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Leben des Amerikanischen Generals Friedrich Wilhelm von Steuben. Band I

Friedrich Kapp: Leben des Amerikanischen Generals Friedrich Wilhelm von Steuben. Band I - Kapitel 7
Quellenangabe
typebiographie
authorFriedrich Kapp
titleLeben des Amerikanischen Generals Friedrich Wilhelm von Steuben. Band I
publisherVerlag von Duncker & Humblot
year1858
correctorJosef Muehlgassner
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Fünftes Kapitel

Der Flamand machte eine sehr stürmische und gefährliche Reise und brauchte sechs und sechszig Tage, bis er am 1. December 1777 im Hafen von Portsmouth im Staate Neu-Hampshire ankam. Er hatte zwei heftige Stürme zu bestehen, den einen im Mittelländischen Meere und den andern an der Küste von Neu-Schottland. Zu diesen Unannehmlichkeiten kam noch, daß das Vordertheil des theilweise mit Pulver beladenen Schiffes drei Mal in Brand gerieth und daß eine Empörung unter dem Schiffsvolke die vierzehn Passagiere und Offiziere zwang, sich gegen vier und achtzig Aufrührer in ein Gefecht einzulassen, um sich der Rädelsführer zu bemächtigen. Schloezer's Briefwechsel VII. p. 327 u. 328.

Steuben hatte in Frankreich gehört, daß die amerikanische Armee die Farben der englischen Uniform angenommen hätte. Als er deshalb mit seinem Secretair Duponceau in Portsmouth in scharlachrothem Fracke mit blauen Aufschlägen an's Land stieg, wurden sie anfänglich für Feinde gehalten, bis sie sich als Freunde zu erkennen geben konnten.

»So widerwärtig meine Reise war,« schreibt Steuben seinem Hechinger Freunde von Frank, »so schmeichelhaft war meine Ankunft in Amerika. Bevor wir in den Hafen einliefen, sandte ich meinen Sekretair in einer Schaluppe an den Commandanten, um ihn meine Ankunft wissen zu lassen. General Langdon, welcher das Commando hatte, kam selbst an Bord des Schiffes und holte mich und meine Offiziere in seinem Bote ab. Bei meiner Einfahrt in den Hafen wurden die Kanonen von der Festung und von allen Schiffen, so im Hafen lagen, abgefeuert. Etliche Tausend Einwohner bewillkommneten mich bei meinem Aussteigen an's Land auf die freundschaftlichste Art. Herr Langdon führte mich in sein Haus, wo wir zu Mittag speisten, während welcher Zeit alle Einwohner der Stadt zusammen liefen, wie um ein Rhinozeros zu sehen.«

Bei diesem Essen hörten Steuben und sein Gefolge zum ersten Mal von der Gefangennahme Bourgoyne's und seiner ganzen Armee; sie begrüßten diese freudige Nachricht als ein gutes Omen für die Zukunft, meldete sie doch den ersten bedeutenden Sieg der amerikanischen Waffen! Während seines Aufenthalts in Portsmouth schrieb Steuben an den Congreß und General Washington und bot ihnen unter Beischluß der Empfehlungsbriefe von Beaumarchais, Franklin und Deane, seine Dienste als Freiwilliger an. Wir geben diese beiden Schreiben unverkürzt wieder, weil sie am Besten den Geist, der Steuben beseelte, charakterisiren.

