Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Heinrich Lhotzky >

Lebe kämpfe siege!

Heinrich Lhotzky: Lebe kämpfe siege! - Kapitel 6
Quellenangabe
typetractate
authorHeinrich Lhotzky
titleLebe kämpfe siege!
publisherRainer Wunderlich Verlag
yearo.j.
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201401
projectid95880d59
Schließen

Navigation:

Wenn man krank ist

Krank bin ich auch gewesen, schwer krank mit unendlichen Schmerzen. Wenn man keine Pläne machen kann, weil man nicht weiß, ob's die Krankheit erlaubt, wenn am notwendigsten Punkte die Arbeit abgebrochen werden muß, und wenn schwere, düstere Sorgen wie schwarze Trauerfahnen und wüste Nebelgebilde um einen herumhängen und Ausblick und Umblick vereiteln, dann ist's schwer, ach so schwer! Schwer zum Aufstehen, schwer zum Niederlegen, schwer zum Leben. Als ob alles, was man zu tragen und zu heben hat, auf einmal mit Blei ausgegossen wäre! Als ob alle Menschen, mit denen man zu tun hat, die Hausgenossen am meisten, auf einmal unbegreiflich übellaunisch geworden wären, und alle Dinge und Verhältnisse quer stünden, von einer heimlichen, widerwärtigen Bosheit verwirrt!

Am allerschwersten ist man sich selbst mit seinen Grillen und Launen, seiner Schwarzseherei und seinen Sorgen.

Alles in der Welt will gelernt sein. Auch das Kranksein. Das gehört sogar zum Schwersten. Man muß sich als Kranker erst richtig benehmen lernen. Es gibt Bücher, die genaue Anweisung geben, wie man als Mensch mit Menschen umzugehen habe. Sehr verdienstliche Bücher. Sie sollten auch viel gekauft werden. Ich wünschte, sie würden noch mehr gelesen. Aber man sollte auch einmal eine Anweisung für Kranke schreiben, wie sie sich benehmen sollen.

Sie würde sich um das Hauptgebot zu gruppieren haben: Du sollst das Elend, das in dir ist, nicht außer dir suchen. Und das andere ist ebenso wichtig: Du sollst deine eigene Not nicht andere fühlen lassen. Ich dachte früher, ich müßte immer gesund sein. Wer vernünftig lebt und fleißig ist und von Haus aus gesund, müßte eigentlich nur an Altersschwäche schmerzlos sterben dürfen. Aber das Leben ist anders. Es kam herangekrochen, ganz heimlich, und nagte, bohrte, hämmerte, es setzte sich mit zu Tisch und verekelte die Speise, es glotzte auf die Arbeit und machte sie zur Qual, es wob graue, gräßliche Schleier, durch die die Welt und die Menschen häßlich aussahen.

Dann wachte der Pharisäer auf, der in jedem Menschen schlummert, und fragte entrüstet erst, dann mit steigender Ungeduld: Warum ich? – Wie viel, viel lieber würde man dasselbe Leid auf anderen liegen sehen und sie dann innig bemitleiden, ihre Unarten mit christlicher Geduld und Demut tragen und vielleicht auch einen Verein gründen zur Unterstützung und Verpflegung aller so Leidenden. Nur sollten das Leiden selbst lieber andere tragen. Wir wüßten sogar Namen zu nennen.

Aber selbst leiden ist Pein, ist zum Verzweifeln. Statt herzig lieb zu helfen und zu bemitleiden, muß man selbst der Unliebenswürdige, Geduldete, Bejammernswerte sein. Wir könnten so reizende, prächtige Tugendspiegel sein und fühlen nun, wie andere, ganz minderwertige Leute, über uns seufzen und mit uns Geduld haben müssen. Wenn wir doch diese anderen wären und unsere Liebesfluten und Mitleidsströme ausgießen könnten auf unsere Umgebung! Welchen himmlischen Schmelz würden wir um uns weben, aber nun sitzen wir im schwarzen, düsteren Schatten.

Dieser Pharisäer muß sterben. Ehe er nicht ganz tot ist, soll uns die Krankheit lieb und wert sein. Das muß man lernen. Man muß lernen, sich zu schonen, ohne sich zu verzärteln; muß verstehen, daß Kranksein eine neue Form des Seins ist, in der einem alles anders vorkommt. Mißtraue deinen Kräften, aber verachte sie auch nicht. Mißtraue deinen Gedanken, sie sind krank, aber brauche sie um so fleißiger und erwäge alles um so gründlicher.

Glaube übrigens ja nicht, daß du durch deine Krankheit schlechter geworden bist, wenn du vielleicht unliebenswürdiger bist. Du könntest nicht unliebenswürdig sein, wenn es nicht vorher in dir gelegen hätte. Nun kommt's heraus, und je mehr Tugendschimmer von dir abfällt, um so besser, um so wahrer wird alles um dich und in dir. Wahrer, also göttlicher.

Die üblichen Tugenden habe ich überhaupt im Verdachte, glänzende Schundware zu sein, Auslage für's Schaufenster, die allenfalls bis zum Verkaufe hält, aber bei dem ersten Gebrauch versagt. Laster sind wenigstens ehrliche, sichere Ketten, schwere Ketten, aber an ihnen erprobt sich Menschenkraft. Wenn sie reißen, ist's ein großer Sieg.

Es sollten nur einmal die Tugendhaften krank werden und alle Kranken gesund. Wie verschieden möchte da das Menschheitsbild ausfallen. Wir sind etwas anderes als unsere Krankheiten, anderes als unsere Laster, wir sind Geister. Nur unser Geisteswert gilt, die Augenscheinwerte sind alle zerfließlich, täuschende Nebel. Niemand kann den Wert der Menschen, niemand seinen eigenen wirklich richtig einschätzen.

Und dann. Wir Kranken unter uns! Welche neue Welt des Seins öffnet sich da! Wir sind unser viele, aber wir kennen einander wirklich. Die aus der anderen, harten Welt kennen uns nicht, und die Gesundheitspharisäer wissen nicht, wer wir sind, und wie wir sind. Wir lesen einander ab, wo uns der Schuh drückt; weich und lind vermögen wir einer über des anderen Leid zu streichen. Wir können einander wohltun mit den nachsichtigen Augen und den teilnehmenden Ohren. Wir brauchen uns voreinander nicht zu verstecken und zu scheuen. Wir haben alle einen heimlichen Weg zueinander. Wer uns nicht kennt, der kennt die Welt nicht, denn wir sind die Mehrheit.

Wir sind die Nachdenklichen und Tiefgründigen, wir sehen auf das Wesen mehr als auf den Schein. Wir sehen im Starken das Schwache und im Schwachen das Siegreiche. Neue Augen bekommen wir füreinander und für die Welt, uns tröstet nur die Wahrheit, nicht der Schimmer. Wir wissen noch ein Sein, wenn alles zusammenbricht, denn wir sind ja selbst die Zusammengebrochenen, und siehe, wir leben! Wir leben auf Abbruch und im Zusammenbruch, aber es hat uns nicht übermocht. Wir haben getragen, was kein Gesunder zu denken vermag. Für uns ist das Elend ein Bekannter, der uns nicht mehr aufregt. Sind wir nicht die eigentlich Stärkeren?

Ich habe schon lange vor, einen Geheimbund der Ausgestoßenen zu gründen. Da würden nur Menschen drin aufgenommen, die sich irgendwie bei ihren ehrbaren Mitmenschen unmöglich gemacht haben und irgendwo einen dunkeln Punkt ihrer Vergangenheit aufweisen müßten als Erkennungsmarke ihrer Zugehörigkeit und nun gerade erst recht nicht an ihrer Menschenwürde zu zweifeln gewillt sind. Dieser Wille und der Makel würden für die Aufnahme bestimmend sein. Es wäre aber ein Geheimbund. Niemand dürfte wissen, wer zugehörig ist, aber jeder müßte jeden, der die Bedingungen erfüllt, aufzunehmen bereit sein.

In solchem Bunde stehen wir Kranken. Nur ist er nicht geheim, sondern offenbar. Heimlich sind nur die Fäden des Mitfühlens und Verständnisses, die zwischen uns hin und her laufen. Diese stille Gemeinschaft ist unsere Erquickung, unser Glück im Unglück.

Ja gewiß, liebe Leidensgenossen, es gibt kein Unglück ohne ein kleines Glück dabei. Glaubt ja nicht, daß bei uns weniger Glück wohne als bei den Strammen, den Kerngesunden, den Kraftprotzen und Klotzigen. Auch bei uns ist Gutes und Glück, und wo es bei uns ist, da steht es fester als bei den anderen.

Damit herzlichen Gruß zuvor.

Sollen wir Heilung suchen?

Welche Frage! denkt mancher. Aber es ist wirklich eine Frage. Sie macht manchem zu schaffen. Mit Recht.

Es ist natürlich ein Unterschied zwischen den Krankheiten. Die Aerzte unterscheiden Dauerkrankheiten und Schnellkrankheiten. Man könnte auch sagen Siechtümer und Anfälle. Letztere kommen schnell und gehen schnell und verlaufen in der Regel unter starken Hitzeerscheinungen. Dauerkrankheiten schleichen kalt und leidenschaftslos. Sie sind tückisch und unerbittlich, heimliche Hinterhaltige.

Wer irgendeinen Anfall bekommt, hat kein langes Besinnen. Er wird wahrscheinlich die Mittel ergreifen, die in seinem Heilbekenntnis die üblichen sind. Wenn er selbst nicht viel davon versteht, wird er wahrscheinlich zum Allopathen, oder Homöopathen, oder Hydropathen, oder Psychopathen laufen. Er hat keine Zeit, krank zu sein, denn er ist ein Gesunder und greift nach dem Nächstbesten.

Würde er sich besinnen, ob er gehen soll oder nicht, so würde er vermutlich in vielen Fällen gesund werden auch ohne solche Patenschaft. Anfälle sind eigentlich keine Krankheiten, sondern Heilversuche der Natur, die hitzig und zornig verlaufen mit der Hast, die den Gesunden eignet.

Ebenso wird sich schwerlich jemand besinnen, schleunigst Hilfe zu suchen in Fällen plötzlicher Verwundung, Vergiftung oder Ertrinkungsgefahr bei sich oder seinen Angehörigen.

Solche Kranke sind eigentlich Gesunde, die in vorübergehenden Unpäßlichkeiten befangen sind. Man dürfte ihnen aber doch sagen: Je weniger ihr vor diesem Leid erschreckt, je weniger ihr daraus macht, um so leichter wird's vergehen. Wenn ihr ihm eine entscheidende Rolle in eurem Gedankenleben einräumt und Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen sucht, desto mehr Macht wird die Not gewinnen und um so tiefer einwurzeln und schwerer weichen.

Sollen wir überhaupt Heilung suchen? Die Frage wäre wenigstens in leichten Fällen wohl der Beachtung wert. Je einfacher du fertig wirst, um so leichter für dich und dein ganzes Sein. Tu, was du magst und verstehst, aber halt ein vorher, und besinn dich über deine Not und über dich!

Aber die eigentlich Kranken sind die Leidenden, die sich Jahre hindurch schleppen müssen, die oft hoffnungslos dahinsiechen. Wenn man weiß, daß man niemals gesund werden kann, oder nur zweifelt, ob man je gesund werden kann, dann tritt man ein in die große Welt der Leidenden und Siechen.

