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Leben des Amerikanischen Generals Friedrich Wilhelm von Steuben. Band I

Friedrich Kapp: Leben des Amerikanischen Generals Friedrich Wilhelm von Steuben. Band I - Kapitel 11
Quellenangabe
typebiographie
authorFriedrich Kapp
titleLeben des Amerikanischen Generals Friedrich Wilhelm von Steuben. Band I
publisherVerlag von Duncker & Humblot
year1858
correctorJosef Muehlgassner
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Neuntes Kapitel

Sobald Washington die Nachricht von der Räumung Philadelphia's erhalten hatte, brach er von Valley Forge auf, überschritt den Delaware ungefähr fünfzehn Meilen oberhalb der Stadt bei Corryel's Ferry und schickte sich an, den Feind zu verfolgen.

Steuben verließ ebenfalls Yorktown auf's Eiligste, um sich der Hauptarmee in New-Jersey anzuschließen, und berührte auf seinem Wege Philadelphia, welches damals gerade keinen sehr freundlichen Anblick gewährte.

»Die erste Beobachtung, welche ich in Philadelphia machte,« – sagte Steuben's Begleiter, Duponceau Duponceau's M.-P. VII. Brief. – »war die, daß die Britischen und Hessischen Truppen die Stadt im schmutzigsten Zustande verlassen hatten. Ich traf den Baron Steuben im Slate Hause in der zweiten Straße, einem berühmten Privathotel, von dem in Graydon's Memoiren häufig die Rede ist. In Folge des Schmutzes hatte sich eine solche Menge Ungeziefers erzeugt, daß wir dadurch im höchsten Grade belästigt wurden. Abends war der Thee kaum servirt, als sich Myriaden von Fliegen auf die Tafel stürzten und uns mitspielten wie die Harpyien den armen Trojanern in der Aeneide. Einige sagten, es seien Hessische Fliegen, während Andere ähnliche Scherze machten. So amüsirten wir uns trotz des Schmutzes vortrefflich, da die Räumung der Stadt uns Alle in guten Humor versetzt hatte. Am folgenden Tage wurde für uns ein Haus in New-Street eingerichtet, wo wir jedoch nur wenige Tage blieben, da wir uns danach sehnten, uns sobald wie möglich mit der Armee zu vereinigen. Jener Stadttheil war damals fast nur von Deutschen bewohnt; in den Straßen hörte man kaum eine andere Sprache als die Deutsche; ebenso waren die Schilder an den Geschäftslokalen deutsch. Dies gefiel dem Baron Steuben ganz ausnehmend und glaubte er sich in sein Vaterland zurück versetzt. Viele Wirthshäuser in Stadt und Land führten den König von Preußen im Schilde, da derselbe, vornehmlich bei den Deutschen Philadelphia's, sehr populär war. Die Genüsse Capua's konnten uns indeß nicht fesseln: wir sagten Philadelphia mit all seinen deutschen Reizen Lebewohl und eilten zu Washington's Armee in New-Jersey.«

Der Oberbefehlshaber hatte inzwischen Maxwell's Brigade zur Verfolgung des Feindes abgeschickt, zugleich diesem General befohlen, sich mit Dickinson, dem General der Miliz von New-Jersey zu vereinigen und mit ihm gemeinschaftlich den Feind so viel wie möglich zu beunruhigen und im Marsch zu hindern. Zu demselben Zwecke wurden bald nachher Lee und Wayne mit je einer Division entsandt; sie hatten jedoch Befehl, am ersten günstigen Punkte Halt zu machen und daselbst die im Eilmarsch nachrückende Hauptarmee zu erwarten. Washington, welcher sehnlichst eine Schlacht herbeiwünschte, erreichte Hopewell, 5 Meilen von Princeton, am 24. Juni. Hier wurde ein Kriegsrath über die beste Art und Weise eines Angriffs aus die Briten gehalten, ohne daß man jedoch zu einer Entscheidung gekommen wäre. Sechs Generäle, an deren Spitze Lee stand, waren der Meinung, daß man eine Hauptschlacht vermeiden und sich mit höchstens 1500 Mann auf die Beunruhigung und Störung des Feindes beschränken sollte: die übrigen sechs, unter denen Steuben war, stimmten für eine Schlacht, wofern die Umstände günstig wären. Bei solcher Meinungsverschiedenheit entschloß sich Washington nach seinem eigenen Ermessen zu handeln und entschied sich, die auf ihn allein fallende Verantwortlichkeit gegen sein Vaterland und die Armee erwägend, der zurückweichenden britischen Armee eine Schlacht anzubieten. Demgemäß entsandte er ein starkes Detachement zuerst unter Lafayette, dann unter Lee zur Verstärkung der den Feind verfolgenden Truppen und zum Angriff auf den feindlichen linken Flügel.

Clinton war nur langsam von Glocester Point auf dem linken Ufer des Delaware nach Haddenfield und Mount Holly, und von da nach Crosswiks und Allentown vorgerückt. Von diesem Punkte führten zwei Straßen nach New-York: die eine zur Linken über Brunswick und Smith-Amboy, die andere zur Rechten über Monmouth und Sandy-Hook.

Washington's Bewegungen richteten sich natürlich nach derjenigen der beiden Routen, welche Clinton einschlagen würde. Um sich darüber Gewißheit zu verschaffen, beorderte er Steuben zur Recognoscirung. Diese Wahl beweist, wie richtig der Oberbefehlshaber den Charakter und die Fähigkeiten Steubens schätzte. Am 25. Juni erfuhr Steuben, daß der Feind seinen Marsch von Allentown auf Monmouth und Sandy-Hook richtete, und benachrichtigte die Armee sofort von dieser wichtigen Thatsache. Eine seiner Depeschen, welche er während dieses Unternehmens schrieb, lautet also: Washington (City) Department, of State Papers Vol. XXIV. p. 164 ff.

 

»An den Brigade-General Scott.
Hightstown, 25. Juni 1778, 3 Uhr Nachmittags.

Mein Herr!

