Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Mark Twain >

Leben auf dem Mississippi / Nach dem fernen Westen

Mark Twain: Leben auf dem Mississippi / Nach dem fernen Westen - Kapitel 36
Quellenangabe
pfad/twain/mississ1/mississ1.xml
typenarrative
authorMark Twain
titleLeben auf dem Mississippi / Nach dem fernen Westen
publisher
seriesLehr- und Wanderjahre
volumeI. und II
year1900
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120207
projectidba1478fa
Schließen

Navigation:

Fünfzehntes Kapitel.

In diesem Lande sind haarsträubende Geschichten von Ermordungen querköpfiger Heiden ein beliebtes Thema. Ich erinnere mich mit Vergnügen des gemütlichen Abends, den wir in dem Lokal eines Heiden verbrachten, wo wir uns bei einer Pfeife erzählen ließen; wie Burton unter die um Gnade flehenden wehrlosen ›Morisiten‹ hineinsprengte und sie sämtlich, Männer und Weiber, wie Hunde niederschoß, oder wie Bill Hickmann, ein Würgengel, D. u. A. totschoß, weil sie eine Schuld gegen ihn eingeklagt hatten; oder wie Porter Rockwell diese oder jene grause That verübte; und wie oft Leute so unvorsichtig seien, nach Utah zu kommen und Bemerkungen über Brigham Young oder die Vielweiberei oder sonst etwas Heiliges zu machen, und dann die Betreffenden sich fest darauf verlassen dürfen, gleich beim nächsten Morgengrauen irgendwo in einem Hintergäßchen aufgefunden zu werden, wo sie geduldig auf ihr Begräbnis harren.

Nächst diesem bietet es das größte Interesse, diesen ›Heiden‹ zuzuhören, wenn sie über die Vielweiberei reden, und sich erzählen zu lassen, wie so ein dickbäuchiger alter Frosch von einem Ältesten oder Bischof ein Mädchen heiratet, – sie gern hat und ihre Schwester dazu nimmt, – sie gern hat und noch eine Schwester von ihr heiratet, – sie gern hat und eine dritte nimmt – sie gern hat und deren Mutter ehelicht und schließlich deren Vater, Groß- und Urgroßvater heiratet und dann immer noch nicht genug hat. Und wie dann vielleicht das junge schnippische Ding von elf Jahren sein Lieblingsweib wird, und ihre würdige alte Großmutter nun in ihres gemeinsamen Eheherrn Wertschätzung nach D 4 hinunterrückt und in der Küche schlafen muß. Und wie die mormonischen Frauen dieses entsetzliche Zusammenpferchen von Mutter und Töchtern in demselben faulen Neste, die Erhebung einer jungen Tochter an Rang und Einfluß über ihre leibliche Mutter sich geduldig gefallen lassen, weil nach den Lehren ihrer Religion je mehr Frauen ein Mann auf Erden hat und je größer die Zahl der Kinder ist, die er aufzieht, um so höher der Platz sein soll, den er mit den Seinigen in der zukünftigen Welt einnehmen werde – vielleicht auch um so wärmer; doch sprechen sie sich, wie es scheint, darüber nicht genauer aus.

Nach Aussage dieser unserer heidnischen Freunde enthält Brigham Youngs Harem zwanzig bis dreißig Weiber. Einige derselben, so sagten sie, seien alt geworden und aus dem aktiven Dienst getreten, seien aber ganz gut untergebracht und versorgt im Hühnerhause oder ›Löwenhaus‹, wie es seltsamerweise bezeichnet wird. Jede Frau habe ihre Kinder bei sich – fünfzig im ganzen. Es gehe ganz ordentlich und ruhig im Hause zu – wenn die Kinder sich still verhalten. Sie nehmen ihre Mahlzeiten alle zusammen in demselben Saale ein, was als ein äußerst glückliches und anheimelndes Bild gerühmt wird. Von unserer Gesellschaft hatte niemand das Vergnügen, bei Herrn Young zu speisen, aber ein Heide Namens Johnson erklärte, einmal im Löwenhause an dem gemeinsamen Frühstück teilgenommen zu haben. Er gab uns eine verrückte Schilderung von dem ›Verlesen der Präsenzliste‹ und andern Präliminarien und von dem Blutbad, das angerichtet worden sei, als die Buchweizenkuchen erschienen. Aber er trug doch etwas zu stark auf. Herr Young habe ihm, so berichtete er, verschiedene gescheite Äußerungen von einigen seiner ›Zweijährigen‹ erzählt und dabei mit einigem Stolze hervorgehoben, daß er in diesem Fache jahrelang der gewichtigste Mitarbeiter für eine der Zeitschriften des Ostens gewesen; daraus wollte er Herrn Johnson eines von den Püppchen zeigen, das die letzte hübsche Äußerung gethan hätte, er vermochte jedoch das Kind nicht herauszufinden. Er sah sich die Gesichter sämtlicher Kinder genau an, konnte aber nicht bestimmt sagen, welches es gewesen war. Endlich gab er es mit einem Seufzer auf und sagte: »Ich dachte, ich würde das kleine Ferkel wiedererkennen, aber es ist nichts damit.«

