Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Mark Twain >

Leben auf dem Mississippi / Nach dem fernen Westen

Mark Twain: Leben auf dem Mississippi / Nach dem fernen Westen - Kapitel 13
Quellenangabe
pfad/twain/mississ1/mississ1.xml
typenarrative
authorMark Twain
titleLeben auf dem Mississippi / Nach dem fernen Westen
publisher
seriesLehr- und Wanderjahre
volumeI. und II
year1900
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120207
projectidba1478fa
Schließen

Navigation:

Das Lotsenmonopol.

Eines Tages steuerte mein Lehrmeister, Herr Bixby, mit dem ›Aleck Scott‹ vorsichtig durch eine enge Stelle bei der Katzeninsel; beide Lote waren im Gang, und jeder hielt den Atem an. Der Kapitän, ein nervöser, ängstlicher Mann, verhielt sich ruhig, so lange er konnte; endlich vermochte er's aber nicht länger auszuhalten und rief vom Sturmdeck herunter:

»Um Gottes willen, geben Sie Dampf, Herr Bixby! geben Sie Dampf! Wir kommen sonst nie über das Riff da!«

Nach dem Eindruck, den diese Rede auf Herrn Bixby machte, hätte man annehmen können, daß gar nichts gesagt worden wäre. Fünf Minuten später aber, als die Gefahr vorüber und die Lote eingeholt worden waren, brach ein wahres Gewitter von vernichtenden Flüchen über den Kapitän herein, wie ich es nie prächtiger hörte. Es folgte kein Blutvergießen – aber nur, weil die Sache des Kapitäns auf schlechten Füßen stand, denn für gewöhnlich war er nicht der Mann, der eine Zurechtweisung ruhig hinnahm.

Nachdem ich nun die Natur der Wissenschaft des Lotsens eingehend auseinandergesetzt und zugleich den Rang beschrieben habe, den der Lotse unter der Brüderschaft der Dampfschiffsleute einnahm, scheint es mir am Platze zu sein, einige Worte über eine Organisation zu sagen, welche die Lotsen einstens zum Schutz ihrer Gilde gebildet haben. Sie war eigenartig und insofern bemerkenswert, als sie vielleicht die geschlossenste und stärkste berufliche Organisation gewesen ist, die je gebildet wurde.

Die Heuern hatten lange Zeit zweihundertfünfzig Dollars monatlich betragen; aber als die Dampfboote sich mehrten und das Geschäft sich immer mehr hob, begannen die Löhne allmählich zu fallen. Der Grund dieser seltsamen Erscheinung war indessen leicht zu finden: es wurden zu viele Lotsen ›gemacht‹. Es war hübsch, einen Lehrling, einen Steuerer zu haben, der einige Jahre lang alle schwere Arbeit umsonst verrichtete, während sein Herr auf einer hohen Bank saß und rauchte; alle Lotsen und Kapitäne hatten Söhne oder Neffen, die Lotsen werden wollten. Nach und nach kam es soweit, daß fast jeder Lotse auf dem Mississippi einen eigenen Steuerer hatte. Wenn ein Steuerer solche Fortschritte gemacht hatte, daß sie zwei Lotsen befriedigten, konnten diese eine Licenz für ihn erwirken, indem sie ein Gesuch an den Inspektor der Stromschiffahrt richteten. Weiter war nichts nötig; Fragen wurden gewöhnlich nicht gestellt und ein besonderer Befähigungsnachweis nicht verlangt.

