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Leben des Amerikanischen Generals Friedrich Wilhelm von Steuben. Band I

Friedrich Kapp: Leben des Amerikanischen Generals Friedrich Wilhelm von Steuben. Band I - Kapitel 6
Quellenangabe
typebiographie
authorFriedrich Kapp
titleLeben des Amerikanischen Generals Friedrich Wilhelm von Steuben. Band I
publisherVerlag von Duncker & Humblot
year1858
correctorJosef Muehlgassner
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Viertes Kapitel

Für dieses Kapitel sind vorzugsweise benutzt worden: Beiträge zur neueren Geschichte aus dem Britischen und Französischen Reichs-Archive von Friedrich v. Raumer, 3 Bände (1763-1783) Leipzig, Brockhaus 1839; Geschichte des Ursprungs des Französischen Volkes von Eduard Arnd, 3. Band, Leipzig, Brockhaus 1846; Geschichte der Neuzeit von Heinrich Rückert, Stuttgart 1854, und Beaumarchais et son temps par Loménie, Tome 3.

Während Steuben seinem Ziele entgegen eilt und die Eintönigkeit des Schiffslebens durch mathematische Berechnungen, das Einexerziren seiner Begleiter am Geschütz oder durch Lektüre von Büchern, wie Abbé Raynol's Schriften über Amerika, zu verkürzen sucht, müssen wir einen Blick auf Frankreich zurückwerfen, um die Gründe zu verstehen, welche die Französischen Minister zu einem Engagement Steuben's für den Congreß bewogen und bald sogar darauf das Bündniß mit den Vereinigten Staaten veranlaßten. – Es giebt vielleicht kaum ein Ereigniß in der neueren Geschichte, das namentlich von den Amerikanern tendentiöser aufgefaßt und darum für die Gegenwart mehr aus dem geschichtlichen Zusammenhang gerissen ist. Versuchen wir darum, ihm seine richtige politische Stellung anzuweisen und die Ursachen des Zusammenwirkens der Kabinets-Politik mit dem damaligen Idealismus wenigstens anzudeuten, da diese Verbindung Frankreich zur Unterstützung der von England abfallenden Kolonien veranlaßte.

Friedrich der Große pflegte bekanntlich zu sagen: »Wenn ich König von Frankreich wäre, so dürfte ohne meine Genehmigung kein Kanonenschuß in Europa abgefeuert werden;« und bezeichnete damit sehr treffend die schiedsrichterliche Stellung, welche Frankreich durch seine Lage in der Europäischen Staaten-Familie, durch seine Hülfsquellen im Innern und seine Bedeutung nach Außen angewiesen war. Diese Hegenomie hatte es seit dem Anfange des 17. Jahrhunderts bis zum siebenjährigen Kriege behauptet; der Friede von Paris (1763), der ihm seine Colonien in Indien ruinirte und alle seine Besitzungen in Nordamerika, namentlich Canada, nahm, machte ihr plötzlich ein Ende. Um die Schmach und Demüthigung zu vollenden, wurde ›die große Nation‹ sogar von England gezwungen, die Festungswerke von Dünkirchen zu schleifen und in einer durchaus Französischen Stadt einen Englischen Commissar zu dulden, ohne dessen Erlaubniß kein Pflasterstein gelegt werden durfte. Dieser Frieden lieferte den öffentlichen Beweis für den inneren Verfall des Landes, die Ohnmacht seiner Regierung und den zerrütteten Zustand der Nation selbst; von ihm datirt die entschiedene Suprematie Englands als Seemacht über Frankreich. Die Macht, welche, sich auf den Aachener Frieden von 1748 stützend, ihre Herrschaft von Canada aus an den Ohio und den Missisippi hinunter bis an den Mexikanischen Golf auszudehnen und die Englischen Kolonien auf den verhältnißmäßig schmalen Raum zwischen dem Meere und den Alleghanies zu beschränken gekämpft hatte; die Macht, welche in Ostindien ebenfalls lange mit Erfolg um die Oberherrschaft mit den Engländern gerungen hatte, war unter dem Maitressen- und Günstlings-Regiment Ludwig XV. zusammengebrochen; die cynische Schlaffheit seiner Regierung, die kein Element nationaler Größe zu unterstützen und zu bewahren wußte, erhielt jetzt durch den Pariser Frieden ihr öffentliches Armuths-Zeugniß ausgestellt. Frankreich ward also vorläufig zu einer Macht zweiten Ranges herunter gedrückt; seine inneren und äußeren Verhältnisse reduzirten seinen Einfluß in der großen Europäischen Politik auf Nichts und auch der Bourbonische Familien-Vertrag, der einen kleinen Triumph auf dem Gebiet der Haus- und Familien-Politik bezeichnete, blieb zuletzt doch nur ein mißglückter Versuch, die verlorene Stellung wieder zu gewinnen. Als im Jahr 1772 die erste Theilung Polens vor sich ging, fügte sich Frankreich ohne Protest, geschweige denn ohne Krieg in eine That, der es sich in Uebereinstimmung mit den Traditionen seiner eigenen Politik und vom Standpunkte des Europäischen Gleichgewichts aus, mit allen Kräften hätte widersetzen müssen. So war beim Tode Ludwig XV. sein politischer Einfluß überall gesunken und geschwächt, ja neue Mächte, die im Laufe des Jahrhunderts groß und stark geworden waren, Preußen und Rußland, drohten ihm jetzt den letzten Rest seiner bisher Ton angebenden Stellung zu rauben.