Weiter hätte Herr Young die Bemerkung gemacht, »es sei doch etwas gar zu Trauriges um das Leben, denn die Freude über einen neu eingegangenen Ehebund werde einem so leicht in ungelegener Weise durch die Leichenfeier für eine frühere Braut gestört.«

Sodann erzählte Herr Johnson, während er mit Herrn Young sich ganz gemütlich unterhalten hätte, sei eine von dessen Frauen hereingekommen und habe eine Busennadel verlangt; sie hätte nämlich herausgebracht, daß er der Nr. 6 eine solche gegeben, und sie gedenke ihm eine solche Parteilichkeit nicht hingehen zu lassen, ohne ganz gehörigen Lärm darüber zu schlagen. Herr Young machte sie darauf aufmerksam, daß ein Fremder zugegen sei, worauf Frau Young meinte, wenn dem Fremden nicht behage, was im Hause vorgehe, so könne er ja draußen Platz finden. Herr Young versprach ihr die Busennadel, worauf sie sich entfernte. Aber nach ein paar Minuten erschien schon wieder eine andere Frau Young, die ebenfalls eine Busennadel haben wollte. Herr Young suchte ihr Vorstellungen zu machen, allein sie schnitt ihm einfach das Wort ab. Nr. 6 habe eine bekommen, meinte sie, und der Nr. 11 sei eine versprochen, »er solle es nur aufgeben, sie einschüchtern zu wollen, – sie kenne ihre Rechte.« Er gab sein Versprechen und sie ging. Nun kamen gleich drei Frauen Young mit einander herein und ließen einen Sturm von Thränen, Schmähungen und Bitten auf ihren Eheherrn los. Sie hatten alles vernommen, was mit Nr. 6, 11 und 14 vorgekommen war. Drei weitere Busennadeln wurden zugesagt. Kaum waren jene fort, als neun weitere Ehehälften des Herrn Young auf einmal im Gänsemarsch anrückten und ein neues Gewitter losbrach und über den Propheten und seinen Gast hintobte. Neun weitere Busennadeln wurden zugesagt, worauf die Schicksalsschwestern im Gänsemarsch wieder abzogen. Und herein kamen nochmals elf mit Heulen, Wehklagen und Zähneknirschen. Mit dem Versprechen weiterer elf Busennadeln wurde noch einmal der Frieden erkauft.

