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Leben auf dem Mississippi / Nach dem fernen Westen

Mark Twain: Leben auf dem Mississippi / Nach dem fernen Westen - Kapitel 38
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authorMark Twain
titleLeben auf dem Mississippi / Nach dem fernen Westen
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seriesLehr- und Wanderjahre
volumeI. und II
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Siebzehntes Kapitel.

Um acht Uhr morgens erreichten wir die Überbleibsel und Trümmer dessen, was einst die wichtige Militärstation ›Camp Floyd‹ gewesen war, einige fünfundvierzig oder fünfzig Meilen von der Salzseestadt. Um vier Uhr nachmittags hatten wir die Entfernung verdoppelt und befanden uns neunzig bis hundert Meilen von dort. Wir kamen jetzt in den Bereich einer besonderen Gattung von Wüsten, einer Alkali-Wüste. In der Vereinigung alles Abschreckenden und Entsetzlichen läßt sie selbst die Sahara mit ihren Schrecknissen hinter sich. Auf achtundsechzig Meilen gab es darin nur eine einzige Unterbrechung, – wenn man ein in der Mitte dieser Strecke gelegenes Wasserreservoir überhaupt so nennen kann. Wenn mein Gedächtnis nicht trügt, so gab es keinen Brunnen oder Quell daselbst, sondern das Wasser wurde mittels Maultier- oder Ochsengespannen von dem entfernten Rande der Wüste dahin geschafft. Es befand sich eine Poststation dort, vor der wir gerade mit Sonnenaufgang nach zwölfstündiger Fahrt eintrafen. Nachts im Schlafe durch eine Wüste zu fahren, dazu gehörte nicht viel, und dabei hatte man am andern Morgen die angenehme Vorstellung, in höchst eigener Person wirklich mit einer Wüste Bekanntschaft gemacht zu haben und von nun an jederzeit in Gegenwart von Neulingen aus eigener Erfahrung von Wüsten sprechen zu können. Und nicht minder angenehm war der Gedanke, daß es sich nicht um irgend eine unbekannte im Hinterland versteckte Wüste, sondern um die hochberühmte Hauptwüste selbst handelte. Das war alles sehr gut, sehr behaglich und befriedigend – aber jetzt sollten wir bei hellem Tage durch eine Wüste kommen. Das war herrlich, neu, romantisch, dramatisch abenteuerlich – das war wirklich des Lebens, des Reisens wert. Alles sollte ganz genau nach Hause berichtet werden.

Aber diese Begeisterung, dieser ernstliche Durst nach Abenteuern, schmolz dahin unter der schwülen Augustsonne und hielt nicht länger vor als eine Stunde. Eine arme kurze Stunde – und dann schämten wir uns bereits, so ›übergeschäumt‹ zu haben. Die Poesie lag ausschließlich im Vorgefühl – in der Wirklichkeit fehlt dieselbe gänzlich. Man stelle sich einen ungeheuren wellenlosen Ozean vor, der erstorben und in ein Aschenfeld verwandelt ist; man denke sich diese feierlich stille Einöde mit aschenbestäubten Salbeibüschen bedeckt; man denke sich das leblose Schweigen und die Einsamkeit, die zu solch einem Orte gehören; man denke sich dazu eine Kutsche, die wie eine Wanze über diese uferlose Fläche hinkriecht und dabei wirbelnde Staubwolken emporsendet, als kröche sie mit Dampf; man stelle sich vor, daß das mühselige Fahren durch den tiefen Staub mit peinigender Eintönigkeit Stunde um Stunde fortdauert, während das Ufer scheinbar immer noch nicht näher rücken will; man denke sich Gespann, Kutscher, Wagen und Reisende so dick mit Asche bedeckt, daß sie allesamt eine farblose Farbe tragen; man vergegenwärtige sich die Aschenhäufchen, die sich auf Bart und Augbrauen setzen, wie Schneeflocken auf Sträucher und Büsche. So nimmt sich die Wirklichkeit aus.

