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Leben des Amerikanischen Generals Friedrich Wilhelm von Steuben. Band I

Friedrich Kapp: Leben des Amerikanischen Generals Friedrich Wilhelm von Steuben. Band I - Kapitel 9
Quellenangabe
typebiographie
authorFriedrich Kapp
titleLeben des Amerikanischen Generals Friedrich Wilhelm von Steuben. Band I
publisherVerlag von Duncker & Humblot
year1858
correctorJosef Muehlgassner
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Siebentes Kapitel

Der traurige Zustand der Continental-Armee während des schrecklichen Winters in Valley-Forge ist uns zwar in seinen äußeren Umrissen schon aus dem vorigen Kapitel bekannt, indessen ist es nichts destoweniger interessant und für unsern Zweck unerläßlich, darüber die in alle Einzelheiten eingehende Beschreibung eines sachverständigen Augenzeugen zu hören, der die Entbehrungen der Truppen theilte und alle seine Kräfte aufbot, um ihre Leiden zu lindern.

»Die Lage der Dinge im Allgemeinen« – schreibt Steuben über die Zeit seiner Ankunft im Lager Diese ursprünglich Französisch geschriebene Darstellung findet sich im XI. und XIII. Bande der Steuben-Papiere (N. Y. Historical Society). Der Umstand, daß sie nicht Englisch geschrieben ist, scheint bisher ihre Veröffentlichung verhindert zu haben. Sie ist übrigens aus wenigstens einem halben Dutzend Memorialien zusammengestellt. – »und unserer Armee insbesondere ist zu lebendig in eines Jeden Gedächtniß, als daß ich sie hier erst zu schildern brauchte. Es spricht aber für die Festigkeit meines Entschlusses, daß ich nicht gleich beim ersten Anblick der Truppen meinen Plan aufgab. Die Sache konnte nicht in dieser Weise fortgehen, es mußte eine Radikal-Kur angewandt werden; allein wo anfangen? war die große Frage und Schwierigkeit. Vor Allem unterrichtete ich mich über die militärische Verwaltung. Ich fand, daß ihre verschiedenen Zweige in Departements eingetheilt waren, wie das des General-Quartiermeisters, der Kriegs-Commissäre, Provisions-Commissäre, Zahlmeister und Fourage-Meister. Aber sie waren Alle schlechte Copien eines schlechten Originals, d. h. der Englischen Kriegs-Verwaltung nachgebildet, die unstreitig die unvollkommenste in ganz Europa ist. Washington bat mich, ihm eine Darstellung der Eintheilung der Departements und ihrer verschiedenen Zweige in den Europäischen Armeen zu geben. Ich that dies und indem ich darin die Pflichten jedes Departements bis in seine kleinsten Einzelnheiten auseinander setzte, verbreitete ich mich ganz besonders über die Funktionen des General-Quartiermeisters, in welcher Eigenschaft ich während des siebenjährigen Krieges lange Zeit thätig gewesen war. Eben so lieferte ich eine ausführliche Beschreibung des Krieges-Commissariats, in welchem die nämlichen Schwierigkeiten, das Englische System, Wurzel gefaßt hatten. – Jeder Commissär und Quartiermeister hatte eine Commission von so und so viel Procent an allem von ihm verausgabten Gelde. Es war darum natürlich, daß keine Ausgaben gescheut, daß Bedürfnisse entdeckt wurden, wo in Wirklichkeit keine vorhanden waren, und es war eben so natürlich, daß diejenigen Artikel, welche am theuersten waren, den Commissären am passendsten zum Ankauf erschienen. Daher rührt zum großen Theil mit die Entwerthung unseres Papiergeldes, daher die unnütze Verausgabung von so vielen Millionen! Ich machte General Washington und verschiedene Mitglieder des Congresses auf die Verderblichkeit und Nachtheile dieses Zustandes, so wie auf die Vortheile des Contract-Systems aufmerksam. Ich entwarf sogar ein Memorandum über den Gegenstand, welches Oberst Laurens ins Englische übersetzte, und setzte darin die Art und Weise auseinander, in welcher über die Bedürfnisse für die Preußische und Französische Armee contrahirt wurde. Aber sei es, daß man ein derartiges System hier zu Lande für unpraktisch hielt, oder daß man nicht im Stande war, die Fluth der Ausgaben zu hemmen; – die Lage der Dinge blieb dieselbe.

Ich richtete sodann meine Aufmerksamkeit auf die Lage der Truppen und fand hier ein weites Feld des Schaffens, auf dem Unordnung und Confusion die Oberhand hatten. Da ihre Beseitigung den Hauptgegenstand meiner Thätigkeit bildete, so muß ich etwas näher auf die betreffenden Einzelheiten eingehen.

Die Armee war in Divisionen, Brigaden und Regimenter eingeteilt, die von General-Majoren, Brigade-Generalen und Obersten commandirt wurden. Der Congreß hatte die Zahl der Soldaten für jedes Regiement und jede Compagnie festgesetzt; allein die ewige Ebbe und Fluth der auf sechs oder neun Monate engagirten Leute, die täglich kamen und gingen, machten den Etat eines Regiments oder einer Compagnie stets schwankend und die Worte: Compagnie, Regiment, Brigade oder Division so unbestimmt, daß sie gar nichts bedeuteten und am allerwenigsten den Maßstab für die Berechnung der Stärke eines Corps oder der Armee abgaben. Die Zahl ihrer Mannschaften war so ungleich und verschieden, daß es nicht möglich war, irgend ein Manöver auszuführen. Oft war ein Regiment stärker als eine Brigade. Ich sah' ein Regiment von dreißig Mann und eine Compagnie, die aus einem einzigen Corporal bestand. Es war sehr schwierig und oft geradezu unmöglich, ein genaues Verzeichniß der Mannschaften eines Regiments zu erhalten. Wie in der englischen Armee gab es einen General-Muster-Inspektor ( muster master general) mit einer Anzahl Gehülfen. Es war seine Pflicht behufs der Zahlung der Offiziere und Soldaten den wirklichen Bestand der Armee monatlich festzustellen und darüber Bericht zu erstatten. Diese Operation ging folgendermaßen vor sich: Jeder Capitain fertigte eine Liste seiner Compagnie an, ohne Rücksicht auf die Anwesenden oder Abwesenden, und schwor dann vor seinem Vorgesetzten, daß »nach seinem besten Wissen und Glauben« sein Bericht in der Ordnung wäre. Der Muster-Inspektor zählte die Anwesenden und schrieb den Abwesenden auf den Eid des Capitains hin ihren Sold gut. Ich bin weit entfernt von der Voraussetzung, daß irgend ein Offizier absichtlich einen Betrug begehen wollte, allein ich will den Zustand der Compagnien etwas genauer prüfen, und man wird daraus die sogenannte Richtigkeit eines derartigen Rapports ersehen.

