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Leben des Amerikanischen Generals Friedrich Wilhelm von Steuben. Band I

Friedrich Kapp: Leben des Amerikanischen Generals Friedrich Wilhelm von Steuben. Band I - Kapitel 17
Quellenangabe
typebiographie
authorFriedrich Kapp
titleLeben des Amerikanischen Generals Friedrich Wilhelm von Steuben. Band I
publisherVerlag von Duncker & Humblot
year1858
correctorJosef Muehlgassner
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Fünfzehntes Kapitel

Aus zweierlei Ursachen hauptsächlich unterließ Washington im Jahre 1780 die Offensive zu ergreifen und einen entscheidenden Schlag zu führen. Erstens stellten die dreizehn Staaten nicht die Hälfte des Contingents, wozu sie verpflichtet waren, und dann war die Hülfe von Frankreich, besonders die der Flotte zu lange verzögert, als daß der Obergeneral mit derselben den Feldzug hätte eröffnen können. Gleichwohl ist es nicht uninteressant, die Einzelheiten des Planes zu verfolgen, den Washington im Anfange des Sommers entwarf. Wir erhalten Licht darüber durch zwei Vorschläge Steuben's, welche dieser auf den Wunsch des Obergenerals einreichte und welche die Fähigkeiten und die Thätigkeit ihres Urhebers von einer andern Seite zeigen. Der erste derselben ist ohne Datum, aber in der Zeit zwischen der Uebergabe Charleston's und der Ankunft von Rochambeau in Newport, mithin wahrscheinlich Anfangs Juni 1780, geschrieben. Er lautet wie folgt:

»Die großen Rüstungen, welche die kriegführenden Mächte in Europa seit dem letztvergangenen Dezember unternommen haben, kündigen auf beiden Seiten die Absicht an, diesen Feldzug so entscheidend wie möglich zu machen. Die Absicht Frankreichs ward dem Congreß im Anfange des letztvergangenen Januar von dem Gesandten kund gegeben, welcher zugleich die Vereinigten Staaten aufforderte, alle Anstrengungen zu den nothwendigen Rüstungen für einen energischen Feldzug zu machen. Es ist jetzt überflüssig, die Beweggründe zu untersuchen, welche die verschiedenen Legislaturen abhielten, die erforderlichen Anordnungen zu treffen. Man darf jedoch nicht übersehen, daß statt die Streitkräfte zu verstärken, sie beinahe um 5000 Mann, deren Dienstzeit abgelaufen war, vermindert wurden.

Ungefähr um diese Zeit ward auch Charleston belagert, und es erforderte keine sonderlichen Kenntnisse in der Kriegskunst, vorauszusehen, daß der Platz fallen mußte. Dies ist nun in der That eingetroffen und durch die Gefangenschaft der Garnison haben wir einen Verlust von 2500 Mann erlitten. Mit Hinzurechnung der oben erwähnten 5000 Mann beträgt dies ungefähr die Hälfte der Streitkräfte, über die wir im letzten Feldzuge verfügen konnten.

Als der Marquis von Lafayette zu Ende April hier anlangte, versicherte man uns, der Hof von Frankreich beabsichtige, eine Flotte von Linienschiffen und 7 bis 8000 Mann zu senden, welche mit dem amerikanischen Heere auf dem Continente in der Weise operiren sollten, wie es der Congreß den Interessen der Vereinigten Staaten angemessen finden würde. Man hielt es für geeignet, die Armee zu vermehren; dem zu Folge empfahl der Congreß diese Maßregel, und die Staaten beschlossen, die erforderlichen Truppen auszuheben. Indessen haben der schlechte Zustand unserer Finanzen und andere eingetretene Schwierigkeiten bis auf diesen Augenblick die Ausführung unserer Beschlüsse verhindert.

Dies ist gegenwärtig die Lage der Dinge. Der Feind ließ eine Garnison von 2000 Mann in Charleston und kehrte mit dem Reste seiner Streitkräfte nach New-York zurück, wo er ungefähr 10,000 Mann regulärer Truppen und 4000 Mann neu Ausgehobene hat; im Ganzen also 14,000 Mann nebst vier Linienschiffen im Hafen. Abgesehen davon, soll Admiral Graves im Penobscott mit einer Flotte angekommen sein, deren Stärke wir nicht erfahren haben.

Von der andern Seite erwarten wir von unseren Verbündeten die Ankunft der versprochenen Verstärkung und von den verschiedenen Staaten die betreffende Anzahl von Leuten und alle andre erforderliche Hülfe, um mit ersteren zu wirken und einen entscheidenden Schlag zu führen, wenn der Oberbefehlshaber es für geeignet halten wird, seine Operationen zu beginnen.