Nun, dieser zunehmende Schwarm von neuen Lotsen, welche Beschäftigung suchten, begann die Löhne herabzudrücken. Es scheint, daß die Ritter von der Ruderpinne ihren Mißgriff zu spät erkannten. Es mußte offenbar etwas geschehen, und das bald; aber was? Nur eine geschlossene Organisation konnte helfen; alles andere war umsonst. Die Sache wurde besprochen und wieder besprochen und schließlich fallen gelassen, da die Schwierigkeiten so groß waren. Es war nur zu wahrscheinlich, daß alle, die in der Sache vorzugehen wagten, für ihre Person große Gefahr liefen. Endlich aber wagten es ein Dutzend der kühnsten – darunter einige der besten – Lotsen und nahmen das ganze Risiko auf sich. Die Gesetzgebung verlieh ihnen einen besonderen Freibrief mit ausgedehnten Vollmachten unter dem Namen: Wohlthätigkeitsverein der Lotsen ( Pilots' Benevolent Association); man wählte den Vorstand, vollendete die Organisation, legte Kapital ein, setzte die ›Vereins‹-Löhne sogleich auf zweihundertfünfzig Dollars fest – und kehrte dann an den häuslichen Herd zurück, denn die ›Vereins‹lotsen wurden sofort entlassen. Aber in ihren Satzungen fanden sich ein paar Körnchen, welche die Keime zur Entwicklung in sich trugen. So waren z. B. alle beschäftigungslosen Mitglieder von gutem Ruf zu einer monatlichen Pension von fünfundzwanzig Dollars berechtigt. Das zog nach und nach wegen der flauen Geschäftszeit im Sommer einen nach dem andern von den kaum flügge gewordenen Lotsen heran, denn besser fünfundzwanzig Dollars monatlich, als verhungern; die Aufnahmegebühr betrug nur zwölf Dollars, und von den Beschäftigungslosen wurde ein Beitrag nicht verlangt.

Auch die Witwen von verstorbenen Mitgliedern konnten fünfundzwanzig Dollars monatlich beziehen, sowie eine gewisse Summe für jedes ihrer Kinder; ebenso wurden die verstorbenen Mitglieder auf Kosten des Vereins begraben. Diese Bestimmungen brachten alle abgedankten und vergessenen Lotsen im ganzen Mississippithal wieder zum Vorschein; sie kamen von Farmen, von Städtchen im Innern, von überall herbei, – auf Krücken, Karren, in Krankenwagen, wie es ging. Sie zahlten ihre zwölf Dollars und begannen sofort monatlich ihre fünfundzwanzig Dollars zu beziehen und ihre Beerdigungskosten zu berechnen.

Nach und nach waren alle unbrauchbaren, hilflosen Lotsen und ein Dutzend Lotsen ersten Ranges im Verein, während neun Zehntel der besten Lotsen sich demselben fernhielten und über ihn lachten. Der Verein gab dem ganzen Fluß Stoff zu Scherzen. Jedermann witzelte über die Bestimmung, daß die Mitglieder monatlich zehn Prozent ihres Verdienstes zur Erhaltung des Vereins in die Kasse zahlen sollten, während alle Mitglieder verstoßen und geächtet waren und niemand sie beschäftigen wollte. Jedermann war dem Verein dankbar dafür, daß er alle unbrauchbaren Lotsen aus dem Wege räumte und so das ganze Feld den Vortrefflichsten und Würdigsten überließ; und nicht nur dafür war man dankbar, sondern auch für das naturgemäß folgende Resultat, – nämlich das allmähliche Steigen der Löhne, als die rege Geschäftszeit herankam. Die Löhne waren von hundert auf hundertfünfundzwanzig, in einzelnen Fällen auf hundertfünfzig Dollars gestiegen; und es war äußerst spaßhaft, daß dieses reizende Ergebnis durch eine Körperschaft von Männern herbeigeführt worden war, von denen nicht einer den geringsten Nutzen davon hatte. Einige der Spaßmacher besuchten manchmal das Vereinslokal und erboten sich spöttisch, Mitglieder des Vereins aus Barmherzigkeit für eine Fahrt als Steuerer mitzunehmen, damit dieselben den Strom nicht ganz vergäßen. Der Verein indessen war zufrieden; wenigstens gab er kein Zeichen vom Gegenteil. Hin und wieder nahm er einen Lotsen auf, der gerade ›Pech‹ hatte, und fügte dessen Namen seiner Liste bei; und dieser spätere Zuwachs war sehr wertvoll, weil es gute Lotsen waren und die schlechten dem Verein schon lange angehörten. Als das Geschäft lebhafter wurde, stiegen die Löhne nach und nach auf zweihundertfünfzig Dollars: die vom Verein festgesetzte Höhe – und erhielten sich dauernd auf diesem Satze. Die Heiterkeit auf Kosten des Vereins überstieg jetzt alle Grenzen, denn noch immer zog kein Mitglied desselben Nutzen daraus, weil niemand engagiert wurde. Endlos waren die Späße, welche die armen Märtyrer über sich ergehen lassen mußten.