Mit dem Regierungs-Antritt Ludwig XVI. fing am Hofe und in den vornehmen Kreisen ein neuer kriegerischer Geist sich zu regen an. Man schämte sich der Demüthigungen des letzten Krieges und getraute sich mit Recht Kraft und Mittel zu, sie bei erster Gelegenheit wieder auszuwetzen und den verloren gegangenen politischen Einfluß wieder zu gewinnen. Das National-Gefühl, das unter Ludwig XV. so tief gekränkt war, erwachte wieder in seiner Vollberechtigung; der Hof begünstigte jedes kühne und großartige Unternehmen, welches dem Stolze des Volkes schmeichelte. In diese Stimmung fiel die Amerikanische Revolution. Hatte Frankreich mit fast fieberhafter Spannung die Entwickelung der Englischen Differenzen mit den Kolonien verfolgt und in ängstlicher Ungeduld auf Krieg gehofft, so begrüßte es den Ausbruch desselben mit einem wahren Freudengeschrei. Nach Außen hin vereinigte allerdings das rege Nationalgefühl alle Klassen des Französischen Volkes zu einem ungeteilten Ganzen, aber hinter ihm machten sich andere, nicht so offen an den Tag tretende, jedoch eben so mächtige Ursachen geltend. –

Der Hof zuvörderst freute sich über die Verlegenheit Englands und sah darin eine erwünschte Gelegenheit, sich für alle Kränkungen und Verluste, die er seit achtzig Jahren von England zu ertragen gehabt, zu rächen. Ein Krieg gegen diese allen Franzosen verhaßte Macht konnte den Waffenruhm der Armee und Flotte wieder heben, den Engländern die Herrschaft über die Meere entreißen und den Handel Frankreichs wiederbeleben. Der König, zaghaft und unentschlossen wie er war, vermochte jedoch lange zu keinem Entschluß zu gelangen und gab dadurch gleich von vornherein alle voraussichtlichen Vortheile, die eine plötzliche Kriegs-Erklärung gebracht hätte, aus der Hand. Statt, wie es ihm England in ähnlichen Fällen schon oft gezeigt, den Krieg sofort damit zu eröffnen, daß er die feindlichen Handelsschiffe selbst vor Erklärung der Feindseligkeiten wegnahm, oder statt zuerst eine Flotte nach Amerika zu schicken und dann im Angesicht des Feindes den Krieg zu erklären, schwankte Ludwig XVI. bis zum letzten Augenblicke zögernd hin und her. Heimlich ließ er den Amerikanern Waffen und Geld zukommen und öffentlich verbot er, daß in den Cafés über die Revolution gesprochen werden sollte. Er hörte, ohne sich bestimmt auszusprechen und zu entscheiden, auf alle seine Minister und Rathgeber, nahm von jedem etwas, aber von keinem von ihnen unbedingten oder wenigstens ungetheilten Rath an, ja ging in seiner Selbsttäuschung so weit, daß er glaubte, seine geheimen Intriguen könnten nicht entdeckt werden, und daß er wähnte, er könne seinen Nebenbuhler zu Grunde richten, ohne es auf einen Conflikt mit ihm ankommen zu lassen. Diese Täuschung war nur von kurzer Dauer, denn das Englische Kabinet war klug genug, der Französischen Regierung nicht zu erlauben, daß sie alle Vortheile eines Krieges erndtete, ohne sich seinen Gefahren auszusetzen. Wie kam es zum Bruche mit England, und der Krieg wurde erklärt. So eingenommen Ludwig XVI. auch Anfangs als legitimer König gegen die Amerikaner gewesen war, so siegte endlich doch Eifersucht gegen England über die Prinzipien monarchischer Politik. Der › rex christianissimus‹ verbündete sich mit den Rebellen, die seine Autorität so gut bekämpften, als die seines Collegen in England, mit den Ketzern, zu deren Ausrottung Frankreich daheim früher so viel Geld und Leben geopfert hatte.