Man wird hineingeboren und findet sich zunächst so wenig darin zurecht wie ein Neugeborener unter den Menschen. Er muß alles lernen, und bis er sich als Mensch benehmen lernt, vergehen ihm Jahre. Zuerst kann er nur schreien und strampeln. Später kommt die kennzeichnende Angewöhnung.

Ebenso geht's den Leidenden. Wir bedürfen langer Zeit, ehe wir uns gewöhnen, daß wir in einer neuen Welt stehen. In keiner schöneren. Wir sind nicht Wiedergeborene, sondern Mißgeborene und erfüllt mit Unglücksgedanken. Glücklicherweise gibt's kein schrankenloses Unglück. Jedes irdische Glück ist mit Unglücksfäden verwoben, und umgekehrt sind in jedes Unglück lachende, goldige Glücksfäden eingesponnen. Auch bei jedem von uns. Wir haben auch, was die Gesunden nicht haben: Zeit. Sehr viel Zeit. Also auch Zeit zum Ueberlegen: Sollen wir Hilfe suchen?

Wir machen eine neue Entdeckung. Es geht gerade wie bei einer Geburt. Damals dachten wir auch nicht, sondern wurden bedacht. Die Eltern und der erweiterte Familienrat von Vettern und Basen umstanden uns. Dazu kamen noch eine Menge unerbetener Ratschlägerinnen.

Geradeso werden wir jetzt in unserem Leiden mit Ratschlägen heimgesucht. Sie alle sind schon mit der Frage fertig: Sollen wir überhaupt Heilung suchen?

Nun, sie wissen vielleicht Rat, aber eines wissen sie nicht. Sie wissen nicht, wie's uns zu Mute ist. Sie ahnen nicht, wie schwer wir uns in diese neuen Verhältnisse hineinzufinden vermögen, in dieses Schwanken zwischen Kranksein und Gesundsein. Wir sind so einsam in all der erwünschten und unerwünschten Teilnahme. So furchtbar einsam. Etwas von der Einsamkeit des Todes umweht uns.

Wir bekommen neue Augen und Gedanken. Wir spüren die große Lebenseinsamkeit, die den Gesunden fast immer entgeht. Wir merken, daß ein Geist wie ein Stern ist, der von den anderen durch unendliche Zwischenräume getrennt ist.

Und getrennt bleiben muß. Berührungen wirken schädlich und zerstörend. Sollen wir da Heilung suchen, wo man uns so wenig versteht, wo man an unserem Leiden herumtastet und uns wehe tut und unser eigentliches, verborgenes Weh gar nicht erkennt! Wir stehen weinend an unserem eigenen Grabe, und niemand begreift, wieviel wir verloren. Wie können sie trösten, wenn der Schmerz so riesengroß ist wie unserer! Ihre Worte wirken beleidigend, und alle ihre Umschläge und Pflaster sind Heilausflüchte. Sie treffen den richtigen Punkt nicht.

Sollen wir Heilung suchen? Ich sage nein! Wenigstens zunächst nicht. Ein Heilversuch sollte nicht überhastet werden, denn vor Enttäuschungen müssen wir tunlichst bewahrt bleiben, weil sonst das Leiden gleich tiefer frißt als nötig. Ein Siechtum ist wie ein Mensch, es hat seinen Leib und hat seinen Geist. Aber es benutzt unseren Leib und unseren Geist, sich auszuwirken. Wir haben also alle Ursache, uns so frei als möglich zu halten. Ist's erst in unsere Gedankenkreise eingewurzelt, werden wir uns seiner sehr schwer erwehren können. Also ehe wir an die Quacksalbereien herangehen und uns behandeln lassen, sollte erst im Geiste etwas geschehen.

Suche Heilung! Gut. Aber suche sie zunächst nicht außer dir, sondern in dir.

Es wird schwer sein, das deutlich zu machen. Aber ich will's mit einem Beispiele versuchen. Als ich jung war, litt ich schwer unter Examensnöten. Sie kamen wie schwere Aengste oft viele Monate vor den Prüfungen. Ich hatte innerlich alle Schrecken und Möglichkeiten des Durchfallens zu bestehen und mich mit allem auseinanderzusetzen, was solch eine Prüfung an Unannehmlichkeiten nach sich zieht oder nach sich ziehen kann. Dann kam aber ein Augenblick, in dem die wilde Furcht nachließ. Dann war's innerlich gewonnen. Die Wirklichkeit des Examens war gewöhnlich eine so harmlose, daß ich mit vielbeneideter Seelenruhe hindurchging. Einmal als älterer Student klagte ich einem befreundeten Universitätslehrer meinen Kummer. Er lachte: Sei ruhig. Die Durchfaller bekommen erst im Examen Angst. Du kannst nicht durchfallen, weil deine Angst beinahe ein Jahr vorher auftritt.

Ebenso ist's mir stets mit den Prüfungen des Lebens gegangen. Sie lassen sich ja nicht so berechnen wie Examina, sondern kommen meist unerwartet. Aber ich wußte immer an unsagbaren Angstzuständen, wenn etwas Schweres kommen sollte; ja ich lernte allmählich an der Tiefe und Dauer der inneren Not die Größe des sogenannten Unglücks ungefähr berechnen. Aber mit dem Seelenleiden war's dann gewöhnlich erschöpft, und seine Wirklichkeit war verhältnismäßig leicht. Ich wußte nie, was und wie es kommen würde, aber ich hatte mich mit dem Unbekannten immer schon innerlich auseinandergesetzt und wurde mit seinen Aeußerlichkeiten leichter fertig als mit seiner Seelenqual. Es ist, als wäre ein geheimnisvoller Warner da, der, wenn wir ihn beachten, uns untrüglich durch alle feindlichen Machenschaften und Schwierigkeiten des Lebens hindurchführt, daß sie uns nicht vernichten können, sondern überraschend leicht an uns herunterfallen.

So ähnlich sollte man sich im Zustande der Krankheit zu stellen suchen. Setze dich innerlich auseinander mit allen Folgen und Zuständen des Siechtums und versuche ihm innerlich ein Herr zu werden. Machen wir uns vor allem klar, daß unser Leiden nichts mit unserem Ich zu schaffen hat. Es bleibt nur auf unserer Oberfläche. Dann müssen wir aber auch immer unser Haupt darüber erheben und uns als Herren wissen, selbst dann, wenn wir's nicht ohne weiteres, in Jahren vielleicht nicht, aus unseren Grenzgebieten verjagen können.

Wir sind die Majestäten, nicht unsere Leiden, und bleiben's. Wir sind die im tiefsten Grunde Gesunden und Starken und räumen den Gebrechen keine Macht über uns ein. Wir bleiben die Sieger im Kampfe, nicht die Todesmächte.

So meine ich die innerliche Auseinandersetzung. Sie hat viel Demütigendes. Wenn wir nach innen schauen und den Leidenszusammenhängen nachgehen, fällt uns viel Schuld und viel Leichtsinn auf die Seele und will uns zerdrücken und unter das Leiden bannen. Aber gerade aus diesem muß man sich erheben: Dennoch gehöre ich nicht unter die Not, sondern drüber, dennoch bin ich Herr und nicht das Leid.

Diese innere Auseinandersetzung versäumen viele unserer Leidensgenossen und werden dadurch zu Krankheitsknechten und auch seelisch unterdrückt. Aber glaubet's mir. Ihr seid nie ganz verloren. Ihr könnt euch noch jetzt erheben und Widerstand leisten und könnt jetzt noch innerlich eurer Not Herr werden. Es kostet einen Kampf bis aufs Blut. Ich verspreche euch davon keine äußere Genesung, aber wenigstens ganz gewiß eine innere Herrschaft über das Leid.

Es schadet auch nichts, wenn's einem manchmal zuviel wird, und man den Mut verliert und jammert und weint. Tut nichts. Jammere ein wenig, wenn deine Kraft erlahmt, aber nur ja nicht zu lange. Falle hin, aber stehe sobald als möglich wieder auf. Weine nur, aber vergiß ja das Lachen nicht. Du bist gewiß als Ich völlig gesund, völlig Herr auch über dein Leiden. Halte dir das stets gegenwärtig. Du kannst oft davon allein genesen, daß du an deine Gesundheit glaubst. Sie liegt in dir. Such sie zuerst in dir.

Man braucht nicht zu glauben, daß man durch solche Selbstbehandlung Zeit versäumt. Ach nein, wir versäumen nichts. Wir haben ja Zeit, ach soviel Zeit! Wir wollen uns erst auf uns selbst besinnen und dann auf das, was man etwa an unseren Knochen tun kann. Das kommt immer zurecht. Wer nur den Knochenweg geht, der kann nie wahrhaft genesen; wer den Geistesweg geht, der kann kein Leidensknecht bleiben.

Wo sollen wir Heilung suchen?

Wer die erste Frage gelöst hat, für den ist die zweite nicht mehr so wichtig. Manche Menschen werden damit allein auskommen, daß sie in sich selbst die Quelle der Gesundheit suchen, nicht in ihrem Blute, aber in ihrem Geiste, und werden auch äußerlich Fortschritte erringen, wenn sie sich innerlich gegen die Krankheit als eine Fremdherrschaft auflehnen.

Wem das nicht gelingt, der hat wenigstens soviel Geduld gelernt, daß er mit Fassung und Ruhe sein neues Schicksal trägt und auch in ihm die Sonnenblicke zu erkennen vermag.

Es ist wirklich bei der Krankheitsbehandlung die Hauptsache, daß wir uns selbst finden und fassen und furchtlos mit der ganzen Würde und Hoheit des Menschen unsere Lage überdenken.

Ein weiterer Gewinn ist ohne weiteres einleuchtend. Wir können nur auf diesem Wege die Last für unsere Umgebung mindern, und ich meine, das sei eine Hauptpflicht, die wir haben, unsere Umgebung so wenig als möglich mit leiden zu lassen unter unserer Last. Wenn wir sie auf andere abzuwälzen versuchen, so wird sie uns nicht leichter. Nein, wir sollten denken: Jetzt will ich einmal möglichst allein zu tragen suchen, was mich allein angeht. Wer weiß, ob ihr das aushalten könntet, was ich trage! Also will ich euch möglichst wenig mit hineinziehen. Tapfer, liebe Leidensgenossen, wollen wir sein. Wir sind die Soldaten, die die Uniform des Leides tragen. Wir berufsmäßigen Kämpfer wollen auch Sieger werden. Für die anderen, womöglich ohne die anderen – so denkt jeder tapfere Krieger.

Wenn diese inneren Fragen entschieden sind, oder wenigstens unsere Haltung klar ist, dann wollen wir die äußeren Heilversuche besehen. Ausschalten würde ich alle Tinkturen und Mixturen, die in den Zeitungen mit den bekannten Hunderten von Dankschreiben angezeigt sind, und deren Zusammensetzungen man nicht kennt. Viele mögen ja ganz harmlos und wertlos sein, die nur Geld kosten, aber es ist jedenfalls nicht unbedenklich, einen solchen Sprung ins Dunkle zu wagen.

Ich würde überhaupt, ehe ich mich an fremde Hilfe wende, immer zuerst versuchen, was ich selbst weiß. Ich bin doch der berufene Kämpfer, mich geht's auch zunächst an.

