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Leben des Benvenuto Cellini

: Leben des Benvenuto Cellini - Kapitel 16
Quellenangabe
typeautobio
authorBenvenuto Cellini
titleLeben des Benvenuto Cellini
publisherInsel Verlag
editorJohann Wolfgang von Goethe
translatorJohann Wolfgang von Goethe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Drittes Kapitel

Papst Clemens wird krank und stirbt. – Der Autor tötet Pompeo von Mailand. – Kardinal Cornaro nimmt ihn in Schutz. – Paul III. aus dem Hause Farnese wird Papst. Er setzt den Verfasser nieder an seinen Platz als Stempelschneider bei der Münze. – Peter Ludwig, des Papstes natürlicher Sohn, wird Cellinis Feind. Ursache davon. – Peter Ludwig, bestellt einen korsikanischen Soldaten, den Autor zu ermorden, der die Absicht erfährt und nach Florenz geht.

Indessen ward der Papst krank, und da die Ärzte den Zustand für gefährlich hielten, vermehrte sich die Furcht meines Gegners Pompeo dergestalt, daß er einigen neapolitanischen Soldaten auftrug, mir nachzustellen: ich hatte viele Mühe, mein armes Leben zu verteidigen. Als meine Arbeit fertig war, trug ich sie sogleich zum Papste, den ich im Bette und in sehr übeln Umständen fand; mit allem dem empfing er mich sehr freundlich und wollte Münzen und Stempel sehen. Er ließ sich Licht und Brille reichen, allein er konnte nichts erkennen; darauf tastete er ein wenig mit den Fingern, seufzte tief und sagte zu denen, die zunächst standen: Benvenuto dauert mich! Wenn ich aber wieder gesund werde, so soll für ihn gesorgt sein. In drei Tagen starb der Papst, und ich hatte meine Arbeit umsonst getan; doch sprach ich mir Trost zu, denn ich war durch diese Medaillen so bekannt geworden, daß ich hoffen konnte, jeder Papst werde mich brauchen und vielleicht besser belohnen. So beruhigte ich mich selbst und löschte in meinem Sinne alles das große Unrecht aus, das mir Pompeo angetan hatte, ging bewaffnet nach St. Peter, dem toten Papst die Füße zu küssen, welches nicht ohne Tränen abging; dann kehrte ich unter die Bänke zurück, um die große Verwirrung zu sehen, die bei solchen Gelegenheiten zu entstehen pflegt.

Ich saß daselbst mit vielen meiner Freunde, als Pompeo in der Mitte von zehen wohlbewaffneten Männern einherkam. Er blieb gegen mir über stehen, als wenn er Händel anfangen wollte. Meine Freunde, brave und willige Leute, winkten mir, daß ich Hand anlegen sollte; ich bedachte aber sogleich, daß, wenn ich zum Degen griffe, großer Schaden auch für die entstehen könnte, die nicht die mindeste Schuld hätten, und ich dachte, es sei besser, mein Leben allein daran zu wagen.

Pompeo blieb ungefähr zwei Ave Maria stehen, lachte verächtlich gegen mich, und da er wegging, lachten die Seinigen auch, schüttelten die Köpfe und forderten uns durch noch mehr solche unartige Zeichen heraus. Meine Gesellen wollten sogleich Hand ans Werk legen, ich aber sagte ihnen erzürnt: um meine Händel auszumachen, brauchte ich keinen Braven als mich selbst, ein jeder möchte sich um sich bekümmern, ich wüßte schon, was ich zu tun hätte. Darüber wurden meine Freunde verdrießlich und gingen murrend hinweg. Unter ihnen war mein liebster Freund, Albertaccio del Bene, ein trefflicher Jüngling, voller Mut, der mich wie sich selbst liebte. Dieser wußte wohl, daß ich mich nicht aus Kleinmut geduldig gezeigt hatte, vielmehr erkannte er meine entschlossene Kühnheit sehr gut; deswegen bat er mich im Weggehen, ich möchte ihn doch ja an allem, was ich vorhätte, teilnehmen lassen. Ich antwortete ihm: Albertaccio, geliebtester unter allen meinen Freunden, es wird die Zeit kommen, da ich deiner Hülfe bedarf; aber in diesem Falle, wenn du mich liebst, bekümmere dich nicht um mich und mache, daß du fortkömmst. Diese Worte sagte ich schnell. Indessen waren meine Feinde aus den Bänken langsam auf einen Kreuzweg gekommen, wo die Straße nach verschiedenen Gegenden führt, und das Haus meines Feindes Pompeo war in der Gasse, die grade nach Campo di Fiore geht; er war wegen einiger Geschäfte bei einem Apotheker eingetreten, und ich hörte unterwegs, daß er sich seiner Aufführung gegen mich gerühmt habe.