Einfache Zeiten, wo der Absolutismus die Solidarität seiner Interessen noch nicht erkannte und kein gemeinschaftliches System der Politik hatte! Sogar Joseph II., dessen Stärke eben nicht die politische Klarheit war, äußerte sich mit Beziehung auf dies Bündniß dahin, »daß sein Métier sei, Royalist zu sein.«

Uebrigens hätten alle politischen Beweggründe Ludwig XVI. und den Französischen Hof nicht zur Kriegserklärung gegen England vermocht, wenn nicht eine treibende Kraft hinter ihnen gestanden hätte, welche bei Gelegenheit der Amerikanischen Revolution mit jugendlichem Ungestüm in die Europäische Politik eingriff. Es war dies die Philosophie jener Zeit, die im Gegensatze zur Unnatur der damaligen kirchlichen und staatlichen Verhältnisse die Natur zum Ausgangspunkte ihrer Beurtheilung der bestehenden Gesetze, Sitten und Zustände nahm und welche sich auf die von J. J. Rousseau in seinem Gesellschafts-Vertrage entwickelten philosophischen Lehren stützend, nicht allein Frankreich, nein das ganze gebildete Europa mit sich fortriß. Die aus dieser Anschauungsweise hergeleiteten idealen Forderungen herrschten schon gegen Ende der Regierung Ludwig XV. in der öffentlichen Meinung vor; sie waren aber beim Ausbruch der Amerikanischen Revolution bereits in die Denkweise der gebildeten Mittelklassen eingedrungen. Unabhängig von den Hofkreisen übte diese öffentliche Meinung von Tag zu Tage eine unbedingtere geistige Herrschaft aus und trat schnell aus der mehr aristokratisch-literarischen Sphäre in's Leben des Volkes selbst. So wurden diese idealen Forderungen, welche Anfangs nur eine zahme und vereinsamte theoretische Opposition gegen das Bestehende geführt hatten, jetzt aber ohne jede Rücksicht auf das Bestehende, auf das geschichtlich Gewordene den von Rousseau behaupteten Urzustand der Gesellschaft wieder herstellen wollten, zur kämpfenden Demokratie, die einen erbitterten Angriffskrieg gegen die weltliche und geistliche Macht führte. Die vornehmen Stände sogar, blasirt über das Alte und angezogen durch den Reiz der Neuheit, fingen an mit den demokratischen Stimmungen der Zeit zu kokettiren und verpflanzten dieselben an den Hof, wo es bald Mode wurde, mit den Schlagwörtern dieser Philosophie sich um zu werfen.

