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Leben des Benvenuto Cellini

: Leben des Benvenuto Cellini - Kapitel 15
Quellenangabe
typeautobio
authorBenvenuto Cellini
titleLeben des Benvenuto Cellini
publisherInsel Verlag
editorJohann Wolfgang von Goethe
translatorJohann Wolfgang von Goethe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweites Kapitel

Der Autor gelangt glücklich nach Neapel. – Dort findet er seine geliebte Angelika und ihre Mutter. – Sonderbare Zusammenkunft dieser Personen. – Er wird von dem Vizekönig von Neapel günstig aufgenommen, welcher versucht, ihn in seinen Diensten zu behalten. – Angelikas Mutter macht ihm zu harte Bedingungen. – Er nimmt die Einladung des Kardinals von Medicis nach Rom an, da der Papst den Irrtum wegen Tobias' Tod schon entdeckt hat. – Besonderes und galantes Abenteuer auf der Straße. – Er kommt glücklich nach Rom, wo er hört, daß Benedetto von seiner Wunde genesen ist. – Er schlägt eine schöne Medaille auf Papst Clemens und wartet Seiner Heiligkeit auf. – Was in dieser Audienz begegnet. – Der Papst vergibt ihm und nimmt ihn in seine Dienste.

Als nun Solosmeo daselbst die Arbeit durchgesehen hatte, machten wir uns auf und zogen gegen Neapel. Ungefähr eine halbe Miglie von der Stadt kam uns ein Wirt entgegen, der uns in sein Gasthaus einlud und versicherte: er sei lange Zeit mit Karl Ginori in Florenz gewesen; wenn wir bei ihm einkehrten, wolle er uns aufs beste bewirten. Wir wiederholten ihm öfters, daß wir mit ihm nichts wollten zu schaffen haben; dessenungeachtet war er bald vor, bald hinter uns und wiederholte seine Einladung, immer mit denselbigen Worten. Endlich war ich seiner Zudringlichkeit überdrüssig, und um ihn loszuwerden, fragte ich, ob er mir nicht eine Sizilianerin namens Beatrice nachweisen könne, die eine Tochter habe, welche Angelika heiße; beide seien Kurtisanen. Der Wirt, welcher glaubte, ich hätte ihn zum besten, rief aus: Gott verdamme alle Kurtisanen und jeden, der ihnen wohl will! Darauf gab er seinem Pferde die Sporen und eilte von uns weg. Ich freute mich, auf so gute Weise die Bestie losgeworden zu sein, aber zu gleicher Zeit machte mir die Erinnerung der großen Liebe, die ich zu dem Mädchen getragen hatte, nicht wenig Schmerzen. Indem ich nun mit meinem Gefährten nicht ohne manchen verliebten Seufzer von meinem Abenteuer sprach, sahen wir den Wirt im Galopp zurückkehren. Es sind zwei oder drei Tage, rief er aus, daß neben meinem Hause ein Weib und ein Mädchen eingezogen sind, die so heißen; ob sie Sizilianerinnen sind, kann ich nicht sagen. Darauf versetzte ich: Der Name Angelika hat so große Gewalt auf mich, daß ich nunmehr gewiß bei dir einkehren will. Wir folgten dem Wirt und stiegen bei ihm ab. Eiligst brachte ich meine Sachen in Ordnung, ging in das benachbarte Haus und fand meine Angelika wirklich daselbst, die mich mit unmäßigen Liebkosungen empfing; ich blieb bei ihr bis den andern Morgen und war glücklicher als jemals. Mitten in diesem Genusse fiel mir ein, daß an diesem Tage grade der Monat um sei und daß ich, nach dem Versprechen der bösen Geister, meine Angelika nun besitze. Da bedenke nun jeder, der sich mit ihnen einläßt, die großen Gefahren, durch die ich hatte gehen müssen.

