Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Leben des Benvenuto Cellini

: Leben des Benvenuto Cellini - Kapitel 28
Quellenangabe
typeautobio
authorBenvenuto Cellini
titleLeben des Benvenuto Cellini
publisherInsel Verlag
editorJohann Wolfgang von Goethe
translatorJohann Wolfgang von Goethe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectidef16ece3
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel

Der Autor, nach seiner Befreiung, besucht den Ascanio zu Tagliacozzo. – Er kehrt nach Rom zurück und endigt einen schönen Becher für den Kardinal von Ferrara. – Modell zu einem Salzfaß mit Figuren. – Er verbindet sich zu den Diensten des Königs von Frankreich, Franz L, und verreist mit dem Kardinal von Ferrara nach Paris. – Böses Abenteuer mit dem Postmeister von Siena. – Er kommt nach Florenz, wo er vier Tage bei seiner Schwester bleibt.

Als ich nun so im Palast des Kardinals von Ferrara mich befand, gern von jedermann gesehen und noch weit mehr besucht als vorher, verwunderten sich alle, daß ich aus so unglaublichem Unglück, in welchem ich gelebt hatte, wieder gerettet sei. Indessen ich nun mich wieder erholte, machte es mir das größte Vergnügen, meine Verse auszuarbeiten. Dann, um besser wieder zu Kräften zu kommen, nahm ich mir einst vor, wieder der freien Luft zu genießen, wozu mir mein guter Kardinal Freiheit und Pferde gab, und so ritt ich mit zwei römischen Jünglingen, deren einer von meiner Kunst war, der andere aber uns nur gern Gesellschaft leistete, von Rom weg und nach Tagliacozzo, meinen Lehrling Ascanio zu besuchen. Ich fand ihn mit Vater, Geschwistern und Stiefmutter, welche mich zwei Tage auf das freundschaftlichste bewirteten. Ich kehrte darauf nach Rom zurück und nahm den Ascanio mit mir. Unterweges fingen wir an, von der Kunst zu sprechen, dergestalt, daß ich die lebhafteste Begierde fühlte, wieder nach Rom zu kommen, um meine Arbeiten anzufangen. Nach meiner Rückkunft schickte ich mich auch sogleich dazu an und fand ein silbernes Becken, das ich für den Kardinal angefangen hatte, ehe ich eingekerkert wurde: daran ließ ich obgedachten Paul arbeiten; ein schöner Pokal aber, den ich zugleich mit diesem Becken in Arbeit genommen hatte, war mir indessen mit einer Menge anderer Sachen von Wert gestohlen worden: ich fing ihn nun wieder von vorn an. Er war mit runden und halberhabenen Figuren geziert; desgleichen hatte ich auch auf dem Becken runde Figuren und Fische von halberhabener Arbeit vorgestellt, so daß jeder, der es sah, sich verwundern mußte, sowohl über die Gewalt des Geistes und der Erfindung als über die Sorgfalt und Reinlichkeit, welche die jungen Leute bei diesen Werken anwendeten.

Der Kardinal kam wenigstens alle Tage zweimal mit Herrn Ludwig Alamanni und Herrn Gabriel Cesano, und man brachte einige Stunden vergnügt zu, ob ich gleich genug zu tun hatte. Er überhäufte mich mit neuen Werken und gab mir sein großes Siegel zu arbeiten, welches die Größe der Hand eines Knaben von zwölf Jahren hatte. Darein grub ich zwei Geschichten, einmal wie St. Johannes in der Wüsten predigte, und dann wie St. Ambrosius die Arianer verjagte; er war auf einem Pferde vorgestellt mit der Geißel in der Hand, von so kühner und guter Zeichnung und so sauber gearbeitet, daß jedermann sagte, ich habe den großen Lautizio übertroffen, der sich nur allein mit dieser Art Arbeiten abgab. Der Kardinal war stolz, sein Siegel mit den Siegeln der übrigen Kardinale zu vergleichen, welche gedachter Meister fast alle gearbeitet hatte.

