Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Leben des Benvenuto Cellini

: Leben des Benvenuto Cellini - Kapitel 18
Quellenangabe
typeautobio
authorBenvenuto Cellini
titleLeben des Benvenuto Cellini
publisherInsel Verlag
editorJohann Wolfgang von Goethe
translatorJohann Wolfgang von Goethe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectidef16ece3
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel

Der Autor, bald nach seiner Rückkunft, wird in seinem Hause bei Nacht von vielen Häschern angegriffen, die ihn wegen des an Pompeo von Mailand verübten Mordes einfangen sollen. – Er verteidigt sich tapfer und zeigt ihnen des Papstes Freibrief. – Er wartet dem Papst auf, und seine Begnadigung wird auf dem Kapitol eingezeichnet. – Er wird gefährlich krank. – Erzählung dessen, was während dieser Krankheit vorfällt. – Musterhafte Treue seines Dieners Felix.

So reiste ich nach Rom und hatte meine schöne Büchse mit dem Rade bei mir, die ich mit größtem Vergnügen unterweges oft gebrauchte, und mehr als einen wundernswürdigen Schuß damit tat. Weil mein Haus in Rom, das in Strada Julia lag, nicht eingerichtet war, so stieg ich bei Herrn Johann Gaddi ab, dem ich vor meiner Abreise meine schönen Waffen und viele andere Dinge, die ich sehr wert hielt, in Verwahrung gegeben hatte (denn an meiner Werkstatt wollte ich nicht absteigen), und schickte nach Felix, meinem Gesellen, er sollte geschwind meine Wohnung aufs beste in Ordnung bringen. Den andern Tag schlief ich dort, machte meine Kleider und alles, was ich bedurfte, zurechte, denn ich wollte den andern Tag zum Papste gehen und ihm danken. Ich hatte zwei Knaben in meinem Dienste, und unter mir wohnte eine Wäscherin, die mir sehr gut kochte.

Ich hatte des Abends einige meiner Freunde zu Tische gehabt, wir waren sehr vergnügt gewesen, und ich legte mich schlafen. Kaum war die Nacht vorbei (es mochte eine Stunde vor Tage sein), als ich mit entsetzlicher Wut an meine Türe schlagen hörte: ein Schlag fiel auf den andern. Ich rief meinen ältesten Diener, der Cencio hieß, ebenden, der mit mir im Kreise des Nekromanten gewesen war, und sagte ihm: er solle sehen, wer der Narr sei, der zu dieser Stunde so bestialisch poche. Der Knabe ging, und ich zündete noch ein Licht an (denn eins habe ich die Nacht immer brennen), warf ein vortreffliches Panzerhemd über und darüber eine Weste, wie sie mir in die Hand fiel. Cencio kam zurück und rief: O wehe, mein Herr! der Bargell mit allen Häschern ist vor der Tür und sagt: wenn Ihr nicht geschwind macht, so werde er die Tür niederrennen! Sie haben Fackeln und tausend Dinge bei sich. Darauf sprach ich: Sag ihnen, daß ich mich ankleide und sogleich komme. Da ich vermutete, daß es ein Streich von Herrn Peter Ludwig sei, nahm ich in die rechte Hand einen vortrefflichen Dolch, in die linke meinen Freibrief, dann lief ich an die hinteren Fenster, die auf gewisse Gärten gingen: auch da sah ich mehr als dreißig Häscher und begriff, daß ich auf dieser Seite nicht entfliehen konnte. Da nahm ich die beiden Kinder vor mich und sagte: sie sollten die Türe aufmachen, sobald ichs befähle! und so stellte ich mich in Ordnung, den Dolch in der Rechten, den Freibrief in der Linken, vollkommen im Verteidigungszustande. Dann sagte ich zu den Kindern: Fürchtet euch nicht und macht auf!

