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Lebe kämpfe siege!

Heinrich Lhotzky: Lebe kämpfe siege! - Kapitel 5
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typetractate
authorHeinrich Lhotzky
titleLebe kämpfe siege!
publisherRainer Wunderlich Verlag
yearo.j.
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correctorJosef Muehlgassner
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Lastträger

Wer hat wohl noch niemals Lasten getragen? Was schleppen nicht Menschen alles mit sich herum! Freiwillig und unfreiwillig. Manchem wäre wirklich nicht schwer zu helfen, aber dann, im entscheidenden Augenblick, geht's eben nicht. Legion ist die Zahl der Lasten. Jeder hat eine oder viele, die ihn drücken, und niemand trägt sie gern. Körperlich, seelisch, geistig liegt Seufzendes auf uns. Auch Laster sind Lasten. Oft die allerschwersten. Und wenn wir uns schließlich ein Leben lang geplagt und allerlei getragen haben, schaufelt der Tod noch einige Lasten Erde über uns, und wir gewähren den Anblick zerdrückter Lastträger, Unterlegene der Schwere. Kein Wunder, daß die meisten Menschen die Lust und den Mut verlieren.

Und warum das alles? Vielleicht ist die ganze Not der Zweck unseres Hierseins. Wer weiß überhaupt, warum wir diesen drolligen Planeten eine Zeitlang bewohnen? Jedenfalls müssen wir die innige Gemeinschaft mit dem Stoff eingehen, und am stofflichen Leben hängen schier unlösbar allerlei Lasten und Beschwerden. Dann gehört das Beschwerende mit zu unserem Zweck des Daseins. Aber warum?

Mir kommt's immer so vor, als sei auch die Last Einheit, wie die Menschheit, wie Gott, wie der Stoff. Ob du einen schmutzigen Geiz, eine schmutzige Armut oder eine schmutzige Krankheit trägst, ist schließlich nicht so wichtig. Das sind Brechungen der Einen Not, und wie Menschen sich wider einander entrüsten, wenn der eine ein frommer Geizhals, der andere ein lüsterner Verschwender ist, das wird nur verständlich durch die Enge ihres Gesichtskreises. In Wirklichkeit schleppt jeder ein Stück der gleichen Last.

Man könnte die Sondernot als Notfarbe bezeichnen, wie man von Klangfarben redet. Wie immer die Töne von dem Tonzeug gefärbt werden, sie sind doch die gleichen Töne. Vielleicht kommt noch einmal die Zeit, in der wir miteinander nicht mehr das ewige Versteckspiel treiben wie heute, weil uns aufgegangen ist die Wahrheit von der Einheit der Not, und weil wir einer für den anderen Verständnis und Mitleid haben und uns hineindenken lernen in fremde Sonderempfindungen ihrer Sondernot gegenüber.

Dadurch müßte die Welt umgestaltet werden trotz aller Not. Diese würde dadurch so unendlich viel leichter, daß sie unschwer zu tragen wäre. Das Drückende ist demnach nicht die Not an sich, sondern die Art, wie wir uns dazu stellen. Das ist ein sehr wichtiger Gesichtspunkt. Ein Teil der Schwere liegt in uns, nicht in der Last. Ihr Hauptgewicht ist oft die Heimlichkeit.

Heute leben wir im Nebellande des Versteckens. Wir müssen unsere Gebrechen, unsere Fehler, die Mißlichkeit unserer Verhältnisse vor den erbarmungslos neugierigen Augen unserer Mitmenschen, vor ihrer unerschöpflichen Klatschsucht und ihrer gleißenden Tugendboldenhaftigkeit verstecken. Sobald die Einheit der Not erkennbar klar würde, wäre die fremde Zudringlichkeit außer Brauch gesetzt, und durch die Klarheit allen Nöten die Hauptlast genommen, die Heimlichkeit.

Gibt's wirklich keinen Monismus, der einmal hier den Hebel ansetzen wollte, eine Einheitslehre, die keine Formel und Gedankenwerk ist, sondern eine Kette von Taten, versöhnlichen Großtaten des Friedens und Erbarmens!

