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Leben des Amerikanischen Generals Friedrich Wilhelm von Steuben. Band I

Friedrich Kapp: Leben des Amerikanischen Generals Friedrich Wilhelm von Steuben. Band I - Kapitel 5
Quellenangabe
typebiographie
authorFriedrich Kapp
titleLeben des Amerikanischen Generals Friedrich Wilhelm von Steuben. Band I
publisherVerlag von Duncker & Humblot
year1858
correctorJosef Muehlgassner
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Drittes Kapitel

Beinahe die ganze in diesem Kapitel enthaltene Erzählung ist dem Band XIII. der Manuscript-Papiere Steuben's entnommen

Nachdem die im vorigen Kapitel erwähnten Unterhandlungen sich zerschlagen hatten, beschloß Steuben, um sich zu zerstreuen, im Frühjahr 1777 seine in Montpellier gewonnenen Freunde in England zu besuchen. Er verließ Carlsruhe gegen Ende April und kam am 2. Mai in Paris an. Er beabsichtigte, hier bloß seine alten Bekannten zu sehen und dann gleich nach Calais weiter zu reisen. So benachrichtigte er sofort nach seiner Ankunft den Grafen St. Germain von seinem Wunsche, ihm seine Aufwartung zu machen. St. Germain erwiderte, »daß er ihn unter keiner Bedingung in Versailles empfangen könne, daß er sich aber freuen würde, ihn drei Tage später im Pariser Arsenal privatim zu sprechen, daß Steuben sich also bereit halten solle, dem an ihn abzusendenden Offizier zur festgesetzten Zeit zu folgen und wichtige Mitteilungen entgegen zu nehmen.«

Steuben begriff gar nicht, was diese geheimnißvolle Antwort bedeuten sollte. »Ich hatte,« – sagt er in einer seiner Denkschriften – »meine ehrgeizigen Pläne gänzlich aufgegeben und war mit meiner damaligen Lage durchaus zufrieden. Ich konnte mir darum auch das Räthsel nicht erklären. Ich kann auf mein Ehrenwort versichern, daß von allen Conjekturen, die ich machte, die richtige meiner Einbildungskraft am fernsten lag.«

Drei Tage darauf meldete sich der Oberst von Pagenstecher, Commandeur des Regiments Condé, bei ihm und führte ihn der Verabredung gemäß zu St. Germain. Als Steuben in dessen Kabinet trat, fand er den Minister über eine große Karte gebückt. »Was haben Sie da, Herr Graf?« fragte Steuben. »Ihr künftiges Schlachtfeld, Herr Baron«, war die Antwort St. Germain's, der Mitchels große Karte der Vereinigten Staaten vor sich hatte. »Sie kommen gerade zur rechten Zeit« – fuhr er, an seines Besuchers beabsichtigte Reise nach England anknüpfend, fort. »Ich hatte schon vor, Ihnen zu schreiben, ich habe mich in der letzten Zeit viel mit Ihnen beschäftigt; ich wollte Ihnen einen Plan vorlegen, für dessen Ausführung Sie der rechte Mann sind. Sie müssen nach Amerika, dort ist eine Republik, der Sie dienen sollten, sie bedarf Ihrer, und wenn Ihre Bemühungen von Erfolg gekrönt werden, so ist Ihr Glück gemacht, und Sie werden mehr Ruhm und Ehre erndten, als Sie in Europa je erwarten konnten.« Er hob dann hervor, daß die Amerikaner, nachdem sie einmal ihre Unabhängigkeit erklärt, diese auch behaupten würden und daß es ein sehr verdienstvolles Werk wäre, das große Gebäude der jungen Republik mit errichten zu helfen. Er wies Steuben die Hülfsquellen nach, welche die Insurgenten bereits hatten und die Unterstützungen, die sie indirekt von Frankreich und Spanien erwarten konnten, ja er deutete die Möglichkeit eines offenen Bündnisses zwischen den verschiedenen Linien des Hauses Bourbon und den Vereinigten Staaten an.