Aber wo ich selbst nicht weiter weiß und im Innern klar und fest geworden bin, bin ich gern berufener Aufklärung zugänglich. Wohin sich jeder wendet, das muß seinem Geschmack und Ermessen überlassen bleiben. Jedenfalls sollte man nie einem denkenden Kranken eine Behandlung zumuten, mit der er selbst nicht einverstanden ist. Keine Behandlung wird echten Erfolg haben, in der sich nicht zwischen dem Heiler und Kranken innere Fäden des Vertrauens und Verständnisses anknüpfen. Man muß nie auf den Stoff nur hinarbeiten, sondern immer wissen, daß der Geist Herr und Quell alles stofflichen Seins ist.

Also laß deinen Arzt deinen Vertrauensmann sein. Wir haben heute sehr tüchtige Aerzte. Man muß ja nicht glauben, daß die ärztliche Wissenschaft einen Augenblick geruht hätte. Mit allen Mitteln der Neuzeit ausgestattet, war sie stets unverdrossen an der Arbeit. Es sieht Laien übel an, die gesamte Schulmedizin in Bausch und Bogen zu verurteilen.

Natürlich, das ist gewiß. Kein Universitätsstudium, kein Zeugnis und kein Titel gewährleistet die Befähigung eines Heilkünstlers. Alles das kann man auch in vollendeter Dummheit und Unfähigkeit ersitzen. Es ist wahr, aber einstweilen nicht zu ändern, daß sich die Pforten des Tempels der Wissenschaft vor der Unfähigkeit nicht schließen. Alle Lehrer leiden schwer darunter, und es ist um so verhängnisvoller, weil die Heraustretenden Macht über viele Menschen bekommen. Keine akademische Bildung schützt uns davor, daß wir unter Umständen unfähige Beamte, Lehrer, Pfarrer und Aerzte bekommen. Diese bringen dann leicht den Stand in Unehre. Aber neben solchen gibt's überall viel Tüchtige und es ist zu bedauern, daß infolge von mancherlei Mißerfolgen weite Kreise Mißtrauen haben gegen den Berufsarzt. Daher sollte der einzelne Kranke seine Stellung zum Arzte als solchem ernstlich erneuter Prüfung unterwerfen. Alles gelingt heute überhaupt niemandem, aber wer von uns seine Krankheit erst innerlich gefaßt hat, wird nicht gleich den Kopf verlieren, wenn ein ärztliches Verfahren bei ihm nicht einschlagen sollte, und nicht so töricht sein, nun gleich die ganze Medizinerei in Grund und Boden zu wünschen.

Freilich hat die akademische Ausbildung ihre Wurzel in der Wissenschaft, also im Lehrhaften. Diese Eigenart wird ihr stets etwas anhangen. Die Krankenwelt dagegen hat ausschließlich ihre Bedürfnisse aus der Wirklichkeit des Lebens hergeleitet. Ihr ist's herzlich gleichgültig, welche Lehre und Wissenschaft ihrer Heilung zugrunde liegt, wenn sie nur erfolgt.

Darum sind aus den Wirklichkeitsbedürfnissen heraus eine Menge Heilverfahren erwachsen, die oft große Erfolge haben, aber von der Wissenschaft verächtlich als Kurpfuscherei weggeschätzt werden. Das ist ebenso unberechtigt. Denn die Wissenschaft hat von den »Kurpfuschern« unendlich viel gelernt. Von der Homöopathie, die auch darunter rechnet, hat sie die Verringerung der Medizingaben, vom Naturheilverfahren den reichlichen Gebrauch von Wasser, Luft, Licht und reizloser Ernährung gelernt. Alles das ist dankenswert.

Geradeso nun, wie es dumme Menschen gibt, die studieren, so gibt es sehr gescheite, die aus irgendeinem Grunde nicht studieren. Es gibt aber zweifellos eine angeborene ärztliche Begabung. Ich habe Bauern gekannt, die ohne jede Bildung mit angeborener Sicherheit jede Knochenverletzung erkannten und behandelten. Wären sie zur Ausbildung gekommen, so wären sie Meister der Chirurgie geworden.

Einem Herrn, der im gewöhnlichen Erwerbsleben stand, wollte einmal ein Schädelkundiger nicht glauben, daß er kein Arzt sei. Er beschäftigte sich in der Tat gern mit Kranken und erreichte oft mit den einfachsten Mitteln die merkwürdigsten Heilungen, hatte auch hervorragend die Gabe, Krankheiten zu erkennen. Aber er war zufällig Baumeister. Wäre er Arzt geworden, hätte er gewiß mehr geleistet zum Nutzen der Menschheit, als Mietkasernen zu bauen.

Kneipp war mehr Mediziner als Pfarrer, obgleich er auch da Bedeutendes geleistet hat.

Alle solche Leute heißen gelegentlich in wissenschaftlichen Kreisen »Kurpfuscher«. Die Krankenwelt aber sieht in ihrer vielen ihre Freunde und Wohltäter und Helfer.

Zwei Richtungen, zwei Heilbekenntnisse, die sich gegenseitig bekämpfen. Allheilend ist keine von beiden, wie es auch kein Einzelner ist. Sie wissen nicht einmal was Krankheit ist und wo sie ihren eigentlichen Sitz hat. Im Gegenteil stehen beide Richtungen dem Heer der Krankheiten im ganzen ratlos gegenüber.

Wir, liebe Leidensgenossen, wollen uns jedenfalls in den Streit der feindlichen Eiferer nicht mischen. Wir tragen an unserem Leibe die Not der Menschheit. Sollen wir sie selbst vergrößern helfen? Aber wir wollen selbst entscheiden, ob wir uns im einzelnen Falle geeichten oder nicht geeichten Heilversuchen anvertrauen wollen. Wir Kranken müssen uns durchaus das Recht zu wahren suchen, nach unserer Form gesund werden zu dürfen.

Aber wisset, daß in den Reihen der wilden Heilerschar mancher schädliche Tropf mithantiert, und hütet euch! Glaubet nicht an Dankschreiben. Sie mögen alle echt sein, aber die Mißerfolge werden überall verschwiegen. Zu jedem Arzte und zu jedem freien Heiler kommen Menschen, die schon »alles versucht« hatten und erst hier gesund wurden. Daraus folgt noch lange nicht, daß wir unseren Krug an diesen Heilbrunnen stellen sollen. Uns hilft's vielleicht gerade nicht.

Und haltet euch die unberufenen und zudringlichen Ratgeber ferne. Nur der kann uns raten, der den ganzen Umfang unserer Not kennt. Man kann nicht leichthin einen Menschen einweihen. Aber die geschwätzigen, aufdringlichen Ratgeber sind lästig. Ich möchte nie einem raten, der nicht ernstlich um meinen Rat wirbt, und der nicht gewillt und fähig ist, wenn irgend möglich, zu folgen. Und die Ratgeber ermutigen immer zu neuen und anderen Versuchen.

Ueberhaupt Versuche! Diese Ratlosigkeit und Heillosigkeit. Schon deshalb müssen wir versuchen, zuerst innerlich mit unserem Leiden fertig zu werden. Aber auch mit jedem Versuche. Jeder mißglückte Heilversuch ist nicht nur nutzlos, sondern schädigt uns, weil er unseren Lebensglauben herabmindert.

Wir müssen uns innerlich auch über jedes neu angewandte Verfahren stellen, immer an die Gesundheit und das Leben selbst glauben, aber unsere Zuversicht nicht auf dies und das setzen. Wenn dann etwas mißratet, werden wir sagen: So kommt unser Heil eben durch eine andere Pforte. Da ist's und kommen wird's. Wir wissen nur nicht, auf welchem Wege es kommt.

Glaubet nie an die Krankheit, meine Freunde, auch wenn man euch für unheilbar erklärt und euch das Todesurteil spricht, sondern glaubet nur an das Leben. Es gehört euch, und eure Gesundheit schlummert irgendwo. Sie wird nicht ewig schlafen, sondern einmal erwachen, um so fröhlicher, je länger sie schlummerte.

Aber der Weg, auf dem eure Gesundheit kommen könnte, ist noch nicht das Heil selbst. Darum laßt euch auf keinen Weg festlegen. Bist du von Ueberzeugung Hydropath, so versucht trotzdem mit dem Allopathen, sobald dir ein vertrauenswürdiger Mensch begegnet. Aber dann sei auch treu und pünktlich und versuche nie mehreres zugleich. Man muß von allem, was man unternimmt, die Wirkung abwarten. Erst wenn man sich t, daß es uns nicht taugt, geht man weiter. Dann aber unbedingt und unaufgehalten.

Nach jedem Heilversuche bedarf man wieder Zeit der inneren Sammlung und des Gewißwerdens. Je mehr Versuche man macht, um so größer muß die Pause zwischen jedem sein. Sonst zerfasert der Lebensmut, und die Heilverlegenheit wird verhängnisvoll.

Man versäumt nichts, wenn man lange gar nichts tut. Kranke haben Zeit, ach, soviel Zeit! Das Leben hastet und die Gesunden mit ihm. Die Krankheit schleicht und die Kranken auch.

Das beste Heilmittel ist Schonung und Vorsicht, der einzige Helfer ist die Natur, also du selbst, nicht der sogenannte Heiler. Was Natur eigentlich heißt, darüber reden wir ein andermal. Man ist weise, wenn man im allgemeinen von Heilversuchen nicht allzuviel erwartet. Der Schwerpunkt unseres Seins muß immer tief in unserem Innern bleiben. Also auch nicht in Heilversuchen liegen.

Der Sitz der Krankheit

Hat sich jemand geschnitten oder verwundet, so fitzt natürlich die Krankheit im Gewebe und in der stofflichen Sinnlichkeit. Man kommt dem Uebel im allgemeinen mit mechanischen Eingriffen bei. Freilich merken wir an vielen Begleiterscheinungen, daß auch solche Anfälle von außen tiefer wirkende Folgen haben und oft genug unser ganzes Sein in Mitleidenschaft ziehen. Aber der Weg des Nebels ist ganz deutlich von außen nach innen gerichtet.

Dagegen ist bei ernsterem Siechtum, wie es die meisten von uns bedrückt, der Weg ein anderer. Jenes sind sozusagen unvorhergesehene Fälle, Anläufe, die gesunden werden; aber die Siechtümer sind langvorbereitete, weitausschauende, heimliche und klug berechnende Schleicher, die sich innerlich eingenistet haben, ehe man's recht gewahr wurde. Nun wollen sie nicht wanken und weichen. Wir alle haben den Eindruck, daß sie schon längst da waren, ehe sie zum lästigen Ausdruck kamen. Kleine Mahner, wenig beachtete Unbequemlichkeiten hatten uns schon lange darauf vorbereitet, und dann waren sie da mit irgendeinem Anfall, aber o weh, sie saßen bereits tiefer, als wir geahnt. Werden sie uns je verlassen? Unsere Hilflosigkeit und Angst gewährt ihnen immer mehr Rechte und macht sie dreister und dreister. Wer ist eigentlich stärker – sie oder wir?

All diese ernsten Langewohner müssen wie alles in der Welt irgendeine vernünftig nachweisbare Ursache haben. Man redet von erblicher Belastung. Gut. Wir verstehen, was damit gemeint ist. Aber erbliche Belastung wirkt sich nicht aus wie ein Naturgesetz mit unausweichlicher Sicherheit. Im Gegenteil zeigt sich oft, daß in einer Familie nur einige Glieder belastet sind, andere weniger oder nicht. Dieses unterschiedlich wirkende Wesen sieht nicht aus wie ein Gesetz des niederen Stoffes, wie das der Schwere oder dergleichen.