Aus einer nicht ganz alltäglichen Berührung mit vielen Menschen kann ich doch erzählen, daß mir zuweilen Menschen begegnet sind, an denen sah ich die Last wie etwas Fremdes aufliegen, unter dem ein köstlicher Kern hervorleuchtete. Ich habe Leidende gesehen, die unter viel Seufzendem strahlten, daß es für den, der die Strahlen aufnehmen konnte, erquicklich war. Ich habe auch Lasterhafte gesehen, die in diesen Ketten wie in fremdem Wesen gefangen saßen und einen prachtvollen Menschen herausleuchten ließen. Denn das ist an sich gewiß, weder der Rohling noch die Dirne haben Herzensfreude an ihrem Tun. Frechheit ist oft genug das Zeichen heimlicher Verzagtheit und Verzweiflung. Könnten wir sie nicht alle ansehen als Lastträger wider Willen und sie als Menschen behandeln?

Die übliche Sittlichkeit würde freilich einen Unterschied machen und sagen: Kranke sind gute Menschen, denen ein schweres Leiden zu ihrer Läuterung auferlegt wurde. Aber Sünder sind schlechte Menschen, sonst wären sie nicht lasterhaft.

Ich glaube nicht, daß sie recht hat. Sie ist's gerade, die uns niemals wirklich vorwärts bringen wird. Wir brauchen Neues, nicht altes Abgelebtes.

Kenner sagen, die Linien deiner Hand, der Blick deines Auges, der Ausdruck deines Mundes, deine Schriftzüge und vieles mehr – sei alles der naturnotwendige Ausdruck deines Wesens. Könnte nicht auch unser Lebensschicksal, die ganze Form unseres Planetendaseins der notwendige Ausdruck eines verborgenen Wesens sein, das seine Wurzeln jenseits aller stofflichen Erscheinung hat? Wenn es so wäre, hätte es dann Zweck, daß wir uns mit Vorwürfen überschütten, wenn sie sich schließlich gegen Dinge richteten, die überhaupt für unser Denken unerreichbar sind?

Vielleicht ist gerade das Sichtbarwerden dieser ganz verborgenen Mängel das Mittel, sie zu heilen. Vielleicht müssen wir unter Umständen ein Leben lang den Schmutz eines Lasters tragen, um von dem Mangel geheilt zu werden.

Ich habe gehört, daß zuweilen in der Schlacht, wenn Verwundete an den nachrückenden gesunden Ersatztruppen vorübergetragen werden, auch Offiziere den verwundeten Mannschaften Ehrenerweisungen machen: Hochachtung vor denen, die ihr Dasein aufopferten. An ihrem Leibe wurde offenbar die Not des Vaterlandes. Es wäre doch auch möglich, daß an manchen Menschen gar nicht bloß die eigenen Mängel, sondern die Not der Menschheit offenbar würde. Dann aber doppelt Hochachtung vor solchen Verwundeten des Daseins.

Es war einmal ein merkwürdiger Mensch, der in ganz einzigartiger Weise einen andern Maßstab an seine Mitmenschen anlegte als alle anderen Leute. Viele hielten ihn für nicht ganz richtig, alle aber, auch seine Freunde, wurden nicht müde, ihn fortwährend durch Fragen nach der Schlechtigkeit der Menschen in Verlegenheit zu setzen. Sie hatten nämlich bemerkt, daß er die nie verurteilte, die alle schlecht fanden, und nur für die gelegentlich herbe Worte hatte, die alle für gut hielten. Da sahen seine Freunde einmal bei Gelegenheit eines Spazierganges einen elenden Bettler am Wege sitzen. Schmutzig und krüppelhaft geboren.

Das muß doch wirklich ein schlechter Kerl sein oder mindestens sind's seine Eltern. Bei halbwegs frommen Leuten ist doch diese offensichtliche Gottverlassenheit und Verelendung undenkbar.

O nein! sagte da der Menschenkenner. Das trägt der nur zur Ehre Gottes, und wandte seine ganze Liebe dem Unglücklichen zu, ein Offizier, der dem Verwundeten eine Ehrenerweisung macht, ein Arzt, der den Kranken heilt.

