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Leben des Amerikanischen Generals Friedrich Wilhelm von Steuben. Band I

Friedrich Kapp: Leben des Amerikanischen Generals Friedrich Wilhelm von Steuben. Band I - Kapitel 14
Quellenangabe
typebiographie
authorFriedrich Kapp
titleLeben des Amerikanischen Generals Friedrich Wilhelm von Steuben. Band I
publisherVerlag von Duncker & Humblot
year1858
correctorJosef Muehlgassner
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Zwölftes Kapitel

Steuben zögerte nicht, seine Theorie in die Praxis einzuführen. Kaum im Lager angekommen, ließ er alle Regimenter Revue passiren, inspizirte sie compagnie- und gliederweise und befahl die Einführung des in seinen Regulativen vorgeschriebenen Manövrirsystems. Er nahm es namentlich sehr genau mit der Bildung der Bataillone. War ein Regiment nicht stark genug, um ein Bataillon daraus zu dem, so vereinigte er es mit einem andern gleich schwachen Regimente und schuf beide zu einem Bataillone um; ging dieses nicht an, so theilte er es in zwei Theile. Da die Bataillone dergestalt eine bestimmte Stärke erzielten, so ließ sich die Gesammtmacht jeder Zeit leicht abschätzen, während gleichzeitig das Manövriren dadurch sehr erleichtert wurde.

Der Congreß hatte auf Grund des Beschlusses vom 9. März 1779 die Stärke der Infanterie auf achtzig Bataillone festgesetzt, deren jedes laut der am 27. Mai 1778 getroffenen Bestimmung 477 Gemeine zählen sollte, so daß sich also allein die Infanterie auf 38,160 Mann belaufen hätte. Da indessen der Congreß den Einzelstaaten bekanntlich nichts zu befehlen hatte, sondern ihnen nur etwas anempfehlen konnte, so war selbstredend niemals die Hälfte dieser Anzahl bei den Fahnen.

Wie das Verhältniß im Süden stand, wird in unseren Quellen nicht einmal annähernd berichtet; indessen läßt sich wohl ohne Ungerechtigkeit annehmen, daß es dort noch schlimmer aussah als im Norden, weil der Süden heftiger in sich gespalten und weniger enthusiastisch als der Norden, namentlich Neu-England war. Dagegen finden wir in den Steubenschen Papieren die Stärke der Haupt-Armee ganz genau berechnet. Beim Beginn der Campagne von 1779 bestand nämlich General Washington's Heer aus sechs Divisionen von je zwei Brigaden oder aus 46 Regimentern, die im Ganzen 11,067 Mann zählten. Diese Regimenter waren von 150 Mann (wie das 7. Virginische) bis zu 430 Mann (wie das 6. von Connecticut) stark und wurden je nach ihrer Zahl und Größe zu Bataillonen geschlagen oder umgeschaffen. Steuben suchte aus jedem Regimente nach Verhältniß seiner Stärke die tüchtigsten Leute aus und bildete aus ihnen acht leichte Infanterie-Compagnien. Es bestand somit auf Grund dieser Eintheilung die ganze Armee aus 35 Bataillonen, deren Gesammtstärke sich auf 9755 Mann belief, so daß also auf das Bataillon gegen 278 Mann kamen, und aus den vorher erwähnten acht leichten Infanterie-Compagnien. Jede der letzteren hatte einen Feldoffizier, 4 Capitaine, 8 Subaltern-Offiziere, 12 Sergeanten und 164 Gemeine, also 1312 Mann im Ganzen. Die Divisionen unterschieden sich dem Namen nach als die Divisionen von Virginien, Maryland, Pennsylvanien, Connecticut, Massachusetts und Nord-Carolina. Steuben's Manuscr.-Papiere (Sprague und Mann in Utica).

Es ist Steubens großes Verdienst, daß er die leichte Infanterie in der amerikanischen Armee schuf und ausbildete. Es ist ein schlagender Beweis für sein großes Organisationstalent, daß er den naturwüchsigen Vortheil, den die Amerikaner von Anfang des Krieges an durch ihre Riflemen und ihre Kampfesweise in unregelmäßigen Haufen über ihre Feinde Hatten, kriegswissenschaftlich vervollkommnete und zu einem bedeutenden Mittel des Sieges erhob. Aus ihren Kämpfen mit den Indianern nämlich waren die Colonisten gewohnt, vereinzelt und zerstreut zu fechten und auch im Revolutionskriege hatten sie, vom Terrain unterstützt, manchen nicht unbedeutenden Vortheil über die in geschlossenen Massen kämpfenden Feinde errungen. Die Uebergabe Bourgoyne's bei Saratoga war durch diese Kampfesweise mit bedingt, indem hier die, in langen Schwärmerketten, tiraillirenden Riflemen die Entscheidung gaben. Die Engländer, um derartigen Nachtheilen für die Zukunft vorzubeugen, errichteten fortan mehr leichte Truppen und übten die leichte Infanterie zum Gefecht in zerstreuter Form und in der ausgedehnten Ordnung ein. Lord Cornwallis bewies im Süden, was und wie viel ein tüchtiger Feldherr aus dieser neuen Truppengattung machen konnte. Es kam nun darauf an, sich nicht vom Feinde überflügeln zu lassen. Die Bildung der leichten Infanterie-Bataillone aus den besten, gedientesten Soldaten war das erfolgreichste Mittel dagegen, und Steuben erreichte damit vollkommen seinen Zweck. Sie wurden namentlich von 1780 an eine Art Muster-Corps für die ganze Armee und bewährten ihren Nutzen und ihre Tüchtigkeit bei allen späteren Gelegenheiten, namentlich in Virginien, wo die Lafayette mitgegebenen Truppen die von Steuben ein Jahr vorher gebildete und disziplinirte Infanterie war.

