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Leben auf dem Mississippi / Nach dem fernen Westen

Mark Twain: Leben auf dem Mississippi / Nach dem fernen Westen - Kapitel 8
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authorMark Twain
titleLeben auf dem Mississippi / Nach dem fernen Westen
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seriesLehr- und Wanderjahre
volumeI. und II
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Ich vervollständige meine Ausbildung.

Wer so höflich war, die vorhergehenden Kapitel zu lesen, wird sich vielleicht wundern, daß ich das Lotsen als Wissenschaft so eingehend behandelt habe. Es war der Hauptzweck jener Kapitel und ich bin noch nicht ganz fertig damit; denn ich möchte aufs eingehendste beweisen, welch wunderbare Wissenschaft das Lotsen ist.

Die Schiffahrtskanäle werden mit Bojen und Leuchtfeuern versehen, und es ist deshalb ein vergleichsweise leichtes Unternehmen, sie kennen zu lernen und zu befahren; Flüsse mit klarem Wasser und Kiesgrund ändern ihr Fahrwasser sehr allmählich, und man braucht sie daher nur einmal zu ›lernen‹; das Lotsen wird aber eine ganz andere Sache, wenn es sich um ungeheure Ströme, wie den Mississippi und den Missouri, handelt, wo die angeschwemmten Ufer sich fortwährend aushöhlen und verändern, die treibenden Baumstämme fortwährend neue Plätze aufsuchen, die Sandbänke nie zur Ruhe kommen, das Fahrwasser ewig Winkelzüge und Abweichungen macht, und die Hindernisse bei jeder Dunkelheit und jedem Wetter bekämpft werden müssen – ohne die Hilfe eines einzigen Leuchtturms oder einer einzigen Boje; denn auf dem drei- bis viertausend Meilen langen verwünschten Strome ist nirgends ein Leuchtfeuer oder eine Boje zu finden. Seitdem ist das anders geworden. Ich fühlte mich berechtigt, mich über diese große Wissenschaft weitläufig zu verbreiten, weil ich überzeugt bin, daß niemals jemand, der selbst ein Dampfboot gelotst hat und also den Gegenstand praktisch kannte, einen Satz darüber geschrieben hat. Wäre das Thema abgedroschen, dann müßte ich mir Enthaltsamkeit auferlegen; da es aber ganz neu ist, glaubte ich der Sache einen beträchtlichen Raum widmen zu dürfen.

*

Als ich Namen und Lage jedes sichtbaren Merkmals des Stromes gelernt hatte – als ich seinen Lauf so bemeistert hatte, daß ich ihn mit geschlossenen Augen von St. Louis bis New-Orleans verfolgen konnte – als ich gelernt hatte, die Oberfläche des Wassers zu lesen, wie man die Neuigkeiten aus der Morgenzeitung herausfischt – als ich schließlich mein stumpfes Gedächtnis soweit geschult hatte, daß es eine endlose Reihe von Lotungen und Kreuzungsmarken aufgespeichert hatte und festhielt, da glaubte ich, daß meine Ausbildung vollständig wäre: ich rückte also die Mütze auf die Seite und behielt am Steuerrad einen Zahnstocher im Munde. Bixby beobachtete mein dünkelhaftes Wesen. Eines Tages sagte er:

»Wie hoch ist jenes Ufer da drüben?«

»Wie soll ich das wissen? Es ist fast eine halbe Stunde entfernt.«

»Sehr schlechtes Auge, wahrhaftig! Nimm das Fernglas.«

Ich nahm es und bemerkte gleich darauf:

»Ich kann's nicht sagen. Meiner Ansicht nach ist jenes Ufer etwa anderthalb Fuß hoch!«

»Anderthalb Fuß? Ja – sechs Fuß! Wie hoch war es bei der letzten Fahrt?«

»Das weiß ich nicht; ich habe nicht darauf geachtet.«

»Nicht? Du mußt von nun an immer darauf acht geben.«

»Weshalb?«

»Weil du eine Menge Dinge wissen mußt, die es dir offenbart. Es giebt dir zum Beispiel den Stand des Flusses an – sagt dir, ob mehr oder weniger Wasser hier ist, als bei der letzten Reise.«

»Nun, das sagt mir das Lot.« Ich glaubte, ihn damit entwaffnet zu haben.