Da wurde ein Weltbild zerstört und ein neues an seine Stelle gesetzt. Wie wär's, wenn manche Menschen da wären, um der Mitwelt zu zeigen, wie eigentlich Sünde, Laster und sittliche Gebrechen aussehen, wäre es da nicht angezeigt, wenn wir unser fertiges Urteil einer Durchsicht unterwerfen wollten? In diesem Falle dürfte auch ein Lasterhafter nicht schlechthin von der Hochachtung ausgeschlossen sein. Wer weiß, ob nicht auch er sittlich beschämende Lasten trägt »zur Ehre Gottes«!

Wie viele von uns haben in ihrem Leben unsagbar gelitten unter Mängeln, die loszuwerden sie alles hergegeben hätten, wie Kranke, die alles für die Gesundheit opfern, aber sie mußten sie weiter tragen, vielleicht lange, vielleicht für immer. Sind sie schlechter als andere, weil man ihnen mancherlei nachsagen kann? Wem kann man wohl nichts nachsagen? Ich habe immer gefunden, daß nichts so schwer an den Nebenmenschen zu tragen ist als ihre stets gespreizte Tugendhaftigkeit. Einmal habe ich ein merkwürdiges Geschichtchen gehört, das so unausdenkbar ist, daß es wahr sein muß. Es war einmal ein Mensch, vor dessen Wort wichen Krankheiten und Gebrechen wie Nebel vor der Sonne. Da ließ sich einmal ein armer Siecher vor den großen Heiler hintragen, weil er gerne gesund geworden wäre. Aber der Mann sah ihn an und sagte dann zu ihm: Du, dir sind deine Sünden vergeben!

Eine überraschende Wendung. Was soll denn das heißen? Doch mindestens das: Niemand hat das Recht, dich je mit Vorwürfen wegen deiner Vergangenheit zu belasten, was an dir Unreines und Fehlerhaftes ist, das soll von jetzt ab in Reinheit verkehrt sein. Deine sittlichen Mängel, die blase ich weg, wie deine Krankheit. Paß auf, du, jetzt steh schnell auf und trage dein Krankenbette selbst nach Hause.

Es ist also nicht wahr, daß eine Beflecktheit irgendwelcher Art unabänderlich belasten müßte. Sie ist unter Umständen so wenig unser Ich, wie unsere Krankheit, eine Last, die wir tragen, die eines Tages auch weggenommen werden kann. Hört ihr's? Man kann auch eine Vergangenheit einfach wegnehmen. Sie ist eine Last wie eine Krankheit.

Nun stelle man sich in die Innenwelt zweier Menschen. Einer hat das, was man Vergangenheit nennt, der andere nicht. Plötzlich wird dem ersten seine Vergangenheit weggeblasen. Das ist möglich. Sie stehen nun beide rein und fleckenlos da. Und doch wird zwischen beiden ein gewaltiger Unterschied sein. Welcher ist wohl besser daran? Ich denke, der erste. Erstlich wird der gefestigter sein, weil er die Not der Last an eigener Haut erfahren hat, zweitens wird ihn eine Glut der Liebe, der Freude, des Lebensglückes erfüllen, die dem Musterknaben einfach unverständlich bleiben wird.

Die so viel von Sünde zu sagen wissen, sind doch recht armselige Tröpfe. Von der wirklichen Naturgeschichte des Seins haben sie keine Ahnung. Am letzten Ende ist noch die Not unser Ehrenzeichen, das Mittel, das unser Gefäß ausgeweitet hat für größere Aufnahmefähigkeit von Herrlichkeit.

Darum braucht auch kein irgendwie Belasteter zu verzagen. Das Leben ist erst köstlich, wenn Schweres drin liegt. Ein Leben ohne Plage irgendwelcher Art hätte seinen Zweck verfehlt. Wenn dem Menschen das Wasser nicht bis an die Seele und die Not nicht bis auf die Knochen geht, so hat sein Leben den Hauptwert nicht enthalten. Heil und Trost allen Lastträgern dieses Wandersterns! Niemand soll euch beschweren, wie immer eure Last aussehen mag!

