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Leben des Benvenuto Cellini

: Leben des Benvenuto Cellini - Kapitel 30
Quellenangabe
typeautobio
authorBenvenuto Cellini
titleLeben des Benvenuto Cellini
publisherInsel Verlag
editorJohann Wolfgang von Goethe
translatorJohann Wolfgang von Goethe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
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Viertes Kapitel

Der Autor wird von dem König in Frankreich sehr gnädig empfangen. – Gemütsart dieses wohldenkenden Monarchen. – Der Autor begleitet den König auf seiner Reise nach Dauphiné. – Der Kardinal verlangt von Cellini, er solle sich für einen geringen Gehalt verbinden. – Der Autor, darüber sehr verdrießlich, entschließt sich aus dem Stegreife, eine Pilgrimschaft nach Jerusalem anzutreten. – Man setzt ihm nach und bringt ihn zum König zurück, der ihm einen schönen Gehalt gibt und ein großes Gebäude in Paris zu seiner Werkstatt anweist. – Er begibt sich nach dieser Hauptstadt, findet aber großen Widerstand, indem er Besitz von seiner Wohnung nehmen will, welches ihm jedoch zuletzt vollkommen glückt.

Den Hof des Königs fanden wir zu Fontainebleau. Wir meldeten uns beim Kardinal, der uns sogleich Quartier anweisen ließ, und diesen Abend befanden wir uns recht wohl. Den andern Tag erschien der Karren, und da wir nun unsere Sachen hatten, sagte es der Kardinal dem König, der uns sogleich sehen wollte. Ich ging zu Seiner Majestät mit dem Pokal und Becken; als ich vor ihn kam, küßte ich ihm das Knie, und er hub mich gnädig auf. Indessen dankte ich Seiner Majestät, daß er mich aus dem Kerker befreit habe, und sagte: es sei eigentlich die Pflicht eines so guten und einzigen Fürsten, nützliche Menschen zu befreien und zu beschützen, besonders wenn sie unschuldig seien wie ich; solche Wohltaten seien in den Büchern Gottes obenan geschrieben vor allem andern, was man in der Welt tun und wirken könne. Der gute König hörte mich an, bis ich geendigt und meine Dankbarkeit mit wenigen Worten, die seiner wert waren, ausgedrückt hatte. Darauf nahm er Gefäß und Becken und sagte: Wahrhaftig, ich glaube nicht, daß die Alten jemals eine so schöne Art zu arbeiten gesehen haben; denn ich erinnere mich wohl vieler guten Sachen, die mir vor Augen gekommen sind, und auch dessen, was die besten neuern Meister gemacht haben, aber ich habe niemals ein Werk gesehen, das mich so höchlich bewegt hätte als das gegenwärtige. Diese Worte sagte der König auf französisch zum Kardinal von Ferrara, mit noch größern Ausdrücken. Dann wendete er sich zu mir, sprach mich italienisch an und sagte: Benvenuto! bringt Eure Zeit einige Tage fröhlich zu; dann wollen wir Euch alle Bequemlichkeit geben, irgendein schönes Werk zu verfertigen. Der Kardinal von Ferrara bemerkte wohl das große Vergnügen des Königs über meine Ankunft, und daß Seine Majestät sich aus meinen wenigen Arbeiten schon überzeugt hatte, von mir seien noch weit größere Dinge zu erwarten, die er denn auch auszuführen Lust hatte.

Nun mußten wir aber gleich dem Hofe folgen, und das war eine rechte Qual. Denn es schleppt sich hinter dem König beständig ein Zug von zwölftausend Pferden her, und das ist das geringste: denn wenn in Friedenszeiten der Hof ganz beisammen ist, so sind es achtzehntausend Mann, und darunter mehr als zwölf tausend Berittene. Nun kamen wir manchmal an Orte, wo kaum zwei Häuser waren, und man schlug nach Art der Zigeuner Hütten von Leinwand auf, und ich hatte oft gar viel zu leiden. Ich bat den Kardinal, er möchte den König bewegen, daß er mich zu arbeiten wegschickte; ich erhielt aber zur Antwort: das Beste in einem solchen Falle sei, wenn der König selbst meiner gedächte, ich sollte mich manchmal sehen lassen, wenn Seine Majestät speiste. Das tat ich denn eines Mittags; der König rief mich und sprach italienisch mit mir und sagte: er habe im Sinne, große Werke durch mich arbeiten zu lassen, er wolle mir bald befehlen, wo ich meine Werkstatt aufzuschlagen hätte, auch wolle er mich mit allem, was ich bedürfe, versorgen. Dann sprach er noch manches von angenehmen und verschiedenen Dingen.