Die Compagnie hatte zwölf Mann zur Stelle. Abwesend waren ein Mann als Bursche bei einem Commissär und zwar auf 200 Meilen Entfernung und achtzehn Monate Urlaub, ein Mann auf zwölf Monate als Knecht bei einem Quartiermeister, vier für eben so lange Zeit als Gehülfen in Spitälern, zwei als Fuhrleute und verschiedene andere als Bäcker, Schmiede, Zimmerleute, ja als Kohlenträger, obgleich die Meisten von ihnen ursprünglich nur auf neun Monate Dienste genommen hatten. Wenn ein Mann einmal auf der Compagnie-Liste stand, so bildete er bis in alle Ewigkeit ein Glied des Effektiv-Bestandes, er müßte denn vor den Augen des Capitains desertirt oder gestorben sein. Auf Grund dieser Listen wurde aber die Stärke der Armee berechnet und Löhnung und Proviant ausgetheilt. Die dem General-Adjutanten zur Kenntnißnahme des kommandirenden Generals erstatteten Berichte waren selbstredend nicht genauer. Ich bin sicher, daß zu jener Zeit jeder General sich glücklich geschätzt haben würde, wenn ein Drittel der auf dem Papier stehenden Soldaten kampffähig gewesen wäre. Die Soldaten waren nach allen Richtungen hin zerstreut. Die Armee wurde als eine Erziehungs-Anstalt für Bedienten betrachtet und Jeder hielt es für sein Recht, wenigstens einen Bedienten zu haben; mehrere tausend Soldaten wurden in dieser Weise verwandt. Wir hatten zu jener Zeit mehr Commissare und Quartiermeister, als alle Armeen Europa's zusammen genommen, der Bescheidenste von ihnen hatte nur einen Burschen, Andere zwei und viele sogar drei. Wie über ihre Leute, so konnten auch die Capitaine und Obersten keine Rechenschaft über deren Waffen, Munition, Kleidungsstücke und Feldequipage ablegen. Niemand führte Rechnung, außer den die verschiedenen Artikel herbeischaffenden Lieferanten. Eine Compagnie, die im Mai aus 50 Mann bestand, wurde im Juni bewaffnet, gekleidet und equipirt. Damals zählte sie nur noch 30 Mann. Im Juli traten 30 neue Rekruten ein, die ebenfalls bewaffnet und gekleidet werden mußten und die Abziehenden, deren Dienstzeit abgelaufen war, nahmen nicht allein ihre Kleider, sondern auch ihre Waffen mit nach Hause.

Der General Knox gab mir die Versicherung, daß vor der Errichtung meines Departements nie ein Feldzug stattfand, in welchem die Militair-Magazine nicht wenigstens 5-8000 Gewehre lieferten, um die von den entlassenen Soldaten mit nach Hause genommenen zu ersetzen. Der Verlust an Bayonneten war noch größer. Der amerikanische Soldat kannte die Waffe gar nicht, hatte deshalb kein Vertrauen zu ihr und benutzte sie höchstens dazu, um sein Beefsteak daran zu braten, oder ließ sie ganz zu Hause. Das Gewehr kostete damals nach amtlicher Schätzung ohne Bayonnet 16 und mit Bayonnet 18 Doll. (also beinahe 23 Thlr., resp. 25 Thlr. 20 Sgr. Preußisch). Man kann sich darüber gar nicht wundern, wenn man bedenkt, daß die Mehrzahl der Staaten ihre Soldaten für sechs bis neun Monate anwarb. Jeder Mann, der abging, nahm natürlich sein Gewehr mit fort, und sein Nachfolger erhielt ein anderes aus dem öffentlichen Depot. Kein Hauptmann führte Buch; Rechnung wurde weder gestellt noch verlangt. Da unsere Armee, Gott sei Dank, verhältnißmäßig nur wenig Deserteure hatte, so wage ich zu behaupten, daß, nachdem mein System in Kraft getreten war, während eines ganzen Feldzuges keine zwanzig Musketen verloren gingen. Dasselbe war mit den Patrontaschen und den übrigen Armaturstücken der Fall, und ich glaube nicht zu übertreiben, daß meine Einrichtungen den Vereinigten Staaten jährlich wenigstens 800,000 Franken erspart haben.

Die Gewehre in Valley-Forge befanden sich bei meiner Ankunft im kläglichsten Zustande; sie waren mit Schmutz bedeckt, die Hälfte davon ohne Bayonnete, viele so schlecht, daß man keinen Schuß daraus thun konnte. Die Patrontaschen waren ebenso jämmerlich als die Waffen; viele hatten statt ihrer blecherne Büchsen, Andere Kuhhörner und in ein und derselben Compagnie konnte man Musketen, Carabiner, Vogelbüchsen und Flinten sehen.