Es sind aber folgende Pläne möglich und ausführbar: Erstens, die Wiedereinnahme von New-York und Gefangennehmung der Garnison, ein Ereigniß, das den Krieg beendigen wird. Der zweite Plan ist die Eroberung von Canada, – ein Ereigniß, das früher oder später stattfinden muß, um den Frieden des Continents zu sichern und aus welchem verschiedene unmittelbare Vortheile für die Vereinigten Staaten hervorgehen müssen. Es wird unsere Gränzen vor den Wilden sicher stellen und durch einen Wechsel des Kriegsschauplatzes den Staaten New-York und New-Jersey, welche so beträchtlich gelitten haben, Erleichterung schaffen, während wir zu gleicher Zeit alle Vortheile der französischen Flotte benutzen können, ohne deren Beistand ein Versuch, Canada zu erobern, unzeitig ist und erfolglos ausfallen muß.

Der dritte Plan ist die Einnahme von Halifax und Penobscott, Pläne, deren Gelingen in demselben Verhältniß für uns wichtig, wie für den Feind verderblich wäre durch den Verlust seiner Schiffsmagazine, die für den Beginn und die Fortführung seiner Unternehmungen auf diesem Continent, von der größten Bedeutung sind. Der vierte Plan ist die Wiedereinnahme von Charleston, wodurch der Feind alle Früchte eines anstrengenden Feldzugs verlieren würde, und wodurch wir einen vorzüglichen Hafen für die Ausfuhr unserer werthvollsten Erzeugnisse, Tabak und Indigo, gewönnen.

Ich möchte diesen noch einen fünften Plan hinzufügen, nämlich die Eroberung von Florida mit Hülfe der Spanier, allein derselbe liegt zu fern im Vergleich mit den anderen. Wir haben nun zu untersuchen, welcher von diesen Plänen der wichtigste für uns, der verderblichste für den Feind und in der That der entscheidendste ist. Demnächst haben wir die notwendigen Mittel zu erwägen, welche Erfolg bei irgend einem dieser Pläne versprechen, ohne daß wir Alles wagen, und endlich müssen wir untersuchen, auf welche Hülfe wir mit einiger Gewißheit rechnen können.

Der erste Plan ist die Wegnahme von New-York mit dessen Besatzung, er ist ohne Zweifel der wichtigste. Ein Erfolg hierbei wird aller Wahrscheinlichkeit nach den Krieg beendigen. Ist New-York einmal genommen, so ist der Friede, die Unabhängigkeit und das Glück Amerika's festgestellt. Um diesen für uns so wichtigen Zweck zu erreichen, lassen Sie uns die Lage und Stärke des Feindes betrachten, sowie das, was von unsrer Seite nothwendig sein wird, um erfolgreich zu sein. Die Stärke des Feindes beträgt 14,000 Mann. Diese sind vertheilt auf Long-Island, Staaten Island und der Insel New-York, an welchen Orten sie allenthalben stark verschanzt und ohne Zweifel mit Artillerie und Munition hinreichend versehen sind. Hinsichtlich der Lebensmittel haben wir keine Gewißheit, aber es ist sehr wahrscheinlich, daß sie wenigstens für drei Monate damit versehen sind. Ist der Hafen von New-York blokirt und der Platz zu Lande eingeschlossen, so bleibt dem Feinde nichts übrig, als sich bis zum Aeußersten zu vertheidigen oder durch Unterzeichnung einer Capitulation, Amerika Frieden und Unabhängigkeit zu geben.