»Der einzige Beweggrund,« – schrieb er am 6. December 1777 an den Congreß Journals of Congress XIII., p. 114. – »der mich in diesen Welttheil führte, ist der Wunsch, einem Volke zu dienen, das einen so edlen Kampf für seine Rechte und Freiheit kämpft. Ich verlange weder Gelder noch Titel. Ich bin aus dem entferntesten Winkel Deutschland's hierher gekommen und habe dort Amt und Stellung aufgegeben. Ich habe Ihren Agenten in Frankreich keine Bedingungen gestellt, noch werde ich Ihnen welche stellen. Mein einziger Ehrgeiz besteht darin, bei Ihnen als Freiwilliger einzutreten, mir das Vertrauen Ihres commandirenden Generals zu erwerben und ihn in allen Feldzügen ebenso zu begleiten, wie ich während des siebenjährigen Krieges dem Könige von Preußen gefolgt bin. Zwei und zwanzig Dienstjahre in einer solchen Schule verbracht, scheinen mir den Anspruch auf den Namen eines erfahrenen Offiziers zu geben, und wenn ich einige Talente in der Kriegskunst besitze, so werden sie mir um so werther sein, als ich sie im Dienste einer solchen Republik verwenden kann, wie ich die Vereinigten Staaten noch zu sehen hoffe. Ich möchte gern mit meinem Blute die Ehre erkaufen, daß mein Name eines Tages unter den Vertheidigern Ihrer Freiheit genannt würde. Wenn Sie mein Anerbieten freundlich annehmen, so bin ich befriedigt, denn ich verlange keine andre Gunst als unter Ihre Offiziere aufgenommen zu werden. Ich wage zu hoffen, daß Sie meine Bitte gewähren und mir Ihre Befehle nach Boston senden werden, wo ich Ihnen entsprechend meine Maßregeln treffen werde.«

An Washington schrieb Steuben zu gleicher Zeit: Washington's Writings by Jared Sparks, V., 528.

»Die einliegende Abschrift eines Briefes, dessen Original ich seiner Zeit Ew. Excellenz persönlich zu überreichen die Ehre haben werde, wird Ihnen die Motive angeben, die mich zur Reise hierher veranlagten. Ich für meinen Theil habe nur noch zu bemerken, daß es der Gegenstand meines höchsten Ehrgeizes ist, Ihrem Lande jeden in meiner Macht stehenden Dienst zu erweisen und durch Betheiligung am Kampfe für Ihre Freiheit den Titel eines amerikanischen Bürgers zu verdienen. Wenn mir mein früherer Rang hindernd in den Weg treten sollte, so möchte ich lieber als Freiwilliger unter Ew. Excellenz dienen, als den verdienten Offizieren einen Anlaß zur Unzufriedenheit bieten, welche sich bereits unter Ihnen ausgezeichnet haben. Fürchtete ich nicht, Ihre Bescheidenheit zu verletzen, so würde ich noch hinzufügen, daß, nachdem ich unter Friedrich dem Großen die Kriegskunst erlernt habe, Ew. Excellenz der einzige Feldherr ist, unter dem ich meinen Beruf als Krieger weiter zu verfolgen wünschte. Ich werde in diesen Tagen nach Boston gehen, wo ich dem Congreßmitgliede Herrn Hancock meine Briefe zu überreichen gedenke, und werde dort Ihre und des Congresses Befehle erwarten.«

Steuben verließ Portsmouth am 12. December 1777 und reiste zu Lande nach Boston, wo er zwei Tage später ankam und eben so herzlich als am ersteren Orte empfangen wurde. Er traf hier den berühmten John Hancock, der so eben seine Stelle als Präsident des Congresses niedergelegt hatte, und empfing Washington's Antwort auf seinen Brief. Der Ober-General forderte Steuben darin auf, sofort nach York in Pennsylvanien zu reisen, wo der Congreß damals seine Sitzungen hielt, da nur dieser Körper befugt wäre, in Unterhandlungen mit ihm zu treten. Zugleich theilte Hancock Steuben einen Befehl des Congresses mit, wonach für ihn und sein Gefolge die erforderlichen Bequemlichkeiten zur Reise nach York beschafft werden sollten. Hancock selbst unterzog sich der Besorgung; er kaufte Wagen, Schlitten und Handpferde und gab ihm außer den erforderlichen Reit- und Wagenknechten einen Commissär mit, der auf dem Wege Quartier und Fourage zu besorgen hatte.