Ob ich gleich noch jung war, so kannte man mich in Neapel doch auch schon als einen Menschen von Bedeutung und empfing mich aufs beste, besonders Herr Domenico Fontana, ein trefflicher Goldschmied; er ließ mich die drei Tage, die ich in Neapel war, in seiner Werkstatt arbeiten und begleitete mich, als ich dem Vizekönig aufwartete, der mich zu sehen verlangt hatte. Seine Exzellenz empfingen mich sehr gnädig, und es fiel ihm ein Diamant in die Augen, den ich eben an dem Finger hatte; zufälligerweise brachte ich ihn in meinem Beutel nach Neapel, denn er war mir zum Kauf angeboten worden. Der Vizekönig verlangte ihn zu sehen und wünschte ihn zu besitzen, wenn ich ihn entbehren könnte. Ich versetzte darauf, indem ich den Ring an seinen Finger steckte: der Diamant und ich seien zu seinem Befehl. Er versetzte: der Diamant sei ihm angenehm, noch angenehmer würde es ihm aber sein, wenn ich bei ihm bleiben wollte; er wolle mir Bedingungen machen, mit denen ich zufrieden sein würde. So ward viel Höfliches hin und wider gesprochen. Zuletzt verlangte er den Preis des Edelsteins mit einem Worte zu wissen; ich verlangte zweihundert Scudi, und Seine Exzellenz fanden die Forderung billig und sagten, daß Ihnen der Stein um so lieber sei, da ich ihn gefaßt habe, denn sonst könne er nicht eine so treffliche Wirkung tun. Ich versetzte darauf: der Stein sei nicht von mir gefaßt; ich getraute mir, ihm durch eine andere Fassung noch einen viel größern Wert zugeben. Ich druckte sogleich mit dem Nagel den Stein aus dem Kästchen, putzte ihn und übergab ihn dem Vizekönig; er war zufrieden und erstaunt und gab mir eine Anweisung, worauf mir zweihundert Scudi ausgezahlt wurden.

Als ich nach Hause kam, fand ich Briefe vom Kardinal Medicis, worin mir gesagt wurde, ich solle wieder nach Rom kommen und gleich bei Seiner Eminenz Palast absteigen. Als ich meiner Angelika den Brief gelesen hatte, bat sie mich mit herzlichen Tränen: ich möchte entweder in Neapel bleiben oder sie mit mir nehmen. Darauf antwortete ich: wenn sie mit mir ginge, so wollte ich ihr die zweihundert Scudi, die ich vom Vizekönig erhalten hatte, aufzuheben geben. Da die Mutter sah, daß wir Ernst machten, trat sie herbei und sagte: Wenn du meine Angelika nach Rom führen willst, so laß mir fünfzehn Scudi, damit ich niederkommen kann, und alsdann will ich Euch nachfolgen. Ich antwortete der alten Kupplerin: dreißig wollte ich ihr geben, wenn sie meine Angelika mit mir ließe. Diese Bedingung ging sie ein, und Angelika bat mich, ich solle ihr ein Kleid von schwarzem Samt kaufen, der in Neapel wohlfeil war: auch das war ich zufrieden; ich schickte nach dem Samt und kaufte ihn. Da glaubte die Alte, ich sei nun völlig gekocht und gar, und verlangte für sich ein Kleid von feinem Tuche, und dergleichen für ihre Söhne, auch mehr Geld, als ich ihr angeboten hatte. Darüber beklagte ich mich mit freundlichen Worten und sagte: Meine liebe Beatrice, ist dir das nicht genug, was ich dir angeboten habe? Sie sagte: Nein! Darauf versetzte ich: So ist es mir genug! nahm Abschied von meiner Angelika, sie weinte, und ich lachte, wir trennten uns, und ich kehrte nach Rom zurück.