Theilten nun England gegenüber Adel und Gebildete, welche die damalige öffentliche Meinung bestimmten, mehr oder minder klar die politische Auffassung des Hofes, so stellten sie in ihrem Verlangen nach Krieg doch, was ihnen die Hauptsache schien, ihre idealen Forderungen in den Vordergrund und führten damit einen Bundesgenossen in die Politik ein, der durch seine Einstimmigkeit den Widerstand des Königs endlich brach und das Bündniß mit den Vereinigten Staaten zuletzt durchsetzte. Der Hof dachte die öffentliche Meinung für sich auszubeuten; allein die öffentliche Meinung benutzte ihn, und sie war der einzig gewinnende Theil. Nie hat, weder früher noch später, die Philosophie einen so unvermittelten und bestimmenden Einfluß auf die Politik ausgeübt, und bei keiner Gelegenheit hat die letztere wohl einen größeren praktischen Rechenfehler begangen.

Der Idealismus Europa's ward durch sein Bündniß mit der Politik zu einer weltbestimmenden wirklichen Macht und er war es, der dem Realismus Amerika's zum Siege verhalf. Ganz Europa nahm an, daß es sich zwischen England und seinen Kolonien um einen Kampf zwischen Despotismus und Freiheit handelte, wie man beide Begriffe unter dem Einflusse der Rousseau'schen Philosophie zu verstehen gewohnt war; es glaubte in der transatlantischen Republik das Ideal verwirklicht gefunden zu haben, das man so lange gesucht hatte. Das bloße Wort ›Republik‹, an die klassischen Erinnerungen des Alterthums anknüpfend, rief einen Enthusiasmus hervor, der sonst nur der Glaubensschwärmerei möglich und der Gegenwart beinahe unverständlich ist.

Graf Vergennes, der einsichtsvollste französische Staatsmann jener Zeit, erkannte diese Stimmung und ihre Folgen für das Königthum sehr gut. Noch am 13. August 1777, also ein paar Tage bevor er Steuben Audienz gab, äußerte er zum Englischen Gesandten: »Die Vorliebe für die Amerikaner ist in Frankreich wahrlich ein sehr großes, ernstes Uebel. Glauben Sie nicht, daß sie entsteht aus Liebe für Amerika oder aus Haß gegen England; die Wurzel liegt viel tiefer und kann der Betrachtung eines oberflächlichen Beobachters entgehen, verdient aber unsere größte und ernsteste Aufmerksamkeit.« Raumer a. a. O., Band 3. (resp. 5 der Sammlung) S. 247.

Es ist hier nicht der Ort, die Gründe dieser Erscheinung näher auszuführen, es genügt für unsern Zweck, die Thatsache im Auge zu behalten, daß zur Zeit des Ausbruches des Amerikanischen Krieges die gebildete Welt Europa's sich nach der Verwirklichung ihrer Gleichheitsideen sehnte und daß sie jenseits des Oceans zuerst Land entdeckt zu haben glaubte. In Amerika war nach ihrer Auffassung der Dinge längst wirklich vorhanden, was man in Europa blos als frommen Wunsch formulirt hatte. Es gab dort keine alten ständischen Unterschiede, und die Keime zu neuen waren zu wenig entwickelt, darum dem oberflächlichen Beobachter nicht sichtbar; die dortige Staats-Gesellschaft war, wie man meinte, eine Vereinigung aller freien und gleichen Bewohner des Landes, die Gleichberechtigungen aller Konfessionen und das Nichtvorhandensein des Königthums endlich war ihr ein Beweis für den höheren Grad menschlicher Einsicht und bürgerlicher Tugend. Also, schloß man in Europa und namentlich in Frankreich, sind die Ideale von Staat und Gesellschaft keine bloßen Traumgebilde; die Amerikaner zeigen, daß sie praktisch sind und sich verwirklichen lassen, also ist es Pflicht, sie in's Leben führen zu helfen.