Können wir dies anders erwarten als vermöge der äußersten Notwendigkeit? Lassen Sie uns nun sehen, welche Mittel wir haben, den Feind dazu zu nöthigen. Nach den Berechnungen der größten Kriegskundigen erfordert die Einschließung eines befestigten Platzes die dreifache Zahl der Besatzung. Die Lage des Platzes und besonders, wenn man von Außen nichts zu befürchten hat, mag einen General veranlassen, es mit der doppelten Zahl der Garnison zu unternehmen; aber ich kenne sehr wenig Beispiele, wo man eine derartige Unternehmung mit weniger Soldaten gewagt hat, besonders wenn die kostspieligsten Vorbereitungen dazu nothwendig sind. Rechnen wir also die Streitkräfte des Feindes auf 14,000 Mann, so müssen wir wenigstens 28,000 Mann zu diesem Unternehmen haben. Unsre jetzige Stärke ist ungefähr 7000 Mann und wir erwarten etwa 6 bis 7000 Mann französische Truppen, die mit uns in's Feld ziehen würden. Wir brauchen daher eine Verstärkung von 14,000 Mann Rekruten, um die doppelte Zahl des Feindes zu haben. Unsre Armee wird dann aus 14,000 Mann ausgebildeter Soldaten und 14,000 Rekruten bestehen. Aber können wir 10,000 erwarten? Wenn wir die 14,000 Rekruten zwischen hier und dem 1. August bekommen, so denke ich, könnten wir, sofern es bloß auf die Zahl der Leute ankäme, das Unternehmen wagen. Mit den Waffen und der Munition, die wir mit der französischen Flotte erwarten und denen, die wir im Vorrath haben, werden wir, meine ich, hinreichend in diesen Punkten versehen sein. Ich will es für gewiß annehmen, daß die Staaten Maßregeln getroffen haben, um die Armee zu diesem Unternehmen gehörig zu verproviantiren. In Betreff der Artillerie vermuthe ich, daß wir mit Einschluß der von den Franzosen zu liefernden und der uns vom Staate Massachusetts zu leihenden, eine genügende Anzahl von Geschützen, aber ich bin nicht gewiß, ob wir auch genug Bomben haben werden. Ich setze auch voraus, daß uns die Staaten New-York und Jersey mit Arbeitern, Technikern und dem zur Errichtung der Batterien und anderen zu einer regelrechten Belagerung nothwendigen Material versehen werden. Ich nehme für ausgemacht an, daß die Staaten insgesammt alle Kräfte anstrengen werden, um bei einem Unternehmen Beistand zu leisten, von dem so sehr viel abhängt. In diesen Falle müssen wir gewiß die Unternehmung gegen New-York wagen. Da aber der Erfolg einigermaßen von Operationen zur See abhängen wird, so ist es nothwendig, die Seemacht, welche wir erwarten können, mit der des Feindes zu vergleichen. Für jetzt wissen wir bloß mit Sicherheit, daß der Feind vier Linienschiffe bei New-York hat. Was die Franzosen bringen werden, oder welche Streitkräfte Admiral Graves zur Verfügung hat, ist ungewiß. Wir sollten daher erwägen, ob wir die Unternehmung mit einer um drei oder vier Schiffe geringern Streitkraft als der des Feindes wagen können. Dies kann allein von Solchen bestimmt werden, die bekannter mit Unternehmungen zur See sind. Es ist mir unmöglich in Einzelheiten über die für die Flotte nöthigen Operationen einzugehen, da ich von ihnen nichts verstehe. Eben so wenig werde ich weiter etwas darüber erwähnen, als daß sie die Bewegungen der Armee erleichtern und decken sollen.