Man spricht ferner unvernünftige Lebensweise als Ursache an, falsches Essen usf. Auch das begreifen wir. Aber erstlich schadet dasselbe Leben und Essen vielen gar nicht, auch für später nicht. Man kann mit Alkohol, Tabak, Kaffee und Fleisch recht alt werden und ohne diese Genußmittel vor der Zeit verwelken. Aber gesetzt auch, daß das Unmaß dieser Dinge wirklich die Ursache vielen Siechtums sei: Warum leben die Leute nicht vernünftig? Warum begreifen sie so leicht, daß eine reiche Heirat vorteilhaft, und so schwer, daß ein vernünftiges Leben noch viel vorteilhafter ist? Weil das erste in der Regel Schwäche ist, die Unlust, zu erarbeiten, was man erheiraten kann, das zweite Stärke, die beständige Zucht und das Beherrschen seiner Begierden.

Da ist also nicht die falsche Lebensweise die letzte Ursache gewisser Leiden, sondern die Willensschwäche. Mit anderen Worten: Man kann nachweisen, daß manches Siechtum in einer falschen Gemütsverfassung seine Ursache hat. In diesem Falle erzeugte Willensschwäche Unmaß und dieses falsche Blutbildung und folglich Fehler in gewissen Gliedern, die dann als Siechtumssitz erscheinen. Der eigentliche Sitz ist die kranke Psyche.

Für den heutigen Menschen ist es nicht mehr verwunderlich, daß seelische Zustände sinnliche Veränderungen nach sich ziehen. Es kann gar nicht anders sein, als daß die grobe Stofflichkeit in ihrem Sein und ihrer Form der sichtbare Ausdruck unsichtbarer Gedanken und Strömungen ist. Die feinsten Gebiete des Stoffes, die wir Seele und Geist nennen, prägen sich in den niederen aus und werden dadurch für die Werkzeuge unseres Erkennens wahrnehmbar. Sie sind die Wurzeln der Sichtbarkeit. Ist dort alles im Einklang, so wird der betreffende Mensch in voller Kraft und unzerstörbarer Gesundheit einhergehen, während Mißklänge unseres unsichtbaren Seins auch in unserer Sichtbarkeit als Fehler zum Ausdruck kommen werden.

Es liegen also viele Ursachen des Siechtums jenseit der wahrnehmbaren Sinnenwelt. Natürlich nicht alle. Aber wie etwa die Willensschwäche vielfach Verdauungsstörungen verursachen kann, so bildet sich bei ängstlichen, schüchternen Gemütern leicht eine Herz- oder Lungenstörung aus als Ausdruck der Unsicherheit und Verzweiflung, in dieser Welt zur Geltung zu kommen und sich behaupten zu können. Gerade liebe und hoch angelegte Naturen erliegen solchen Leiden. Die Furcht, die die allgemeine Gewalttätigkeit in ihnen erweckt, der sie sich nicht gewachsen fühlen, prägt sich als Siechtum aus. Also eine psychische Ursache.

Es ist daher wichtig, bei der Beurteilung der Krankheiten nicht nur ihre Aeußerung festzustellen und ihnen einen Namen anzuhängen, sondern ihren letzten Sitz und eigentliche Ursache zu erforschen. In vielen Fällen kann der Arzt das nicht.

Es gibt Krankheiten, die in der Psyche liegen. Es sind seelische Trübungen, die sich leiblichen Ausdruck verschafft haben. Aber die Seelsorger, die da helfend einzugreifen vermöchten, sind so selten, daß sie kaum in Betracht kommen. Darum habe ich den lieben Leidensgenossen geraten, sich selbst zu besinnen und zuerst in sich an die Wurzel des Uebels vorzudringen und es innerlich von da aus selbst zu bekämpfen.

Jeder sein eigener Arzt, aber auch sein eigener Seelsorger, denn der Mensch ist wohl ein Gemeinschaftswesen, aber die Gemeinschaftsbildung beginnt erst in der Psyche. In den letzten, tiefsten Wurzeln unseres Seins sind wir einsam.

Alle Behandlung, die nicht in den eigentlichen Sitz des Uebels vordringt, kann allenfalls erleichternd und mildernd, aber nicht erlösend wirken.

Das sollen wir auch anderen gegenüber wissen. Leidende sind sehr empfindlich und wollen überaus zart behandelt sein. Wir haben uns oft zu wehren gegen die derbe Art der Gesunden und können Fremden überhaupt nicht leicht Zutritt zu unseren tiefsten Nöten gestatten. Wir werden aber auch nicht zu anderen eindringen, wenn sie sich uns nicht selbst sehnsüchtig erschließen. Ich glaube, Leidende tun einander oft sehr wohl, weil sie sich tiefer verstehen. Können sie einander nicht helfen, so können sie sich doch Erleichterung schaffen, indem sie miteinander Geduld haben in allen ihren Leiden. Es wird immer nur wenige besonders begnadete Seelen geben, die wirklich fähig sind, vom Grunde des Leidens aus einem anderen zu helfen.

Andererseits haben wir einen Trost, den ich namentlich allen »hoffnungslos« Kranken sagen möchte. Der Sitz eurer Krankheit liegt möglicherweise weit hinter ihren körperlichen Aeußerungen, in eurer Psyche, aber in eurem tiefsten Sein, in eurem Geiste, eurem Ich, seid ihr gesund. Die Krankheit an eurer Oberfläche hat vielleicht eure ganze Empfindungswelt mit durchseucht, euer Seelenleben vergiftet, vielleicht euern Zustand vorläufig hoffnungslos gemacht, aber dahinter schlummert dennoch eine ewige Gesundheit.

»Unheilbar krank« lautet vielleicht das erbarmungslose Urteil der Welt, lautet vielleicht auch das Bekenntnis eurer eigenen Mutlosigkeit. Aber ich sage euch ein Geheimnis: In euch liegt ein Keim von Gesundheit, der stärker ist als euer Siechtum, der, so schwach er scheinen mag, dennoch fähig ist, Felsen von Leid zu zersprengen.

Ich nenne diesen Punkt des Seins, wo die ewige Gesundheit schlummert, den Geist, und unterscheide ihn der Bequemlichkeit und der Verständigung halber von der seelischen Empfindungswelt und vom Leibesleben. Damit soll aber kein wissenschaftliches Urteil gefällt sein. Ich möchte nur sagen, daß der Umfang des Menschen weit größer ist, als die meisten ahnen und sich deutlich machen.

Aber vielleicht glaubt ihr nicht an euren Geist, weil ihr überhaupt an Geist nicht glauben könnt, denn ihr könnt ihn nicht mathematisch beweisen! Schadet gar nichts. Laßt mich für euch glauben an euern Geist und eure Gesundheit. Reden wir nicht davon, aber schweigen wir miteinander darüber. Ich muß ohnehin über das Wichtigste mit allen Menschen schweigen. Aber Schweigen spricht deutlicher als Reden für empfängliche Gemüter, und ich weiß, daß ihr alle empfänglich seid, denn ihr seid alle durch Leiden empfindlich geworden.

Uebrigens glaubt ihr ganz heimlich doch an das Leben und die Gesundheit. Ihr denkt im Herzensgrunde von euch nicht als von Siechen, sondern als von Gesunden. Jeder Mensch, auch der überzeugteste Materialist, denkt sich heimlich als Ewigkeitswesen. Aber man kann diese tiefste Saite unseres Seins auch überklingen lassen durch allerhand Obertöne, so daß ihre Bekundung aus dem Bewußtsein ins Unterbewußtsein sinkt. Schadet weiter gar nichts. Genug, daß es so ist. Wozu muß man alles wissen und hinausreden, und am Ende gar ein Lehrgefüge draus machen! Das ist oft schädlicher als sogenannter Unglaube, weil es Entweihung ist.

Demnach ist Krankheit nur eine mehr oder weniger dicke Nebelschicht, die auf uns lagert. Sehr dicht ist sie, wenn sie im Seelenleben ihren Sitz hat, weniger, wenn sie bloß auf der körperlichen Oberfläche liegt. Aber auch der dichteste Nebel kann plötzlich weichen, wenn die Bedingungen dafür gegeben sind. Dann ist seine vorherige Dichtigkeit und Schwere belanglos. Je dichter er war, desto freudiger und belebender wirkt die Sonne.

Wodurch unterscheiden wir uns also von den Gesunden? Ein Teil unseres Seins ist verdunkelt und beschattet. Aber sind denn die Gesunden im lauteren Lichte? Viele sogenannte Gesundheit ist nur eine überdeckte Krankheit, und viele wirklich körperlich gesunde Menschen wandeln in stockdichter Finsternis, in einer Verständnislosigkeit, die erbarmenswert ist. Unsere Augen sind in der Regel sehr lichtempfindlich geworden für verborgene Strahlen, unser ganzes Empfinden ist feiner geworden für zarte Schwingungen. Wer weiß, wer die Beneidenswerten sind, wir oder die Kerngesunden!

Geisteskrankheiten

Eigentlich brauchte man ja nicht davon zu reden, denn Geisteskranke werden diese Blätter nicht lesen.

Selbstverständlich gibt's keine eigentlichen Geisteskrankheiten. Wenn man an einem nebelgrauen Novembertage fröstelnd und verdrießlich aufwacht, womöglich mit Magenverstimmung und ohne Eßlust, dann ist alles grau, was uns in den Weg kommt, und unsere Lasten sind schier unerträglich, unser ganzes Denken verdüstert. Das heißt also: Unser Unwohlsein hat unsere Empfindungswelt vorübergehend verschattet. Diese Stimmung hält in der Regel an bis zum nächsten Sonnenschein. Denken wir uns aber diesen Zustand gesteigert, so ist die sogenannte Geisteskrankheit fertig.

Natürlich zeitigt dieses Gemütsleiden auch peinliche Verbildungen im Gehirn, das sich dafür in Dienst nehmen läßt und ist fähig, die Denkwerkzeuge so zu verbilden, daß sie auch keinen einzigen klaren Gedanken mehr von sich geben können. Das ist aber nicht bedenklicher für den Menschen, als wenn seelische Zartheit ein Herzleiden oder Lungenleiden erzeugt, oder wenn allgemeine Verbitterung sich Magen, Darm oder Leber als Wohnsitz sucht und diese Glieder umbildet und verunstaltet.

Der Mensch ist damit noch lange nicht überwältigt. Sein ewiges Ich ist ganz gesund, aber seine Außenseite und vielleicht auch ein Teil seiner Empfindungswelt ist beschattet.

Bei Geisteskranken tritt noch erschwerend hinzu, daß sie oft ihres Willens gar nicht mehr mächtig sind und dann im quälenden Widerspruche zu ihrem letzten Sein für ihre Umgebung eine Gefahr werden. In dieser fürchterlichen Zerrissenheit ihres Wesens, das sie wie in der Gewalt fremder, feindlicher Mächte erscheinen läßt, besteht ihre eigentliche Last.

Dieser tiefe Zwiespalt im Wollen und Können und ganzen Wesen muß die größte Qual der Geisteskranken sein und verursacht in ihnen die wilde Wut abwechselnd mit der tiefen Herabstimmung. Sie sind aber unter ihrer Nebelhülle ebenso gesunde, wichtige und wertvolle Geister wie wir, die sich unsichtbar und unverkennbar innerlich ebenso entwickeln, wie wir es tun oder zu tun wünschen. Niemand hat das Recht, einen Geisteskranken zu verachten. Man hat nur das Recht, ihn so zu pflegen, daß er kein Unheil anrichten kann. Auch das mit äußerster Schonung und größtmöglicher Rücksicht.