Den Anzug der Soldaten kann ich am Leichtesten beschreiben, denn sie waren im eigentlichen Sinne des Wortes fast nackend; manche hatten durchaus nichts, um ihre Blöße zu bedecken. Die Offiziere, die überhaupt Röcke besaßen, hatten sie von beliebiger Farbe und jedem Schnitt. Bei einer großen Parade in Valley-Forge sah ich Offiziere in einer Art von Schlafrock auf Wache ziehen, der aus einer alten wollenen Decke oder einem Bettüberzug gemacht war. Ein Ding, wie militärische Disciplin, existirte unter ihnen gar nicht. Kein Regiment war regelmäßig formirt; hier hatte eins drei, dort fünf, acht oder neun, das Canadische Regiment sogar ein und zwanzig Glieder. Jeder Oberst hatte sein eignes System und der Eine hatte das englische, der Andere das französische, der Dritte das preußische Exerzier-Reglement bei sich eingeführt. Nur in einem Punkte herrschte Uniformität, und das war die Art des Marschirens bei Manövern und auf dem Marsche; sie bedienten sich alle des Reihenmarsches der Indianer. Mein Vorgänger, Herr von Conway, hatte Pelotons und manche andere Verbesserungen eingeführt; allein, da er nicht beliebt war, so wurden seine Neuerungen nicht befolgt, und ich fand kaum mehr eine Spur davon vor. Uebrigens fehlte bei dem ewigen Wechsel der Leute, so wie bei den beständigen Reductionen oder Completirungen den Corps und Regimentern jeder innere Halt und Zusammenhang. Das größte, jede Ordnung auflösende und verhindernde Uebel bestand aber darin, daß Capitaine und Obersten ihre Compagnien und Regimenter gar nicht so ansahen, als wären sie ihnen von den Vereinigten Staaten für das Wohl der Leute und Aufrechthaltung der Disciplin und Ordnung anvertraut. Keiner von ihnen hatte die entfernteste Idee davon, wie viel Soldaten unter seinem Commando standen. Wenn ich einen Obersten nach der Stärke seines Regiments fragte, pflegte er zu antworten: ›So etwa zwischen zweihundert und dreihundert Mann.‹ Die Obersten und oft selbst die Capitaine gaben ihren Leuten nicht allein Urlaub für so lange, als ihnen gut schien, sondern bewilligten ihnen auch den Abschied ohne jede Anfrage bei den höhern Vorgesetzten. Wenn die Truppen im Lager waren, blieben die Offiziere nicht bei ihnen, sondern zogen in Quartiere, die meistens mehrere Meilen weit entfernt waren. Wurden die Winterquartiere bezogen, so gingen die Offiziere meistens ganz nach Hause, und oft waren ihrer nicht mehr als vier beim Regiment. Im Feldzug von 1779 fand ich ein zum Staate Massachusetts gehöriges Regiment, das von einem Lieutenant commandirt war. Die Offiziere glaubten, daß ihre einzige Pflicht darin bestände, auf Wache zu ziehen, und sich an die Spitze ihrer Soldaten zu stellen, wenn sie in den Kampf zögen.

Die innere Verwaltung eines Regiments war ein durchaus unbekanntes Ding. Der Quartiermeister empfing Waffen, Munition und Feldequipage für eine ganze Brigade, ebenso wurden Kleidungsstücke und Proviant vertheilt. Nun konnte aber ein Oberst oder Capitain, der die Zahl seiner Untergebenen gar nicht kannte, selbstredend auch die Zahl der auf ihn kommenden Rationen und sonst nothwendigen Artikel nicht kennen. Für den Lager- und Wacht-Dienst gab es keine Vorschriften. Jeder Oberst lagerte sich da mit seinem Regiment, wo es ihm gefiel. Hier waren zu viele Wachen, dort zu wenig; oft wurden sie gar nicht abgelöst und blieben detachirte Wachtposten, häufig von einem Jahre zum andern stehen. Die Offiziere verstanden häufig gar nicht den Zweck einer Wache und schwächten durch ihre Unkenntniß immer die Stärke der Armee. Es würde eine endlose Aufgabe sein, hier alle Mißbräuche anzuführen, welche sie beinahe ruinirt hätten, und habe ich hier nur eine allgemeine Uebersicht des Zustandes geben wollen, in welchem ich das Amerikanische Heer in Februar 1778 im Lager zu Valley-Forge fand.«

Duponceau's Skizze über die Lage der Dinge in Valley-Forge schildert mehr die häusliche als die militärische Seite des dortigen Lebens und möge deshalb hier das von Steuben entworfene Bild ergänzen. Peter S. Duponceau's nirgends publicirte Briefe und Papiere, sogar sein Tagebuch, das er auf der Seereise als Steuben's Begleiter führte, sind alle von mir im Manuscript eingesehen und mit gütiger Erlaubniß des Herrn Gabriel Garesché, 206 Walnutstreet in Philadelphia, des Schwiegersohnes von Duponceau benutzt worden. Letzterer, geboren 1760, starb erst 1844 in Philadelphia und stand dort in hohen Ehren.

»Wir speisten,« sagt er, »zwei oder drei Mal in der Woche bei General Washington zu Mittag. Seit Frau Washington im Hauptquartier war, besuchten wir ihn auch wohl Abends und bürgerten uns auf diese Weise sehr bald in seiner Familie ein. Unsere Armee litt an Allem Mangel, an Provisionen, Kleidern, Armaturstücken und Pferdefutter. Ich erinnere mich, daß ich oft die Soldaten ihre Hälse aus ihren elenden Hütten strecken sah und sie dann halblaut rufen hörte: ›Kein Brod, keine Soldaten!‹ Ihre Lage war wirklich bejammernswürdig, und ihr Muth und ihre Ausdauer sind über alles Lob erhaben. Wir, die wir in guten Zelten wohnten, fühlten das Elend nicht so hart, als die gemeinen Soldaten und Subaltern-Offiziere; indessen hatten wir mehr als einmal unsere Rationen mit der Schildwache vor unserer Thür zu theilen. Wir fanden uns übrigens sehr leicht in diese Verhältnisse. Einst luden mit des Barons Erlaubniß seine Adjutanten eine Anzahl junger Offiziere zum Essen in dessen Quartier ein; jedoch sollten keine Gäste zugelassen werden, die ein Paar ganze Hosen hätten. Es ward darunter natürlich nur pars pro toto verstanden, indessen waren zerrissene Kleider die unerläßliche Bedingung der Einladung, und ließ es auch keiner der Gäste daran fehlen. Beim Essen ließen sie sich ihr zähes Beefsteak mit Kartoffeln, sammt dem in Wallnüssen bestehenden Dessert vortrefflich schmecken. Statt des Weines hatten wir eine Art Spiritus, mit welchem wir Salamander rieben, d. h. nach dem wir unser Glas mit Alkohol gefüllt hatten, steckten wir diesen an und schütteten ihn noch brennend hinunter. Eine solche Bande zerlumpter und zur selben Zeit lustiger Gesellen war vielleicht noch nie in Amerika zusammen gebracht worden. Der Baron kam noch später gern auf dies Essen und seine Sansculotten, wie er uns nannte, zurück. So ward diese Bezeichnung zuerst in Amerika erfunden und von Steuben den tapfern Offizieren und Soldaten unserer Revolutions-Armee beigelegt. Trotz all' unseres Elend's zeigte übrigens Valley Forge zu jener Zeit auch einige Lichtseiten. Frau Washington hatte den Muth ihrem Mann dahin zu folgen, und bald darauf schmückten auch andere Damen das Lager mit ihrer Gegenwart. Unter ihnen befand sich u. a. die Frau des Generals Greene, eine schöne und ausgezeichnete Frau. Ihr Haus war vorzugsweise der Sammelplatz fremder Offiziere, weil sie Französisch sprach und in der Französischen Literatur sehr bewandert war. Man traf sich fast alle Abende hier oder dort und unterhielt sich bei einer Tasse Thee oder Kaffee. Förmliche Levees oder Soireen, Tanz oder Spiel fanden nicht statt; es wurde nur hie oder da gesungen. Jeder Herr oder jede Dame, die singen konnten, wurden um ein Lied gebeten, und Jeder bemühte sich nach Kräften das Seinige zur Unterhaltung beizutragen.«