»Ja, aber wenn das Lot lügt? Das sagt dir das Ufer und dann gehst du hin und rüttelst den Mann am Lot aus seinem Dusel auf. Bei der letzten Fahrt war das Ufer zehn, jetzt ist es nur noch sechs Fuß hoch; was bedeutet das?«

»Daß der Fluß seitdem um vier Fuß gestiegen ist.«

»Ganz recht. Steigt oder fällt der Fluß?«

»Er steigt.«

»Nein, er steigt nicht.«

»Ich glaube, ich habe recht, Sir. Dort treibt Holz den Strom herab.«

»Ein Ansteigen setzt das Treibholz in Bewegung, aber wohlverstanden, es schwimmt noch eine Zeitlang fort, nachdem der Strom aufgehört hat zu steigen. Und darüber wird das Ufer dich aufklären. Warte, bis wir an eine Stelle kommen, wo es nur wenig abschüssig ist – hier jetzt! siehst du diesen schmalen Streifen seinen Niederschlages? Der hat sich abgelagert, als das Wasser höher stand. Auch siehst du wohl, daß das Holz allmählich strandet. Das Ufer belehrt auch noch in anderer Weise. Siehst du den Baumstumpf auf der ›falschen Landspitze‹?«

»Ja, Sir.«

»Nun, das Wasser reicht gerade bis an seine Wurzeln. Das mußt du dir notieren.«

»Weshalb?«

»Weil das bedeutet, daß in der Passage 103 sieben Fuß Wasser stehen.«

»Aber 103 ist ja noch eine große Strecke weiter flußaufwärts.«

»Da zeigt sich eben die Wohlthat des Ufers. Jetzt ist Wasser genug in 103, vielleicht aber nicht mehr, wenn wir hinkommen; aber das Ufer wird uns darüber auf dem Laufenden erhalten. Bei fallendem Fluß fährt man stromaufwärts überhaupt durch keine schmalen Durchlässe, und stromabwärts darf man nur äußerst wenige passieren; das ist gegen die Gesetze der Vereinigten Staaten. Der Strom kann vielleicht steigen, bis wir nach 103 kommen, und in diesem Falle werden wir hindurchfahren. Wieviel Tiefgang haben wir?«

»Sechs Fuß hinten – sechseinhalb vorn.«

»Nun, du scheinst doch etwas zu wissen.«

»Was ich vor allem wissen möchte ist aber, ob ich fortwährend, jahraus jahrein, die zwölfhundert Meilen dieses Ufers messen muß?«

»Natürlich.«

Meine Stimmung war eine Zeitlang zu erregt für Worte; endlich sagte ich:

»Und wie ist es mit den Durchlässen? Giebt es deren viele?«

»Das will ich meinen. Ich glaube, wir werden auf dieser Fahrt keinen einzigen so durchfahren, wie du es bisher gesehen hast. Wenn der Strom wieder zu steigen anfängt, werden wir über Sandbänke hinwegfahren, die du bisher stets hoch und trocken wie das Dach eines Hauses aus dem Wasser emporragen sahest; wir werden seichte Stellen passieren, die du noch nie überhaupt beobachtet hast, mitten durch Sandbänke, die dreihundert Morgen bedecken; wir werden durch Spalte kriechen, wo du stets festes Land vermutetest; wir werden durch die Wälder dampfen, den Strom in einer Breite von fünfundzwanzig englischen Meilen auf einer Seite lassen und die Rückseite jeder Insel zwischen New-Orleans und Kairo sehen.«