Eine frühere Meldung wird Sie zweifelsohne schon davon benachrichtigt haben, daß der Feind sicher den direkten Weg von Allentown nach Monmouth Courthouse eingeschlagen hat. Sie werden selbst darüber entscheiden, ob es nicht das Beste ist, mit Ihrem Corps bis hierher vorzurücken und zugleich werden Sie ohne Zweifel diese Mittheilung allen commandirenden Offizieren der vorgeschobenen Corps zukommen lassen.«

Clinton kam erst am 27. Juni in die Nähe von Monmouth Courthouse. Steuben war ihm hart auf der Ferse und erstattete den folgenden Bericht über seine Beobachtungen an den Oberbefehlshaber: Washington (City) Department, of State Papers Vol. XXIV. p. 164 ff.

»Etwa 2 Meilen links von Courthouse,
27. Juni, 12½ Uhr.

Mein Herr!

Wir kamen hier heute Morgen an und machten Halt, weil diese Position die geeigneteste zur Beobachtung der feindlichen Bewegungen ist. Wir haben unsere Posten soweit vorgeschoben, daß sie die feindlichen Reiter, während diese ihre Pferde füttern, mit dem Pistole erreichen könnten. Ihr gegenwärtiges Lager erstreckt sich einerseits die Hauptstraße vom Courthouse entlang und dehnt sich andrerseits zur Linken von der Spitze ihrer Colonne aus: letztere ist keine 150 Schritt über das Courthouse vorgerückt. Einem Kundschafter zufolge haben sie einige Zelte aufgeschlagen; ihre Pferde sind auf der Weide. Es ist nicht der geringste Anschein eines Aufbruchs vorhanden.

Als wir hier anlangten, hatten sie eine Abteilung Infanterie in einem Walde zu ihrer Linken und ungefähr 500 Schritt von unserer Front aufgestellt. Wir sahen einige Detachements derselben nach den naheliegenden Häusern marschiren, von welch letzteren sie zwei, nämlich das des Obersten Henderton und das des Herrn Wikoff, niederbrannten. Sobald sie sich in Bewegung setzen, werde ich ihre Route auszufinden suchen und Sie dann sofort benachrichtigen.«

Am nächsten Morgen, den 28. Juni, wurde die denkwürdige Schlacht bei Monmouth Courthouse geschlagen, wenn man anders das Plänkler-Gefecht eine Schlacht nennen darf. Steuben, welcher sich an der Seite des Oberbefehlshaber befand, nahm einen hervorragenden Antheil daran, und er trug nicht wenig dazu bei, daß der Tag zu Gunsten der Amerikanischen Waffen entschieden wurde. Sein Name zwar wird in den Berichten nicht so oft erwähnt als der der anderen damals ein selbständiges Commando führenden Generale; indessen wird die gute Wirkung der durch Steuben eingeführten Disziplin, welche an diesem Tage glänzend hervortrat, rühmlichst erwähnt.

Sobald der Tag anbrach, schickte sich Steuben an, in Begleitung Walkers und eines andern Adjutanten die Stellung des Feindes zu ermitteln. Er begab sich nach einem links von einem dichten Walde belegenen Punkte, welcher ihm einen klaren Ueberblick über die am Courthouse aufgestellten Briten und Hessen gewährte. Dieser Vortheil stellte ihn indessen dem Feinde bloß. Inmitten seiner Beobachtungen wurde er plötzlich durch ein Rasseln im Gehölz gestört und sein Auge dahin richtend sah er zwei feindliche Reiter hervorspringen. Rasch feuerte er seine Pistolen auf die Heranstürmenden ab, wandte dann sein Pferd um und über eine Hecke setzend, und dabei den Hut verlierend, entkam er glücklich in's Lager. Die Verfolger feuerten nicht auf ihn, sondern riefen ihm nur ein Halt nach. Da seine beiden Adjutanten sich näher an den Feind gewagt hatten als er und im Moment des Ueberfalls von ihm abgeschnitten waren, so glaubte er, sie seien gefangen worden. Sein Erstaunen war deßhalb nicht gering, als, während er im Hauptquartier seinen Rapport abstattete, die beiden Begleiter hereintraten. »Wie,« rief er aus, »Sie hier? Ich dachte, Sie seien gefangen worden!« »O nein,« antwortete Walker, »man ließ uns links liegen, da man's auf einen höheren Fang abgesehen hatte.« »Aber haben Sie meinen Hut nicht mitgebracht?« »Nein, Baron, wir hatten dazu keine Zeit.« – Als man nach der Schlacht einige Gefangenen in's Hauptquartier brachte, redete einer derselben, nachdem er befragt worden war, Steuben an: »Ich glaube, General, daß ich heute Morgen in der Frühe die Ehre hatte, Sie zu sehen, und ich hoffte, einen glänzenderen Preis als Ihren Hut zu erlangen.« »Warum feuertet Ihr nicht auf mich?« »Sie wurden vom General Knyphausen erkannt und dieser befahl uns, beim Ueberfall schonend mit Ihnen umzugehen.« Mündliche Mitteilung von John W. Mulligan.

Doch wenden wir uns zur Schlacht! Der Feind hatte eben seine Position verlassen und bewegte sich das Thal hinab, welches zwischen dem Courthouse und Middletown liegt. Nachdem Steuben hiervon Meldung an Washington gemacht hatte, befahl dieser dem General Lee, der nur drei englische Meilen von der englischen Nachhut und eben so weit von Washington's Hauptcorps entfernt stand, den Feind unverzüglich anzugreifen, um zu verhindern, daß derselbe eine vortheilhaftere Stellung gewinne, denn, hatte er Middletown einmal erreicht, so schützte ihn die Höhe, über welche die Straße führte, vor jedem Angriff.

Clinton hatte geglaubt, es sei auf sein Gepäck abgesehen und daher dieses zur Avantgarde unter General Knyphausen beordert, während er seine zuverlässigsten Truppen unter dem Befehle von Cornwallis in die Nachhut stellte. Um Knyphausen Zeit zu lassen, war Cornwallis bis acht Uhr auf dem Platze geblieben, dann stieg er mit der Nachhut in die Ebene herab und schloß sich dem vorausgegangenen Zuge an.

