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Leben auf dem Mississippi / Nach dem fernen Westen

Mark Twain: Leben auf dem Mississippi / Nach dem fernen Westen - Kapitel 37
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authorMark Twain
titleLeben auf dem Mississippi / Nach dem fernen Westen
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seriesLehr- und Wanderjahre
volumeI. und II
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Sechzehntes Kapitel.

Ich verließ die große Salzseestadt mit ziemlich unklaren Begriffen über die daselbst herrschenden Zustände, – manchmal fragte ich mich sogar, ob überhaupt ein Zustand daselbst herrsche oder nicht. Doch fiel mir zu meiner wirklichen Erleichterung plötzlich ein, daß wir dort wenigstens ein paar gewöhnliche Thatsachen erfahren hatten, auf die wir uns verlassen konnten, so daß unsere zwei Tage doch nicht völlig verloren waren. Zum Beispiel hatten wir in unbedingter greifbarer Wirklichkeit erfahren, daß wir uns in einem neubesiedelten Lande befanden. Die hohen Preise, die man uns für die geringwertigsten Dinge abverlangte, gaben beredte Kunde von hohen Frachten und erstaunlichen Entfernungen. Im Osten war zu damaliger Zeit der kleinste Begriff eines Geldstückes ein Penny, und derselbe bezeichnete die kleinste Menge, die von irgend etwas käuflich zu haben war. Westlich von Cincinnati war die kleinste im Umlauf befindliche Scheidemünze das silberne Fünfcentsstück, und für weniger als fünf Cents konnte man von keinerlei Ware haben. In Overland City schien das Zehncentsstück die kleinste Münze zu sein; in der Salzseestadt jedoch gab es anscheinend im Verkehr kein kleineres Stück als den Viertelsdollar und keine kleinere käufliche Menge von irgend etwas als im Wert von fünfundzwanzig Cents. ¼ Dollar oder 25 Cents = 1 M 5 Pf. Wir waren gewohnt gewesen, das Fünfcentsstück als den kleinsten Begriff bei Geldausgaben zu betrachten; in der Salzseestadt dagegen zahlte man für eine Cigarre einen Viertelsdollar, für eine Thonpfeife einen Viertelsdollar; ob man einen Pfirsich verlangte, oder ein Licht, oder eine Zeitung, oder den Barbier, oder einen kleinen heidnischen Schnaps zum Einreiben der Hühneraugen oder gegen das Magendrücken oder das Zahnweh – stets kostete es fünfundzwanzig Cents. Wenn wir ab und zu in unser Geldsäckchen schauten, kam es uns vor, als ob wir unser Vermögen in einem wahren Luderleben verschwendeten, ein Blick in das Verzeichnis unserer Ausgaben bewies uns jedoch sofort, daß uns kein derartiger Vorwurf traf. Indessen versöhnt man sich leicht mit großem Geld und hohen Preisen, man hat sie gerne und ist stolz darauf – ein Herabsteigen zu kleiner Münze und niederen Preisen ist schwer zu ertragen und man gewöhnt sich nur langsam daran. Hat der Durchschnittsmensch einmal einen Monat lang das Minimum von fünfundzwanzig Cents kennen gelernt, so denkt er nur mit Erröten an seine verächtlichen Fünfcentstage zurück. Wie dunkelrot ich in dem prächtigen Nevada jedesmal im Gesicht wurde, wenn ich an meine erste Erfahrung in Geldangelegenheiten dachte, die ich am Salzsee gemacht hatte. Ein junger Mischling mit einer Gesichtsfarbe wie eine gelbe Rübe fragte mich, ob er mir die Stiefel putzen solle. Es war am Salzseehotel am Morgen nach unserer Ankunft. Ich bejahte und er that es. Dann händigte ich ihm mit der wohlwollenden Miene eines Menschen, der Reichtum und Glückseligkeit über die leidende Armut ausgießt, ein silbernes Fünfcentsstück ein. Der Gelbe nahm es mit einem Ausdruck entgegen, den ich für unterdrückte Rührung hielt und legte es ehrerbietig auf die breite Fläche seiner Hand. Dann begann er es zu betrachten, ungefähr wie ein Naturforscher ein Mückenohr auf dem weiten Felde seines Mikroskops beschaut. Mehrere Leute aus dem Gebirge, Fuhrleute, Postkutscher u. s. w. traten heran, gruppierten sich malerisch um uns und machten sich an die Untersuchung des Geldstückes mit jener anziehenden Unverfrorenheit, die den kühnen Bahnbrecher der Kultur kennzeichnet. Jetzt gab mir der Gelbe meinen Fünfer zurück mit dem Bemerken, er rate mir einen Arzt zu konsultieren, da ich offenbar an – Großherzigkeit leide!