Da die wenigen Kenntnisse, welche ich von dem Terrain habe, sich lediglich aus Karten und Angabe Dritter gründen, so wird meine Ansicht über die Operationen der Armee in manchen Punkten gewiß irrig sein; ich unterwerfe sie daher gänzlich dem Urtheil des Oberfeldherrn und derjenigen Offiziere, welche besser als ich mit dem Terrain bekannt sind. Einestheils habe ich die Anzahl der Leute und Mittel vorher erwähnt; es sollte demnach die französische Flotte in den Hafen einlaufen und unmittelbar 2000 Mann auf Staaten-Island landen; zu derselben Zeit sollte die Brigade von Jersey mit 1000 Mann Miliz auf die Insel übersetzen und sich mit derselben vereinigen. Wenn der Feind auf der Insel stehen bleibt, bis dies geschehen ist, so wird, scheint mir, sein Rückzug nach New-York durch die Flotte abgeschnitten werden, und ihm kein andrer Weg übrig bleiben, als über Constable's Point oder Bergen Hook, welcher, sollte ich denken, durch eine hinreichende Streitmacht gegen Paulus Hook hin (das jetzige Jersey City) ebenfalls abgeschnitten werden könnte. Seine Werke auf der Insel müssen dann entweder durch Sturm, Kanonade oder Bombardement genommen werden, und dieser Theil seiner Streitmacht, den ich auf 14 bis 1600 Mann schätze, muß unser werden, wir mögen bei New-York Erfolg haben oder nicht. In diesem Unternehmen werden, wie ich nicht zweifle, die Bewohner von Jersey uns mit einer großen Anzahl tapferer Freiwilliger unterstützen, welche den Erfolg noch sicherer machen werden. Ich stelle mir nicht vor, daß der Feind die Vertheidigung von Staaten Island unternehmen wird, ohne Grund zu haben, eine Ueberlegenheit zu Wasser zu vermuthen. Aber was auch immer sein Entschluß hierin sein mag, der unsrige muß dahin gehen, uns so bald wie möglich zu Herren der Insel zu machen. Zu derselben Zeit sollte unsre Armee den North-River überschreiten und sich der Kings-Bridge nähern. Zur Sicherung dieses Manövers, setze ich voraus, daß einige Fregatten oder starke Fahrzeuge den North-River hinauf gehen werden. Der Feind wird dann auf New-York Island und den Höhen von Brooklyn eingeschlossen sein. Sollten wir einen Angriff auf New-York Island versuchen, so würde die große Zahl der Werke, die der Feind hat, ihm Gelegenheit geben, uns jeden Zoll Landes streitig zu machen, und selbst, wo er keine Werke hat, ist das Terrain von Natur so beschaffen, daß unsre Ueberlegenheit an Zahl nutzlos werden dürfte. Ich vermuthe im Gegentheil, daß zwei oder drei Continental-Brigaden und eine starke Anzahl Miliz nebst sämmtlicher Cavallerie den Feind bei Kings-Bridge einschließen könnten, während der Rest der Armee in Verbindung mit 4000 Mann französischer Truppen nach Long-Island marschirt und einen förmlichen Angriff auf die feindlichen Werke bei Brooklyn macht. Wären diese einmal genommen, entweder durch regelrechten Angriff oder durch einen Handstreich, so würde die Lage des Feindes kritisch werden. Wir könnten Batterien errichten und die Stadt bombardiren; die französischen Truppen allein wären im Stande, die Höhen zu bewachen, während unsere ganze Armee von Kings-Bridge aus eindringen und den Feind in engere Gränzen einschließen könnte. Inzwischen könnte die Flotte in den East-River dringen, die Schiffe verbrennen und uns eine Gelegenheit verschaffen, den Feind in seiner Stellung auf der Insel New-York zu bedrängen. Der noch übrige Theil unserer Bewegungen ergiebt sich dann von selbst. Wenn wir zu diesem Punkte des Unternehmens gelangen, wird uns Erfolg und Ruhm zu Theil werden. Um unsern Uebergang nach Long-Island zu decken, um die Verbindung offen zu halten, um die Fahrzeuge zu beschützen, die etwa zu unsrer Unterstützung von New-England ankommen, würde es nothwendig sein, ein Paar starke Fahrzeuge im Sund zu haben, welche zu diesem Zwecke um das östliche Ende von Long-Island abgeschickt werden mögen. Indem ich alle günstigen Voraussetzungen als ausgemacht annehme, welche meinem Plan zu dieser Unternehmung vorangeschickt sind, möchte ich auch wünschen und erwarten, daß ganz Amerika und besonders New-England mit allen Kräften zur Unterstützung derselben zusammen wirkte, und daß jedes Fahrzeug, groß oder klein, zur Förderung eines so wichtigen, für ganz Amerika entscheidenden Unternehmens verwendet werden möchte.

Je wichtiger dieses Unternehmen ist, um so vorsichtiger müssen wir sein und es nicht ohne eine gewisse Wahrscheinlichkeit des Erfolgs beginnen. Es ist wahr, nichts kann ohne Wagniß gewonnen werden, aber Klugheit muß uns lehren, nicht in einer unglücklichen Stunde auf's Spiel zu setzen, was uns so viel Mühe und Gefahr gekostet hat. Lassen Sie New-York unseren ersten Zweck sein, um einen ehrenvollen Frieden zu erlangen; aber lassen Sie es unseren letzten Zweck sein, wenn wir dadurch nicht allein unsre eigene Ehre, sondern auch die unserer Verbündeten auf's Spiel setzen müssen. Wenn wir nicht ganz gewiß sind, daß die Flotte unserer Verbündeten wenigstens der des Feindes gleich ist; – wenn unsre Landarmee die des Feindes nicht um wenigstens 10,000 übersteigt; wenn wir nicht die erforderliche Munition, Lebensmittel und andere notwendige Dinge zu dem Unternehmen haben; wenn unsere Operationen nicht vor dem 20. August beginnen können; in allen diesen Fällen sage ich, lassen Sie uns jeden Gedanken an seine Aufführung ausgeben und auf den zweiten Plan zurückgehen, welcher die Eroberung von Canada ist.

Ich habe schon der Vortheile gedacht, welche man von diesem Unternehmen erwarten kann. Ich füge ihnen zwei andere Beweggründe hinzu, die mir wichtig erscheinen. Erstens sind die Bewohner jenes Landes, die unsrer Sache wohl geneigt sind, seit der Gefangennahme von Bourgoyne's Armee in ängstlicher Erwartung unsrer Unterstützung gewesen. Wenn sie sehen, daß wir nichts für sie thun, werden sie sich von unseren Interessen abwenden und zum Feinde halten. Zweitens können wir niemals auf eine so günstige Gelegenheit, als die jetzige, hoffen, indem wir eine Französische Flotte zu unsrer Unterstützung haben. Die Zuneigung, welche die Canadier und Franzosen zu einander haben, würde auch beide mit mehr Eifer und Nachdruck handeln lassen.