Der Kardinal von Ferrara war gegenwärtig, denn er speiste fast beständig Mittags an der kleinen Tafel des Königs, und da er alle die Reden vernommen, sprach er, als der König aufgestanden war, zu meinen Gunsten, wie man mir hernach wiedererzählte, und sagte: Heilige Majestät! dieser Benvenuto hat große Lust zu arbeiten, und man könnte es fast eine Sünde nennen, wenn man einen solchen Künstler Zeit verlieren läßt. Der König versetzte: er habe wohl gesprochen und solle nur mit mir ausmachen, was ich für meinen Unterhalt verlange.

Noch denselben Abend nach Tische ließ mich der Kardinal rufen und sagte mir im Namen des Königs: Seine Majestät sei entschlossen, mir nunmehr Arbeit zu geben, er wolle aber zuerst meine Besoldung bestimmt wissen. Der Kardinal fuhr fort: Ich dächte, wenn Euch der König des Jahrs dreihundert Scudi Besoldung gibt, so könntet Ihr recht gut auskommen. Und dann sage ich Euch: überlaßt mir nur die Sorge! Denn alle Tage kömmt Gelegenheit in diesem großen Reiche, etwas Gutes zu stiften, und ich will Euch immer trefflich helfen.

Sogleich antwortete ich: Als Ihr mich in Ferrara ließet, hochwürdigster Herr, verspracht Ihr mir, ohne daß ich es verlangte, mich niemals aus Italien nach Frankreich zu berufen, wenn nicht Art und Weise, wie ich mich bei dem König stehen solle, schon bestimmt wäre. Anstatt mich nun hievon zu benachrichtigen, schicktet Ihr besondern Befehl, ich solle auf der Post kommen, als wenn eine solche Kunst sich postmäßig behandeln ließ; hättet Ihr mir damals von dreihundert Scudi sagen lassen, wie ich jetzt hören muß, so hätte ich mich nicht vom Platze bewegt, nicht für sechshundert! Aber ich gedenke dabei, daß Gott Eure Hochwürden als Werkzeug einer so großen Wohltat gebraucht hat, als meine Befreiung aus dem Kerker war, und ich versichre Eure Hochwürden, daß, wenn Ihr mir auch das größte Übel zufügtet, so würde doch dadurch nicht der tausendste Teil des großen Guten aufgewogen werden, das ich durch Dieselben erhalten habe. Ich bin von ganzem Herzen dankbar, nehme meinen Urlaub, und wo ich auch sein werde, will ich, solange ich lebe, Gott für Euch bitten.

Der Kardinal versetzte zornig: Gehe hin, wohin du willst! denn mit Gewalt kann man niemanden wohltun. Darauf sagten gewisse Hofleute, so einige von den Semmelschindern: Der dünkt sich auch recht viel zu sein, da er dreihundert Dukaten Einkünfte verschmäht! Die Verständigen und Braven dagegen sagten: Der König wird nie seinesgleichen wiederfinden, und unser Kardinal will ihn erhandeln, als wenn es eine Last Holz wäre. Das sagte Herr Ludwig Alamanni, jener, der zu Rom den Gedanken über das Modell des Salzfasses vortrug. Er war ein sehr gefälliger Mann und äußerst liebevoll gegen alle Leute von Talenten. Man erzählte mir, daß er es vor vielen andern Herren und Hofleuten gesagt hatte. Das begab sich in Dauphiné in einem Schlosse, dessen Namens ich mich nicht mehr erinnere, wo man jenen Abend eingekehrt war.

Ich verließ den Kardinal und begab mich in meine Wohnung, denn wir waren immer etwas entfernt von dem Hofe einquartiert; diesmal mocht es etwa drei Miglien betragen. Ich ritt in Gesellschaft eines Mannes, der Sekretär beim Kardinal und gleichfalls daselbst einquartiert war. Er hörte den ganzen Weg nicht auf, mit unerträglicher Neugierde zu fragen: was ich denn anfangen wollte, wenn ich nun zurückging? und was ich denn allenfalls für eine Besoldung verlangt hätte? Ich war halb zornig, halb traurig, und voll Verdruß, daß man mich nach Frankreich gelockt hatte, um mir nun dreihundert Scudi des Jahres anzubieten; daher antwortete ich nichts und wiederholte nur immer: ich wisse schon alles.

