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Leben des Benvenuto Cellini

: Leben des Benvenuto Cellini - Kapitel 37
Quellenangabe
typeautobio
authorBenvenuto Cellini
titleLeben des Benvenuto Cellini
publisherInsel Verlag
editorJohann Wolfgang von Goethe
translatorJohann Wolfgang von Goethe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Erstes Kapitel

Der Verfasser, der seine Angelegenheiten in Ordnung gebracht, überläßt an zwei Gesellen Haus und Habe und macht sich auf den Weg nach Italien. – Ascanio wird ihm nachgeschickt, um zwei Gefäße, die dem König gehören, zurückzufordern. – Schrecklicher Sturm in der Nachbarschaft von Lyon. – Der Verfasser wird in Italien von dem Grafen Galeotto von Mirandola eingeholt, der ihm die Hinterlist des Kardinals von Ferrara und seiner zwei Gesellen entdeckt. – In Plazenz begegnet er dem Herzog Peter Ludwig. – Was bei dieser Zusammenkunft vorkommt. – Er gelangt glücklich nach Florenz, wo er seine Schwester mit ihren sechs jungen Töchtern findet.

Auf diese Worte des Kardinals ging ich nach Paris und ließ zwei tüchtige Kasten zu meinen silbernen Gefäßen verfertigen. Als nun zwanzig Tage vorbei waren, machte ich Anstalt und lud die beiden Gefäße auf ein Maultier, das mir bis Lyon der Bischof von Pavia borgte, dem ich aufs neue die Wohnung in meinem Kastell gegeben hatte, und so machte ich mich auf mit Herrn Hippolytus Gonzaga, der in dem Dienste des Königs stund und zugleich vom Grafen Galeotto von Mirandola unterhalten wurde. In der Gesellschaft waren noch einige Edelleute des Grafen und Leonard Tedaldi, ein Florentiner. Ich überließ meinen Gesellen die Sorge für mein Kastell und alle meine Sachen, worunter sich einige Gefäße befanden, welche sie endigen sollten. Auch meine Mobilien waren von großem Werte, denn ich hatte mich sehr ehrenvoll eingerichtet; was ich zurückließ, mochte wohl fünfzehnhundert Scudi wert sein. Da sagte ich zu Ascanio: er solle sich erinnern, wie viel Wohltaten er von mir erhalten habe. Bis jetzt sei er ein Knabe ohne Kopf gewesen, es sei nun Zeit, sich als ein Mann zu zeigen: ich wolle ihm alle meine Sachen in Verwahrung geben und meine Ehre zugleich, und wenn die Bestien, die Franzosen, sich nur irgend etwas gegen mich vermessen sollten, so hätte er mir gleich Nachricht zu geben; denn ich möchte sein, wo ich wollte, so würde ich mit Post auf der Stelle zurückkommen, sowohl wegen der großen Verbindlichkeit gegen den König als wegen meiner eignen Ehre.