Es mag hier im Vorübergehen bemerkt werden, daß die leichte Infanterie bald vom amerikanischen auf europäischen Boden verpflanzt wurde, und daß überhaupt das zerstreute Gefecht oder Tiraillement im Gegensatz zu den geschlossenen Linien, zur Massentaktik des siebenjährigen Krieges mit der Zeit in die europäischen Heere überging. Es verdrängte, von Meisterhänden entwickelt und ausgebildet, in den Kriegen von 1792 bis 1815 die alte Kampfweise. Schon Friedrich der Große. hatte, nachdem er den Vorgängen in Amerika mit aufmerksamem Blick gefolgt war, in den letzten Jahren seiner Regierung durch Errichtung von drei leichten Infanterie-Regimentern und durch Anstellung mehrerer Hessischer, Braunschweigischer und Ansbachischer Offiziere, die den amerikanischen Krieg mitgemacht, den Grund zur Bildung einer leichten Infanterie gelegt. Sein Nachfolger dehnte bereits im Jahre 1787 die neue Formation bis auf zwanzig Bataillone – unter dem Namen Füsilir-Bataillone – aus, und ertheilte denselben in den Jahren 1788 und 1789 die ersten reglementarischen Vorschriften über das Tiraillement, für welche die Beispiele des Amerikanischen Krieges als Anhalt benutzt wurden. Napoleon endlich brachte dies neue System bis zu seiner gegenwärtigen Vollkommenheit. Gneisenau. Erste Abtheilung. Beiheft zum Militär-Wochenblatt, redigirt von der historischen Abtheilung des Generalstabes, Berlin, E. S. Mittler und Sohn 1856, p. 28-32.

Als die Armee in's Feld zog, erhielt Steuben das Commando einer Division in Neu-England. Steuben erwähnt diesen Umstand in einem Aufsatze, den ich unter seinen Papieren im Besitze des Herrn Sprague in Albany fand, giebt aber nicht die mindeste Einzelheit an. Jedenfalls war dies Commando nur ein vorübergehendes oder interimistisches, denn sonst würden auch unsre übrigen Quellen wie Washingtons Tagesbefehle und Briefe darüber sprechen. Gleichzeitig fuhr er jedoch mit der Inspizirung und dem Exerziren der übrigen Truppen fort. Thacher erzählt, wie diese Revüen abgehalten wurden und möge sein interessanter Bericht hier um so eher eine Stelle finden, als er uns eine lebendige Anschauung von Steuben's neuem Systeme giebt.

»Am 20. Mai,« – sagt er, Thacher: A military Journal, Boston 1823, 8., pag. 160. Der Verfasser war Arzt bei der Haupt-Armee und beschreibt im obigen höchst werthvollen und seltenen Buche seine persönlichen Erlebnisse und Beobachtungen. – »revidirte und inspizirte der Baron Steuben unsere Brigade. Die Truppen paradirten mit geschultertem Gewehr in einer einzigen Linie an ihm vorbei, während jeder Offizier seinen bestimmten Platz einnahm. Der Baron revidirte die Linie zuerst in dieser Position, indem er mit prüfendem Ange an der Front hinabging; hierauf nahm er die Muskete und die übrigen Armaturstücke eines jeden Soldaten in seine Hand, prüfte sie mit Genauigkeit und Schärfe und lobte oder tadelte, je nachdem es verdient war. Er verlangte, daß Muskete und Bayonnet auf's blankeste geputzt seien und seinem scharfen Auge entging weder das kleinste Rostfleckchen noch sonst ein anderer Mangel. Auch erkundigte er sich nach dem Betragen der Offiziere gegen ihre Leute, wobei er ebenfalls Tadel und Lob nach Gebühr austheilte. Hierauf forderte er von mir, als dem Wundarzte, eine Liste der Kranken nebst genauer Angabe ihrer Behandlung und Verpflegung, und hernach besuchte er sogar einige Kranke in ihren Hütten. Der Baron wird allgemein geachtet und als eine werthvolle Errungenschaft für unser Land betrachtet. Er ist ausgezeichnet durch tiefe taktische Kenntniß, sowie durch seine Geschicklichkeit, eine Armee zu reformiren und zu diszipliniren, – ferner durch seine liebevolle Zuneigung zu den guten und pflichtgetreuen Soldaten, sowie durch seine äußerste Abneigung gegen jede Insubordination und Pflichtvernachlässigung. Unter seiner Inspektion und Revision hat sich die continentale Armee in kurzer Zeit bedeutend verbessert.

›Mit welcher strikten Genauigkeit wurden die Inspektionen abgehalten!‹ ruft William North aus. ›Ich habe gesehen, wie der Baron und seine Assistenten eine Brigade von drei kleinen Regimentern sieben lange Stunden inspizirten! Ueber jeden abwesenden Mann mußte Auskunft ertheilt werden, – ob er im Lager, ob krank oder gesund, und jeder Kranke wurde besucht. Dann wurde jede Muskete geprüft, jede Patrontasche geöffnet, sogar die Feuersteine und Patronen gezählt; hierauf mußten die Tornister abgenommen und der Inhalt auf einer ausgebreiteten Decke niedergelegt und mit dem Verzeichniß seines Notizbuches verglichen werden, um zu sehen, ob das von den Vereinigten Staaten binnen einem Jahre Gelieferte noch vorhanden sei oder nicht, und wenn nicht, wohin es gekommen. Hospitalvorräthe, Laboratorien, kurz Alles mußte der Inspektion offen stehen und Alles wurde inspizirt. Da wurde manchem Offizier bange, wenn er am Inspektionstage über Verluste oder Ausgaben nicht genaue Rechenschaft abzulegen vermochte. Die Inspektionen fanden jeden Monat statt und hatten eine wunderbare Wirkung, nicht allein auf Oekonomie, sondern auch auf den Wetteifer, den sie unter den verschiedenen Corps anfachten. Ich habe Subalterne gekannt, welche von ihren zwei Rationen eine zur Verbesserung des Aussehens ihrer Leute verwandten; dies war freilich in der letzten Periode des Krieges, wo die Löhnung und Versorgung der Truppen reichlicher und regelmäßiger stattfand.‹«