»Da haben Sie eine Probe,« sagte Herr Young. »Sie sehen, wie es steht. Sie sehen, was für ein Leben ich führe. Man kann eben nicht immer vernünftig sein. In einem unbedachten Augenblick gab ich meinem Liebling Nr. 6 – entschuldigen Sie, daß ich sie so nenne, aber ihr anderer Name ist mir augenblicklich entfallen – eine Busennadel. Sie kostete nicht über fünfundzwanzig Dollars d. h. das war der scheinbare Preis – aber das, was sie mich schließlich unvermeidlich kosten wird, beläuft sich weit höher. Sie haben selbst mitangesehen, wie die Summe bis auf sechshundertfünfzig Dollars angewachsen ist – und ach, das ist noch lange nicht das Ende! Ich habe ja Frauen hier im ganzen Territorium Utah herum. Ich habe Dutzende von Frauen, deren Nummern ich nicht einmal weiß, ohne in die Familienbibel zu blicken. Sie sind weit und breit über Berg und Thal in meinem Reiche zerstreut. Und merken Sie wohl, jede einzelne derselben wird von dieser unglückseligen Busennadel hören und bis auf die letzte werden sie sämtlich auch eine haben müssen oder sterben. Die Busennadel meiner Nr. 6 wird mich auf fünfundzwanzighundert Dollars kommen, ehe ich das Ende der Geschichte absehe. Und dann werden diese Geschöpfe ihre Nadeln mit einander vergleichen, und wenn eine einzige um eine Idee schöner ist als die andern, so werden sie mir sämtlich vor die Füße gelegt und ich darf eine neue Bestellung machen, wenn ich Frieden in meiner Familie behalten will. Sie haben es wahrscheinlich nicht gewußt, aber die ganze Zeit über, so lange sie mit meinen Kindern zusammen waren, wurde jede Ihrer Bewegungen von wachsamen Dienern meines Hauses beobachtet. Hätten Sie einem Kind ein Zehncentsstück angeboten oder ein Stück Kandiszucker oder sonst eine Kleinigkeit der Art, – augenblicklich wären Sie zum Hause hinausgeworfen worden, wofern nämlich die Gabe noch nicht aus Ihren Fingern gewesen wäre. Andernfalls würde es unvermeidlich für Sie gewesen sein, allen meinen Kindern ganz genau das gleiche Geschenk zu machen – und da ich aus Erfahrung weiß, was davon abhängt, so würde ich bei der Verteilung selbst hingestanden sein, um mich von der genauesten Ausführung zu überzeugen. Ein Herr schenkte einmal einem meiner Kinder eine Blechpfeife – eine wahre Erfindung des Satans, vor der ich ein unbeschreibliches Grausen empfinde, wie es Ihnen gewiß auch ginge, wenn Sie achtzig bis neunzig Kinder im Hause hätten. Aber die That war geschehen – der Mann entkam. Ich wußte, wohin die Sache führen würde und dürstete nach Rache. Ich schickte eine ganze Schar Würgengel hinter ihm her, die den Mann bis tief in die Felsenklüfte Nevadas jagten. Aber bekommen haben sie ihn niemals. Ich bin nicht grausam – ich bin nicht rachsüchtig, aber wenn ich ihn bekommen hätte, Herr, ich würde ihn, so wahr mir Joseph Smith Dieser Name, sowie andere in Brigham Youngs Gespräch gehören der mormonischen Geschichte an. helfe, in die Kinderstube eingesperrt haben, bis die Krappen ihn totgepfiffen hätten! Bei dem hingeschlachteten Leibe des heiligen Parley Pratt (dem Gott seine Sünden vergebe), so etwas ist in der ganzen Welt noch nicht dagewesen! Ich wußte ja, wer dem Kind die Pfeife gegeben hatte, aber ich konnte die eifersüchtigen Mütter nicht davon überzeugen. Sie glaubten einmal, ich sei es gewesen, und das Ende vom Liede war, was jeder vernünftige Mensch längst hatte voraussehen können: Ich durfte hundertzehn Pfeifen bestellen – wir hatten damals nämlich, meine ich, hundertzehn Kinder im Hause, es sind jetzt aber eine Anzahl davon fort auf der Schule – hundertzehn solcher quiekenden Dinger; und ich will auf ewig verstummen, wenn es nicht wahr ist, daß wir von da an uns solange lediglich mit der Zeichensprache behelfen mußten, bis die Kinder die Pfeifen satt hatten. Und wenn wieder jemand einem meiner Kinder eine Pfeife giebt und ich bekomme ihn zwischen die Finger, den hänge ich höher als Haman!

»Bei Nephis Schatten! Sie wissen nicht, was es heißt, verheiratet sein. Ich bin reich, und jedermann weiß es. Ich bin gutmütig, und alle Welt benützt das. Ich habe starke väterliche Triebe, deshalb halst man mir alle Findelkinder auf. Wenn ein weibliches Wesen ihr Herzblättchen recht gut betten will, so quält sie ihr Hirn ab, bis sie einen Plan ausgetüftelt hat, um es mir in die Hände zu spielen. Sehen Sie, Herr, kommt da einstmals ein Weibsbild daher mit einem Kind von eigentümlich totenbleicher Farbe (sie selber sah gerade so aus) und schwört, das Kind gehöre mir und sie sei mein Weib – ich hätte sie zu der und der Zeit da und da geheiratet, aber ihre Nummer hatte sie vergessen, und ihres Namens konnte ich mich natürlich nicht erinnern. Nun, sie machte mich darauf aufmerksam, wie ähnlich mir das Kind sehe, und in der That schien es auch so – etwas sehr Gewöhnliches hier zu Lande – und, um die Geschichte kurz zu machen, ich steckte das Kind in die Kinderstube und sie ging ihrer Wege.