So ward mir auch von dem Kardinal und den zwei obgedachten Herren aufgetragen, ein Salzgefäß zu machen; es sollte sich aber von der gewöhnlichen Art entfernen. Herr Ludwig sagte bei Gelegenheit dieses Salzfasses viele verwundernswürdige Dinge, sowie auch Herr Gabriel Cesano die schönsten Gedanken über denselben Gegenstand vorbrachte. Der Kardinal hörte gnädig zu, und sehr zufrieden von den Zeichnungen, welche die beiden Herren mit Worten gemacht hatten, sagte er zu mir: Benvenuto! die beiden Vorschläge gefallen mir so sehr, daß ich nicht weiß, von welchem ich mich trennen soll; deswegen magst du entscheiden, der du sie ins Werk zu setzen hast. Darauf sagte ich: Es ist bekannt, meine Herren, von welcher großen Bedeutung die Söhne der Könige und Kaiser sind, und in was für einem göttlichen Glanz sie erscheinen. Dessenungeachtet, wenn Ihr einen armen, geringen Schäfer fragt: zu wem er mehr Liebe und Neigung empfinde, zu diesen Prinzen oder zu seinen eigenen Kindern? so wird er gewiß gestehn, daß er diese letztern vorziehe. So habe ich auch eine große Vorliebe für meine eigenen Geburten, die ich durch meine Kunst hervorbringe: daher, was ich Euch zuerst vorlegen werde, hochwürdigster Herr und Gönner, das wird ein Werk nach meiner eigenen Erfindung sein; denn manche Sachen sind leicht zu sagen, die nachher, wenn sie ausgeführt werden, keinesweges gut lassen. Und so wendete ich mich zu den beiden trefflichen Männern und versetzte: Ihr habt gesagt, und ich will tun! Darauf lächelte Herr Ludwig Alamanni und erwiderte mit der größten Anmut viele treffliche Worte zu meiner Gunst, und es stand ihm sehr wohl an, denn er war schön anzusehen, von Körper wohlgestaltet und hatte eine gefällige Stimme; Herr Gabriel Cesano war gerade das Gegenteil, so häßlich und ungefällig, und nach seiner Gestalt sprach er auch.

Herr Ludwig hatte mit Worten gezeichnet, daß ich Venus und Cupido vorstellen sollte, mit allerlei Galanterien umher, und alles sehr schicklich; Herr Gabriel hatte angegeben, ich solle eine Amphitrite vorstellen, mit Tritonen und mehreren Dingen, alle gut zu sagen, aber nicht zu machen. Ich hingegen nahm einen runden Untersatz, ungefähr zwei Drittel einer Elle, und darauf, um zu zeigen, wie das Meer sich mit der Erde verbindet, machte ich zwei Figuren, einen guten Palm groß, die mit verschränkten Füßen gegeneinander saßen, so wie man die Arme des Meeres in die Erde hineinlaufen sieht. Das Meer, als Mann gebildet, hielt ein reich gearbeitetes Schiff, welches Salz genug fassen konnte; darunter hatte ich vier Seepferde angebracht und der Figur in die rechte Hand den Dreizack gegeben. Die Erde hatte ich weiblich gebildet, von so schöner Gestalt und so anmutig, als ich nur wußte und konnte. Ich hatte neben sie einen reichen, verzierten Tempel auf den Boden gestellt, der den Pfeffer enthalten sollte; sie lehnte sich mit einer Hand darauf, und in der andern hielt sie das Horn des Überflusses, mit allen Schönheiten geziert, die ich nur in der Welt wußte. Auf derselben Seite waren die schönsten Tiere vorgestellt, welche die Erde hervorbringt, und auf der andern, unterhalb der Figur des Meeres, hatte ich die besten Arten von Fischen und Muscheln angebracht, die nur in dem kleinen Raum stattfinden konnten; übrigens machte ich an dem Oval ringsum die allerherrlichsten Zieraten.

