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Leben des Benvenuto Cellini

: Leben des Benvenuto Cellini - Kapitel 21
Quellenangabe
typeautobio
authorBenvenuto Cellini
titleLeben des Benvenuto Cellini
publisherInsel Verlag
editorJohann Wolfgang von Goethe
translatorJohann Wolfgang von Goethe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Achtes Kapitel

Wunderbare Geschichte seines Knaben Ascanio. – Der Autor zieht mit Ascanio nach Frankreich und kommt über Florenz, Bologna und Venedig nach Padua, wo er sich einige Zeit bei dem nachherigen Kardinal Bembo aufhält. – Großmütiges Betragen dieses Herrn gegen Cellini. – Dieser setzt bald seine Reise fort, indem er durch die Schweiz geht. – Mit großer Lebensgefahr schifft er über den Wallenstädter See. – Er besucht Genf auf seinem Wege nach Lyon, und nachdem er sich vier Tage in gedachter Stadt befunden, gelangt er glücklich nach Paris.

Indessen machte ich Anstalt, nach Frankreich zu gehen, und ich hätte die Reise wohl allein unternommen, wäre nicht ein junger Mensch namens Ascanio gewesen, der sich schon eine Zeitlang in meinen Diensten befand. Er war sehr jung und der beste Diener von der Welt. Er hatte vorher bei einem gewissen spanischen Goldschmied namens Francesco gedient, und ich sagte ihm mehr als einmal, daß ich ihn nicht zu mir nehmen wollte, um mit seinem Meister nicht in Streit zu geraten. Der Knabe, der aber nun einmal Verlangen zu mir hatte, trieb es so lange, bis mir sein Meister selbst ein Billett schrieb, worin er mir den Jungen willig überließ. So blieb er mehrere Monate bei mir und war mager und eingefallen: wir nannten ihn nur unser Altchen, und man hätte wirklich denken sollen, daß er alt sei; denn er diente fürtrefflich, war so vernünftig, und kaum schien es möglich, daß jemand im dreizehnten Jahre so viel Verstand haben könnte. In kurzer Zeit hatte sich der Knabe wieder erholt, und indem sein Körper zunahm, ward er der schönste Jüngling von Rom, und neben seinen übrigen Tugenden ward er auch in der Kunst fürtrefflich; ich liebte ihn wie meinen Sohn und hielt ihn auch so in der Kleidung. Als der Knabe sich wiederhergestellt sah, war er ganz entzückt über das Glück, das ihn in meine Hände geführt hatte, und ging oft, seinem Meister zu danken, der sich in dieser Sache hatte so willig finden lassen. Nun hatte der Meister eine schöne junge Frau, die sagte zum Knaben: Wie bist du nur so schön geworden? Darauf antwortete Ascanio: Es ist mein Meister, der mich schön, der mich aber auch gut gemacht hat. Das mochte dem Weibe gar nicht gefallen, und da sie es mit ihrem guten Rufe nicht genau nahm, mochte sie den Jüngling mit allerlei Liebreizungen an sich locken, die eben nicht die ehrbarsten waren, und ich merkte wohl, daß er anfing, mehr als gewöhnlich seine ehemalige Meisterin zu besuchen.