Zwei Monate vor Steuben's Ankunft im Lager war die Stelle eines General-Inspektors im Einklang mit den Vorschlägen und Wünschen des Generals Conway geschaffen worden. Der Congreß hatte in seiner Sitzung vom 13. December 1777 beschlossen: »daß es zur Beförderung der Disciplin in der amerikanischen Armee und zur Abstellung der verschiedenen Mißbräuche in den einzelnen Departements nöthig ist, daß in Uebereinstimmung mit der in den besten europäischen Armeen herrschenden Praxis, ein General-Inspektor angestellt und daß dies Amt tüchtigen und erfahrenen Stabs-Offizieren übertragen werde, die mit der Oekonomie im Allgemeinen, sowie mit den Manövern und der Disciplin einer gut organisirten Armee vertraut sind.«

Die Pflichten dieser Offiziere oder vielmehr dieses Offiziers, da Conway allein angestellt wurde, waren ganz dem französischen Muster nachgebildet und bestanden in der Instruktion und Revidirung der Truppen, im Manövriren im Großen und Kleinen und in Abfassung der dem Congreß einzusendenden erforderlichen Berichte über Uniformirung, Ausrüstung, Zahlung und Effektiv-Bestand der Soldaten. Dieser Plan war gleich dem, welcher dem General-Commissariat zu Grunde lag, in indirectem Gegensatz zu den Ansichten des Obergenerals vorgeschlagen. Er beabsichtigte, um die Worte des Richters J. Marschall zu gebrauchen, ein imperium in imperio; er machte den General-Inspektor blos dem Congreß verantwortlich, übertrug diesem dessen Anstellung und Absetzbarkeit und stellte ihn dadurch unabhängig vom Obergeneral hin. Er bekleidete, wie Alexander Hamilton richtig bemerkte, den Congreß mit Gewalten, die allgemeine Mißbilligung in der Armee finden mußten und schuf dadurch, daß der Kriegsrath jeder etwa für nöthig erachteten neuen Maßregel seine Zustimmung geben mußte, eine beständige Quelle des Verzuges, welche die Nützlichkeit der neuen Einrichtung unbedingt beeinträchtigen mußte. Conway gedachte seine Stellung als ein wirksames, wenn auch indirektes Angriffs-Mittel in seiner berüchtigten Cabale gegen Washington zu benutzen, dem er offen entgegen zu treten nicht wagte. Der nichtsnutzige Intrigant trat aber sein Amt kaum an. Nachdem sein Complot gescheitert war, zog er sich von der Armee zurück, wo seine Ernennung zum General-Major allgemeine Unzufriedenheit erzeugt hatte, und reichte Ende April 1778 seinen Abschied ein. Auf diese Weise trat der Plan nie in Kraft und stand nur auf dem Papier, als Steuben in Valley-Forge ankam.

Washington wußte nur zu gut durch die Erfahrungen der letzten Feldzüge, daß ein gut organisirtes Inspektionswesen allein im Stande war, die schreiendsten Mißbräuche und Unregelmäßigkeiten in der Armee abzustellen, und konnte zu gleicher Zeit darauf rechnen, daß der Congreß, nachdem er einmal die Stelle geschaffen, seinen Wunsch auf dauerhafte und wirksame Begründung dieses wichtigsten aller Zweige der militärischen Disciplin theilen würde. Steuben traf daher zur rechten Zeit im Lager ein; er war um so willkommener, als er seine Dienste als Freiwilliger anbot und somit nicht durch Beanspruchung eines höheren Ranges die Eifersucht der einheimischen Offiziere erregte. Dazu kam, daß er in der besten Kriegsschule seiner Zeit gebildet und auf das Wärmste von unparteiischen Freunden und tüchtigen Sachkennern empfohlen war. Er war also gerade der Mann, den der Obergeneral brauchte, zumal sämmtliche amerikanische Offiziere so gut als gar nichts von militärischer Disciplin und Taktik verstanden.

Natürlich nahm Steuben auf's Freudigste den ihm von Washington gemachten Antrag einer temporären Uebernahme der Geschäfte des General-Inspektors an und begann zu Anfang März mit der Disciplin und dem Einexerziren der Truppen.