Dagegen unterließ St. Germain auch nicht, Steuben die Schattenseiten des Plans zu zeigen und ihm die großen Nachtheile aufzuweisen, unter denen die Amerikaner damals litten. Er führte näher aus, daß ihre Armee noch keine regelmäßige und feste Formation habe, daß in ihr weder Ordnung noch Methode in der Organisation der verschiedenen Corps herrsche, daß die Anwerbungen für zu kurze Zeit geschähen und daß der Abgang und Verlust der Mannschaften nicht allein stets die kaum erfolgte Bildung der Corps zerstöre, sondern auch einen schrecklichen Ruin an Pferden, Waffen, Uniformen und jeder Art von Lagergeräthen erzeuge. Bei dem ungeheuern Verbrauche dieser Artikel, fuhr er fort, hätten die Staaten einen erfahrenen Offizier nöthig, der sowohl mit allen Details des Dienstes und der regelmäßigen Formation einer Armee bekannt wäre, als durch ein streng durchgeführtes System weiser Sparsamkeit und energischer Inspektion allen den Mißbräuchen vorbeugen könnte, die sonst nothwendiger Weise zum Untergange des Landes führen müßten. – Sollte es aber nicht möglich sein, diese unumgänglich nothwendige Ordnung herzustellen, so würden die Hülfsmittel der Vereinigten Staaten sich bald erschöpfen, und es läge außerhalb der Macht ihrer Europäischen Freunde, für ihre enormen Bedürfnisse zu sorgen. Unter allen fremden Offizieren, die bisher nach Amerika gegangen, besäße keiner hinreichende Kenntnisse und Erfahrungen zur Abstellung dieser Uebelstände; der Kongreß und Obergeneral würden deshalb sehr erfreut sein, wenn sie endlich einen Offizier gewinnen könnten, der im Stande wäre, Ordnung, Disciplin und Regelmäßigkeit in der Armee einzuführen.

»Sie sind der rechte Mann dazu,« schloß St. Germain, »Sie wissen jetzt, warum ich Sie nicht in Versailles sehen wollte; ich wünsche sogar, daß Sie sich wenigst möglich in Paris zeigen. Sie müssen aber den Spanischen Gesandten Grafen Aranda und den Prinzen Montbarey besuchen. Beide kennen meinen Plan, und damit Ihnen jede nur denkbare Auskunft über die Lage der Dinge in den Vereinigten Staaten werde, will ich Herrn Silas Deane zu Ihnen schicken.«

St. Germain wußte recht gut, daß Steuben einer solchen Aufgabe völlig gewachsen war. Selbst ein großer Bewunderer Friedrichs des Großen und der Preußischen Schule, die er früher vergeblich in die Dänische Armee einzuführen sich bemüht hatte und die er jetzt eben so vergeblich in dem Französischen Heere einzubürgern suchte, hatte er die Bekanntschaft Steuben's am Ende des siebenjährigen Krieges gemacht und eine günstige Ansicht von seinen militairischen Fähigkeiten und seinem gesunden und gebildeten Urtheil gewonnen. Späteres Zusammentreffen mit ihm hatte ihn darin bestärkt, und so war der ehemalige Adjutant Friedrich's gerade der Offizier, den er suchte. Der Erfolg zeigte, daß er die richtige Wahl getroffen hatte: ein Beweis, daß St. Germain viel mehr Menschen- und Sachkenntniß und Scharfblick besaß, als ihm seine Gegner gewöhnlich einräumten.

Steuben erwiderte auf die ihm gewordenen Eröffnungen, daß er keinen Grund habe, mit seiner gegenwärtigen Stellung unzufrieden zu sein, daß der vom Grafen ihm gemachte Vorschlag für sein Alter zu weit aussehend sei, und daß er die Landessprache nicht kenne. Schließlich fragte er St. Germain, ob er ihm als Freund, und nicht in seiner Eigenschaft als Minister mit derselben Bestimmtheit rathen würde, auf ein so gefährliches Unternehmen einzugehen? »Als Minister,« lautete die Antwort St. Germain's, »habe ich Ihnen keinen Rath zu geben, allein als Freund würde ich Ihnen nie etwas rathen, das ich nicht selbst zu thun bereit wäre, wenn ich nicht im Dienste des Königs stände.«

Es führte übrigens diese erste Unterredung zu keinem andern Resultate, als daß Steuben vorläufig seine Reise nach England aufschob. Am folgenden Tage aber fing St. Germain von Neuem von dem Plane an, warnte Steuben, ja recht vorsichtig zu sein und nicht nach Versailles zu kommen, da die Stadt von heimlichen englischen Spionen wimmele und gab ihm einen Empfehlungsbrief an Beaumarchais, den bekannten Verfasser des Figaro, der einen so regen und thätigen Antheil an der Amerikanischen Revolution nahm. St. Germain's Vorschläge erschienen jetzt Steuben weniger abenteuerlich als zuerst, er fing sogar an, dem Plane Interesse abzugewinnen und ließ sich deshalb gern durch Beaumarchais bei Deane einführen, der ihn ein paar Tage später mit zu Franklin nach Passy nahm.