Nun begab sichs, daß er eines Tages einen meiner Lehrbursche ohne Ursache geschlagen hatte, der sich, als ich nach Hause kam, darüber beklagte und versicherte, Ascanio habe nicht die mindeste Ursache dazu gehabt. Darauf sagte ich zu diesem: Mit oder ohne Ursache sollst du niemand in meinem Hause schlagen, oder du sollst sehen, wie ich dich treffen will. Als er darauf etwas einwenden wollte, warf ich mich gleich über ihn her und versetzte ihm mit Fäusten und Füßen so rauhe Stöße, als er wohl jemals gefühlt haben mochte. Sobald er nur aus meinen Händen zu entkommen wußte, floh er ohne Jacke und Mütze aus der Werkstatt, und ich wußte zwei Tage nicht, wo er war, auch bekümmerte ich mich nicht um ihn. Nach Verlauf derselben kam ein spanischer Edelmann zu mir, der Don Diego hieß und der liberalste Mann war, den ich je gekannt habe. Ich hatte für ihn einige Arbeiten vollendet und noch einige unter der Hand, so daß er mein großer Freund war. Er sagte mir: Ascanio sei zu seinem alten Meister zurückgekehrt, und ich möchte doch so gut sein, ihm seine Mütze und Weste wiederzugeben. Ich antwortete: Meister Francesco habe sich übel betragen, und es sei dieses die rechte Art nicht. Hätte er mir gleich angezeigt, daß Ascanio sich in seinem Hause befinde, so hätte ich ihm gern den Abschied gegeben; da er ihn aber zwei Tage im Hause gehalten habe, ohne mir es anzuzeigen, so würde ich nicht leiden, daß er bei ihm bliebe, und sie sollten es nur nicht darauf ankommen lassen, daß ich ihn einmal dort erblickte. Alles das überbrachte Don Diego, und Francesco spottete nur darüber.

Den andern Morgen sah ich Ascanio, der an der Seite seines Meisters einige Lappalien arbeitete. Er grüßte mich, da ich vorbeiging, der Meister aber schien mich beinahe zu verlachen und ließ mir durch Don Diego sagen: wenn mirs beliebte, so möchte ich Ascanio die Kleider schicken, die ich ihm geschenkt hätte; tat ichs auch nicht, so hätte es nichts zu sagen, Ascanio solle doch Kleider finden. Darauf wendete ich mich zu Don Diego und sagte: Mein Herr! ich habe keinen edlern und rechtschaffnern Mann gekannt als Euch, und davon ist der nichtswürdige Francesco gerade das Gegenteil. Sagt ihm von meinetwegen, daß, wenn er mir vor der Nachtglocke nicht den Ascanio hierher in meine Werkstatt bringt, so ermorde ich ihn ohne Umstände! Und dem Ascanio sagt: wenn er nicht in der bestimmten Stunde von seinem Meister weggeht, so soll es ihm gleichfalls übel bekommen.

Ohne hierauf etwas zu antworten, ging Don Diego fort, richtete umständlich aus, was ich gesagt hatte, und Francesco erschrak dergestalt, daß er nicht wußte, was er tun sollte. Inzwischen hatte Ascanio seinen Vater aufgesucht, der nach Rom gekommen war, der, nachdem er den Handel erfuhr, dem Francesco gleichfalls riet, den Ascanio zu mir zu führen. Darauf sagte Francesco: So gehe denn nur, Ascanio! dein Vater mag dich begleiten. Darauf versetzte Don Diego: Francesco! ich befürchte irgendein großes Unglück. Du kennst Benvenuto besser als ich, führe ihn sicher zurück, ich gehe mit dir. Indessen hatte ich mich zu Hause vorbereitet, ging in meiner Werkstatt auf und ab und erwartete den Schlag der Abendglocke, völlig entschlossen, die fürchterlichste Handlung meines Lebens zu begehen. Endlich traten herein Don Diego, Francesco, Ascanio und der Vater, den ich nicht kannte; ich sah sie alle mit einem fürchterlichen Blick an. Francesco, ganz blaß, sagte: Siehe, hier ist Ascanio, den ich bisher bei mir gehabt habe, ohne daß es meine Absicht war, dir Mißvergnügen zu machen. Ascanio sagte voll Ehrfurcht: Meister, verzeiht mir! ich bin hier, alles zu tun, was Ihr befehlet. Darauf versetzte ich: Bist du gekommen, deine versprochene Zeit bei mir auszuhalten? Ja, sagte er, und ich will niemals wieder von Euch weichen. Darauf wendete ich mich und befahl dem Lehrburschen, den er geschlagen hatte, das Bündel Kleider zu holen. Hier ist, sagte ich zu Ascanio, was ich dir geschenkt hatte; nimm zugleich deine Freiheit und gehe, wohin du willst. Don Diego, der ganz etwas anders erwartete, stand verwundert. Indessen bat mich Ascanio: ich möchte ihm verzeihen und ihn wiedernehmen; das gleiche tat der fremde Mann, der dabei stund. Ich fragte ihn: wer er sei? Er sagte, daß er der Vater war, und fuhr zu bitten fort. Endlich versetzte ich: Aus Liebe zu Euch mags geschehen. Nun hatte ich mich, wie schon oben erwähnt ist, entschlossen, nach Frankreich zu gehen. Da der Papst mich nicht wie sonst mit günstigen Augen ansah, durch böse Zungen mein gutes Verhältnis gestört worden war und ich sogar befürchten mußte, daß es noch schlimmer werden könnte, so wollte ich ein besseres Land und mit Gottes Hülfe ein besseres Glück suchen und gedachte, mich allein auf den Weg zu machen.