»Ich hielt es für ganz unnütz« – fährt er in seinem oben angeführten Memoriale fort – »mir wegen aller der Dinge Sorgen zu machen, die ich nicht ändern oder verbessern konnte. Ich richtete deshalb meine ganze Aufmerksamkeit auf die Organisation und Disciplin der Armee. Ich würde meinen Zweck schlecht erreicht haben, wenn ich die Inspektion auf demselben Fuße als in Preußen oder in Frankreich hätte einrichten wollen. In den Heeren dieser Länder hält der General-Inspekteur zu Anfang und Ende jedes Feldzuges Revue über die Truppen ab; er prüft den Zustand der Leute, ihrer Waffen und Montirungsstücke, läßt sie exerziren und manövriren, achtet darauf, daß sie sich nach den vorgeschriebenen Regeln richten, daß sie sich an das System des Kriegsministers halten, welchem er auch seinen Bericht abzustatten hat, und empfiehlt zu Beförderungen, Begnadigungen und Belohnungen.

Ich fand hier weder Regeln noch Vorschriften, weder Kriegsminister noch System, weder Belohnungen noch Pardon. Der General-Inspekteur in Preußen und Frankreich hat nicht das Mindeste mit dem Geld-Departement zu thun, hier war es durchaus nöthig, daß er, oder sonst irgend Jemand, sich dieses mysteriösen Departements annahm, das bisher eine bloße Farce gewesen war. Der Kriegs-Commissair in Frankreich prüft die Bücher und Rechnungen der verschiedenen Regimenter und Compagnien; hier gab es gar keine Bücher und Rechnungen, also auch Niemanden, der sie hätte prüfen sollen.

Dies Alles verlangte eine sofortige Abhülfe; allein es fragte sich, wo man anfangen sollte. General Conway befolgte die gewöhnliche in Frankreich übliche Inspektionsroutine; aber damit war weder mir, noch der Armee gedient. Es kam deshalb vor Allem darauf an, unter dem einen oder andern Namen ein Departement in's Leben zu rufen und es so zu organisiren, daß es die schlimmsten Uebelstände beseitigte, ein einfaches, aber energisches System einführte und es sofort in Ausführung brachte. Ich fand ein Congreß-Comitee im Lager vor, das mit dem Ober-General sich über verschiedene die Armee betreffende Angelegenheiten berieth, wie z. B. über Feststellung der Zahl der Regimenter und Compagnien und andere wesentliche Dinge. Der Congreß billigte ihren Beschluß darüber, aber sorgte nicht für die Mittel, ihn in Vollzug zu setzen. Es gab noch gar kein fest etablirtes System des Manövrirens, noch keine allgemein anerkannten Gesetze über Disciplin und gute Ordnung, geschweige denn eine Einförmigkeit im Dienste. General Washington schlug mir vor, einen Plan für die Errichtung einer Inspektion zu entwerfen, welche System und Uniformität in alle diese Dinge brächte. Ich skizzirte deren mehrere, allein es war außerordentlich schwer, Anordnungen zu treffen, welche Aussichten auf Erfolg hatten, welche ferner die den verschiedenen Staaten angehörigen Offiziere nicht verletzten und endlich mit dem Geiste des Volkes und dessen gut oder schlecht begründeten Vorurtheilen gegen die Fremden nicht in zu offenem Widerspruch standen. Ich war oft genöthigt, Ideen, die mir gut schienen, wieder fallen zu lassen. »Ich bedurfte der Unterweisung und des guten Rathes und war glücklich genug, ein paar Offiziere zu finden, deren treue Hülfeleistung ich nicht genug anerkennen kann. Es waren dies General Greene und die Obersten Laurens und Hamilton. Nachdem ich die letzte Hand an meinen Plan gelegt hatte, theilte ich ihn diesen drei Offizieren mit und verbesserte ihn in der von ihnen vorgeschlagenen Weise, ehe ich ihn dem Obergeneral unterbreitete. Die Zeit war kostbar, und arbeitete ich Tag und Nacht. Ich schlug zuletzt vor:

›Daß sofort ein General-Inspektor anzustellen sei, der Einförmigkeit im Dienste und in der Formirung, dem Exerziren und Manövriren der Truppen einzuführen, der sie im Lager-, und Marsch-, so wie im Wacht-, und Piketdienste zu unterweisen habe. Er solle ferner die Pflichten jedes Offiziers vom Obersten abwärts genau bestimmen, die Art und Weise lehren und festsetzen, in welcher Rapports oder Listen der Mannschaften, Waffen, Montirungsstücke und Feldequipage zu machen sind, und eine überall gleiche Methode der Buchführung angeben, auf Grund deren sowohl die Regiments- und Compagnie-Bücher, als diejenigen des Adjutanten, Zahlmeisters, Quartiermeisters und Zeugmeisters jedes Regiments geführt werden müssen. Dieser Inspektor solle außerdem allmonatlich die Truppen Revue passiren lassen, sie exerziren und mit ihnen manövriren, die Rapports und Bücher prüfen, so wie endlich dem Obergeneral und Kriegsrath einen geschriebenen Bericht über die verschiedenen Zweige seiner Thätigkeit erstatten; daß ferner der General-Inspektor von jeder Division einen Obersten aussuche, dessen Pflicht es sein solle, darauf zu achten, daß die Befehle und Anordnungen, die jener mit Bewilligung des Obergenerals einzuführen für gut befinden sollte, richtig ausgeführt und strikt befolgt werden;

Daß der General-Inspektor zu demselben Zwecke einen Major von jeder Brigade nehme, der dieselben Funktionen in der Brigade ausüben und außerdem sich den Pflichten unterziehen solle, die einem Brigade-Major im Französischen Dienste obliegen. Derselbe solle sodann die Berichte jeglicher Art in Empfang nehmen und sorgfältig prüfen, ehe er sie dem Chef oder Adjutanten des Departements vorlege, an welches sie gerichtet sind, sei es um dem Quartiermeister, Zeugmeister, Zahlmeister oder Commissair. Eben so sollen alle Befehle für die Brigade diesem Offizier eingehändigt werden, damit er sie der Brigade mittheile;

Daß die Obersten Divisions-Inspektoren und die Majore Brigade-Inspektoren genannt werden sollen;

Daß die frühern Brigade-Majore, welche in Nachahmung der Englischen Armee-Einrichtung bloße Adjutanten des Brigade -Generals und meistens unerfahrene junge Leute waren, die kaum eine Wache hätten aufmarschiren sehen, fortan abgeschafft werden sollen, und daß es den Brigade-Generalen anheim gegeben werde, einen Subaltern-Offizier als Adjutanten zu nehmen;

Daß den Divisions-Inspektoren eine Gehaltserhöhung von dreißig Dollars per Monat und den Brigade-Inspektoren von zwanzig Dollars per Monat und ein paar Rationen mehr als den Offizieren von gleichem Range in der Armee, bewilligt werden.‹

Ich fügte zu dem Obigen noch hinzu, daß der General-Inspektor verpflichtet sein sollte, ein militärisches Gesetzbuch zu entwerfen, das, wenn es von dem Obergeneral gebilligt und von dem Congreß anerkannt sein würde, als Kriegs-Artikel für die Armee gelten sollte.