Ascanio sagte darauf unter verstellten, schelmischen Tränen: Ich kannte nie einen bessern Vater als Euch, und alles, was ein guter Sohn tun soll, will ich immer gegen Euch tun! So wurden wir einig, und ich verreiste mit einem Diener und einem kleinen französischen Knaben. Nach Verlauf eines halben Tages kamen einige Schatzmeister auf mein Schloß, die nicht eben meine Freunde waren, und dieses nichtswürdige Volk sagte sogleich zu Herrn Guido und dem Bischof von Pavia: sie sollten schnell nach den Gefäßen des Königs schicken; wo nicht, so würden sie es selbst tun und mir nicht wenig Verdruß machen. Der Bischof und Herr Guido hatten mehr Furcht, als nötig war, und schickten mir den Verräter Ascanio mit der Post nach, der gegen Mitternacht ankam. Ich schlief nicht, sondern lag in traurigen Gedanken. Wem lasse ich, sagte ich zu mir selbst, meine Sachen und mein Kastell? O! welch ein Geschick ist das, das mich zu dieser Reise zwingt! Wahrscheinlich ist der Kardinal mit Madame d'Estampes einverstanden, die nichts mehr wünscht, als daß ich die Gnade des guten Königs verliere. Indessen ich so mit mir selbst uneins war, hörte ich die Stimme des Ascanio, stand sogleich vom Bett auf und fragte ihn: ob er gute oder traurige Nachrichten bringe? Gute Nachrichten! sagte der Schelm, nur müßt Ihr die Gefäße zurückschicken, denn die schelmischen Schatzmeister schreien und laufen, so daß der Bischof und Herr Guido Euch sagen lassen, Ihr möchtet die Gefäße auf alle Weise zurückschicken. Übrigens habt keine Sorge und genießt glücklich diese Reise! Sogleich gab ich ihm die Gefäße zurück, die ich mit anderm Silber, und was ich sonst bei mir hatte, in die Abtei des Kardinals zu Lyon bringen wollte. Denn ob sie mir gleich nachsagten, es sei meine Absicht gewesen, sie nach Italien zu schaffen, so weiß doch jeder, daß man weder Geld noch Gold und Silber ohne ausdrückliche Erlaubnis aus dem Reiche führen kann: wie hätte ich zwei solche Gefäße, die mit ihren Kisten ein Maultier einnahmen, unbemerkt durchbringen wollen? Wahr ists, sie waren schön und von großem Werte, und ich vermutete mir den Tod des Königs, den ich sehr krank zurückgelassen hatte, und ich glaubte bei einem solchen Ereignis nichts verlieren zu können, was in den Händen des Kardinals wäre.

Genug, ich schickte das Maultier mit den Gefäßen und andern bedeutenden Dingen zurück und setzte den andern Morgen mit gedachter Gesellschaft meinen Weg fort, und zwar unter beständigem Seufzen und Weinen. Doch stärkte ich mich einigemal mit Gebet und sagte: Gott! dir ist die Wahrheit bekannt, und du weißt, daß meine Reise allein zur Absicht hat, sechs armen unglücklichen Jungfrauen ein Almosen zu bringen, so auch ihrer Mutter, meiner leiblichen Schwester. Zwar haben sie noch ihren Vater, er ist aber so alt und verdient nichts in seiner Kunst, und so könnten sie leicht auf üble Wege geraten. Da ich nun dieses gute Werk tue, so hoffe ich Rat und Hülfe von deiner göttlichen Majestät. Auf diese Weise stärkte und tröstete ich mich, indem ich vorwärtsging.

Als wir uns etwa eine Tagereise von Lyon befanden (es war ungefähr zwei Stunden vor Sonnenuntergang), tat es bei ganz klarem Himmel einige trockene Donnerschläge. Ich war wohl den Schuß einer Armbrust weit vor meinen Gesellen hergeritten. Nach den Donnern entstand am Himmel ein so großer und fürchterlicher Lärm, daß ich dachte, das Jüngste Gericht sei nahe; als ich ein wenig stille hielt, fielen Schloßen, ohne einen Tropfen Wasser, ungefähr in der Größe der Bohnen, die mir sehr wehe taten, als sie auf mich fielen. Nach und nach wurden sie größer, wie Armbrustkugeln, und da mein Pferd sehr scheu ward, so wendete ich es um und ritt mit großer Hast, bis ich wieder zu meiner Gesellschaft kam, die, um sich zu schützen, in einem Fichtenwalde gehalten hatte. Die Schloßen wurden immer größer und endlich wie dicke Zitronen. Ich sang ein Miserere, und indessen ich mich andächtig zu Gott wendete, schlug der Hagel einen sehr starken Ast der Fichte herunter, wo ich mich in Sicherheit glaubte. Mein Pferd wurde auf den Kopf getroffen, so daß es beinah zur Erde gefallen wäre; mich streifte ein solches Stück und hätte mich totgeschlagen, wenn es mich völlig getroffen hätte; auch der gute Leonard Tedaldi empfing einen Schlag, daß er, der wie ich auf den Knien lag, vor sich hin mit den Händen auf die Erde fiel. Da begriff ich wohl, daß der Ast weder mich noch andere mehr beschützen könne und daß nebst dem Miserere man auch tätig sein müsse. Ich fing daher an, mir die Kleider über den Kopf zu ziehn, und sagte zu Leonarden, der immer nur Jesus! Jesus! schrie: Gott werde ihm helfen, wenn er sich selbst hülfe; und ich hatte mehr Not, ihn als mich zu retten.

