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Leben des Benvenuto Cellini

: Leben des Benvenuto Cellini - Kapitel 29
Quellenangabe
typeautobio
authorBenvenuto Cellini
titleLeben des Benvenuto Cellini
publisherInsel Verlag
editorJohann Wolfgang von Goethe
translatorJohann Wolfgang von Goethe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Drittes Kapitel

Der Verfasser kommt nach Ferrara, wo ihn der Herzog sehr wohl aufnimmt und sein Profil von ihm bossieren läßt. – Das Klima ist ihm schädlich, und er wird krank. – Er speist junge Pfauen und stellt dadurch seine Gesundheit her. – Mißverständnisse zwischen ihm und des Herzogs Dienern, von manchen verdrießlichen Umständen begleitet. – Nach vielen Schwierigkeiten und erneuertem Aufschub reist er weiter und kommt glücklich nach Lyon, von dannen er sich nach Fontainebleau begibt, wo der Hof sich eben aufhielt.

Hierauf zogen wir nach Ferrara und fanden unsern Kardinal daselbst, der alle unsere Abenteuer gehört hatte, sich darüber beschwerte und sagte: Ich bitte nur Gott um die Gnade, daß ich dich lebendig zu dem Könige bringe, wie ich es ihm versprochen habe! Er wies mir darauf einen seiner Paläste in Ferrara, den angenehmsten Aufenthalt, an; der Ort hieß Belfiore, nahe an der Stadtmauer, und ich mußte mich daselbst zur Arbeit einrichten. Dann machte er Anstalt, nach Frankreich zu gehen, aber keine, mich mitzunehmen, und als er sah, daß ich darüber sehr verdrießlich war, sagte er: Benvenuto! alles, was ich tue, geschieht zu deinem Besten. Denn ehe ich dich aus Italien wegnehme, will ich erst gewiß sein, was in Frankreich mit dir werden wird; arbeite nur fleißig am Becken und am Becher, und ich befehle meinem Kassier, daß er dir geben soll, was du nötig hast. Nun verreiste er, und ich blieb höchst mißvergnügt zurück. Oft kam mir die Lust an, in Gottes Namen davonzugehen: nur der Gedanke, daß er mich aus den Händen des Papstes befreit hatte, konnte mich zurückhalten; übrigens war sein gegenwärtiges Betragen zu meinem großen Verdruß und Schaden. Deswegen hüllte ich mich in Dankbarkeit, suchte mich zur Geduld zu gewöhnen und den Ausgang der Sache abzuwarten. Ich arbeitete fleißig mit meinen jungen Leuten, und Becher und Becken näherten sich immer mehr der Vollendung.

Unsere Wohnung, so schön sie war, hatte ungesunde Luft, und da es gegen den Sommer ging, wurden wir alle ein wenig krank. Um uns zu erholen, gingen wir in dem Garten spazieren, der zu unserer Wohnung gehörte und sehr groß war; man hatte fast eine Meile Landes dabei als Wildnis gelassen, wo sich unzählige Pfauen aufhielten und daselbst im Freien nisteten. Da machte ich meine Büchse zurechte und bediente mich eines Pulvers, das keinen Lärm machte; dann paßte ich den jungen Pfauen auf und schoß alle zwei Tage einen. Dergestalt nährten wir uns reichlich und fanden die Speise so gesund, daß unsere Krankheiten sich gleich verloren. Wir arbeiteten noch einige Monate freudig fort und hielten uns immer zu den beiden Gefäßen als an eine Arbeit, die viel Zeit kostete.

Der Herzog von Ferrara hatte soeben mit dem Papst Paul einige alte Streitigkeiten verglichen, die schon lange wegen Modena und anderer Städte dauerten. Das Recht war auf der Seite der Kirche, und der Herzog erkaufte den Frieden mit schwerem Gelde. Ich glaube, er gab mehr als dreimal hunderttausend Kammerdukaten dafür. Nun hatte der Herzog einen alten Schatzmeister, einen Zögling seines Herrn Vaters, der Hieronymus Gigliolo hieß. Dieser konnte das Unglück nicht ertragen, daß so großes Geld zum Papste gehen sollte; er lief und schrie durch die Straßen: Herzog Alfons, der Vater, hätte mit diesem Gelde eher Rom weggenommen, als daß es der Papst sollte gesehen haben! Dabei rief er: Ich werde auf keine Weise zahlen! Endlich, als ihn der Herzog dennoch zwang, ward der Alte an einem Durchfall so heftig krank, daß er fast gestorben wäre.