Dieser Plan wurde von Washington genehmigt und dem Congresse übersandt. Ein paar Tage später, als ich ihn abgegeben hatte, fragte mich der Obergeneral, ob ich Willens wäre, die Ausführung meiner Vorschläge auf mich zu nehmen. Unbedingt, sagte ich, wenn Sie mir die für eine so wichtige Aufgabe erforderliche Hülfe und Stutze gewähren wollen.

Unter den vielen Verpflichtungen, welche ich dem General Washington schulde, werde ich es immer als eine der größten betrachten, daß er mir so tüchtige Offiziere zur Einführung meines Planes aussuchte. Ich kann daher nur mit ganz besonderer Genugthuung wiederholen, daß meine ersten Divisions-Inspektoren, die Obersten Williams, Brooks, Fleury, Sprout, Barber, Harmer, Davies, Scammel und Ternant, so wie meine Brigade-Inspektoren, Major Fish, English und Andere, in jeder Europäischen Armee als ganz ausgezeichnete Offiziere geschätzt werden würden.

Ich begann meine Thätigkeit damit, daß ich 120 Mann aus der Linie aussuchte und daraus eine Stabswache für den Obergeneral bildete. Ich machte sie zur militärischen Schule der ganzen Armee. Ich exerzirte sie selbst zweimal des Tages und um jenes Englische Vorurtheil zu entfernen, welches die Offiziere das Exerzieren eines Rekruten als eine unter ihrer Würde stehende Beschäftigung und als die Pflicht der Unter-Offiziere betrachten ließ, so nahm ich selbst oft das Gewehr in die Hand, um den Leuten die Griffe und die Handhabung ihrer Waffe zu zeigen. Alle meine Inspektoren mußten jedes Mal dem Exerziren beiwohnen. Wir marschirten zusammen, schwenkten, formirten uns und brachen ab und nach vierzehn Tagen schon verstand meine Compagnie ganz vortrefflich das Gewehr zu tragen und zu marschiren, hatte eine militärische Haltung und führte sogar schon einige kleine Manöver mit ausgezeichneter Präcision aus. Ich muß gestehen, daß sie sehr wenig von der Handhabung der Waffen verstanden und will die Gründe angeben, die mich veranlaßten, in meinen Instruktionen von der in den Europäischen Armeen herrschenden Regel abzuweichen. Zuerst hatte ich keine Zeit anders zu handeln. In unseren Europäischen Armeen wird ein Mann, der schon seit drei Monaten exerzirt, noch Rekrut genannt, hier mußte ich nach zwei Monaten den Soldaten fix und fertig ausgebildet haben. In Europa hatten wir eine große Zahl von Evolutionen, die in der Ausführung recht schön aussahen, die aber meines Erachtens durchaus unnöthig sind, sobald es auf Erstrebung eines wichtigeren Zieles ankommt. In Preußen z. B. ist es ein Gegenstand des größten Stolzes, in einer Minute öfter zu laden und zu feuern; die Folge davon ist, daß die Leute, wenn sie scharfe Patronen gebrauchen, oft schlecht laden. Eine Compagnie wird dort lange im Pelotonfeuern geübt, und je mehr dieses Feuern dem Lärm einer Kanonade gleicht, desto besser ist es. Ich habe aber oft bemerkt, daß die Preußen nach dem ersten Angriff in einer Schlacht das Pelotonfeuer nicht fortsetzen, daß sie dann nicht mehr so oft in der Minute laden und nicht besser als die Russen, Oesterreicher oder Franzosen schießen. Ich lehrte nichtsdestoweniger meine Compagnie das Gewehr zu tragen, zu präsentiren, zu laden, zu zielen, im Peloton zu feuern, mit dem Bayonnet anzugreifen und Wache zu stehen. Ein anderer Grund, der mich veranlaßte, Anfangs dem ewigen Exerziren mit dem Gewehr nur wenig Aufmerksamkeit zu schenken, bestand darin, daß meine Vorgänger damit begonnen hatten; daß sie in Folge dessen, ehe sie nur die ersten Schwierigkeiten überwinden konnten, ihren Einfluß verloren und gezwungen waren, den Dienst zu verlassen, und daß auf diese Weise den jungen Offizieren die Gelegenheit entging, die praktischen Vortheile dieses Elementar-Unterrichts zu würdigen. Diese Gründe bestimmten mich, das alte System umzukehren und statt mit dem Gewehr- und Peloton-Exerziren anzufangen und mit dem Manövriren zu schließen, mit letzterem zu beginnen und mit ersterem aufzuhören.

Ich erinnere mich, daß ich zu Anfang meines zweiten Feldzuges mit einem Theile der Armee ein Manöver ausführte, das ganz vortrefflich von Statten ging. Nachdem es vorüber war, kamen die Offiziere zu mir, um, wie es gewöhnlich in solchen Fällen zu geschehen pflegte, sich meiner Anerkennung zu versichern. Sie glaubten, daß sie sich als ganz vollendete Taktiker bewährt hätten und waren nicht wenig erstaunt, als ich ihnen erklärte, daß es jetzt an der Zeit wäre, mit dem ABC anzufangen, daß wir die Leute zuerst einzeln, dann zu sechs und zuletzt in Zügen exerziren und sie dann lehren müßten, ihre Gewehre schnell und genau zu gebrauchen und so fort, bis wir sagen könnten, sie hätten etwas gelernt. Niemand machte eine Einwendung, und ich hatte, ohne daß ich gesehen wurde, die Freude zu sehen, daß Oberst und Offiziere ihre Leute Mann für Mann exerzirten. Ich glaube, ich würde nie Erfolg gehabt haben, wenn ich den Versuch dazu in Valley Forge gemacht hätte.