Als ich eines Abends meine Reise für den andern Morgen beschlossen hatte, sagte ich meinem treuen Felix: er sollte sich aller meiner Sachen bis zu meiner Rückkunft bedienen, und wenn ich außen bliebe, sollte alles sein gehören. Nachher setzte ich mich noch mit einem Peruginer Gesellen auseinander, der mir geholfen hatte, die Arbeit für den Papst zu endigen; ich entließ ihn und bezahlte seine Arbeit, er aber bat mich, ich möchte ihn mit mir nehmen, er wolle die Reise auf seine Kosten machen. Nun war er freilich, wenn ich in Frankreich Arbeit finden sollte, der beste von den Italienern, die ich kannte, um mir zu helfen und beizustehen; da ließ ich mich denn überreden und nahm ihn mit auf die Bedingungen, die er mir vorgeschlagen hatte. Ascanio, der bei diesem Gespräche gegenwärtig war, sagte halb weinend: Ihr habt mich wiedergenommen, ich habe versprochen, lebenslang bei Euch zu bleiben, und das will ich auch tun. Ich sagte ihm: diesmal könne ich ihn nun nicht mitnehmen. Darauf machte er Anstalt, mir zu Fuße zu folgen. Da ich diesen Entschluß sah, nahm ich ein Pferd auch für ihn, ließ ihn einen Mantelsack aufbinden, und so hatte ich mich viel mehr belästigt, als zuerst meine Absicht war.

So zog ich auf Florenz, nach Bologna, Venedig und von da nach Padua. Aus dem Wirtshause holte mich Albertaccio del Bene, mein werter Freund. Den andern Tag ging ich, Herrn Peter Bembo die Hand zu küssen, der damals noch nicht Kardinal war. Er empfing mich mit außerordentlichen Liebkosungen, dann wendete er sich zu Albertaccio und sagte: Benvenuto soll mit allen seinen Leuten bei mir wohnen, und wenn es hundert wären; auch Ihr bleibt nur gleich in meinem Hause, denn auf andere Weise kann ich ihn Euch nicht überlassen. Und so genoß ich des Umgangs dieses trefflichsten Herrn.

Er hatte mir ein Zimmer eingeräumt, das zu ehrenvoll für einen Kardinal gewesen wäre, und verlangte, daß ich beständig an Seiner Gnaden Seite speisen sollte; sodann zeigte er auf die bescheidenste Weise im Gespräche sein Verlangen, von mir abgebildet zu sein, und ich, der ich nichts mehr in der Welt wünschte, bereitete mir sogleich in ein Schächtelchen die weißeste Masse und fing an, diesen geistreichen Kopf mit so guter Art zu entwerfen, daß Seine Gnaden ganz erstaunt darüber waren.