Man übersah in diesem Raisonnement nur, daß, was man in Europa als Postulat aufstellte, in Amerika das Resultat einer bestimmt ausgeprägten geschichtlichen Entwickelung war, daß die Königslosigkeit der Vereinigten Staaten nicht durch einen abstrakten Haß gegen das Königthum überhaupt, sondern durch ihren Mangel an Beziehungen zu anderen Europäischen Dynastieen als der Englischen bedingt war, daß die politische Gleichberechtigung der Religions-Parteien, einer der geschichtlichen Faktoren zur Größe des Landes, sich hier eben so gut von selbst verstand, als sie sich in Europa aus den entgegengesetzten Gründen nicht von selbst verstand; kurzum daß in Amerika naturwüchsige Gesundheit sinnliche, greifbare und derbe Wirklichkeit war, was in Europa ein von falschen Prämissen ausgehender, von den krankhaften Einflüssen einer politisch verwesenden Periode bedingter logischer Schluß war. –

Doch sei dem wie ihm wolle, das Facit war dasselbe, und diese Uebereinstimmung im Facit hielt man auch für eine Uebereinstimmung in den Voraussetzungen: ein Irrthum, der sich noch heute vielfach in Europa findet und schon Tausende unglücklich gemacht hat.

Ja der Französische Adel, welcher der ganzen Bewegung, so zu sagen, erst legitime Bedeutung gab und sie courfähig machte, ging in seiner Naivetät als der Repräsentant der ›großen Nation‹ so weit, daß er in Amerika nichts als die Ausführung des Programmes fand, welches er in Europa entworfen. Er sah in seiner Eitelkeit in den Amerikanern nur sich selbst wieder, er nickte ihnen gnädig Beifall, ja er bildete sich ein, die Amerikaner hätten ihre Revolution fix und fertig nach Pariser Muster zugeschnitten, und feierte darum in den dortigen Ereignissen seine eigene Apotheose. Daß es nichts anders als eben dies Gemisch von nebelhaftem Idealismus, Eitelkeit und militairischem Ehrgeiz war, welche die Französischen Adeligen zu Vorkämpfern der Freiheit in Amerika machte, bewiesen sie ein Jahrzehnt später, wo sie in ihrer Heimath die entschiedensten Feinde der Republik wurden und jeden freien Gedanken verfolgten, weil sie ihre eigenen Utopien nicht verwirklicht fanden. –

Der Graf Ségur Ségur's Memoiren, Englische Ausgabe I. 98-102. giebt mit großer Aufrichtigkeit in seinen Memoirien die Gründe an, welche ihn und seines Gleichen hierher trieben. Sie liefern einen schlagenden Beweis für die Richtigkeit unserer Ansicht. »Es würde schwer sein,« sagt er, »die Begeisterung und das Entzücken zu schildern, mit welchem die Amerikanischen Gesandten, die Agenten eines gegen seinen König im Aufstand begriffenen Volkes, in Frankreich, im Herzen einer alten Monarchie, empfangen wurden. Nichts war interessanter und auffallender, als der Kontrast im Luxus unserer Hauptstadt, in der Eleganz unserer Moden, in der Pracht von Versailles und aller lebendigen Spuren des monarchischen Stolzes Ludwig XIV., in der feinen und edlen Würde unserer Großen mit der beinahe bäuerlichen Kleidung, der einfachen aber stolzen Haltung, der freien und offenen Sprache und einfachen Frisur der Amerikaner, kurz mit jenem antiken Wesen, welches plötzlich inmitten der verweichlichten und höfischen Zivilisation des achtzehnten Jahrhunderts einige Weise und Zeitgenossen Platos oder Republikaner aus den Tagen Cato's und Fabius' bei uns einzuführen schien. Dies ungewohnte Schauspiel gefiel uns um so mehr, als es uns ganz neu war und als es gerade zu einer Zeit Statt fand, wo Literatur und Philosophie unter uns allgemein den Wunsch nach Reformen rege machten, den Hang nach Neuerungen erweckten und die Keime eines lebhaften Verlangens nach Freiheit in uns legten. Die Delegaten des Congresses waren noch nicht offiziell als diplomatische Agenten anerkannt, unser Souverain hatte ihnen noch keine Audienz bewilligt und der Minister verhandelte nur indirekt mit ihnen. Aber die ausgezeichnetsten Persönlichkeiten der Hauptstadt und des Hofes, die berühmtesten Philosophen, Gelehrten und Schriftsteller besuchten sie täglich in ihrem Hause. Ihren eigenen Schriften und ihrem persönlichen Einflusse schrieben sie den glänzenden Fortschritt liberaler Ideen in der neuen Welt zu, und ihr geheimer Ehrgeiz lieh sie schon sich selbst als dereinstige und eben so erfolgreiche Gesetzgeber für Europa erblicken, wie ihre Nebenbuhler es bereits in Amerika waren.« – Von anderen Motiven beeinflußt, waren die jungen französischen Offiziere die sich nach einem Kriege sehnten, die beständigen Gäste bei den Amerikanischen Agenten. Sie drangen auf Auskunft über die Lage der Dinge in Amerika, die Streitkräfte des Congresses, die Mittel der Vertheidigung und die sonstigen Nachrichten von dem großen Theater, wo die Freiheit einen so tapfern Kampf gegen Großbritanniens Tyrannei führte.