Zu der Zeit ließ mich der Herzog rufen und verlangte, daß ich sein Bildnis machen sollte. Ich arbeitete es auf einer runden Schiefertafel, so groß wie ein mäßiger Teller, und ihm gefiel meine Arbeit sowie meine Unterhaltung sehr wohl, deswegen er mir auch öfters vier bis fünf Stunden saß und mich manchmal abends zur Tafel behielt. In Zeit von acht Tagen war ich mit dem Kopfe fertig; dann befahl er mir, die Rückseite zu machen, wo eine Frau als Friede mit der Fackel in der Hand Trophäen verbrannte. Ich machte diese Figur in freudiger Stellung mit dem feinsten Gewande und der größten Anmut, und unter ihr stellte ich die Wut vor, traurig und schmerzlich und mit vielen Ketten gebunden. Diese Arbeit machte ich mit großer Sorgfalt, und sie brachte mir viel Ehre, denn der Herzog konnte mir nicht ausdrücken, wie zufrieden er sei, als er mir die Umschrift sowohl um den Kopf als um die Rückseite zustellte. Auf dieser stand: Pretiosa in conspectu Domini. (Kostbar vor den Augen des Herrn.) Und wirklich war ihm der Friede teuer genug zu stehen gekommen.

Zu der Zeit, als ich daran arbeitete, hatte mir der Kardinal geschrieben, ich solle mich bereit halten, denn der König habe nach mir gefragt, und er, der Kardinal, habe seinen Leuten geschrieben, alles mit mir in Ordnung zu bringen. Ich ließ mein Becken und meinen Pokal einpacken, denn der Herzog hatte sie schon gesehen. Damals besorgte die Geschäfte des Kardinals ein Edelmann von Ferrara, der Herr Albert Bendidio hieß. Dieser Mann war zwölf Jahre wegen einer Unpäßlichkeit zu Hause geblieben. Er schickte eines Tages mit großer Eile zu mir und ließ mir sagen: ich sollte geschwinde aufsitzen und nach Frankreich Post reiten, um dem König aufzuwarten, der nach mir mit großem Verlangen gefragt habe und glaube, daß ich schon in Frankreich sei. Der Kardinal, sich zu entschuldigen, habe gesagt: ich sei in einer seiner Abteien zu Lyon ein wenig krank geblieben, er wolle aber sorgen, daß ich Seiner Majestät bald aufwartete; deswegen sei es nun nötig, daß ich Post nehme. Herr Albert war ein sehr redlicher Mann, aber dabei sehr stolz, und seine Krankheit machte ihn gar unerträglich. Als er mir nun sagte, daß ich mich geschwind fertigmachen und Post nehmen sollte, so antwortete ich: meine Arbeit mache sich nicht auf der Post, und wenn ich hinzugehen hätte, so wollte ich den Weg in bequemen Tagereisen zurücklegen, auch Ascanio und Paul, meine Kameraden und Arbeiter, mitnehmen, die ich schon von Rom gebracht habe; und dabei verlangte ich noch einen Diener zu Pferd, der mir aufwartete, und Geld, so viel nötig wäre. Der alte kranke Mann antwortete mir mit stolzen Worten: auf die Art und nicht anders reisten die Söhne des Herzogs. Ich antwortete ihm: die Söhne meiner Kunst reisten nun einmal so; wie aber die Söhne eines Herzogs zu reisen pflegten, wüßte ich nicht, denn ich sei nie einer gewesen. Auf alle Weise würde ich jetzt nicht hingehen.