Bei dieser Unternehmung sowohl, wie bei der gegen New-York, würde ich ebenfalls die Ueberlegenheit der Französischen Flotte voraussetzen, ohne welche alle Bewegungen mit Schwierigkeit ausgeführt werden würden. Indem ich aber diese Überlegenheit als ausgemacht annehme, würde ich wünschen, daß die Flotte in den Hafen von Newport einliefe und unsere Truppen landete und erfrischte; die für die Expedition bestimmten Schiffe müßten dann nach dem St. Lorenzstrom vordringen, mit allem Nothwendigen zur Belagerung von Quebeck und mit 4000 Stück Gewehren versehen werden, um dieselben unter die sich anschließenden Canadier zu vertheilen. Die Brigaden von New-York und New-Hamshire, wären ebenfalls aus Französischen Schiffen einzuschiffen und mit den Franzosen zu vereinigen; Stark's und Hand's Brigaden hätten den Connecticut-Fluß hinauf zu marschiren und in Canada auf dem vom Oberst Hazen hergestellten Wege einzudringen, so wie eine Vereinigung mit den Französischen Truppen zu bewirken.

Die Einnahme von Quebeck würde jedenfalls der Hauptzweck dieser Expedition sein; indessen würden wir uns selbst dann im Lande sicher stellen, wenn auch Quebeck im Laufe dieses Feldzuges nicht eingenommen werden sollte. – Wenn ich nicht falsch unterrichtet bin, bildet der St. Lorenzstrom 24 Meilen unterhalb Quebeck eine gerade Linie, wo das Fahrwasser nicht mehr als einem Schiffe die gleichzeitige Durchfahrt erlaubt, vermöge welches Umstandes das Vordringen nach Quebeck vielleicht von einigen Fahrzeugen oder Fregatten streitig gemacht werden mag. Indessen werden die alten Französischen Seeleute hierüber das beste Urtheil haben. Die geringe allgemeine Kenntnis, welche ich von diesem Lande besitze, erlaubt mir nicht, einen vollständigen Plan für die ausführbaren Bewegungen zu entwerfen. Diese Expedition wird unsern Feldzug in hiesiger Gegend zur Defensive verwandeln. Wir werden die Truppen von Massachusetts-Bay, Rhode-Island, Connecticut, Jersey, Pennsylvanien nebst 3000 Mann Franzosen, die Cavallerie und im Falle der Noth ein Corps Miliz haben, um den Feind in New-York zurückzuhalten. Ich bin sogar der Ansicht, wir sollten dies thun und ein Detachement Französischer Truppen zu Newport behalten.

Sollte der Feind ein Detachement von New-York entsenden, so werden wir vielleicht im Stande sein, mit Hülfe der an unserer Küste gelegenen Französischen Fahrzeuge eine Expedition gegen Penobscott oder irgend einen andern Platz zu unternehmen. Sollten wir statt zwölf oder vierzehn nur sieben oder acht tausend Rekruten erhalten, so würde die Gefahr nicht so groß sein, wenn die Expedition gegen New-York aufgegeben wird, und in diesem Falle würde ich eine Expedition nach Canada vorschlagen, um die Vortheile nicht zu verlieren, die wir von der Französischen Flotte und Armee ziehen können.

Drittens bietet sich uns die Eroberung von Halifax, worüber ich nichts sagen kann. Es scheint mir, daß wir dieselbe nur in dem Fall unternehmen sollten, wenn wir für den ersten und zweiten Plan auf seinen Erfolg hoffen können; daß wir uns dann mit unserer Armee lediglich in der Defensive halten und diese Expedition dem Französischen General und Admiral ganz überlassen müßten.

Der vierte Plan ist die Wiedereinnahme von Charleston, der uns gewiß sehr angelegen sein muß, obgleich er eben so schwierig als kostspielig ist. Im Falle die Jahreszeit es uns nicht erlaubt, in hiesiger Gegend etwas zu unternehmen, bin ich der Ansicht, daß, nachdem wir uns nordwestlich versucht haben, wir dann zusehen mögen, was sich in jenem warmen Klima in einer vorgerückteren und folglich für militärische Operationen günstigeren Jahreszeit thun läßt.

Von der Eroberung von Florida sage ich wenig. Wenn indessen unsere südlichen Staaten bemerken sollten, daß die Spanier irgend eine ernstliche Absicht in dieser Richtung hätten, so zweifle ich nicht, daß sie jeden Beistand leisten werden, den die Nähe ihrer Lage zuläßt.«

Der zweite Vorschlag trägt das Datum vom 10. September 1780, also einer Zeit, als der vorgeschlagene Angriff gegen New-York schon aufgegeben und Washington wegen Mangel an Truppen genöthigt war, sich nach wie vor auf die Defensive zu beschränken. Er enthält eine sehr geschickte Auseinandersetzung und Ideen und historische Vergleiche, welche beweisen, daß Steuben ein tüchtig gebildeter Stabsoffizier war.