Man sollte Geisteskranke mit derselben Achtung behandeln wie jeden Menschen und überzeugt sein, daß er das dankbar empfinden wird, auch wenn er es nie zeigt. Er kann oft nicht. Aber es ist bekannt, daß Geisteskranke oft überraschende Unterschiede zwischen Menschen machen. Sie kennen uns so genau wie jeder Gesunde, oft noch genauer, denn ihnen gegenüber lassen sich die meisten Menschen unverantwortlich und rücksichtslos gehen, weil sie meinen, jene wüßten doch nichts davon.

Aber vielleicht wissen sie und leiden unter uns mehr, als wir ahnen! Ich kannte vor Jahren eine alte Frau, die als Mädchen eine Wahnsinnige gepflegt und unter ihr schwer gelitten hatte. Die Kranke hatte niemals lichte Stunden. Trotzdem hatte die Pflegerin sie mit freundlicher Fürsorge betreut. Da starb die Kranke eines Nachts, aber kurz vorher begann sie ganz vernünftig zu reden und sagte: »Ich habe immer alles gewußt, was ich tat und redete und alles verstanden, was ihr gesagt habt, aber ich habe nicht anders gekonnt, als ich tat, und das war meine Krankheit. Nun bin ich frei. Ich danke dir für deine Pflege.« Nach einer halben Stunde war sie entschlafen.

Ob's viele solche gibt? Wer kann's sagen! Aber wenn unter Hunderten nur ein solcher Kranker vorhanden ist, lohnt sich's schon, in jedem einzelnen trotz allen Wahnsinns den Menschen zu ehren und zu achten. Eine solche Pflege wird jedem wohltun und bewußt oder unbewußt fühlbar werden.

Jedenfalls ist auch der Wahnsinn nur eine zeitliche Umnachtung, die mit dem eigentlichen Wesen des Menschen so wenig zu tun hat wie Lungenschwindsucht oder Herzschwäche. Auch sie hat ihren tiefsten Sitz nur im Seelenleben. Wer sie gründlich heilen wollte, müßte sie dort zu fassen suchen. Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß man auch mit äußerlicher Pflege und Behandlung mildernd und lindernd eingreifen kann.

Ich habe viel mit Geisteskranken zu tun gehabt. Schon als Student wohnte ich längere Zeit mit einem zusammen, der bald unheilbar krank wurde. Später wurde mir einmal einer ins Haus gebracht zur Pflege, der aber nicht lange blieb. Er hat kurz darauf in religiösem Wahnsinne seine Eltern und Geschwister ermordet. Auch sonst bin ich vielen begegnet. Allen gemeinsam war ein eigenartiger dummer Eigensinn und eine besondere Rechthaberei.

Seither weiß ich, daß zahllose Menschen in der Gefahr von Geisteskrankheiten stehen, und mancher wenigstens einige Punkte hat, in denen er nicht ganz zurechnungsfähig ist. Eigensinnige, streitsüchtige und eitle Menschen stehen in großen Gefahren. Man sollte ihnen im Umgange tunlichst auf diesen Gebieten ausweichen und ihre Schwäche tragen. Gibt man ihnen Gelegenheit, sie mehr auszubilden – das geschieht durch Widerspruch – so bringt man sie in schwere Gefahr. Man sperrt nur die Geisteskranken ein, die das Leben ihrer Mitmenschen gefährden könnten, die anderen läßt man in der Freiheit, aber wir sollen in ihnen unsere Leidensgenossen sehen und ihnen alle Zartheit angedeihen lassen, weil sie ebenso empfindlich sind, wie wir selbst.

Wesensfehler sind weder die vollen noch die werdenden Wahnsinnsäußerungen. Diese Krankheitserscheinungen sind für die Betroffenen so wenig ein Vorwurf wie Magenleiden oder Gicht. Auch da, wo ihre Träger selbst durch eigene Schuld zu ihrer Erhöhung beigetragen haben, kann man sie nicht voll verantwortlich machen. Willensschwäche prägte sich aus in seelischer oder körperlicher Umnachtung. Wer hat den Mut, da den Richter spielen zu wollen? Wer will überhaupt über Kranke zu Gericht sitzen?

Haben wir unsere Leiden selbst verschuldet, so sind wir jedenfalls auch die, die am meisten darunter leiden. Liegt eine Schuld vor, so sind wir jedenfalls die Gerichteten. Aber mir scheint, wir tragen Folgen, die über unser eigenes Verschulden hinausreichen. Wie es aber sein mag, so ist jedenfalls jeder Leidende des Mitleids und Erbarmens wert.

Wunderbare Krankenheilungen

Zu allen Zeiten hat es Menschen gegeben, an denen andere gesund wurden, ohne Anwendung stofflicher Mittel und Eingriffe.

Wir können auch alle Heilverfahren einteilen in stoffliche und psychische. Die weitaus meisten Krankenbehandlungen werden mit Hilfe von chemischen und physikalischen Ueberlegungen, Erfahrungen oder Versuchen unternommen. Sie sind das eigentliche Gebiet der Schulmedizin und der von ihr so gehaßten und verfolgten Sektierer, die sie Kurpfuscher heißen.

Aber neben diesen Heilversuchen läuft eine Kette anderer, die in das Gebiet dessen fallen, was an das Wunder streift. Ein Wunder ist natürlich im Grunde nur ein unerklärter Naturvorgang. Außerhalb der Natur gibt's überhaupt nichts, wohl aber gibt's innerhalb ihrer sehr viel Verborgenes und Geheimnisvolles, namentlich in den höheren Schichten des Stoffes oder des Geistes.

Ein Wunder ist gerade wie ein Springbrunnen. Das Wasser, das erfahrungsmäßig und naturgesetzlich nur immer die tiefsten Oerter aufsucht, springt unter Umständen hoch in die Lüfte. Jahrelang war mir dieser einfache Vorgang ein unerklärbares Rätsel. Genau so geht's mit Wundern.

Dinge, die wir nicht erklären können, sind übrigens nicht ohne weiteres unverständlich. Meinem Empfinden erscheinen eine Menge Vorgänge, die mit dem törichten Namen »Wunder« belegt sind, ganz natürlich, obgleich ich völlig außerstande bin, sie zu erklären oder zu beweisen. Ich verarge aber niemandem, der anders empfindet, seinen »Unglauben«. Für die Sachen ist's ganz gleich, ob sie geglaubt werden oder nicht.

Die wunderbaren Heilungen, von denen die Geschichte mit hartnäckiger Uebereinstimmung aller Zeiten erzählt, würde ich im allgemeinen auf seelische Einwirkungen zurückführen. Sie sind wirkungsvoller als die chemischen und physikalischen, weil sie den Sitz der Krankheiten und nicht ihre Erscheinungsformen erreichen. Wenn es gelänge, die Verbitterung eines Menschen zu heilen und in Lebensfreude zu verklären, müßte eigentlich auch unschwer eine Umbildung seiner kranken Gliedmaßen stattfinden können. Wenn Seelenstörungen umbildend wirken, warum nicht vielmehr Gemütsheilungen!

Auf einige Eigentümlichkeiten dieser Heilungen und Heiler möchte ich übrigens aufmerksam machen, die uns das Verständnis näher bringen. Kein Mensch hat jemals vermocht, allen Kranken zu helfen. Auch Jesus nicht. Also ist die Fähigkeit, ohne stoffliche Mittel zu heilen, keine besondere Wunderkraft, die sich willkürlich oder naturgesetzlich auswirkte, sondern geschieht etwa durch einen Zugang, den manche Leute zum Seelenleben anderer haben. Wenn die kranke Psyche sich einer gesunden, wohlwollenden und hilfsbereiten zu erschließen vermag, so kann man sich den Heilerfolg im allgemeinen versprechen. Er wird also durch das Zusammenwirken zweier geboren und der Heilende wird dem Genesenen gegenüber ebenso eine Empfindung dankbarer Freude haben, wie umgekehrt. Der Gebende und der Nehmende haben gemeinsam den Sieg erfochten.

Davon erzählt uns der Berichterstatter: in Nazareth habe Jesus nicht eine Tat tun können, so daß er sich selbst gewundert habe – nicht etwa über seine Schwäche, sondern über das Beharrungsvermögen der anderen. Offenbar lag über dem ganzen Orte eine undurchdringliche Finsternis, die eine Einwirkung unmöglich machte. Daß psychische Zustände ansteckend wirken und zuweilen wie Nebelschwaden ganze Ortschaften und Gesellschaftskreise belasten, dürfte ja bekannt sein, und schon manchem Leser dieser Zeilen schwere Seufzer entlockt haben.

Es gibt Häuser, Gesellschaftskreise und Zusammenkünfte von Menschen, wo man kaum atmen kann. In denen ist ein solches Heilen ausgeschlossen, auch wenn ein Jesus zu ihnen käme.

In psychischen Leiden ist's natürlich noch schwerer. Dem Judas konnte auch Jesus nicht helfen. Er war geisteskrank, denn er war geizig. Solche Leute werden leicht verstockt, blind und schlecht, und im Lichte steigert sich gelegentlich dieser Zustand. Auch der Masse der Religionsleute seiner Zeit konnte Jesus nicht helfen. Sie saßen zu tief in ihrer Frömmigkeit und ihrem Wahne.

Dennoch wurde diesen Leuten wenigstens ein Weg zur Heilung eröffnet. Es klingt vielleicht wunderlich, aber der Grund zu ihrer Heilung wurde gelegt, indem sie durch Jesu Wesen in einen wütenden Haß hineingesteigert wurden. Das bedeutet, es wurde ein Fieberzustand ausgelöst, in dem das Dauerleiden zum Anfall wurde und damit in die Möglichkeit des Auskochens kam. Fieber ist in solchen Fällen immer der Ausdruck einer Heilentscheidung. Ein Haß ist ein gutes Fieber. Haß ist oft das Kennzeichen eines Heilungsvorgangs. Das darf man ja nicht verkennen und sich etwa darüber kränken. Jesus sagte: Frohlocket darüber! Selig seid ihr, wenn die Welt erst anfängt euch schuldlos zu hassen. Der Heilvorgang ist damit eingeleitet.

Darum ist es für einen weitblickenden Menschen so leicht, seine Hasser zu lieben. Der Haß ist oft das erste Türknarren, daß sich ein innerer Weg zum anderen öffnet. Selig, wer um seines Lichtes willen gehaßt wird!

Also nur, wo offene Türen sind, ist eine sogenannte wunderbare Heilung möglich. Dann aber ist sie nicht mehr wunderbar. An einer starken Seele erstarkt und erhebt sich eine erkrankte und versucht eigene Lebensschritte zu tun. Das ist das Entscheidende.

Alle Gesundheit liegt inwendig in uns, liebe Leidensgenossen, nicht außer uns. Demnach wandten sich alle echten Heiler an den Menschen und heischten seine Mitarbeit, so wie jeder verständige Arzt sich an die Natur wendet und sie zur Heilung zu ermuntern sucht. Denn er weiß, daß er's nicht ist, der heilt. Beides ist gleich wunderbar und doch kein Wunder.

Und noch etwas hatten sie alle an sich. Sie machten kein Wesens davon, sondern betrachteten das ganze Gebiet als untergeordnet. Jesus z. B. verbot vielfach, davon zu reden und wünschte überhaupt diese Tätigkeit mehr im Verborgenen auszuüben. Sie war ihm Selbstverständlichkeit. Sein und vieler Leute Schwerpunkt lag offenbar tiefer im Wesen des Menschen. Heilkräfte berühren ja nur das Seelenleben der Menschen, brauchen also auch von dem Helfer nicht tiefer auszugehen. Geistesmenschen aber kennen Wichtigeres und erstreben größere Fortschritte als nur solche.