Da war es denn auf alle Weise sein reines böses Schicksal, daß er, eben als ich an die Ecke kam, aus der Apotheke heraustrat; seine Braven hatten sich auf getan und ihn schon in die Mitte genommen. Da drang ich durch alle hindurch, ergriff einen kleinen spitzigen Dolch und faßte ihn bei der Brust mit solcher Schnelle und Sicherheit des Geistes, daß ihm keiner zu Hülfe kommen konnte. Ich stieß ihm nach dem Gesicht, das er vor Schrecken wegwendete; daher traf ich ihn unter dem Ohr, wohin ich ihm zwei einzige Stiche versetzte, so daß er beim zweiten mir tot in die Hände fiel. Das war nun freilich meine Absicht nicht, denn ich wollte ihn nur tüchtig zeichnen; aber, wie man sagt: Wunden lassen sich nicht messen. Ich nahm den Dolch mit der linken Hand und zog mit der rechten den Degen, mein Leben zu verteidigen: da waren alle seine Begleiter mit dem toten Körper beschäftigt, keiner wendete sich gegen mich, keiner zeigte das mindeste Verlangen, mit mir zu rechten; so zog ich mich allein durch Strada Julia zurück und überlegte, wohin ich mich flüchten wollte.

Ich war kaum dreihundert Schritte gegangen, als mich Piloto, der Goldschmied, mein großer Freund, einholte und sagte: Lieber Bruder! da das Übel geschehen ist, so laß uns sehen, wie wir dich retten können! Darauf sagte ich: Gehn wir zu Albertaccio del Bene, dem ich vor kurzem gesagt habe, es werde eine Zeit kommen, in der ich seiner bedürfe! Wir kamen zu ihm, und er empfing mich mit unschätzbaren Liebkosungen, und bald erschienen die vornehmsten Jünglinge aller Nationen, die nur in den Bänken wohnten, ausgenommen die Mailänder, und alle erboten sich, ihr Leben zu meiner Rettung dran zu setzen. Auch Herr Ludwig Rucellai schickte dringend zu mir, ich solle mich seiner auf alle Weise bedienen. Ebenso taten mehrere Männer seinesgleichen, denn alle segneten mich: sie waren sämtlich überzeugt, daß mir der Mann allzu großen Schaden zugefügt habe, und hatten sich oft über die Geduld, womit ich seine Feindschaft ertrug, verwundert.

In demselben Augenblick hatte Kardinal Cornaro den Handel erfahren und schickte mir aus eigner Bewegung dreißig Soldaten mit Partisanen, Piken und Büchsen, die mich sicher in mein Haus begleiten sollten. Ich nahm das Erbieten an und ging mit ihnen fort, und wohl noch einmal so viel junge Leute begleiteten mich. Sobald Herr Traiano, der Verwandte des Entleibten, erster Kämmerer des Papstes, die Sache erfuhr, schickte er zum Kardinal Medicis einen mailändischen Edelmann, der das große Übel, das ich angerichtet hatte, erzählen und Seine Eminenz auffordern sollte, mich nach Verdienst zu bestrafen. Der Kardinal antwortete sogleich: Sehr übel hätte Benvenuto getan, das geringe Übel nicht zu tun! Dankt Herrn Traiano, daß er mich von dem, was ich nicht wußte, benachrichtigt hat. Dann wandte er sich zu dem Bischof von Forli und sagte: Seht Euch sorgfältig nach meinem Benvenuto um und bringt mir ihn hierher! ich will ihn verteidigen und schützen, und wer was gegen ihn unternimmt, hat es mit mir zu tun. Der Mailänder ging sehr beschämt weg, und der Bischof eilte, mich aufzusuchen. Er ging zum Kardinal Cornaro und sagte: der Kardinal Medicis schicke nach Benvenuto und wolle ihn in seine Verwahrung nehmen. Der Kardinal Cornaro, der etwas seltsam und rauh wie ein Bär war, antwortete voll Zorn, daß er mich ebensogut als der Kardinal Medicis verwahren könne. Darauf sagte der Bischof: er wünsche mich nur über einige andere Angelegenheiten zu sprechen; der Kardinal aber versicherte ihn, daß heute daraus nichts werden könne.