Der Vorschlag selbst ist folgender:

»Vermöge des Standes der Angelegenheiten, welche Ew. Exzellenz dem Kriegsrath vorgelegt haben, scheint unsere Lage so beschaffen zu sein, daß es äußerst schwierig sein wird, zu bestimmen, mit welchen Operationen wir diesen Feldzug eröffnen sollen. Das Einzige, was gewiß scheint, ist, daß weder Umstände noch Mittel uns im jetzigen Augenblick erlauben, an irgend eine Offensivbewegung zu denken. Was kann man gegen einen Feind unternehmen, der auf drei Inseln steht, der uns an Seemacht überlegen und an Landmacht wenigstens gleich ist, ohne der Vortheile zu gedenken, die eine aus Veteranen bestehende Armee über eine andere hat, welche zur Hälfte aus Rekruten zusammengesetzt ist?

Wir können nicht einmal hoffen, den Feind innerhalb seiner Gränzen zurückzuhalten. Es steht bei ihm die Flüsse zu überschreiten und Einfälle zu machen, wo es ihm geeignet scheint, und ich würde mich sehr wundern, wenn er nicht seine ganze Macht zusammenzöge, den Fluß überschritte und es versuchte, uns in einen allgemeinen Kampf zu verwickeln. Wenn ihn indessen irgend ein Grund davon abhält, so ist es der Umstand, daß er einen so beträchtlichen Theil Deutscher Truppen hat, welche bei einer solchen Gelegenheit geneigt sein könnten zu desertiren, während die Englische Flotte den Hafen von New-York blokirt und dadurch eine Vereinigung mit den Französischen Truppen verhindert.

Lassen Sie uns untersuchen, was der Feind bei einer solchen Unternehmung wagen könnte. Wir können seine Ausschiffung nicht verhindern; er kann eine Stellung der unsrigen gegenüber einnehmen und eine sichere Communication mit seinen Fahrzeugen auf dem Flusse und mit Paulus Hook unterhalten. Er kann von dort aus unsere Stellung rekognosziren, die meiner Ansicht nach für die Defensive in der Fronte und ebenso in der Flanke gut ist; sobald aber der Feind eine Bewegung nach unserer Linken macht, werden wir genöthigt sein, diese Stellung zu verlassen, um ihm einen Marsch nach Kingsferry hin abzugewinnen. In jedem Falle sind wir einem allgemeinen Gefecht ausgesetzt, wobei der Feind wegen der oben erwähnten Gründe nichts anders zu riskiren hat, als zurückgeworfen zu werden.

Eine Armee alter Soldaten wird durch ein widriges Ereigniß nur dem Verlust einer gewissen Anzahl von Leuten ausgesetzt; aber bei einer zur Hälfte aus Rekruten bestehenden Armee führt ein Hinderniß oft zu einer völligen Niederlage. Wenn unsere Stellung in solcher Entfernung vom North River wäre, daß ein mit einigen Linien-Truppen gemischtes Corps Miliz den Feind im Rücken bedrohen und dessen Communication abschneiden könnte, dann, denke ich, könnten wir es wagen, ihm ein allgemeines Gefecht anzubieten.

Ich wiederhole, daß ich unsere Stellung für vortheilhaft halte. Unsere Front ist durch den Hackensack-Fluß gedeckt, und wenn wir da, wo er durchwatet werden kann, einige große Bäume in denselben werfen, so kann der Feind in einer guten Entfernung von unserer Linken abgehalten werden, einen Uebergang zu erzwingen. Wenn aber diese Stellung ein oder zwei Tagemärsche weiter von der Stelle wäre, wo der Feind landen könnte, ohne daß wir die beiden Zwecke, welche zu erreichen wir beabsichtigen, nämlich die Communication mit Pennsylvanien und Kingsferry, aus dem Gesicht verlören, so bekenne ich, würde ich dieselbe für vortheilhafter halten. In diesem Falle aber müßten wir Dobbsferry aufgeben, welches, wie ich denke, leicht wieder genommen werden könnte, sobald es unsere Umstände erst erlauben, die Offensive zu ergreifen. In unserer jetzigen Lage erscheint mir die Behauptung jenes Punktes von keinem besonderen Nutzen, ich fürchte sogar, daß der Feind es eines Tages nehmen wird, ohne daß wir im Stande sind, den Posten zu halten.