*

Meine Last

Ich bin als Mensch und Zugehöriger zu dem Planeten Erde gerade genug belastet. Gott weiß, welchen eigentümlichen Zusammenhängen mein Dasein in diesem Winkel zuzuschreiben ist. Ich will darüber nicht weiter grübeln, bin einmal da und ganz rechtmäßig da. Um volles Bürgerrecht hier zu haben, brauche ich nur eine Mutter. Ein Vater ist entbehrlich. Wäre ich aber eines Tages vom Himmel gefallen, etwa wie das wundertätige Dianabild von Ephesus, so wäre ich hier nicht voll heimatberechtigt.

Nein, ich habe alle Förmlichkeiten der Aufnahme durchgemacht, bin pünktlich da, habe gleiches Betätigungsrecht wie alle meine vielleicht viel tugendhafteren Stoffgenossen, und einen ganz gehörigen Packen Last zu schleppen. Noch mehr ginge beinahe nicht an. Manchmal will mir das zuviel werden. Aber dann lach ich mir eins und schlepp's weiter. Ich würde mich schämen, unter lauter Packträgern allein ledig zu gehen. Dann fielen auf mich noch die neidischen Vorwürfe der Belasteten.

Die Packen sehen alle recht verschieden aus, aber das Gewicht scheint bei allen recht erheblich zu sein, auch wenn die Packung klein und handlich zu sein scheint.

So keuche ich mit Millionen neben mir. Erst durch den taufrischen Morgen. Da jauchzen wir alle, weil's uns leicht dünkt und linde Lüfte uns umwehen. Dann werden wir merklich stiller. Die Sonne ist ein Ungeheuer an Kraft und Erbarmungslosigkeit und sengt und brennt auf unsern Rücken, daß der Schweiß perlt und die Knie wanken. Mancher brach zusammen auf dem steilen Aufgang.

Aber schließlich verliert auch das Laster Sonnenbrand seine wildeste Kraft. Abendlüfte umschmeicheln uns mild. Der Gipfel ist nahe. Wir haben Sonnenbrand und Gipfelsteilheit durchgehalten. Wir haben's gewonnen gegen des Tages Last und Hitze.

Ob alle wissen, daß sie stärker sind als die brennende Mittagsglut? Sie kam und ging wieder. Wir sind geblieben und wandern weiter. Ob alle eine Ahnung haben, wie stark sie eigentlich sind? Die Last läßt sich schleppen. Wir sind doch die Stärkeren. Wir haben sie ja vorwärts bewegt. Schließlich war's nicht einmal so gefährlich. Wir sind ja noch.

Darüber wollen wir einmal einig sein. Der Name der Last ist gleichgültig, weil das Wesen überall gleich ist. Das Wesen ist überall Schwere. Weiter. Ich habe eigentlich gerade genug mit meinem Packen zu tun und brauche weder mit Neid noch Verachtung auf meine mitbelasteten Planetenbrüder zu sehen.

Aber das sehe ich doch. Manche tun sich arg schwer. Viele tragen sogar doppelte Last. Die eine ist die angeborene, das Planetenschicksal, aber dazu kommt noch eine zweite, die Belastung von den Menschen her. Ihr Neid, ihre Verachtung, ihre unsinnige Tugendhaftigkeit. Damit beschweren sie die andern noch über ihre eigene Last. Die einfache Not könnte vielleicht mancher tragen, die verdoppelte macht, daß sie in die Knie sinken und nicht mehr hochkommen und am Wege verschmachten. Wehe denen, die ihre Brüder unnötig belasten!

Es ist aber alltäglich. Am schlimmsten ergeht's uns, wenn die Menschen über uns beschlossen haben, wir müßten eigentlich fehlerlos sein. Dieses schwere Schicksal haben manche Menschen. Namentlich solche, die etwas Rechtes wollen und ihre Kraft und ihr ganzes Sein dafür einsetzen. Da werden sie leicht zu allen Schwierigkeiten noch belastet mit der Zumutung der Fehlerlosigkeit. Arme Lastträger!

Und noch etwas. Vielleicht sind die Lasten wirklich verschieden schwer, aber auch die Kräfte sind's wahrscheinlich. Dann ist jeder vollbelastet. Wahrscheinlich. Mit der gleichen Anspannung aller verfügbaren Kräfte müßten wir eigentlich Sieger bleiben können. Es gelingt uns nicht immer. Die Siege sind vielleicht die Seltenheiten. Aber in jedem Falle sind unsere Lasten ganz einzigartige Gelegenheiten, unsere Kräfte zu üben und ihrer bewußt zu werden.