Sogleich sprang Vittorio, der Bargell, mit zwei andern herein. Sie glaubten mich leicht in die Hände zu bekommen; da sie mich aber auf gedachte Weise bereit fanden, zogen sie sich zurück und sagten: Hier wills Ernst werden. Da sprach ich, indem ich den Freibrief hinwarf: Leset das! und da Ihr mich nicht fangen könnt, so sollt Ihr mich auch nicht einmal berühren. Der Bargell sagte darauf zu einigen: sie sollten mich ergreifen, und den Freibrief könnte man nachher sehen. Da hielt ich ihnen kühn den Dolch entgegen und rief: Lebend entkomm ich, oder tot habt Ihr mich! Der Platz war sehr enge, sie drohten jeden Augenblick gewaltsam auf mich einzudringen, und ich stand immer in Positur, mich zu verteidigen. Da nun der Bargell wohl sah, daß sie mich nur auf diese Weise haben könnten, wie ich gesagt hatte, rief er den Aktuarius und gab, indessen dieser den Freibrief las, einigemal das Zeichen, daß sie mich fahen sollten, deswegen ich mich nicht aus meiner Stellung verrückte. Endlich gaben sie ihren Vorsatz auf, sie warfen mir den Freibrief auf die Erde und gingen ohne mich fort.

Als ich mich wieder hinlegte, fühlte ich mich sehr angegriffen und konnte nicht wieder einschlafen. Als es Tag war, hatte ich mir vorgesetzt, zur Ader zu lassen, und fragte nur erst den Herrn Johann Gaddi um Rat, und der ließ so ein Hausärztlein rufen, das fragte mich: ob ich denn erschrocken sei? Nun sage einer: was soll man von dem Verstand eines Arztes denken, dem man einen so großen und außerordentlichen Fall erzählt und der so ein Frage tut? Es war eben ein Kauz, der gleichsam beständig über nichts lachte und mir auch lachend sagte: ich sollte einen guten Becher griechischen Weines trinken, mich lustig machen und weiter nicht erschrocken sein. Herr Johann sagte: Meister! und wenn einer von Erz und Marmor gewesen wäre, so hätte er sich bei dieser Gelegenheit entsetzt, geschweige ein Mensch. Darauf sagte das Ärztlein: Monsignor! wir sind nicht alle nach einer Weise gebauet; dieser Mann ist nicht von Erz noch von Marmor, sondern von reinem Eisen. Somit legte er mir die Hand an den Puls und sagte unter seinem unmäßigen Gelächter: Fühlt einmal hierher, Johannes! Kein Mensch, kein erschrockener Mensch hat einen solchen Puls! das ist ein Löwe, ein Drache. Ich, der ich wohl wußte, daß mein Puls stark und über das rechte Maß schlug, wie das Affengesicht von Hippokrates und Galen nicht gelernt hatte, fühlte wohl mein Übel, zeigte mich aber munter, um nicht erschrockener zu scheinen, als ich war.

Man ging eben zur Tafel, und ich aß mit der ganzen Gesellschaft. Sie war sehr auserlesen: Herr Ludwig von Fano, Herr Johann Greco, Herr Antonio Allegretti, alles sehr gelehrte Personen, auch Herr Hannibal Caro, der noch sehr jung war. Man sprach von nichts als von meinem wackren Betragen, und dann ließen sie sich die Geschichte von meinem Diener Cencio, der sehr geistreich, lebhaft und von schöner Gestalt war, oftmals wiederholen, und sooft er die rasende Begebenheit erzählte und dabei meine Stellungen und meine Worte wiederholte, fiel mir immer ein neuer Umstand ein. Dabei fragten sie ihn oft: ob er erschrocken wäre? Er antwortete: sie sollten mich fragen, es war ihm geworden wie mir. Zuletzt ward mir das Geschwätz beschwerlich, und da ich mich sehr bewegt fühlte, stand ich vom Tische auf und sagte: ich wollte gehen und mich und meinen Diener in blaues Tuch und Seide neu kleiden, da ich in vier Tagen am Feste der heiligen Marien in Prozession zu gehen hätte, und Cencio sollte mir die weiße brennende Kerze tragen. So ging ich und schnitt die blauen Tücher, sodann ein Westchen von blauem Ermisin und ein Überkleid von demselbigen; Cencio aber sollte beides von blauem Taffent haben.