Der Feind eröffnete die Campagne von 1779 durch eine Bewegung der Fregatten und Transportschiffe auf dem North River. Diese Operation machte Washington um West Point besorgt, weshalb er sich eiligst über Clove nach diesem Platze in Bewegung setzte. Doch General Clinton begnügte sich, nachdem er sich die Einnahme der kleinen Redoute bei Verplanks Point drei Tage hatte kosten lassen, mit dem Besitz von Kingsferry, befestigte Stony Point, wo er eine Garnison von 800 Mann zurückließ, nahm dann noch an den Werken von Verplanks Point einige Verbesserungen vor und kehrte, nachdem er auch hierher 400 Mann gelegt hatte, nach New-York zurück. – Die amerikanische Armee blieb auf den Flügeln von West Point, bis General Wayne mit 1200 Mann leichter Infanterie Stony Point erstürmte und die ganze Besatzung gefangen nahm. Am folgenden Tage wurde ein obwohl erfolgloser Versuch auf Verplanks Point gemacht.

General Clinton rückte mit dem größten Theile seiner Armee vor, deckte den Hudson durch einige Fregatten, fand jedoch, als er bei Stony Point ankam, dieses schon zerstört, alles Holzwerk nebst den Faschinen verbrannt und die amerikanischen Truppen in ihre früheren Positionen zurückgekehrt. Nachdem er hierauf Verplanks Point geräumt hatte, zog er sich nach New-York zurück.

Wir finden aus dieser Zeit in den Steuben'schen Papieren ein Gutachten, welches, auf Washingtons Befehl am 27. Juli 1779 eingereicht, die Lage der amerikanischen Armee nach der Einnahme von Stony Point zeichnet und also lautet:

»Unsere gegenwärtige Situation ist beinahe dieselbe, die sie bei Eröffnung des Feldzuges war. Der Feind ist uns der Zahl nach noch immer überlegen, seine Truppen sind besser verproviantirt und gekleidet, er hat durch seine Schiffe mehr Mittel, seine Pläne auszuführen und ist Herr der Küsten und der Mündung des North River's.

Die Einnahme von Stony Point hat uns einen großen Vortheil gebracht. Sie hat nicht allein unsere Armee und das Volk ermuthigt, sondern auch dem Feinde bewiesen, daß unsere Generale ihre Dispositionen zu machen und daß unsere Offiziere und Soldaten sie unerschrocken und präcis auszuführen wissen. Endlich hat sie die Operationen des Feindes verzögert, wenn sie ihn auch keineswegs zum völligen Aufgeben seiner Pläne veranlaßt hat.

Prüfen wir, was gegenwärtig sein Plan sein kann! Haben die großen Vorbereitungen, welche er gemacht hat, um sich der beiden Flußufer bei Kingsferry zu versichern, haben die Kosten, die Zeit und Arbeit, die er auf Befestigung dieses Punktes verwandt hat, keinen andern Zweck, als die Küsten von Connecticut zu verheeren und zu plündern? Sollte er Stony Point und Verplanks Point nur deshalb befestigt haben, um dort seine Eroberungen für diesen Feldzug zu beschließen? Weder das Eine noch das Andere ist wahrscheinlich. Sein Plan muß weitgehender sein. Nachdem er diese beiden Punkte befestigt und eine hinlängliche Garnison dort gelassen hat, ist er im Stande, den Rest seiner Truppen überall hin zu werfen, wohin es ihm beliebt, und im Falle einer Schlappe kann er auf sie zurückfallen und seine Schiffe dort vor Anker gehen lassen. Nachdem dies geschehen, wird er eine Invasion in's Land machen und uns zwingen, entweder detachementweise oder mit unserer ganzen Streitkraft ihm nachzuziehen, während seiner Seits 3-4000 Mann und die erforderlichen Schiffe immer bereit sein werden, einen Angriff auf Westpoint zu wagen. Wenn wir uns durch seinen Einfall nicht verführen lassen, unsere jetzige Stellung aufzugeben, so wird der Feind vielleicht ein Corps von 5-6000 Mann auf die eine oder andere Seite des Flusses werfen, um eine Diversion gegen unsere Flanken zu machen und Westpoint zu nehmen. Diese Bewegung scheint mir indessen in Anbetracht der Seite, auf welcher das Fort liegt, besonders schwierig zu sein.

Welcher Mittel er sich übrigens auch bedienen mag, ich bin überzeugt, daß alle Operationen des Feindes nur dahin zielen, sich zum Herrn dieses Postens und dadurch des ganzen Flusses bis Albany zu machen. Wenn er diesen Plan nicht hat, so hat er überhaupt keinen, welcher die Kosten und Mühen eines Feldzuges Werth ist. Von seinem Erfolge aber hängt das Schicksal Amerika's ab. Daraus folgt, daß wir kein wichtigeres Ziel haben, als diesen Schlag zu pariren. Mag der Feind verbrennen, was er noch zu verbrennen hat! Dieser Feldzug muß seine Schande, aber nicht seinen Erfolg vergrößern.