Ich habe manchmal nicht ohne Lächeln in der Steppe zugesehen, wie die stärksten Arbeitstiere von kleinen achtjährigen Buben befehligt wurden und willenlos gehorchten. Wenn ihr Ochsen wüßtet, wie stark ihr seid! Ihr könntet Bub und Pflug und alles zusammenrennen. Aber ihr wißt's nicht, denn ihr seid einmal Ochsen. Der Mensch aber kann's wissen und muß es erfahren. Unsere besten Lehrmeister sind unsere Lasten. Wir müssen nur zwei Bedingungen erfüllen. Erstlich müssen wir sie tragen und nicht wegwerfen. Zweitens müssen wir sie sogar tragen wollen.

Nehmen wir einmal an, deine Lebenslast sei eine starke Leidenschaftlichkeit. In Kindertagen haben ihre Ausbrüche manche böse Tage im Elternhause verursacht. Viele Eltern pflegen solch heißes Empfinden mit roher Gewalt niederzuschlagen, und du fühltest dich neben deiner schweren Belastung noch von den Deinen nicht verstanden, trugst also doppelte Last. Dann hast du vielleicht heiß dagegen gebetet, aber siehe, die Last blieb. Dann bist du vielleicht ganz verzweifelt, bist an allem irre geworden, hattest gar Selbstmordanwandlungen und hast in Liebe und Haß böse Stunden gehabt. Deine heißeste Liebe wurde nicht verstanden, in dieser Glut gar nicht gewünscht, und dein Haß fiel peinlich auf in dem bleichsüchtigen, abgetönten Wesen der guten Mittellage.

Ach ja, lieber Mensch, du hast's recht schwer gehabt. Aber ich kann dich nicht einmal so arg bemitleiden. Dein tiefes Empfinden hat dir mehr Tiefen des Lebens erschlossen als dem Durchschnitt, und deine heißen Gefühle bezeugen dir deine große Kraft. Wahrhaftig, du kannst auch mehr tragen als andere Menschen. Also wirf doch nicht weg, was du zu tragen hast.

Manche Menschen stehen beständig da und versuchen sich abzustäuben und rein zu waschen. Die schütteln alles ab, aber sie tragen nichts. Trag einmal das Schelten und Verdammen deiner Mitmenschen, deine eigenen Nöte und Gebrechen! Du wirst sehen, es ist viel leichter als du ahnst. Der murrende Tugendpöbel wird zwar keine Gelegenheit verpassen, dir eins auszuwischen und wird über dich erbarmungslos herfallen, wenn du strauchelst, aber sobald du mutig deine Last trägst, wird er dich allmählich in Ruhe lassen, manche werden dich um die Klarheit beneiden, die aus dir und um dich her wird.

Namentlich nimm alle Folgen deiner dir selbst unerwünschten Ausbrüche auf dich. Sie sind oft recht unbequem, bringen dir viel Mißachtung und noch mehr Selbstvorwürfe ein. Aber trag sie in ihrer ganzen Herbe. Es ist ein Wahrheitsweg, und die Wahrheit siegt unter allen Umständen. Sie ist die Macht, die wirklich die Welt beherrscht.

Dann wirst du eine ganz überraschende Entdeckung machen. Die Last ist gar nicht so erdrückend schwer. Immer bleibst du selbst noch dabei und gewinnst ein Eigensein neben der Last. Du bist mehr als deine Not. Die Not gehört der Zeit, du stehst über der Zeit. Die Not wandelt sich mit der Zeit, du wächsest hinaus über die Zeit. Allmählich lernst du sogar Grenzen finden. Soweit geht die Last und ihr Bereich. Warum sie da ist, weiß man nicht. Sie wird irgendeinen Grund haben, gleichviel welchen. Ihr Dasein ist gewiß ganz vernünftig, auch wenn wir es nicht wissen. Aber die Last ist nicht Ich. Ich bin weder meine Krankheit noch meine Fehlerhaftigkeit. Ich bin nur der Träger dieser schweren Dinge. Im Maße, als ich sie trage, wachsen auch meine Tragkräfte. Dinge, unter denen ich meinte unterliegen zu müssen, werden später spielend leicht.