Ein anderer Grund, der mich bestimmte, so viel als möglich vom Gewehr-Exerziren auszulassen, lag darin, daß die Armee kein besonderes Reglement oder bestimmte Regeln über diesen Gegenstand hatte. Jeder Oberst hatte sein eigenes System, der Eine das Preußische, der Andere das Französische, der Dritte das Englische und diejenigen, welche sich die größte Mühe bei ihrer Arbeit gegeben hatten, hingen natürlich am Meisten an ihrem eigenen Werke. Hätte ich damit angefangen, ihre Arbeiten zu verwerfen oder ganz zu zerstören, so würden sie mich verabscheut haben. Ich schenkte daher, ehe ich ihr Vertrauen gewonnen hatte, diesem Gegenstand lieber keine besondere Aufmerksamkeit. Diese Bedenken hinderten mich indessen nicht in Bezug auf das Manövriren. Damit hatte sich vor mir noch Niemand befaßt, und glücklicher Weise gab es kein einziges Englisches Buch, das die Grundzüge der Taktik enthalten hätte.

Um jedoch den Faden meiner Erzählung wieder aufzunehmen, so machte ich meine Compagnie zu dem, was sie sein sollte, zu einem Muster für die ganze Armee. Sie war gut uniformirt, ihre Waffen waren sauber und in bester Ordnung und ihre äußere Erscheinung höchst respektabel. Ich ließ sie in Gegenwart aller Offiziere der Armee in Parade aufmarschiren und gab ihr auf diese Weise eine Gelegenheit, Alles zu zeigen was sie konnte und wußte. Meine Leute formirten sich in Colonne, entfalteten sich, griffen mit dem Bayonnet an, wechselten Front u. s. w. Diese Manöver waren für die jungen Offiziere und Soldaten ein ganz neues Schauspiel. Ich erreichte aber damit meinen Zweck und sandte meine Inspektoren als Apostel aus, welche der neuen Lehre jetzt überall schnellen Eingang verschafften. Ich benutzte jeden Augenblick meine Operationen im vergrößerten Maßstabe auszuführen. Ich wandte mein System auf Bataillone, später sogar auf ganze Brigaden an und in weniger als drei Wochen führte ich vor dem Obergeneral mit einer ganzen Division schon einzelne Manöver aus.«

Steubens Angaben über seine Thätigkeit werden von Augenzeugen bestätigt, welche unter ihm wirkten, oder seine Arbeiten in nächster Nähe beobachteten. Wir theilen hier nur das von ihren Briefen oder Berichten mit, was zur Ergänzung des von Steuben entworfenen Bildes dient.

Oberstlieutenant L. Fleury, der als Unter-Inspekteur die Marylander Brigade einübte und hier Steubens Anweisungen genau ausführte, schreibt unterm 5. April 1778 in einem Briefe aus Wilmington in Delaware Folgendes: Steuben's Manuscript-Papiere, Band I.

»Um sechs Uhr Morgens zieht die Division zum Exerziren aus und werden die Soldaten in Sektionen von je acht im gewöhnlichen Marsche geübt. Ein Unteroffizier marschirt zu ihrer Rechten ein wenig vorauf, giebt Richtung und Schritt an und übt sie dann im Marschiren mit oder ohne Musik oder Tambours. Dies Exerziren dauert zwei Stunden. Um neun Uhr findet die Parade statt, und werden dem Soldaten dann die Anfangsgründe in der Handhabung seiner Waffe beigebracht. Um zwölf Uhr exerziren die Subaltern- und Unter-Offiziere. Von drei bis fünf Uhr Nachmittags übt sich die Division wieder gerade so wie am Morgen. Um sechs Uhr Abends kommen die Adjutanten zu mir und gebe ich ihnen theoretischen Unterricht im Manövriren und der Art des Commandirens. Dies, mein General, ist die Eintheilung meines Tages. Ich bin mit dem guten Willen und Eifer der Offiziere sehr zufrieden, und wenn Alles so fortgeht, so werden Sie es bei unserer Rückkehr in's Lager hoffentlich ebenfalls sein. Die Division ist stärker als 2000 Mann, und werden wenigstens 1500 davon jeden Tag exerzirt; allein da wir zu drei Viertel Rekruten haben, so geht es etwas langsam. Indessen hoffe ich bei gehöriger Sorgfalt sie zeitig genug auszubilden.«

»Wir haben« – fährt Fleury am 13. Mai in seinem Berichte fort – »bisher nur im Peloton und ohne Gewehre exerzirt; allein Ihre bevorstehende Ankunft giebt mir Muth und habe ich heute Morgen ein Bataillon aus acht Zügen zu drei Gliedern mit je zwei Offizieren und zwei Unteroffizieren gebildet. Wir taufen es Lehrbataillon und will ich versuchen, es dahin zu bringen, daß es sich vor Ihnen formirt und wieder auflöst. Die Parade wird übrigens nicht zu glänzend ausfallen. Es fehlen uns 500 Gewehre und eben so viel Röcke, die Meisten haben weder Hemd noch Schuhwerk und als einziges Kleidungsstück blos eine wollene Decke vom Halse über die Schulter herabhängen.«

»Der Baron Steuben« – so schreibt General Alexander Scammel am 8. April 1778 von Valley Forge aus an General Sullivan Ich bin Herrn Thomas C. Amory junior in Boston, dem Enkel und Biographen des Generals Sullivan, für die freundliche Mittheilung dieses interessanten Briefes aus seinen handschriftlichen Schätzen verbunden. – »geht uns mit einem wahrhaft edlen Beispiel voran. Er hat die Disciplin der Armee übernommen, und bewährt sich darin als einen vollendeten Meister, von den großen Manövern an bis auf die kleinsten Einzelheiten des Dienstes. Offiziere und Soldaten bewundern gleichmäßig einen so ausgezeichneten Mann, der unter dem großen preußischen Monarchen eine hervorragende Stellung einnahm und sich jetzt trotzdem mit einer nur ihm eigenen Würde herabläßt, selbst einen Haufen von zehn bis zwölf Mann als Exerzirmeister einzuüben. Unter seiner Leitung macht Disciplin und Ordnung ganz außerordentliche Fortschritte in der Armee.«

