohrfeige, einen Faustschlag hast du ihm gegeben! Er zog darauf die Glocke, schickte uns alle hinaus und sprach, wie ich nachher vernahm, zu meinen Gunsten. Betrachtet, sagte er, Ihr Herren, die Einfalt dieses armen Menschen: er klagt sich an, eine Ohrfeige gegeben zu haben, da seine Gegner nur von einem Faustschlag reden. Eine Ohrfeige auf dem neuen Markt kostet fünfundzwanzig Scudi, ein Faustschlag wenig oder nichts. Er ist ein braver Junge und erhält sein Haus durch anhaltende Arbeit. Wollte der Himmel, es gäbe viel solche in unserer Stadt!

Es waren aber einige unter den Rotkappen durch Bitten und falsche Vorstellungen meiner Feinde bewegt, auch ohnedies von ihrer Partei, die mich gern ins Gefängnis geschickt und mir eine starke Strafe auferlegt hätten; aber der gute Prinzivalle gewann die Oberhand und verurteilte mich, vier Maß Mehl als Almosen in ein Kloster zu geben. Man ließ uns wieder hereinkommen; er verbot mir, bei Strafe ihrer Ungnade, nicht zu reden und meine Buße sogleich zu erlegen. Sie wiederholten ihren derben Verweis und schickten uns zum Aktuarius; ich aber murmelte immer vor mich hin: Ohrfeige! keinen Faustschlag! so daß die Achte über mich lachen mußten. Der Aktuarius befahl uns, daß wir einander Bürgschaft leisten sollten. So gingen die andern frei aus, und mich allein verdammten sie in die vier Maß Mehl, welches mir die größte Ungerechtigkeit schien. Ich schickte nach einem Vetter, der sich für mich verbürgen sollte, er aber wollte nicht kommen; darüber wurd ich ganz rasend und giftig wie eine Otter, da ich bedachte, wie sehr dieser Mann meinem Hause verbunden sei. Ich faßte mich in meiner Wut, so gut ich konnte, und wartete, bis das Kollegium der Achte zu Tische ging. Da ich nun allein war und niemand von den Gerichtsdienern auf mich achtgab, sprang ich wütend aus dem Palast, lief nach meiner Werkstatt, ergriff einen Dolch und rannte in das Haus meiner Gegner, die ich beim Essen fand. Gherardo, der Urheber des Streits, fiel gleich über mich her, ich stieß ihm aber den Dolch nach der Brust und durchbohrte Rock und Weste; sonst geschah ihm kein Leid, ob ich gleich dachte, er wäre schwer verwundet, weil der Stoß ein gewaltig Geräusch in den Kleidern machte und er vor Schrecken zur Erde fiel. Verräter! rief ich aus, heute sollt Ihr alle sterben!

Vater, Mutter und Schwester glaubten, der Jüngste Tag sei gekommen; sie warfen sich auf die Knie und flehten schreiend um Barmherzigkeit. Da sie sich nicht gegen mich verteidigten und der andere für tot auf der Erde lag, schien es mir niedrig, sie zu verletzen. Wütend sprang ich die Stiegen hinunter und fand auf der Straße die ganze Sippschaft beisammen. Mehr als zwölfe waren herbeigelaufen, einer hatte einen eisernen Stab, der andere einen Flintenlauf, die übrigen Hämmer und Stöcke; ich fuhr unter sie hinein wie ein wütender Stier und warf vier oder fünfe nieder, ich stürzte mit ihnen und führte meinen Dolch bald gegen diesen, bald gegen jenen. Die, welche noch standen, schlugen tüchtig auf mich zu, und doch lenkte es Gott, daß wir einander keinen Schaden taten; nur blieb ihnen meine Mütze zurück, auf die sie, weil ich ihnen entgangen war, wacker zuschlugen. Dann wollten sie nach ihren Verwundeten und Toten sehen, aber es war niemand beschädigt.

Ich ging in das Kloster Santa Maria Novella, und gleich begegnete ich dem Bruder Alexius Strozzi, dem ich mich empfahl, ohne ihn zu kennen. Ich bat ihn, mir das Leben zu retten, denn ich hätte einen großen Fehler begangen. Der gute Frater sagte zu mir: ich sollte mich nicht fürchten, denn wenn ich alles Übel in der Welt angestellt hätte, wäre ich doch in seiner Kammer vollkommen sicher. Ungefähr eine Stunde nachher hatten sich die Achte außerordentlich versammelt; sie ließen einen schrecklichen Bann ausgehen und drohten dem die größten Strafen, der mich verberge oder von meinem Aufenthalt wisse, ohne Ansehn des Orts und der Person. Mein betrübter armer Vater kam zu den Achten hinein, warf sich auf die Knie und bat um Barmherzigkeit; da stand einer von ihnen auf und schüttelte die Quaste seines Käppchens und sagte unter andern beleidigenden Worten zu meinem Vater: Hebe dich weg und mache, daß du fortkömmst! Morgen des Tags soll er seinen Lohn empfangen. Mein Vater antwortete: Was Gottes Wille ist, werdet Ihr tun und nicht mehr. Aber der andre sagte darauf: Das wird Gottes Wille sein! Mein Vater versetzte dagegen: Es ist mein Trost, daß Ihr das gewiß nicht wißt.

Er kam sogleich, mich aufzusuchen, mit einem jungen Menschen von meinem Alter, der Peter Landi hieß; wir liebten uns als leibliche Brüder. Dieser hatte unter seinem Mantel einen trefflichen Degen und das schönste Panzerhemd. Mein lebhafter Vater erzählte, wie es ihm bei den Achten ergangen sei, dann küßte er mir die Stirne und beide Augen, segnete mich von Herzen und sagte: Die Macht Gottes stehe dir bei! Und so reichte er mir Degen und Waffen und half mir mit eignen Händen, sie anlegen. Dann fuhr er fort: Lieber Sohn! mit diesen in der Hand leb oder stirb! Peter Landi hörte indessen nicht auf zu weinen und gab mir zehn Goldgulden. Ich ließ mir noch einige Barthaare wegnehmen, die eben hervorzukeimen anfingen. Frater Alexius gab mir die Kleidung eines Geistlichen und einen Laienbruder zum Begleiter. Ich ging aus dem Kloster und längs der Mauer bis auf den Platz; nicht weit davon fand ich in einem Hause einen Freund, entmönchte mich sogleich und ward wieder Mann. Wir bestiegen zwei Pferde, die man bereit hielt, und ritten die Nacht auf Siena. Als mein Freund zurückkam und meinem Vater meldete, daß ich glücklich entkommen sei, hatte derselbe eine unendliche Freude und konnte nicht erwarten, den von den Achten zu finden, der ihn so angefahren hatte. Endlich begegnete er ihm und sagte: Seht, Antonio, Gott wußte besser als Ihr, was aus meinem Sohn werden sollte. Jener antwortete: Er soll uns nur wieder unter die Hände kommen! Indes, versetzte mein Vater, will ich Gott danken, der ihn diesmal glücklich errettet hat.

In Siena erwartete ich die ordinäre römische Post und verdung mich darauf. Unterwegs begegnete uns ein Kurier, der den neuerwählten Papst Clemens ankündigte (1523).

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