Nun war er in den Wissenschaften der größte Mann und außerordentlich in der Poesie, aber von meiner Kunst verstanden Seine Gnaden auch gar nichts, so daß Sie glaubten, ich wäre fertig, als ich kaum angefangen hatte, und ich konnte ihm nicht begreiflich machen, daß man viel Zeit brauche, um so etwas gut zu machen. Ich aber entschloß mich, so viel Zeit und Mühe anzuwenden, als ein solcher Mann verdiente, und da er einen kurzen Bart nach venezianischer Art trug, hatte ich viele Not, einen Kopf zu machen, der mir genug tat. Doch ward ich endlich fertig, und es schien mir die schönste Arbeit, die ich jemals gemacht hatte, was meine Kunst betraf. Er aber war ganz verwirrt, denn er hatte geglaubt, ich würde das Modell in zwei Stunden und den Stempel vielleicht in zehen fertig machen; nun aber sah er wohl, daß ich verhältnismäßig über zweihundert brauchen würde und noch gar Urlaub nahm, nach Frankreich zu gehen. Da wußte er gar nicht, was er sagen sollte, und verlangte, daß ich nur noch zur Rückseite einen Pegasus innerhalb eines Myrtenkranzes abbilden sollte. Das tat ich in drei Stunden, und die Arbeit sah sehr gefällig aus. Er war äußerst zufrieden und sagte: Das Pferd scheint mir zehenmal schwerer zu machen als das Köpfchen, mit dem Ihr Euch so sehr gequält habt; ich kann die Schwierigkeit nicht einsehen. Dann bat er mich, ich sollte ihm doch noch den Stempel schneiden. Ich weiß, sagte er, Ihr macht das so geschwind, als Ihr nur wollt. Dagegen versetzte ich, daß ich sie hier nicht machen könne; sobald ich aber irgendwo eine Werkstatt errichtete, sollte es nicht fehlen.

Mittlerweile hatte ich auch um drei Pferde gehandelt, er aber ließ alle meine Schritte beobachten, denn er stand zu Padua in dem größten Ansehn. Als ich nun die Pferde bezahlen wollte, die man mir um fünfzig Dukaten überlassen hatte, sagte der Besitzer: Trefflicher Mann! ich verehre Euch diese drei Pferde. Darauf antwortete ich: Du verehrst sie mir nicht, und von dem, der sie mir verehrt, darf ich sie nicht annehmen, denn ich habe ihm nichts leisten können. Darauf sagte der gute Mann: Wenn Ihr diese Pferde nicht nehmt, so wird man Euch gewiß in Padua keine andern geben, und Ihr würdet genötigt sein, zu Fuße wegzugehn. Darauf ging ich zu Herrn Pietro, der von nichts wissen wollte und mich aufs freundlichste ersuchte, in Padua zu bleiben. Ich aber, der ich auf alle Weise fort wollte, war genötigt, die Pferde anzunehmen, und so reiste ich weiter.

Ich nahm den Weg zu Land durch Graubünden, denn die übrigen waren wegen des Krieges nicht sicher. Wir kamen über die Berge Albula und Bernina nur mit großer Lebensgefahr; denn ob es schon der achte Mai war, lag doch ein außerordentlicher Schnee. Jenseits der Berge blieben wir in einem Orte, der, wenn ich mich recht erinnere, Wallenstadt hieß, und nahmen Quartier daselbst. Die Nacht kam ein florentinischer Kurier zu uns, der sich Busbacca nannte; ich hatte von ihm vormals als von einem wackern Manne reden hören, der in seiner Profession sehr tüchtig sei, ich wußte aber nicht, daß er durch seine Schelmstreiche heruntergekommen war. Als er mich im Wirtshause erblickte, nannte er mich beim Namen und sagte zu mir: er gehe in wichtigen Geschäften nach Lyon, ich solle ihm Geld zur Reise borgen. Darauf antwortete ich: Zum Verborgen habe ich kein Geld; wenn Ihr aber mit mir in Gesellschaft kommen wollt, so werde ich bis Lyon für Euch bezahlen. Darauf weinte der Schelm, verstellte sich aufs beste und sagte, daß in wichtigen Angelegenheiten der Nation, wenn einem armen Kurier das Geld ausgehe, unsereiner verbunden sei, ihm zu helfen. Ferner setzte er hinzu, daß er die wichtigsten Dinge von Herrn Philipp Strozzi bei sich habe, zeigte mir eine lederne Kapsel eines Bechers und sagte mir ins Ohr: in diesem Becher sei ein Edelstein, viele tausend Dukaten an Wert, auch die wichtigsten Briefe von gedachtem Herrn. Darauf sagte ich: ich wollte ihm die Edelsteine in seine Kleider verbergen, wo sie sichrer wären als in diesem Becher; den Becher aber solle er mir lassen, der ungefähr zehen Scudi wert wär, ich wollte ihm mit fünfundzwanzig dienen. Darauf versetzte er: wenn es nicht anders gehe, so wollte er mit mir kommen, denn es würde ihm nicht zur Ehre gereichen, wenn er den Becher zurückließe; und dabei bliebs.