Die interessanteste Schilderung von Steuben's Energie und dem Erfolg seines Systems giebt uns übrigens William North, sein Lieblings-Adjutant und treuer Freund. Er sagt in seiner biographischen Skizze: Der volle Titel dieser höchst seltenen nur sechzehn Seiten starken Flugschrift lautet: › A biographical Sketch of the life of Baron Steuben, interspersed with a variety of anecdotes and historical facts relating to the Revoloutionary War.‹ Jahreszahl und Druckort sind nicht angegeben. Bowen hat beinahe die Hälfte seiner Biographie Steubens ( in der Library of American Biography) Band IX. der obigen Broschüre entnommen. Da sie nirgend mehr zu haben ist, so habe ich sie ebenfalls stark benutzt. Wo in Zukunft North citirt wird, ist diese Broschüre gemeint.

»Wahrhaftig, es war ein hartes Stück Arbeit! Ohne ein Wort Englisch zu verstehen, setzte er es durch, freigeborene Männer, die zur Erhaltung ihrer Freiheit sich vereinigt hatten, nicht allein zur Unterwerfung unter sein Commando zu bringen, sondern sogar zum blinden Gehorsam zu zwingen. Ein Wort, ein Blick von ihm reichte hin, seinen Befehlen die sofortige Ausführung zu sichern. Nur ein tapferer, tugendhafter Wille, nur ein Mann, der von edlem Ehrgeiz beseelt war, konnte die tausendfachen, ihm im Wege stehenden Hindernisse überwinden. Bei der ersten Parade geriethen die Truppen, die das Commando nicht verstanden und bei einer ihnen ungewohnten Schwenkung, trotz der Führung ihres Instrukteurs nicht sogleich folgen konnten, auf einmal in große Verwirrung. In diesem Augenblicke trat Benjamin Walker, damals Hauptmann im zweiten New-Yorker Regiment, vor die Front und bot seine Dienste als Uebersetzer und Dollmetscher der Befehle Steuben's an. ›Wenn ich einen Engel vom Himmel hätte herabsteigen sehen,‹ pflegte der Baron später zu sagen, ›so würde ich mich nicht mehr haben freuen können.‹ Es gab allerdings damals wenig Offiziere in der Armee, die das Englische und Französische mit gleicher Geläufigkeit sprachen, es konnten ihm darum auch nur Wenige bei der Einführung und Ausbildung seines Systems behülflich sein. Walker wurde von diesem Augenblicke an sein Adjutant und blieb bis an's Ende von Steuben's Leben dessen theurer und werthgeschätzter Freund. Es wurden übrigens von Anfang an keine Zeit, keine Mühe und Beschwerden gespart, um ein so wichtiges Ziel, wie die militärische Unterweisung der Truppen möglichst schnell zu erreichen. Während des ganzen Feldzuges stand der Baron, wenn die Truppen zu manövriren hatten – und das kam fast alle Tage vor – um 3 Uhr Morgens auf. Während sein Diener ihn frisirte, rauchte er eine Pfeife Tabak und trank eine Tasse Kaffe. Bei Sonnenaufgang stieg er zu Pferde und galoppirte mit oder ohne Gefolge zum Paradeplatz. – Es wurde nie auf einen säumigen Adjutanten gewartet und die, welche später kamen, wünschten, sie hätten lieber nicht geschlafen! Kein Wort des Vorwurf's oder Tadels fiel von Steuben's Lippen, wenn die Pflicht vernachlässigt oder die militairische Etikette verletzt war; ein Blick von ihm war mehr als genügend, den Schuldigen zu strafen. Man hat oft gefragt, warum unsere Truppen zuerst mit den großen Manövern anfingen? Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich die Letzteren groß nenne; allein uns, die wir damals sehr unwissend waren, erschienen sie sehr groß. Bland's Exerzitien und Sümme's militärischer Führer waren die einzigen armseligen Quellen, aus denen wir schöpften. Die obige Frage ist aber dahin zu beantworten, daß wir in der That keine Zeit hatten, das Detail des Dienstes zu lernen, da die Truppen jeden Augenblick auf eine Schlacht gefaßt sein mußten, daß es aber auf dem Schlachtfelde von der ersten und größten Wichtigkeit war, Colonnen zu formiren oder abzubrechen und die Front zu wechseln, daß es also vor Allem darauf ankam, den Soldaten Freude an ihrem Berufe, Vertrauen in ihre Geschicklichkeit und in die Ausführung selbst verwickelter Evolutionen beizubringen. Aber selbst wenn wir Zeit in Hülle und Fülle gehabt hätten, so würden unsere Offiziere, welche das schlechte Beispiel der Engländer nachahmten, sich durch Ausbildung der Rekruten etwas zu vergeben geglaubt haben. Die Zeit wird bald kommen, sagte Steuben einst zu mir, wo man verständiger und besser denken wird, und dann wollen wir uns mit dem ABC der Kriegskunst abgeben. Diese Prophezeiung erfüllte sich wörtlich. Ungefähr ein Jahr darauf bemerkte mir der Baron eines Tages: Sehen sie dort Ihren Obersten jenen Rekruten exerziren? Ich danke Gott für diese Sinnesänderung!«

Die Disziplin der Truppen machte täglich bessere und stetige Fortschritte. Steuben genoß das Vertrauen der Offiziere und Soldaten im höchsten Grade, und was er nur immer vorschlug und anordnete, ward mit derselben Präcision ausgeführt, als wenn es der Obergeneral befohlen hätte. Obgleich er nur ein Freiwilliger war und keinen bestimmten Rang in der Armee bekleidete, so konnte er sich dennoch eines größern Ansehens und größerer Autorität rühmen, als mancher General.

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