Wenn Westpoint solid befestigt, mit hinreichender Artillerie, Munition und Proviant, sowie mit einer Garnison von 2000 Mann versehen wird, so brauchen wir, um es zu sichern, unsere Streitkräfte keinen Tagemarsch davon zu entfernen. Ja, ich gehe weiter und sage, daß unsere Armee entweder ganz vernichtet oder gefangen genommen sein muß, ehe der Feind einen Angriff auf Westpoint wagen kann.

Unsere Stellung auf beiden Flußufern ist für eine an Zahl geringere Armee sehr vorteilhaft. Der Feind kann uns nicht so leicht daraus verdrängen. Sie ist günstig für unsere Magazine und den Flußtransport. Wenn das Terrain in einer Beziehung unvortheilhaft für uns ist, so ist es die, daß ein Posten nicht leicht den andern schützen kann, daß jede Brigade sich für sich selbst vertheidigen muß. Aus diesem Grunde sollten nicht allein die Generale, sondern sämmtliche Generalstabs -Offiziere das Terrain und alle Wege und Stege sorgfältig recognosciren. Unser rechter sich bis Sufferns ausdehnender Flügel ist in einer Beziehung sehr vorteilhaft aufgestellt. Wenn es indessen möglich sein sollte, eine oder zwei Brigaden an einen zwischen Sufferns und Fort Montgomery liegenden Punkt zu legen, so würde der Feind gezwungen sein, mehr Leute und mehr Schiffe in der Nähe von Stony Point zu halten. Wenn ich nun auch nicht der Ansicht bin, daß wir zum zweiten Male einen Sturm auf denselben Punkt wagen sollten, so wünsche ich doch, daß er ihn fürchtete. Je mehr Truppen wir auf dieser Seite in Schach halten, desto weniger kann der Feind anderswo für seine Operationen verwenden.

Kleine, mit Relais-Pferden versehene Wachtposten den Fluß entlang, auf diesem Ufer bis Stewart und auf dem linken vom Croton bis nach Norwalk, können uns zeitig von den Bewegungen des Feindes und die Milizen zugleich zur Ergreifung der Waffen in Kenntniß setzen. Die Erndte ist beinahe vorbei; darum sind auch die Landbewohner jetzt besser im Stande, im Nothfalle zu den Waffen zu eilen. Allein meines Erachtens darf weder New-Jersey noch Connecticut auf Detachements von unseren Truppen rechnen. Vertheidigen wir den North-River und behaupten wir Westpoint! Dann wird das Ende unseres Feldzuges ein ruhmvolles sein.

Diese meine Ansicht gründet sich selbstredend nur auf die augenblicklichen Verhältnisse. Die Ankunft einer französischen Flotte an unseren Küsten würde natürlich den Operationsplan ändern.«

Bei der Erstürmung von Stony Point erprobte sich der Werth des Bayonnets. Bis dahin hatte Steuben vergebens über die Nützlichkeit dieser Waffe gepredigt; der Soldat hatte kein Vertrauen zu ihr. Vor dem Angriff verbot General Wahne seinen Leuten bei Todesstrafe das Laden der Musketen. Ein Soldat, der beim Sturm aus der Reihe trat, um zu laden, wurde von dem Offizier seiner Compagnie auf der Stelle niedergestoßen. Die Attacke und Einnahme erfolgte, ohne daß ein Schuß gethan ward. Am folgenden Tage begleitete Steuben den Ober-General nach Stonty Point. Als sie ankamen, wurde Steuben sogleich von allen seinen jungen Soldaten umringt und empfing die einhellige Versicherung, daß sie in Zukunft ihre Bayonnette besser in Acht nehmen und keine Beefsteaks mehr an denselben braten wollten, wie sie dies bisher gethan hätten. Steuben benutzte diesen Moment des Enthusiasmus für das Bayonnett und erwirkte vom Obergeneral eine Ordre, wonach hinfort die Bayonnette stets und bei allen Gelegenheiten aufgepflanzt sein sollten. Scheide und Koppel dafür wurde den Soldaten abgenommen und mit der Weisung, daß er keine mehr ausgeben solle, an den Commissär abgeliefert.

Dadurch erzielte er nicht allein eine an sich beträchtliche Ersparung für Koppeln und Scheiden, sondern rettete auch jährlich 4000 Bayonnette für eine Armee von 12,000 Mann. Von nun an hörte auch das Auf- und Absetzen des Bayonnets auf und letzteres wurde als ein ebenso wesentlicher Theil der Muskete gewürdigt als das Feuerschloß. Steuben's M.-P. Bd. XIII. und bei Sprague.