Als ich in das Quartier kam, fand ich Paul und Ascanio, die auf mich warteten. Sie sahen, daß ich sehr verstört war, und da sie mich kannten, fragten sie: was ich habe? Die armen Jünglinge waren ganz außer sich. Deswegen sagte ich zu ihnen: Morgen früh will ich euch so viel Geld geben, daß ihr reichlich wieder nach Hause kommen könnt, denn ich habe das wichtigste Geschäft vor, zu dem ich euch nicht mitnehmen kann; ich hatte es lange schon im Sinne, und ihr braucht es nicht zu wissen. Neben unserer Kammer wohnte gedachter Sekretär, und es ist möglich, daß er meine Gesinnung und meinen festen Entschluß dem Kardinal gemeldet habe, ob ich es gleich nicht für gewiß sagen kann.

Keinen Augenblick schlief ich die ganze Nacht, und es schienen mir tausend Jahre, bis es Tag wurde, um den Entschluß auszuführen, den ich gefaßt hatte. Als der Tag graute, ließ ich die Pferde besorgen und setzte mich schnell in Ordnung. Ich schenkte den jungen Leuten alle Sachen, die ich mitgebracht hatte, und mehr als fünfzig Goldgülden; ebensoviel behielt ich für mich und überdies den Diamant, den mir der Herzog geschenkt hatte. Ich nahm nur zwei Hemden mit und einen schlechten Reitrock, den ich auf dem Leibe hatte. Nun konnte ich mich aber von den jungen Leuten nicht losmachen, die ein für allemal mit mir kommen wollten; daher schalt ich sie aus und sagte: Der eine hat schon einen Bart, und dem andern fängt er an zu wachsen! Ihr habt von mir diese arme Kunst gelernt, so gut, als ich sie euch zeigen konnte, und so seid ihr am heutigen Tage die ersten Gesellen von Italien. Schämt euch doch, daß ihr nicht aus dem Kinderwägelchen herauswollt! soll es denn euch immer fortschleppen? das ist schimpflich! Und wenn ich euch gar ohne Geld gehen ließe, was würdet ihr sagen? Geht mir aus dem Gesichte! Gott segne euch tausendmal, und so lebt wohl!

Ich wendete mein Pferd um und verließ sie weinend. Ich nahm den schönsten Weg durch einen Wald und dachte mich diesen Tag wenigstens vierzig Miglien zu entfernen. Ich wollte an den unbekanntesten Ort gehen, den ich mir nur ausdenken konnte. Indem ich ungefähr einen Weg von zwei Miglien zurücklegte, hatte ich mir fest vorgenommen, mich an keinem Orte aufzuhalten, wo ich bekannt wäre, und wollte auch nichts weiter arbeiten als einen Christus von drei Ellen, wobei ich mich der unendlichen Schönheit zu nähern hoffte, welche er mir selbst gezeigt hatte. So war ich völlig entschlossen, nach dem Heiligen Grabe zu gehen, und dachte schon so weit zu sein, daß mich niemand mehr einholen könnte. Auf einmal hörte ich Pferde hinter mir, und ich war nicht ohne Sorgen, denn in jenen Gegenden schwärmten gewisse Haufen herum, die man Abenteurer nennt und die gar gern auf der Straße rauben und morden, und ob man gleich alle Tage genug von ihnen aufhängt, so scheint es doch, als wenn sie sich nicht darum bekümmern.

Da sie mir näher kamen, fand ich, daß es ein Abgeordneter des Königs sei, der den Ascanio bei sich hatte. Er sagte zu mir: Im Namen des Königs befehle ich Euch, zu ihm zu kommen! Ich antwortete: Du kömmst vom Kardinal Ferrara, und deswegen werde ich dir nicht folgen! Der Mann sagte: wenn ich ihm nicht gutwillig folgen wolle, so habe er die Macht, seinen Leuten zu befehlen, mich als einen Gefangenen zu binden. Nun bat mich Ascanio, was er konnte, und erinnerte mich, daß der König, wenn er jemanden ins Gefängnis setzte, sich wenigstens fünf Jahre besänne, ehe er ihn wieder losließe. Das Wort ›Gefängnis‹ erschreckte mich dergestalt (denn ich dachte an mein römisches Unglück), daß ich geschwind das Pferd dahin wendete, wohin es der Abgeordnete des Königs verlangte, der immer auf französisch murmelte und auf der ganzen Reise nicht einen Augenblick still war, bis er mich nach Hofe gebracht hatte. Bald trotzte er mir, bald sagte er dieses, bald jenes, so daß ich der Welt hätte entsagen mögen.