Die Einrichtung seiner Equipage und das Abwarten der Antwort Washington's hielt Steuben beinahe fünf Wochen in Boston auf. Hancock machte ihn mit Samuel Adams, John Adams und den übrigen dortigen Berühmtheiten der Revolution bekannt. Duponceau, der Steuben überall hin als Dolmetscher begleitete, erzählt in seinen bis jetzt noch unveröffentlichten Briefen einige ganz amüsante Anekdoten, welche die Zeit und hervorragenden Personen gut charakterisiren und deren eine deshalb hier einen Platz finden möge. »Einst bei einem Mittagessen,« – sagt er – »das Gouverneur Hancock zu Ehren von Steuben gab, saß ich neben Samuel Adams und nannte ihn aus Versehen Herr John Adams!« »Mein Herr,« sagte er, mich streng anblickend, »es wäre mir lieb, wenn Sie sich merkten, daß ein himmelweiter Unterschied zwischen Samuel Adams« – hier schlug er sich auf die Brust und legte einen starken Nachdruck auf das Wort Samuel – »und Herrn John Adams besteht.« »Diese Bemerkung,« fährt Duponceau fort, »deckte mir die kleinen Eifersüchteleien auf, die damals unter den großen Männern des Tages herrschten, und ich war sehr auf meiner Hut, mehr fremde Personen mit ihren Vornamen anzureden.« Steuben verließ Boston am 14. Januar 1778. Duponceau giebt uns eine unterhaltende Beschreibung von der Reise nach York.

»Unsre Gesellschaft,« erzählt er, »bestand aus Baron Steuben und seinem Diener, Carl Vogel, einem jungen Burschen, den er mit aus Deutschland gebracht hatte, Herrn von Francy, Beaumarchais' Agenten, und mir. Wir reisten meist zu Pferde. Ungeachtet der erst vor einigen Monaten erfolgten Gefangennahme von Bourgoyne befanden sich die Vereinigten Staaten zu jener Zeit in einer sehr kritischen Lage. Der Feind war im Besitz von Rhode Island, New-York und Philadelphia und hatte ein gut organisirtes und disciplinirtes Heer, das dem unsrigen in jeder Beziehung überlegen war. Unsere Armee, wenn der Ausdruck nicht zu hochtrabend klingt, lagerte in Valley Forge, in Mitten eines strengen Winters ohne Kleider, ohne Provisionen, ohne regelmäßige Disciplin, kurz entblößt von Allem außer von Muth und Patriotismus, und was noch schlimmer als alle diese Uebelstände war, Unzufriedenheit herrschte im Lande und gewann täglich mehr Boden.

Unter diesen traurigen Verhältnissen gab man Steuben den Rath, sich so weit als möglich, von der Küste zu halten, damit er nicht von den Feinden oder Tories überrascht würde, welche von Newyork und Philadelphia aus häufige Streifpartien in's Land machten. Wir richteten deshalb unsern Cours westlich, durchschnitten die Staaten Massachusetts, Connecticut, Newyork und Pennsylvanien und brauchten etwa drei Wochen zu einer Reise von vierhundert und zehn Englischen Meilen, die heute (1836) nicht so viel Tage erfordern würde.«

Die Haupt-Ruhepunkte auf ihrem Wege waren am 18. Januar Springfield, am 20. Hartford, am 24. Fischkill, am 30. Bethlehem, am 2. Februar Reading, am 4. Manheim, bis sie am 5. Februar endlich York erreichten.