Ganz eigentümlich ist, wie jede Not geradezu verklärt wird, wenn sie der Erinnerung anheimfällt. Ich habe noch niemanden getroffen, der die bösen Stunden aus seiner Erinnerung herausgestrichen sehen wollte. Daraus folgt doch, daß unser ganzes Leben, wenn es erst Erinnerung sein wird, ein ungeheurer Zuwachs von Herrlichkeit sein muß. Niemand wird einen einzigen Seufzer bedauern. Vielleicht wird mancher wünschen, er hätte noch mehr Last getragen.

Wer also Lasten in irgendwelcher Weise wegwirft, betrügt sich um ein großes Stück seines eigentlichen Reichtums. Wir führen ein großes Leben. Gegen vergängliche Lasten können wir unvergängliche Herrlichkeit eintauschen, sobald die Zeit versinkt, an die die Lasten geknüpft waren.

Es schadet auch nichts, wenn schwere Dinge zuweilen lange währen. Was heißt lange? Unser ganzes Leben ist eine kurze Spanne gegen unser eigentliches Sein. Es fällt früher oder später alles Bemühende von uns ab, wie ein altes Gewand. Bis dahin macht's eine stets wachsende Geduld außerordentlich viel leichter.

Daher kommt's, daß manches Leben gegen seinen Abend hin einen eigenartigen Glanz gewinnt, weil sein Schweres in der Erinnerung liegt. Diese Klarheit des Alters ersetzt manche Frische der Jugend reichlich. Niemand, der Lasten trug, bedauere, wenn seine Jahre zunehmen und seine Zeit abnimmt. Er hat einen reichlichen Ersatz in seiner Erinnerung.

Aber das ist nicht das einzige. Die Herrlichkeit, die aus der Last quillt, hängt keineswegs bloß an der Erinnerung. Sie kann heute schon eintreten. Sie kommt, sobald jemand sagt: Ich will's tragen. Wer seinen Willen legt, zu welcher Not es immer sei, der hat an ihr eine Pforte der Herrlichkeit geöffnet.

Unsere Nöte sind wirklich unsere Freunde. Sobald wir ihnen mutig begegnen und sie nicht abschütteln, werden sie Anlaß zu größerer Herrlichkeit. Es liegt neben jedem die Pforte zum Guten, zum unbeschreiblichen Glück. Sie ist freilich verschlossen, aber niemand hat dazu den Schlüssel als der Mensch selbst. Und jeder hat ihn. Der Schlüssel ist ein einziges Wort: Ich will. Bin ich einmal geboren, so will ich auch alles pünktlich durchmachen, was an diesem Geschehen für Folgen hängen. Meine Verhältnisse, meine Leiden, meine Naturanlagen, alles, alles will ich tragen. Und siehe, deine Not wird Herrlichkeit. Heute noch.

Daraus sieht man, was uns umgibt, wenn's auch so innig nahe käme, als sei es ein Stück unseres Wesens, das sind doch alles Nichtse. Nur wir sind das Etwas, die Kraft, die Majestät. Fliehen wir vor den Nichtsen, so werden sie unsere knechtenden Herren und Gebieter, Herrschaften und Gewalten. Nehmen wir sie auf uns, mit aller Freudigkeit unseres Wollens, so versinken sie als Nöte und werden Anlaß nicht enden wollender Herrlichkeit. Das ist die Naturgeschichte des Leids, die jeder nachprüfen kann. Augenblicklich. Heute noch.

*

Der Kraftüberschuß

Es ist eigenartig, welche Veränderungen um den Menschen her vorgehen, der seine Last mutig trägt. Ihm scheint's, als würde sie leichter. In Wirklichkeit nehmen seine Kräfte zu. Da kommt in das Schwere hinein eine eigentümliche Beweglichkeit. Als fühlte es seine Ohnmacht, weicht es vor der Majestät Menschengeist.

Es kann von Siechen Sonnenschein und von Sündern Trost ausgehen. Heilige brächten uns vielleicht zur Verzweiflung und Kraftprotzen zum Verzagen, aber Mitschwache, die voll Mut und froher Zuversicht sind, machen uns willig, auch mit auszuschreiten.