Noch dieselbe Nacht reiste ich von Neapel weg, damit man mir nicht auflauern und mich berauben sollte, wie es die Gewohnheit von Neapel ist, und doch mußte ich mich, als ich auf den Steinweg kam, mit allen Leibes- und Geisteskräften gegen mehrere Räuber wehren, die mir nachstellten. Einige Tage darauf ließ ich den Solosmeo bei seiner Arbeit auf Monte Cassino und stieg bei dem Gasthause von Anagni ab, um zu Mittag zu essen. Nicht weit von dem Hause schoß ich nach einigen Vögeln und erlegte sie; aber ein Stückchen Eisen am Schloß meiner Büchse verletzte mir bei dieser Gelegenheit die rechte Hand, und so wenig es bedeutete, so gefährlich sah es aus, weil das Blut sehr stark aus der Wunde strömte. Ich stellte mein Pferd in den Stall und stieg auf einen Altan, wo ich viele neapolitanische, Edelleute fand, die sich eben zu Tische setzen wollten, und mit ihnen ein junges Fräulein von der größten Schönheit. Kaum war ich oben, so stieg hinter mir mein Diener, ein braver Bursche, mit einer großen Partisane in der Hand, herauf, so daß vor uns beiden, den Waffen und dem Blute die guten Edelleute so erschraken (da ohnedem dieser Ort für ein Spitzbubennest bekannt war), daß sie vom Tische aufsprangen und mit großem Entsetzen Gott um Hülfe anriefen. Lachend sagte ich zu ihnen: Gott habe ihnen schon geholfen, denn ich sei der Mann, sie gegen jeden zu verteidigen, der sie angreifen wollte, und bitte nur um einigen Beistand, meine Hand zu verbinden. Das schöne Frauenzimmer nahm ihr Schnupftuch, das reich mit Gold gestickt war, und als ich damit nicht verbunden sein wollte, riß sie es sogleich in der Mitte durch und verband mich mit der größten Anmut; sie beruhigten sich einigermaßen, und wir speisten fröhlich. Nach Tische stiegen wir zu Pferde und reisten in Gesellschaft weiter. Die Edelleute waren noch nicht ganz ohne Furcht und ließen mich klugerweise durch das Frauenzimmer unterhalten, blieben aber immer etwas zurück. Da befahl ich meinem Diener, er sollte auch hinten bleiben. Ich ritt auf meinem schönen Pferdchen neben dem Fräulein her, wir sprachen von Dingen, mit denen kein Apotheker handelt, und so gelangte ich auf die angenehmste Weise nach Rom.

Sogleich stieg ich bei dem Palast Medicis ab, wartete dem Kardinal auf und dankte ihm für seine Vorsorge; dann bat ich ihn, er möchte mich vor dem Gefängnis und womöglich vor der Geldstrafe schützen. Dieser Herr empfing mich aufs beste und sagte mir: ich solle nur ruhig sein; dann wendete er sich zu einem seiner Edelleute, der Pecci hieß, und sagte ihm: er habe dem Bargell von seinetwegen zu bedeuten, daß er sich nicht unterstehen solle, mich anzuführen. Dann fragte er: wie sich der befinde, den ich mit dem Stein auf den Kopf getroffen? Herr Pecci sagte: er befinde sich schlimm und werde sich noch schlimmer befinden, denn er habe versichert, daß er mir zum Verdruß sterben wolle, sobald ich nach Rom käme. Darauf sagte der Kardinal mit großem Lachen: Konnte er uns denn auf keine andere Weise zeigen, daß er von Siena stamme? Alsdann wendete er sich zu mir und sagte: Beobachte um meinet- und deinetwillen den äußern Wohlstand und laß dich vier oder fünf Tage unter den Bänken nicht sehen; dann gehe hin, wohin du willst, und die Narren mögen nach Gefallen sterben. Ich ging nach Hause, um die angefangene Münze mit dem Bild des Papstes Clemens fertigzumachen; dazu hatte ich eine Rückseite erfunden, worauf ein Friedensbild zu sehen war. Es war ein Weibchen, mit den feinsten Kleidern angetan, welche mit der Fackel in der Hand vor einem Haufen Kriegsrüstungen stand, die wie eine Trophäe verbunden waren; auch sah man Teile eines Tempels, in welchem die Wut gefesselt war. Umher stand die Inschrift: Clauduntur belli portae. Inzwischen als ich diese Medaille fertigmachte, war der Verwundete genesen. Der Papst hörte nicht auf, nach mir zu fragen, und ich nahm mich auch in acht, den Kardinal Medicis zu besuchen, denn sooft ich vor ihn kam, gab er mir etwas Bedeutendes zu tun, wodurch ich denn immer aufgehalten wurde.