»Auf unserer Reise,« sagt Duponceau, »begegneten uns nur wenige Abenteuer; ich will einige davon erzählen, da sie zugleich den Geist der Zeit charakterisiren. Wir waren ganz besonders dagegen gewarnt worden, in einem in Worcester-Cunty in Massachusetts, nicht weit von der Gränze von Connecticut gelegenen Wirthshause abzusteigen. Man hatte uns gesagt, der Wirth wäre ein wüthender Tory und würde sich entweder weigern uns aufzunehmen oder uns sehr schlecht behandeln. Wir beschlossen demnach wenn irgend möglich jenen Ort zu vermeiden. Unglücklicher Weise befanden wir uns aber nur in sehr geringer Entfernung davon, als ein heftiger Schneesturm ausbrach, der uns nöthigte, in demselben Hause Schutz zu suchen, das wir nicht berühren wollten. Man hatte uns ganz recht berichtet. Der Wirth erklärte uns sofort bei unserem Eintritt, daß er uns nicht beherbergen könnte, er hätte weder Betten noch Brod, weder Fleisch noch Milch; Alles, was er uns anbieten könnte, wären die nackten Wände seines Hauses. Vergebens machten wir Einwendungen und baten; er blieb unbeugsam. Endlich wurde Steuben ungeduldig und geriet in einen schrecklichen Zorn. Nachdem er seinen ganzen Vorrath von deutschen Flüchen erschöpft hatte, befahl er seinem Diener ebenfalls auf deutsch, ihm seine Pistolen zu bringen. Dies geschah. Steuben setzte darauf dem erschrockenen Wirth die Waffen auf die Brust und wiederholte die vorher gestellten Fragen: ›Haben sie Brod, Fleisch, Milch und Betten?‹ Jetzt lauteten die Antworten so befriedigend als wir sie nur wünschten. Wir erhielten gute Betten, ein gutes Nachtessen und unsere Pferde wurden vortrefflich gefüttert. Am andern Morgen nach dem Frühstück nahmen wir höflichen Abschied von unserm Wirthe, der, wenn auch ein Tory, doch das Continental-Geld nicht ausschlug, in welchem wir ihn reichlich bezahlten.«

»Eine andre Anekdote, deren ich mich gerade erinnere, ist bezeichnend für die patriarchalischen Sitten jener Zeit. Als wir durch den Staat Connecticut reisten, mußten wir in einem Hause übernachten, wo wir uns, Alle auf dem Boden in einem und demselben Zimmer mit der Familie, Einige in Federbetten, Andere auf wollene Decken niederlegten. Es lagen da Männer, Frauen und Kinder bunt durcheinander und schliefen ganz ruhig ein. Uebrigens herrschte der äußerste Anstand und Keiner von uns wagte sich über dies ungewohnte Schauspiel lustig zu machen. Es lag eine solche Unschuld und Einfachheit in der Art und Weise, wie diese Anordnungen getroffen wurden, daß Niemand von uns nur den Gedanken an eine Unzartheit in sich aufkommen ließ, und als wir uns am Morgen eines leisen Lächelns über die Einfalt von Sitten nicht erwehren konnten, an die wir so wenig gewohnt waren, so ward doch nichts gegen die Moralität dieser guten Leute gesagt oder gedacht, die uns, so gut sie konnten, bewirthet hatten.«

»Eine große Zahl von Wirthshäusern in Stadt und Land trug ein Schild ›Zum König von Preußen,‹ der damals namentlich unter den Deutschen sehr beliebt war. Ich erinnere mich, daß in Manheim in der Kneipe, wo wir zu Mittag speisten, Steuben mit vielsagendem Blicke einen vergilbten an der Wand hängenden Kupferstich zeigte, auf welchem ein Preuße dargestellt war, der ohne viel Federlesens einen Franzosen zu Boden schlägt. Darunter stand als passendes Motto: ›Ein Franzose für einen Preußen – blos ein Mosquito‹ (Mücke). Der gute Baron schien sich ganz köstlich über dies Bild zu freuen, und mit ihm lachte der deutsche Wirth, dem es gehörte, um die Wette.« Steuben blieb in York bis zum 19. Februar 1778. »Der Kongreß der Vereinigten Staaten« fährt Duponceau fort, »war zu jener Zeit nicht mehr jene berühmte Versammlung, deren Beredsamkeit und Weisheit, deren große Tugend und unbeugsamer Patriotismus die Welt mit Bewunderung erfüllt hatte. Seine Zahl war auf ungefähr die Hälfte von denen zusammen geschmolzen, welche die Unabhängigkeits-Erklärung unterschrieben hatten; mit Ausnahme Weniger, waren fast alle hervorragende Männer von der Bühne abgetreten. Die Maßregeln des Congresses waren fortan schwach und schwankend, und die Parteizänkereien schienen das Herannahen eines allgemeinen Unglücks anzudeuten. Der Feind war im Besitz unserer Hauptstadt, die Armee, die wir ihm entgegen zu stellen hatten, war hungrig, nackt und entblößt von Allem. Noch hatte keine fremde Regierung unsere Unabhängigkeit anerkannt. Alles um uns herum sah finster und düster aus. Der einzige Lichtstrahl, der durch diese Dunkelheit brach, war die Gefangennahme Bourgoyne's, welche die Herzen derer wieder begeisterte, die sonst am Vaterland vielleicht verzweifelt hätten. Dieser herrliche Sieg hätte indessen beinahe die schlimmsten Folgen gehabt. General Gates war der Held des Tages, Saratoga war wie später New-Orleans die Losung der Unzufriedenen. Selbst im Congresse bildete sich eine Partei, welche den Ueberwinder Bourgoyne's zum Oberbefehlshaber unserer Armee erheben wollte. Allein die erhabene Gestalt Washington's erhob sich stolz und Ehrfurcht gebietend aus dem Lager von Valley Forge und erfüllte die Verschwörer mit Entsetzen. Mit Ausnahme von ein paar Parteihäuptlingen ward er von der Armee und dem ganzen Volke angebetet, die Verschwörung wurde entdeckt und der Plan selbst ohne Kampf vereitelt. Ohne irgend eine Anstrengung oder Einmischung seinerseits und durch die bloße Macht seines Charakters stand Washington stark und unerschüttert in der Mitte seiner Feinde und brachte sie durch seinen bloßen Blick zum Stillschweigen.