Des Morgens zogen wir ab und reisten von Wallenstadt nach Wesen, über einen See, der fünfzehn Meilen lang ist. Als ich die Kähne des Sees erblickte, fürchtete ich mich: denn sie sind von Tannenholz, weder groß noch stark noch verpicht, und wenn ich nicht in einem andern ähnlichen Schiffe vier deutsche Edelleute mit ihren vier Pferden gesehen hätte, so war ich lieber zurückgekehrt, als daß ich mich hätte bewegen lassen einzusteigen. Ja, ich mußte denken, als ich die Bestialität jener Reisenden sah, daß die deutschen Wasser nicht ersäuften wie unsere italienischen.

Doch meine beiden jungen Leute sagten zu mir: Benvenuto! es ist eine gefährliche Sache, mit vier Pferden in das Schiff zu steigen. Darauf versetzte ich: Sehet ihr nicht, ihr feigen Memmen, daß jene vier Edelleute vor euch eingestiegen sind und lachend fortfahren? Wenn der See statt Wasser Wein wäre, so würde ich sagen: sie reisen so lustig, um darin zu ersaufen; da es aber Wasser ist, so seid versichert, die Deutschen haben so wenig Lust, davon zu schlucken, als wir.

Der See war fünfzehn Miglien lang und ungefähr drei breit. An der einen Seite war ein hoher, höhlenvoller Berg, an der andern das Ufer flach und grün. Als wir ungefähr vier Miglien zurückgelegt hatten, fing der See an, stürmisch zu werden, so daß die Männer, welche ruderten, uns um Beistand anriefen: wir sollten ihnen an der Arbeit helfen! und so taten wir eine Weile. Ich verlangte und deutete ihnen, sie sollten uns auf jene Seite bringen; sie aber behaupteten: es sei unmöglich, denn es sei nicht Wasser genug, das Schiff zu tragen, und es befänden sich dort einige Untiefen, an denen wir sogleich scheitern und alle ersaufen würden. Dann verlangten sie wieder, wir sollten ihnen rudern helfen, und riefen einander zu und ermunterten sich zur Arbeit. Da ich sie dergestalt verlegen sah, legte ich den Zaum meines braunen Pferdes um dessen Hals zurecht und faßte die Halfter mit der linken Hand. Sogleich schien es, als verstehe mich das Tier (wie sie denn manchmal sehr gescheit sind) und wisse, was ich tun wollte: denn ich hatte ihm das Gesicht gegen die frischen Wiesen gekehrt, und meine Absicht war, daß es schwimmend mich mit sich fortziehen sollte. In diesem Augenblick kam eine große Welle, welche über das Schiff schlug. Ascanio schrie: Barmherzigkeit! lieber Vater, helft mir! und wollte sich an mir halten. Darauf zog ich meinen Dolch und sagte: sie sollten tun, was ich ihnen gezeigt habe, denn die Pferde würden ihnen ebensogut das Leben retten, als ich auf diese Weise hoffte, davonzukommen; wer sich aber an mir halten wollte, den würde ich umbringen. So fuhren wir in dieser Todesgefahr einige Miglien weiter. Ungefähr auf dem halben See fanden wir ein wenig niedriges Ufer, wo man ausruhen konnte, und ich sah daselbst die vier deutschen Edelleute ausgestiegen. Als wir ein Gleiches zu tun verlangten, wollte der Schiffer es keinesweges zugeben. Darauf sagte ich: Meine Kinder, nun ist es Zeit, etwas zu versuchen! ziehet die Degen und zwingt sie, daß sie uns ans Land setzen! Das erlangten wir mit großer Beschwerde, denn sie widersetzten sich, was sie konnten. Als wir aber ans Land gestiegen waren, mußten wir zwei Miglien einen Berg hinauf, schlimmer, als hätten wir über eine Leiter steigen sollen. Ich hatte ein schweres Panzerhemd an, starke Stiefeln, und es regnete, was Gott nur schicken konnte. Die Teufel von deutschen Edelleuten taten Wunder mit ihren Pferden, aber die unsrigen taugten nicht dazu und wollten vor Anstrengung umkommen, als wir sie diesen beschwerlichen Berg hinaufzwingen mußten.