Lee hatte alle Anstalten getroffen, dem erhaltenen Befehl gemäß die englische Nachhut anzugreifen. Er zog Verstärkungen von Dickinson an sich und befahl Morgan's Schützen-Corps, sich auf der rechten Seite des Feindes bereit zu halten. Sein Plan war, durch General Wahne die Nachhut im Rücken beunruhigen zu lassen, jedoch ohne sie aufzuhalten, oder zu veranlassen, daß sie Verstärkungen vom Hauptcorps nachsuche: diese Zeit wollte er benutzen, um sich auf einem kürzeren Wege zwischen das Hauptcorps und die Nachhut zu bringen; dann aber den Angriff auf letztere von allen Seiten machen und sie werfen, ehe sie vom Hauptcorps unterstützt werden könne.

Der Plan wurde Washington mitgetheilt. Allein noch ehe er ausgeführt werden konnte, überzeugte sich Lee, daß die feindliche Nachhut weit stärker war, als er anfänglich geglaubt hatte und hielt es für räthlich, sich erst selbst von der Sache zu überzeugen. Sir Henry Clinton sah sich, kaum in der Ebene angekommen, von beiden Seiten und im Rücken von feindlichen Truppen bedroht. Ein Corps Milizen auf seiner rechten Flanke war leicht auseinander gejagt; um sich aber die Flanken ganz frei zu machen, beschloß er, das ihn im Rücken bedrohende Corps mit seiner ganzen Macht anzugreifen. Er machte also Front gegen den Feind und zwar gerade in dem Augenblick, als Lee mit dem Centrum seines Corps gegen ihn marschiren wollte. Dieser sah wohl ein, daß er sich in der Schätzung der Stärke des Feindes geirrt hatte, beschloß aber dennoch dem erhaltenen Befehle gemäß anzugreifen, obgleich ein in seinem Rücken gelegener Sumpf nicht nur das Heranziehen von Verstärkungen erschweren mußte, sondern auch, falls er zum Rückzug gezwungen ward, sein Corps in große Gefahr bringen konnte.

Nach einem Berichte Lee's hielt General Scott eine Bewegung Lee's, während man sich beider Seits zum Kampfe rüstete, irrthümlich für einen Rückzug, verließ, aus Furcht abgeschnitten zu werden, sofort seine Position und zog sich durch eine in seinem Rücken liegende Schlucht zurück. Lee war so überzeugt von der Schwierigkeit seiner Lage, daß er, statt den Irrthum des Generals Scott zu verbessern, davon profitirte, um sein ganzes Corps aus der Nähe des Feindes zu bringen. Cornwallis verfolgte ihn eine Zeit lang, ohne daß jedoch die vorfallenden Scharmützel ein Resultat gehabt hätten.

Sobald Washington das Feuern hörte, eilte er mit dem Hauptcorps zur Verstärkung seiner Avantgarde herbei, traf sie aber zu seinem größten Erstaunen in vollem Rückzuge vor dem Feinde, ohne nur einen Versuch gemacht zu haben, sich gegen ihn zu behaupten. Er erkannte sofort die Nothwendigkeit eines raschen und energischen Handelns, um das weitere Vorrücken des Feindes zu hemmen. Zunächst galt es, die Ordnung wieder herzustellen, die mehr fliehende als zurückweichende Avantgarde hinter der ersten Schlachtlinie zu sammeln und dann mit dieser dem ungestümen Angriff von Clinton und Cornwallis Stand zu halten. Vom Erfolge dieses Manövers hing das Geschick des Tages ab. Zur Ausführung desselben bedurfte es unter dem verharrenden feindlichen Feuer der größten Entschlossenheit und Kälte, sowie eines Offiziers, der zu commandiren verstand und das unbedingte Vertrauen der Truppen genoß. Washington entschied sich für Steuben als den geeignetsten Mann in dieser bedenklichen Lage. Die Wahl bewies sich als eine durchaus glückliche. Die Soldaten, welche sich an Steuben's Leitung gewöhnt hatten, setzten auch jetzt so festes Vertrauen in seine gute Führung, daß sie, obwohl hart vom Feinde bedrängt, sich mit einer Präcision in Reihe und Glied formirten, als hätten sie auf einer Parade aufzumarschiren. Dabei bewiesen sie eine solche Kälte und Unerschrockenheit, wie man sie sonst nur bei alten Truppen findet. Alexander Hamilton war von dieser Wendung aufs Höchste überrascht und äußerte später, daß er erst in diesem Momente den wahren Werth militärischer Disziplin erkannt habe. Wm. North's biographische Skizze.

Vor dem am 18. Juli 1778 über General Charles Lee abgehaltenen Kriegsgericht giebt Steuben folgende detaillirte Darstellung seiner Thätigkeit während der Schlacht:

»Am 2. Juni kehrte ich, nachdem ich recognoscirt hatte, vom Monmouth zurück, um dem Oberbefehlshaber, welchen ich in Englishtown fand, Rapport abzustatten. Da ich gesehen, daß sich der Feind auf den Marsch begeben hatte, da ich ferner zweifelte, daß wir im Stande sein würden, ihn einzuholen und da ich endlich auf meinem Wege nichts als einige Milizen bemerkte, welche dem Feinde in einiger Entfernung folgten, so kehrte ich in Englishtown ein, um auszuruhen, und blieb daselbst gegen anderthalb Stunden. Ich brach dann auf, um den Oberbefehlshaber aufzusuchen. Unterwegs hörte ich eine Kanonade, worauf ich mich beeilte, in die Nähe des Generals zu gelangen; ich traf ihn auf der Höhe, als er gerade im Begriff stand, die Truppen, wie sie ankamen, in Schlachtordnung zu stellen. Hier war es, daß ich General Lee's Division in größter Unordnung retiriren und vom Feinde verfolgt sah, dessen Stärke ich auf 1500 Mann Infanterie und 150 Mann Kavallerie anschlug. Ich stellte gerade eine Batterie auf, als General Lee an mir vorbei passirte, ohne daß wir ein Wort miteinander wechselten. Ungefähr eine Viertelstunde später befahl mir der Oberbefehlshaber, die retirirenden Truppen aufzuhalten und sie bei Englishtown in Reihe und Glied aufzustellen. Ich befahl hierauf einigen Offizieren, die Leute zum Stehen zu bringen und begab mich dann selbst, begleitet von Herrn Ternant und meinem Adjutanten zu ihnen, um sie aufzuhalten. Als ich durch Englishtown passirte, traf ich den General Lee, der zu Pferde vor einem Hause hielt. Auf seine Frage, wohin ich ginge, theilte ich ihm meine Befehle mit; er drückte hierauf seine Freude darüber aus, daß ich die Aufgabe übernommen hätte, da er sehr ermattet wäre. Ich sammelte alsdann einen Theil von General Maxwell's Brigade, sowie einen Theil von General Scott's Detachement und formirte sie hinter dem Bach bei Englishtown. General Maxwell war selbst am Platze. Kaum hatten die Truppen ihre Position eingenommen, als General Paterson mit drei Brigaden der zweiten Linie ankam und von mir zu wissen wünschte, wo er sich ausstellen sollte. Ich placirte seine drei Brigaden ein wenig mehr nach hinten auf einer Anhöhe und errichtete eine Batterie auf dem rechten Flügel vor der zweiten Brigade des General Smallwood. Die Kanonade dauerte mehr oder weniger heftig bis 5 Uhr fort. Eine halbe Stunde später kam Oberst Gémat und brachte mir vom Oberbefehlshaber die Ordre, ihm eine Verstärkung zuzuführen, da der Feind sich in Unordnung zurückzöge. Ich übergab darauf dem General Maxwell das Kommando über die Truppen, welche ich hinter dem Bach postirt hatte, und befahl ihm, dort bis auf weiteren Befehl zu bleiben. Dann marschirte ich mit drei Brigaden der zweiten Linie ab. Als ich durch Englishtown passirte, begegnete mir General Lee und fragte mich, wohin ich ginge. Ich theilte ihm die Ordre des Oberbefehlshabers mit und fügte zugleich mit den eigenen Worten des Oberst Gémat hinzu, daß der Feind sich in Unordnung zurückzöge. Letztere Mittheilung bezweifelte Lee und meinte, daß der Feind wohl nur ausruhe; ›aber,‹ setzte er später hinzu, ›ich bin gewiß, daß bezüglich Ihrer Ordre, mit den Truppen vorzurücken, ein Mißverständniß obwaltet.‹ Ich sagte ihm, ich hätte die Ordre durch den Oberst Gémat erhalten. Ich befahl indessen dem General Mühlenberg zu halten und ließ den Capitain Walker, meinen Adjutanten, kommen, welcher in Gegenwart des General Lee die mir vom Oberst Gémat überbrachte Ordre wiederholte. ›Dann,‹ sagte Lee, ›müssen Sie marschiren.‹ Ich rückte hierauf mit den Truppen vorwärts.«

Nachdem Steuben seine Aufgabe erfüllt hatte, wurde er von Washington nach der Front beordert, um den von den Amerikanern inzwischen errungenen Vortheil weiter zu verfolgen. Ehe dieses indessen geschehen konnte, brach die Nacht herein und setzte seiner Thätigkeit ein Ende. Washington beabsichtigte am nächsten Morgen einen erneuerten Angriff; Clinton hatte sich jedoch in der Nacht eiligst und in aller Stille mit seinen Streitkräften davon gemacht und kam unbelästigt nach Sandy Hook, wo er sich nach New-York einschiffte.

Die Aussage, welche Steuben vor dem Kriegsgerichte über die Stellung des Feindes und die von Lee commandirten Truppen gemacht hatte, veranlaßte diesen Herrn in seiner Vertheidigung zu einigen Bemerkungen, betreffs deren Steuben für angemessen erachtete, sich eine sofortige Erklärung zu erbitten. Er that dieses in folgendem aus Philadelphia vom 2. Dezember 1778 datirten Briefe: Steuben's Manuscript-Papiere (Sprague), wo sich auch Lee's Antwort findet.

»Es ist mir mitgetheilt worden, mein Herr, daß Sie sich in Ihrer Vertheidigung unziemliche Bemerkungen über mich erlaubt haben. Ich bin hierauf nach Philadelphia geeilt, um der Sache weiter auf den Grund zu kommen und finde in dem Protokoll des Kriegsgerichts, welches ich vor einer Stunde eingesehen habe, die Bestätigung jener Mittheilung, und zwar in dem Satze, der also anfängt: ›Von allen in sehr weiter Ferne stehenden Zuschauern etc.‹

Wäre ich jetzt in meinem Vaterlande, wo mein guter Ruf seit langer Zeit festgestellt ist, so würde ich mich über Ihre Bemerkungen hinweggesetzt und Sie einfach verachtet haben. Allein hier bin ich ein Fremder und fordere deshalb von Ihnen Genugthuung für die mir angethane Beleidigung.

Sie werden Ort, Zeit und Waffen bestimmen; aber da ich nicht gern ein fernstehender oder träger Zuschauer bin, so wünsche ich Sie so nahe und so schnell wie möglich zu sehen.

Sie werden sich Capitain Walker, dem Ueberbringer dieses, gegenüber erklären, ob es Ihnen Ihre gegenwärtige Lage erlaubt, diese Angelegenheit so rasch wie möglich zum Schluß zu bringen.