Beide Amerikanischen Agenten bestätigten St. Germain's Angaben und schienen Steubens Eintritt in die Dienste des Kongresses sehr zu wünschen. Als er jedoch von einem Ersatze seiner Reisekosten sprach, machte Franklin Schwierigkeiten und stellte ihm dagegen eine bedeutende Landschenkung in Aussicht. Steuben erwiderte, daß er sehr wenig davon hielte und daß er im besten Falle mit dieser ungewissen Aussicht die Reisekosten nicht bestreiten könne. Im Laufe der Unterredung erklärte Franklin, daß er weder bevollmächtigt sei, Offiziere zu engagiren, noch Vorschüsse irgend welcher Art zu machen und schlug, wie Steuben erzählt, »rund weg jedes Engagement mit einem Ton und in einer Manier ab, an die ich damals noch wenig gewohnt war. Ich ließ mich also, fährt er fort, auf nichts mehr ein und ging meiner Wege.«

Steuben begab sich zunächst wieder zu Beaumarchais und erklärte ihm, daß er von Amerika nichts mehr hören und sofort abreisen wolle. Als dieser erfuhr, wie schroff Franklin Steuben aufgenommen hatte, bot er ihm zur Ausführung des Planes und zur Bestreitung der Reisekosten tausend Louisd'ors, ja für den Nothfall mehr an und drang in ihn, sich unter keiner Bedingung zurückzuziehen. Steuben jedoch dankte ihm für sein freigebiges Anerbieten und beharrte bei seiner Weigerung. Theils durch Franklin's Benehmen stutzig gemacht, theils von einem zufällig in Paris weilenden alten Freunde, dem General Koch, auf das Wagnis des Planes hingewiesen, eilte er nach Versailles, um dem Grafen St. Germain von seinem Entschluß in Kenntniß zu setzen und ihm seinen Abschiedsbesuch zu machen. Er stellte ihm vor, daß er sich zu einem so gewagten Unternehmen nicht verstehen könne und daß, wenn er selbst wollte, ihm dies ohne die für seine und seiner Begleiter Ausrüstung nöthigen Gelder unmöglich wäre; er führte das Beispiel des Herrn du Condrai an, dessen Dienste trotz eines vorherigen Engagements mit dem Amerikanischen Agenten in Paris, später vom Congreß verworfen worden, und wies schließlich auf die Gefahr hin, von den Engländern gefangen genommen zu werden.

Obgleich St. Germain durch Steuben's Entschluß nicht gerade angenehm berührt wurde, so lud er ihn doch ein, einige Tage in Versailles zu bleiben, sich die Sache noch einmal zu überlegen und seine Bekanntschaft mit dem Prinzen Montbarey zu erneuern. Nach dem Mittagessen trat Graf Aranda in's Zimmer. St. Germain stellte ihn Steuben mit den Worten vor: »Dieser Herr hier will nichts wagen, folglich wird er auch nichts gewinnen.« An demselben Tage noch besuchte Steuben, den der Minister, um keinen Verdacht zu erregen, in einer Mansarde seines Hotels untergebracht hatte, den Prinzen Montbarey. Auch dieser drang ganz im Sinne St. Germain's in ihn, den ihm gemachten Vorschlag anzunehmen; Steuben jedoch konnte sich noch nicht entscheiden und bat sich Bedenkzeit aus, um erst nach Deutschland zu reisen und mit seinen dortigen Freunden Rücksprache zu nehmen.

Er fuhr also am folgenden Tage nach Rastadt ab. Als er dort ankam, traf er den Prinzen Ludwig Wilhelm von Baden, der General-Lieutenant in Holländischen Diensten und Gouverneur von Arnheim war. Zugleich fand er dort Briefe von Beaumarchais und St. Germain vor. Der erstere schrieb ihm, daß seine Freunde seine baldige Rückkehr nach Versailles erwarteten, daß ein Schiff im Hafen von Marseilles für seine Einschiffung bereit läge und daß für alle Auslagen seine, Beaumarchais', Kasse zu seiner Verfügung stände. Dieser Brief war von einigen Zeilen St. Germain's begleitet, der ebenfalls auf sofortige Abreise drang und alle Punkte von untergeordneterer Bedeutung zu Steubens Zufriedenheit in Paris zu ordnen versprach. Steuben setzte ein großes Vertrauen in den Prinzen Ludwig Wilhelm und fragte ihn in der ganzen Angelegenheit um Rath. Der Prinz, der als republikanischer General eine besonders große Autorität für ihn war, sprach sich unbedingt für die Annahme der Steuben in Amerika zugedachten Bestimmung aus. »Es sei,« sagte er, »gar nicht am Platz, sich lange zu bedenken, nie würde sich ihm wieder eine so günstige Gelegenheit als jetzt zur Erkämpfung von Ruhm und Ehre bieten; er sollte sich also gar nicht besinnen und sofort abreisen.« Diese Bestimmtheit wirkte entscheidend auf Steubens Entschluß. Er traf sofort seine Anstalten zur Reise und, nachdem ihm vom Könige von Preußen die Genehmigung ertheilt war, sein Havelberger Kanonikat auf einen seiner Neffen zu übertragen, fuhr er nach Paris ab, wo er am 17. August 1777 wieder ankam.