Auch Lafayette Lafayette's Memoiren, N. Y. Ausgabe I. 93. der Bedeutendste unter dem jungen Adel, bildet keine Ausnahme von der Regel. Sein Enthusiasmus, obgleich reiner und uneigennütziger, als der der Anderen, geht oft bis zur Naivetät.

»Die Sitten dieses Volkes« – schreibt er bei seiner Ankunft an seine Frau – »sind einfach, ehrbar und im Ganzen des Landes würdig, wo Alles vom schönen Namen der Freiheit widerhallt. Ich will Dir jetzt von dessen Bewohnern erzählen. Sie sind so liebenswürdig als mein Enthusiasmus sie gemalt hatte. Ueberall begegnet man Wohlwollen, Güte und Liebe zur Freiheit und Heimath. Der reichste und ärmste Mann stehen einander gleich und obgleich es einige sehr große Vermögende giebt, so fordere ich doch Jedermann aus, den kleinsten Unterschied in dem Benehmen dieser beiden Klassen gegen einander zu entdecken. Was mich am Meisten entzückt, ist der Umstand, daß alle Bürger Brüder sind. In Amerika giebt es keine Armen, selbst nicht einmal einen Bauernstand, wie wir ihn nennen würden. Jedes Individuum hat sein kleines Eigenthum und dieselben Rechte als der reichste Grundherr.« Washington's Writings by Jared Sparks V., 452.

Theilweise absichtlich, theilweise unabsichtlich tragen die Amerikaner, so nüchtern und geschäftsmäßig verständig ihre Thaten auch sind, durch ihre öffentlichen Dokumente dazu bei, diesen Glauben in den Franzosen zu nähren. Die Unabhängigkeits-Erklärung z. B. ist ganz im Sinne des europäischen Liberalismus jener Zeit abgefaßt und hatte deshalb einen so kolossalen Erfolg in Europa. Andere öffentliche Proklamationen jener Zeit sind offenbar darauf berechnet, die Fremden glauben zu machen, daß es sich um die Verwirklichung ihrer eigenen Ideale in Amerika handle, und wirklich gab es kein besseres und erfolgreicheres Mittel England in Europa verhaßt und die Revolution populär zu machen, als eben diese Anbequemung an den damaligen liberalen Sprachgebrauch. Die Wirklichkeit stand freilich im schroffen Gegensatz zu diesen Worten; allein die nüchternen Beobachter, die sie besonnen kritisirten, wurden überhört und kaum beachtet; man schrieb ihren Widerspruch gegen die herrschende öffentliche Meinung einer persönlichen Gereiztheit, einem Mangel an Verständniß der schwebenden Frage zu. Was half es z. B. daß Duportail, Amerikanisch-Französischer General und nach seiner Rückkehr Kriegsminister der Gironde, schon im Jahr 1777 schrieb: C. Stedman, History of the American War, 80. edition, Dublin, 1794, Vol. I. p. 430-434. »Dies Volk ist derartig, daß es ohne Nerv und ohne Energie handelt, daß es ohne Leidenschaft und ohne Kraft für seine eigene Sache ficht und daß es sich höchstens dahin drängen läßt, wohin der erste beste bewegende Anstoß es treibt. In jedem Café von Paris herrscht mehr Enthusiasmus für diese Revolution als in allen dreizehn Provinzen zusammen genommen. Darum ist es nöthig, daß Frankreich diesen Krieg zu Ende führt und die Amerikaner mit den erforderlichen Mitteln versieht, um seine Beschwerden zu mildern. Es ist wahr, dies wird einige Millionen kosten, aber sie werden gut angelegt sein.«