Es mag hier im Vorübergehen bemerkt werden, daß am 16. Juli 1857 auf der Stelle des alten Forts Stony Point der Grundstein zu einem zu Ehren des Generals Wayne zu errichtenden Monumente gelegt wurde. Bei dieser festlichen Gelegenheit wurden die patriotischen Reden natürlich zu Dutzenden gehalten und alle Revolutions-Generale und höheren Offiziere im Stile des 4. Juli gepriesen; indessen findet in allen diesen Reden und Zuschriften der Name Steuben nicht einmal Erwähnung. Der Ex-Präsident Pierce sagt in seinem an das Festcomitee gerichteten Briefe, daß es im ganzen englisch-spanischen Kriege kein so schlagendes Beispiel von den Vortheilen eines Bayonnet-Angriffes gebe als den Wayne'schen Sturm auf Stony Point; er scheint jedoch zu übersehen oder nicht zu wissen, daß Steuben die amerikanischen Truppen erst das Bayonnet zu brauchen gelehrt hatte und daß sein Unter-Inspektor Fleury mit Wayne den Ruhm dieses herrlichen Sieges theilte. Wayne wird wahrlich dadurch nicht kleiner, daß Jedem das Seine gegeben wird. Wenn aber irgend ein Umstand den bescheidenen und edlen Charakter Steuben's in das richtige Licht stellt, so ist es die Thatsache, daß er der Erste war, der Wayne's und Fleury's Verdienste bewundernd anerkannt, daß er sich um der Sache willen über dies glorreiche Unternehmen freute, und daß er nicht einmal seinen Freunden gegenübet auf seine intellektuelle Hülfe zu dessen glücklichen Ausgange anspielte.

Ueber die Erstürmung von Stony Point finden wir unter Steubens Papieren einen sehr interessanten Brief, den der französische Gesandte, Herr Gerard, an ihn geschrieben hat. Da Alles auf diese glänzende Waffenthat Bezügliche erhalten zu werden verdient, so geben wir eine Übersetzung jenes Briefes.

»Nichts ist nach meiner Ansicht gerechter, mein lieber Baron,« schreibt Gerard Ebendaselbst Bd. II. Gérard's Handschrift ist so außerordentlich schwer zu entziffern, daß ich zwei Worte, die mit Sternchen angedeutet sind, nicht lesen konnte. Die Enträthselung der Hieroglyphen dieses kurzen Briefes kostete mich einen ganzen Nachmittag. Es ist überhaupt charakteristisch, daß die französischen Edelleute jener Zeit, deren Briefe sich in den Steubenschen Papieren zu Dutzenden finden, eine wahrhaft schreckliche Hand schrieben, während dagegen ihre Amerikanischen Zeitgenossen sich durch eine reine schöne und immer leicht leserliche Handschrift auszeichneten. Lafayette, der schon arg kritzelte und nie einen reinlichen Brief schrieb, ist noch der beste Correspondent. Die Französischen Gesandten dagegen, Gérard sowohl wie de la Luzerne, brauchten nicht erst zur Depeschenschrift ihre Zuflucht zu nehmen; sie schrieben ohnehin unleserlich genug. d. d. Philadelphia 27. Juli 1779 – »als die Lobrede, welche Sie der Expedition gegen Stony Point halten. Plan, Ausführung, Muth, Disziplin, Geschicklichkeit, Energie, kurz, die seltensten Eigenschaften fanden sich hier vereinigt, und ich bin überzeugt, daß die Ansichten Europa's über die militärischen Eigenschaften der Amerikaner durch diese That ebenso sehr gehoben werden, wie ihre Ansichten von dem Talent unseres berühmten und liebenswürdigen Generals durch die Erfolge ... sich erhöhten. Ich habe einen Expressen nach Baltimore gesandt, der sich nach einem Schiffe umsehen soll, das die Botschaft dieses Triumphes sofort nach Frankreich bringe. Obgleich ich kein so großer Freund von all' den hiesigen Persönlichkeiten bin wie Sie, so erfreuen mich die Erfolge dieses Landes doch eben so sehr als die unserer eigenen Waffen. Was den General Wayne anbetrifft, so glaube ich, daß wir beide dieselben Ansichten über ihn hegen.« (Steuben's Brief vom 21. Juli, aus den sich diese Stelle bezieht, ist verloren gegangen; allein Greene Greene's Manuscript-Papiere. schreibt am selben Tage an seine Frau, daß Steuben der Meinung sei, »es werde diese kühne Waffenthat den Charakter des sie ausführenden Generals in der ganzen civilisirten Welt in ein glänzendes Licht setzen.«) »Wenn Sie ihn sehen,« fährt Gerard fort, »so sagen Sie ihm gefälligst, daß Niemand sich mehr als ich über den Ruhm freue, den er jetzt eben ärndte. Die Ehre, welche unser tapferer und edler Fleury bei dieser Gelegenheit gewann, erfreut mich in demselben Grade und bin ich freudig gespannt auf die schmeichelhafte Belohnung, welche ihm dafür bestimmt ist. Ich betrachte diesen glänzenden Erfolg als eine neue Veranlassung für ihn, in Amerika zu bleiben; wenigstens kann er uns nicht im Lauf dieser Campagne verlassen. Ich werde meinem Hofe schreiben, daß dieser ihm solch' eine Belohnung gebe, wie sie dem Interesse, welches er an dem Erfolge Amerikas nimmt, angemessen ist.

Col. Pickering hat mir ein Exemplar Ihrer Regulative geschickt und mir sechs weitere versprochen. Nur Muth, mein lieber Baron, denn jene Talente, welche Gutes zu thun wissen, ohne Beleidigung und Eifersucht zu erregen, triumphiren am Ende stets sicher über alle Hindernisse. Ihr Erfolg kann die Zuneigung Ihrer Freunde nicht steigern; aber diese werden glücklich sein, Sie so glücklich zu wissen, wie Sie zu sein verdienen.«

Herr Gerard verließ zwei Monate später Amerika und wurde durch Herrn de la Luzerne abgelöst, welcher Ende August 1779 in Boston ankam. Steuben, welcher gerade damals das Corps des Generals Gates in Providence inspizirte, wurde von dem Gesandten ersucht, ihn in's Hauptquartier zu begleiten. Dieser Einladung folgend, ging er nach geschehener Inspektion nach Hartford, wo er mit dem Gesandten zusammentraf. Sie begaben sich von hier über Wetherfield, New Haven, Fairfield und Danbury nach Fishkill, wo General Washington bereits angekommen war, um den Herrn de la Luzerne zu empfangen.