Da ich das alles zugeschnitten hatte, ging ich zum Papste, der mir sagte: ich sollte mit seinem Herrn Ambrosio reden; er habe befohlen, ich solle ein großes Werk von Gold machen. Ich ging zu Ambrosio, der recht gut um die Geschichte des Bargells wußte, denn er war mit meinen Feinden einverstanden und hatte den Bargell tüchtig ausgescholten, daß er mich nicht ergriffen hatte, der sich entschuldigte, daß sich gegen einen solchen Freibrief nichts tun lasse. Herr Ambrosio fing an, von den Arbeiten zu sprechen, wie ihm der Papst befohlen hatte; dann sagte er: ich sollte die Zeichnungen machen, und er wolle sodann alles besorgen.

Inzwischen kam der Tag der heiligen Marien heran, und weil es die Gewohnheit mit sich bringt, daß die, welche einen solchen Ablaß erlangen wollen, sich vorher ins Gefängnis begeben müssen, so ging ich abermals zum Papste und sagte Seiner Heiligkeit: ich hätte nicht Lust, mich gefangen einzustellen, er möchte mir die Gnade erzeigen, bei mir eine Ausnahme zu machen. Der Papst antwortete mir: es sei die Gewohnheit so. Da kniete ich von neuem nieder, dankte ihm nochmals für den Freibrief, den er mir ausgestellt hatte, und sagte, daß ich nun mit demselben zu meinem Herzog von Florenz, der mich mit so viel Liebe und Verlangen erwartete, zurückkehren wolle. Darauf wendete sich Seine Heiligkeit zu einem Ihrer Vertrauten und sagte: Benvenuto mag den Ablaß ohne Gefängnis haben! setzt das Reskript auf, und so mags gut sein. Das geschah, der Papst unterzeichnete, auf dem Kapitol ward es registriert, und am bestimmten Tage ging ich zwischen zwei Edelleuten ehrenvoll in der Prozession und erhielt vollkommenen Ablaß.

Nach vier Tagen überfiel mich ein schreckliches Fieber mit einem unglaublichen Frost. Ich legte mich gleich zu Bette und hielt die Krankheit für tödlich. Ich ließ sogleich die ersten Ärzte zusammenberufen. Darunter war Meister Franziskus von Norcia, ein sehr alter Arzt, der in Rom den größten Ruf hatte. Ich erzählte ihm, was ich für die Ursache meines großen Übels hielt, auch wie ich hatte wollen Blut lassen und wie ich daran verhindert worden war; ich bat, wenn es Zeit wäre, möchten sie es noch tun. Meister Franziskus antwortete: es sei jetzt nicht Zeit, Ader zu lassen; hätte man es damals getan, so hätte mich nicht das mindeste Übel befallen, jetzt müsse man einen andern Weg nehmen.

So fingen sie nun die Kur an mit allem Fleiß, wie sie nur wußten und konnten, und alle Tage wurde es wütend schlimmer, und am Ende der Woche war das Übel so groß, daß die Ärzte, an ihrem Unternehmen verzweifelnd, meinen Leuten auftrugen: man solle mich nur zufriedenstellen und mir geben, was ich verlangte. Meister Franziskus sagte: Solange Atem in ihm ist, rufet mich zu jeder Stunde, denn es kann sich niemand vorstellen, was die Natur in einem jungen Mann dieser Art zu tun vermag; und wenn er ohnmächtig werden sollte, wendet mir diese fünf Mittel, eines hinter dem andern, an und ruft mich. Ich will zu jeder Stunde der Nacht kommen; ich möchte diesen lieber durchbringen als irgendeinen Kardinal in Rom.

