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Leben auf dem Mississippi / Nach dem fernen Westen

Mark Twain: Leben auf dem Mississippi / Nach dem fernen Westen - Kapitel 39
Quellenangabe
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typenarrative
authorMark Twain
titleLeben auf dem Mississippi / Nach dem fernen Westen
publisher
seriesLehr- und Wanderjahre
volumeI. und II
year1900
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Achtzehntes Kapitel.

Am sechzehnten Tage nach unserer Abfahrt von St. Joseph langten wir morgens am Eingang des Rocky Cañon an, zweihundertfünfzig Stunden vom Salzsee. In dieser wilden Gegend, weit von allen Wohnplätzen weißer Menschen, mit Ausnahme der Poststationen, trafen wir auf die jämmerlichsten Vertreter des Menschengeschlechtes, die mir bis dahin je zu Gesicht gekommen waren. Ich meine die Goschut-Indianer, die sich nach allem, was wir von ihnen sahen und in Erfahrung brachten, höchstens allenfalls mit den Buschmännern Südafrikas auf eine Linie stellen lassen. Diejenigen, welche sich an der Straße und auf den Stationen herumtrieben, waren kleine, magere, ›verhutzelte‹ Geschöpfe; ihre Gesichtsfarbe ein mattes Schwarz wie gewöhnlich bei den Negern in Amerika; ihre Gesichter und Hände mit einer Schmutzkruste bedeckt, die sich Monate, Jahre, ja Menschenalter hindurch je nach dem Alter des Besitzers aufgehäuft hatte. Sie erschienen als eine schweigsame, schleichende, heimtückische Sippe, die verstohlen alles beobachtete, gerade wie alle andern ›edlen roten Männer‹, ohne dabei eine Miene zu verziehen; stumpfsinnig, stets geduldig und unermüdlich wie alle andern Indianer; schamlose Bettler – ist doch der Trieb zum Betteln dem Indianer nicht minder notwendig, um ihn ›im Gang zu erhalten‹, als das Pendel der Uhr; hungrig, jederzeit hungrig, obwohl sie nichts verschmähen, was ein Schwein frißt und dagegen oft etwas essen, was ein Schwein zurückweist; Jäger, deren Ehrgeiz jedoch nicht über das Erlegen und Verspeisen von Eselskaninchen, Grillen und Heupferden und über die Aneignung von Aas hinaus geht, das von Rechts wegen dem Mäusefalken und dem Cayote gehört; Wilde, die auf die Frage, ob sie den allgemeinen Glauben der Indianer an einen ›Großen Geist‹ teilen, in eine Art von Rührung geraten, weil sie darunter Branntwein verstehen. Diese Goschuten sind ein kleines, weit zerstreutes Volk von beinahe völlig nackten schwarzen Kindern, das schlechterdings nichts hervorbringt, keine Dörfer und überhaupt keine feste Stammesgemeinschaft bildet – ein Volk, dessen einziges Obdach in einem Lappen besteht, der über einen Busch geworfen wird, um den Schnee teilweise abzuhalten, und das doch eine der felsigsten, winterlichsten Einöden bewohnt, die man in irgend einem Teil der Erde finden kann.

Kriegslustig könnte man die Goschuten ungefähr mit demselben Rechte nennen, wie die Kaninchen, und doch kam es vor, daß sie, nachdem sie monatelang vom Abfall und Kehricht der Stationen gelebt hatten, in einer dunkeln Nacht, während niemand Arges vermutete, heranschlichen, die Gebäude niederbrannten und die herausstürzenden Leute aus dem Hinterhalt niederschossen. Einmal griffen sie bei Nacht die Postkutsche an, in der eben ein Distriktsrichter des Territoriums Nevada ganz allein fuhr, wobei sie mit ihrem ersten Pfeilhagel (drunter auch eine oder zwei Kugeln) die Vorhänge durchlöcherten, ein oder zwei Pferde verletzten und den Postillon tödlich verwundeten. Dieser letztere war aber schneidig und sein Passagier nicht minder. Letzterer schwang sich auf des Postillons Zuruf auf den Bock und ergriff die Zügel, und fort flogen sie mitten durch den rasenden Haufen und unter einem Hagel von Geschossen. Der Postillon war sofort auf den Schuß in die Kniee gesunken, hielt aber die Zügel noch in den Händen und erklärte, er hoffe, sie bis zu seiner Ablösung halten zu können. Und als sie schließlich seiner ermattenden Hand entsanken, legte er seinen Kopf zwischen die Füße des andern und gab ihm in aller Ruhe Weisung betreffs des Weges; er könne es wohl noch so lang aushalten, bis sie aus dem Bereich der Halunken seien, dann wäre die Hauptschwierigkeit vorüber, und wenn der Richter so und so führe (dabei gab er ihm Weisung betreffs einzelner schlimmer Wegestrecken, sowie der einzuhaltenden Richtung), so würde er die nächste Station ohne Mühe erreichen. Der Richter kam wirklich dem Feinde voraus und fuhr endlich an der Station vor; nun wußte er, daß die Gefahren für jene Nacht vorüber waren, aber er hatte keinen Kriegskameraden mehr, um seine Freude zu teilen, denn der tapfere Rosselenker war tot.

Der Widerwille, den die Goschuten mir einflößten, – einem Jünger Coopers und einem Verehrer des Roten Mannes, selbst jener künstlichen Wilden im ›Letzten der Mohikaner‹, – veranlaßte mich zu ernsten Nachforschungen darüber, ob ich vielleicht den roten Mann überschätzt habe, so lange ich ihn im milden Mondschein der Romantik betrachtete. Die Enthüllungen, die mir wurden, waren jedenfalls sehr ernüchternder Art. Es war merkwürdig, wie schnell die Tünche und das Blattgold, die seine Außenseite bedeckt hatten, verschwunden waren, so daß nur noch der verräterische, schmutzige, abstoßende Kerl übrig blieb – und wie rasch sich die Beweise dafür häuften, daß jeder Indianerstamm, auf den man stoßen mag, lediglich aus Goschuten besteht, die je nach Verhältnissen und Umgebung etwas verändert sind – aber eben doch immer Goschuten. Sie verdienen Mitleid, die armen Wesen; und ich zolle ihnen das meinige gerne – aus der Ferne. In größerer Nähe wird ihnen solches von niemand zuteil werden.

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