Als nun darauf der Kardinal mit seinen zwei trefflichen Begleitern kam, brachte ich das Modell von Wachs hervor, worüber sogleich Herr Gabriel Cesano mit großem Lärm herfiel und sagte: Das Werk ist in zehen Menschenleben nicht zu vollenden, und Ihr wollt, hochwürdigster Herr, es doch in Eurem Leben noch fertig sehen? Ihr werdet wohl vergebens darauf warten. Benvenuto will Euch von seinen Söhnen zeigen, nicht geben; wir haben doch wenigstens Dinge gesagt, die gemacht werden konnten, er zeigt Dinge, die man nicht machen kann. Darauf nahm Herr Ludwig Alamanni meine Partie, der Kardinal aber sagte: er wolle sich auf ein so großes Unternehmen nicht einlassen. Da versetzte ich: Hochwürdigster Herr! ich sage voll Zuversicht, daß ich das Werk für den zu endigen hoffe, der es bestellen wird. Ihr sollt es alle noch hundertmal reicher als das Modell vor Augen sehen, und ich hoffe, mit der Zeit noch mehr als das zu machen! Darauf versetzte der Kardinal mit einiger Lebhaftigkeit: Wenn du es nicht für den König machst, zu dem ich dich führe, so glaube ich nicht, daß du es für einen andern zustande bringst. Sogleich zeigte er mir den Brief, worin der König in einem Absatze schrieb, er solle geschwind wiederkommen und Benvenuto mitbringen. Da hub ich die Hände gen Himmel und rief: O, wann wird das ›Geschwinde‹ doch kommen? Der Kardinal sagte: ich sollte mich einrichten und meine Sachen in Rom in Ordnung bringen, und zwar innerhalb zehen Tagen.

Als die Zeit der Abreise herbeikam, schenkte er mir ein schönes und gutes Pferd, das Tournon hieß, weil der Kardinal dieses Namens es ihm geschenkt hatte; auch Paul und Ascanio, meine Schüler, wurden mit Pferden versehen. Der Kardinal teilte seinen Hof, der sehr groß war: den einen edlern Teil nahm er mit sich auf den Weg nach der Romagna, um die Madonna von Loreto zu besuchen und alsdann nach Ferrara in sein Haus zu gehen; den andern Teil schickte er gegen Florenz, das war der größte, und dabei seine schönste Reiterei. Er sagte mir: wenn ich auf der Reise sicher sein wollte, so sollte ich sie mit ihm zurücklegen; wo nicht, so könnte ich in Lebensgefahr geraten. Ich gab mein Wort, daß ich mit ihm gehen wollte; aber weil alles geschehen muß, was im Himmel beschlossen ist, so gefiel es Gott, daß mir meine arme leibliche Schwester in den Sinn kam, die so viele Betrübnis über mein großes Übel gehabt hatte. Auch erinnerte ich mich meiner Nichten, die in Viterbo Nonnen waren, die eine Äbtissin, die andere Schaffnerin, so daß sie die reiche Abtei gleichsam beherrschten. Sie hatten auch um meinetwillen so viele schwere Leiden erduldet und für mich so viel gebetet, daß ich für gewiß glaube: meine Befreiung habe ich der Frömmigkeit dieser guten Mädchen zu verdanken.

Da ich das alles bedachte, beschloß ich, nach Florenz zu gehen, und statt daß ich auf diesem Wege, sowie auf dem andern, mit den Leuten des Kardinals die Reise hätte umsonst machen können, so gefiel es mir noch besser, für mich und in andrer Gesellschaft zu gehen. Den Heiligen Montag reisten wir zu drei von Rom ab. In Monterosi traf ich Meister Cherubin, einen trefflichen Juwelier, meinen sehr guten Freund, und glaubte, weil ich öffentlich gesagt hatte, ich würde mit dem Kardinal gehen, keiner meiner Feinde würde mir weiter aufgepaßt haben; und doch hätte es mir bei Monterosi übel bekommen können. Denn man hatte vor uns einen Haufen wohlbewaffneter Leute hergeschickt, mir etwas Unangenehmes zu erzeigen, und indes wir bei Tische saßen, hatten jene, nachdem sie vernommen, daß ich nicht im Gefolge des Kardinals reiste, alle Anstalt gemacht, mich zu beschädigen. Da wollte Gott, daß das Gefolge soeben ankam, und ich zog mit ihm fröhlich und gesund nach Viterbo. Da hatte ich nun keine Gefahr mehr zu befürchten und ritt manchmal mehrere Meilen voraus, und die Trefflichsten unter dieser Truppe bezeigten mir viele Achtung.