Auch kam täglich Herr Johann Gaddi zwei- oder dreimal zu mir, und jedesmal nahm er meine schönen Büchsen in die Hand, meine Panzerhemden und Degen und sagte beständig: Wie ist das so schön! wie ist das noch schöner! und so machte er es mit meinen Modellen und andern Kleinigkeiten, so daß er mir zuletzt recht zur Last ward. Mit ihm kam auch ein gewisser Matthäus, ein Franzose, der eben auch auf meinen Tod recht sehnlich zu hoffen schien, nicht weil er von mir etwas zu erwarten hatte, sondern wahrscheinlich, weil er Herrn Gaddis Verlangen befriedigt zu sehen wünschte.

Indessen stand Felix, mein Geselle, mir auf alle Weise bei und tat für mich, was ein Mensch für den andern tun kann. Meine Natur war äußerst geschwächt und so herunter, daß mir kaum so viel Kraft übrigblieb, wenn ich ausgeatmet hatte, wieder Atem zu schöpfen. Doch war mein Kopf so stark als in gesunden Tagen. Da ich nun so völlig bei mir war, kam ein schrecklicher Alter an mein Bette, der mich gewaltsam in seinen ungeheuren Kahn hineinreißen wollte. Deswegen rief ich Felix: er sollte zu mir treten und den abscheulichen Alten verjagen! Felix, der mich höchlich liebte, kam weinend gelaufen und rief: Fort, alter Verräter! du sollst mir mein Glück nicht rauben. Herr Johannes Gaddi, der auch gegenwärtig war, sagte: Der arme Narr faselt; es wird nicht lange mehr währen. Matthäus der Franzose versetzte: Er hat den Dante gelesen, und für großer Schwäche phantasiert er. Darauf sagte er lachend: Fort, du alter Schelm! laß unsern Benvenuto ungehudelt! Da ich sah, daß man über mich spottete, wendete ich mich zu Herrn Johann Gaddi und sagte: Wißt nur, lieber Herr, daß ich nicht phantasiere, daß es mit dem Alten richtig ist, der mir so zur Last fällt. Ihr tätet besser, mir den leidigen Matthäus zu entfernen, der über mein Unglück lacht, und da Euer Gnaden mir die Ehre Ihres Besuchs erzeigt, so wünschte ich, Ihr kämt mit Herrn Antonio Allegretti, Herrn Hannibal Caro und mit Euren übrigen trefflichen Männern: das sind Personen von anderer Lebensart und anderm Geist als diese Bestie. Darauf sagte Herr Johannes im Scherze zu Matthäus: er solle ihm auf immer aus den Augen gehen! aber aus diesem Scherz ward Ernst, denn er sah ihn nachher nicht wieder. Darauf ließ er die Herren Allegretti, Ludwig und Caro rufen. Ihre Gegenwart diente mir zur größten Beruhigung; ich sprach ganz vernünftig mit ihnen und bat nur immer den Felix, er möchte mir den Alten wegjagen. Herr Ludwig fragte mich: was ich denn sehe, und wie er gestaltet sei? Indes ich ihn recht deutlich beschrieb, nahm mich der Alte beim Arme und riß mich in seinen schrecklichen Kahn. Kaum hatte ich ausgeredet, als ich in Ohnmacht fiel: mir schien, als wenn mich der Alte wirklich in den Kahn würfe.

In dieser Ohnmacht soll ich mich herumgeworfen und gegen Herrn Gaddi harte Worte ausgestoßen haben, als wenn er mich zu berauben käme, als wenn er keine Barmherzigkeit gegen mich habe, und andere häßliche Reden, wodurch Herr Gaddi sehr beschämt war. Alsdann blieb ich, wie sie sagten, als ein Toter und verharrte in solchem Zustande eine völlige Stunde. Als es ihnen deuchte, daß ich kalt würde, ließen sie mich für tot liegen, und als sie nach Hause kamen, erfuhr es Matthäus, der Franzose; der schrieb sogleich nach Florenz an Benedetto Varchi, meinen liebsten Freund, um welche Uhr der Nacht man mich habe sterben sehen. Auf diesen vermeinten Tod machte dieser treffliche Mann und Freund ein herrliches Sonett, das ich an seinem Platze einrücken werde.