Als wir ein wenig hinauf waren, strauchelte das Pferd des Ascanio, das ein trefflicher Unger war. Ein wenig hinter ihm ging Busbacca, der Kurier, dem Ascanio seinen Spieß zu tragen gegeben hatte. Als nun das Pferd fiel und sich überschlug, war der Schurke von Kurier nicht so behend, die Spitze wegzuwenden, das Pferd stürzte vielmehr darauf und stach sich den Hals durch und durch und blieb für tot liegen.

Mein anderer Geselle wollte seinem Rappen gleichfalls ein wenig helfen, aber er strauchelte gegen den See zu und hielt sich nur noch an einer dünnen Weinrebe. Das Tier trug ein paar Mantelsäcke, worin all mein Geld war; denn ich hatte es darein getan, um es nicht bei mir zu tragen, und alles, was ich nur von Wert mit mir führte, hatte ich dazu gesteckt. Ich rief dem Jüngling zu: er solle sein Leben retten und das Pferd zum Henker fallen lassen! Der Sturz war über eine Miglie, der Fels hing über, und es mußte in den See fallen, und grade da unten hatten unsere Schiffer angelegt, so daß, wenn das Pferd fiel, so stürzte es ihnen auf den Hals.

Ich war allen voraus, wir sahen das Pferd straucheln und arbeiten, und es schien, als wenn es gewiß zugrunde gehen müßte. Ich sagte aber zu meinen Gesellen: Bekümmert euch um nichts! wir wollen uns retten und Gott für alles danken. Nur jammert mich der arme Busbacca, der seine Edelsteine auch auf dem Pferde hat, in seinem Becher, die einige tausend Dukaten wert sind: er hat sie an den Sattel gebunden und glaubte, da seien sie am sichersten; das Meinige ist nicht viel über hundert Scudi, und ich fürchte nichts auf der Welt, wenn ich die Gnade Gottes habe. Busbacca versetzte: Ums Meine ist mirs nicht, wohl aber ums Eure! Da sagte ich zu ihm: Warum betrübst du dich um mein Weniges und nicht um dein Vieles? Voller Verdruß versetzte er darauf: In Gottes Namen, da wir einmal in solchen Umständen und in solcher Lage sind, so muß ich die Wahrheit sagen. Ich weiß recht gut, daß Eures wahrhafte Taler sind, aber in meinem Becherfutteral, das so viel erlogner Juwelen enthalten sollte, ist nichts als Kaviar. Da ich das hörte, mußte ich lachen, meine Gesellen lachten auch, und er weinte. Das Pferd half sich aber, weil es sich selbst überlassen war, und so kamen unter dem Lachen unsere Kräfte wieder, und wir stiegen weiter bergauf.