»Ich hatte nicht die Ehre ihn früher zu kennen,« – sagt Steuben in einem seiner Memoriales, Steuben's Manuscript-Papiere (Sprague). »und obgleich er mich mit der äußersten Zuvorkommenheit empfing, so merkte ich doch bald, daß er nichts von mir wußte und daß das französische Ministerium ihn nicht über die Veranlassung, welche mich in dieses Land geführt, unterrichtet hatte. Dies überzeugte mich davon, daß man sich um mich nicht weiter kümmern wolle und daß ich deshalb so gut es ginge auf eigene Hand für mich handeln müsse. Uebrigens nahm ich mich in Acht, dem Herrn de la Luzerne meine Gedanken merken zu lassen, weßhalb ich, fest entschlossen die Rolle eines ohne Protektion dastehenden amerikanischen Offiziers zu spielen, nur beiläufig meine Bekanntschaften in Versailles sowie meine Reise nach Amerika erwähnte.«

Im Hauptquartiere kannte man die Etiquette nicht, welche man gegen den französischen Gesandten zu beobachten hatte. Steuben, bei dem man mit Recht Kenntnisse in solchen Dingen vermuthete, wurde deshalb ersucht, die nöthigen Anordnungen zu treffen. So wurde ihm Gelegenheit gegeben, seine alten Erfahrungen als Hofmarschall zu beweisen. Er entledigte sich seiner Aufgabe derartig, daß er später bei allen Gelegenheiten den Ceremonien-Meister bei dem Verkehr des Gouvernements mit fremden Gesandten zu spielen berufen wurde. »Wollen Sie die Güte haben,« – schreibt Alexander Hamilton, derzeitiger General-Adjutant, am 5. September 1779 an Steuben Ebendaselbst Band I. – »den General durch einen Expressen zu benachrichtigen, welche Stationen Sie zu machen und wann Sie im Lager einzutreffen gedenken? Ob der Herr de la Luzerne es übel nehmen wird, wenn ihm der General in Fischkill als Privatmann entgegenkommt? Dies entre nons: ich sehe darin nichts Unpassendes; würde Ihnen aber sehr verbunden sein, wenn Sie mir über diesen wie über andere Ihnen einfallende Punkte avec franchise Ihre Meinung kund thun wollten. Bei Sr. Excellenz Ankunft im Hauptquartier hat Major Gibbs die brennendste Begierde, an der Spitze seiner Truppen ein wenig zu renommiren. Wird dies vielleicht Ihren Plan stören?«

Nachdem der Chevalier de la Luzerne einen Theil der Armee und die Befestigungen zu West Point angesehen hatte, begab er sich nach Philadelphia, um sich dem Congreß vorzustellen.

Die Amerikanische Armee blieb ebenso unthätig in West Point wie die Englische in New-York: »Unsere Truppen,« – schreibt Duponceau Duponceau's Manuscript-Papiere, Brief Nr. 9. – »wechselten in dieser unblutigen Campagne häufig ihre Quartiere und wir in Folge dessen ebenfalls. Meine Arbeit während dieser Zeit war durchaus keine angenehme. Die Berichte der verschiedenen Corps und Departements der Armee, in denen die Zahl der Mannschaft, die Quantität der Mundvorräthe, Kleidungsstücke, Waffen, Munition etc. angegeben war, wurden sämmtlich an den Baron Steuben, als den General-Inspektor der Armee gesandt. Aus diesen Dokumenten hatten wir Auszüge zu machen und diese zu General-Berichten umzuarbeiten, welche dann dem Obergeneral vorgelegt werden mußten. Das war eine langweilige Arbeit. – Angenehmer hingegen war es, den Baron zu Pferde zu begleiten, wenn er die Truppen inspizierte. Er war bei den Soldaten sehr beliebt, obwohl er ein strenger Disciplinator und obendrein leidenschaftlich war. Aber es war ein Fond von Güte in ihm, welcher sich bei vielen Gelegenheiten zeigte und den man sogar durch seine strengen Züge durchblicken sah, weshalb er außerordentlich populär war. Niemals beging er eine Ungerechtigkeit, ohne sie, sobald er sie erkannt hatte, durch öffentliche Erklärung wieder gut zu machen. Hiervon habe ich einige Beispiele gesehen. –

Der Marquis de la Fayette und der Baron von Steuben waren die großen Lieblinge in der Armee und wurden nur Marquis resp. Baron genannt. (Seine Frau kam einst zu letzterem und bat ihn um Erlaubnis, ihr Kind nach ihm nennen zu dürfen. ›Wie soll's denn heißen?‹ fragte Steuben. ›Nun, ich denke,‹ antwortete sie, ›das versteht sich von selbst. Baron soll es heißen.‹

Seine leidenschaftlichen Ausbrüche verletzten den Soldaten niemals. War eine Bewegung oder ein Manöver nicht nach seinem Sinne ausgefallen, so begann er erst deutsch, dann französisch und zuletzt in beiden Sprachen zu fluchen. Halte er sich in ausländischen Flüchen erschöpft, so pflegte er seinen Adjutanten zuzurufen: ›Mein lieber Walker oder mein lieber Duponceau, kommen Sie her und fluchen Sie Englisch für mich; diese Kerle wollen nicht thun, was ich ihnen befehle.‹ Ein gemüthliches Lächeln ging dann durch die Reihen, und schließlich wurde das Manöver oder die Bewegung doch vortrefflich ausgeführt.«

