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Leben auf dem Mississippi / Nach dem fernen Westen

Mark Twain: Leben auf dem Mississippi / Nach dem fernen Westen - Kapitel 27
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authorMark Twain
titleLeben auf dem Mississippi / Nach dem fernen Westen
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seriesLehr- und Wanderjahre
volumeI. und II
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Sechstes Kapitel.

Unser neuer, eben aufgestiegener Kondukteur hatte seit vierundzwanzig Stunden nicht geschlafen. Derartiges kam sehr häufig vor. Von St. Joseph in Missouri bis Sakramento in Kalifornien betrug der Weg mit der Postkutsche nahezu neunzehnhundert Meilen, und die Tour wurde häufig in fünfzehn Tagen gemacht (die Eisenbahn besorgt es jetzt in vier und einem halben), während die in den Postverträgen verabredete und in den Zusatzbestimmungen verlangte Zeit, wenn ich mich recht erinnere, achtzehn bis neunzehn Tage betrug. Damit sollte den durch Winterstürme, Schneefälle und sonstige unvermeidliche Umstände verursachten Verzögerungen billige Rechnung getragen werden. Die Postgesellschaft hielt alles unter strenger Aufsicht und in guter Ordnung. Über eine Wegstrecke von je zweihundertfünfzig Meilen war ein mit großer Machtfülle bekleideter Agent oder Oberaufseher gesetzt. Die Strecke selbst führte den Namen ›Division‹. Er kaufte Pferde, Maultiere, Geschirr und Lebensmittel für Menschen und Tiere ein und verteilte diese Gegenstände von Zeit zu Zeit auf die einzelnen Stationen nach seinem Ermessen. Er ließ Stationsgebäude errichten und Brunnen graben. Er besorgte die Auslöhnung der Stationswirte, Hausknechte und Hufschmiede, die er sämtlich nach Gutdünken entlassen durfte. Er war ein sehr großer Mann innerhalb seiner ›Division‹ – eine Art Großmogul, ein Sultan, in dessen Gegenwart die gemeinen Leute Bescheidenheit in Rede und Wesen annahmen und im Glanz von dessen Größe selbst der leuchtende Postillon zu einem Pfennigbüchlein zusammenschwand. Etwa acht solcher Könige gab es alles in allem auf der ganzen Überlandstrecke.

Gleich nach dem Divisionsagenten an Rang und Wichtigkeit kam der Kondukteur. Sein Bezirk war ebenso groß wie der des ersteren – zweihundertfünfzig Meilen. Er hatte seinen Platz beim Kutscher und durchfuhr nötigenfalls diese furchtbare Strecke Tag und Nacht ohne andere Ruhe oder Schlaf, als wie er sie oben auf dem dahinfliegenden Fuhrwerk hockend haben konnte. Man stelle sich das vor! Er war unbedingt verantwortlich für die Postsachen, das Eilgut, die Passagiere und den Postwagen bis zur Übergabe an seinen Nachmann gegen Bescheinigung. Er mußte demzufolge ein Mann von natürlichem Verstand, Entschiedenheit und beträchtlicher Geschäftsgewandtheit sein. Gewöhnlich war es ein ruhiger, freundlicher Mensch, der seine Obliegenheiten eifrig erfüllte und ein ziemlich wohlerzogenes Wesen an sich hatte. Der Divisionsagent brauchte nicht durchaus notwendig ein gebildeter Mann zu sein, und in der That war er dies nicht immer. Dagegen kam er an Befähigung zum Verwaltungsdienst stets einem General, und an Mut und Entschlossenheit einer Bulldogge gleich, andernfalls würde ihm der Oberbefehl über das gesetzlose Unterpersonal der Überlandpost in keinem Falle etwas anderes eingebracht haben, als nach einem Monat voll Unverschämtheiten und Widerwärtigkeiten zum Beschluß eine Kugel und einen Sarg. Auf der ganzen Strecke gab es ungefähr sechzehn oder achtzehn Kondukteure, denn täglich ging ein Wagen in jeder Richtung und bei jedem war ein Kondukteur.