Paulus erwähnt gelegentlich die Heilkräfte, die in den neuen Gemeinden erwacht waren, aber ohne Murren ertrug er selbst Jahre hindurch ein schweres Leiden. Einem Mitarbeiter verordnete er Wein als Magenstärkung. Er nahm also die Heilkraft beide Male nicht in Anspruch, in einem Falle sogar den Alkohol. Dieses gewiß ganz harmlos und schlicht natürlich. Wer so im Geiste steht, dem kann doch nichts schaden. Alles, was er freudig braucht, muß zum Besten dienen. Schädlich werden solche Sachen erst, wenn wir ihre Knechte werden. Dann ist's aber auch Essen und Trinken, und war's weiter nichts, als Rohkost und Limonade.

Ich bin gar nicht abgeneigt, zu glauben, daß viele Heilungen kirchlicher Heiliger oder indischer Priester wirklich echt sind. Aber jeder Mensch, dessen Hauptberuf wäre, Wundertäter zu sein, wäre mir schwer. Er versteht nicht die eigentlich großen Menschheitsziele. Heilungen müßten nach meinem Empfinden unbewußt von uns ausströmen mit dem herzlichen Wohlwollen, das jeder empfängt, der in unseren Bereich tritt, als Selbstverständlichkeit unseres ganzen Seins.

Muß man erst bei sich persönliches Leben heraus pflegen, oder irgendwelche seelische Steigerungen vornehmen, so ist man schon nicht mehr in der eigentlichen Richtlinie des menschlichen Fortschritts nach dem Geiste hin. Solche Leute sind gewiß harmlose Leutlein, die es vielleicht herzensgut meinen und jedenfalls ihr Allerbestes herausgezüchtet haben, auch vielen weniger entwickelten Menschen von gewissem Nutzen sind, aber das eigentlich Ernsthafte darf man da nicht suchen. Alle solche Erscheinungen, die ja heute in Massen auftreten, sind Zeichen der Zeit, Zeichen des Ueberganges und als solche bemerkenswert. Schatten künftigen Werdens.

Wir stehen offenbar an der Grenzscheide zweier Entwickelungsreihen. Bisher ist man – um im erwähnten Beispiel zu bleiben – über das Verständnis der Psyche Jesu kaum hinausgekommen. Sie sehen in ihm etwa den bestaunten Wundertäter, über dessen Göttlichkeit sie mit einer Eifersucht wachen, die er selbst nie gekannt.

Wäre es anders, so würde z. B. das Christentum keinen Wert auf Formen, oder reine Lehre, oder irgendwelche Aeußerlichkeit legen, sondern seine Anhänger würden ausschließlich daran kenntlich sein, daß sie von Herzen wahrhaftig, aufrichtig, hilfsbereit und ungemein einfach im Wesen wären. Ihr Schwerpunkt läge darin, die Unmittelbarkeit Gottes zu pflegen, und in ihrem Sein den unsichtbaren Vater zu versichtbaren. Aeußerlich würde man sie wahrscheinlich religionslos nennen.

Heute sind gerade die innigsten Verehrer Jesu nur psychisch ausgerichtet. Sie legen den größten Wert auf Erweckungen, Bekehrungen, äußerliche und innere Religionsübungen. In der gleichen Linie steht der Buddhismus und viele religiöse Erscheinungen. Psychische Aeußerlichkeiten.

Das ist immerhin ein großer Fortschritt gegen eine frühere Zeit. Man könnte diesen Zeitlauf etwa bezeichnen: Entfaltung der gereinigten Psyche. Alles vorher liegende, namentlich das »mustergültige« Altertum, stand unter dem Zeichen der wilden Psyche, eines Mediumismus schlimmster Art.

Aber die Zeit, die anbricht, muß eine Zeit des Geistes werden. In ihr wird auch Jesus ganz neu verstanden werden, nicht mehr von der Seele, sondern vom Geiste aus. Ungehobene Schätze des tiefsten Lebens liegen noch in ihm verborgen, die zutage treten müssen und werden. Das Gefühlsmäßige wird wohl vorhanden sein, aber weit übermocht von Geist und Kraft.

In ihr wird man nicht ausgehen auf wunderbare Heilungen. Das Bereich des »Natürlichen« wird unendlich viel weiter und größer werden, und es werden Kräfte in selbstverständlichen Gebrauch kommen, die weit über den chemischen und physikalischen Erscheinungen des Stoffes liegen. Größere und tiefere Aufgaben als Heilungen und Wundertäter« werden die führenden Geister beschäftigen, und ihre Bedeutung wird den Geführten deutlich werden.

Einstweilen mag jeder Leidende den Weg gehen, der seine Wahrheit darstellt. Je schlichter er's tut, um so besser. Er mag auch jedes andere Heilbekenntnis freundlich dulden. Sie haben alle gleiches Recht, aber alle nur vorläufiges Recht. Die Hauptsache für uns wird immer sein, daß wir in unserer einsamen Tiefe die rechte Stellung zu unseren Leiden finden. Dann wird nicht nur die Sehnsucht nach Gesundheit in uns verkörpert sein, sondern etwas anderes noch, das gleich besprochen werden soll.

Der Wert der Krankheit

Man muß nicht glauben, daß Gesundheit der einzige menschenwürdige Zustand ist, und daß es ohne Gesundheit ein wahres Glück nicht gibt. Glück will erkämpft sein, wenn es echt sein soll. Im allgemeinen kämpft ein Kranker mehr als ein Gesunder, und unzählige Gesunde wissen mit ihrer Gesundheit nichts anzufangen.

Wem nie etwas gefehlt hat, dem fehlt sehr vieles, sagte mir kürzlich ein Leidensgenosse. Er hat Recht. Zwar die Krankheit an sich schafft nichts Gutes, aber der Mensch, der an ihr wird und wächst. Der eine zwar verkommt drin, aber der andere wird darin geadelt. Wenn ich die Reihe meiner kranken Freunde vor meinem Auge vorüberziehen lasse – was für herrliche Menschen sind mir da begegnet! Und das Beste waren sie erst geworden in ihren Leiden. »Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen.«

Ein schwerkranker Langelieger schrieb kürzlich: »Wirklich schwere Prüfungen des Schicksals habe ich noch keine zu bestehen gehabt. Wenigstens kann ich meine verschiedenen Krankheiten nicht als solche ansehen, denn ich habe mich doch, abgesehen von kleinen Mißstimmungen, immer für meine Verhältnisse ganz glücklich dabei gefühlt. Nicht daß ich nicht den gesunden Zustand für einen bei weitem glücklicheren gehalten hätte. Aber ich habe mich halt in meine Lage hineingepaßt, das Unabänderliche in Kauf genommen und mußte einsehen, daß ich im Grunde ja ganz glücklich sei, wenn mir auch einiges zum vollendeten Glück fehlt. Aber welcher Mensch hat vollendetes Glück! Anderen fehlt vielleicht gerade das, was ich habe, während sie das, was mir fehlt, in überreichlichem Maße besitzen: die Gesundheit! Trotzdem fühlen sie sich kreuzunglücklich. Sie wissen gar nicht, was sie mit ihrer Gesundheit anfangen sollen. Ich wüßte es schon! Aber wenn ich nicht krank gewesen wäre, wüßte ich es vielleicht auch nicht. Mindestens wüßte ich nicht den vollen Wert zu schätzen.«

»Wenn ich mit solch einem Menschen, der nur seine Gesundheit hat und nicht mehr an Lebensfülle, tauschen sollte, ich glaube, ich würde ablehnen.«

»Ich möchte fast dazu neigen, daß der Mensch nur durch Leiden den wahren Wert des Lebens schätzen lernt und dadurch indirekt auch erst seinem wahren Zwecke zugeführt wird. Ob das auf anderem wie dem körperlichen Gebiete zutrifft, kann ich nicht beurteilen. Jedoch würde ich, selbst wenn mir auch noch solche Schicksale bevorstehen würden, jedenfalls mit vollem Bewußtsein versuchen, auch dann die Oberhand zu behalten. Ob mir das gelingen würde, kann nur die Tat beweisen. Jedenfalls fürchte ich mich nicht so leicht.«

Dann würde es auch gelingen, lieber, tapferer Leidensgenosse! Das Schwerste, was überwunden werden kann, ist die Furcht. Sie ist der eigentliche Leidensvermittler und Erschwerer. Ich rechne solche Leute, wie den Schreiber des Briefes, zu den fest Gegründeten, denen weder Hohes noch Tiefes, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges schaden kann.

Welcher Mensch, der bloß gesund ist, hat die Siegeskraft, wie solche Kranke! Glücklicher sind diese, und es gibt deren nicht wenige. Sollte ich Glückliche suchen, so würde ich zuerst bei den Leidenden anfangen.

Einen Freund habe ich, der ist arm und ein Krüppel von klein auf, mit unendlichen leiblichen Beschwerden behaftet. Und bei alledem erwirbt er sich seinen Unterhalt mit seiner Arbeit. Nichts gibt's, was er nicht schon zu seiner Heilung versucht hätte, von der Chirurgie an bis zu frommer Wallfahrt. Als ich ihn das letztemal traf, rief er mir zu: Wissen Sie, was ich bin? Selig – gerade mitten in meinen Leiden. Endlich ist mir ihr Wert deutlich geworden.

Das waren keine frommen Redensarten. Sie vergehen uns, wenn unsere Leiden lange währen, und an leibliches Genesen nicht zu denken ist. Das war eine Reife des Menschen, wie sie nur unter der schützenden Hülle des Leids möglich ist.

Gewiß. Unsere Leiden sind eine schützende Hülle, wie die Natur sie vielfach um edle Kerne ausbreitet, bitter, sauer, herbe, undurchdringlich fest, bis sie nach Beendigung des Reifevorgangs welken, trocknen und zerspringen. Dann erst sieht man den herrlichen Kern, dem sie zur Reife und zum Schutze dienen mußten. Wie gut, daß sie da waren!

Liebe Leidensgenossen, unser Gutes liegt viel näher bei uns, als viele von uns ahnen. Werdet nicht mutlos und richtet euch auf, selbst zu wollen, was ihr jetzt müßt. Die Last wird bald federleicht werden, wenn ihr den eigenen Willen dazu legt. Versuchers noch einmal. Jeden Tag dürft ihr im Anfang auf eine halbe Stunde den Mut verlieren und im Elend verzagen. Geduld lernt man nicht auf einmal. Edle Früchte reifen langsam. Aber nicht länger als eine halbe Stunde! Dann richtet euch wieder auf und versuchet's von neuem mit dem inneren Kampfe. Das Ende ist, daß ihr des Uebels Herr werdet.

Sobald das Leiden innerlich überwunden ist, hat es seinen Todesstoß. Denn kein Leiden währt ewig. Nur der Mensch ist ewig.

Ich bin durch die Reihen der Menschen gegangen und habe doch einige Tausend näher gesehen. Die eigentlich seinen Leute sind die Leidenden. Sie sind's, die alles zuerst empfinden. Sie haben am meisten Sinn für das Edle, für geistige und seelische Eindrücke sind sie am aufgeschlossensten. Sie unterscheiden am leichtesten das Echte vom Falschen und sind vor allem am besten vorbereitet, der Wahrheit Kinder zu werden.