Drei lange Stunden vergingen, ehe ich mich erholte, und da alle jene fünf Mittel des Meister Franziskus nicht helfen wollten und mein liebster Felix sah, daß ich kein Lebenszeichen von mir gab, lief er zum Hause des Arztes, pochte ihn heraus und bat ihn weinend: er möchte doch mitkommen, denn ich sei wahrscheinlich tot. Darauf sagte Meister Franz, der ein heftiger Mann war: Sohn! wozu soll ich kommen? Ist er tot, so schmerzt es mich mehr als dich. Denkst du, daß ich mit meiner Medizin ihm in den H*** blasen kann, um ihn wieder lebendig zu machen? Da er sah, daß der arme Knabe weinend wegging, rief er ihn zurück und gab ihm ein gewisses Öl, mir die Pulse und das Herz zu salben; dann, sagte er, sollten sie mir die kleinen Finger und Zehen recht festhalten: kam ich wieder zu mir, so möchten sie ihn rufen. Felix lief und tat nach der Verordnung. Da es nun fast Tag war und ihm alle Hoffnung verloren schien, machten sie sich dran, um mich zu waschen. Auf einmal fühlte ich mich wieder und rief den Felix, daß er mir sobald als möglich den lästigen Alten wegjagen sollte. Felix wollte zu Meister Franzen laufen; da sagte ich ihm: er solle bleiben, denn der Alte habe Furcht vor ihm und mache sich fort. Felix näherte sich, ich berührte ihn, und mir schien, daß der rasende Alte sogleich sich entfernte; deswegen bat ich den Knaben, immer bei mir zu bleiben. Nun kam auch der Arzt und sagte: er wolle mir auf alle Weise durchhelfen; er habe seine Tage in einem jungen Mann so viel Kraft nicht gefunden. Nun fing er an zu schreiben und verordnete mir Bähungen, Pflaster, Waschwasser, Salben und andere unschätzbare Dinge; inzwischen litt ich an mehr als zwanzig Blutigeln am H***. Ich war durchbohrt, gebunden und ganz geknetet. Meine Freunde kamen, das Wunder vom auferstandenen Toten zu sehen. Viele Männer von großer Bedeutung besuchten mich, in deren Gegenwart ich sagte: das wenige Gold und meine Barschaft (es konnte ungefähr an Gold und Silber, Juwelen und Gelde achthundert Scudi sein) solle meiner armen Schwester in Florenz, namens Liperata, hinterlassen bleiben; alle meine übrigen Sachen, sowohl Waffen als was ich sonst besäße, sollten meinem armen Felix gehören und noch fünfzig Golddukaten, damit er sich kleiden könne. Auf diese Worte warf sich mir Felix um den Hals und sagte: er verlange nichts, als daß ich leben solle. Darauf sagte ich ihm: Wenn du mich lebendig erhalten willst, so halte mich auf diese Weise fest und schilt auf den Alten da, der sich vor dir fürchtet. Da erschraken einige von den Gegenwärtigen, denn sie sahen, daß ich nicht phantasierte, sondern bei mir war und vernünftig sprach. So ging es mit meinem großen Übel, das nach und nach sich ganz langsam besserte. Der vortreffliche Meister Franz kam vier- oder fünfmal des Tages. Herr Johann Gaddi schämte sich und ließ sich nicht wieder sehen.