Als ich nun so durch Gottes Gnade gesund und wohl nach Viterbo kam, empfingen meine Nichten mich mit den größten Liebkosungen, sowie das ganze Kloster; dann reiste ich weiter mit meiner Gesellschaft, indem wir uns bald vor, bald hinter dem Gefolge hielten, so daß wir am Grünen Donnerstage um zweiundzwanzig nur ungefähr eine Post von Sicna entfernt waren. Da fand ich einige Pferde, die eben von gedachter Stadt kamen; der Postillon aber wartete auf irgendeinen Fremden, der für ein geringes Geld darauf allenfalls nach Siena zurückritte. Da stieg ich von meinem Pferde Tournon, legte mein Kissen und meine Steigbügel auf die gedachte Poststute, gab dem Knechte einen Julier, ließ meinen jungen Leuten mein Pferd, die es mir nachführen sollten, und machte mich auf den Weg, um eine halbe Stunde früher nach Siena zu kommen, sowohl weil ich einen Freund besuchen, als auch, weil ich einige Geschäfte verrichten wollte. Und zwar kam ich geschwind genug [an], doch ritt ich keinesweges postmäßig. Ich fand eine gute Herberge in Siena, besprach Zimmer für fünf Personen und schickte das Pferd nach der Post, die vor dem Tor zu Camollia angelegt war; ich hatte aber vergessen, mein Kissen und meine Steigbügel herunterzunehmen.

Wir brachten den Abend sehr lustig zu. Karfreitag morgen erinnerte ich mich meines Pferdezeuges, und als ich darnach schickte, wollte der Postmeister es nicht wieder herausgeben, weil ich seine Stute zuschanden geritten hätte. Die Boten gingen oft hin und her, und er versicherte beständig, daß er die Sachen nicht wieder herausgeben wolle mit vielen beleidigenden und unerträglichen Worten. Da sagte der Wirt, wo ich wohnte: Ihr kommt noch gut weg, wenn er Euch nichts Schlimmers antut, als daß er Kissen und Steigbügel behält; denn einen solchen bestialischen Mann hat es noch nicht in unserer Stadt gegeben, und er hat zwei Söhne bei sich, die tapfersten Leute und als Soldaten noch weit bestialischer denn er. Drum kauft nur wieder, was Ihr bedürft, und reitet Eurer Wege, ohne Euch weiter mit ihm einzulassen! Ich kaufte ein paar Steigbügel und dachte, mein Kissen durch gute Worte wiederzuerlangen, und weil ich sehr gut beritten, mit Panzerhemd und Armschienen bewaffnet war, auch eine treffliche Büchse auf dem Sattel hatte, erregten die großen Bestialitäten, die der tolle Mensch mir hatte sagen lassen, in mir nicht die geringste Furcht; auch waren meine jungen Leute gewöhnt, Panzerhemde und –ärmel zu tragen, und auf meinen römischen Burschen hatte ich ein besonderes Vertrauen, denn ich wußte, daß er, solange wir in Rom waren, die Waffenstücke nicht abgelegt hatte. Auch Ascanio, ungeachtet seiner Jugend, trug dergleichen, und da es Karfreitag war, dachte ich, die Tollheit der Tollen sollte doch auch ein wenig feiern.

So kamen wir auf die gedachte Post Camollia, und ich erkannte den Mann gleich an den Wahrzeichen, die man mir gegeben hatte, denn er war am linken Auge blind. Da ließ ich meine zwei jungen Leute und die andere Gesellschaft hinter mir, ritt auf ihn los und sagte ganz gelassen: Postmeister! wenn ich Euch versichre, daß ich Euer Pferd nicht zuschanden geritten habe, warum wollt Ihr mir Kissen und Steigbügel, die doch mein sind, nicht wiedergeben? Darauf antwortete er mir wirklich auf eine tolle, bestialische Weise, wie man mir vorher hinterbracht hatte, worauf ich versetzte: Wie? seid Ihr nicht ein Christ? und wollt am heiligen Karfreitage Euch und mir ein solches Ärgernis geben? Er versetzte, daß er sich weder um Gottes noch um des Teufels Freitag bekümmere, und wenn ich mich nicht gleich wegmachte, wolle er mich mit einem Spieße, den er indessen ergriffen hatte, zusamt mit meinem Schießgewehr zu Boden schlagen.