Der Kardinal Medicis war hierüber äußerst aufgebracht. Ich ging daher die folgende Nacht heimlich und wohlgeleitet zu ihm und bat ihn, er möchte gnädigst geruhen, mich in dem Haus des Cornaro zu lassen, da doch dieser sich so lebhaft meiner angenommen habe. Seine Eminenz würden mir dadurch einen neuen Freund in meinen Nöten erwerben, übrigens aber dächte ich Denenselben nichts vorzuschreiben. Er antwortete mir: ich möchte tun, was ich für gut hielte. Und so kehrte ich in das Haus des Cornaro zurück.

(1534)

Wenig Tage darauf ward Kardinal Farnese zum Papste erwählt, und als er die wichtigsten Sachen besorgt hatte, verlangte er nach mir und sagte: ich allein solle ihm seine Münzen machen. Darauf sagte einer seiner Edelleute: ich sei wegen eines Mordes flüchtig, den ich an einem Mailänder, Pompeo, begangen, und trug dabei die Ursachen, die mich zu dieser Tat bewegen hatten, sehr günstig vor. Ich wußte den Tod des Pompeo nicht, versetzte der Papst, aber die Ursachen des Benvenuto wußte ich wohl: deswegen fertigt mir sogleich einen Freibrief aus, der ihn völlig sicherstelle. Dabei war ein Mailänder, ein Freund des Pompeo, gegenwärtig, welcher zum Papste sagte: Es ist nicht ratsam, in den ersten Tagen Eurer Regierung solche Verbrechen zu begnadigen. Darauf wendete sich der Papst heftig zu ihm und sagte: Das versteht Ihr nicht! Ihr müßt wissen, daß Männer wie Benvenuto, die einzig in ihrer Kunst sind, sich an die Gesetze nicht zu binden haben, um so mehr, als ich seine Ursachen weiß. So ward mir der Schutzbrief ausgestellt, und ich fing gleich an, für ihn zu arbeiten.

Herr Latino Juvinale kam zu mir und trug mir auf, ich solle die Münzen für den Papst machen: da setzten sich alle meine Feinde in Bewegung, mich daran zu verhindern; ich aber ließ mich nicht stören und machte die Stempel zu den Scudi, worauf ich die halbe Figur St. Pauls abbildete, mit der Unterschrift: Vas electionis. Diese Münze gefiel weit mehr als die andern, die man mit mir um die Wette gearbeitet hatte, so daß der Papst sagte: er wolle von keinem weiter hören, ich allein solle seine Münzen arbeiten. So war ich frisch daran, und Herr Latino Juvinale, der den Auftrag hatte, führte mich ein bei dem Papste. Ich hätte gern das Dekret wegen der Münze wiedergehabt, allein da ließ er sich einreden und sagte: ich müßte erst wegen des Totschlags begnadigt sein, und das könnte am Fest der heiligen Marien, im August, durch den Orden der Caporioni von Rom geschehen, denn man pflege diesem alle Jahre zu gedachtem Fest zwölf Verbannte zu schenken; indessen sollte mir ein anderer Freibrief ausgefertigt werden, damit ich bis auf jene Zeit ruhig sein könne.

Da meine Feinde sahen, daß sie mich auf keine Weise von der Münze abhalten konnten, so nahmen sie einen andern Ausweg. Pompeo hatte dreitausend Dukaten Aussteuer einer natürlichen Tochter hinterlassen, und man wußte es dergestalt einzuleiten, daß ein gewisser Favorit des Herrn Peter Ludwigs, des Sohns unsers neuen Papstes, sie zum Weibe nahm. Dieser Günstling war von geringer Herkunft und von gedachtem Herrn erzogen worden: wenig erhielt er daher von diesen Geldern, denn der Herr hatte Lust, sich ihrer selbst zu bedienen; dagegen trieb die Frau ihren Mann, er sollte seinem Herrn anliegen, daß man mich einfinge. Der Herr versprach, es zu tun, sobald nur die Gunst des Papstes sich ein wenig würde vermindert haben. So vergingen zwei Monate, der Diener verlangte seine Mitgift, der Herr wollte nichts davon hören, sagte aber desto öfter zu ihm und besonders zu der Frau, daß er gewiß den Vater rächen wolle. Ich wußte zwar etwas davon, doch verfehlte ich nicht, dem Herrn aufzuwarten, und er erzeigte mir die größte Gunst. Von der andern Seite hatte er dem Bargell befohlen, mich einzufangen oder mich durch irgend jemand umbringen zu lassen.