Ich wünsche jedem Menschen von Herzen Gesundheit und kenne ihren Wert, weil ich ihrer schmerzlich entbehrt habe, aber ich beglückwünsche jeden, der seine Reife im Leiden findet.

Nicht jeder findet sie. Krankheiten sind schwere Gewichte, die unendlich belasten können. Nicht jeder ist ein Held und diesem Drängen gewachsen. Aber glaubt mir: In jedem steckt ein Held, und in jedem liegen Kraftwurzeln, die weit stärker sind als jegliches Leid. Erwecket den schlafenden Helden und übet die schwachen Kräfte! Habt Geduld mit den Gesundheitspharisäern und Kraftprotzen und lasset euch nicht bemitleiden!

Mitleiden demütigt, weil es ein Almosen ist. Mitleiden lähmt leicht die Widerstandskraft. Wenn man Kinder bemitleidet, fangen sie sofort an, ungebärdig zu schreien, während sie kleine Schmerzen, die sie sich selbst bei ihren Spielen verursachen, oft recht tapfer überwinden. Der Teilnahme der Menschen, die oft gar nicht echt ist, müssen wir unsere Werte entgegenstellen. Geschenke, für die wir wertvolle Gegengaben haben, erquicken. Und wir haben solche. Wer ist so zart wie ein Kranker, und wer versteht den anderen so tief wie ein Leidender! Um uns kann eine erquickende Luft wehen, die jedem wohltut, der hereintritt. Dieser Geisteshauch ist unsere Gabe. Sie ist wertvoller als alles, was im Bereiche der niederen Stofflichkeit liegt.

Krankheiten sind schwer, aber damit ist noch lange nicht gesagt, daß sie schädlich sind. In uns schlummert nur die Gesundheit. Wecket sie auf und ziehet Nutzen aus dem Leiden! Nicht einmal die Lebenszeit verkürzen Krankheiten. Ich habe manchen Kraftprotzen gekannt, der jäh zusammenbrach im ersten Hieb, und schwächliche, kränkliche Menschen, die es hoch brachten in den Jahren. Glücklich, wer lange leben und streiten darf auf diesem Wandelstern! Diese werden immer lichter. Kein Zweifel. Ihre Gesundheit bricht immer siegreicher hervor. Sie überwächst sogar ihren Tod.

Jede Krankheit ist ein Druck auf uns, aber wir sind allesamt nicht wehrlos. Daher muß sie uns zum Gegendruck ermutigen. Das ist ihre Aufgabe und ihr eigentlicher Wert. Wird durch sie unsere wahre Kraft ausgelöst, dann ist sie wertvoller als jegliche Gesundheit. Der wahre Mensch gedeiht nur im Schweren. Liegt unser Schweres in körperlichen Nöten, so haben's andere anderswo. »Sein muß es.«

So sagte kürzlich zu mir ein alter Mitpilger, mit dem ich im Gebirge in ein flüchtiges Gespräch kam. Der Alte war arm, vereinsamt, zahnlos und von einem überaus schmerzhaften Leiden geplagt. Er verdiente sein Brot als Trockenmaurer bei den Bauern, konnte aber nur bei solchen Wirten einstehen, deren Hausfrauen sich herbeiließen, es ihm geweicht zu verabreichen. Wir verstanden uns gleich mit den Augen. Leiden sind Erkennungszeichen und Schlüssel zur Vertraulichkeit. Vor ihnen gibt's nicht hoch, nicht niedrig. In ihnen begegnet der Mensch dem Menschen.

»Es muß sein,« sagte der alte Maurer. »Ich habe die Not auch bei allen gesehen, bei Hoch und Niedrig. Darum beneide ich keinen Menschen.« Er dankte mir herzlich für das Beisammensein, bei dem ich doch nur zugehört hatte. Ich freute mich, daß Weisheit überall wohnt, daß Leiden erst den wahren Wert des Menschen offenbart. Dann führte sein Weg ihn aufwärts, während ich hinabstieg.

Krankheitsursachen

Es gibt eine gewisse Art von Frömmigkeit, die predigt ganz tapfer, Gott schicke den Menschen die Krankheiten zu ihrer Strafe und Besserung. Die versteht weder Gott, noch die Krankheit, noch den Menschen. Frömmigkeit macht leicht die Menschen blind und unverständig, besonders wenn die Leute dabei gesund sind und sich herausnehmen, über die Krankheit zu schwatzen. Wäre es so, wie diese Ueberweisen sagen, so hätte schwerlich Jesus die Kranken geheilt, denn dann wäre ja das Reich Gottes uneins mit sich selbst geworden.

Und doch müssen die Krankheiten eine bedeutsame Rolle im Werdegang der Menschheit spielen, und die Gottgläubigen unter uns dürsten sich wohl gerade in ihrem Sonderfalle in die Unmittelbarkeit Gottes gestellt wissen, wenn sie auch die Ursache ihres Leidens nicht da suchen werden, wo für sie der Quell der Freundlichkeit und des Erbarmens ist.

Die Krankheitsursachen müssen uns außerordentlich nahe liegen. Aber wir wollen sie auch nicht nur in unserer Schuld und Unvollkommenheit suchen. Auch nicht in der unserer Eltern und Vorfahren, soviel Veranlassung zu beidem in manchen Fällen vorliegen mag.

Lieber wollen wir uns darüber Rechenschaft zu geben suchen, warum überhaupt die Möglichkeit zu solchem Siechtum, wie viele es herumschleppen, vorhanden ist.

Wenn wir uns klar wurden über den Wert der Krankheit, so werden wir uns doch darüber alle klar sein, daß der Wert in uns lag, und daß das eigentlich Wünschenswerte die echte, unversiegliche Gesundheit ist. Sie ist ein Gut, das dadurch nicht geringer wird, daß viele damit nichts anzufangen wissen und es leichtsinnig verschleudern, um plötzlich zusammenzubrechen.

Zunächst muß uns auffallen, daß das Siechtum mit der Verfeinerung und Pflege der Menschheit in einem eigentümlichen Zunehmen begriffen ist, dem weder Wissenschaft noch Heilkunst wirksame Dämme entgegenzustellen vermocht hat. Groß ist unser Können geworden, aber die Krankheit war bisher immer noch erfindungsreicher als ihre wackeren Bekämpfer.

Daraus haben viele den eigenartigen Schluß gezogen: Also Rückkehr zur Natur! Weg mit den Fortschritten, die die Menschheit nur der Natur entfremdet und sie zum Spielball der leiblichen Verelendung gemacht haben! Also weg mit dem Feuer von der Nahrung, weg mit der Kleidung, dem Schuhwerk, weg mit der heutigen menschlichen Wohnung und ihrem Schutze vor allen Unbilden der Witterung, ihrer wonnigen Behaglichkeit bei Sonnenlicht, ebenso wie bei künstlichen Lichtquellen!

Weg damit? – Ja, was würden wir dafür eintauschen? Doch nicht mehr als das Leben des Viehs, vielleicht seine kraftstrotzende Gesundheit, aber gewiß auch seine Rohheit. Denn daß eine Veredelung der Menschheit eintreten sollte, wenn wir schon äußerlich in einen etwaigen Urzustand zurücksinken und alle Errungenschaften der Kultur wegwischen wollten, mag glauben, wer Lust hat. Ich nicht.

Das soll nicht bestritten werden, daß es vielen Menschen nützlich und heilsam ist, solche Heilversuche gelegentlich mitzumachen, die den Zweck haben, Körper und Seele vor mancher Ueberverfeinerung zu erlösen. Diese sind gewiß ein gutes Gegengewicht gegen manches Zuviel und wirken erfrischend und belebend. Aber wenn man sich ein ganzes Dasein ohne Kochen und Kleider denkt, so würde schon das folgende Geschlecht in einer unglaublichen Verrohung aufwachsen. Unschädlich sind solche Versuche nur inmitten einer Kultur, die alle Auswüchse wieder zurechtrückt. Auf einsame Inseln ohne Dampferverkehr verpflanzt, würden sich solche Richtungen selbst richten.

Nein, nicht rückwärts! sondern vorwärts! muß die Losung heißen. Ohne Zweifel steht unsere menschliche Bildung im Zeichen des Fortschritts. Also ja nicht weg damit!

Aber wenn mit der Bildung auch das Heer der Krankheiten kommt? – Das kommt freilich. Bildung macht zart, und Zartheit bietet Angriffsflächen.

Wir hätten also die Wahl, entweder zurück in einen derben Naturzustand, in dem Krankheiten uns nicht sonderlich belästigen, oder vorwärts in einen feinen Bildungszustand, der trotz aller neuen Kenntnisse Krankheiten zugänglich, ja durchseucht von ihnen ist. Wollen wir die Errungenschaften des Geistes eintauschen gegen die Gesundheit des Körpers? Vielleicht, wenn wir überhaupt allen Krankheiten dadurch entgehen könnten. Aber wir haben gar nicht die Wahl. Die Menschheit hat schon gewählt.

Es ist unverkennbar, daß die Geisteswerte in beständigem Zunehmen und die bloß sinnlichen Stofflichkeitswerte im Abnehmen sind. Nicht die rohe Kraft, sondern die größte Ueberlegung, der ausgebildetste Verstand gilt. In Urzeiten war vielleicht einmal der Stärkste König. Heute ist er in den Zirkus verbannt. Unzweifelhaft entwickelt sich der Mensch zu einem Wesen, dessen ganzer Schwerpunkt im Geiste liegt. Diese Entwickelung wird niemand aufhalten oder rückgängig machen. Aber gleichzeitig mit dieser Entwickelung geht auf der ganzen Linie die sinnliche Kraft und tierische Gesundheit zurück. Unsere Sinne werden schwächer, weil wir den Wert auf künstlichen Ersatz legen, mit dem wir in weit größere Tiefen und Fernen reichen, und gewöhnliche Sinnen, schärfe naturgemäß vernachlässigen. Aus demselben Grunde bilden wir mehr unser Denken aus als unsere Gliedmaßen. Die Folge ist, daß unser Körper weniger widerstandsfähig ist, das ganze Geschlecht kraftloser wird, und dann zahllosen Leiden Tor und Tür geöffnet ist. Unsere Gebrechen sind also die deutlichen Spuren unseres Fortschreitens auf der Bahn des Geistes. Sie bedeuten, daß wir nicht in der tierischen Sinnlichkeit stehen geblieben sind.

Dann sind also wir Leidensgenossen diejenigen, die die Kosten des Fortschritts mit ihrem Blute bezahlen. Daß wir es gerade sind, ist Zufall. Wären wir's nicht, so würden es andere sein, denn die Ziffer der Leidenden wird unter solchen Umständen eine etwa gleichbleibende sein. Vielleicht ist's sogar besser, daß wir's sind. Wir sind möglicherweise die Befähigteren und feiner Zugerichteten. Waren wir's von Hause aus nicht, so sind wir's geworden in der herben Schule, durch die wir gehen mußten.

Also auch so ist keine Ursache zu unnützen Klagen. Klagen helfen nichts, und düstere, verzweifelnde Gedanken schaden. Wer sich von uns dadurch zertreten läßt, der versinkt und geht für die Menschheit gewiß verloren.