Doch wäre jener Enthusiasmus des Volkes vielleicht unbenutzt verflogen und die politische Absicht der französischen Staatsmänner gar nicht oder nur theilweise verwirklicht, wenn nicht mitten in dieser Krise ein Mann nach Paris gekommen wäre, der, scharfsichtiger, diplomatischer und schlauer als alle Staatsmänner jener Zeit, Frankreich den Puls fühlte und die öffentliche Meinung meisterhaft zu Gunsten seines Vaterlandes auszubeuten und zu leiten wußte. Es war dies Benjamin Franklin, »in welchem Jedermann das Bild der idealen Demokratie sah, von der Rousseau so schön geredet hatte.« Ohne ihn wäre das Bündniß Frankreichs mit den Vereinigten Staaten nicht sobald zu Stande gekommen.

Es ist das Verdienst eines deutschen Geschichtschreibers, Schlosser's in Heidelberg, Franklin in seiner geschichtlichen und persönlichen Bedeutung besser als Amerikaner, Franzosen und Engländer gewürdigt und charakterisirt zu haben. Nach dem, was er gesagt, bleibt wenig Neues über ihn zu bemerken übrig, und können wir darum unsere Leser kurzer Hand auf S. 537-552 im dritten Band von Schlosser's Geschichte des achtzehnten Jahrhundert's verweisen. Schlosser charakterisirt deshalb Franklin so gut, weil er eine ihm ganz verwandte Natur ist.

Steuben kam, wie wir im vorhergehenden Kapitel gesehen, im Frühjahr 1777 nach Paris. Sein Engagement bezeichnet genau die politische Situation und beweist, daß bereits zu jener Zeit die Französischen Minister das Bündniß mit Amerika so gut als gewiß betrachteten. Es war der Zeitpunkt, wo Frankreich von der geheimen Unterstützung zur offenen Allianz mit den Vereinigten Staaten überzugehen sich anschickte; ein Uebergang, den namentlich Beaumarchais mit all' seinen Verbindungen und Mitteln, seiner Energie und seinem Einflusse angebahnt hatte und jetzt auch durchzusetzen im Begriff stand. Beaumarchais ließ in den schlimmsten Zeiten des Amerikanischen Krieges den Muth nie sinken, er theilte seinen Glauben an dem endlichen Erfolg und seine Begeisterung selbst den Ministern mit und übte zuletzt sogar einen wesentlichen Einfluß auf den Entschluß des Königs aus. Vergleiche Beaumarchais' Memoriales, Eingaben und Gutachten an den König, sowie Bericht seiner Reise nach England im dritten Bande des angeführten Werkes von Loménie. Beaumarchais' kaufmännische Operationen waren mehr als bloße Spekulationen; sie waren eine politische That. In ersterer Eigenschaft schlugen sie fehl, aber in letzterer reussirten sie, denn sie bereiteten das Bündniß mit den Amerikanern vor. Gewiß hätten diese alle Ursache gehabt, ihrem Wohlthäter anders als mit Verläumdungen und krämerhaften Anschuldigungen zu danken.