Als das Wetter eine Zeitlang gedauert hatte, hörte es auf, und wir, die wir alle zerstoßen waren, setzten uns, so gut es gehen wollte, zu Pferde, und als wir nach unsern Quartieren ritten und einander die Wunden und Beulen zeigten, fanden wir eine Meile vorwärts ein viel größeres Unheil als das, was wir erduldet hatten, so daß es unmöglich scheint, es zu beschreiben. Denn alle Bäume waren zerschmettert, alle Tiere erschlagen, soviel es nur angetroffen hatte. Auch Schäfer waren tot geblieben, und wir fanden genug solches Hagels, den man nicht mit zwei Händen umspannt hätte. Da sahen wir, wie wohlfeil wir noch davongekommen waren und daß unser Gebet und unsere Miserere wirksamer gewesen waren als alles, was wir zu unserer Rettung hätten tun können: so dankten wir Gott und kamen nach Lyon. Nachdem wir daselbst acht Tage ausgeruht und uns sehr vergnügt hatten, reisten wir weiter und kamen glücklich über die Berge; daselbst kaufte ich ein Pferd, weil die meinigen von dem Gepäcke gedrückt waren.

Nachdem wir uns eine Tagreise in Italien befanden, holte uns Graf Galeotto von Mirandola ein, der mit Post vorbeifuhr und, da er bei uns stille hielt, mir sagte: ich habe unrecht gehabt wegzugehen, ich solle nun nicht weiterreisen; denn wenn ich schnell zurückkehrte, würden meine Sachen besser stehen als jemals. Bliebe ich aber länger weg, so gäbe ich meinen Feinden freies Feld und alle Gelegenheit, mir Übels zu tun; käme ich aber sogleich wieder, so würde ich ihnen den Weg verrennen, den sie zu meinem Schaden einschlagen wollten; diejenigen, auf die ich das größte Vertrauen setzte, seien ebendie, die mich betrögen. Weiter wollte er mir nichts sagen, ob er gleich sehr gut wußte, daß der Kardinal von Ferrara mit den beiden Schelmen eins war, denen ich meine Sachen in Verwahrung gegeben hatte; doch bestand er darauf, daß ich auf alle Weise wieder zurückkehren sollte. Dann fuhr er weiter, und ich gedachte, dessenungeachtet mit meiner Gesellschaft vorwärtszugehen. Ich fühlte bei mir aber eine solche Beklemmung des Herzens und wünschte, entweder schnell nach Florenz zu kommen oder nach Frankreich zurückzukehren, und weil ich diese Unschlüssigkeit nicht länger ertragen konnte, wollte ich Post nehmen, um nur desto geschwinder in Florenz zu sein. Auf der ersten Station ward ich nicht einig, doch nahm ich mir fest vor, nach Florenz zu gehen und dort das Übel abzuwarten. Ich verließ die Gesellschaft des Herrn Ippolito Gonzaga, der seinen Weg nach Mirandola genommen hatte, und wandte mich auf Parma und Piacenza.

Als ich an den letzten Ort kam, begegnete ich auf einer Straße dem Herzog Peter Ludwig Farnese, der mich scharf ansah und erkannte, und da ich wohl wußte, daß er allein schuld an dem Übel war, das ich im Kastell Sant Angelo zu Rom ausgestanden hatte, fühlte ich eine gewaltige Bewegung, als ich ihn sah; da ich aber kein ander Mittel wußte, ihm aus den Händen zu kommen, so entschloß ich mich, ihn zu besuchen, und kam eben, als man das Essen weggenommen hatte und die Personen aus dem Hause Landi bei ihm waren, die ihn nachher umbrachten.