Wenn auf dem Wege des geistigen Fortschritts Krankheiten notwendige Begleiterscheinungen sind, was hindert uns, die Krankheiten selbst als Bewegungsspuren unseres Geistes aufzufassen? Ich meine, nicht jedes einzelne Gebrechen sei eine solche, aber die Tatsache des Leidens an sich ist's ohne Zweifel. Wir haben auch schon gesehen, und die handgreiflichen Beispiele sind gar nicht selten, daß erst unter dem Drucke des körperlichen Leids eine seelische Kraft ausgelöst wird, um die jeder Gesunde solche Kranke beneiden könnte. Auch das ist deutlich, daß wir keineswegs unglücklicher dran sind, als viele Gesunde. Manche von uns würden mit dem Gesundheitspharisäer nicht tauschen. Wer von uns innerlich mit seinem Leiden fertig werden kann und es zu tragen lernt, ist ohne Zweifel der weitaus Fortgeschrittenere.

Nur die unter uns sind übel dran, die sich innerlich nicht hineinzufinden vermögen und bloß schreien und jammern könne». Die sind doppelt krank. Aber das hebt die Sache nicht auf, und wer weiß, wie viele von diesen Elenden das nicht noch lernen! Möchte doch von uns kein einziger verzagen! Die Leidenden sind außerdem in der Mehrzahl. Auch das ist kein schlechtes Zeichen für die Gesamtheit.

Wer angesichts der Durchseuchung der Menschheit den Mut verlieren und sich in unnützen Klagen ergehen wollte, wäre ein Tropf. Viel richtiger handeln die, die unermüdlich jedes neu auftretende Leiden zu erforschen suchen, um ihm auch äußerlich begegnen und es ausrotten zu lernen.

Die Sorge, die uns aber wirklich bewegen kann, ist die, wohin nun diese Entwickelung führen muß. Wenn Krankheit unsere Errungenschaft ist, ist's dann wirklich wert, den großen Menschheitsweg mitzugehen? Wenn die Richtung bereits unabwendbar entschieden ist – liegt nicht vor uns eitel schwarzer Jammer, und müssen wir nicht an unserer ganzen Zukunft verzweifeln?

Das soll uns zunächst beschäftigen.

Das Ziel der Krankhaftigkeit

Die Rückkehr der Menschheit in einen Zustand der körperlichen Kerngesundheit wird nicht gelingen. Ebensowenig die Heranzüchtung eines neuen, stärkeren Geschlechts.

Man hat viel Menschenzüchtungsversuche gemacht. Heute sind sie in gewissen Kreisen an der Tagesordnung, aber sie werden so wenig gelingen, wie die Versuche Friedrichs des Großen, der lange Leute durch passende Paarung züchten wollte. Possierliche Bestrebungen. Wir können nur züchten, wo wir eine Reihe von Geschlechtern beeinflussen und übersehen können. Also Menschen nicht und alle Tiere und Pflanzen nicht, die uns an Lebensdauer gleich stehen oder überlegen sind. Man hat ferner dem Christentume den Vorwurf gemacht, zur Entartung der Menschheit viel beigetragen zu haben, weil es das Schwache und Kranke erhielt und pflegte, statt es wie »kräftigere« Religionen zugrunde gehen zu lassen und somit an der Fortpflanzung zu verhindern. Darüber haben sich erst in unserer Zeit gewichtige Stimmen ausgesprochen.

Allein gerade dieser Vorwurf trifft das Christentum nicht. In der Pflege des Schwachen und Zarten und der Betreuung des Elends ist es einem seinen Verstehen gefolgt.

Das Schwache, Zarte und körperlich Geringe ist keineswegs ohne weiteres der niedrig stehende Bestandteil der Menschheit. Unter den Leidenden sind Helden und Geistesgrößen, deren Ausrottung einen schweren Verlust bedeuten würde. Man kann nicht einmal sagen, ob der Fortschritt der Menschheit mehr durch Gesunde oder durch Kranke läuft. Leiden ist eine harte Arbeit, sie wird nur nicht durch Bezahlung gewertet. Sie steht höher als ein Metallwert. Also ist sie unberechenbar wertvoll und für die Menschheit fördernd.

Aber sollen wir denn wirklich der Durchseuchung der Menschheit ruhig zusehen, damit die Zahl der leidenden Helden möglicherweise wachse? Keineswegs. Denn Leiden an sich nützt nichts. Nur die Bekämpfung und vor allem die innere Ueberwindung des Leidens fördert. Wir sollen alle Maßregeln zur Kräftigung unserer Jugend, unseres Körpers und der Menschheit überhaupt ergreifen, die uns zweckmäßig erscheinen. Wir haben ferner das Recht, alle Mittel einer vernünftigen Krankenpflege nach unserem besten Wissen uns dienstbar zu machen. Denn man wird sich sagen, daß unsere Krankheiten zugleich die Spuren unserer Unvollkommenheit sind. Ihre Möglichkeit hat uns gezeigt, daß wir auf dem Wege zur Vollkommenheit sind, denn nur mit unserer Verfeinerung konnten sie sich so erschreckend mehren; aber ihre Wirklichkeit bezeugt, daß wir noch weit weg von unserem Ziele sind. Sonst müßten sie siegreich von uns überwunden werden. Es muß also jedes Leiden unser Schamgefühl erwecken, ob unserer mangelnden inneren Kraft. Weil wir nicht mit diesen Anfällen fertig werden, bohren sich Leiden in uns ein und zehren an unserem Leben.

Wäre es richtig mit uns bestellt, so müßte jeder Angriff einen stärkeren Widerstand auslösen, und wir würden gerade durch ihn kräftiger und lebendiger. So werden wir schwächer und elender am Leibe, viele von uns zerbrechen auch seelisch, und nur wenigen gelingt es, trotz ihres oft unabwendbaren leiblichen Siechtums wenigstens innerlich an Seelengröße zuzunehmen. Offenbar sind diese auch bei den Großen unter den Leidensgenossen noch nicht stark genug, um den Leib von seinen Drängern zu befreien.

Aber dennoch darf der Kampf nicht aufgegeben werden. Wir sehen schon an einzelnen Beispielen eine überwindende innere Kraft. Ein kränklicher, schwächlicher Jesus wäre uns undenkbar. Man sagt von Paulus, er sei lebenslang leidend gewesen. Mag sein. Aber niemand hat seit 2000 Jahren eine so große Arbeit wie er vollbracht, und so weitgehenden Einfluß ausgeübt. Wenn es von den in dieser geistigen Lebenskraft Stehenden heißt: Nichts soll euch schaden, im Gegenteil: Ströme lebendigen Wassers sollen von eurem Leibe ausgehen – so ist das gar nicht unverständlich.

Sobald unsere Psyche unserem tiefsten Sein im Geiste gehorcht, wird sie fähig sein, ihren Leib von Bazillen, Tuberkeln, Giften usw. frei zu halten, im Gegenteil durch jeden siegreichen Kampf neugestählt werden, so daß sie es mit allem aufnehmen kann.

Es fehlt auch nicht an Spuren davon, daß dem geistig höher Stehenden Ueberwindungskräfte wirklich eignen. Schon beim Militär zeigt sich, daß der Hochstehende in Leistungen dem bloß Kraftvollen weit überlegen ist. In der Regel erträgt der Offizier Schwereres wie der Mann. Der Kulturmensch ist ebenfalls an Leistungsfähigkeit dem Naturmenschen voraus. Die Forschungsreisen in Afrika und an den Polen, die Arbeiten an Erfindungen und Entdeckungen beweisen es. Der Kulturmensch kann überall leben, der Naturmensch nicht. Das bedeutet, seine Geisteskraft hat ihn auch körperlich höher gestellt, ohne ihm mehr Leibeskräfte zu verleihen, sein Wille hat ihn gestählt, daß er das Schwerste überwindet. Gerade die Not und Schwierigkeit hat sein Wesen entwickelt und gehoben.

Für uns muß gerade der Krankheitsverlauf der Anlaß zur Stärkung des Menschen werden. Das ist unsere Aufgabe. Was heute demütigende Unvollkommenheit ist, gerade das muß der Anlaß zu großem Siege und Ausdruck des wahren Seins werden.

Der Weg ist ganz deutlich. Die Pflanze und das Tier, die eben erwachte, aber völlig gebundene Psyche, beide Lebensformen erfreuen sich großer, behaglicher Gesundheit, denn sie sind an ihre Erhaltungsbedingungen gefesselt. Sie sind aber beide nicht sicher vor Krankheiten. Der Mensch, die befreite Psyche aber, der eben erwachte und unentwickelte Geist, wird auf seinem Wege zur Herrschaft und Freiheit des Geistes in steigendem Maße von lästigen Krankheiten begleitet und kann leicht im Maße seiner geistigen Fortschritte das Bild körperlichen Rückganges bieten.

Es ist auch ganz selbstverständlich, daß nicht die derbe Sinnlichkeit, sondern die zarte Empfindungsfähigkeit für die Fortschritte im Geiste aufgeschlossen ist. Letztere ist natürlich allem Leide zugänglicher. Nicht neue Krankheiten entstehen eigentlich, sondern neue, zarte Seiten unseres Wesens werden entfaltet, die die Angriffsfläche vermehren. Also schließt der Fortschritt im Geiste zunächst die erhöhte Leidensmöglichkeit des Körpers ein.

Damit aber werden um so größere Bestrebungen äußerer und innerer Art erwachsen, sie zu bekämpfen. Sobald aber der volle Einklang und die volle Herrschaft des Geistes über das ganze Sein des Menschen gelungen ist, werden alle Uebel von innen heraus überwunden, und ihre Versuchungen stets Anlässe zu neuer Kraftentfaltung.

Daher erklärt sich das merkwürdige Wort Jesu: Ein Mensch in dieser inneren Kraft » hat das ewige Leben«. Ewiges, unantastbares und unverwüstliches Leben ist nicht etwa ein Geschenk, das jemandem wie ein neues Gewand übergezogen wird, sondern ein erkämpfter Zustand neuen Glückes, in dem er selbst außerordentlich tätig war und bleibt.

Es mag sein, daß Krankheitsgefahr immer besteht. Aber in dem neuen Zustande, den wir erstreben, werden Krankheiten nur wie Versuchungen sein, die wir je länger je mehr leicht von innen heraus überwinden, in denen wir also immer stärker und lebendiger werden. Ohne sie fehlte die treibende Kraft, die uns anspornt, mit ihr werden wir siegreich.

Wir armen Leidenden stehen in unserer Finsternis wie vor einer hellen Pforte, die wir nur noch nicht zu durchschreiten vermochten. Je mehr wir uns aber innerlich fassen und an Kraft zunehmen, um so näher kommen wir einem großen Ziele der Menschheit. Vielleicht sind gerade unsere Leiden Zeichen unseres Fortschritts und unseres Berufes, voranzugehen. Daher hat niemand so wie wir die ernste Aufgabe, nun nicht nachzugeben, sondern immer vorzudringen, bis der Sieg erfochten, und der Quell ewigen Lebens in uns erbohrt und erschlossen ist. Tut äußerlich, liebe Leidensgenossen, was ihr versteht und mögt und vor euch verantworten könnt. Es hat nicht viel zu sagen, aber innerlich seid Streiter für die Wahrheit des Menschen, für seine Gesundheit vom Geiste aus, die dann unantastbar ist.

Zurück in den Urzustand, heißt Menschentier werden. Vorwärts in den Geisteszustand, wo kein Leid und kein Geschrei uns mehr antasten kann, ist unsere Losung. Wenn man krank ist, ist man mit dazu berufen. Möchten viele von uns auch Auserwählte sein. Also allen ein fröhliches Gelingen!

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.