Doch keine Gasse ist so lang, daß sie nicht ein Ende hat. Der Winter kam heran, das Geschäft verdoppelte und verdreifachte sich, und eine Lawine von Dampfbooten kam vom Missouri, Illinois und dem oberen Mississippi herab, um es einmal in der New-Orleansfahrt zu versuchen. Urplötzlich waren Lotsen sehr gesucht, aber in verhältnismäßig geringer Anzahl vorhanden. Die Zeit der Vergeltung war gekommen. Es war eine bittere Pille, endlich Vereinslotsen annehmen zu müssen, doch Kapitäne und Schiffseigentümer sahen beide ein, daß es keinen andern Ausweg gab. Aber keiner von diesen Geächteten bot sich an! Es war also eine noch bitterere Pille hinunterzuwürgen: sie mußten aufgesucht und um ihre Dienste gebeten werden. Kapitän N. war der erste, der es nötig fand, die Dosis einzunehmen, obgleich er der lauteste Verspötter der Organisation gewesen war. Er suchte einen der besten Vereinslotsen auf und sagte:

»Nun, ihr Lotsen habt jetzt auf eine Weile die Oberhand über uns gewonnen; ich will daher möglichst gute Miene zum bösen Spiele machen. Ich bin gekommen, um Sie zu engagieren; schaffen Sie sofort Ihre Koffer an Bord. Um zwölf Uhr fahren wir.«

»Das weiß ich noch nicht gewiß. Wer ist Ihr zweiter Lotse?«

»I. S–. Warum?«

»Ich kann nicht mit ihm fahren. Er gehört dem Verein nicht an.«

»Was?«

»Wie ich gesagt habe.«

»Wollten Sie damit sagen, daß Sie nicht mit einem der besten und ältesten Lotsen auf dem Flusse fahren können, weil er Ihrem Verein nicht angehört?!«

»Ja, das will ich.«

»Nun, das ist aber stark! Ich glaubte Ihnen eine Wohlthat zu erweisen, merke aber nun, daß ich es bin, der eine Gunst verlangt. Handeln Sie nach einer Satzung des Vereins?«

»Ja.«

»Zeigen Sie mir dieselbe.«

Sie begaben sich nach dem Vereinslokal, wo der Sekretär dem Kapitän die Satzungen vorlegte; dieser sagte:

»Nun, was soll ich thun? Ich habe Herrn S. für die ganze Saison engagiert.«

»Ich will Ihnen einen zweiten Lotsen nachweisen, und er soll um zwölf Uhr an Bord sein,« sagte der Sekretär.

»Aber wenn ich S– – entlasse, wird er seine Gage für die ganze Saison von mir verlangen.«

»Das haben Sie natürlich mit Herrn S– – abzumachen, Kapitän. Wir können uns in Ihre Privatangelegenheiten nicht einmischen.«

Der Kapitän wütete, aber umsonst. Schließlich mußte er S– – entlassen, ihm etwa tausend Dollars zahlen und an seiner Stelle einen Vereinslotsen nehmen. Das Lachen begann sich jetzt gegen die andere Seite zu wenden. Jeden Tag fiel von da an ein neues Opfer; jeden Tag mußte ein zum äußersten gebrachter Kapitän unter Flüchen und Thränen ein begünstigtes Nichtvereinsmitglied entlassen und einem verhaßten Vereinslotsen dessen Posten geben. Nach ganz kurzer Zeit gab es stellenlose Nichtvereinsmitglieder in ziemlicher Menge, so flott auch das Geschäft ging und so sehr man ihrer Dienste bedurfte. Das Lachen war jetzt sehr entschieden auf der anderen Seite. Diese Opfer, ebenso wie die Kapitäne und Schiffseigentümer hörten bald ganz auf zu lachen und drohten mit der schrecklichen Rache, die sie nehmen wollten, wenn der jetzige ›Rummel‹ vorüber wäre.