»Dann muß ich mich dahintermachen und noch genau ebensoviel vom Strome lernen, wie ich bereits weiß.«

»Gerade noch zweimal so viel, sofern es dir möglich ist.«

»Nun, man lebt ja, um zu lernen. Allein mir scheint, ich war ein Narr, als ich mich auf dies Geschäft einließ.«

»Ja, das ist wahr, und du bist's noch, wirst's aber nicht mehr sein, wenn du es gelernt hast.«

»Ach, ich werde es niemals lernen.«

»Ich will sehen, daß du es doch lernst.«

Bald darauf wagte ich eine weitere Frage: –

»Muß ich das alles gerade so lernen, wie ich den Rest des Stromes kenne, – Gestaltung und alles, – so daß ich auch bei Nacht darnach steuern kann?«

»Ja. Und du mußt gute, zuverlässige Merkzeichen von einem Ende des Stromes zum andern haben, die dir in Verbindung mit dem Ufer sagen werden, ob Wasser genug auf jeder dieser zahllosen Stellen ist – wie jener Baumstumpf, weißt du. Wenn der Strom zu steigen anfängt, kann man ein halbes Dutzend der tiefsten Durchlässe durchfahren; steigt er einen Fuß weiter, ein weiteres Dutzend; beim nächsten Fuß kommen ein paar Dutzend dazu, und so fort: Du siehst also, daß du deine Ufer und Merkzeichen unbedingt sicher kennen mußt und sie nie miteinander verwechseln darfst; denn wenn du einmal in eine dieser Engen hineingefahren bist, kannst du nicht mehr zurück wie im großen Strom; du mußt hindurch oder ein halbes Jahr dort bleiben, wenn du vom fallenden Wasser überrascht wirst. Etwa fünfzig dieser Engen kannst du überhaupt nur dann passieren, wenn der Strom zum Überlaufen voll, oder über die Ufer getreten ist.«

»Diese neue Lehre ist eine heitere Aussicht.«

»Allerdings. Und beachte, was ich dir soeben gesagt habe; wenn du in eine dieser Engen einfährst, mußt du hindurch. Sie sind zu schmal zum Wenden, zu gekrümmt zum Rückwärtsherausfahren, und das seichte Wasser ist immer am oberen Ende, nie anderswo. Und es ist immer anzunehmen, daß das obere Ende sich ganz allmählich auffüllt, so daß die Marken, nach denen du jetzt ihre Tiefe berechnest, in der nächsten Saison vielleicht nicht zutreffen.«

»Ich muß also jedes Jahr das Alphabet von neuem lernen?«

»Versteht sich! Steure nahe an die Sandbank hinan! Weshalb fährst du mitten im Strom?«

Die nächsten paar Monate zeigten mir seltsame Dinge. An demselben Tage, als diese Unterredung stattfand, begann der Strom von oben herab stark zu steigen. Die ganze weite Wasserfläche war schwarz von treibenden Baumstämmen, abgebrochenen Ästen und starken Bäumen, die unterspült und weggewaschen worden waren. Es bedurfte des sorgfältigsten Steuerns, um den Weg durch dieses in Bewegung befindliche Floß zu suchen, selbst bei Tage, wenn man von einer Landspitze nach der andern hinübersteuerte; bei Nacht war die Schwierigkeit noch bedeutend größer; hie und da erschien plötzlich ein ungeheurer, tief im Wasser treibender Baumstamm gerade unter unserm Bug, mit dem einen Ende voran. Es war unnütz, ihm ausweichen zu wollen, wir konnten bloß die Maschinen stoppen; dann ging eines der Schaufelräder von einem Ende zum andern mit donnerndem Getöse über den Baumstamm, wobei das Schiff sich in einer Weise überlegte, die den Passagieren sehr unangenehm war. Hin und wieder versetzten wir einem dieser halb gesunkenen Stämme unter vollem Dampf einen krachenden Stoß gerade in die Mitte, wobei das Boot erzitterte, als wäre es auf einen Kontinent gestoßen. Manchmal blieb dieser Klotz dann quer vor dem Steven liegen; dann mußten wir krebsartig ein wenig zurückfahren, um von dem Hindernis freizukommen. Im Dunkeln stießen wir oft auf weiße Stämme, denn wir sahen sie nicht eher, als bis wir auf ihnen waren; ein schwarzer Stamm ist dagegen bei Nacht ziemlich deutlich sichtbar. Ein weißer Baumstamm ist ein unangenehmer Kunde, wenn das Tageslicht verschwunden ist.