Auf Grund der allgemeinen Lage der Dinge und besonders nach dem unglücklichen Ereigniß im Süden bin ich der Ansicht, daß es unser einziges Streben sein sollte, den Fortschritten des Feindes Einhalt zu thun, bis einige glücklichere Ereignisse uns gestatten, handelnd aufzutreten. Um dies zu bewerkstelligen, würde ich nicht nur wünschen, daß die Armee zusammen gehalten würde, sondern ich möchte auch eine sobald als möglich zu bewirkende Vereinigung mit den französischen Truppen empfehlen. In wie fern dies, mit Rücksicht auf die Sicherheit der französischen Flotte und die gemeinschaftliche Verproviantirung im Falle einer Vereinigung, möglich sein wird, bin ich, wie ich bekenne, nicht im Stande, zu beurtheilen. Setzen wir dies aber als möglich voraus, so werden wir jeder Streitkraft überlegen sein, welche der Feind gegen uns aufbringen kann, und er wird genöthigt sein, sich auf seinen Inseln zu halten, bis die Ankunft einer Flotte unserer Alliirten uns Gelegenheit giebt, unser System zu ändern.

Was mir sehr wahrscheinlich vorkommt, ist, daß der Feind nach der Niederlage des Generals Gates versuchen wird, seine Eroberungen südwärts auszudehnen. Da er sicher ist. daß wir nicht im Stande sind, etwas gegen die drei Inseln zu unternehmen, so wird er von Truppen einschiffen, was sich entbehren läßt, und einen Einfall in Virginien machen, wo sich seinen Fortschritten nichts als Miliz entgegen stellen kann. Wie man ihm in dieser Richtung Einhalt thun kann, ist am schwersten zu beantworten. Durch die verschiedenen Detachements, die nach und nach nothwendig geworden, sind uns die Truppen von sechs Staaten entzogen. Jederzeit schwächer als der Feind und nicht unterstützt durch die Provinzialen oder die Miliz sind sie, so schnell als sie abgingen, aufgeopfert worden. Können wir nun wagen, die Linientruppen von Pennsylvanien demselben Schicksal auszusetzen? Jedenfalls dürfen wir dies nicht vor der Vereinigung der französischen Truppen mit unserer Armee. Aber gesetzt diese Linientruppen wären abgesandt, so dürften sie, in Erwägung des Umstandes, daß sie durch Desertion und Krankheit sehr geschwächt werden würden, nicht hinreichend sein, dem Feinde ohne Unterstützung eines beträchtlichen Milizen-Corps zu widerstehen. Sobald die südlichen Staaten ein Corps von wenigstens 3000 Mann haben und die französischen Truppen zu uns gestoßen sind, würde ich nicht anstehen, zur Verstärkung des ersteren mittelst Entsendung der Pennsylvanischen Linientruppen nach dem Süden zu rathen; aber ich würde dasselbe als verloren aufgeben, wenn es detachirt würde, um allein den Bewegungen der Engländer entgegen gestellt zu werden.

Wenn wir versuchten, durch Detachements von unserer Armee wieder zu gewinnen, was wir in jener Gegend verloren haben, würden wir am Ende überall im Einzelnen geschlagen werden. Ich könnte verschiedene Beispiele aus der europäischen Kriegsgeschichte anführen, die beweisen, daß ganze Armeen durch Detachirung einzelner Corps geschlagen wurden. Prinz Eugen wagte gegen die Franzosen durch Schwächung seiner Armee mittelst solcher Detachements seinen Ruf und den Untergang des Hauses Oesterreich. Er ward im Einzelnen gänzlich geschlagen. Aber unsere eigene Erfahrung wird genügen. Die Truppen von sechs Staaten sind bereits verloren gegangen, und wenn diese Staaten ihre Truppen nicht ersetzen können oder wollen, so wird dem Staate New-Hamshire am Ende überlassen bleiben, alle dreizehn Staaten zu vertheidigen.

Irgend einen Theil der Armee zu entsenden, scheint gefährlichere Folgen zu haben, als irgend welche Fortschritte, die der Feind nach dem Süden machen kann. In der That kann er bloß das Land verwüsten, und dies können wir selbst mit einer überlegenen Streitmacht nicht hindern. Sollte er aber einige Küstenplätze in Besitz nehmen, so muß er dieselben wieder aufgeben, sobald die Seemacht unserer Verbündeten an der Küste der seinigen überlegen wird.

Wie kritisch auch unsere jetzige Lage sein mag, so wird sich doch die Gestalt der Angelegenheiten in dem Augenblick völlig ändern, wenn die zweite Division der Franzosen oder eine Flotte von Westindien an der Küste ankommt.