Bald waren die einzigen noch übrigen Lacher die Eigentümer und Mannschaften der Boote, die zwei Nichtvereinslotsen hatten. Aber ihr Triumph war nur von kurzer Dauer, und zwar aus folgendem Grund: Es war eine strenge Vorschrift des Vereins, daß die Mitglieder nie und unter keinen Umständen einem Nichtmitglied Nachrichten über das Fahrwasser zukommen lassen sollten. Mittlerweile waren auf der einen Hälfte der Boote nur Vereinsmitglieder, auf der andern Hälfte nur Nichtmitglieder als Lotsen beschäftigt. Auf den ersten Blick möchte es scheinen, daß in Bezug auf das Verbot der Mitteilungen über den Fluß beide Teile gleichermaßen davon betroffen waren; dem war aber nicht so. Bei jedem größeren Städtchen, von einem Ende des Stromes bis zum andern, befand sich ein ›Werftboot‹ zum Landen, statt eines Quais oder eines Hafendammes. Darin wurde die Fracht zum Transport aufgespeichert, und in den Kajüten schliefen die wartenden Passagiere. Auf jedem dieser Boote hatten die Beamten des Vereins ein festes eisernes Kästchen aufgestellt, das mit einem eigenartigen Schloß versperrt war, wie es nur in einem Dienste – im Postdienst der Vereinigten Staaten – verwendet wurde. Das Briefkastenschloß war eine geheiligte Regierungssache. Durch vieles Bitten hatte sich die Regierung dazu bereden lassen, dem Verein den Gebrauch dieses Schlosses zu gestatten. Jeder Vereinslotse führte einen Schlüssel zu diesem Schloß bei sich; dieser Schlüssel oder eigentlich eine besondere Art, ihn in der Hand zu halten, wenn sein Besitzer von einem Unbekannten um Auskunft über den Fluß gebeten wurde, – denn der Erfolg des Vereins von St. Louis und New-Orleans hatte bald gedeihende Zweigvereine auf benachbarten Dampferlinien hervorgerufen – war dem Vereinslotsen das Zeichen und die Garantie für die Mitgliedschaft; und wenn der Fremde nicht dadurch antwortete, daß er einen gleichen Schlüssel hervorzog und in einer gewissen, genau vorgeschriebenen Weise in der Hand hielt, wurde seine Frage einfach nicht beachtet. Vom Vereinssekretär erhielt jedes Mitglied ein Päckchen mehr oder weniger hübscher Formulare, auf nettes, gehörig rubriziertes Papier gedruckt, etwa so:

Dampfer »Grosse Republik«
John Smith, Kapitän.
Lotsen: John Jones und Thomas Brown
Kreuzungen. Lotungen. Marken. Bemerkungen.
       

Diese Formulare wurden während des Fortgangs der Reise Tag für Tag ausgefüllt und in die verschiedenen Werftbootkasten niedergelegt. Sobald z. B. die erste Kreuzung von St. Louis aus passiert war, wurden die Daten in die gehörigen Rubriken eingetragen, wie folgt:

»St. Louis. Neuneinhalb (Fuß). Heck aufs Gerichtshaus, Bug auf den abgestorbenen Baumwollbaum oberhalb des Holzhofs gerichtet, bis man ans erste Riff gelangt, dann geradeaus steuern.« Dann unter der Rubrik Bemerkungen: »Außerhalb des Wracks halten; das ist wichtig. Ein neuer Baumstamm, gerade wo man den Kurs abwärts richtet; daher oberhalb passieren.«

Der Lotse, welcher dieses ausgefüllte Formular im Werftbootkästchen zu Kairo niederlegte (nachdem er die Einzelheiten aller Kreuzungen von St. Louis bis Kairo hinzugefügt), fand dort ein halbes Dutzend frischer Berichte von stromaufwärtsfahrenden Dampfern über den Zustand des Stroms zwischen Kairo und Memphis, informierte sich vollständig, legte die Berichte wieder in das Kästchen und kehrte auf sein Boot zurück, gegen jede Gefahr so gewappnet, daß er sein Boot nicht zu Schaden bringen konnte, ohne die genialste Sorglosigkeit zu Hilfe zu nehmen.

Man stelle sich die Wohlthaten eines so bewunderungswürdigen Systems vor, auf einer zwölf- bis dreizehnhundert Meilen langen Strecke eines Flusses, dessen Fahrwasser sich täglich verändert! Der Lotse, welcher sich früher damit begnügen mußte, eine flache Stelle ein- oder möglicherweise zweimal monatlich zu sehen, verfügte jetzt über hundert scharfe Augen, die für ihn beobachteten, und ihn belehrten, wie die Stelle zu passieren war. Seine Information war selten vierundzwanzig Stunden alt. Wenn die Berichte im letzten Kästchen noch ein Bedenken bezüglich einer heimtückischen Kreuzung übrig ließen, so hatte er dagegen ein Mittel: er gab, sobald er ein Dampfboot nahen sah, ein gewisses Zeichen mit der Dampfpfeife; dieses Zeichen wurde in besonderer Weise beantwortet, wenn die Lotsen auf jenem Boot dem Verein angehörten; und dann legten die beiden Dampfer Bord an Bord, und alle Ungewißheiten wurden durch frische Information, die der Frager mündlich und ganz eingehend erhielt, vollständig behoben.