Da ich zu Seiner Exzellenz kam, machte mir der Mann die unmäßigsten Liebkosungen, die sich nur denken lassen, und kam von selbst auf den Umstand, indem er zu denen sagte, die gegenwärtig waren, ich habe lange Zeit in Rom gefangen gesessen. Darauf wendete er sich zu mir und sagte: Mein Benvenuto! das Übel, das Euch begegnet ist, tut mir sehr leid. Ich wußte, daß Ihr unschuldig wart, aber ich konnte Euch nicht helfen; denn mein Vater tat es einigen Eurer Feinde zu Gefallen, die ihm zu verstehen gaben, als wenn Ihr übel von ihm gesprochen hättet. Ich weiß es ganz gewiß, daß man die Unwahrheit von Euch sagte, und mir tut Euer Unglück äußerst leid. Er wiederholte mit andern Ausdrücken eben diese Erklärung sehr oft, und es sah fast aus, als wenn er mich um Verzeihung bitten wollte. Dann fragte er nach allen Werken, die ich für den allerchristlichsten König gemacht hatte, hörte meiner Erzählung aufmerksam zu und war überhaupt so gefällig als nur möglich. Sodann fragte er mich: ob ich ihm dienen wolle? Ich antwortete ihm, daß ich nicht mit Ehren die großen Werke, die ich für den König angefangen hätte, könnte unvollendet lassen; wären sie aber fertig, so würde ich jeden großen Herrn verlassen, nur um Seiner Exzellenz zu dienen. Nun erkennt man wohl bei dieser Gelegenheit, daß die große Kraft Gottes jene Menschen niemals ungestraft läßt, welche, stark und mächtig, die Unschuldigen ungerecht behandeln. Dieser Mann bat mich gleichsam um Verzeihung in Gegenwart von denen, die mich kurz darauf sowie viele andere, die von ihm gelitten hatten, auf das vollkommenste rächten. Und so mag kein Herr, so groß er auch sei, über die Gerechtigkeit Gottes spotten, wie einige tun, die ich kenne und die mich so schändlich verletzt haben, wie ich an seinem Orte sagen werde. Alles dieses schreibe ich nicht aus weltlicher Eitelkeit, sondern um Gott zu danken, der mich aus so großen Nöten erlöst hat. Auch bei allem, was mir täglich Übels begegnet, beklage ich mich gegen ihn, rufe zu ihm als zu meinem Beschützer und empfehle mich ihm. Ich helfe mir selbst, soviel ich kann; wenn man mich aber zu sehr unterdrücken will und meine schwachen Kräfte nicht mehr hinreichen, zeigt sich sogleich die große Kraft Gottes, welche unerwartet diejenigen überfällt, die andere unrechtmäßig verletzen und das große und ehrenvolle Amt, das ihnen Gott gegeben hat, mit weniger Sorgfalt verwalten.

Ich kehrte zum Wirtshause zurück und fand, daß gedachter Herzog mir schöne und ehrenvolle Geschenke an Essen und Trinken gesandt hatte; ich genoß die Speisen mit Vergnügen, dann setzte ich mich zu Pferde und ritt nach Florenz zu. Als ich daselbst anlangte, fand ich meine Schwester mit sechs Töchtern, die älteste mannbar und die jüngste noch bei der Amme. Ich fand auch meinen Schwager, der wegen den verschiedenen Vorfällen der Stadt nicht mehr an seiner Kunst arbeitete. Mehr als ein Jahr vorher hatte ich ihnen Edelsteine und französische Kleinode für mehr als zweitausend Dukaten an Wert geschickt, und ich hatte ungefähr für tausend Scudi mitgebracht. Da fand ich denn, daß, ob ich ihnen gleich vier Goldgülden des Monats gab, sie noch großes Geld aus meinen Geschenken nahmen, die sie täglich verkauften. Mein Schwager war so ein rechtschaffener Mann, daß, da das Geld, das ich ihm zu seinem Unterhalt schickte, nicht hinreichte, er lieber alles versetzte und sich von den Interessen aufzehren ließ, als daß er das angegriffen hätte, was nicht für ihn bestimmt war; daran erkannte ich den rechtschaffnen Mann, und ich fühlte ein großes Verlangen, ihm mehr Gutes zu tun. Auch nahm ich mir vor, ehe ich aus Florenz ging, für alle seine Töchter zu sorgen.

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