Die vier deutschen Edelleute, welche eher als wir auf den Gipfel dieses steilen Berges gekommen waren, schickten einige Personen, uns zu helfen, so daß wir endlich bei dem allereinsamsten und wildesten Wirtshause ankamen, durchweicht, müde und hungrig. Man nahm uns freundlich auf; wir ruhten aus, trockneten uns und stillten unsern Hunger, auch wurden dem verwundeten Pferde gewisse Kräuter aufgelegt. Man zeigte uns eine solche Pflanze, die häufig an Zäunen wuchs, und sagte uns, daß, wenn wir die Wunde immer damit vollstopften, das Pferd nicht allein heilen, sondern uns auch indessen dienen würde, als wenn es kein weiteres Übel hätte. Wir befolgten den Rat, dankten den Edelleuten und reiseten weiter, recht wohl wiederhergestellt. So zogen wir hin und priesen Gott, daß er uns aus so großer Gefahr gerettet hatte.

Nun kamen wir in eine Stadt jenseit Wesen, wo wir die Nacht ruhten und alle Stunden einen Wächter hörten, der recht angenehm sang; weil aber daselbst die Häuser alle von Fichtenholz sind, so enthielt das Lied gar nichts anders, als daß man aufs Feuer achthaben sollte. Busbacca war noch vom Tage her in schreckhafter Bewegung und schrie im Traume: O Gott, ich ersaufe! und da er sich außer dem Schrecken des vergangenen Tages noch des Abends betrunken hatte, weil er es mit den Deutschen aufnehmen wollte, rief er manchmal: Ich brenne! Manchmal wieder glaubte er, in der Hölle zu sein, mit dem Kaviar am Halse. So hatten wir eine sehr lustige Nacht, und alle unsere Not war in Lachen verkehrt.

Des Morgens stiegen wir beim schönsten Wetter auf und hielten Mittag in einem fröhlichen Örtchen, Lachen genannt, wo wir trefflich bewirtet wurden. Darauf nahmen wir Führer, die eben nach einer Stadt zurückkehrten, welche Zürich heißt. Der Bote, der uns führte, ritt auf einem Damm, über den das Wasser ging, so daß der bestialische Führer strauchelte und mit dem Pferde ins Wasser stürzte. Ich war gerade hinter ihm, hielt mein Pferd an und sah die Bestie aus dem Wasser kommen. Er fing wieder an zu singen, als wenn nichts gewesen wäre, und machte mir ein Zeichen, daß ich ihm folgen sollte; ich warf mich aber auf die rechte Hand, durchbrach gewisse Zäune, und so führte ich meine Leute und den Busbacca.

Der Bote schrie und rief mir auf deutsch: wenn die Leute mich sähen, so würden sie mich totschlagen! So ritten wir weiter und kamen auch durch diesen Sturm. Wir gelangten nach Zürich, einer wundernswürdigen Stadt, so nett wie ein Edelstein; wir ruhten daselbst einen ganzen Tag. Des andern Morgens machten wir uns beizeiten auf und kamen in eine andere schöne Stadt, die Solothurn heißt, und gelangten ferner nach Lausanne, Genf und Lyon. Daselbst ruhten wir vier Tage. Wir waren singend und lachend hingekommen. Ich ergötzte mich sehr mit einigen meiner Freunde, und man bezahlte mir die Kosten, die ich gehabt hatte. Am Ende von vier Tagen nahm ich meinen Weg nach Paris. Das war eine angenehme Reise, außer daß in der Gegend von La Palice uns eine Bande Räuber anfiel, von der wir uns mit nicht geringer Tapferkeit losmachten; von da aber reisten wir nach Paris ohne irgendein Hindernis, und immer lachend und singend gelangten wir in Sicherheit.

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