Zunächst nach dem letzteren kam an amtlichem Rang und Ansehen mein Liebling, der Postillon – wir haben aber bereits gesehen, daß in den Augen der großen Menge der Postillon gegenüber dem Kondukteur dastand, wie der Admiral neben dem Kapitän des Flaggschiffes. Die Dienststrecke des Postillon war eine ziemlich lange und seine Schlafzeit auf den Stationen manchmal sehr kurz, und hätte ihn der Glanz seiner imposanten Stellung nicht einigermaßen entschädigt, so wäre sein Leben ein ebenso trauriges wie hartes und aufreibendes gewesen. Wir bekamen jeden Tag oder jede Nacht einen neuen Postillon (denn jeder derselben befuhr stets dieselbe Strecke hin und zurück) und wurden daher mit diesen Leuten nie so gut bekannt wie mit den Kondukteuren; abgesehen davon, daß es die Postillone meist unter ihrer Würde hielten, sich mit solchem Lumpenpack, wie Passagiere, gemein zu machen. Doch waren wir, so oft der Dienst wechselte, begierig, den neuen Postillon zu Gesicht zu bekommen, denn einen Tag wie den andern waren wir entweder froh, einen unangenehmen los zu werden, oder betrübt über den Abschied von einem, den wir liebgewonnen hatten und mit dem wir auf einen gemütlichen und freundschaftlichen Fuß gekommen waren.

So war stets an den Plätzen, wo wir einen neuen Kutscher bekamen, unsere erste Frage an den Kondukteur: »Was ist's für einer?« – Das war vielleicht kein guter Stil, allein wir konnten damals noch nicht wissen, daß das einstmals gedruckt würde. So lange alles glatt ablief, war der Überland-Postillon noch ziemlich gut daran, wurde jedoch ein Kollege von ihm plötzlich krank, dann war er übel dran; denn die Post mußte weiter und so durfte denn der hohe Herr, der eben herunterklettern und üppiger Ruhe pflegen wollte nach seiner langen nächtlichen Sitzung in Wind, Regen und Finsternis, bleiben, wo er war und den Dienst für den Erkrankten versehen. Als ich einst im Felsengebirge einen Postillon fest auf dem Bocke schlafend traf, während die Maultiere in ihrer gewohnten halsbrechenden Gangart dahinstürmten, meinte der Kondukteur: »Na, lassen Sie ihn nur, es ist keine Gefahr dabei und er thut doppelten Dienst – ist fünfundsiebzig Meilen mit einem Wagen gefahren und geht jetzt dieselbe Strecke zurück, unausgeruht und ungeschlafen.«

Hundertfünfzig Meilen weit sechs bösartige Maultiere im Zaum zu halten, daß sie nicht die Bäume hinauflaufen! Es klingt unglaublich, aber ich bin dieser Mitteilung ganz sicher.

Die Stationsleute, Hausknechte u. s. w. waren gemeine rohe Menschen, wie bereits erwähnt, und vom westlichen Nebraska bis Nevada durfte man eine beträchtliche Anzahl derselben getrost als gesetzloses Gesindel – Flüchtlinge vor der Justiz, als Verbrecher bezeichnen, die sich am sichersten in einem Landstrich fühlten, wo es kein Gesetz gab und wo man nicht einmal Anspruch auf dergleichen machte.

Wenn der Abteilungsagent einem von dieser Gesellschaft einen Befehl erteilte, so war er sich dabei stets vollkommen bewußt, daß er solchen möglicherweise mit seinem Revolver werde durchsetzen müssen, und so war er denn stets gerüstet, um die Dinge im richtigen Geleise zu erhalten. Dann und wann war ein solcher Agent wirklich genötigt, einem Hausknecht irgend eine einfache Sache durch einen Schuß in den Kopf verständlich zu machen, die er ihm unter andern Umständen und in anderer Umgebung mittels eines Prügels hätte beibringen können. Allein, es waren eben schneidige, gescheite Leute, diese Agenten, und wenn sie einem Untergebenen etwas begreiflich machen wollten, »so ging es diesem in der Regel in den Kopf.«

Am fünften Tage um Mittag gelangten wir beim Übergang über den South-Platte nach ›Julesburg‹, alias ›Overland-City‹, vierhundertsiebzig Meilen von St. Joseph, das merkwürdigste, sauberste, putzigste Grenzstädtchen, auf welches unsere ungereisten Augen jemals ihre erstaunten Blicke gerichtet.

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