Um nun ein oder das andere zu erreichen, übertrug der Bargell einem seiner Soldaten, einem gewissen korsischen Teufelchen, die Sache so bald abzutun als möglich, und meine andern Feinde, besonders Herr Trajan, hatten dem kleinen Korsen ein Geschenk von hundert Scudi versprochen, der versicherte, daß er nicht leichter ein frisches Ei austrinken wolle. Als ich diesen Anschlag vernahm, war ich auf meiner Hut und ging meist in guter Gesellschaft und im Harnisch, wie ich dazu die Erlaubnis hatte. Der Korse, geizig genug, dachte das Geld nur so einzustreichen und die Sache für sich abzutun, so daß sie mich eines Tages im Namen des Herrn Ludwigs rufen ließen. Ich eilte, weil er mir von einigen großen silbernen Gefäßen gesprochen hatte, die er wollte machen lassen; doch hatte ich meine gewöhnlichen Waffen angelegt und ging schnell durch die Strada Julia, wo ich um diese Zeit niemand zu finden glaubte. Als ich am Ende war und mich nach dem Palast Farnese umwenden wollte, indem ich nach meiner Gewohnheit mich nach der mittlern Straße hielt, sah ich den Korsen, der aufstund, sich mir in den Weg zu stellen. Ich war gefaßt, nahm mich zusammen, ging langsam und hielt mich nach der Mauer, um dem Korsen Platz zu machen und mich besser zu verteidigen. Auch er zog sich wieder gegen die Mauer, wir waren einander ziemlich nah, und ich sah in seinem ganzen Betragen, daß er mir etwas Unangenehmes erzeigen wollte und daß er glaubte, weil er mich allein sah, könne es ihm gelingen. Deswegen fing ich an zu reden und sagte: Tapfrer Soldat! wenn es Nacht wäre, so könntet Ihr sagen, Ihr hättet mich für einen andern genommen; da es aber Tag ist, so wißt Ihr, wer ich bin: einer, der mit Euch nichts zu tun gehabt hat, einer, der Euch nie etwas zuleide tat, der aber auch nicht viel vertragen kann. Darauf blieb er mit kühner Gebärde vor mir stehen und sagte: er verstehe nicht, was ich sage. Darauf versetzte ich: Ich weiß recht gut, was Ihr wollt und was Ihr sagt; aber Euer Vorhaben ist schwerer und gefährlicher, als Ihr glaubt, und könnte Euch vielleicht mißlingen. Bedenkt, daß Ihr mit einem Manne zu tun habt, der sich gegen hundert wehren würde, und daß Euer Vorhaben sich für keinen braven Soldaten schickt. Indessen war ich wohl auf meiner Hut, und wir hatten uns beide verfärbt. Schon waren viele Leute herzugetreten, welche wohl merkten, daß unsere Worte von Eisen waren, und da mein Gegner seine Gelegenheit nicht fand, sagte er: Wir sehen uns ein andermal wieder. Darauf versetzte ich: Brave Leute sehe ich immer gerne wieder und den, der ihnen gleicht. So ging ich weg, den Herrn aufzusuchen, der aber nicht nach mir geschickt hatte.

Als ich in meine Werkstatt kam, ließ mir der Korse durch einen beiderseitigen Freund sagen: ich brauche mich vor ihm nicht mehr in acht zu nehmen, denn wir wollten gute Freunde sein; aber ich könnte mich nicht genug vorsehen, denn es hätten mir wichtige Männer den Tod geschworen. Ich ließ ihm danken und nahm mich in acht, so gut ich konnte. Wenige Tage darauf vertraute mir ein Freund: Herr Peter Ludwig habe Befehl und Auftrag gegeben, daß man mich noch diesen Abend gefangen nehmen solle. Darüber besprach ich mich mit einigen Freunden, die mir zur Flucht rieten, und weil man mich um ein Uhr in der Nacht gefangen nehmen sollte, brach ich um dreiundzwanzig auf und eilte mit Postpferden nach Florenz.

Also hatte Herr Peter Ludwig, da dem Korsen der Mut gefallen war, die Sache auszuführen, aus eigner Macht und Gewalt den Befehl gegeben, mich gefangen zu nehmen, nur damit er die Tochter des Pompeo beruhigen möchte, die sich nach ihrer Mitgift erkundigte; und da nun auch dieser letzte Anschlag nicht gelang, so ersann er einen andern, von dem wir zu seiner Zeit reden wollen.

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