Dies war die Lage der Dinge, als wir in York ankamen. Die Parteien standen einander mit der größten Erbitterung gegenüber. Da indessen der Congreß seine Sitzungen bei verschlossenen Thüren hielt, so ward das Land nicht so sehr von ihrem Zanke berührt, als es sonst wohl der Fall gewesen sein würde. Es gab übrigens auch außerhalb der Congreßhallen Unzufriedene genug, die sich über den König ›Cong‹ (Congreß) und das ›Bündel Könige‹ lustig machten; indessen war die große Masse des Volkes immer noch zu Gunsten der Revolution und die Presse wagte nicht, das leiseste ihr feindselige Wort zu veröffentlichen.

Meinem Herrn und Freunde war sein Ruf nach York vorausgegangen. Er wurde von Allen aufs zuvorkommendste aufgenommen und ich erinnere mich sehr wohl, daß namentlich General Gates ihm ganz besonders den Hof machte und ihn selbst einlud, sein Haus als sein eigenes zu betrachten, welche Einladung Steuben indessen kluger Weise ablehnte.« Soweit Duponceau.

»Empfangen Sie meinen herzlichen Dank« – schrieb Steuben an John Hancock einen Tag nach seiner Ankunft in York Steuben's Manuscript-Papiere Band XI. – »für die vielen Beweise von Freundschaft, die Sie mir während meines Aufenthalts in Boston gegeben haben. In diesem Augenblicke genieße ich ihre guten Wirkungen, indem ich mir die Freiheit genommen habe, mich in einem Zimmer Ihres hiesigen Hauses einzuquartiren. Meine Reise war außerordentlich beschwerlich; allein die gute Aufnahme, die mir hier Seitens des Congresses und des Generals Gates zu Theil geworden ist, hat mich schnell die hinter mir liegenden Unbequemlichkeiten vergessen machen. Jetzt, mein Herr, bin ich ein Amerikaner und ein Amerikaner für immer, Ihre Nation ist mir jetzt eben so theuer geworden, als mir Ihre Sache schon lange gewesen ist. Sie wissen, daß meine Ansprüche sehr mäßig sind. Ich habe sie einem Ausschusse des Congresses vorgelegt, der mich befriedigt verließ. Auch ich bin zufrieden und werde es noch mehr sein, wenn ich Gelegenheit finden werde, den Vereinigten Staaten alle in meiner Macht stehenden Dienste zu erweisen. Es sind drei Congreßmitglieder dazu ernannt worden, morgen ein Uebereinkommen mit mir abzuschließen. Dies Geschäft wird wenig Zeit erfordern, da ich nichts als das Vertrauen Ihres Obergenerals für mich in Anspruch nehme!«