Die Sonne brennt mit dumpfer, blasenziehender, unbarmherziger Wut herunter, Schweiß bricht Mensch und Tier aus jeder Pore, aber kaum eine Spur davon gelangt an die Oberfläche – er wird aufgesogen, ehe er dahin kommt. Nicht der leiseste Lufthauch regt sich. Keine einzige mitleidige Wolke zeigt sich an dem ganzen strahlenden Himmelsgewölbe. Nach welcher Richtung man auch die leere Fläche, die sich meilenweit rings in eintöniger Gleichmäßigkeit ausbreitet, durchspähen mag, nirgends ist ein lebendes Wesen zu erblicken. Kein Laut, kein Seufzer, kein Flüstern, kein Husch, kein Flügelschlag, keine Stimme eines Vogels aus der Ferne – nicht einmal ein Schluchzen von einer der verlorenen Seelen, die ohne Zweifel diese erstorbene Luft bevölkern, läßt sich vernehmen. So hebt sich das zeitweilige Schnauben der rastenden Maultiere und ihr Kauen am Gebiß grell von der schauerlichen Stille ab, löst aber den Zauber nicht, sondern macht ihn nur drückender und erhöht noch das Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit.

Unter gewaltigem Fluchen, Schmeicheln und Peitschenknallen nahmen die Maultiere von Zeit zu Zeit einen Anlauf und schleppten die Kutsche ein bis zweihundert Ellen weit, wobei sie eine wogende Staubwolke hinter sich aufwühlten, die das Fuhrwerk bis zum oberen Rande der Räder oder noch höher herauf einhüllte, so daß man meinte, es schwebe durch einen Nebel. Darauf folgte eine Ruhepause mit dem üblichen Schnauben und Kauen am Gebiß. Darauf kam wieder ein Anlauf und sodann abermals eine Ruhepause. So ging es den ganzen Tag fort, ohne daß die Maultiere getränkt oder gewechselt wurden. Wenigstens ging es zehn ganze Stunden so fort, was doch wohl in einer Alkaliwüste für eine Tagesleistung, und zwar für eine recht anständige, gelten darf. Wir waren von morgens vier bis nachmittags zwei Uhr unterwegs. Und dabei war es so heiß und so beengend; und unsere Wasserflaschen waren um die Mitte des Tages so trocken und wir so durstig! Es war so stumpf und dumpf und ermattend; und die langweiligen Stunden schlichen und schleppten sich und hinkten mit so grausamer Bedächtigkeit dahin! Man bemühte sich, seiner Uhr eine recht lange Zeit zu ungestörtem Gang zu lassen; und zog man sie dann heraus, so fand man jedesmal, daß sie die Zeit vertrödelt und nichts Ordentliches voran gebracht hatte! Der Alkalistaub schnitt einem in die Lippen, peinigte einen in den Augen und fraß sich durch die Nasenschleimhaut, so daß diese unaufhörlich blutete – die Romantik verschwand allen Ernstes in weiter Ferne und zurück blieb von unserer Wüstenfahrt nichts als die nackte Wirklichkeit – eine durstige, dürre, langweilige, hassenswerte Wirklichkeit. Zehn Stunden lang je zwei und eine viertel Meilen – das war unsere ganze Leistung. Es hielt wirklich schwer, einen solchen Schneckengang zu begreifen, während wir sonst gewohnt gewesen waren, acht und zehn Meilen in der Stunde zu machen. Als wir die Station an der jenseitigen Grenze der Wüste erreicht hatten, waren wir zum erstenmal froh, das Wörterbuch bei der Hand zu haben, weil wir sonst niemals Worte genug hätten finden können, um unsere Befriedigung darüber auszudrücken. Um aber die Ermüdung zum Ausdruck zu bringen, welche diese Maultiere empfanden, nachdem sie uns dreiundzwanzig Meilen weit geschleppt hatten, dazu würde eine ganze Bibliothek von Wörterbüchern nicht genügt haben. Und wollten wir gar vollends versuchen, dem Leser eine Vorstellung von ihrem Durste zu geben – es wäre gerade, als wollten wir gediegenes Gold vergolden oder die Lilie weiß bemalen!

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