Von West Point schrieb Steuben am 28. September 1779 folgenden Brief an den damals in Paris lebenden Benjamin Franklin: Steuben's Manuscript-Papiere Bd. XI. »Ich nehme mir die Freiheit, Ihnen einige Exemplare der im vorigen Winter für den Dienst der Infanterie veröffentlichten Regulative zu übersenden. Da dieses Werk unter meiner Leitung entstanden ist, so muß ich Ihnen sagen, daß Umstände mich verpflichtet haben, von den in den Europäischen Armeen angenommenen Grundsätzen abzuweichen. Dahin gehört die Formation in zwei Glieder, die Schwäche unsrer Bataillone etc. Jung wie wir sind, haben wir schon unsre Vorurtheile wie die ältesten Nationen; die Vorliebe für die britische Dienstordnung veranlaßt mich, Manches gutzuheißen, was gegen meine Grundsätze ist. Doch wir haben jetzt unsere Regulative fertig und diese werden wenigstens Gleichförmigkeit im Dienst herbeiführen; im Uebrigen ist unser obwohl unvollkommenes System doch weit besser als gar keins.

Ich überlasse es Ihren anderen Korrespondenten, Ihnen über den gegenwärtigen Zustand unsrer Armee zu berichten. Wenn Sie Ihnen jedoch sagen, daß unsere Ordnung und Disziplin der der französischen und preußischen Armee gleich komme, so glauben Sie es Ihnen nicht; doch glauben Sie ihnen ebenso wenig, wenn sie unsere Truppen mit denen des Papstes vergleichen; sondern nehmen Sie die richtige Mitte zwischen diesen beiden Extremen. Obgleich wir noch so jung sind, daß wir kaum zu gehen anfangen, so können wir doch schon Stony Point und Paulus Hook mit dem bloßen Bayonnet nehmen, ohne einen einzigen Schuß zu thun. Dies ist zwar sehr frühzeitig; aber wir haben noch manche Schwächen, aus denen unsere Kindheit hervorblickt. Es thut uns vor Allem das wahre Verständniß der Worte Freiheit, Unabhängigkeit etc. Noth, damit das Kind dieselben nicht gegen seinen Vater, noch der Soldat gegen seinen Offizier mißbrauche.

Ueber unsere politischen Angelegenheiten werde ich schweigen, da diese nicht in mein Bereich gehören; übrigens gebe ich Ihnen die Versicherung, daß die Engländer uns nicht schlagen werden, wenn wir uns selbst nicht schlagen.«

Im November 1779 bezog Washington, nachdem er eine genügende Truppenmacht in Westpoint und Umgegend gelassen hatte, mit dem Rest seiner Armee die Winterquartiere in der Nähe von Morristown in New-Jersey und schlug hier sein Hauptquartier auf. Steuben fuhr daselbst eifrig fort, seinen Pflichten als General-Inspektor nachzukommen, und erfreute sich bei den Offizieren wie Soldaten des unbedingtesten Vertrauens und striktesten Gehorsams. Die Brigadiers protestirten nicht länger mehr gegen sein Commando und die Cabalen gegen ihn hatten ein Ende. Zwei von den General-Majors, welche die ersten Schwierigkeiten gemacht hatten, gehörten nicht mehr zur Armee (Lee und Mifflin) und der dritte (Lafayette) war abwesend. Es war Steuben gelungen, die Armee von der absoluten Notwendigkeit seiner Reformen zu überzeugen; man erkannte, daß nicht persönlicher Ehrgeiz, sondern das Interesse für die Soldaten seinem unermüdlichen Eifer und seinen Bemühungen für die strenge Regelung des Inspektionswesens zu Grunde lag. Während er so seines endlichen Erfolges gewiß ward, gestalteten sich seine übrigen Verhältnisse um so freundlicher, als er bereits ansehnliche Fortschritte in der Englischen Sprache gemacht hatte und sich mehr und mehr verständlich zu machen vermochte. – In finanzieller Hinsicht stand es freilich sehr sehr schlimm mit ihm. Er empfing nicht mehr Gehalt als die ganze übrige Armee, d. h. gar nichts, und war oft genöthigt, Fourage für seine Pferde und Lebensmittel für seine Bedienten aus seiner Tasche zu bezahlen. Seine eigenen Mittel waren erschöpft und sehr häufig ermangelte er der nothwendigsten Dinge.

Um diesem unerträglichen Zustande ein Ende zu machen, hatte Washington die Angelegenheit bereits am 17. August 1779 in folgendem Briefe vor den Congreß gebracht: Washington's Writings VI. 325.

»Beigeschlossen ist ferner ein Memorandum über das Geld, welches ich dem Baron Steuben im gegenwärtigen Jahre angewiesen habe; die Summe beträgt bedeutend mehr als sein vom Congreß bestimmter Gehalt (2000 Doll. p. Jahr). Diese Angelegenheit ist mir störend. Ich finde es billig, daß ein Mann, der seine Zeit und seine Dienste dem Gemeinwohl widmet und nach dem übereinstimmenden Urtheile Aller ein sehr nützlicher Mann ist, wenigstens seine Ausgaben ersetzt bekommt. Sein fester Gehalt reicht hierzu nicht aus: denn mit einer nominell großen Summe kommt man in Wirklichkeit nicht weit. Allein da der Congreß wirklich eine Summe festgesetzt hat, so bin ich nicht befugt, dieselbe zu überschreiten; und obgleich ich es bis jetzt gethan habe, weil ich's für unschicklich hielt, einem Fremden, einem Manne von hohem Range, einem Manne, der die unermüdlichsten besten Dienste leistet, etwas zu verweigern, so bin ich doch jetzt genöthigt, diese Praxis einzustellen. Ich möchte freilich nicht empfehlen, daß ihm formaliter eine hinreichende Summe ausgesetzt würde; denn, obgleich weniger Grund zu der Erwartung vorhanden ist, daß Fremde eher als Einheimische pecuniäre Opfer für unser Land bringen und obgleich manche unter diesen ihre Privatmittel näher haben, so würde es doch schwer sein, unsere Offiziere mit einer Maßregel zu versöhnen, welche einen so großen und handgreiflichen Unterschied in der Belohnung der betreffenden Dienste machte.