Selbstverständlich kam bei dem großen Steigen des Flusses ein Schwarm von ungeheuren Holzflößen von den oberen Gewässern des Mississippi herab, sowie Kohlenleichter von Pittsburg, kleine Handelsfahrzeuge von überall her, und breite Flachboote von Posey County in Indiana, die letzteren meist mit Früchten beladen. Die Lotsen hegten einen tödlichen Haß gegen diese Fahrzeuge, was deren Schiffer mit reichen Zinsen vergalten. Das Gesetz verlangte, daß alle diese unbeholfenen Handelsfahrzeuge ein Licht führten; allein das war eine Verordnung, die nur zu oft unbeachtet blieb. In dunkler Nacht tauchte plötzlich dicht unter unserem Auge ein Licht vor uns auf, worauf dann eine heisere Stimme im Hinterwäldler-Jargon zu rufen pflegte:

»In des T– Namen, wohin steuert ihr? Könnt ihr nicht sehen, ihr verd– Maulbeeren fressenden Schafe, ihr einäugigen Söhne eines ausgestopften Affen?«

Während wir vorbeischossen, enthüllte uns dann die rote Glut unter den Kesseln wie der Blitz auf einen Augenblick das Flachboot und die Gestalt des gestikulierenden Redners, und in demselben Momente pflegten unsere Heizer und Deckleute eine Wolke von Wurfgegenständen und einen Hagel von Schimpfworten zu empfangen und fortzusenden, worauf dann eines unserer Schaufelräder gewöhnlich die Bruchstücke des zertrümmerten Steuerremens mit fortnahm und alles wieder von schwarzer Dunkelheit eingehüllt war. Und sicherlich ging dann der Besitzer jenes Flachbootes nach New-Orleans, um unseren Dampfer zu verklagen und auf das entschiedenste zu beschwören, daß er zu der betreffenden Zeit ein Licht brennen gehabt habe, während in Wirklichkeit seine Mannschaft, um zu spielen, zu singen und zu trinken, die Laterne in die Kajüte genommen, aber keine Wache an Deck gehalten hatte. Einmal hätten wir nachts in einer jener vom Walde begrenzten Passagen hinter einer Insel, welche von den Dampfbootleuten als »so dunkel, wie das Innere einer Kuh« beschrieben werden, beinahe eine ganze Familie aus Posey County nebst ihrer Ladung in den Grund gebohrt, wenn nicht zufällig in der Kajüte auf einer Fiedel gespielt worden wäre und wir nicht den Schall der Musik noch eben rechtzeitig gehört hätten, um abscheren zu können, wobei leider kein ernsthafter Schaden angerichtet wurde, wir jedoch so nahe kamen, daß wir einen Augenblick die schönste Hoffnung in dieser Beziehung hatten. Selbstverständlich brachten die Leute dann ihre Laterne an Deck, wo sie die ganze Familie – beide Geschlechter verschiedenen Alters – beleuchtete, während wir bei ihrem Fluchen mit der Maschine vorwärts und rückwärts arbeiteten, um frei zu kommen. Ein anderesmal schickte uns ein Kohlenschiffer eine Kugel durch das Steuerhaus, als wir uns an einer sehr engen Stelle einen Steuerremen von ihm geborgt hatten.

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