Ich bin, mein Herr etc.«

Lee sagte in seiner Antwort auf diesen Brief: »Ich glaube, mein Herr, daß Sie den Sinn des betreffenden Satzes in meiner Vertheidigung mißverstanden haben. Höchst wahrscheinlich ist Ihnen der Ausdruck ›sehr entfernte Zuschauer‹ als eine Bezweiflung ihres Muthes erschienen; wenn dieses der Fall ist, so versichere ich Sie, daß ich daran nicht im Entferntesten gedacht habe. Ich bin bereit, dieses gegen sämmtliche Herren Ihrer Bekanntschaft, und wenn Sie wollen, vor der ganzen Welt zu erklären. Es ist wahr, daß Ihre, wie mir schien, allzu eifrige Bereitwilligkeit, gegen mich zu zeugen, mir mißfiel, daß ich mich verletzt und berechtigt fühlte, jene Worte, die Sie gedruckt gesehen haben, zu gebrauchen; aber ich wiederhole, daß ich dabei nicht die geringste Absicht hatte, Ihren Muth in Zweifel zu ziehen.«

Steuben war mit dieser Erklärung zufrieden. »Ich habe,« schreibt ihm Alexander Hamilton d. d. Hauptquartier, 19. December 1778, »Ihren Brief an Lee mit Vergnügen gelesen. Er war so gehalten, wie es die Beleidigung verdiente; und wenn er etwas Gefühl hätte, müßte er sich getroffen gefühlt haben. Gegen die Schärfe und Strenge Ihrer Ausdrücke war seine Antwort wahrlich eine sehr zahme und bewies, daß er kein starkes Verlangen nach einem so nahen tête à tête hatte, als Sie es zu wünschen schienen. Wenn dieses Ausweichen der Welt bekannt würde, so dürfte es ihm nicht viel Ehre eintragen.«

Washington marschirte zuerst nach Brunswick, dann über Bergen, Paramus und Haverstraw nach dem westlichen Ufer des Hudson, den er bei Kingsferry überschritt, und schlug darauf sein Hauptquartier in Whiteplains auf. Da beim Abmarsch von Brunswick keine General-Majore disponibel waren und fast sämmtliche Brigade-Generale beim Kriegsgericht gegen Lee entweder als Richter oder als Zeugen zu thun hatten, so übertrug Washington dem General Steuben die Führung der Lee'schen Division nach dem Hudson.

Die Armee kam am 20. Juli 1778 in Whiteplains an, worauf Washington in einem Armeebefehle vom 22. cj. den General Steuben seines temporären Commando's enthob und ihm seine Funktionen als General-Inspektor wieder übertrug, während er Lee's resp. Steuben's Division unter sein eigenes Commando stellte. Steuben begab sich hierauf direkt zu Washington und erklärte diesem darüber seine äußerste Unzufriedenheit. Der Obergeneral erwiderte, es thäte ihm sehr leid, die Sachen ständen indessen so, daß sämmtliche Brigade-Generale ihre Entlassung nehmen würden, wenn er, Steuben, sein Commando behielte; während des ganzen Marsches in Jersey, sagten sie, wäre die Armee von fremden Generalen, wie Kalb, Lafayette und Steuben befehligt worden; sie glaubten, daß der Congreß ihn nur als General-Inspektor mit dem nominellen Range eines General-Majors hätte anstellen wollen. Diese Erklärung wäre von acht Brigadiers gemacht und er hätte kein anderes Mittel, sie zu beruhigen.

Steuben erbat sich hierauf Urlaub, um nach Philadelphia zum Congreß zu gehen, eine Erklärung zu verlangen und die Pflichten und Befugnisse seines Amtes festgestellt zu sehen. Eine derartige Bestimmung war um so nöthiger, als Oberst de la Neuville, welcher bis dahin General-Inspektor der Armee des General Gates gewesen war, ihm jegliche Subordination verweigert und positiv erklärt hatte, daß er nicht unter ihm dienen wollte. Steuben hielt es deshalb weder mit seinem Charakter noch mit dem Interesse der Armee für verträglich, die Verantwortlichkeiten eines General-Inspektors abermals zu übernehmen, bevor nicht die Grundsätze und Befugnisse des Amtes klar und bestimmt festgestellt wären. In dem folgenden Briefe d. d. Wright Mills, 24. Juli 1778, legte er dem Obergeneral seine Ansichten vor:

»Ich erlaube mir, Sie auf meinen Brief vom 17. Juni betreffs des Inspektionswesens, sowie auf Ihre Antwort vom 18. hinzuweisen, worin Sie mir die Erlaubniß gaben, nach Yorktown zu gehen und wünschten, daß ich dem Congreß einen solchen Plan vorlegte, welcher wo möglich alle mir bekannten Schwierigkeiten beseitigte und alle wesentlichen Pflichten meines Amtes umfaßte. Ein endgültiger Beschluß des Congresses, welcher mir damals höchst nothwendig erschien, scheint mir jetzt durchaus erforderlich, bevor ich die Obliegenheiten meines Amtes zu meiner eigenen Befriedigung und zum Wohl der Armee wieder aufnehmen kann. Ich sehe voraus, daß sich mir einige Schwierigkeiten in den Weg stellen werden, besonders in Bezug auf den Inspektor, welcher vom Kongreß der Armee des General Gates zugetheilt ist. Dieser Herr erklärte mir vor Kurzem, daß er meinen Befehlen oder meiner Kontrolle seiner Amtsverrichtungen durchaus nicht unterworfen sei. Kurz, da ich jede Schwierigkeit zu vermeiden und unbelästigt für das Wohl des Dienstes zu arbeiten gewillt bin, so bitte ich Ew. Excellenz die Wiederaufnahme meiner Pflichten als General-Inspektor so lange verschieben zu wollen, bis sich der Congreß Ihrer Meinung und Ihren Rathschlägen gemäß endgültig erklärt haben wird.«

Es scheint indessen, daß Steuben erwartet hatte, er würde den Posten, welchen er temporär bekleidet hatte, behalten und daß er drohte, seine Resignation einzureichen, falls sein Wunsch nach einem aktiven Commando in der Linie nicht erfüllt würde. Washington schreibt in dieser Beziehung am selben Tage, wo er Steuben's Brief empfing, an Gouverneur Morris:

»Baron Steuben verlangt, wie ich jetzt sehe, seine Stellung als Inspektor mit einem Commando in der Linie zu vertauschen. Dies wird unter den Brigadiers große Unzufriedenheit erregen. Mit einem Worte, obwohl ich den Baron für einen ausgezeichneten Offizier halte, so möchte ich doch sehnlichst wünschen, daß wir keinen einzigen Fremden unter uns hätten, ausgenommen den Marquis de Lafayette, welcher nach ganz anderen Prinzipien als die Uebrigen handelt.«

Der Brief des Obergenerals an den Präsidenten des Congresses ist ausführlicher als der vorige. »Baron Steuben,« sagt er, »wird in ein bis zwei Tagen ebenfalls in Philadelphia sein. Der angebliche Grund seiner Anwesenheit ist der, daß er seine Pflichten als General-Inspektor vom Congreß genau festgestellt zu sehen wünscht, wie es auch nothwendig ist. Indessen bin ich zu glauben geneigt, daß er in Wirklichkeit ein aktives Commando als General-Major in der Linie zu erlangen sucht.

Zu diesem Behufe wird er vielleicht geltend machen, daß Oberst Neuville sich um den Inspektorposten auf dieser Seite des Hudsons bewerbe und seine Autorität nicht anerkenne; ein Argument, wodurch er, um beide Theile zufrieden zu stellen, den von ihm beanspruchten Posten zu erlangen bemüht sein wird. Ich achte und schätze den Baron als einen eifrigen, intelligenten und erfahrenen Offizier; allein Sie können sich darauf verlassen, daß, wenn dieses seine Absicht sein und wenn er dieselbe erreichen sollte, sich eine böse Stimmung unter den Brigadiers äußern wird. Sie haben sich über seinen Rang als General-Major nur wenig ausgelassen, da er kein wirkliches Commando über sie hatte. Aber als ich in Brunswick, aus Mangel an General-Majoren und Brigadiers, welche letztere fast sämmtlich als Richter oder Zeugen beim Kriegsgericht engagirt waren, ihn pro tempore anstellte und ihn in einem öffentlichen Befehl mit der Führung eines Flügels nach dem North River betraute, da entstand großer Unwillen und viele Klagen wurden laut, obwohl die Maßregel offenbar nothwendig war und den Brigadiers nicht den mindesten Nachtheil zufügte. Die Wahrheit ist, wir sind bei einer Menge von Anstellungen sehr unglücklich gewesen und unsre eigenen Offiziere sind vielfach verletzt worden. Aus diesem Grunde ist ihr Gefühl sehr empfindlich geworden, und der leiseste Verstoß verstimmt sie. Ich schreibe als Freund und deshalb mit Offenheit. Des Barons Dienste auf seinem gegenwärtigen Posten können wichtig werden, und die Zeugnisse, welche er bereits empfangen hat, sind ehrenvoll. – Es wird ebenfalls von Wichtigkeit sein, daß die Streitfrage zwischen ihm und Oberst Neuville geschlichtet werde. Letzterer ist, wie es heißt, als General-Inspektor in der Armee des General Gates angestellt, und als solcher verweigert er, wie man mir mitgetheilt hat, sich dem Baron unterzuordnen und will ihn in seiner ›officiellen Eigenschaft‹ nicht anerkennen. Es darf aber nur Ein Haupt sein.«

In einem andern Briefe an den Präsidenten des Kongresses vom 26. Juli 1778 kommt Washington auf denselben Gegenstand wie folgt zurück:

»Baron Steuben wird die Ehre haben, Ihnen dieses Schreiben zu überreichen. Es thut mir außerordentlich leid, daß diesen Herrn seine Lage und Ansichten zu dem Entschluß gebracht zu haben scheinen, den Posten zu verlassen, den er bisher inne hatte und den er auch jetzt noch mit außerordentlichem Nutzen zu bekleiden befähigt ist. Einige Unzufriedenheit, welche unter den Offizieren wegen der Befugnisse entstand, womit sein Amt Anfangs ausgestattet war, veranlaßten mich, die Pflichten nach einem andern als dem ursprünglichen Plane zu ordnen. Die Bewegung der Armee hat seit einiger Zeit die Thätigkeit des Inspektors suspendirt. Beim Abmarsch der Truppen von Brunswick veranlaßte mich der Mangel an höheren Offizieren dem Baron das temporäre Commando über eine Division während des Marsches zu geben. Als wir in die Nähe unseres jetzigen Lagers kamen, beabsichtigte ich, daß er diese Stellung aufgeben und sein früheres Amt wieder antreten sollte, und erließ ich zu diesem Zwecke eine General-Ordre. Aber ich finde, daß er dieser Maßregel gänzlich abgeneigt und entschlossen ist, nicht im Dienste zu bleiben, wofern er nicht ein wirkliches Commando in der Linie erlangen kann.

Gerechtigkeit und Zuneigung zwingen mich zu bezeugen, daß der Baron die verschiedenen Aufträge, womit er betraut worden ist, stets mit großem Eifer und Geschick ausgeführt hat, so daß er den vollsten Anspruch auf meine Achtung als ein tapferer, unermüdlicher, einsichtiger und erfahrener Offizier hat. Ich würde es deshalb bedauern, wenn eine Nothwendigkeit vorhanden wäre, daß seine Dienste der Armee verloren gehen sollten; gleichzeitig aber halte ich es für meine Pflicht, dem Congreß zu erklären, daß sein Verlangen nach einem aktiven und dauernden Commando in der Linie nicht gewährt werden kann, ohne die Gefühle einer Anzahl Offiziere zu verletzen, deren Rang und Verdienst ihnen jeden Anspruch auf Berücksichtigung giebt; und daß die Gewährung viel Unzufriedenheit und eine Menge übler Folgen nach sich ziehen würde. Diese Stimmung ist nicht der Ausfluß irgend eines persönlichen Uebelwollens jener Offiziere gegen den Baron; im Gegentheil, die Meisten, welche ich von ihm reden hörte, drückten eine hohe Meinung über seinen militärischen Werth aus. Es rührt von Motiven anderer Natur her, welche zu klar am Tage liegen, als daß sie einer besonderen Hervorhebung bedürften: sie lassen sich dahin zusammenfassen, daß solch' ein Schritt ihnen als eine Beeinträchtigung ihrer wesentlichen Rechte und gerechten Erwartungen erscheint. Daß sie so über diese Sache denken würden, davon hat mich die Wirkung überzeugt, welche das ihm übergebene temporäre Commando sogar unter den bereits erwähnten besonderen Umständen hervorbrachte. Bei dieser Gelegenheit zeigten sich die stärksten Symptome von Unzufriedenheit.«