Das gemeine Gelächter, das daraufhin losbrach! Ich zertrat zwar den giftigen Wurm auf der Stelle, mußte jedoch die ganze Zeit über vor mich hin lächeln, während ich ihm den Skalp abzog, denn die Bemerkung war für solch einen Mischling wirklich gut.

Ja, wir hatten am Salzsee gelernt, uns hohe Preise fordern zu lassen, ohne unsern innern Schauder darüber äußerlich zu zeigen – denn wir hatten lange genug den Ton, in dem sich die Unterhaltung zwischen Postkutschern, Kondukteuren und Hausknechten und schließlich auch zwischen den Bewohnern der Salzseestadt bewegte, mit angehört und aufgefaßt, um sehr wohl zu merken, wie gering diese höheren Wesen uns ›Auswanderer‹ achteten. Wir gaben daher in unsern Mienen keinen verräterischen Schauder oder Schrecken kund, denn wir wollten für Mormonen, Halbindianer, Fuhrleute, Postkutscher oder Banditen von Mountain Meadow An welchem Ort ein großer Zug Auswanderer überfallen und niedergemacht wurde. – kurz für irgend etwas auf der Welt gelten, das auf den Ebenen von Utah geachtet und bewundert wurde, – wir schämten uns dagegen erbärmlich, ›Auswanderer‹ zu sein und bedauerten höchlich, daß wir weiße Hemden anhatten und in Gegenwart von Damen nicht fluchen konnten ohne wegzublicken.

Auch in Nevada hatten wir später noch gar manchmal Anlaß, uns mit Beschämung bewußt zu werden, daß wir ›Auswanderer‹, folglich eine niederstehende, untergeordnete Klasse von Geschöpfen waren. Wir Armen! – da machen sie sich über den Hut lustig, den man trägt; über den Schnitt eines Rockes, der aus New-York stammt; über die Gewissenhaftigkeit, womit man die Grammatik, und die Unerfahrenheit, womit man das Fluchen behandelt; über die zum Totlachen drollige Unkenntnis, die man in Bezug auf Erze, Schachte, Stollen und andere Gegenstände bekundet, die man noch nie gesehen und die man auch nie interessant genug gefunden hat, um darüber zu lesen. Und während man immer über sein trauriges Los nachdenkt, in diese entlegene Gegend, in dieses einsame Land verbannt zu sein, sehen die Eingeborenen mit vernichtendem Mitleid auf einen herab, weil man ein ›Auswanderer‹ ist und nicht eines jener stolzesten, glücklichsten Wesen auf der Welt, ein ›Neunundvierziger‹. Aus diesem Jahr stammen die Pioniere des Goldlandes.

Das gewohnte Leben in der Postkutsche begann jetzt aufs neue, und gegen Mitternacht kam es uns bereits fast so vor, als hätten wir unser Nest zwischen den Postsäcken gar nie verlassen gehabt. Eine Änderung hatten wir übrigens getroffen. Wir hatten uns mit Brot, gekochtem Schinken und hartgesottenen Eiern so reichlich versehen, daß es noch einmal so weit reichen konnte, als für die sechshundert Meilen, die wir noch vor uns hatten.

Es gewährte uns während der folgenden Tage ein großes Behagen, von unserem Hochsitze aus das großartige Panorama von Bergen und Thälern unter uns zu betrachten, und uns an Schinken und harten Eiern zu laben, während unser geistiges Wesen abwechselnd in Regenbogen, Gewittern und unvergleichlichen Sonnenuntergängen schwelgte. Nichts unterstützt den Eindruck der Landschaft so mächtig, wie Schinken und Eier. Schinken und Eier und eine großartige Umgegend, während der Wagen mit Windeseile einen ›Hang‹ hinunterrollt, eine duftende Pfeife und ein zufriedenes Herz – darin besteht das Glück, nach dem die Menschheit all die Jahrhunderte hindurch gestrebt.

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