»Und bei Orson Hydes Geist, wie man dem Kind die Farbe abwusch, war es eine Rothaut! Meiner Seele, Sie wissen nicht, was verheiratet sein heißt! Es ist ein wahres Hundeleben, Herr – ein wahres Hundeleben. Und wie soll man dabei sparen! – es ist unmöglich. Ich habe versucht, einen Brautanzug für alle Gelegenheiten aufzubewahren. Aber es nützt nichts. Einmal heiraten Sie eine Verbindung von Kaliko und Schwindsucht, mager wie eine Latte, und das nächstemal kommen Sie an ein Geschöpf, das nichts als in Kleider gesteckte Wassersucht ist, und dann können Sie das Brautkleid mit einem alten Luftballon weiter machen lassen! Ja, so geht es. Und denken Sie nur an die Wäscherechnung – (entschuldigen Sie diese Thränen) – neunhundertvierundachtzig Stück die Woche! Nein, Herr, so etwas wie Sparen giebt es gar nicht in einer Familie wie die meine. Schon der eine Artikel Wiegen – stellen Sie sich nur vor! Und Wurmsamen! Syrup! Zahnringe! Und Taschen-Uhren zum Spielen für die Kleinen! Und allerhand Sachen, um die Möbel damit zu zerkratzen! Und Streichhölzchen zum essen, und Glasstücke, um sich damit zu schneiden. Der Artikel Glas allein würde für den Unterhalt Ihrer Familie hinreichen, behaupte ich. Da mag ich scharren und quetschen, wie ich will, ich kann nicht so schnell vorwärts kommen, wie es bei den mir gebotenen Chancen der Fall sein sollte. Gott sei es geklagt, zur Zeit, da ich zweiundsiebzig Weiber hier im Hause hatte, stöhnte ich unter der Last, Tausende von Dollars in zweiundsiebzig Bettstellen stecken zu müssen, während das Geld hätte auf Zinsen ausgeliehen werden sollen; so schlug ich denn frischweg den ganzen Vorrat mit Verlust los und ließ eine Bettstatt zimmern, sieben Fuß lang und sechsundneunzig Fuß breit. Aber es war ein Mißgriff. Ich konnte schlechterdings nicht schlafen. Es kam mir vor, als schnarchten alle zweiundsiebzig Weiber auf einmal. Es war ein betäubender Lärm. Und dann die Gefahr bei der Sache! Das war noch das schlimmste. Sie zogen alle den Atem zugleich ein, und da konnte man wahrhaftig sehen, wie die Wände des Hauses sich nach innen bogen – dann atmeten sie wieder alle auf einmal aus, so daß man sehen konnte, wie die Wände sich nach außen aufblähten und man die Balken knacken und die Schindeln knistern hörte. Mein Freund, lassen Sie sich von einem alten Manne raten, und laden Sie sich ja keine starke Familie auf den Hals – hören Sie, thun Sie's ja nicht, ich sage es Ihnen. In einer kleinen Familie, und nur in einer kleinen Familie, werden Sie das Behagen und den innern Frieden finden, welche schließlich doch die besten Segnungen sind, die diese Welt uns zu bieten vermag, und für deren Mangel kein Reichtum, kein Ruhm, keine Macht und keine Größe uns je Ersatz bieten können. Verlassen Sie sich darauf, mit zehn bis elf Weibern haben Sie genug – gehen Sie nie darüber hinaus.«

Ich hatte zwar ein unbestimmtes Gefühl, als sei dieser Johnsohn nicht ganz verläßlich. Und doch war er eine höchst unterhaltende Persönlichkeit, und ich glaube kaum, daß irgend eine seiner Mitteilungen aus einer anderweiten Quelle stammen konnte. Er bildete einen recht angenehmen Gegensatz zu diesen schweigsamen Mormonen.

 << Kapitel 35  Kapitel 37 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.