Gerade in dieser Zeit, als Steuben auf einem dauernden Commando bestand, herrschte unter den Amerikanischen Offizieren eine große Eifersucht und Gereiztheit über die Beförderung der Fremden, welche den Congreß umschwärmten, voller Ansprüche waren und oft unlautere Mittel anwandten, um angestellt und befördert zu werden. Es läßt sich annehmen, daß Washington auf diese in dem folgenden Auszuge des bereits oben angeführten Briefes an Gouverneur Morris hinzielt:

»Sie (die fremden Offiziere) können in drei Klassen getheilt werden, nämlich in bloße Abenteurer ohne Empfehlungen, oder empfohlen von Personen, welche nicht wissen, was sie mit ihnen machen oder wie sie für sie sorgen sollen; Leute von großem Ehrgeiz, welche Alles opfern möchten, um ihres eigenen persönlichen Glanzes willen; oder es sind bloße Spione, hierhergesandt, um eine genaue Kenntniß unserer Lage und unserer Verhältnisse zu erlangen, und ich bin überzeugt, daß in dieser Beziehung Einige von ihnen getreue Emissäre sind, denen nicht das Geringste entgeht und die Alles den fremden Höfen berichten.«

Man darf mit größerem Rechte annehmen, daß vorstehendes Urtheil mehr einer augenblicklichen Gereiztheit zuzuschreiben ist, die vielleicht durch einen zu starken Andrang anspruchsvoller Fremden gerechtfertigt war, als daß es seine bestimmte endgültige Meinung wiedergäbe. Da indessen Washingtons obige Bemerkungen genau mit den Ansichten übereinstimmen, welche noch gegenwärtig von dem Amerikanischen Volke über diesen Gegenstand gehegt werden, so halten, wir es hier am Platze, auf die Stellung der fremden Offiziere in der Armee etwas näher einzugehen und den Gesichtspunkt hervorzuheben, welcher das Verhältniß derselben zum Revolutionsheere in das richtige historische Licht setzt.

Vor Allem hat man in Amerika bisher allgemein die Thatsache übersehen, daß der politische Geist des vorigen Jahrhunderts mehr kosmopolitisch als national war. Staaten und politische Gemeinwesen wurden nicht nach den von der Natur gesetzten Gränzen und Unterschieden gebildet, sondern nach dem Willen des Herrschers oder des Eroberers ohne die geringste Rücksicht auf Abstammung und Verwandtschaft zerrissen und zusammengeworfen. Der Französische Absolutismus, welcher seit dem Westfälischen Frieden die Geschicke Europas gelenkt hatte, beherrschte den Geist des achtzehnten Jahrhunderts. In derselben Weise, wie er Städte und Parks in der Wüstenei schuf, um seine Macht über die Natur zu zeigen, zerstörte er jede individuelle Neigung, jeden unabhängigen Charakter, und vereinigte die sich widerstrebendsten Elemente zu einer künstlichen Masse. Politik und Literatur, Kunst und Mode, Geschmack und Sitte, Alles kam zu jener Zeit aus Frankreich, dessen Einfluß durch ganz Europa allmächtig war. Herrscher und Beherrschte, ob freiwillig oder unfreiwillig, beugten sich vor ihm und verloren dadurch alle nationalen Unterschiede. Die ganz natürliche Folge dieses Systems im politischen Leben war die vollständigste Unterwerfung unter den Willen des Fürsten. Es war unwesentlich, wer gehorchte, so lange nur Jemand gehorchte. Die stehenden Armeen mit ihren aus dem Adel rekrutirten Offizieren mochten deshalb aus noch so vielen verschiedenen Elementen zusammengesetzt sein, so lange sie nur den Befehlen des Fürsten blindlings gehorchten. Der Souverain fühlte sich so sicher und unbeschränkt in der Fülle seiner Macht, daß ihm die Verschiedenheit der Nationalitäten, aus denen seine Armee zusammengesetzt war, weder auffiel noch Furcht einflößte. Deßhalb finden wir in fast allen europäischen Armeen jener Zeit Vertreter der wichtigsten Nationen. Die innere Einrichtung der Heere war fast überall dieselbe. Gleiche Ansichten über militärische Ehre herrschten unter den Offizieren, welche das Standesbewußtsein auf's Feinste ausgebildet hatten. Aus diesem Grunde fühlte sich der Offizier in jedem Lande Europa's zu Hause.

Deutsche dienten in Frankreich, Franzosen in Deutschland, Engländer in Rußland und Italiener in Schweden, je nachdem Umstände und Neigung sie leiteten. Lord Keith, ein Schotte, diente mit Erfolg in Spanien und Rußland und fiel in der Schlacht bei Hochkirch als Preußischer Feldmarschall. Loudon, ein Engländer, und Browne, ein Irländer, waren beide Oesterreichische Feldmarschälle und Befehlshaber von Armeen. Der berühmte Oesterreichische Heerführer, Prinz Eugen von Savoyen, bot seine Dienste zuerst dem Könige von Frankreich an, Graf St. Germain, der Französische Kriegsminister, war eine Zeit lang Dänischer General. Friedrich der Große hatte Specialagenten, welche ausgezeichnete Offiziere, die durch sein Land reisten, aufspüren und sie zum Eintritt in seine Armee veranlassen mußten. Sie fochten für Ehre, Ruhm und Geld und hatten dieselben Ansprüche auf Beförderung wie die eingeborenen Offiziere. Die Nationalität war dem Erfolg kein Hinderniß. War der Krieg, das gewöhnliche Geschäft des Adels, in einem Lande zu Ende, so ging man nach einem andern, wo er gerade geführt ward, und oft kam es vor, daß man gegen sein Geburtsland in Waffen stand.