Wenn ein Lotse New-Orleans oder St. Louis erreichte, war es sein erstes, seinen endgültigen und ausführlichen Bericht nach dem Vereinslokal zu bringen und dort aufzuhängen – dann erst war er frei und konnte seine Familie aufsuchen. In dem Vereinslokal war stets eine Menge Lotsen versammelt, welche die Veränderungen im Fahrwasser diskutierten; sobald ein neuer Ankömmling erschien, hörten alle auf zu reden, bis dieser Zeuge die neuesten Nachrichten erzählt und die letzte Ungewißheit beseitigt hatte. Andere Gewerbsleute können manchmal die ›Bude schließen‹ und sich mit andern Dingen befassen; nicht so der Lotse: er muß sich ganz seinem Berufe widmen und darf von nichts anderm reden; denn es würde ihm wenig nützen, den einen Tag vollkommen und den nächsten unvollkommen zu sein. Er hat weder Zeit noch Worte zu verlieren, wenn er sich auf dem Laufenden erhalten will.

Die Nichtvereinsmitglieder hatten jetzt eine schwere Zeit: keinen Mittelpunkt, wo sie sich treffen und ihre Nachrichten austauschen konnten, keine Werftbootberichte, nichts als zufällige und ungenügende Mittel, um Nachrichten zu erlangen. Die Folge davon war, daß ein Lotse manchmal eine Strecke von fünfhundert Meilen zu fahren hatte auf Grund von Auskünften, die acht bis zehn Tage alt waren. Bei ziemlich hohem Wasserstand hätte das angehen können; als aber der niedrigste Wasserstand kam, wurde es verhängnisvoll.

Und jetzt kam ein anderes, vollkommen logisches Resultat. Die Nichtvereinslotsen begannen, ihre Dampfboote auf den Grund zu setzen und in alle möglichen Gefahren zu bringen, während sich die Unfälle von den Vereinslotsen gänzlich fern zu halten schienen. Und jetzt wurde selbst den Eigentümern und Kapitänen von Dampfbooten mit nur Nichtvereinslotsen, die bisher geglaubt hatten, ganz unabhängig vom Verein zu sein und darüber lachen und spotten zu können, recht unbehaglich zu Mute. Sie ließen sich das aber nicht merken, bis eines schönen Tages diese sämtlichen Kapitäne den förmlichen Befehl erhielten, ihre Nichtvereinslotsen auf der Stelle zu entlassen und dafür Vereinslotsen zu engagieren. Und wer war es, der die ungeheure Anmaßung besaß, das zu thun? Nun, es kam von einer Macht hinter dem Thron, die größer war als der Thron selbst – von den Versicherungsgesellschaften!

Es war keine Zeit zum ›Fackeln‹: jedes Nichtvereinsmitglied mußte sogleich seinen Koffer ans Land schaffen. Natürlich glaubte man, daß der Verein und die Versicherungsgesellschaften im Einverständnis wären; doch war das nicht der Fall. Die letzteren hatten die Vorzüglichkeit des ›Bericht‹-Systems des Vereins und die Sicherheit, die dasselbe gewährte, erkannt und deshalb unter sich und nach gewöhnlichen geschäftlichen Grundsätzen ihre Entscheidung getroffen.

Nun herrschte Klagen und Jammern und Zähneknirschen im Lager der Nichtvereinsmitglieder; aber gleichviel: es gab nur einen Ausweg für sie, und den schlugen sie ein. Sie kamen gruppen- und paarweise, boten ihre zwölf Dollars an und baten um Aufnahme in den Verein. Sie waren überrascht, als sie erfuhren, daß längst verschiedene neue Bestimmungen eingeführt worden waren; daß beispielsweise das Eintrittsgeld auf fünfzig Dollars erhöht worden war und diese Summe erlegt werden mußte samt zehn Prozent der Gage, welche der Gesuchsteller seit der Gründung des Vereins erhalten hatte. In manchen Fällen belief sich das auf drei- bis vierhundert Dollars; der Verein aber lehnte jedes Gesuch ab, bis das Geld da war; und ferner wurde das Gesuch abgewiesen, wenn eine einzige Stimme dagegen war. Jedes Mitglied mußte in Person und vor Zeugen mit ja oder nein abstimmen; und es dauerte daher wochenlang, bis über ein Aufnahmegesuch entschieden war, weil viele Lotsen so lange auf Reisen abwesend waren. Die reuigen Sünder scharrten indessen ihre Ersparnisse zusammen und wurden allmählich einer nach dem andern in den Verein aufgenommen. Schließlich kam eine Zeit, wo nur noch etwa zehn Lotsen dem Verein nicht angehörten; diese sagten, sie wollten lieber verhungern, als um Aufnahme nachsuchen. Sie blieben lange Zeit müßig, weil natürlich niemand wagen konnte, sie zu beschäftigen.