Da mir nun der Kardinal sein Wort nicht gehalten hatte und ich noch gar solche unartige Reden hören sollte, so entschloß ich mich, mit den Ferraresern nichts weiter zu tun zu haben, wendete ihm den Rücken und ging brummend fort, indem er nicht nachließ, harte und unanständige Reden zu führen. Ich ging nun, dem Herzog die geendigte Medaille zu bringen, und er begegnete mir mit den ehrenvollsten Liebkosungen und hatte Herrn Hieronymus Gigliolo befohlen, er solle mir einen Ring von mehr als zweihundert Scudi kaufen und ihn Fiaschino, seinem Kämmerer, geben, der ihn mir bringen möchte. Und so geschah es auch. Noch denselben Abend, um ein Uhr, kam Fiaschino und überreichte mir einen Ring mit einem Diamanten, der viel Schein hatte, und sagte von Seiten des Herzogs diese Worte: mit diesem Edelstein solle die einzig kunstreiche Hand gezieret werden, die so trefflich zum Andenken Seiner Exzellenz gearbeitet habe. Als es Tag ward, betrachtete ich den Ring und fand einen flachen Stein von ungefähr zehn Scudi an Wert, und es war mir ungelegen, daß die herrlichen Worte, die mir der Herzog hatte sagen lassen, mit so einer geringen Belohnung sollten verbunden sein, da der Herzog doch glauben könnte, er habe mich vollkommen zufriedengestellt. Auch dachte ich wohl, daß der Streich von dem Schelmen, dem Schatzmeister, herkomme, und gab den Ring daher einem Freunde, mit Namen Bernhard Saliti, der ihn dem Kämmerer wiedergeben sollte, es möchte kosten, was es wolle, und das Geschäft wurde trefflich ausgerichtet. Da kam Fiaschino eilig zu mir, in großer Bewegung, und sagte: wenn der Herzog wissen sollte, daß ich ein Geschenk zurückschicke, das er mir so gnädig zugedacht habe, so möchte er es sehr übelnehmen, und es dürfte mich gereuen. Darauf antwortete ich: dieser Ring sei ungefähr zehen Scudi wert, und meine Arbeit dürfte ich wohl auf zweihundert Scudi schätzen. Mir sei bloß an einem Zeichen seiner Gnade gelegen, und er möchte mir nur einen von denen Krebsringen schicken, wie sie aus England kommen und wovon einer ungefähr einen Paul wert ist: den wollte ich mein ganzes Leben zum Andenken Seiner Exzellenz tragen, mich dabei jener ehrenvollen Worte erinnern und mich dann für meine Arbeit hinlänglich belohnt fühlen, anstatt daß jetzt der geringe Wert des Edelsteins meine Arbeit erniedrige. Diese Worte mißfielen dem Herzog so sehr, daß er den Schatzmeister rufen ließ und ihn mehr als jemals ausschalt. Mir ließ er bei Strafe seiner Ungnade befehlen, nicht aus Ferrara ohne seine Erlaubnis zu gehen, dem Schatzmeister aber befahl er, für mich einen Diamanten auszusuchen, der gegen dreihundert Scudi wert wäre. Aber der alte Geizhals fand einen aus, für den er höchstens sechzig bezahlt hatte, und machte den Herzog glauben, daß er weit über zweihundert zu stehen komme.

Indessen hatte Herr Albert sich eines Bessern besonnen und mir alles gegeben, was ich nur verlangte, und ich wäre gleich des Tages von Ferrara weggegangen, wenn nicht der geschäftige Kämmerer mit Herrn Albert ausgemacht hätte, daß er mir keine Pferde geben solle.

Schon hatte ich mein Maultier mit vielen Gerätschaften beladen und auch Becken und Kelch für den Kardinal eingepackt, da kam nun eben ein ferraresischer Edelmann zu uns, der Herr Alfonso de' Trotti hieß. Er war alt und sehr angenehm; dabei liebte er die Künste außerordentlich, war aber einer von denen Personen, die schwer zu befriedigen sind, und wenn sie zufälligerweise sich auf etwas werfen, das ihnen gefällt, so malen sie sichs nachher so trefflich in ihrem Gehirn aus, daß sie glauben, niemals wieder so etwas Herrliches sehen zu können. Als er hereintrat, sagte Herr Albert zu ihm: Es ist mir leid, daß Ihr zu spät kommt, denn schon sind Becken und Becher eingepackt, die wir dem Kardinal nach Frankreich schicken. Herr Alfonso antwortete, daß ihm nichts daran gelegen sei, und schickte einen Diener fort, der ein Gefäß von weißer Erde, wie man sie in Faenza macht, das sehr sauber gearbeitet sei, herbeiholen sollte. Indessen sagte Herr Alfonso: Ich will Euch sagen, warum ich mich nicht kümmere, mehr Gefäße zu sehen; denn es ist mir einmal ein antikes silbernes zu Gesichte gekommen, so schön und wunderbar, daß der menschliche Geist so was Herrliches sich nicht vorstellen kann. Ein trefflicher Edelmann besaß es, der nach Rom wegen einiger Geschäfte gegangen war. Man zeigte ihm heimlich das alte Gefäß, und er bestach mit großem Gelde den, der es besaß, und so brachte er es hierher, hielt es aber geheim, damit der Herzog nichts davon erfahren sollte, denn der Besitzer war in großer Furcht, es zu verlieren.