Endlich nahm sich Herr Piero Carnesecchi, ein großer Günstling des Papstes, der Sache an und sagte mir auf eine geschickte Weise, wie sehr der Papst wünsche, daß ich ihm dienen möchte. Darauf antwortete ich, daß ich in wenig Tagen Seiner Heiligkeit zeigen wolle, daß ich das nie vergessen noch unterlassen habe. Einige Tage darauf ward die Medaille fertig, und ich prägte sie in Gold, Silber und Kupfer, zeigte sie dem Herrn Piero, der mich sogleich bei dem Papst einführte. Es geschah nach Tische an einem schönen Tage im April, der Papst war im Belvedere, und ich überreichte ihm die Münzen sowie die Stempel. Er nahm sie und sah sogleich die große Gewalt der Kunst ein, zeigte sie Herrn Piero und sagte: Sind die Alten jemals so gut in Münzen bedient gewesen? und indessen die Gegenwärtigen bald die Medaillen, bald die Stempel beschauten, fing ich mit der größten Bescheidenheit zu reden an und sagte: Wenn das Geschick, das mir unglücklicherweise Eurer Heiligkeit Gnade entzog, nicht auch wieder die Folgen dieses Unwillens verhindert hätte, so verloren Eure Heiligkeit ohne Ihre und meine Schuld einen treuen und liebevollen Diener. Die böse lügenhafte Zunge meines größten Feindes hat Eure Heiligkeit in so großen Zorn versetzt, daß Sie dem Gouverneur auf der Stelle befohlen haben, mich zu fahen und hängen zu lassen; wäre das geschehen, so hätten Eure Heiligkeit gewiß ein wenig Reue gefühlt, denn ein Herr, gleich einem guten und tugendhaften Vater, soll auf seine Diener nicht so übereilt den schweren Arm fallen lassen, da hinterdrein die Reue nichts helfen kann. Gott hat diesmal den ungünstigen Lauf der Sterne unterbrochen und mich Eurer Heiligkeit erhalten; ich bitte, künftig nicht so leicht auf mich zu zürnen.

Der Papst fuhr immer fort, die Medaillen zu besehen, und hörte mir mit der größten Aufmerksamkeit zu; da aber viele große Herren gegenwärtig waren, schämte sich der Papst ein wenig, und um aus dieser Verlegenheit zu kommen, wollte er von einem solchen Befehle nichts wissen. Da ich das merkte, fing ich von etwas anderm an zu reden, und Seine Heiligkeit sprach von den Münzen und fragte mich, wie ich sie so künstlich hätte prägen können, da sie so groß seien, als er sie von den Alten niemals gesehen. Darüber ward eine Weile gesprochen; er aber schien zu fürchten, daß ich ihm noch einen schlimmeren Sermon halten möchte, und sagte: die Medaillen seien sehr schön und gefielen ihm wohl, nur möchte er noch eine andere Rückseite haben, wenn es anginge. Ich versetzte, daß solches gar wohl geschehen könne, und er bestellte sich die Geschichte Mosis, der Wasser aus dem Felsen schlägt, mit der Umschrift: Ut bibat populus. Darauf sagte er: Gehe, Benvenuto! sobald du fertig bist, soll auch an dich gedacht sein. Als ich weg war, versicherte der Papst vor allen Gegenwärtigen, daß er mir reichlich wolle zu leben geben, ohne daß ich nötig hätte, für andere zu arbeiten. Ich aber war fleißig, die verlangte neue Rückseite fertigzumachen.

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