Auf einmal erschien mein Schwager, der, um mich zu beerben, von Florenz gekommen war, aber als ein braver Mann sich außerordentlich freute, mich lebendig zu finden. Ihn wiederzusehen, war mir der größte Trost; er begegnete mir aufs freundlichste und versicherte mich, er sei nur gekommen, mich selbst zu warten. Das tat er auch mehrere Tage, dann entließ ich ihn, als ich fast sichre Hoffnung zur Genesung hatte, und da gab er mir das Sonett des Herrn Benedetto Varchi, dessen ich oben erwähnt habe.

Wer wird uns trösten, Freund? Wer unterdrückt
Der Klagen Flut bei so gerechtem Leide?
Ach, ist es wahr? ward unsers Lebens Weide
So grausam in der Blüte weggepflückt?

Der edle Geist, mit Gaben ausgeschmückt,
Die nie die Welt vereint gesehn, vom Neide
Bewundert, seiner Zeitgenossen Freude,
Hat sich so früh der niedern Erd entrückt?

O liebt man in den seligen Gefilden
Noch Sterbliches, so blick auf deinen Freund,
Der nur sein eignes Los, nicht dich beweint!

Wie du den ewgen Schöpfer abzubilden
Hienieden unternahmst mit weiser Hand,
So wird von dir sein Antlitz dort erkannt.

Indessen war meine Schwachheit außerordentlich, und es schien nicht möglich, sie zu heben. Der brave Meister Franz gab sich mehr Mühe als jemals und brachte mir alle Tage neue Mittel, wodurch er das arme verstimmte Instrument wieder in Ordnung bringen wollte, und bei allen diesen unschätzbaren Bemühungen wollte sich diese Zerrüttung doch nicht wiederherstellen lassen, so daß alle Ärzte fast verzweifelten und nicht wußten, was sie tun sollten. Ich hatte einen unendlichen Durst und enthielt mich mehrere Tage des Trinkens, wie man mir verordnet hatte, und Felix, dem äußerst daran gelegen war, mich zu erhalten, ging mir nicht von der Seite. Der Alte war mir nicht mehr so beschwerlich, aber er kam manchmal im Traum zu mir.

Eines Tages war Felix ausgegangen; zu meiner Aufwartung waren ein kleiner Knabe und eine Magd übrig geblieben, die Beatrix hieß. Ich fragte den Knaben: was aus Cencio, meinem ändern Diener, geworden sei? und was das heiße, daß er sich nicht sehen lasse? Das Kind sagte mir: Cencio habe sich noch schlimmer befunden als ich und liege am Tode; Felix habe ihm befohlen, mir nichts davon zu sagen. Ich hörte diese Nachricht mit dem größten Verdrusse. Da rief ich die Magd und ersuchte sie, sie möchte mir helles and frisches Wasser in einem Kühlkessel bringen, der eben dastund. Gleich lief sie und brachte mir ihn ganz voll. Ich sagte: sie sollte mir ihn an den Mund heben, und wenn sie mich nach Herzenslust trinken ließ, wollte ich ihr eine Jacke schenken. Das Mädchen hatte mir einige Sachen von Wert gestohlen und hätte mich gerne tot gesehen, damit ihre Untreue verborgen bliebe: so ließ sie mich auf zweimal trinken, so viel ich nur wollte, so daß ich wohl ein Maß Wasser verschluckt hatte; dann deckte ich mich zu, fing an auszudünsten und schlief ein. So hatte ich eine Stunde gelegen, als Felix zurückkam und das Kind fragte: was ich mache? Dieses antwortete: Ich weiß es nicht, Beatrix hat ihm den Kühlkessel voll Wasser geholt, und er hat ihn fast ganz ausgetrunken; ich weiß nicht, ob er tot oder lebendig ist.

Da war der arme Felix vor Schrecken fast umgefallen. Er ergriff sogleich einen Stock und schlug ganz unbarmherzig auf die Magd los und rief: Verräterin! du hast mir ihn umgebracht! Indessen Felix zuschlug und sie schrie, träumte mir, der Alte kam mit Stricken in der Hand und wolle mich binden, Felix komme ihm zuvor und treffe ihn mit einem Beil. Der Alte floh und sagte: Laß mich gehen! ich komme eine ganze Weile nicht wieder.