Das eben erwähnte Comitée des Kongresses bestand aus dem Dr. Witherspoon, der allein der Französischen Sprache mächtig war und deshalb die Verhandlungen leitete, so wie aus den Herren Henry aus Maryland und Thomas Mc. Kean. Sie machten Steuben am Tage nach seiner Ankunft ihre Aufwartung und fragten ihn, ob er bereits einen Vertrag mit ihren Agenten in Paris abgeschlossen hätte und unter welchen Bedingungen er Willens wäre, in die Dienste der Vereinigten Staaten zu treten? Steuben erwiederte, daß er mit Franklin und Deane keinen Kontrakt gemacht hätte und daß er weder Rang noch Gehalt anzunehmen beabsichtige, daß er dagegen als Freiwilliger sich der Armee anzuschließen und diejenigen Dienste zu thun wünsche, deren ihn Washington für fähig halte. Er fügte hinzu, daß er kein anderes Vermögen besessen hätte als ein jährliches Einkommen von etwa fünfhundert und achtzig Louisd'ors, welches ihm aus seinen Aemtern und Ehrenstellen in Deutschland erwachsen, daß er dieselben nur aus dem Grunde aufgegeben, um hierher zu kommen und daß er in Anbetracht dessen erwarte, daß die Vereinigten Staaten, so lange er in deren Diensten wäre, seine Ausgaben bezahlen würden. Sollte übrigens Amerika seine Unabhängigkeit nicht behaupten können, oder sollte er, Steuben, in seinen Bemühungen, den Vereinigten Staaten zu dienen, erfolglos sein, so würde er dieselben von jedweder Verbindlichkeit gegen ihn entbinden. Wenn aber andererseits die Vereinigten Staaten glücklich genug sein sollten, ihre Freiheit zu erkämpfen und wenn seine Anstrengungen mit Erfolg gekrönt werden sollten, so erwarte er nicht allein eine volle Entschädigung für die Opfer, die er behufs seiner Abreise nach Amerika gebracht, sondern auch solche Beweise ihrer Liberalität, wie sie ihnen ihr eigener Gerechtigkeitssinn vorschreiben würde. Steuben schloß damit, daß er bloß Patente für die seiner Person attachirten Offiziere verlangte, und zwar das eines Majors und Adjutanten für Herrn von Romanai, das eines Ingenieur-Hauptmanns für Herrn de l'Enfant. das eines Rittmeisters für Herrn de Pontière und den Rang als Kapitän für seinen Sekretär Duponceau, und daß er endlich, wenn den Vereinigten Staaten diese Bedingungen genehm wären, ihre Befehle erwartete, um ohne Verzug zur Armee zu eilen. American State Papers, Vol. Claims. Washington 1834, p. 11-16.

Das Comitee erklärte sich sehr erfreut darüber, daß Steuben ihnen so edelmüthige Vorschläge gemacht und sein eigenes Glück zu Gunsten der Vereinigten Staaten auf's Spiel gesetzt hätte. Es erstattete in diesem Sinne seinen Bericht. Am folgenden Tage gaben die bedeutendsten Congreßmitglieder ihrem Gaste zu Ehren ein großes Essen, bei dessen Schluß Präsident Laurens ihm mittheilte, daß der Kongreß seine sofortige Abreise in's Lager wünschte und zwar auf Grund folgenden Beschlusses: Journal of Congress, 1778. Vol. IV. p. 27 u. 28.

»Da Baron Steuben, ein General-Lieutenant in fremden Diensten, sich in durchaus uninteressirter und heroischer Weise diesen Staaten als Freiwilliger angeboten hat, so sei es beschlossen, daß im Namen dieser Vereinigten Staaten der Präsident dem Herrn von Steuben den Dank des Congresses aussprechen soll für den Eifer, den er für die amerikanische Sache gezeigt und für das edle Anerbieten, das er ihr mit einen militärischen Talenten gemacht hat, daß er ihn seiner davon in Kenntniß setzen soll, daß der Congreß seine Dienste als Freiwilliger in der Vereinigten Staaten-Armee mit Vergnügen annimmt und daß er ihn ersucht, sobald es ihm thunlich erscheint, nach deren Hauptquartier abzureisen.«