Nach einiger Zeit machte der Verein bekannt, daß von einem gewissen Tage an die Gage auf fünfhundert Dollars monatlich erhöht werden würde. Alle Zweigvereine waren mittlerweile stark geworden und derjenige am Red River hatte die Heuern auf siebenhundert Dollars monatlich erhöht. Widerstrebend gaben endlich die letzten zehn Nichtvereinsmitglieder im Hinblick auf diese günstigen Aussichten nach und reichten ihre Aufnahmegesuche ein. Jedoch war mittlerweile eine neue Bestimmung hinzugekommen, die verlangte, daß sie nicht nur von der seit der Gründung des Vereins empfangenen ganzen Gage zehn Prozent ›Abgaben‹ zahlen sollten, sondern auch von allem, was sie empfangen haben würden, wenn sie bis zur Zeit der Einreichung ihres Aufnahmegesuchs in Thätigkeit gewesen wären, anstatt müßig zu schmollen. Es erwies sich als schwierig, sie aufzunehmen; man brachte es aber endlich doch fertig. Der ärgste von diesen Sündern hatte die ›Abgaben‹ so lange anschwellen lassen, bis er schließlich sechshundertfünfundzwanzig Dollars mit seinem Aufnahmegesuch einzusenden hatte.

Der Verein hatte jetzt ein gutes Bankkonto und war in der Fülle seiner Macht: es gab keinen Nichtvereinslotsen mehr. Dann wurde eine weitere Bestimmung getroffen, welche die Aufnahme von Lehrlingen auf fünf Jahre verbot; nach Verlauf dieser Zeit sollte eine begrenzte Anzahl angenommen werden, nicht von einzelnen Lotsen, sondern vom Verein, unter folgenden Bedingungen: Der Aufzunehmende mußte mindestens achtzehn Jahre alt und von achtbarer Familie und gutem Charakter sein; er mußte eine Prüfung bezüglich seiner Bildung bestehen, im voraus tausend Dollars für das Privileg, Lehrling zu werden, bezahlen und unter den Befehlen des Vereins bleiben, bis ein großer Teil der Mitglieder (mehr als die Hälfte, glaube ich) gewillt war, sein Gesuch um eine Lotsenlicenz zu unterschreiben.

Alle vorher angenommenen Lehrlinge wurden jetzt ihren Lehrmeistern weggenommen und vom Verein adoptiert. Der Präsident und Sekretär wiesen sie nach Gutdünken dem einen oder andern Boot zum Dienst zu und versetzten sie nach gewissen Regeln von Boot zu Boot. Wenn ein Lotse nachweisen konnte, daß er kränklich war und Hilfe brauchte, wurde ihm einer der Lehrlinge übergeben.

Die Liste der Witwen und Waisen wuchs, ebenso nahmen aber auch die finanziellen Hilfsquellen zu. Der Verein sorgte für eine feierliche Bestattung seiner Mitglieder und bezahlte die Kosten derselben. Wenn erforderlich, sandte er Mitglieder zum Aufsuchen der Leichname von Kollegen ab, die bei Dampferunfällen verunglückt waren; eine Nachforschung dieser Art kostete manchmal tausend Dollars.

Der Verein erwirkte sich auch die Befugnis, das Versicherungsgeschäft zu betreiben. Er versicherte nicht nur das Leben seiner Mitglieder, sondern übernahm auch Risikos auf Dampfboote.