Beatrix war mit entsetzlichem Geschrei in meine Kammer gelaufen; ich erwachte und sagte zu Felix: Laß es gut sein! Vielleicht hat sie mir aus böser Absicht mehr genutzt, als du mit aller deiner Sorgfalt nicht imstande warst. Helft mir jetzt, da ich so außerordentlich geschwitzt habe, und kleidet mich schnell um! Felix faßte wieder Mut, trocknete und tröstete mich; ich fühlte große Erleichterung und fing an, auf Gesundheit zu hoffen. Meister Franz war gekommen, sah meine große Besserung, wie die Magd weinte, der Knabe hin und wider lief und Felix lachte: da merkte der Arzt, daß etwas Außerordentliches vorgefallen sein müsse, wodurch ich auf einmal zu solcher Besserung hätte gelangen können. Indessen war auch Meister Bernardin angekommen, jener, der mir anfangs kein Blut lassen wollte. Meister Franz, der vortreffliche Mann, rief aus: O Gewalt der Natur! sie kennt ihre Bedürfnisse, und die Ärzte verstehen nichts. Sogleich antwortete das andere Gehirnchen: Hätte er nur mehr als eine Flasche getrunken, so wäre er gleich völlig genesen. Meister Franz, dem sein Alter ein großes Ansehn gab, versetzte: Er wäre zum Henker gegangen, wohin ich Euch wünsche! Dann fragte er mich, ob ich mehr hätte trinken können; ich sagte: nein! denn mein Durst sei völlig gestillt. Da wandte er sich zu Meister Bernardinen und sagte: Sehet, wie genau die Natur ihr Bedürfnis genommen hat, nicht mehr und nicht weniger, und dasselbe forderte sie auch damals, als der junge Mann verlangte, daß Ihr ihm Blut lassen solltet. Und hättet Ihr wirklich eingesehen, daß er mit zwei Maß Wasser zu kurieren wäre, so hättet Ihr es eher sagen und großen Ruhm dadurch erwerben können. Das fuhr dem Ärztlein vor den Kopf, er ging und kam nicht wieder. Darauf sagte Meister Franz: man solle mich aus meiner Stube auf einen von den römischen Hügeln bringen.

Als der Kardinal Cornaro von meiner Besserung hörte, ließ er mich in eine seiner Wohnungen, die er auf Monte Cavallo hatte, bringen; es geschah noch selbigen Abend: ich saß in einem Tragsessel, wohl versorgt und bedeckt. Kaum war ich angekommen, als ich mich erbrechen mußte. Da ging ein haariger Wurm von mir, wohl eine viertel Elle lang: die Haare waren groß und der Wurm abscheulich, gefleckt mit verschiedenen Farben, grünen, schwarzen und roten. Man hub ihn für den Arzt auf, der versicherte, er habe so etwas nie gesehen. Dann sagte er zu Felix: Sorge für deinen Benvenuto! denn er ist genesen, und nun laß ihm weiter keine Unordnung zu; denn wenn ihm die eine durchhalf, so könnte die andere dir ihn umbringen. War er doch schon so weit, daß man sich ihm die letzte Ölung nicht zu geben getraute, und jetzt wird er mit ein wenig Zeit und Geduld sich bald wieder erholen, daß er treffliche Arbeiten fertigen kann. Darauf wandte er sich zu mir und sagte: Mein Benvenuto, sei klug und halte dich ordentlich! und wenn du wieder völlig genesen bist, sollst du mir eine Mutter Gottes machen, die ich dir zuliebe immer anbeten will. Die versprach ich ihm und fragte: ob ich mich wohl dürfte nach Florenz bringen lassen? Er sagte, daß ich erst ein wenig stärker werden müsse: man werde sehen, was die Natur tue.

 << Kapitel 17  Kapitel 19 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.