Auf diese heftigen Worte kam ein alter sanesischer Edelmann herbei, der eben von einer Andacht, wie man sie am selbigem Tage zu halten pflegt, zurückkam; er hatte von weitem recht deutlich meine Gründe vernommen und trat herzhaft hinzu, gedachten Postmeister zu tadeln, indem er meine Partei nahm. Er schalt auch auf die beiden Söhne, daß sie nicht nach ihrer Schuldigkeit die Fremden bedienten, vielmehr durch ihre Schwüre und gotteslästerlichen Reden der Stadt Siena Schande brächten. Die beiden Söhne sagten nichts, schüttelten den Kopf und gingen ins Haus. Der rasende Vater aber, der auf die Worte des Ehrenmanns noch giftiger geworden war, fällte unter schimpflichen Flüchen seinen Spieß und schwur, daß er mich gewiß ermorden wolle.

Als ich diese bestialische Resolution bemerkte, ließ ich ihn die Mündung meines Gewehrs in etwas sehen, um ihn einigermaßen zurückzuhalten, er fiel mir aber nur desto rasender auf den Leib. Nun hatte ich die Büchse noch nicht gerade auf ihn gerichtet, wie ich doch zur Verwahrung und Verteidigung meiner Person hätte tun können, sondern die Mündung war noch in der Höhe, als das Gewehr von selbst losging: die Kugel traf den Bogen des Tors, schlug zurück und traf den Mann gerade in den Hals, so daß er tot zur Erde fiel. Seine Söhne liefen schnell herbei, der eine mit einem Rechen, der andere mit der Partisane des Vaters, und fielen über meine jungen Leute her. Der mit dem Spieße griff meinen Paul, den Römer, auf der linken Seite an, der andere machte sich an einen Mailänder, der närrisch aussah und nicht etwa sich aus der Sache zog (denn er hätte nur sagen dürfen, ich gehe ihn nichts an), vielmehr verteidigte er sich gegen die Spitze jenes Spießes mit einem Stöckchen, das er in der Hand hatte, und konnte denn freilich damit nicht zum besten parieren, so daß ihn sein Gegner am Ende ein wenig an den Mund traf.

Herr Cherubin war als Geistlicher gekleidet, denn ob er gleich ein trefflicher Goldschmied war, so hatte er doch viele Pfründen von dem Papste mit guten Einkünften erhalten. Ascanio, gut bewaffnet, gab kein Zeichen von sich, als wenn er fliehen wollte, und so wurden die beiden nicht angerührt. Ich hatte dem Pferde die Sporen gegeben und, indem es geschwind galoppierte, mein Gewehr wieder geladen. Ich kehrte darauf wütend zurück und dachte erst aus dem Spaße Ernst zu machen, denn ich fürchtete, meine Knaben möchten erschlagen sein, und da wollte ich auch mein Leben wagen. Ich war nicht weit zurückgeritten, als ich ihnen begegnete. Da fragte ich: ob ihnen ein Leids widerfahren wäre? und Ascanio sagte: Paul sei tödlich mit einem Spieße verwundet. Darauf versetzte ich: Paul, mein Sohn! so ist der Spieß durch das Panzerhemd gedrungen? Er sagte: Ich habe es in den Mantelsack getan. Da antwortete ich: Wohl erst diesen Morgen? So trägt man also die Panzerhemden in Rom, um sich vor den Damen sehen zu lassen, und an gefährlichen Orten, wo man sie eigentlich brauchte, hat man sie im Mantelsack! Alles Übel, was dir widerfährt, geschieht dir recht, und du bist schuld, daß ich auch hier umkommen werde. Und indem ich so sprach, ritt ich immer rasch wieder zurück. Darauf baten Ascanio und er mich um Gottes willen, ich möchte sie und mich erretten, denn wir gingen gewiß in den Tod. Zu gleicher Zeit begegnete ich Herrn Cherubin und dem verwundeten Mailänder. Jener schalt mich aus, daß ich so grimmig sei, denn niemand sei beschädigt, Pauls Wunde sei nicht tief, der alte Postmeister sei tot auf der Erde geblieben, und die Söhne nebst andern Leuten seien dergestalt in Bereitschaft, daß sie uns sicher alle in Stücken hauen würden; er bat mich, daß ich das Glück, das uns beim ersten Angriffe gerettet hätte, nicht wieder versuchen möchte, denn es könnte uns diesmal verlassen. Darauf versetzt ich: Da Ihr zufrieden seid, so will ich mich auch beruhigen. Und indem ich mich zu Paul und Ascanio wendete, fuhr ich fort: Gebt euren Pferden die Sporen und laßt uns ohne weitern Aufenthalt nach Staggia galoppieren, und da werden wir sicher sein. Darauf sagte der Mailänder: Der Henker hole die Sünden! das Übel da begegnet mir nur, weil ich gestern ein wenig Fleischsuppe gegessen habe, da ich nichts anders zu Mittage hatte. Darüber mußten wir ungeachtet der großen Not, in der wir uns befanden, laut lachen, denn die Bestie hatte gar zu dummes Zeug vorgebracht; wir setzten uns darauf in Galopp und ließen Herrn Cherubin und den Mailänder nach ihrer Bequemlichkeit langsam nachreiten.