Als wir zu dem Quartier des Königs kamen, gingen wir bei der Wohnung des Kardinals vorbei. Dieser stand unter der Türe und sagte: Unser allerchristlichster König hat aus eigner Bewegung Euch dieselbe Besoldung ausgesetzt, die er Leonardo da Vinci, dem Maler, gab, nämlich siebenhundert Scudi des Jahrs; daneben bezahlt er Euch alle Arbeit, die Ihr machen werdet, und zum Antritt schenkt er Euch fünfhundert Goldgülden, die Euch ausgezahlt werden sollen, ehe Ihr von hier weggeht. Darauf antwortete ich: Das sind Anerbieten, eines so großen Königs würdig! Als der Abgeordnete, der mich nicht gekannt hatte, diese großen Anerbieten von Seiten des Königs hörte, bat er mich tausendmal um Vergebung. Paul und Ascanio sagten: Gott hat uns geholfen, in ein so ehrenvolles Wägelchen wieder zurückzukommen.

Den andern Tag ging ich, dem König zu danken, und er befahl mir, daß ich zwölf Modelle zu silbernen Statuen machen solle, um als zwölf Leuchter um seinen Tisch zu dienen; er wolle sechs Götter und sechs Göttinnen vorgestellt haben, gerade so groß wie er selbst: und er war beinahe drei Ellen hoch. Als er mir diesen Auftrag gegeben hatte, wendete er sich zum Schatzmeister der Ersparnisse und fragte: ob man ihm befohlen habe, daß er mir fünfhundert Goldgülden zahlen solle? Dieser antwortete darauf: es sei nicht geschehen. Das empfand der König sehr übel, denn er hatte dem Kardinal aufgetragen, dem Schatzmeister seinen Willen zu sagen. Ferner befahl er mir, ich solle nach Paris gehen und mir eine Wohnung aussuchen, die zu solchen Arbeiten bequem sei, und ich sollte sie haben.

Da nahm ich meine fünf hundert Goldgülden und ging nach Paris in ein Quartier des Kardinals von Ferrara, woselbst ich im Namen Gottes zu arbeiten anfing und vier Modelle, jedes von einem Fuß, verfertigte. Sie stellten Jupiter und Juno, Apoll und Vulkan vor. Indessen kam der König nach Paris, und ich eilte, ihm aufzuwarten, nahm meine Modelle mit mir, auch die jungen Leute Ascanio und Paul. Der König war zufrieden und befahl mir, ich sollte ihm zuerst den Jupiter von Silber machen, von obengedachter Höhe. Darauf stellte ich Seiner Majestät die beiden Jünglinge vor und sagte: ich habe sie zum Dienste Seiner Majestät mit mir gebracht; denn da ich mir sie auf erzogen hätte, so würden sie mir wohl mehr Dienste leisten als die, die ich in Paris finden könnte. Darauf sagte der König: ich sollte beiden eine Besoldung auswerfen, die hinreichend wäre, sie erhalten zu können. Ich sagte, daß hundert Goldgülden für jeden genug seien. Auch habe ich einen Ort gefunden, der mir zu einer Werkstatt höchst tauglich scheine. Das Gebäude gehörte Seiner Majestät eigen und hieß Klein-Nello [Petit-Nesle]; der König hatte es dem Prevost von Paris eingegeben, der sich aber dessen nicht bediente, und so konnte mirs der König ja wohl einräumen, da ich es zu seinem Dienst bedurfte. Darauf antwortete der König: Das Haus ist mein, und ich weiß recht gut, daß der, dem ich es gegeben habe, dasselbe nicht bewohnt noch gebraucht; deswegen sollt Ihr Euch dessen zu unserer Arbeit bedienen. Sogleich befahl er einem seiner Offiziere, er solle mich in das gedachte Nello einführen. Dieser weigerte sich einen Augenblick und sagte: er könne das nicht tun. Da antwortete der König zornig: er wolle die Dinge vergeben, wie es ihm gefiele, jener bediene sich dessen nicht, und ich sei ein nützlicher Mann, der für ihn arbeite; er wolle von keinem weitern Widerspruch hören. Da versetzte der Offizier: es werde wohl nötig sein, ein bißchen Gewalt zu brauchen. Darauf antwortete der König: Jetzt geht, und wenn kleine Gewalt nicht hilft, so gebraucht große! Eilig führte der Mann mich zu dem Gebäude, und es war Gewalt nötig, um mich in Besitz zu setzen. Dann sagte er mir: ich sollte nun wohl sorgen, daß ich drin nicht totgeschlagen würde.