Am Tage nach seiner Ankunft begab sich Steuben nach Versailles, wo er eine längere Besprechung mit St. Germain und Montbarey hatte. Es ward hier beschlossen, daß er sich an die Amerikanischen Agenten weder um Geld noch um die Auslagen zur Bestreitung der Reise wenden, sondern daß er sie nur von seiner bevorstehenden Abreise nach den Vereinigten Staaten in Kenntniß setzen, und um Empfehlungsbriefe an die hervorragenden Mitglieder des Kongresses bitten, ja daß er sie endlich benachrichtigen sollte, daß er nur als Freiwilliger einen oder zwei Feldzüge in ihrer Armee mitzumachen gedächte. »Da mir die Französischen Minister« – sagt Steuben – in einem am 27. Januar 1790 an Alexander Hamilton gerichteten Briefe – »mitgetheilt hatten, daß die Bevorzugung von Fremden große Unzufriedenheit in der Amerikanischen Armee erzeugt hätte, so sah ich, um den Eintritt in dieselbe zu erlangen, die Nothwendigkeit voraus, einen von meinen Vorgängern ganz verschiedenen Weg einzuschlagen. Ich war des Erfolges in meinem Unternehmen sicher, sobald der Obergeneral und die Armee die Vortheile meiner militärischen Anordnungen erkannten. Es gab also nur eine Schwierigkeit für mich zu überwinden, aber diese Schwierigkeit war unter den damaligen Verhältnissen von der größten Bedeutung. Es kam darauf an, daß ich durch meine Stellung in Ihrer Armee in den Stand gesetzt wurde, von meinen Erfahrungen und Kenntnissen den weitesten Gebrauch zu machen und sie im Interesse der Vereinigten Staaten möglichst zu verwerthen, ohne daß ich das Mißvergnügen und die Eifersucht der Amerikanischen Offiziere erregte. Hätte ich unter diesen Umständen irgend welche Bedingungen machen wollen, welche mir eine meinen Opfern und Diensten entsprechende Belohnung sicherten, so würden sie alle meine Unterhandlungen vereitelt haben. Aber das Anerbieten, den Vereinigten Staaten als Freiwilliger und sogar ohne Rang oder Gehalt dienen zu wollen, konnte keine Eifersucht hervorrufen. Niemand weiß besser als Sie, welch ungeheure Schwierigkeiten zu jener Zeit selbst einem Fremden im Wege standen, der sich ohne jede Bedingung zum Eintritt in Ihre Armee meldete. Sollte ich indessen beschuldigt werden, daß ich mich unerlaubter Mittel bedient hätte, um Zulaß in den Dienst der Vereinigten Staaten zu gewinnen, so bin ich doch überzeugt und schmeichle mir, daß die Armee und die Bürger dieser Republik überhaupt mir jetzt gerne Verzeihung angedeihen lassen werden.«

Steuben sagt weder hier noch bei einer andern Gelegenheit genau, welches die unerlaubten Mittel waren, zu denen er seine Zuflucht genommen. Offenbar war es die Angabe, daß er General in den Diensten des Markgrafen von Baden gewesen, während sich nirgends ein Beleg dafür findet, daß er je eine solche Würde bekleidete. Wahrscheinlich bildete dieser Punkt auch einen der Gegenstände der Berathung zwischen den Französischen Ministern und Steuben; er ward offenbar von den Ersteren angegeben. Sie hatten politisch ganz Recht, denn als Major oder Oberst empfohlen, hätte Steuben nicht sofort die einflußreiche Stellung in Amerika gewinnen können, deren er zur Einführung seiner Disciplin und Inspektion unbedingt bedurfte und deren sie ihn für würdig erachteten. Wenn es auch kaum ein Mitglied des damaligen Congreß von Baden gehört hatte, so imponirte doch der Titel General-Lieutenant und sicherte Steuben die entsprechende Stellung in der Vereinigten-Staaten-Armee. Hier wurde seine wirkliche Stellung als Flügel-Adjutant Friedrich des Großen fast immer mit dem vermuthlich von der Französischen Diplomatie ihm angedichteten Range verknüpft und aus Steuben sogar ein Preußischer General-Lieutenant gemacht.