Solche Menschen bergen in sich den Fortschritt aller. Sie sind Gefäße, in denen der Auftrieb bereitet wird. Schon deshalb darf auf diesem Planeten niemand sein, der ohne Makel oder Bedrängnis wäre. Fehlerlose würden uns arme Tröpfe gar nicht verstehen und, falls ihre Zahl sich mehren sollte, einen tiefen Riß in die Menschheit bringen. Es wird nicht eher einen vollkommenen Menschen auf diesem Stern geben, bis der letzte Trunkenbold vollkommen ist. Wir werden entweder alle mühselige Beladene oder alle siegreiche Ueberwinder sein.

Wer aber von uns seine Last kräftig gefaßt hat und mutig trägt, der darf mitarbeiten an der Befreiung aller.

Wie macht man das? Nun zuerst muß man sich immer mit seiner eigenen Not auseinandergesetzt haben. Das ist alles Wirkens erste Voraussetzung. Dann darf man seine allernächste Umgebung ins Auge fassen. Das ist etwa die Familie. Man kann nicht wohl in die Welt hinauswirken wollen, ohne im eigenen Hause wenigstens Klarheit geschaffen zu haben.

Das allereinfachste und nächstliegende Tun ist gewiß das, daß man seiner nächsten Umgebung die Last mindestens nicht schwerer macht. Wer sittliche Entrüstung herausfunkelt, hat allen Betroffenen die Last verdoppelt, die sie ohnehin tragen müssen. Es geht auch nicht wohl an, daß man Kranken ihre Gebrechen vorwirft und sie spüren läßt, wie unbequem sie für uns sind. Alle Menschen bedürfen des Trostes und der freundlichen Anteilnahme. Nur daran schöpfen sie Mut, ihre Not selbst auf sich zu nehmen und innerlich zu meistern. Ob das ohne weiteres auch innere Folgen zeitigt, ist gar nicht so wichtig. Die Hauptsache ist die innere Geduld, mit der Menschen zu arbeiten willig werden.

Wir müssen uns also zunächst alles Richten und Verurteilen gründlich abgewöhnen, dafür aber die Folgen fremder Fehler mittragen. So wird's in der Umgebung leichter.

Wer sich groß vorkommt, der ist gewiß ganz klein. Wer sich aber seiner Kleinheit schämt, der ist auf dem Wege zur Größe.

Darum war der Weltheiland der Allergeringste. Er schämte sich unter der Last aller. Damit wurde er der Mensch, der nicht die wenigsten, sondern die meisten Sünden, Fehler und Nöte trug. Darum hat's bisher keine einzige Religion gegeben, die ihn verstanden hätte. Sie haben gar nicht verstanden, warum er durchaus mit den Sündern Gemeinschaft haben und ihre Nöte auf sich nehmen wollte, sondern aus ihm einen Heiligen gemacht, der sie selbst sein möchten, um uns arme Menschen alle in Grund und Boden zu verdammen.

Nein, nicht die Gewaltigen, sondern die Geringen leichtern Lasten. Die sich mit fremder Not noch beladen, das sind die Helfer, und sie können es, weil sie an ihrer eigenen Not die Kraft gewannen, auch uns zu erleichtern. Die wahren Lastträger sind die alles Verzeihenden. Soviel Wege zur Menschheit stehen uns offen, als wir verzeihen können.

Warum haben vernünftige Mütter einen so durchgreifenden Einfluß? Weil sie an ihre Kinder glauben und ihre Schwächen übersehen. Die Schwächen verwachsen sich, der junge Geist nimmt zu. Mütter verdammen nicht, also leichtern sie Lasten und helfen dem werdenden Geschlecht.

Wir haben genau so viel Wege zu den Menschen, als wir Glauben an sie haben. Mancher Zerdrückte könnte sich freudig recken, wenn er einen einzigen Menschen hätte, der an ihn glaubte und sich durch keine Schwächlichkeit oder Bosheit irre machen ließe.

Warum ist die Welt so schlecht und jammervoll? Weil wir es immer noch nicht fertig gebracht haben, an sie zu glauben. Wir ganz allein haben noch immer keinen Kraftvorrat erworben, in dem unsere Umgebung erstarken könnte. Wir sitzen noch immer vor der verschlossenen Tür der Herrlichkeit, zu der der Schlüssel in unserer eigenen Tasche ist.