Die größte Gefahr, welche nach meiner Ansicht das Land bedrohen kann, ist eine Niederlage unserer Armee. Die Mißvergnügten würden dann ihr Haupt erheben, die guten Bürger entmuthigt und alle unsere Hülfsquellen verringert werden. Wir würden in diesem Falle sogar jeden Vortheil verlieren, den wir von der Ankunft einer Flotte unserer Verbündeten zu unserer Unterstützung erwarten könnten. Meine Meinung geht daher entschieden dahin, ein sicheres Spiel zu spielen und lieber kleine Beeinträchtigungen und Verluste zu erdulden, als das Ganze auf's Spiel zu setzen, unsere Armee so viel wie möglich zusammen zu halten und eine energische Thätigkeit zu entwickeln, wenn unsere Verbündeten zu unsrer Unterstützung ankommen. –

Zu diesen Bemerkungen muß ich noch hinzufügen, daß die einzige Hülfe, welche wir den südlichen Staaten gewähren sollten, in der Absendung von einem oder zwei Offizieren bestehen müßte, welche vollkommen mit den in unsrer Armee getroffenen Einrichtungen bekannt sind, und welche den neuen Offizieren, welche die Staaten zu ernennen genöthigt sein werden, die erforderlichen Unterweisungen geben können. Dies ist, denke ich, Alles, was wir im gegenwärtigen Augenblick thun dürfen. Sollte aber eine Flotte unserer Verbündeten ankommen und uns in die Lage versetzen, die Offensive zu ergreifen; welches sind dann die Ziele, die im Bereiche unserer Operationen liegen?

Die Jahreszeit und die Stärke unserer Verbündeten müssen dies entscheiden. Die Unternehmung gegen New-York scheint mir für diesen Feldzug nicht mehr in Betracht zu kommen, wenigstens dann nicht, wenn wir nicht bis zum 15. dieses Monats eine Ueberlegenheit zur See haben; aber selbst, wenn dieses der Fall wäre, so würde, denke ich, unsere Streitmacht uns nicht gestatten, sie zu wagen, weil wir kaum die Hälfte der Truppen erhalten haben, die wir von den Staaten verlangt hatten!

Der zweite Plan ist die Wiedereroberung von Charleston, gegen welches eine vortheilhafte Expedition durch Entsendung von 2000 bis 3000 Mann zur Verstärkung der Mannschaft im Süden ausgeführt werden kann. Mit dem Rest unsrer Armee müssen wir eine Stellung in den Bergen von Westpoint einnehmen. Mit diesem vereinigt wird die französische Flotte und Armee, hoffen wir, im Stande sein, die Operationen auf der Seeseite auszuführen, während 5 oder 6000 Mann von uns den Feind innerhalb seiner Linien bei Charleston einschließen können. Das Klima dieser Gegend wird uns erlauben, im Winter in Thätigkeit zu bleiben. Die Ernte ist reich sowohl an Reis als Mais ausgefallen, und das Land hat Ueberfluß an Vieh. Es fehlt also nichts als geeignete Anordnungen, um die für die Expedition bestimmten Truppen während ihrer Bewegungen zu verproviantiren.

In Betreff einer Expedition gegen Canada muß ich bekennen, nicht hinreichend mit der Beschaffenheit dieses Landes bekannt zu sein. Man hat mir gesagt, eine Unternehmung zu Lande sei im Winter leicht ausführbar. Wenn man einen Streifzug mit einem kleinen Corps meint, so glaube ich es wohl; wenn wir aber die Absicht haben, das Feld zu halten, so ist die Mitwirkung einer Flotte auf dem St. Lorenzstrome entschieden nothwendig, und in wie fern dieselbe im Winter statt finden kann, bin ich nicht im Stande zu beurtheilen.

Die anderen Pläne sind die Eroberung von Halifax und Penobscott, letzteres von der geringsten Wichtigkeit. Die Bewegungen zur See scheinen mir zu viel Einfluß bei diesen Unternehmungen zu haben, als daß ich mir irgend ein Urtheil darüber bilden könnte.

In allen Fällen sollten wir aber von der Ankunft einer Flotte in dem Verhältniß Vortheil zu ziehen versuchen, als sie uns Ueberlegenheit über den Feind giebt. Dies können wir unter der Bedingung thun, daß wir unsere Armee beisammen halten und bereit sind, uns unmittelbar nach Ankunft der Flotte in Thätigkeit zu setzen.«

Washington handelte bekanntlich den im letzten Gutachten angedeuteten Vorschlägen entsprechend. Er behielt seine Stellung am Hudson in der Nähe von Westpoint bei und legte vorläufig das Hauptgewicht auf den Feldzug im Süden, da die Französische Flotte erst im Winter ankam.

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