Ich ging hinein, nahm sogleich Diener an, kaufte verschiedene Spieße und lebte mehrere Tage mit größtem Verdruß; denn mein Gegner war ein französischer Edelmann, und die übrigen Edelleute waren sämtlich meine Feinde und insultierten mich auf alle Weise, so daß es mir unerträglich schien. Hier muß ich noch bemerken, daß, als ich in Seiner Majestät Dienste ging, man 1540 schrieb, und ich also eben vierzig Jahr alt wurde. Nun ging ich, diese Beleidigung und meinen Verdruß dem König zu klagen, und bat ihn, er möchte mich an einem ändern Orte einrichten lassen. Darauf sagte der König: Wer seid Ihr? und wie heißt Ihr? Ich war äußerst erschrocken, denn ich wußte nicht, was der König meinte, und als ich so still war, wiederholte er seine Frage. Darauf versetzte ich, daß ich Benvenuto hieße. Da sagte der König: Seid Ihr der Benvenuto, von dem ich gehört habe, so handelt nach Eurer Weise, und ich gebe Euch völlige Erlaubnis! Ich versetzte darauf, daß mir allein seine Gnade hinreichend sei, übrigens kenne ich keine Gefahr. Der König lächelte ein wenig und sagte: So geht nur! an meiner Gnade soll es Euch niemals fehlen. Sogleich befahl er einem seiner Sekretäre, welcher Villeroy hieß, er solle mich mit allem versehen und meine Bedürfnisse vollkommen einrichten lassen. Dieser Mann war ein großer Freund vom Prevost von Paris, der zuerst das kleine Nello besessen hatte. Dieses Gebäude war in dreieckiger Form an die Mauer der Stadt angelehnt, eigentlich ein altes Schloß von guter Größe; man hielt aber keine Wache daselbst. Herr von Villeroy riet mir, ich sollte mich ja nach einem andern Platz umsehen und diesen seinem alten Besitzer wieder einräumen, denn es sei ein sehr mächtiger Mann, und er werde mich gewiß totschlagen lassen. Darauf sagte ich: ich sei aus Italien nach Frankreich gegangen, bloß um diesem wundersamen König zu dienen, und was das Totschlagen betreffe, so wisse ich recht gut, daß ich sterben müsse; ein bißchen früher oder später, daran sei nichts gelegen.

Dieser Villeroy war ein Mann von großem Geiste, bewundernswert in allen Dingen und sehr reich. Nun war nichts in der Welt, was er mir nicht zum Verdruß getan hätte, aber er ließ sich nichts merken. Es war ein ernsthafter Mann, von schönem Anblick, und sprach langsam. Die Besorgung meiner Sache trug er einem andern Edelmann auf, welcher Herr von Marmaignes hieß und Schatzmeister von Languedoc war: das erste, was dieser tat, war, daß er die besten Zimmer des Gebäudes für sich selbst einrichten ließ. Da sagte ich ihm: der König habe mir diesen Ort zu seinem Dienste gegeben, und ich wolle nicht, daß jemand außer mir und den Meinigen hier seine Wohnung haben sollte. Dieser stolze, kühne und heftige Mann sagte zu mir: er wolle tun, was ihm beliebte; ich renne nur mit dem Kopf gegen die Mauer, wenn ich ihm widerstehen wolle; er habe Befehl von Villeroy, das tun zu dürfen. Dagegen versetzte ich: Habe ich doch den Auftrag vom König, und weiß ich doch, daß weder Ihr noch Villeroy so etwas unternehmen sollt! Hierauf sagte mir der stolze Mann in seiner französischen Sprache viele häßliche Worte, worauf ich denn in der meinigen versetzte, daß er lüge. Erzürnt griff er nach seinem kleinen Dolch, und ich legte Hand an meinen großen Dolch, den ich immer an der Seite zu meiner Verteidigung trug, und sagte zu ihm: Bist du kühn genug zu ziehen, so stech ich dich auf der Stelle tot! Er hatte zwei Diener mit sich, und meine zwei Gesellen standen dabei. Marmaignes schien einen Augenblick unentschlossen, doch eher zum Bösen geneigt, und sagte murmelnd: Das werde ich nie ertragen. Ich befürchtete das Schlimmste und sagte entschlossen zu Paul und Ascanio: Sobald ihr seht, daß ich meinen Dolch ziehe, so werft euch gleich über die Diener her und erschlagt sie, wenn ihr könnt! Dieser soll gewiß zuerst fallen, und dann wollen wir uns mit Gott davonmachen! Marmaignes vernahm diesen Entschluß und war zufrieden, nur lebendig vom Platze zu kommen. Diese ganze Begebenheit schrieb ich mit etwas gelinderen Ausdrücken an den Kardinal, der sie augenblicklich dem König erzählte. Seine Majestät war verdrießlich und gab einem andern, der Vicomte d'Orbec hieß, die Aufsicht über mich; dieser Mann sorgte mit der größten Gefälligkeit für alle meine Bedürfnisse.

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