»Der Congreß empfing Steuben mit ganz besonderer Auszeichnung« – sagt Richard Peters, damals Sekretair und später Mitglied des Kriegsrathes (Board of War) in einem Briefe vom 30. Oktober 1785 American State Papers a. a. O. , – »und widmete ihm, soviel ich weiß, mehr Aufmerksamkeit, als je vorher einem Fremden. Man wünschte sich aller Seits Glück zu der Ankunft eines Mannes von seinen militärischen Kenntnissen und seiner Erfahrung, zu einer Zeit, wo der Mangel an Disciplin und Oekonomie in unserer Armee sehr stark gefühlt und bedauert wurde.«

Steuben reiste am 19. Februar 1778 nach Valley Forge ab und kam dort am 23. an. »Auf unsrem Wege kamen wir durch Lancaster« – berichtet Duponceau –, »das damals als die größte Inland-Stadt in den Vereinigten Staaten galt. Da wir gleich nach Mittag dort eintrafen, so machten ein Oberst Gibson und einige andere hervorragende Bürger der Stadt dem Baron Steuben ihre Aufwartung und luden ihn und sein Gefolge für den Abend zu einem, zu Ehren seiner Ankunft zu veranstaltenden Balle ein. Der Baron nahm die Einladung an, und so gingen wir Alle hin. Wir sahen dort die ganze schöne und fashionable Welt von Lancaster und Umgegend versammelt. Steuben war ganz entzückt darüber, daß er sich mit den deutschen Mädchen in seiner Muttersprache unterhalten konnte. Auf den Ball folgte ein gutes Essen, und die ganze Gesellschaft trennte sich nicht vor zwei Uhr Morgens.«

Bei dieser Gelegenheit lernte Steuben auch William North kennen, seinen späteren Adjutanten und Adoptiv-Sohn, mit dem ihn die innigste und treueste Freundschaft bis an sein Ende verband. »Sein Ruhm war ihm vorausgeeilt« – sagt North – »und alle diejenigen, welche sich noch seines würdevollen Eintritt's in den Ballsaal und seines edlen Auftretens, so wie des den Meisten ganz neuen Glanzes des auf seiner Brust prangenden Sternes erinnern, können sich leicht die Gefühle seiner dort gegenwärtigen Landsleute mit ihren Frauen und Töchtern vorstellen, die sich selbst in ihrem Landsmanne geehrt sahen und Gott dankten, daß sie keine Ursache hätten, sich seiner zu schämen.«

»Bei meiner Ankunft im Lager« – schreibt Steuben in dem oben angeführten Briefe – »wurde ich ebenfalls mit mehr Ehrenbezeugungen empfangen, als ich erwartete. General Washington kam mir auf etliche Meilen weit entgegen und begleitete mich nach meinem Quartier, woselbst ich einen Offizier und 25 Mann zur Wache fand; und als ich mir solche verbat, mit dem Beisatze, daß ich bloß als Volontair anzusehen wäre; erwiderte er auf die höflichste Art, daß die ganze Armee mit Vergnügen solche Volontaire bewachen wollte. Er präsentirte mir den General-Major Lord Stirling und verschiedene andere Generäle ... Denselben Tag wurde mein Name der Armee zum Losungswort gegeben und den folgenden Tag rückte dieselbe aus, und General Washington begleitete mich, um die Truppen zu sehen. Mit einem Worte, wenn der Prinz Ferdinand von Braunschweig oder der erste Feldmarschall von Europa an meiner Stelle gekommen wäre, so hätte er nicht mit mehr Ehrenbezeugungen empfangen werden können.« Washington selbst setzte den Congreß am 27. Februar 1778 mit folgenden Worten von Steubens Ankunft in Kenntniß: Washington's Writings V., 244.

»Baron Steuben ist im Lager angekommen. Er scheint ein Edelmann im wahren Sinne des Wortes zu sein, und, soweit ich Gelegenheit hatte, ihn kennen zu lernen, vereinigt er großes militärisches Wissen mit einer bedeutenden Weltkenntniß.«

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