In der Welt liegt eine solche Fülle von Elend, Not, Krankheit, Sünde, daß gar nicht auszudenken ist, wieviel Herrlichkeit daraus gemacht werden kann. All das ist doch nur der Rohstoff der Herrlichkeit. Es geben sich aber so wenig Menschen her, ihn zu verarbeiten. So bleibt das Rohmaterial drückend liegen, und die Tugendhaften schimpfen darüber statt Hand anzulegen. Es wird nicht nagelsgroß besser, bis wir uns nicht entschließen, alle Kraft einzusetzen, Lasten zu mindern.

Und wie leicht wäre Wandel herbeizuführen! Du brauchst ja gar nicht der ganzen Welt Last mitzutragen. Es genügt vollständig, wenn du bei deiner Umgebung anfängst. Wer klatscht, belastet. Also gilt es schweigend verzeihen! Alles hören, alles verschweigen, alles verzeihen, ist das so schwer? Und wenn nicht gleich alles geht, so doch gewiß manches. Dabei machen wir die Entdeckung, daß schon das Geringste, was wir tun, Lasten zu mindern, belohnt wird durch allerlei Glücksgefühle und Wohlbehagen. Bei jeder Entlastung, die von uns ausgeht, öffnet sich die Herrlichkeitstüre ein Spältchen.

Unsere Tragekräfte wachsen deshalb so, wenn sie geübt werden, weil überall Herrlichkeit hervorquillt. Ueber das Elend der Welt haben viele kluge Leute sich schon die Köpfe zerbrochen. Schade um die zerbrochenen Köpfe! Es sind immerhin edle Körperteile. Aber die Theologen haben wüste Teufelslehren ausgebrütet, um das Uebel zu erklären, die Philosophen haben schwere Bücher darüber geschrieben, alle seufzen unter der grausen Wirklichkeit. Werft doch alle Erklärungen weg! Die helfen uns ja nichts. Das Uebel muß man nicht erklären, sondern mutig anpacken. Dann bekommt man eine Geschichte und versteht sein Wesen aus eigner Erfahrung und Anschauung. Und was ist schließlich das Uebel in der Welt? Es ist die Form von Herrlichkeit, die wir einzig vertragen können. Das können wir jederzeit ausprobieren, indem wir unser Maß von Not nicht wegwerfen, sondern tragen, und wenn wir's andern leichter machen, statt sie zu beschweren. Das große Leid birgt die große Herrlichkeit, das kleine Leid die kleine. Leid ist überall. Also braucht der Mensch nur ein klein wenig zu arbeiten, um seine Herrlichkeit herauszuholen aus den bittern Schalen der Not!

Wem viel verziehen wird, der wird unverlierbar sein. Keine Grenze kennt seine Dankbarkeit und Anhänglichkeit. Wer aus großen Nöten, Leiden oder Lastern gerettet wird, der geht nicht mehr verloren. Er ist ja durch alles hindurchgegangen und hat alles an seiner Haut ausprobiert.

Bisher hat sich leider die Tugend als schwerstes Hindernis der Herrlichkeit gezeigt. Sie kennt die Abgründe zu wenig und ist in ihrer Engigkeit am meisten geneigt zu belasten. Sie fühlt die Not nicht und kann darum nicht mitfühlen, mitleiden.

Aber wie es auch sein mag. Aus den Lasten der Welt schöpfen wir gerade immerfort den Glauben an ihre Hilfe, und jeder kann mithelfen, der mitglaubt. Auf anderem Wege ist's freilich unmöglich. Weder hilft irgendwelche Veranstaltung, noch Besserungsvorschläge, weder Bücher noch Reden, einzig die stille Arbeit des Verzeihens, des Glaubens, des Mittragens, die schafft Licht und Leben, erquickt die Beladenen, richtet auf die Versinkenden und breitet aus den Glanz Gottes über der Welt des Verderbens.

Die Not muß sein, damit sie zu Herrlichkeit verarbeitet werden kann. Wer heute tief drin sitzt, der sei getrost. Je größer die Not, desto größer die Herrlichkeit und – die Hilfe ist sehr nahe!

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