Indes Herr Alfonso seine langen Märchen erzählte, gab er auf mich nicht acht, denn er kannte mich nicht. Endlich kam das herrliche Modell und ward mit großem Prahlen und Prangen aufgesetzt. Kaum hatt ich es angesehen, als ich mich zu Herrn Albert kehrte und sagte: Wie glücklich bin ich, so was gesehen zu haben! Herr Alfonso fing an zu schimpfen und sagte: Wer bist denn du? du weißt nicht, was du sagst. Darauf versetzte ich: Höret mich an! es wird sich zeigen, wer von uns beiden besser weiß, was er sagt. Dann wendete ich mich zu Herrn Albert, einem sehr ernsthaften und geistreichen Manne, und sagte: Dieses Modell ist von einem silbernen Becher genommen, der so und so viel wog, den ich zu der und der Zeit jenem Marktschreier Meister Jakob, Chirurgus von Carpi, machte, der nach Rom kam, sechs Monate daselbst blieb und mit seiner Salbe manche Dutzend Herren und arme Edelleute beschmierte, von denen er mehrere tausend Dukaten zog. Da arbeitete ich ihm dieses Gefäß und noch ein anderes, verschieden von diesem. Er hat mir beide schlecht bezahlt, und noch sind in Rom die Unglücklichen, die er gesalbt und elend gemacht hat; mir aber gereicht es zur großen Ehre, daß meine Werke bei Euch reichen Leuten so einen großen Namen haben. Aber ich versichre Euch: seit der Zeit habe ich mir noch Mühe gegeben, etwas zu lernen, so daß ich denke, das Gefäß, das ich nach Frankreich bringe, soll ganz anders des Königs und des Kardinals wert sein als dieser Becher Eures Medikasters.

Als ich mich so herausgelassen hatte, wollte Herr Alfonso für Verlangen nach meiner neuen Arbeit schier vergehen, ich aber bestand darauf, sie nicht sehen zu lassen. Als wir uns eine Weile gestritten hatten, sagte er: er wolle zum Herzog gehen, und Seine Exzellenz werde ihm schon dazu verhelfen. Darauf versetzte Herr Albert, der, wie ich schon gesagt habe, der stolzeste Mann war: Herr Alfonso! eh Ihr von hier weggeht, sollt Ihr die Arbeit sehen, ohne dazu die Gunst des Herzogs zu bedürfen. Da ging ich weg und ließ Paul und Ascanio zurück, um ihm die Gefäße zu zeigen; die jungen Leute erzählten mir nachher, daß man die größten Sachen zu meinem Lobe gesagt hätte. Nun wollte Herr Alfonso, daß ich sein Hausgenosse werden sollte, und ebendeswegen schienen mirs tausend Jahre, bis ich von Ferrara weg und ihm aus den Augen kam.

Was ich übrigens Gutes und Nützliches an diesem Orte genossen hatte, war ich dem Umgang des Kardinals Salviati und des Kardinals von Ravenna schuldig. Auch hatte ich Bekanntschaft mit einigen geschickten Tonkünstlern gemacht und mit niemand sonst; denn die Ferrareser sind die geizigsten Leute, und was andern gehört, gefällt ihnen gar zu wohl, sie suchen es auf alle Weise zu erhaschen, und so sind sie alle.

Um zweiundzwanzig kam Fiaschino, überreichte mir den Ring von ungefähr sechzig Scudi und sagte mit kurzen Worten: ich möchte den zum Andenken Seiner Exzellenz tragen. Ich antwortete: Das will ich! und setzte sogleich den Fuß in den Steigbügel und ritt in Gottes Namen fort. Er hinterbrachte meine Worte und mein Betragen dem Herzog, der sehr erzürnt war und große Lust hatte, mich zurückholen zu lassen.

Ich ritt den Abend wohl noch zehen Meilen, immer im Trott, und war sehr froh, den andern Tag aus dem Ferraresischen zu sein; denn außer den jungen Pfauen, die ich gegessen und mich dadurch kuriert hatte, war mir dort nichts Gutes geworden. Wir nahmen den Weg durchs Monsanesische und berührten die Stadt Mailand nicht, aus obgedachter Ursache, und so kamen wir glücklich und gesund nach Lyon: Paul, Ascanio und ein Diener, alle vier auf guten Pferden. In Lyon erwarteten wir einige Tage das Maultier, worauf unser Gepäck und die Gefäße waren, und wohnten in einer Abtei des Kardinals. Als unsere Sachen ankamen, packten wir sie sorgfältig um und zogen nach Paris. Wir hatten auf dem Wege einige Händel, aber nicht von großer Bedeutung.

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