Die Organisation schien unzerstörbar; sie war das stärkste Monopol in der Welt. Nach dem Gesetz der Vereinigten Staaten konnte keiner Lotse werden, wenn nicht zwei die Licenz besitzende Lotsen sein Gesuch unterzeichneten; und da außerhalb des Vereins niemand zum Unterzeichnen kompetent war, so war das ›Lotsenmachen‹ jetzt zu Ende. Jedes Jahr starben einige Lotsen, während andere durch Alter und Kränklichkeit dienstunfähig wurden, doch war niemand vorhanden, der ihre Plätze einnahm. So konnte der Verein nach einer gewissen Zeit die Gagen ganz nach Belieben erhöhen; und so lange er klug genug war, die Sache nicht zu weit zu treiben und die Staatsregierung zu einer Abänderung des Licenzsystems zu veranlassen, hatten die Schiffseigentümer sich zu unterwerfen, da es keinen anderen Ausweg gab.

Die Eigentümer und Kapitäne waren das einzige Hindernis, das zwischen dem Verein und absoluter Gewalt lag, und schließlich wurde auch dieses beseitigt. So unglaublich es scheinen mag, die Eigentümer und Kapitäne thaten es selbst. Als der Lotsenverein einige Monate vorher ankündigte, daß am 1. September 1861 die Löhne auf fünfhundert Dollars erhöht werden sollten, erhöhten die Schiffseigentümer und Kapitäne sofort die Frachten um einige Cents und erklärten den Farmern dem Fluß entlang die Notwendigkeit dieser Maßregel, indem sie deren Aufmerksamkeit auf die drückende Lohnrate lenkten, welche eingeführt werden sollte. Es war das eine ziemlich schwache Begründung, aber die Farmer schienen es nicht zu merken: ihnen schien es nur billig und durch die Umstände gerechtfertigt, daß der Frachtsatz für den Scheffel Getreide um fünf Cents erhöht werde, wobei sie jedoch die Thatsache übersahen, daß diese Erhöhung bei einer Ladung von vierzigtausend Säcken bedeutend mehr als notwendig war, um die Lohnerhöhung zu decken.

Sofort bildeten nun die Kapitäne und Eigentümer einen eigenen Verein und schlugen vor, die Bezüge der Kapitäne ebenfalls auf fünfhundert Dollars zu erhöhen und eine weitere Erhöhung der Frachtsätze anzuregen. Man kalkulierte, daß, wenn man einmal erfolgreich gewesen, man es auch ein zweitesmal sein konnte. Der neue Verein dekretierte (es war das nämlich, ehe alle Lotsen dem Verein angehörten), daß ein Kapitän, der einen nicht dem Verein angehörigen Lotsen beschäftigte, denselben entlassen müsse und außerdem eine Geldbuße von fünfhundert Dollars bezahlen solle. Mehrfach mußte diese schwere Geldstrafe auch bezahlt werden, ehe der Verein der Kapitäne stark genug geworden war, um volle Autorität über seine Mitglieder auszuüben; aber das alles hörte bald darnach auf. Die Kapitäne suchten nun die Lotsen zu der Bestimmung zu bewegen, daß kein Mitglied ihres Vereins unter einem Kapitän dienen dürfe, der nicht ihrem Verein angehöre; allein dieser Antrag wurde abgelehnt. Die Lotsen sahen ein, daß die Kapitäne und Versicherungsgesellschaften sie ohnehin unterstützen würden, und ließen sich deshalb klugerweise auf beengende Bündnisse nicht ein.

Wie schon bemerkt, war der Lotsenverein jetzt vielleicht das kompakteste Monopol der Welt und schien ganz unzerstörbar. Und doch waren die Tage seines Glanzes gezählt. Zuerst begann die neue Eisenbahn, die durch Mississippi, Tennessee und Kentucky nach den Bahnzentren des Nordens führte, die Passagiere von den Dampfern abzulenken; dann kam der Krieg und vernichtete die Dampfbootindustrie für einige Jahre fast gänzlich, so daß die meisten Lotsen erwerbslos waren, während die Lebensmittel immer teurer wurden. Dann leerte der Schatzmeister des Vereins zu St. Louis die volle Kasse bis auf den letzten Dollar und wurde damit flüchtig, und als schließlich die Eisenbahnen überall eindrangen, gab es nach Beendigung des Krieges für die Dampfer fast nichts mehr zu thun, als Güter zu befördern. Und nun führte noch ein Genie von der atlantischen Küste den Plan ein, mit einem gewöhnlichen kleinen Schleppdampfer ein Dutzend Dampferladungen nach New-Orleans hinabzubugsieren; und siehe da, gleichsam im Handumdrehen waren der Verein und die edle Wissenschaft des Lotsens Dinge der Vergangenheit!

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.