Beaumarchais war es auch, der Steuben wieder für Amerika gewann, nachdem dieser seine Pläne, dahin zu gehen, bereits aufgegeben hatte. War damals auch der außerordentlich glückliche Erfolg dieser Wahl noch nicht vorauszusehen, so war sie jedenfalls eine solche, welche das Französische Ministerium in keiner Weise compromittirte. Steuben war Ausländer und nicht einmal der Unterthan eines mächtigen Fürsten. Selbst wenn man einen Franzosen mit seinen Kenntnissen gehabt hätte, so würde man ihn in der damaligen Conjunktur nicht abgesandt haben, denn man konnte ihn nicht wie Steuben, schlimmsten Falls fallen lassen oder desavouiren. So schmeichelhaft auch die Anträge für ihn persönlich waren, so wurden sie doch nur im ausschließlichen Interesse des Kabinets gemacht und gaben Steuben nicht die mindeste Garantie für die Zukunft. Fiel er den Engländern in die Hände, so wäre er mitleidslos geopfert worden; nahm der Congreß seine Dienste nicht an, so wäre er seiner früheren Stellen verlustig, auf ein Almosen von St. Germain angewiesen gewesen. Ja wir werden später sehen, daß trotz dem, daß die Sache gut ging, der Französische Hof sich Steuben's gar nicht mehr erinnerte, seine Eingaben nicht beantwortete, weil man ihn nicht mehr brauchte. Und gleichsam zum Hohn über dies Verhältniß mußte sich Steuben in Amerika noch gegen den Vorwurf vertheidigen, daß er ein Pensionär Frankreichs sei. Steuben's Manuscript-Papiere Band XI. u. XIII. Alles was er von dort erhielt, waren seine Reisekosten und die gab Beaumarchais her.

Als gegen Ende des Jahres 1777 die Nachricht von der Kapitulation Bourgoyne's in Paris eintraf, zögerte Frankreich nicht länger mit der Anerkennung der jungen Republik. Der König, der sich schon früher geneigt erklärt hatte, ihre Absichten zu fördern, sobald sie der angenommenen Unabhängigkeit erst mehr Haltung und Festigkeit gegeben haben würden, hielt jetzt den Beweis für erbracht und schloß am 6. Februar 1778 ein Bündniß mit den Vereinigten Staaten, worin er nur die Bedingung stellte, daß sie ihre Unabhängigkeit nicht wieder aufgeben und nicht auf's Neue Unterthanen von England werden durften. –

Eins ist richtig, daß von den beiden contrahirenden Theilen nur die Vereinigten Staaten Vortheil aus dem Kriege zogen, denn Frankreich verlangte für seine Anstrengungen nichts und ließ selbst den anfänglich gehegten Plan, sich durch Canada zu entschädigen, im Laufe des Krieges fallen. Es schien sich für seine Anstrengungen hinlänglich belohnt zu halten, wenn England überhaupt durch Losreißung seiner werthvollsten Amerikanischen Kolonien geschwächt wurde. Mag es Kurzsichtigkeit oder Großmuth gewesen sein, daß es darauf verzichtete, es wäre dem Französischen Kabinet nichts leichter gewesen, als die Noth und Verlegenheit auszubeuten, in der sich die Vereinigten Staaten während des ganzen Krieges befanden, und sich einen guten Theil der Beute zu sichern.

Auch die Vortheile, auf die man für den Französischen Handel gerechnet hatte, verwirklichten sich nicht, denn gleich nach dem Frieden kehrten die Amerikaner wieder zu den Englischen Manufakturen zurück, auf welche sie durch Gleichheit der Abstammung und Bedürfnisse naturgemäß angewiesen waren. Der Krieg kostete Frankreich 1500 Millionen Franken und half nur die finanziellen Verlegenheiten vermehren. Der einzige, freilich blos ideelle Gewinn für Frankreich bestand in der Wiederherstellung seiner Waffenehre und in der Wiedereroberung seiner schiedsrichterlichen Stellung in Europa. Die wichtigste und bleibende Folge des Krieges aber war, daß das was bisher nur als Gefühl und in der Ueberzeugung gelebt hatte, jetzt in den Kreis der wirklichen öffentlichen Interessen des alten Staates eingeführt wurde, und daß die vermeintliche Verwirklichung der Ideale von Staat und bürgerlicher Gesellschaft, die man in Amerika für geglückt hielt, ein Jahrzehnt später auch in Frankreich versucht wurde. So wurde der Krieg in Amerika zu einem Idyll im Vergleich zu der Tragödie der Französischen Revolution, welche Europa in eine Reihe von heftigen Erschütterungen stürzte und noch nicht geschlossen ist. –

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