Die Söhne des Toten waren sogleich zu dem Herzog von Amalfi gelaufen und hatten ihn um einige leichte Reiterei gebeten, um uns zu erreichen und zu fahen. Der Herzog, als er erfuhr, daß wir dem Kardinal von Ferrara angehörten, wollte weder Pferde noch Erlaubnis geben. Indessen kamen wir nach Staggia in Sicherheit; ich rief einen Arzt, so gut man ihn daselbst haben konnte, und ließ Paulen besichtigen, da sich denn fand, daß es nur eine Hautwunde war, die nichts zu sagen hatte, und wir bestellten das Essen. Hierauf erschienen Meister Cherubin und der närrische Mailänder, der nur immer sagte: Hole der Henker alle Händel! Er betrübte sich, daß er exkommuniziert sei, weil er diesen heiligen Morgen seinen Rosenkranz nicht hätte beten können. Der Mann war erstaunend garstig, hatte von Natur ein sehr großes Maul, und durch die Wunde war es ihm mehr als drei Finger gewachsen: da nahmen sich erst seine wunderliche mailändische Sprache, die abgeschmackten Redensarten und die dummen Worte, die er hervorbrachte, recht närrisch aus und gaben uns so viel Gelegenheit zu lachen, daß wir, anstatt über den Vorfall zu klagen, uns bei jedem seiner Worte lustig machten. Nun wollte der Arzt ihm das Maul heften, und da derselbe schon drei Stiche getan hatte, sagte der Patient: er möchte innehalten und sollte ihm nicht etwa gar aus bösem Willen das Maul ganz zunähen. Darauf nahm er einen Löffel und verlangte: gerade so viel sollte man offen lassen, daß der Löffel durchkönne und er lebendig zu den Seinigen käme.

Bei diesen Worten, die er mit allerlei wunderlichen Bewegungen des Kopfes begleitete, ging erst das Lachen recht los, und so kamen wir mit der größten Lust nach Florenz. Wir stiegen beim Hause meiner armen Schwester ab, die uns sowohl als ihr Mann aufs beste empfing und bewirtete. Herr Cherubin und der Mailänder gingen ihren Geschäften nach, wir aber blieben vier Tage in Florenz, in welchen Paul geheilt wurde. Dabei war es die sonderbarste Sache, daß wir, sooft vom Mailänder gesprochen wurde, in eine ausgelassene Lustigkeit verfielen, dagegen uns das Andenken der Unfälle, die wir ausgestanden, äußerst rührte, so daß wir mehr als einmal zugleich lachen und weinen mußten.

 << Kapitel 27  Kapitel 29 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.