Wenn nun die Europäischen Offiziere beim Ausbruch der Amerikanischen Revolution sich an den Congreß oder dessen Agenten wandten, um Beschäftigung zu erlangen, die sie zu Hause wegen des verhältnißmäßig langen Friedens nicht bekommen konnten, so war dieser Schritt nur die Anwendung einer Praxis, welche in Europa länger als ein ganzes Jahrhundert an der Tagesordnung gewesen war. Die Meisten unter ihnen hatten sich auf den Schlachtfeldern Europa's gebildet und waren eine werthvolle Acquisition für die Vereinigten Staaten, deren Offiziere zu Anfang des Krieges der militärischen Kenntnisse und Erfahrungen in kläglichster Weise ermangelten. Es ist wahr, daß außer diesen alten, erfahrenen Offizieren noch viele andere junge und unerfahrene Leute kamen, um Dienste beim Congreß zu nehmen. Sie waren meist enthusiastische französische Adelige, welche vor Begierde brannten, sich an England für die ihrem Vaterlande bereiteten Demüthigungen zu rächen und die zugleich ihre eigenen verworrenen und überspannten Pläne zu verwirklichen dachten. Es unterliegt wohl seinem Zweifel, daß unter diesen freiwilligen Alliirten sich manche schlechte, intriguante, nutzlose und sogar verdächtige Individuen befinden mochten; im Ganzen aber war dieses Zuströmen fremder Kraft und fremden Talentes im höchsten Grade vorteilhaft, ja unumgänglich nothwendig für die Sache der Revolution; denn sie gewannen dadurch nicht allein eine Anzahl talentvoller Mitstreiter zu Hause, sondern auch Popularität und Vorschub im Auslande.

Es verräth eine große Einfalt, zu erwarten, daß nur hervorragende Männer hätten kommen oder vom Congreß angestellt werden sollen. Es zeugt von vollständiger Unwissenheit über den damaligen Zustand des Landes und über die finanzielle Hülfslosigkeit des Congresses, anzunehmnen, daß die Erwartung persönlichen Nutzens allein die europäischen Offiziere angezogen habe. Es ist eine große Ungerechtigkeit, alle fremden Offiziere für die Schlechtigkeit eines Lee, eines Conway oder Neuville verantwortlich zu machen. Welcher Mann von ruhigem Urtheil würde die Fähigkeit und Tüchtigkeit der amerikanischen Offiziere in Abrede stellen, weil ein Arnold unter ihnen zu Ehren gelangte, oder ein Stephen einer ihrer Generale war?

In der Politik sind ganz besonders in Zeiten großer Krisen und Revolutionen die streitenden Gegensätze niemals streng nach Nationalitäten geschieden. Darum finden wir auch hier nicht Amerikaner allein auf der Seite der Revolution, noch Fremde ausschließlich auf der Seite der Royalisten, und darum war auch die Nationalitätsfrage in der amerikanischen Revolution den Parteiprincipien entschieden untergeordnet. Und doch kam es nur zu oft vor, daß man Mißtrauen gegen die fremden Offiziere hegte. Sogar während des Krieges wurde eine Nationalität, welche noch keine wirkliche Existenz hatte, welche erst geschaffen werden sollte, als Maßstab der Nützlichkeit und Fähigkeit eines Mannes angesehen. Die Leute waren neidisch über das, was sie noch nicht besaßen, was noch nicht existirte und für dessen Erreichung eben jene Fremdlinge ihnen im Kampfe beistanden. Das innere Motiv dieses Neides war nicht sowohl anglosächsische Ausschließlichkeit und Eigendünkel, noch Ehrgeiz der eingeborenen Offiziere, als vielmehr das Mißtrauen in ihre eigene Fähigkeit, welches sie durch lautes Geschrei über die Fremden zum Schweigen zu bringen suchten. Dies ist ein Beweis, daß Offiziere und Volk sich nicht stark genug fühlten, um das fremde Element zu bemeistern; es ist ein stillschweigendes Zugeständniß, daß sie unter sich uneins waren, und giebt der Vermuthung Raum, daß sie von ihrer Schwäche mehr als von ihrer Kraft überzeugt waren, ja, daß sie nicht an den unbedingten Erfolg ihrer Sache glaubten.

Es ist ein seltenes Glück, daß ein an sich so schwaches Heer einen so reichen und mächtigen Zuwachs an Kraft mit so geringem Aufwand von Zeit und Geld erlangte, wie die Continental-Armee; und selten hat man Freunde in der Noth den zufälligen Umstand ihrer Herkunft so bitter fühlen lassen, wie diese fremden Offiziere, oder ihnen sogar als einen Vorwurf in's Gesicht geschleudert. Washington konnte allerdings die Lage der Dinge nicht ändern. Er mußte die Umstände benutzen, wie sie sich ihm darboten, um das Interesse Aller zu fördern. Er hatte sich im schlimmsten Falle gegen die Fremden zu entscheiden, um sich der Mitwirkung seiner eigenen Landsleute zu versichern.

Es ist nirgends genau angegeben, was eigentlich die Eigenschaft eines Fremden ausmachte; es scheint indessen, daß bloß die Franzosen und die Deutschen die ›Fremden‹ waren. Gates, welcher als Engländer selbst ein Fremder war, machte dem General von Kalb den Vorwurf, daß er als Fremder die Sache, d. h. den Verlust der Schlacht bei Camden, nicht recht verstehe. Hamilton, welcher in West-Indien geboren war, und einen Schotten zum Vater hatte, wird niemals ein Fremder genannt. Man kann demnach annehmen, daß Alle, welche nicht Angelsachsen waren, als Fremde betrachtet wurden. Und doch ist Deutschland das Stammland der Angelsachsen!

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