Prinz Montbarey führte ihn beim Grafen Vergennes ein, dem damaligen ausgezeichneten Französischen Minister des Auswärtigen, der ihm für den 19. August eine besondere Audienz gewährte. »Sie sind also entschlossen nach Amerika zu gehen?« fragte Vergennes, worauf Steuben entgegnete, ob er denn den Plan und die ganze Idee für so überspannt hielte? »Keineswegs,« sagte der Minister, »er wird Sie im Gegentheil zu Ruhm und Auszeichnung führen; aber ich rathe Ihnen sehr, vorher Ihren Vertrag schwarz auf weiß zu machen und sich nicht zu unbedingt auf republikanische Generosität zu verlassen.« Steuben erwiderte, daß er den Amerikanischen Agenten keine Bedingungen vorschreiben könne, daß er aber, falls die Republik, der er seine Kräfte widmen wolle, sich undankbar bezeigen sollte, vom Könige von Frankreich die Anerkennung seiner Verdienste erwarte. »Sie wissen sehr wohl,« so schloß Vergennes dieses interessante Gespräch, »daß wir im Augenblick keinen Vertrag mit Ihnen abschließen können; aber reisen Sie bald, seien Sie glücklich und Sie werden nie den Schritt bereuen, den Sie gethan haben.« Graf St. Germain berieth sich noch beim Abschied mit Steuben über die Reformen, die zur Unterdrückung der in der Amerikanischen Armee herrschenden Mißbräuche eingeführt werden müßten. Vor Allem empfahl er Handhabung der strengsten Ordnung und Oekonomie in den verschiedenen Corps und in der Verwaltung der Departements, welche mit der Proviantirung und den Lieferungen für die Armee beauftragt waren, dann drang er auf Einführung einer energischen Inspektion und einer regelmäßigen und permanenten Formirung der verschiedenen Corps, auf Einfachheit in den Manövern, Abschaffung alles Parade-Exerzierens und auf die leichteste und bequemste Art des Lagerns in Schlachtordnung.

Mit Empfehlungsschreiben von Beaumarchais und Franklin an den Congreß, Washington, Samuel Adams, Präsident Laurens Robert Morris, und andere hervorragende Männer versehen, traf Steuben zu Anfang September seine Anstalten zur Abreise. Herr von Monthieu, einer der Königlichen Commissäre und Geschäftstheilhaber von Beaumarchais, ließ ihm die Wahl zwischen zwei Schiffen, deren eins von l'Orient absegelte, während das Andere in Marseille bereit lag.

Auf den Rath des Spanischen Gesandten, Grafen Aranda, wählte Steuben das letztere und segelte am 26. September 1777 an Bord des Sechsundzwanzig-Pfünders l'Heureux, dessen Name für diese Reise in ›le Flamand‹ umgetauft wurde, von Marseilles ab. Um gegen die üblen Folgen einer Gefangennahme durch Englische Kreuzer möglichst geschützt zu sein, trug er sich unter dem Namen eines alten Hechinger Freundes, des Herrn von Frank, in die Schiffslisten ein und ließ sich als solcher von den Französischen Ministern Depeschen an den Marquis von Bouilly, Gouverneur von Martinique, geben. Sein Gefolge bestand aus Peter S. Duponceau, den Steuben als Sekretair und Dolmetscher engagirt hatte, aus dem Herrn de l'Enfant, de Romanai und Des Epiniers, seinen Adjutanten, und dem Herrn De Pontière, der später in Amerika als Rittmeister in das Corps des Grafen Pulasky trat. Ihnen hatte sich Beaumarchais' Neffe und Agent, de Francy, angeschlossen, der die Rechnungen und Geschäftsverhältnisse seines Onkels mit dem Congresse zu ordnen beauftragt war. Es verdient hier bemerkt zu werden, daß dasselbe Schiff, welches, unter Kommando des Capitains Landais, Steuben nach Amerika trug, bedeutende Zufuhren von Kriegsmaterial an Bord hatte, welches Beaumarchais unter der kaufmännischen Firma Roderique Hortalez & Co. dem Congresse sandte:

Die Ladung bestand aus 1700 Centnern Pulver, 22 Tonnen Schwefel, 52 metallenen Kanonen, 19 Mörsern, 5000 Musketen, 2500 Bomben und einer Menge von Flinten, Karabinern und Pistolen. Politisches Journal von und für Deutschland 1784, Band II. p. 94 und Schloezer's Briefwechsel VII. p. 328. – The Remembrancer pr. 1778, London 1778 p. 98. Sie bildete einen Theil der Vorschüsse, welche Beaumarchais sowohl aus eigenen als aus Staatsmitteln den Amerikanern machte und welche diese den Erben des Verfassers des Barbiers von Sevilla erst nach fast sechszig Jahre langem Petitioniren und Warten nur zum kleinsten Theil zurückzahlten. Beaumarchais streckte auch Steuben's Reisekosten vor, die dieser selbstredend als ein ihm persönlich gemachtes Darlehn betrachtete.

»Empfiehl mich« – schrieb Beaumarchais am 6. December 1778 seinem Neffen und Agenten Francy Beaumarchais et son temps par Louis de Loménie, 4 Vols. Paris 1815. Dies interessante Werk wirft in seinem dritten Bande ein ganz neues Licht auf die Beziehungen Frankreichs zu Amerika von 1774-1778 und weist besonders den Einfluß von Beaumarchais auf das Zustandekommen der Französischen Allianz nach. Dem Verf. stand nur die Englische Übersetzung von Henry S. Edward, London, Addey u. Co., 1856, zu Gebote, auf welche sich daher auch die Citate beziehen. Der obige Brief findet sich in Band III. 2. 175. – »dem guten Andenken und der Freundschaft des Herrn von Steuben. Ich wünsche mir Glück dazu, daß ich meinen Freunden ›den freien Männern‹ einen so tüchtigen Offizier verschafft und daß ich ihn gewissermaßen gezwungen habe, seinem edlen Berufe zu folgen. Es hat gar keine Eile wegen Wiedererstattung der Summe, welche ich ihm für die Reise vorgestreckt habe. Ich machte noch nie einen so angenehmen Gebrauch von meinem Gelde als in diesem Falle, denn ich habe einen Mann von Ehre auf seinen rechten Platz gestellt. Ich höre, daß er General-Inspekteur aller Amerikanischen Truppen ist. Bravo! sage ihm, daß sein Ruhm die Zinsen für mein Geld sind, und daß ich keinen Augenblick daran zweifle, er werde mir auf diese Bedingungen hin sogar Wucherzinsen zahlen.«

Für einen Mann von Steuben's Alter und Gewohnheiten, war es kein kleiner Entschluß, in der Heimath Stellung und Einkommen, behagliche Existenz und freundschaftliche Beziehungen aufzugeben und dagegen ein Leben voller Gefahr und Entbehrungen in einem Lande einzutauschen, dessen Sitten und Sprache ihm sogar fremd waren.

Ein weniger entschlossener Charakter würde vor einem solchen Unternehmen zurück geschreckt sein. Steuben aber wagte es und setzte als rechter Soldat sein ganzes Glück auf eine Karte. Er verließ Europa, wo er, wenn auch nicht im Ueberfluß, doch in angenehmen und sorgenfreien Verhältnissen gelebt hatte, um einem Volke seine Dienste anzubieten, das einen erschöpfenden und bisher keineswegs glücklichen Krieg führte, das ihm keine Aussichten, geschweige denn eine Garantie für eine seinen Kenntnissen und Erfahrungen angemessene Thätigkeit bot und das ihm nicht einmal eine pekuniäre Vergütung seiner Leistungen versprach. Im Vertrauen auf seine Kraft und voll edlen Ehrgeizes bot er sein Schwert der für ihre Unabhängigkeit und Freiheit kämpfenden jungen Republik jenseits des Ozeans an. Er stellte keine Bedingungen, er feilschte nicht um Lohn. Ihm winkte ein höheres Ziel, ihm schlug die Brust vor Sehnsucht nach Thaten und Auszeichnung. Im fernen Westen leuchteten ihm Ehre und kriegerischer Ruhm! Sollte er da noch zaudern, blieb ihm da noch die Zeit, seine Zukunft in Thalern zu berechnen und zu verwerthen? Nein, Steuben verlor keinen Augenblick zuzugreifen: er wagte und er – gewann!

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