Es ist wahr, daß die Natur seines Amtes den Baron oft zu Reisen von einem Theile der Armee zum andern zwingt, wodurch er Extra-Ausgaben hat, die eine Extra-Vergütung rechtfertigen. Darauf hin stellte ich ihm auch meine letzte Anweisung aus, als er eben im Begriff war, nach Providence zu reisen. – Vielleicht wäre das beste Mittel, den Baron und Andere, die in ähnlichen Verhältnissen sind, für die nöthigen Ausgaben im Dienste zu entschädigen, wenn man den Kriegsrath mit der Befugniß betraute, von Zeit zu Zeit nach Umständen und Ermessen Extra-Vergütungen zu gewähren.«

Trotz dieses Briefes that der Congreß dennoch sechs Monate lang nichts für Steuben; dadurch aber gestalteten sich dessen Verhältnisse um so schlimmer, als Washington ihm kein Geld mehr anweisen konnte. Manche Offiziere der Continental-Armee waren in ähnlicher Lage wie Steuben. Diejenigen, welche von den einzelnen Staaten direkt angestellt waren, standen sich noch am Besten, da sie bisweilen von ihren Staaten kleine Extra-Vergütungen empfingen. Bei solchen Gelegenheiten benahmen sich die eingeborenen Offiziere mehrere Male gegen ihre ausländischen Kameraden mit mehr als flegelhafter Rücksichtslosigkeit. So finden wir in Steuben's Papieren folgende Thatsache aufbewahrt. – Als der Baron von Kalb die Division von Maryland commandirte, sandte ihr die Regierung dieses Staates eine Kiste voll Kaffee, Cognac, Zucker, damals außerordentlich theure und gesuchte Artikel zum Gebrauch für die Offiziere. Als die Kiste ankam, stellte General Smallwood, welcher Brigadier war und also unter Kalb stand, eine Wache an die Kiste mit dem Befehl, dem General Kalb als Nicht-Maryländer oder dessen Ordre nichts verabfolgen zu lassen. Dies war derselbe deutsche General von Kalb, der bald nachher im Dienste Maryland's und der übrigen Staaten für die Unabhängigkeit Amerika's auf dem Schlachtfelde fiel. Steuben's Manuscript-Papiere (Sprague).

Als Steuben im Winterquartiere zu Morristown eingetroffen war, erging es ihm Anfangs auch sehr kläglich: denn er empfing weder Rationen für seine Dienerschaft noch Fourage für seine Pferde und konnte obendrein nicht einmal auf sein Gehaltsguthaben eine Abschlagszahlung in Papiergeld bekommen. Ohne Fonds und ohne Credit wäre er nun sehr Übel dran gewesen, wenn ihm nicht Herr Boudinot, ein früheres Congreß-Mitglied, eine kleine Summe vorgestreckt hätte. Dadurch wurde er wenigstens vor Hunger und Noth bewahrt. Um jedoch dieser unsicheren und elenden Lage ein Ende zu machen, wandte er sich jetzt an den Congreß und ersuchte denselben, daß er ihm entweder eine seinen Ausgaben im Dienste entsprechende Gehaltszulage auswerfe, oder ihm seine Entlassung gebe. Hierauf gewährte ihm der Congreß am 7. März 1780 die Summe von 250 Louisd'or als Entschädigung für seine Reise nach Amerika; beschloß jedoch betreffs seiner übrigen Wünsche nichts Definitives. Resolutions, Acts and Orders of Congress Vol. VI. pag. 39 (Dunlaps edition).

»Ihre Absicht, uns zu verlassen,« – schreibt Oberst Benjamin Walker am 10. März 1780 an Steuben Steuben's Manuscript-Papiere Bd. I. – »macht mir doppelten Kummer, sowohl als Individuum wie als Mitglied dieses Gemeinwesens: denn ich bin überzeugt, daß Ihre Gegenwart zur Aufrechterhaltung der Ordnung und Disziplin in der Armee nothwendig ist. Ich zittere vor dem Augenblick, wo dies eintreten könnte; denn ich fürchte sehr, daß wir dann wieder in jenen Zustand absoluter Nachlässigkeit und Unordnung verfallen werden, aus dem Sie uns einigermaßen herausgezogen haben. Ich hoffe jedoch, daß der Congreß das Interesse des Landes so weit im Auge haben wird, um Ihr Hierbleiben mit Ihrer Rücksicht auf sich selbst in Einklang zu bringen.«

Obgleich Steuben durch obigen Akt des Congresses nur für die nothwendigsten Bedürfnisse sicher gestellt wurde, ohne daß definitive Vorkehrungen zur künftigen Deckung seiner Extra-Ausgaben getroffen wären, so ließ er sich dennoch zum Dableiben bewegen. Er hoffte, daß der Congreß sich doch endlich von der Gerechtigkeit seiner Ansprüche überzeugen und wenigstens im Interesse der Armee ihn in Zukunft vor Noth, Mangel und Sorgen schützen würde.

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